[seite 001]


01   Kritik
02   der
03   reinen Vernunft
04   von
05   Immanuel Kant,
06   Professor in Königsberg,
07   der Königl. Akademie der Wissenschaften in Berlin Mitglied.


08   Zweite, hin und wieder verbesserte Auflage.
09   1787.


[seite 002]

[op ii]


01   Baco de Verulamio.
02   Instauratio magna. praefatio.
03   De nobis ipsis silemus: De re autem, quae agitur, petimus: ut homines
04   eam non opinionem, sed opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non sectae
05   nos alicuius, aut placiti, sed utilitatis et amplitudinis humanae fundamenta moliri.
06   Deinde ut suis commodis aequi - in commune consulant - et ipsi in partem
07   veniant. praeterea ut bene sperent, neque instaurationem nostram ut quiddam
08   infinitum et ultra mortale fingant, et animo concipiant; cum revera sit infiniti
09   erroris finis et terminus legitimus.


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Zueignung
01   Sr. Excellenz,
02   dem Königl. Staatsminister
03   Freiherrn von Zedlitz.


[seite 005]

[op v]
01   Gnädiger Herr!


02   Den Wachsthum der Wissenschaften an seinem Theile befördern,
03   heißt an Ew. Excellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit
04   jenen nicht bloß durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern
05   durch das viel vertrautere Verhältniß eines Liebhabers und erleuchteten
06   Kenners innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen
07   Mittels, das gewissermaßen in meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit
08   für das gnädige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Excellenz mich
09   beehren, als könne ich zu dieser Absicht etwas beitragen.

[op vi]


10   Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Excellenz die erste
11   Auflage dieses Werks gewürdigt haben, widme ich nun auch diese zweite
12   und hiemit zugleich alle übrige Angelegenheit meiner literärischen Bestimmung
13   und bin mit der tiefsten Verehrung


15   Königsberg
16   den 23sten April
17   1787.


14   Ew. Excellenz


16   unterthäig=gehorsamster
17   Diener
18   Immanuel Kant.


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[op vii]


01   Vorrede zur zweiten Auflage.


02   Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören,
03   den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das läßt sich
04   bald aus dem Erfolg beurtheilen. Wenn sie nach viel gemachten Anstalten
05   und Zurüstungen, so bald es zum Zweck kommt, in Stecken geräth, oder,
06   um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und einen andern Weg
07   einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen
08   Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden
09   soll, einhellig zu machen: so kann man immer überzeugt sein, daß ein solches
10   Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft
11   eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei, und es ist schon ein
12   Verdienst um die Vernunft, diesen Weg wo möglich ausfindig zu machen,
13   sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem
14   ohne Überlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war.

[op viii]


15   Daß die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her
16   gegangen sei, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit dem AristotelesPI keinen
17   Schritt rückwärts hat thun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung
18   einiger entbehrlichen Subtilitäten oder deutlichere Bestimmung
19   des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will, welches aber mehr
20   zur Eleganz, als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört. Merkwürdig ist
21   noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat thun können
22   und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint. Denn
23   wenn einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten, daß sie theils psychologische


[seite 008]


01   Capitel von den verschiedenen Erkenntnißkräften (der Einbildungskraft,
02   dem Witze), theils metaphysische über den Ursprung der
03   Erkenntniß oder der verschiedenen Art der Gewißheit nach Verschiedenheit
04   der Objecte (dem Idealism, Scepticism u. s. w.), theils anthropologische
05   von Vorurtheilen (den Ursachen derselben und Gegenmitteln) hineinschoben,
06   so rührt dieses von ihrer Unkunde der eigenthümlichen Natur
07   dieser Wissenschaft her. Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung
08   der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen in einander laufen läßt; die
09   Grenze der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, daß sie eine [op ix]
10   Wissenschaft ist, welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens (es
11   mag a priori oder empirisch sein, einen Ursprung oder Object haben,
12   welches es wolle, in unserem Gemüthe zufällige oder natürliche Hindernisse
13   antreffen) ausführlich darlegt und strenge beweiset.


14   Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vortheil hat sie blo
15   ihrer Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden
16   ist, von allen Objecten der Erkenntniß und ihrem Unterschiede zu abstrahiren,
17   und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter, als sich selbst
18   und seiner Form zu thun hat. Weit schwerer mußte es natürlicher Weise
19   für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen,
20   wenn sie nicht bloß mit sich selbst, sondern auch mit Objecten zu schaffen
21   hat; daher jene auch als Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der
22   Wissenschaften ausmacht, und wenn von Kenntnissen die Rede ist, man
23   zwar eine Logik zu Beurtheilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung
24   derselben in eigentlich und objectiv so genannten Wissenschaften
25   suchen muß.


26   So fern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas a priori
27   erkannt werden, und ihre Erkenntniß kann auf zweierlei Art auf ihren
28   Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der anderweitig [op x]
29   gegeben werden muß) bloß zu bestimmen, oder ihn auch wirklich
30   zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische Erkenntni
31   der Vernunft. Von beiden muß der reine Theil, so viel oder
32   so wenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft gänzlich
33   a priori ihr Object bestimmt, vorher allein vorgetragen werden und
34   dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht vermengt werden;
35   denn es giebt übele Wirthschaft wenn man blindlings ausgiebt, was einkommt,
36   ohne nachher, wenn jene in Stecken geräth, unterscheiden zu können,


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01   welcher Theil der Einnahme den Aufwand tragen könne, und von
02   welcher man denselben beschneiden muß.


03   Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse
04   der Vernunft, welche ihre Objecte a priori bestimmen sollen, die erstere
05   ganz rein, die zweite wenigstens zum Theil rein, dann aber auch nach
06   Maßgabe anderer Erkenntnißquellen als der der Vernunft.


07   Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte
08   der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswürdigen Volke
09   der Griechen den sichern Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man
10   darf nicht denken, daß es ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die
11   Vernunft es nur mit sich selbst zu thun hat, jenen königlichen Weg zu [op xi]
12   treffen, oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, daß es
13   lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Ägyptern) beim Herumtappen
14   geblieben ist, und diese Umänderung einer Revolution zuzuschreiben sei,
15   die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes in einem Versuche zu
16   Stande brachte, von welchem an die Bahn, die man nehmen mußte, nicht
17   mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang einer Wissenschaft für alle
18   Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen und vorgezeichnet war.
19   Die Geschichte dieser Revolution der Denkart, welche viel wichtiger war
20   als die Entdeckung des Weges um das berühmte Vorgebirge, und des
21   Glücklichen, der sie zu Stande brachte, ist uns nicht aufbehalten. Doch
22   beweiset die Sage, welche Diogenes der Laertier uns überliefert, der
23   von den kleinsten und nach dem gemeinen Urtheil gar nicht einmal eines
24   Beweises benöthigten Elementen der geometrischen Demonstrationen den
25   angeblichen Erfinder nennt, daß das Andenken der Veränderung, die
26   durch die erste Spur der Entdeckung dieses neuen Weges bewirkt wurde,
27   den Mathematikern äußerst wichtig geschienen haben müsse und dadurch
28   unvergeßlich geworden sei. Dem ersten, der den gleichschenklichten
29   Triangel demonstrirte, (er mag nun Thales oder wie man will geheißen [op xii]
30   haben) dem ging ein Licht auf; denn er fand, daß er nicht dem,
31   was er in der Figur sah, oder auch dem bloßen Begriffe derselben nachspüren
32   und gleichsam davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch
33   das, was er nach Begriffen selbst a priori hineindachte und darstellte,
34   (durch Construction) hervorbringen müsse, und daß er, um sicher etwas
35   a priori zu wissen, der Sache nichts beilegen müsse, als was aus dem nothwendig
36   folgte, was er seinem Begriffe gemäß selbst in sie gelegt hat.


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01   Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den
02   Heeresweg der Wissenschaft traf; denn es sind nur etwa anderthalb Jahrhunderte,
03   daß der Vorschlag des Sinnreichen Baco von Verulam diese
04   Entdeckung theils veranlaßte, theils, da man bereits auf der Spur derselben
05   war, mehr belebte, welche eben sowohl nur durch eine schnell vorgegangene
06   Revolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will hier
07   nur die Naturwissenschaft, so fern sie auf empirische Principien gegründet
08   ist, in Erwägung ziehen.


09   Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst
10   gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht,
11   was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht
12   hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk [op xiii]
13   und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog
14   und wiedergab:*) so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen,
15   daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe
16   hervorbringt, daß sie mit Principien ihrer Urtheile nach beständigen
17   Gesetzen vorangehen und die Natur nöthigen müsse auf ihre Fragen zu
18   antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln
19   lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen
20   Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem nothwendigen Gesetze
21   zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft
22   muß mit ihren Principien, nach denen allein übereinstimmende Erscheinungen
23   für Gesetze gelten können, in einer Hand und mit dem Experiment,
24   das sie nach jenen ausdachte, in der anderen an die Natur gehen, zwar
25   um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers,
26   der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten
27   Richters, der die Zeugen nöthigt auf die Fragen zu antworten, die er
28   ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so vortheilhafte Revolution [op xix]
29   ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die
30   Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß dasjenige in ihr zu suchen
31   (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für
32   sich selbst nichts wissen würde. Hiedurch ist die Naturwissenschaft allererst
33   in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel
34   Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war.



35   *) Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der Experimentalmethode,
36   deren erste Anfänge auch nicht wohl bekannt sind.


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01   Der Metaphysik, einer ganz isolirten speculativen Vernunfterkenntniß,
02   die sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt und zwar
03   durch bloße Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben
04   auf Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll,
05   ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, daß sie den sichern
06   Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte, ob sie gleich älter
07   ist als alle übrige und bleiben würde, wenn gleich die übrigen insgesammt
08   in dem Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen
09   werden sollten. Denn in ihr geräth die Vernunft continuirlich in Stecken,
10   selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt,
11   (wie sie sich anmaßt) a priori einsehen will. In ihr muß man unzählige
12   mal den Weg zurück thun, weil man findet, daß er dahin nicht
13   führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen [op xv]
14   betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr
15   ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint,
16   seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein
17   Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg
18   einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, da
19   ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und was das Schlimmste
20   ist, unter bloßen Begriffen gewesen sei.


21   Woran liegt es nun, daß hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft
22   hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn
23   die Natur unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm
24   als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie
25   wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn
26   sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht blo
27   verläßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am Ende betrügt!
28   Oder ist er bisher nur verfehlt, welche Anzeige können wir benutzen, um
29   bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als
30   andere vor uns gewesen sind?


31   Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, [op xvi]
32   die durch eine auf einmal zu Stande gebrachte Revolution das geworden
33   sind, was sie jetzt sind, wären merkwürdig genug, um dem wesentlichen
34   Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden
35   ist, nachzusinnen und ihnen, so viel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse,
36   mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche
37   nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntniß müsse


[seite 012]


01   sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori
02   etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntniß erweitert
03   würde, gingen unter dieser Voraussetzung zu nichte. Man versuche es daher
04   einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser
05   fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem
06   Erkenntniß richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit
07   einer Erkenntniß derselben a priori zusammenstimmt, die über Gegenstände,
08   ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiemit
09   eben so, als mit den ersten Gedanken des Copernicus bewandt, der,
10   nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort
11   wollte, wenn er annahm, das ganze Sternheer drehe sich um den Zuschauer,
12   versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer
13   sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik [op xvii]
14   kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es
15   auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit
16   der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man
17   a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als
18   Object der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens,
19   so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen. Weil ich aber bei
20   diesen Anschauungen, wenn sie Erkenntnisse werden sollen, nicht stehen
21   bleiben kann, sondern sie als Vorstellungen auf irgend etwas als Gegenstand
22   beziehen und diesen durch jene bestimmen muß, so kann ich entweder
23   annehmen, die Begriffe, wodurch ich diese Bestimmung zu Stande
24   bringe, richten sich auch nach dem Gegenstande, und dann bin ich wiederum
25   in derselben Verlegenheit wegen der Art, wie ich a priori hievon etwas
26   wissen könne; oder ich nehme an, die Gegenstände oder, welches einerlei
27   ist, die Erfahrung, in welcher sie allein (als gegebene Gegenstände) erkannt
28   werden, richte sich nach diesen Begriffen, so sehe ich sofort eine leichtere
29   Auskunft, weil Erfahrung selbst eine Erkenntnißart ist, die Verstand
30   erfordert, dessen Regel ich in mir, noch ehe mir Gegenstände gegeben
31   werden, mithin a priori voraussetzen muß, welche in Begriffen a priori
32   ausgedrückt wird, nach denen sich also alle Gegenstände der Erfahrung [op xviii]
33   nothwendig richten und mit ihnen übereinstimmen müssen. Was Gegenstände
34   betrifft, so fern sie bloß durch Vernunft und zwar nothwendig gedacht,
35   die aber (so wenigstens, wie die Vernunft sie denkt) gar nicht in
36   der Erfahrung gegeben werden können, so werden die Versuche sie zu denken
37   (denn denken müssen sie sich doch lassen) hernach einen herrlichen Probirstein


[seite 013]


01   desjenigen abgeben, was wir als die veränderte Methode der
02   Denkungsart annehmen, daß wir nämlich von den Dingen nur das a priori
03   erkennen, was wir selbst in sie legen. *)


04   Dieser Versuch gelingt nach Wunsch und verspricht der Metaphysik
05   in ihrem ersten Theile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt,
06   davon die correspondirenden Gegenstände in der Erfahrung jenen [op xix]
07   angemessen gegeben werden können, den sicheren Gang einer Wissenschaft.
08   Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die Möglichkeit
09   einer Erkenntniß a priori ganz wohl erklären und, was noch mehr ist, die
10   Gesetze, welche a priori der Natur, als dem Inbegriffe der Gegenstände
11   der Erfahrung, zum Grunde liegen, mit ihren genugthuenden Beweisen
12   versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart unmöglich
13   war. Aber es ergiebt sich aus dieser Deduction unseres Vermögens a priori
14   zu erkennen im ersten Theile der Metaphysik ein befremdliches und dem
15   ganzen Zwecke derselben, der den zweiten Theil beschäftigt, dem Anscheine
16   nach sehr nachtheiliges Resultat, nämlich daß wir mit ihm nie über die
17   Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen können, welches doch gerade
18   die wesentlichste Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin liegt [op xx]
19   eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener
20   ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntniß a priori, daß sie nämlich
21   nur auf Erscheinungen gehe, die Sache an sich selbst dagegen zwar als
22   für sich wirklich, aber von uns unerkannt liegen lasse. Denn das, was
23   uns nothwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen



24   *) Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht also darin: die Elemente
25   der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein Experiment
26   bestätigen oder widerlegen läßt. Nun läßt sich zur Prüfung der Sätze der
27   reinen Vernunft, vornehmlich wenn sie über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus
28   gewagt werden, kein Experiment mit ihren Objecten machen (wie in der
29   Naturwissenschaft): also wird es nur mit Begriffen und Grundsätzen, die wir
30   a priori annehmen, thunlich sein, indem man sie nämlich so einrichtet, daß dieselben
31   Gegenstände einerseits als Gegenstände der Sinne und des Verstandes für
32   die Erfahrung, andererseits aber doch als Gegenstände, die man bloß denkt,
33   allenfalls für die isolirte und über Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin
34   von zwei verschiedenen Seiten betrachtet werden können. Findet es sich nun,
35   daß, wenn man die Dinge aus jenem doppelten Gesichtspunkte betrachtet, Einstimmung
36   mit dem Princip der reinen Vernunft stattfinde, bei einerlei Gesichtspunkte
37   aber ein unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich selbst entspringe,
38   so entscheidet das Experiment für die Richtigkeit jener Unterscheidung.


[seite 014]


01   hinaus zu gehen treibt, ist das Unbedingte, welches die Vernunft in
02   den Dingen an sich selbst nothwendig und mit allem Recht zu allem Bedingten
03   und dadurch die Reihe der Bedingungen als vollendet verlangt.
04   Findet sich nun, wenn man annimmt, unsere Erfahrungserkenntniß richte
05   sich nach den Gegenständen als Dingen an sich selbst, daß das Unbedingte
06   ohne Widerspruch gar nicht gedacht werden könne; dagegen, wenn
07   man annimmt, unsere Vorstellung der Dinge, wie sie uns gegeben werden,
08   richte sich nicht nach diesen als Dingen an sich selbst, sondern diese Gegenstände
09   vielmehr als Erscheinungen richten sich nach unserer Vorstellungsart,
10   der Widerspruch wegfalle; und daß folglich das Unbedingte nicht
11   an Dingen, so fern wir sie kennen (sie uns gegeben werden), wohl aber
12   an ihnen, so fern wir sie nicht kennen, als Sachen an sich selbst angetroffen
13   werden müsse: so zeigt sich, daß, was wir anfangs nur zum Versuche annahmen, [op xxi]
14   gegründet sei.*) Nun bleibt uns immer noch übrig, nachdem der
15   speculativen Vernunft alles Fortkommen in diesem Felde des Übersinnlichen
16   abgesprochen worden, zu versuchen, ob sich nicht in ihrer praktischen
17   Erkenntniß Data finden, jenen transscendenten Vernunftbegriff des Unbedingten
18   zu bestimmen und auf solche Weise dem Wunsche der Metaphysik
19   gemäß über die Grenze aller möglichen Erfahrung hinaus mit unserem,
20   aber nur in praktischer Absicht möglichen Erkenntnisse a priori zu gelangen.
21   und bei einem solchen Verfahren hat uns die speculative Vernunft
22   zu solcher Erweiterung immer doch wenigstens Platz verschafft, wenn sie
23   ihn gleich leer lassen mußte, und es bleibt uns also noch unbenommen, [op xxii]
24   ja wir sind gar dazu durch sie aufgefordert, ihn durch praktische Data
25   derselben, wenn wir können, auszufüllen. **)


26   *) Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, welches
27   sie mannigmal den Versuch der Reduction, im Allgemeinen aber das synthetische
28   Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des Metaphysikers
29   schied die reine Erkenntniß a priori in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich
30   die der Dinge als Erscheinungen und dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik
31   verbindet beide wiederum zur Einhelligkeit mit der nothwendigen Vernunftidee
32   des Unbedingten und findet, daß diese Einhelligkeit niemals anders, als durch
33   jene Unterscheidung herauskomme, welche also die wahre ist.


34   **) So verschafften die Centralgesetze der Bewegungen der Himmelskörper dem,
35   was Copernicus anfänglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte Gewißheit
36   und bewiesen zugleich die unsichtbare den Weltbau verbindende Kraft (der Newtonischen
37   Anziehung), welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der
38   erstere es nicht gewagt hätte, auf eine widersinnische, aber doch wahre Art die beobachteten'


31   Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem
32   Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene
33   jener Hypothese analogische Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf,
34   ob sie gleich in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen
35   vom Raum und Zeit und den Elementarbegriffen des Verstandes nicht hypothetisch,
36   sondern apodiktisch bewiesen wird, um nur die ersten Versuche einer solchen Umänderung,
37   welche allemal hypothetisch sind, bemerklich zu machen.


[seite 015]


01   In jenem Versuche, das bisherige Verfahren der Metaphysik umzüandern,
02   und dadurch, daß wir nach dem Beispiele der Geometer und Naturforscher
03   eine gänzliche Revolution mit derselben vornehmen, besteht
04   nun das Geschäfte dieser Kritik der reinen speculativen Vernunft. Sie ist
05   ein Tractat von der Methode, nicht ein System der Wissenschaft selbst;
06   aber sie verzeichnet gleichwohl den ganzen Umriß derselben sowohl in Ansehung [op xxiii]
07   ihrer Grenzen, als auch den ganzen inneren Gliederbau derselben.
08   Denn das hat die reine speculative Vernunft Eigenthümliches an sich,
09   daß sie ihr eigen Vermögen nach Verschiedenheit der Art, wie sie sich Objecte
10   zum Denken wählt, ausmessen und auch selbst die mancherlei Arten,
11   sich Aufgaben vorzulegen, vollständig vorzählen und so den ganzen Vorri
12   zu einem System der Metaphysik verzeichnen kann und soll; weil, was
13   das erste betrifft, in der Erkenntniß a priori den Objecten nichts beigelegt
14   werden kann, als was das denkende Subject aus sich selbst hernimmt,
15   und, was das zweite anlangt, sie in Ansehung der Erkenntnißprincipien
16   eine ganz abgesonderte, für sich bestehende Einheit ist, in welcher ein jedes
17   Glied wie in einem organisirten Körper um aller anderen und alle um
18   eines Willen dasind, und kein Princip mit Sicherheit in einer Beziehung
19   genommen werden kann, ohne es zugleich in der durchgängigen Beziehung
20   zum ganzen reinen Vernunftgebrauch untersucht zu haben. Dafür
21   aber hat auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner andern
22   Vernunftwissenschaft, die es mit Objecten zu thun hat, (denn die Logik
23   beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt) zu Theil werden
24   kann, daß, wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer
25   Wissenschaft gebracht worden, sie das ganze Feld der für sie gehörigen Erkenntnisse [op xxiv]
26   völlig befassen und also ihr Werk vollenden und für die Nachwelt
27   als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl zum Gebrauche niederlegen
28   kann, weil sie es bloß mit Principien und den Einschränkungen ihres Gebrauchs
29   zu thun hat, welche durch jene selbst bestimmt werden. Zu dieser
30   Vollständigkeit ist sie daher als Grundwissenschaft auch verbunden, und


[seite 016]


01   von ihr muß gesagt werden können: nil actum reputans, si quid superesset
02   agendum.


03   Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der
04   Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, dadurch aber
05   auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu hinterlassen
06   gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses Werks wahrzunehmen
07   glauben, daß der Nutzen davon doch nur negativ sei, uns nämlich
08   mit der speculativen Vernunft niemals über die Erfahrungsgrenze
09   hinaus zu wagen, und das ist auch in der That ihr erster Nutzen. Dieser
10   aber wird alsbald positiv, wenn man inne wird, daß die Grundsätze,
11   mit denen sich speculative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt, in der
12   That nicht Erweiterung, sondern, wenn man sie näher betrachtet, Verengung
13   unseres Vernunftgebrauchs zum unausbleiblichen Erfolg haben,
14   indem sie wirklich die Grenzen der Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, [op xxv]
15   über alles zu erweitern und so den reinen (praktischen) Vernunftgebrauch
16   gar zu verdrängen drohen. Daher ist eine Kritik, welche die
17   erstere einschränkt, so fern zwar negativ, aber, indem sie dadurch zugleich
18   ein Hinderniß, welches den letzteren Gebrauch einschränkt, oder gar zu vernichten
19   droht, aufhebt, in der That von positivem und sehr wichtigem
20   Nutzen, so bald man überzeugt wird, daß es einen schlechterdings nothwendigen
21   praktischen Gebrauch der reinen Vernunft (den moralischen)
22   gebe, in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit
23   erweitert, dazu sie zwar von der speculativen keiner Beihülfe bedarf, dennoch
24   aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muß, um nicht in Widerspruch
25   mit sich selbst zu gerathen. Diesem Dienste der Kritik den positiven
26   Nutzen abzusprechen, wäre eben so viel als sagen, daß Polizei keinen
27   positiven Nutzen schaffe, weil ihr Hauptgeschäfte doch nur ist, der Gewaltthätigkeit,
28   welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben, einen Riegel
29   vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben
30   könne. Daß Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also
31   nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, da
32   wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur [op xxvi]
33   Erkenntniß der Dinge haben, als so fern diesen Begriffen correspondirende
34   Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstande
35   als Dinge an sich selbst, sondern nur so fern es Object der sinnlichen Anschauung
36   ist, d. i. als Erscheinung, Erkenntniß haben können, wird im
37   analytischen Theile der Kritik bewiesen; woraus denn freilich die Einschränkung


[seite 017]


01   aller nur möglichen speculativen Erkenntniß der Vernunft auf
02   bloße Gegenstände der Erfahrung folgt. Gleichwohl wird, welches wohl
03   gemerkt werden muß, doch dabei immer vorbehalten, daß wir eben dieselben
04   Gegenstände auch als Dinge an sich selbst, wenn gleich nicht erkennen,
05   doch wenigstens müssen denken können.*) Denn sonst würde [op xxvii]
06   der ungereimte Satz daraus folgen, daß Erscheinung ohne etwas wäre,
07   was da erscheint. Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik nothwendiggemachte
08   Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung
09   von eben denselben als Dingen an sich selbst wäre gar nicht gemacht, so
10   müßte der Grundsatz der Causalität und mithin der Naturmechanism in
11   Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden
12   Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen
13   Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei
14   doch zugleich der Naturnothwendigkeit unterworfen, d. i. nicht frei, ohne
15   in einen offenbaren Widerspruch zu gerathen, weil ich die Seele in beiden
16   Sätzen in eben derselben Bedeutung, nämlich als Ding überhaupt
17   (als Sache an sich selbst), genommen habe und ohne vorhergehende Kritik
18   auch nicht anders nehmen konnte. Wenn aber die Kritik nicht geirrt hat,
19   da sie das Object in zweierlei Bedeutung nehmen lehrt, nämlich als
20   Erscheinung oder als Ding an sich selbst; wenn die Deduction ihrer Verstandesbegriffe
21   richtig ist, mithin auch der Grundsatz der Causalität nur
22   auf Dinge im ersten Sinne genommen, nämlich so fern sie Gegenstände
23   der Erfahrung sind, geht, eben dieselbe aber nach der zweiten Bedeutung [op xxviii]
24   ihm nicht unterworfen sind: so wird eben derselbe Wille in der Erscheinung
25   (den sichtbaren Handlungen) als dem Naturgesetze nothwendig gemäß und
26   so fern nicht frei und doch andererseits als einem Dinge an sich selbst
27   angehörig jenem nicht unterworfen, mithin als frei gedacht, ohne da
28   hiebei ein Widerspruch vorgeht. Ob ich nun gleich meine Seele, von der


29   *) Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit
30   (es sei nach dem Zeugniß der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori
31   durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich
32   mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke
33   ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten
34   diesem auch ein Object correspondire oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber
35   objective Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen,
36   dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht
37   in theoretischen Erkenntnißquellen gesucht zu werden, es kann auch in praktischen
38   liegen.


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01   letzteren Seite betrachtet, durch keine speculative Vernunft, (noch weniger
02   durch empirische Beobachtung) mithin auch nicht die Freiheit als Eigenschaft
03   eines Wesens, dem ich Wirkungen in der Sinnenwelt zuschreibe, erkennen
04   kann, darum weil ich ein solches seiner Existenz nach und doch
05   nicht in der Zeit bestimmt erkennen müßte (welches, weil ich meinem Begriffe
06   keine Anschauung unterlegen kann, unmöglich ist): so kann ich mir
07   doch die Freiheit denken, d. i. die Vorstellung davon enthält wenigstens
08   keinen Widerspruch in sich, wenn unsere kritische Unterscheidung beider
09   (der sinnlichen und intellectuellen) Vorstellungsarten und die davon herrührende
10   Einschränkung der reinen Verstandesbegriffe, mithin auch der
11   aus ihnen fließenden Grundsätze statt hat. Gesetzt nun, die Moral setze
12   nothwendig Freiheit (im strengsten Sinne) als Eigenschaft unseres Willens
13   voraus, indem sie praktische in unserer Vernunft liegende, ursprüngliche
14   Grundsätze als Data derselben a priori anführt, die ohne Voraussetzung [op xxix]
15   der Freiheit schlechterdings unmöglich wären, die speculative Vernunft
16   aber hätte bewiesen, daß diese sich gar nicht denken lasse: so muß nothwendig
17   jene Voraussetzung, nämlich die moralische, derjenigen weichen,
18   deren Gegentheil einen offenbaren Widerspruch enthält, folglich Freiheit
19   und mit ihr Sittlichkeit (denn deren Gegentheil enthält keinen Widerspruch,
20   wenn nicht schon Freiheit vorausgesetzt wird) dem Naturmechanism
21   den Platz einräumen. So aber, da ich zur Moral nichts
22   weiter brauche, als daß Freiheit sich nur nicht selbst widerspreche und sich
23   also doch wenigstens denken lasse, ohne nöthig zu haben sie weiter einzusehen,
24   daß sie also dem Naturmechanism eben derselben Handlung (in
25   anderer Beziehung genommen) gar kein Hinderniß in den Weg lege: so
26   behauptet die Lehre der Sittlichkeit ihren Platz und die Naturlehre auch
27   den ihrigen, welches aber nicht statt gefunden hätte, wenn nicht Kritik
28   uns zuvor von unserer unvermeidlichen Unwissenheit in Ansehung der
29   Dinge an sich selbst belehrt und alles, was wir theoretisch erkennen
30   können, auf bloße Erscheinungen eingeschränkt hätte. Eben diese Erörterung
31   des positiven Nutzens kritischer Grundsätze der reinen Vernunft
32   läßt sich in Ansehung des Begriffs von Gott und der einfachen Natur
33   unserer Seele zeigen, die ich aber der Kürze halber vorbeigehe. Ich kann [op xxx]
34   also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit zum Behuf des nothwendigen
35   praktischen Gebrauchs meiner Vernunft nicht einmal annehmen, wenn
36   ich nicht der speculativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung überschwenglicher
37   Einsichten benehme, weil sie sich, um zu diesen zu gelangen, solcher


[seite 019]


01   Grundsätze bedienen muß, die, indem sie in der That bloß auf Gegenstände
02   möglicher Erfahrung reichen, wenn sie gleichwohl auf das angewandt
03   werden, was nicht ein Gegenstand der Erfahrung sein kann, wirklich
04   dieses jederzeit in Erscheinung verwandeln und so alle praktische
05   Erweiterung der reinen Vernunft für unmöglich erklären. Ich mußte
06   also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen, und
07   der Dogmatism der Metaphysik, d. i. das Vorurtheil, in ihr ohne Kritik
08   der reinen Vernunft fortzukommen, ist die wahre Quelle alles der Moralität
09   widerstreitenden Unglaubens, der jederzeit gar sehr dogmatisch ist.
10   wenn es also mit einer nach Maßgabe der Kritik der reinen Vernunft abgefaßten
11   systematischen Metaphysik eben nicht schwer sein kann, der Nachkommenschaft
12   ein Vermächtniß zu hinterlassen, so ist dies kein für gering
13   zu achtendes Geschenk; man mag nun bloß auf die Cultur der Vernunft
14   durch den sicheren Gang einer Wissenschaft überhaupt in Vergleichung mit [op xxxi]
15   dem grundlosen Tappen und leichtsinnigen Herumstreifen derselben ohne
16   Kritik sehen, oder auch auf bessere Zeitanwendung einer wißbegierigen
17   Jugend, die beim gewöhnlichen Dogmatism so frühe und so viel Aufmunterung
18   bekommt, über Dinge, davon sie nichts versteht, und darin sie
19   so wie niemand in der Welt auch nie etwas einsehen wird, bequem zu vernünfteln,
20   oder gar auf Erfindung neuer Gedanken und Meinungen auszugehen
21   und so die Erlernung gründlicher Wissenschaften zu verabsäumen;
22   am meisten aber, wenn man den unschätzbaren Vortheil in Anschlag bringt,
23   allen Einwürfen wider Sittlichkeit und Religion auf sokratische Art,
24   nämlich durch den klärsten Beweis der Unwissenheit der Gegner, auf alle
25   künftige Zeit ein Ende zu machen. Denn irgend eine Metaphysik ist immer
26   in der Welt gewesen und wird auch wohl ferner, mit ihr aber auch eine
27   Dialektik der reinen Vernunft, weil sie ihr natürlich ist, darin anzutreffen
28   sein. Es ist also die erste und wichtigste Angelegenheit der Philosophie,
29   einmal für allemal ihr dadurch, daß man die Quelle der Irrthümer verstopft,
30   allen nachtheiligen Einfluß zu benehmen.


31   Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften und
32   dem Verluste, den speculative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten [op xxxii]
33   Besitze erleiden muß, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen menschlichen
34   Angelegenheit und dem Nutzen, den die Welt bisher aus den Lehren der
35   reinen Vernunft zog, in demselben vortheilhaften Zustande, als es jemals
36   war, und der Verlust trifft nur das Monopol der Schulen, keinesweges
37   aber das Interesse der Menschen. Ich frage den unbiegsamsten Dogmatiker,


[seite 020]


01   ob der Beweis von der Fortdauer unserer Seele nach dem Tode
02   aus der Einfachheit der Substanz, ob der von der Freiheit des Willens
03   gegen den allgemeinen Mechanism durch die subtilen, obzwar ohnmächtigen,
04   Unterscheidungen subjectiver und objectiver praktischer Nothwendigkeit,
05   oder ob der vom Dasein Gottes aus dem Begriffe eines allerrealsten
06   Wesens (der Zufälligkeit des Veränderlichen und der Nothwendigkeit eines
07   ersten Bewegers), nachdem sie von den Schulen ausgingen, jemals haben
08   bis zum Publicum gelangen und auf dessen Überzeugung den mindesten
09   Einfluß haben können? Ist dieses nun nicht geschehen, und kann es auch
10   wegen der Untauglichkeit des gemeinen Menschenverstandes zu so subtiler
11   Speculation niemals erwartet werden; hat vielmehr, was das erstere betrifft,
12   die jedem Menschen bemerkliche Anlage seiner Natur, durch das
13   Zeitliche (als zu den Anlagen seiner ganzen Bestimmung unzulänglich)
14   nie zufrieden gestellt werden zu können, die Hoffnung eines künftigen [op xxxiii]
15   Lebens, in Ansehung des zweiten die bloße klare Darstellung der Pflichten
16   im Gegensatze aller Ansprüche der Neigungen das Bewußtsein der
17   Freiheit und endlich, was das dritte anlangt, die herrliche Ordnung,
18   Schönheit und Vorsorge, die allerwärts in der Natur hervorblickt, allein
19   den Glauben an einen weisen und großen Welturheber, die sich aufs
20   Publicum verbreitende Überzeugung, so fern sie auf Vernunftgründen beruht,
21   ganz allein bewirken müssen: so bleibt ja nicht allein dieser Besitz
22   ungestört, sondern er gewinnt vielmehr dadurch noch an Ansehn, daß die
23   Schulen nunmehr belehrt werden, sich keine höhere und ausgebreitetere
24   Einsicht in einem Punkte anzumaßen, der die allgemeine menschliche Angelegenheit
25   betrifft, als diejenige ist, zu der die große (für uns achtungswürdigste)
26   Menge auch eben so leicht gelangen kann, und sich also auf die
27   Cultur dieser allgemein faßlichen und in moralischer Absicht hinreichenden
28   Beweisgründe allein einzuschränken. Die Veränderung betrifft also blo
29   die arroganten Ansprüche der Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit
30   Recht in vielen anderen Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer
31   solcher Wahrheiten möchten halten lassen, von denen sie dem
32   Publicum nur den Gebrauch mittheilen, den Schlüssel derselben aber für
33   sich behalten ( quod mecum nescit, solus vult scire videri ). Gleichwohl [op xxxiv]
34   ist doch auch für einen billigern Anspruch des speculativen Philosophen
35   gesorgt. Er bleibt immer ausschließlich depositär einer dem Publicum
36   ohne dessen wissen nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft;
37   denn die kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nöthig


[seite 021]


01   es zu sein, weil, so wenig dem Volke die fein gesponnenen Argumente für
02   nützliche Wahrheiten in den Kopf wollen, eben so wenig kommen ihm auch
03   die eben so subtilen Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil
04   die Schule, so wie jeder sich zur Speculation erhebende Mensch, unvermeidlich
05   in beide geräth, jene dazu verbunden ist, durch gründliche Untersuchung
06   der Rechte der speculativen Vernunft einmal für allemal dem
07   Skandal vorzubeugen, das über kurz oder lang selbst dem Volke aus den
08   Streitigkeiten aufstoßen muß, in welche sich Metaphysiker (und als solche
09   endlich auch wohl Geistliche) ohne Kritik unausbleiblich verwickeln, und
10   die selbst nachher ihre Lehren verfälschen. Durch diese kann nun allein
11   dem Materialism, Fatalism, Atheism, dem freigeisterischen Unglauben,
12   der Schwärmerei und Aberglauben, die allgemein schädlich
13   werden können, zuletzt auch dem Idealism und Scepticism, die
14   mehr den Schulen gefährlich sind und schwerlich ins Publicum übergehen [op xxxv]
15   können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden. Wenn Regierungen sich
16   ja mit Angelegenheiten der Gelehrten zu befassen gut finden, so würde es
17   ihrer weisen Vorsorge für Wissenschaften sowohl als Menschen weit gemäßer
18   sein, die Freiheit einer solchen Kritik zu begünstigen, wodurch die
19   Vernunftbearbeitungen allein auf einen festen Fuß gebracht werden
20   können, als den lächerlichen Despotism der Schulen zu unterstützen,
21   welche über öffentliche Gefahr ein lautes Geschrei erheben, wenn man ihre
22   Spinneweben zerreißt, von denen doch das Publicum niemals Notiz genommen
23   hat, und deren Verlust es also auch nie fühlen kann.


24   Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft
25   in ihrem reinen Erkenntniß, als Wissenschaft, entgegengesetzt (denn diese
26   muß jederzeit dogmatisch, d. i. aus sicheren Principien a priori strenge
27   beweisend, sein), sondern dem Dogmatism, d. i. der Anmaßung, mit
28   einer reinen Erkenntniß aus Begriffen (der philosophischen) nach Principien,
29   so wie sie die Vernunft längst im Gebrauch hat, ohne Erkundigung
30   der Art und des Rechts, womit sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen.
31   Dogmatism ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft ohne
32   vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens. Diese Entgegensetzung [op xxxvi]
33   soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit unter dem angemaßten
34   Namen der Popularität, oder wohl gar dem Scepticism, der mit
35   der ganzen Metaphysik kurzen Proceß macht, das Wort reden; vielmehr
36   ist die Kritik die nothwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung
37   einer gründlichen Metaphysik als Wissenschaft, die nothwendig dogmatisch


[seite 022]


01   und nach der strengsten Forderung systematisch, mithin schulgerecht (nicht
02   populär) ausgeführt werden muß, denn diese Forderung an sie, da sie sich
03   anheischig macht, gänzlich a priori, mithin zu völliger Befriedigung der
04   speculativen Vernunft ihr Geschäfte auszuführen, ist unnachlaßlich. In
05   der Ausführung also des Plans, den die Kritik vorschreibt, d. i. im künftigen
06   System der Metaphysik, müssen wir dereinst der strengen Methode
07   des berühmten Wolff, des größten unter allen dogmatischen Philosophen,
08   folgen, der zuerst das Beispiel gab (und durch dies Beispiel der Urheber
09   des bisher noch nicht erloschenen Geistes der Gründlichkeit in Deutschland
10   wurde), wie durch gesetzmäßige Feststellung der Principien, deutliche Bestimmung
11   der Begriffe, versuchte Strenge der Beweise, Verhütung kühner
12   Sprünge in Folgerungen der sichere Gang einer Wissenschaft zu nehmen
13   sei, der auch eben darum eine solche, als Metaphysik ist, in diesen Stand
14   zu versetzen vorzüglich geschickt war, wenn es ihm beigefallen wäre, durch [op xxxvii]
15   Kritik des Organs, nämlich der reinen Vernunft selbst, sich das Feld vorher
16   zu bereiten: ein Mangel, der nicht sowohl ihm, als vielmehr der dogmatischen
17   Denkungsart seines Zeitalters beizumessen ist, und darüber die
18   Philosophen seiner sowohl als aller vorigen Zeiten einander nichts vorzuwerfen
19   haben. Diejenigen, welche seine Lehrart und doch zugleich auch
20   das Verfahren der Kritik der reinen Vernunft verwerfen, können nichts
21   andres im Sinne haben, als die Fesseln der Wissenschaft gar abzuwerfen,
22   Arbeit in Spiel, Gewißheit in Meinung und Philosophie in Philodoxie
23   zu verwandeln.


24   Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich wie billig die
25   Gelegenheit derselben nicht vorbeilassen wollen, um den Schwierigkeiten
26   und der Dunkelheit so viel möglich abzuhelfen, woraus manche Mißdeutungen
27   entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen Männern vielleicht
28   nicht ohne meine Schuld in der Beurtheilung dieses Buchs aufgestoßen
29   sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, imgleichen der Form
30   sowohl als der Vollständigkeit des Plans habe ich nichts zu ändern gefunden;
31   welches theils der langen Prüfung, der ich sie unterworfen hatte,
32   ehe ich es dem Publicum vorlegte, theils der Beschaffenheit der Sache
33   selbst, nämlich der Natur einer reinen speculativen Vernunft, beizumessen
34   ist, die einen wahren Gliederbau enthält, worin alles Organ ist, nämlich [op xxxviii]
35   Alles um Eines Willen und ein jedes Einzelne um aller willen, mithin
36   jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler (Irrthum) oder Mangel,
37   sich im Gebrauche unausbleiblich verrathen muß. In dieser Unveränderlichkeit


[seite 023]


01   wird sich dieses System, wie ich hoffe, auch fernerhin behaupten.
02   Nicht Eigendünkel, sondern bloß die Evidenz, welche das Experiment
03   der Gleichheit des Resultats im Ausgange von den mindesten
04   Elementen bis zum Ganzen der reinen Vernunft und im Rückgange vom
05   Ganzen (denn auch dieses ist für sich durch die Endabsicht derselben im
06   Praktischen gegeben) zu jedem Theile bewirkt, indem der Versuch, auch
07   nur den kleinsten Theil abzüandern, sofort Widersprüche nicht bloß des
08   Systems, sondern der allgemeinen Menschenvernunft herbeiführt, berechtigt
09   mich zu diesem Vertrauen. Allein in der Darstellung ist noch viel
10   zu thun, und hierin habe ich mit dieser Auflage Verbesserungen versucht,
11   welche theils dem Mißverstande der Ästhetik, vornehmlich dem im Begriffe
12   der Zeit, theils der Dunkelheit der Deduction der Verstandesbegriffe,
13   theils dem vermeintlichen Mangel einer genugsamen Evidenz in den Beweisen
14   der Grundsätze des reinen Verstandes, theils endlich der Mißdeutung
15   der der rationalen Psychologie vorgerückten Paralogismen abhelfen
16   sollen. Bis hieher (nämlich nur bis zu Ende des ersten Hauptstücks [op xxxix]
17   der transscendentalen Dialektik) und weiter nicht erstrecken sich meine Abänderungen
18   der Darstellungsart, *) weil die Zeit zu kurz und mir in Ansehung


19   *) Eigentliche Vermehrung, aber doch nur in der Beweisart könnte ich nur die
20   nennen, die ich durch eine neue Widerlegung des psychologischen Idealisms und
21   einen strengen (wie ich glaube, auch einzig möglichen) Beweis von der objectiven
22   Realität der äußeren Anschauung S. 274 gemacht habe. Der Idealism mag in
23   Ansehung der wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten
24   werden (das er in der That nicht ist), so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie
25   und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von
26   denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unsern inneren Sinn
27   her haben) bloß auf Glauben annehmen zu müssen und, wenn es jemand einfällt
28   es zu bezweifeln, ihm keinen genugthünden Beweis entgegenstellen zu können. Weil
29   sich in den Ausdrücken des Beweises von der dritten Zeile bis zur sechsten einige
30   Dunkelheit findet, so bitte ich diesen Period so umzüandern: "Dieses Beharrliche
31   aber kann nicht eine Anschauung in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe
32   meines Daseins, die in mir angetroffen werden können,
33   sind Vorstellungen und bedürfen als solche selbst ein von ihnen unterschiedenes
34   Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben,
35   mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden
36   könne." man wird gegen diesen Beweis vermuthlich sagen: ich bin mir doch nur
37   dessen, was in mir ist, d. i. meiner Vorstellung äußerer Dinge, unmittelbar bewußt;'


03   folglich bleibe es immer noch unausgemacht, ob etwas ihr Correspondirendes[op xl]
04   außer mir sei, oder nicht. Allein ich bin mir meines Daseins in der Zeit
05   (folglich auch der Bestimmbarkeit desselben in dieser) durch innere Erfahrung bewußt,
06   und dieses ist mehr, als bloß mich meiner Vorstellung bewußt zu sein, doch
07   aber einerlei mit dem empirischen Bewußtsein meines Daseins, welches nur
08   durch Beziehung auf etwas, was mit meiner Existenz verbunden außer mir ist,
09   bestimmbar ist. Dieses Bewußtsein meines Daseins in der Zeit ist also mit dem
10   Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir identisch verbunden, und es ist
11   also Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches
12   das Äußere mit meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft; denn der äußere
13   Sinn ist schon an sich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirkliches außer mir,
14   und die Realität desselben zum Unterschiede von der Einbildung beruht nur darauf,
15   daß er mit der inneren Erfahrung selbst, als die Bedingung der Möglichkeit derselben,
16   unzertrennlich verbunden werde, welches hier geschieht. Wenn ich mit dem
17   intellectuellen Bewußtsein meines Daseins in der Vorstellung Ich bin, welche
18   alle meine Urtheile und Verstandeshandlungen begleitet, zugleich eine Bestimmung
19   meines Daseins durch intellectuelle Anschauung verbinden könnte, so wäre zu
20   derselben das Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir nicht nothwendig
21   gehörig. Nun aber jenes intellectuelle Bewußtsein zwar vorangeht, aber die innere
22   Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich und an Zeitbedingung
23   gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin die innere Erfahrung selbst,[op xli]
24   von etwas Beharrlichem, welches in mir nicht ist, folglich nur in etwas außer mir
25   wogegen ich mich in Relation betrachten muß, abhängt: so ist die Realität des
26   äußeren Sinnes mit der des innern zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt nothwendig
27   verbunden: d. i. ich bin mir eben so sicher bewußt, daß es Dinge außer
28   mir gebe, die sich auf meinen Sinn beziehen, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst
29   in der Zeit bestimmt existire. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich
30   Objecte außer mir correspondiren, und die also zum äußeren Sinne gehören,
31   welchem sie und nicht der Einbildungskraft zuzuschreiben sind, muß nach den Regeln,
32   nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst innere) von Einbildung unterschieden wird,
33   in jedem besondern Falle ausgemacht werden, wobei der Satz, daß es wirklich
34   äußere Erfahrung gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hiezu noch die Anmerkung
35   fügen: die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht
36   einerlei mit der beharrlichen Vorstellung; denn diese kann sehr wandelbar und
37   wechselnd sein, wie alle unsere und selbst die Vorstellungen der Materie und bezieht
38   sich doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von allen meinen Vorstellungen
39   unterschiedenes und äußeres Ding sein muß, dessen Existenz in der Bestimmung
40   meines eigenen Daseins nothwendig mit eingeschlossen wird und mit derselben nur
41   eine einzige Erfahrung ausmacht, die nicht einmal innerlich stattfinden würde, wenn
42   sie nicht (zum Theil) zugleich äußerlich wäre. Das Wie? Läßt sich hier eben so'


35   wenig weiter erklären, als wie wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken,
36   dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervorbringt.


[seite 024]

[op xli]
01   des übrigen auch kein Mißverstand sachkundiger und unparteiischer
02   Prüfer vorgekommen war, welche, auch ohne daß ich sie mit dem ihnen


[seite 025]

[op xlii]
01   gebührenden Lobe nennen darf, die Rücksicht, die ich auf ihre Erinnerungen
02   genommen habe, schon von selbst an ihren Stellen antreffen werden.
03   Mit dieser Verbesserung aber ist ein kleiner Verlust für den Leser verbunden,
04   der nicht zu verhüten war, ohne das Buch gar zu voluminös zu
05   machen, nämlich daß verschiedenes, was zwar nicht wesentlich zur Vollständigkeit
06   des Ganzen gehört, mancher Leser aber doch ungerne missen
07   möchte, indem es sonst in anderer Absicht brauchbar sein kann, hat weggelassen
08   oder abgekürzt vorgetragen werden müssen, um meiner, wie ich hoffe,
09   jetzt faßlicheren Darstellung Platz zu machen, die im Grunde in Ansehung
10   der Sätze und selbst ihrer Beweisgründe schlechterdings nichts verändert,
11   aber doch in der Methode des Vortrages hin und wieder so von der vorigen
12   abgeht, daß sie durch Einschaltungen sich nicht bewerkstelligen ließ.
13   Dieser kleine Verlust, der ohnedem nach jedes Belieben durch Vergleichung
14   mit der ersten Auflage ersetzt werden kann, wird durch die größere Faßlichkeit,
15   wie ich hoffe, überwiegend ersetzt. Ich habe in verschiedenen öffentlichen
16   Schriften (theils bei Gelegenheit der Recension mancher Bücher,
17   theils in besondern Abhandlungen) mit dankbarem Vergnügen wahrgenommen,
18   daß der Geist der Gründlichkeit in Deutschland nicht erstorben,
19   sondern nur durch den Modeton einer geniemäßigen Freiheit im Denken [op xliii]
20   auf kurze Zeit überschrien worden, und daß die dornichten Pfade der
21   Kritik, die zu einer schulgerechten, aber als solche allein dauerhaften und
22   daher höchst nothwendigen Wissenschaft der reinen Vernunft führen, muthige
23   und helle Köpfe nicht gehindert haben, sich derselben zu bemeistern.
24   Diesen verdienten Männern, die mit der Gründlichkeit der Einsicht noch
25   das Talent einer lichtvollen Darstellung (dessen ich mir eben nicht bewußt
26   bin) so glücklich verbinden, überlasse ich meine in Ansehung der letzteren
27   hin und wieder etwa noch mangelhafte Bearbeitung zu vollenden; denn
28   widerlegt zu werden, ist in diesem Falle keine Gefahr, wohl aber, nicht
29   verstanden zu werden. Meinerseits kann ich mich auf Streitigkeiten von
30   nun an nicht einlassen, ob ich zwar auf alle Winke, es sei von Freunden
31   oder Gegnern, sorgfältig achten werde, um sie in der künftigen Ausführung
32   des Systems dieser Propädeutik gemäß zu benutzen. Da ich
33   während dieser Arbeiten schon ziemlich tief ins Alter fortgerückt bin (in
34   diesem Monate ins vier und sechuigste Jahr), so muß ich, wenn ich meinen


[seite 026]


01   Plan, die Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten, als Bestätigung
02   der Richtigkeit der Kritik der speculativen sowohl als praktischen Vernunft,
03   zu liefern, ausführen will, mit der Zeit sparsam verfahren und die [op xliv]
04   Aufhellung sowohl der in diesem Werke anfangs kaum vermeidlichen
05   Dunkelheiten, als die Vertheidigung des Ganzen von den verdienten
06   Männern, die es sich zu eigen gemacht haben, erwarten. An einzelnen
07   Stellen läßt sich jeder philosophische Vortrag zwacken (denn er kann nicht
08   so gepanzert auftreten, als der mathematische), indessen daß doch der
09   Gliederbau des Systems, als Einheit betrachtet, dabei nicht die mindeste
10   Gefahr läuft, zu dessen Übersicht, wenn es neu ist, nur wenige die Gewandtheit
11   des Geistes, noch wenigere aber, weil ihnen alle Neuerung ungelegen
12   kommt, Lust besitzen. Auch scheinbare Widersprüche lassen sich,
13   wenn man einzelne Stellen, aus ihrem Zusammenhange gerissen, gegeneinander
14   vergleicht, in jeder vornehmlich als freie Rede fortgehenden
15   Schrift ausklauben, die in den Augen dessen, der sich auf fremde Beurtheilung
16   verläßt, ein nachtheiliges Licht auf diese werfen, demjenigen aber,
17   der sich der Idee im Ganzen bemächtigt hat, sehr leicht aufzulösen sind.
18   Indessen, wenn eine Theorie in sich Bestand hat, so dienen Wirkung und
19   Gegenwirkung, die ihr anfänglich große Gefahr drohten, mit der Zeit nur
20   dazu, um ihre Unebenheiten abzuschleifen und, wenn sich Männer von
21   Unparteilichkeit, Einsicht und wahrer Popularität damit beschäftigen, ihr
22   in kurzer Zeit auch die erforderliche Eleganz zu verschaffen. Königsberg
23   im Aprilmonat 1787.


[seite 027]

[op 1]


01   Einleitung.


02   1.
03   Von dem Unterschiede der reinen und empirischen
04   Erkenntniß.


05   Daß alle unsere Erkenntniß mit der Erfahrung anfange, daran ist
06   gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnißvermögen sonst zur
07   Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere
08   Sinne rühren und theils von selbst Vorstellungen bewirken, theils unsere
09   Verstandesthätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu
10   verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke
11   zu einer Erkenntniß der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt?
12   Der Zeit nach geht also keine Erkenntniß in uns vor der Erfahrung
13   vorher, und mit dieser fängt alle an.


14   Wenn aber gleich alle unsere Erkenntniß mit der Erfahrung anhebt,
15   so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn
16   es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntniß ein Zusammengesetztes
17   aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und
18   dem, was unser eigenes Erkenntnißvermögen (durch sinnliche Eindrücke
19   bloß veranlaßt) aus sich selbst hergiebt, welchen Zusatz wir von jenem [op 2]
20   Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf
21   aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.


[seite 028]


01   Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benöthigte
02   und nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein
03   dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne
04   unabhängiges Erkenntniß gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a priori,
05   und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori,
06   nämlich in der Erfahrung, haben.


07   Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestimmt genug, um den ganzen
08   Sinn der vorgelegten Frage angemessen zu bezeichnen. Denn man pflegt
09   wohl von mancher aus Erfahrungsquellen abgeleiteten Erkenntniß zu
10   sagen, daß wir ihrer a priori fähig oder theilhaftig sind, weil wir sie nicht
11   unmittelbar aus der Erfahrung, sondern aus einer allgemeinen Regel,
12   die wir gleichwohl selbst doch aus der Erfahrung entlehnt haben, ableiten.
13   So sagt man von jemand, der das Fundament seines Hauses untergrub:
14   er konnte es a priori wissen, daß es einfallen würde, d. i. er durfte nicht
15   auf die Erfahrung, daß es wirklich einfiele, warten. Allein gänzlich
16   a priori konnte er dieses doch auch nicht wissen. Denn daß die Körper
17   schwer sind und daher, wenn ihnen die Stütze entzogen wird, fallen, mußte
18   ihm doch zuvor durch Erfahrung bekannt werden.


19   Wir werden also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori nicht solche [op 3]
20   verstehen, die von dieser oder jener, sondern die schlechterdings von
21   aller Erfahrung unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische Erkenntnisse
22   oder solche, die nur a posteriori, d. i. durch Erfahrung, möglich sind,
23   entgegengesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heißen aber diejenigen
24   rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist. So ist z. B. der
25   Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein
26   nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung
27   gezogen werden kann.


28   2.
29   Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori, und selbst
30   der gemeine Verstand ist niemals ohne solche.


31   Es kommt hier auf ein Merkmal an, woran wir sicher ein reines Erkenntni
32   von empirischen unterscheiden können. Erfahrung lehrt uns
33   zwar, daß etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders
34   sein könne. Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich mit seiner
35   Nothwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urtheil a priori; ist er überdem


[seite 029]


01   auch von keinem abgeleitet, als der selbst wiederum als ein nothwendiger
02   Satz gültig ist, so ist er schlechterdings a priori. Zweitens: Erfahrung
03   giebt niemals ihren Urtheilen wahre oder strenge, sondern nur
04   angenommene und comparative Allgemeinheit (durch Induction), so [op 4]
05   daß es eigentlich heißen muß: so viel wir bisher wahrgenommen haben,
06   findet sich von dieser oder jener Regel keine Ausnahme. Wird also ein
07   Urtheil in strenger Allgemeinheit gedacht, d. i. so, daß gar keine Ausnahme
08   als möglich verstattet wird, so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet,
09   sondern schlechterdings a priori gültig. die empirische Allgemeinheit
10   ist also nur eine willkürliche Steigerung der Gültigkeit von der,
11   welche in den meisten Fällen, zu der, die in allen gilt, wie z. B. in dem
12   Satze: alle Körper sind schwer; wo dagegen Strenge Allgemeinheit zu
13   einem Urtheile wesentlich gehört, da zeigt diese auf einen besonderen Erkenntnißquell
14   desselben, nämlich ein Vermögen des Erkenntnisses a priori.
15   Nothwendigkeit und Strenge Allgemeinheit sind also sichere Kennzeichen
16   einer Erkenntniß a priori und gehören auch unzertrennlich zu einander.
17   Weil es aber im Gebrauche derselben bisweilen leichter ist, die empirische
18   Beschränktheit derselben, als die Zufälligkeit in den Urtheilen, oder es
19   auch mannigmal einleuchtender ist, die unbeschränkte Allgemeinheit, die
20   wir einem Urtheile beilegen, als die Nothwendigkeit desselben zu zeigen,
21   so ist es rathsam, sich gedachter beider Kriterien, deren jedes für sich unfehlbar
22   ist, abgesondert zu bedienen.


23   Daß es nun dergleichen nothwendige und im strengsten Sinne allgemeine,
24   mithin reine Urtheile a priori im menschlichen Erkenntniß wirklich
25   gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, so
26   darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinaussehen; will man ein [op 5]
27   solches aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, da
28   alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen; ja in dem letzteren
29   enthält selbst der Begriff einer Ursache so offenbar den Begriff einer
30   Nothwendigkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen
31   Allgemeinheit der Regel, daß er gänzlich verloren gehen würde, wenn
32   man ihn, wie HumePI that, vor einer öftern Beigesellung dessen, was geschieht,
33   mit dem, was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit
34   (mithin bloß subjectiven Nothwendigkeit), Vorstellungen zu verknüpfen,
35   ableiten wollte. Auch könnte man, ohne dergleichen Beispiele
36   zum Beweise der Wirklichkeit reiner Grundsätze a priori in unserem Erkenntnisse
37   zu bedürfen, dieser ihre Unentbehrlichkeit zur Möglichkeit der


[seite 030]


01   Erfahrung selbst, mithin a priori darthun. Denn wo wollte selbst Erfahrung
02   ihre Gewißheit hernehmen, wenn alle Regeln, nach denen sie
03   fortgeht, immer wieder empirisch, mithin zufällig wären; daher man diese
04   schwerlich für erste Grundsätze gelten lassen kann. Allein hier können wir
05   uns damit begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntnißvermögens
06   als Thatsache sammt den Kennzeichen desselben dargelegt zu haben. Aber
07   nicht bloß in Urtheilen, sondern selbst in Begriffen zeigt sich ein Ursprung
08   einiger derselben a priori. Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines
09   Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg, die Farbe,
10   die Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, so
11   bleibt doch der Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden ist) [op 6]
12   einnahm, und den könnt ihr nicht weglassen. Eben so, wenn ihr von
13   eurem empirischen Begriffe eines jeden körperlichen oder nicht körperlichen
14   Objects alle Eigenschaften weglaßt, die euch die Erfahrung lehrt: so könnt
15   ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, dadurch ihr es als Substanz oder
16   einer Substanz anhängend denkt (obgleich dieser Begriff mehr Bestimmung
17   enthält, als der eines Objects überhaupt). Ihr müßt also, überführt
18   durch die Nothwendigkeit, womit sich dieser Begriff euch aufdringt,
19   gestehen, daß er in eurem Erkenntnißvermögen a priori seinen Sitz habe.


20   3.
21   Die Philosophie bedarf einer Wissenschaft, welche die Möglichkeit,
22   die Principien und den Umfang aller Erkenntnisse
23   a priori bestimme.


24   Was noch weit mehr sagen will, als alles vorige, ist dieses, da
25   gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen
26   und durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand
27   in der Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urtheile über
28   alle Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben.


29   Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die Sinnenwelt
30   hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden, noch Berichtigung
31   geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die wir der


[seite 031]

[op 7]
01   Wichtigkeit nach für weit vorzüglicher und ihre Endabsicht für viel erhabener
02   halten als alles, was der Verstand im Felde der Erscheinungen
03   lernen kann, wobei wir sogar auf die Gefahr zu irren eher alles wagen,
04   als daß wir so angelegene Untersuchungen aus irgend einem Grunde der
05   Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung und Gleichgültigkeit aufgeben
06   sollten. Diese unvermeidlichen Aufgaben der reinen Vernunft selbst sind
07   Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Die Wissenschaft aber, deren
08   Endabsicht mit allen ihren Zurüstungen eigentlich nur auf die Auflösung
09   derselben gerichtet ist, heißt Metaphysik, deren Verfahren im Anfange
10   dogmatisch ist, d. i. ohne vorhergehende Prüfung des Vermögens oder
11   Unvermögens der Vernunft zu einer so großen Unternehmung zuversichtlich
12   die Ausführung übernimmt.


13   Nun scheint es zwar natürlich, daß, so bald man den Boden der Erfahrung
14   verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt,
15   ohne zu wissen woher, und auf dem Credit der Grundsätze, deren Ursprung
16   man nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung
17   desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein,
18   daß man also vielmehr die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben,
19   wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen
20   könne, und welchen Umfang, Gültigkeit und Werth sie haben mögen. In
21   der That ist auch nichts natürlicher, wenn man unter dem Worte natürlich [op 8]
22   das versteht, was billiger und vernünftiger Weise geschehen sollte;
23   versteht man aber darunter das, was gewöhnlicher Maßen geschieht, so
24   ist hinwiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als daß diese Untersuchung
25   lange Zeit unterbleiben mußte. Denn ein Theil dieser Erkenntnisse,
26   als die mathematische, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit und
27   giebt dadurch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich
28   von ganz verschiedener Natur sein mögen. Überdem, wenn man über
29   den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung
30   nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitern,
31   ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man
32   stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber kann


[seite 032]


01   vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen nur behutsam macht,
02   ohne daß sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. Die Mathematik
03   giebt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es unabhängig von der
04   Erfahrung in der Erkenntniß a priori bringen können. Nun beschäftigt
05   sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen bloß so weit, als sich
06   solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Umstand wird
07   leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori gegeben werden
08   kann, mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum unterschieden wird.
09   Durch einen solchen Beweis von der Macht der Vernunft eingenommen,
10   sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen. Die leichte Taube, indem
11   sie im freien Fluge die Luft theilt, deren Widerstand sie fühlt, könnte die [op 9]
12   Vorstellung fassen, daß es ihr im luftleeren Raum noch viel besser gelingen
13   werde. Eben so verließ PlatoPI die Sinnenwelt, weil sie dem
14   Verstande so enge Schranken setzt, und wagte sich jenseit derselben auf
15   den Flügeln der Ideen in den leeren Raum des reinen Verstandes. Er
16   bemerkte nicht, daß er durch seine Bemühungen keinen Weg gewönne,
17   denn er hatte keinen Widerhalt gleichsam zur Unterlage, worauf er sich
18   steifen und woran er seine Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von
19   der Stelle zu bringen. Es ist aber ein gewöhnliches Schicksal der menschlichen
20   Vernunft in der Speculation, ihr Gebäude so früh wie möglich
21   fertig zu machen und hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der
22   Grund dazu gut gelegt sei. Alsdann aber werden allerlei Beschönigungen
23   herbeigesucht, um uns wegen dessen Tüchtigkeit zu trösten, oder auch
24   eine solche späte und gefährliche Prüfung lieber gar abzuweisen. Was
25   uns aber während dem Bauen von aller Besorgniß und Verdacht frei
26   hält und mit scheinbarer Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein großer
27   Theil und vielleicht der größte von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht
28   in Zergliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen
29   haben. Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie
30   gleich nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind,
31   was in unsern Begriffen (wiewohl noch auf verworrene Art) schon gedacht
32   worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich geschätzt


[seite 033]


01   werden, wiewohl sie der Materie oder dem Inhalte nach die Begriffe, die [op 10]
02   wir haben, nicht erweitern, sondern nur aus einander setzen. Da dieses
03   Verfahren nun eine wirkliche Erkenntniß a priori giebt, die einen sichern
04   und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht die Vernunft, ohne es selbst zu
05   merken, unter dieser Vorspiegelung Behauptungen von ganz anderer Art,
06   wo die Vernunft zu gegebenen Begriffen ganz fremde, und zwar a priori
07   hinzu thut, ohne daß man weiß, wie sie dazu gelange, und ohne sich eine
08   solche Frage auch nur in die Gedanken kommen zu lassen. Ich will daher
09   gleich anfangs von dem Unterschiede dieser zwiefachen Erkenntnißart
10   handeln.


11   4.
12   Von dem Unterschiede analytischer und synthetischer Urtheile.


13   In allen Urtheilen, worin das Verhältniß eines Subjects zum Prädicat
14   gedacht wird (wenn ich nur die bejahende erwäge, denn auf die verneinende
15   ist nachher die Anwendung leicht), ist dieses Verhältniß auf
16   zweierlei Art möglich. Entweder das Prädicat B gehört zum Subject A
17   als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckter Weise) enthalten ist;
18   oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in
19   Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urtheil analytisch,
20   in dem andern synthetisch. Analytische Urtheile (die bejahende) sind
21   also diejenige, in welchen die Verknüpfung des Prädicats mit dem Subject
22   durch Identität, diejenige aber, in denen diese Verknüpfung ohne [op 11]
23   Identität gedacht wird, sollen synthetische Urtheile heißen. Die erstere
24   könnte man auch Erläuterungs=, die andere Erweiterungsurtheile
25   heißen, weil jene durch das Prädicat nichts zum Begriff des Subjects
26   hinzuthun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Theilbegriffe
27   zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren: da
28   hingegen die letztere zu dem Begriffe des Subjects ein Prädicat hinzuthun,
29   welches in jenem gar nicht gedacht war und durch keine Zergliederung


[seite 034]


01   desselben hätte können herausgezogen werden. Z. B. wenn ich sage:
02   alle Körper sind ausgedehnt, so ist dies ein analytisch Urtheil. Denn
03   ich darf nicht über den Begriff, den ich mit dem Wort Körper verbinde,
04   hinausgehen, um die Ausdehnung als mit demselben verknüpft zu
05   finden, sondern jenen Begriff nur zergliedern, d. i. des Mannigfaltigen,
06   welches ich jederzeit in ihm denke, mir nur bewußt werden, um dieses
07   Prädicat darin anzutreffen; es ist also ein analytisches Urtheil. Dagegen,
08   wenn ich sage: alle Körper sind schwer, so ist das Prädicat etwas ganz
09   anderes, als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers überhaupt
10   denke. Die Hinzufügung eines solchen Prädicats giebt also ein synthetisch
11   Urtheil.


12   Erfahrungsurtheile als solche sind insgesammt synthetisch.
13   Denn es wäre ungereimt, ein analytisches Urtheil auf Erfahrung
14   zu gründen, weil ich aus meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf,
15   um das Urtheil abzufassen, und also kein Zeugniß der Erfahrung dazu
16   nöthig habe. Daß ein Körper ausgedehnt sei, ist ein Satz, der a priori [op 12]
17   feststeht, und kein Erfahrungsurtheil. Denn ehe ich zur Erfahrung gehe,
18   habe ich alle Bedingungen zu meinem Urtheile schon in dem Begriffe, aus
19   welchem ich das Prädicat nach dem Satze des Widerspruchs nur herausziehen
20   und dadurch zugleich der Nothwendigkeit des Urtheils bewußt
21   werden kann, welche mir Erfahrung nicht einmal lehren würde. Dagegen
22   ob ich schon in dem Begriff eines Körpers überhaupt das Prädicat
23   der Schwere gar nicht einschließe, so bezeichnet jener doch einen Gegenstand
24   der Erfahrung durch einen Theil derselben, zu welchem ich also
25   noch andere Theile eben derselben Erfahrung, als zu dem ersteren gehörten,


[seite 035]


01   hinzufügen kann. Ich kann den Begriff des Körpers vorher
02   analytisch durch die Merkmale der Ausdehnung, der Undurchdringlichkeit,
03   der Gestalt etc., die alle in diesem Begriffe gedacht werden, erkennen.
04   Nun erweitere ich aber meine Erkenntniß, und indem ich auf die Erfahrung
05   zurücksehe, von welcher ich diesen Begriff des Körpers abgezogen
06   hatte, so finde ich mit obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft
07   und füge also diese als Prädicat zu jenem Begriffe synthetisch
08   hinzu. Es ist also die Erfahrung, worauf sich die Möglichkeit der Synthesis
09   des Prädicats der Schwere mit dem Begriffe des Körpers gründet,
10   weil beide Begriffe, obzwar einer nicht in dem andern enthalten ist,
11   dennoch als Theile eines Ganzen, nämlich der Erfahrung, die selbst eine
12   synthetische Verbindung der Anschauungen ist, zu einander, wiewohl nur
13   zufälliger Weise, gehören.


14   Aber bei synthetischen Urtheilen a priori fehlt dieses Hülfsmittel ganz [op 13]
15   und gar. Wenn ich über den Begriff A hinausgehen soll, um einen
16   andern B als damit verbunden zu erkennen: was ist das, worauf ich mich
17   stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird, da ich hier den Vortheil
18   nicht habe, mich im Felde der Erfahrung darnach umzusehen? Man
19   nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem Begriff
20   von etwas, das geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor welchem eine Zeit
21   vorhergeht etc., und daraus lassen sich analytische Urtheile ziehen. Aber
22   der Begriff einer Ursache liegt ganz außer jenem Begriffe, und zeigt
23   etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, ist also in dieser letzteren
24   Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von
25   dem, was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen
26   und den Begriff der Ursache, ob zwar in jenem nicht enthalten, dennoch
27   als dazu und sogar nothwendig gehörig zu erkennen? Was ist hier das
28   Unbekannte = x, worauf sich der Verstand stützt, wenn er außer dem
29   Begriff von A ein demselben fremdes Prädicat B aufzufinden glaubt,


[seite 036]


01   welches er gleichwohl damit verknüpft zu sein erachtet? Erfahrung kann
02   es nicht sein, weil der angeführte Grundsatz nicht allein mit größerer Allgemeinheit
03   als die Erfahrung verschaffen kann, sondern auch mit dem Ausdruck
04   der Nothwendigkeit, mithin gänzlich a priori und aus bloßen Begriffen
05   diese zweite Vorstellung zu der ersteren hinzugefügt. Nun
06   beruht auf solchen synthetischen, d. i. Erweiterungs=Grundsätzen die ganze
07   Endabsicht unserer speculativen Erkenntniß a priori; denn die analytischen [op 14]
08   sind zwar höchst wichtig und nöthig, aber nur um zu derjenigen Deutlichkeit
09   der Begriffe zu gelangen, die zu einer sicheren und ausgebreiteten
10   Synthesis, als zu einem wirklich neuen Erwerb, erforderlich ist.


11   5.
12   In allen theoretischen Wissenschaften der Vernunft sind synthetische
13   Urtheile a priori als Principien enthalten.


14   1. Mathematische Urtheile sind insgesammt synthetisch.
15   Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen
16   Vernunft bisher entgangen, ja allen ihren Vermuthungen gerade entgegengesetzt
17   zu sein, ob er gleich unwidersprechlich gewiß und in der Folge
18   sehr wichtig ist. Denn weil man fand, daß die Schlüsse der Mathematiker
19   alle nach dem Satze des Widerspruchs fortgehen (welches die Natur
20   einer jeden apodiktischen Gewißheit erfordert), so überredete man sich, da
21   auch die Grundsätze aus dem Satze des Widerspruchs erkannt würden,
22   worin sie sich irrten; denn ein synthetischer Satz kann allerdings nach
23   dem Satze des Widerspruchs eingesehen werden, aber nur so, daß ein anderer
24   synthetischer Satz vorausgesetzt wird, aus dem er gefolgert werden
25   kann, niemals aber an sich selbst.


26   Zuvörderst muß bemerkt werden: daß eigentliche mathematische Sätze
27   jederzeit Urtheile a priori und nicht empirisch sind, weil sie Nothwendigkeit


[seite 037]


01   bei sich führen, welche aus Erfahrung nicht abgenommen werden [op 15]
02   kann. Will man aber dieses nicht einräumen, wohlan, so schränke ich
03   meinen Satz auf die reine Mathematik ein, deren Begriff es schon mit
04   sich bringt, daß sie nicht empirische, sondern bloß reine Erkenntniß a priori
05   enthalte.


06   Man sollte anfänglich zwar denken: daß der Satz 7+5 = 12 ein
07   bloß analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe von Sieben
08   und Fünf nach dem Satze des Widerspruches erfolge. Allein wenn man
09   es näher betrachtet, so findet man, daß der Begriff der Summe von 7 und
10   5 nichts weiter enthalte, als die Vereinigung beider Zahlen in eine einzige,
11   wodurch ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese einzige Zahl
12   sei, die beide zusammenfaßt. Der Begriff von Zwölf ist keinesweges dadurch
13   schon gedacht, daß ich mir bloß jene Vereinigung von Sieben und
14   Fünf denke, und ich mag meinen Begriff von einer solchen möglichen
15   Summe noch so lange zergliedern, so werde ich doch darin die Zwölf
16   nicht antreffen. Man muß über diese Begriffe hinausgehen, indem man
17   die Anschauung zu Hülfe nimmt, die einem von beiden correspondirt, etwa
18   seine fünf Finger oder (wie Segner in seiner Arithmetik) fünf Punkte,
19   und so nach und nach die Einheiten der in der Anschauung gegebenen
20   Fünf zu dem Begriffe der Sieben hinzuthut. Denn ich nehme zuerst die
21   Zahl 7, und indem ich für den Begriff der 5 die Finger meiner Hand als
22   Anschauung zu Hülfe nehme, so thue ich die Einheiten, die ich vorher [op 16]
23   zusammennahm, um die Zahl 5 auszumachen, nun an jenem meinem
24   Bilde nach und nach zur Zahl 7 und sehe so die Zahl 12 entspringen.
25   Daß 5 zu 7 hinzugethan werden sollten, habe ich zwar in dem Begriff
26   einer Summe = 7+5 gedacht, aber nicht, daß diese Summe der Zahl
27   12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also jederzeit synthetisch, welches
28   man desto deutlicher inne wird, wenn man etwas größere Zahlen nimmt,
29   da es denn klar einleuchtet, daß, wir möchten unsere Begriffe drehen
30   und wenden, wie wir wollen, wir, ohne die Anschauung zu Hülfe zu nehmen,
31   vermittelst der bloßen Zergliederung unserer Begriffe, die Summe
32   niemals finden könnten.


[seite 038]


01   Eben so wenig ist irgend ein Grundsatz der reinen Geometrie analytisch.
02   Daß die gerade Linie zwischen zwei Punkten die kürzeste sei, ist ein
03   synthetischer Satz. Denn mein Begriff vom Geraden enthält nichts von
04   Größe, sondern nur eine Qualität. Der Begriff des Kürzesten kommt
05   also gänzlich hinzu und kann durch keine Zergliederung aus dem Begriffe
06   der geraden Linie gezogen werden. Anschauung muß also hier zu
07   Hülfe genommen werden, vermittelst deren allein die Synthesis möglich ist.


08   Einige wenige Grundsätze, welche die Geometer voraussetzen, sind
09   zwar wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs;
10   sie dienen aber auch nur wie identische Sätze zur Kette der Methode und [op 17]
11   nicht als Principien, z. B. a = a , das Ganze ist sich selber gleich, oder
12   (a+b) größer als a , d. i. das Ganze ist größer als sein Theil. Und doch auch
13   diese selbst, ob sie gleich nach bloßen Begriffen gelten, werden in der
14   Mathematik nur darum zugelassen, weil sie in der Anschauung können dargestellt
15   werden. Was uns hier gemeiniglich glauben macht, als läge das
16   Prädicat solcher apodiktischen Urtheile schon in unserm Begriffe, und das
17   Urtheil sei also analytisch, ist bloß die Zweideutigkeit des Ausdrucks. Wir
18   sollen nämlich zu einem gegebenen Begriffe ein gewisses Prädicat hinzudenken,
19   und diese Nothwendigkeit haftet schon an den Begriffen. Aber die
20   Frage ist nicht, was wir zu dem gegebenen Begriffe hinzu denken sollen,
21   sondern was wir wirklich in ihm, obzwar nur dunkel, denken, und da
22   zeigt sich, daß das Prädicat jenen Begriffen zwar nothwendig, aber nicht
23   als im Begriffe selbst gedacht, sondern vermittelst einer Anschauung, die
24   zu dem Begriffe hinzukommen muß, anhänge.


25   2. Naturwissenschaft ( Physica ) enthält synthetische Urtheile
26   a priori als Principien in sich. Ich will nur ein paar Sätze zum
27   Beispiel anführen, als den Satz, daß in allen Veränderungen der körperlichen
28   Welt die Quantität der Materie unverändert bleibe, oder daß in
29   aller Mittheilung der Bewegung Wirkung und Gegenwirkung jederzeit
30   einander gleich sein müssen. An beiden ist nicht allein die Nothwendigkeit, [op 18]
31   mithin ihr Ursprung a priori, sondern auch, daß sie synthetische Sätze
32   sind, klar. Denn in dem Begriffe der Materie denke ich mir nicht die


[seite 039]


01   Beharrlichkeit, sondern bloß ihre Gegenwart im Raume durch die Erfüllung
02   desselben. Also gehe ich wirklich über den Begriff von der Materie
03   hinaus, um etwas a priori zu ihm hinzuzudenken, was ich in ihm nicht
04   dachte. Der Satz ist also nicht analytisch, sondern synthetisch und dennoch
05   a priori gedacht, und so in den übrigen Sätzen des reinen Theils der Naturwissenschaft.


07   3. In der Metaphysik, wenn man sie auch nur für eine bisher
08   bloß versuchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft
09   unentbehrliche Wissenschaft ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse
10   a priori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu thun, Begriffe,
11   die wir uns a priori von Dingen machen, bloß zu zergliedern und
12   dadurch analytisch zu erläutern, sondern wir wollen unsere Erkenntni
13   a priori erweitern, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die
14   über den gegebenen Begriff etwas hinzuthun, was in ihm nicht enthalten
15   war, und durch synthetische Urtheile a priori wohl gar so weit hinausgehen,
16   daß uns die Erfahrung selbst nicht so weit folgen kann, z. B. in
17   dem Satze: die Welt muß einen ersten Anfang haben u. a. m.; und so
18   besteht Metaphysik wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthetischen
19   Sätzen a priori.

[op 19]


20   6.
21   Allgemeine Aufgabe der reinen Vernunft.


22   Man gewinnt dadurch schon sehr viel, wenn man eine Menge von
23   Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann.
24   Denn dadurch erleichtert man sich nicht allein selbst sein eigenes Geschäfte,
25   indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem anderen, der es
26   prüfen will, das Urtheil, ob wir unserem Vorhaben ein Gnüge gethan
27   haben oder nicht. Die eigentliche Aufgabe der reinen Vernunft ist
28   nun in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urtheile a priori
29   möglich?


30   Daß die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der
31   Ungewißheit und Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache zuzuschreiben,
32   daß man sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den Unterschied
33   der analytischen und synthetischen Urtheile nicht früher in
34   Gedanken kommen ließ. Auf der Auflösung dieser Aufgabe, oder einem
35   genugthuenden Beweise, daß die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen


[seite 040]


01   verlangt, in der That gar nicht stattfinde, beruht nun das Stehen und
02   Fallen der Metaphysik. David HumePI, der dieser Aufgabe unter allen
03   Philosophen noch am nächsten trat, sie aber sich bei weitem nicht bestimmt
04   genug und in ihrer Allgemeinheit dachte, sondern bloß bei dem synthetischen
05   Satze der Verknüpfung der Wirkung mit ihren Ursachen ( Principium [op 20]
06   causalitatis ) stehen blieb, glaubte heraus zu bringen, daß ein solcher
07   Satz a priori gänzlich unmöglich sei, und nach seinen Schlüssen würde
08   alles, was wir Metaphysik nennen, auf einen bloßen Wahn von vermeinter
09   Vernunfteinsicht dessen hinauslaufen, was in der That bloß aus
10   der Erfahrung erborgt, und durch Gewohnheit den Schein der Nothwendigkeit
11   überkommen hat; auf welche alle reine Philosophie zerstörende
12   Behauptung er niemals gefallen wäre, wenn er unsere Aufgabe in ihrer
13   Allgemeinheit vor Augen gehabt hätte, da er dann eingesehen haben
14   würde, daß nach seinem Argumente es auch keine reine Mathematik geben
15   könnte, weil diese gewiß synthetische Sätze a priori enthält, vor welcher
16   Behauptung ihn alsdann sein guter Verstand wohl würde bewahrt haben.


17   In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des
18   reinen Vernunftgebrauchs in Gründung und Ausführung aller Wissenschaften,
19   die eine theoretische Erkenntniß a priori von Gegenständen enthalten,
20   mit begriffen, d. i. die Beantwortung der Fragen:


21   Wie ist reine Mathematik möglich?
22   Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
23   Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich nun wohl
24   geziemend fragen: wie sie möglich sind; denn daß sie möglich sein müssen, [op 21]
25   wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen.*) Was aber Metaphysik betrifft,
26   so muß ihr bisheriger schlechter Fortgang, und weil man von keiner einzigen
27   bisher vorgetragenen, was ihren wesentlichen Zweck angeht, sagen
28   kann, sie sei wirklich vorhanden, einen jeden mit Grunde an ihrer Möglichkeit
29   zweifeln lassen.



30   *) Von der reinen Naturwissenschaft könnte mancher dieses letztere noch bezweifeln.
31   Allein man darf nur die verschiedenen Sätze, die im Anfange der eigentlichen
32   (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, als den von der Beharrlichkeit
33   derselben Quantität Materie, von der Trägheit, der Gleichheit der Wirkung und
34   Gegenwirkung u. s. w.: so wird man bald überzeugt werden, daß sie eine Physicam
35   puram (oder rationalem ) ausmachen, die es wohl verdient, als eigene Wissenschaft
36   in ihrem engen oder weiten, aber doch ganzen Umfange abgesondert aufgestellt
37   zu werden.


[seite 041]


01   Nun ist aber diese Art von Erkenntniß in gewissem Sinne doch
02   auch als gegeben anzusehen, und Metaphysik ist, wenn gleich nicht als
03   Wissenschaft, doch als Naturanlage ( metaphysica naturalis ) wirklich.
04   Denn die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit
05   des Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfniß getrieben, bis
06   zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft
07   und daher entlehnte Principien beantwortet werden können; und so ist
08   wirklich in allen Menschen, so bald Vernunft sich in ihnen bis zur Speculation
09   erweitert, irgend eine Metaphysik zu aller Zeit gewesen und wird
10   auch immer darin bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage: Wie [op 22]
11   ist Metaphysik als Naturanlage möglich? d. i. wie entspringen
12   die Fragen, welche reine Vernunft sich aufwirft, und die sie, so gut als sie
13   kann, zu beantworten durch ihr eigenes Bedürfniß getrieben wird, aus
14   der Natur der allgemeinen Menschenvernunft?


15   Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen, diese natürliche Fragen,
16   z. B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her sei u. s. w.,
17   zu beantworten, jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden haben, so
18   kann man es nicht bei der bloßen Naturanlage zur Metaphysik, d. i. dem
19   reinen Vernunftvermögen selbst, woraus zwar immer irgend eine Metaphysik
20   (es sei, welche es wolle) erwächst, bewenden lassen, sondern es mu
21   möglich sein, mit ihr es zur Gewißheit zu bringen, entweder im Wissen
22   oder Nicht=Wissen der Gegenstände, d. i. entweder der Entscheidung über
23   die Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen und Unvermögen
24   der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urtheilen, also entweder unsere
25   reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern, oder ihr bestimmte und
26   sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die aus der obigen allgemeinen
27   Aufgabe fließt, würde mit Recht diese sein: Wie ist Metaphysik
28   als Wissenschaft möglich?


29   Die Kritik der Vernunft führt also zuletzt nothwendig zur Wissenschaft, [op 23]
30   der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose
31   Behauptungen, denen man eben so scheinbare entgegensetzen kann,
32   mithin zum Scepticismus.


33   Auch kann diese Wissenschaft nicht von großer, abschreckender Weitläuftigkeit
34   sein, weil sie es nicht mit Objecten der Vernunft, deren
35   Mannigfaltigkeit unendlich ist, sondern es bloß mit sich selbst, mit Aufgaben,
36   die ganz aus ihrem Schooße entspringen und ihr nicht durch die
37   Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre eigene


[seite 042]


01   vorgelegt sind, zu thun hat; da es denn, wenn sie zuvor ihr eigen Vermögen
02   in Ansehung der Gegenstände, die ihr in der Erfahrung vorkommen
03   mögen, vollständig hat kennen lernen, leicht werden muß, den Umfang
04   und die Grenzen ihres über alle Erfahrungsgrenzen versuchten Gebrauchs
05   vollständig und sicher zu bestimmen.


06   Man kann also und muß alle bisher gemachte Versuche, eine Metaphysik
07   dogmatisch zu Stande zu bringen, als ungeschehen ansehen; denn
08   was in der einen oder der anderen Analytisches, nämlich bloße Zergliederung
09   der Begriffe, ist, die unserer Vernunft a priori beiwohnen, ist noch
10   gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der eigentlichen
11   Metaphysik, nämlich seine Erkenntniß a priori synthetisch zu erweitern,
12   und ist zu diesem untauglich, weil sie bloß zeigt, was in diesen Begriffen
13   enthalten ist, nicht aber, wie wir a priori zu solchen Begriffen gelangen, [op 24]
14   um darnach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung der Gegenstände
15   aller Erkenntniß überhaupt bestimmen zu können. Es gehört auch nur
16   wenig Selbstverleugnung dazu, alle diese Ansprüche aufzugeben, da die
17   nicht abzuleugnende und im dogmatischen Verfahren auch unvermeidliche
18   Widersprüche der Vernunft mit sich selbst jede bisherige Metaphysik schon
19   längst um ihr Ansehen gebracht haben. Mehr Standhaftigkeit wird dazu
20   nöthig sein, sich durch die Schwierigkeit innerlich und den Widerstand
21   äußerlich nicht abhalten zu lassen, eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche
22   Wissenschaft, von der man wohl jeden hervorgeschossenen Stamm
23   abhauen, die Wurzel aber nicht ausrotten kann, durch eine andere, der bisherigen
24   ganz entgegengesetzte Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen
25   und fruchtbaren Wuchse zu befördern.


26   7.
27   Idee und Eintheilung einer besonderen Wissenschaft unter
28   dem Namen einer Kritik der reinen Vernunft.


29   Aus diesem allem ergiebt sich nun die Idee einer besondern Wissenschaft,
30   die Kritik der reinen Vernunft heißen kann. Denn Vernunft


[seite 043]


01   ist das Vermögen, welches die Principien der Erkenntniß a priori an
02   die Hand giebt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Principien,
03   etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen
04   Vernunft würde ein Inbegriff derjenigen Principien sein, nach denen alle [op 25]
05   reine Erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zu Stande gebracht
06   werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon
07   würde ein System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr
08   viel verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch hier überhaupt eine
09   Erweiterung unserer Erkenntniß und in welchen Fällen sie möglich sei:
10   so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurtheilung der reinen Vernunft,
11   ihrer Quellen und Grenzen als die Propädeutik zum System der
12   reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doctrin, sondern
13   nur Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen würde in
14   Ansehung der Speculation wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung,
15   sondern nur zur Läuterung unserer Vernunft dienen und sie von
16   Irrthümern frei halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne
17   alle Erkenntniß transscendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen,
18   sondern mit unserer Erkenntnißart von Gegenständen, so fern diese a priori
19   möglich sein soll, überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe
20   würde Transscendental=Philosophie heißen. Diese ist aber
21   wiederum für den Anfang noch zu viel. Denn weil eine solche Wissenschaft
22   sowohl die analytische Erkenntniß, als die synthetische a priori vollständig
23   enthalten müßte, so ist sie, so weit es unsere Absicht betrifft, von
24   zu weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen,
25   als sie unentbehrlich nothwendig ist, um die Principien der Synthesis [op 26]
26   a priori, als warum es uns nur zu thun ist, in ihrem ganzen Umfange
27   einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doctrin, sondern
28   nur transscendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die Erweiterung
29   der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung derselben zur Absicht


[seite 044]


01   hat und den Probirstein des Werths oder Unwerths aller Erkenntnisse
02   a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt beschäftigen. Eine
03   solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung wo möglich zu einem Organon,
04   und wenn dieses nicht gelingen sollte, wenigstens zu einem Kanon derselben,
05   nach welchem allenfalls dereinst das vollständige System der Philosophie
06   der reinen Vernunft, es mag nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung
07   ihrer Erkenntniß bestehen, sowohl analytisch als synthetisch dargestellt
08   werden könnte. Denn daß dieses möglich sei, ja daß ein solches
09   System von nicht gar großem Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz
10   zu vollenden, läßt sich schon zum voraus daraus ermessen, daß hier nicht
11   die Natur der Dinge, welche unerschöpflich ist, sondern der Verstand, der
12   über die Natur der Dinge urtheilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung
13   seiner Erkenntniß a priori den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrath,
14   weil wir ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen
15   bleiben kann und allem Vermuthen nach klein genug ist, um vollständig
16   aufgenommen, nach seinem Werthe oder Unwerthe beurtheilt und unter [op 27]
17   richtige Schätzung gebracht zu werden. Noch weniger darf man hier eine
18   Kritik der Bücher und Systeme der reinen Vernunft erwarten, sondern
19   die des reinen Vernunftvermögens selbst. Nur allein, wenn diese zum
20   Grunde liegt, hat man einen sicheren Probirstein, den philosophischen Gehalt
21   alter und neuer Werke in diesem Fache zu schätzen; widrigenfalls beurtheilt
22   der unbefugte Geschichtschreiber und Richter grundlose Behauptungen
23   anderer durch seine eigene, die eben so grundlos sind.


24   Die Transscendental=Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft,
25   wozu die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch,
26   d. i. aus Principien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit
27   und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen.
28   Sie ist das System aller Principien der reinen Vernunft. Daß diese
29   Kritik nicht schon selbst Transscendental=Philosophie heißt, beruht lediglich
30   darauf, daß sie, um ein vollständig System zu sein, auch eine ausführliche
31   Analysis der ganzen menschlichen Erkenntniß a priori enthalten
32   müßte. Nun muß zwar unsere Kritik allerdings auch eine vollständige
33   Herzählung aller Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntni


[seite 045]


01   ausmachen, vor Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser
02   Begriffe selbst, wie auch der vollständigen Recension der daraus abgeleiteten
03   enthält sie sich billig, theils weil diese Zergliederung nicht zweckmäßig [op 28]
04   wäre, indem sie die Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis
05   angetroffen wird, um deren Willen eigentlich die ganze Kritik da ist,
06   theils weil es der Einheit des Plans zuwider wäre, sich mit der Verantwortung
07   der Vollständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung zu befassen,
08   deren man in Ansehung seiner Absicht doch überhoben sein konnte.
09   Diese Vollständigkeit der Zergliederung sowohl, als der Ableitung aus
10   den künftig zu liefernden Begriffen a priori ist indessen leicht zu ergänzen,
11   wenn sie nur allererst als ausführliche Principien der Synthesis dasind,
12   und in Ansehung dieser wesentlichen Absicht nichts ermangelt.


13   Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die Transscendental
14   Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee der
15   Transscendental=Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst, weil
16   sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurtheilung
17   der synthetischen Erkenntniß a priori erforderlich ist.


18   Das vornehmste Augenmerk bei der Eintheilung einer solchen Wissenschaft
19   ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas
20   Empirisches in sich enthalten, oder daß die Erkenntniß a priori völlig rein
21   sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität und die Grundbegriffe
22   derselben Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie doch nicht in [op 29]
23   die Transscendental=Philosophie, weil sie die Begriffe der Lust und Unlust,
24   der Begierden und Neigungen etc., die insgesammt empirischen Ursprungs
25   sind, zwar selbst nicht zum Grunde ihrer Vorschriften legen, aber
26   doch im Begriffe der Pflicht als Hinderniß, das überwunden, oder als
27   Anreitz, der nicht zum Bewegungsgrunde gemacht werden soll, nothwendig
28   in die Abfassung des Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen
29   müssen. Daher ist die Transscendental=Philosophie eine Weltweisheit
30   der reinen, bloß speculativen Vernunft. Denn alles Praktische, so fern es
31   Triebfedern enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen Erkenntnißquellen
32   gehören.


[seite 046]


01   Wenn man nun die Eintheilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen
02   Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so mu
03   die, welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementarlehre, zweitens
04   eine Methodenlehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser Haupttheile
05   würde seine Unterabtheilung haben, deren Gründe sich gleichwohl
06   hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung oder
07   Vorerinnerung nöthig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntni
08   gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten
09   Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand,
10   durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber
11   gedacht werden. Sofern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten [op 30]
12   sollte, welche die Bedingung ausmachen, unter der uns Gegenstände
13   gegeben werden, so würde sie zur Transscendental=Philosophie gehören.
14   Die transscendentale Sinnenlehre würde zum ersten Theile der
15   Elementar=Wissenschaft gehören müssen, weil die Bedingungen, worunter
16   allein die Gegenstände der menschlichen Erkenntniß gegeben werden, denjenigen
17   vorgehen, unter welchen selbige gedacht werden.


[seite 047]


01   Kritik
02   der
03   reinen Vernunft.
04   1.
05   Transscendentale Elementarlehre.


[seite 049]

[op 33]


01   Der
02   Transscendentalen Elementarlehre
03   Erster Theil.
04   Die transscendentale Ästhetik.


Einleitung
05   § 1.


06   Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntni
07   auf Gegenstände beziehen mag, so ist doch diejenige, wodurch sie
08   sich auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel
09   abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns der
10   Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum uns Menschen wenigstens
11   nur dadurch möglich, daß er das Gemüth auf gewisse Weise afficire.
12   Die Fähigkeit (Receptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir
13   von Gegenständen afficirt werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit.
14   Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und
15   sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden
16   sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe. Alles Denken aber
17   muß sich, es sei geradezu ( directe ), oder im Umschweife ( indirecte ), vermittelst
18   gewisser Merkmale zuletzt auf Anschauungen, mithin bei uns auf
19   Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben
20   werden kann.


[seite 050]

[op 34]
01   Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, sofern
02   wir von demselben afficirt werden, ist Empfindung. Diejenige Anschauung,
03   welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, heißt
04   empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung
05   heißt Erscheinung.


06   In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung correspondirt,
07   die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das
08   Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden
09   kann, nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worin sich die
10   Empfindungen allein ordnen und in gewisse Form gestellt werden können,
11   nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie
12   aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die Form derselben aber mu
13   zu ihnen insgesammt im Gemüthe a priori bereit liegen und daher abgesondert
14   von aller Empfindung können betrachtet werden.


15   Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transscendentalen Verstande),
16   in denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird. Demnach
17   wird die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüthe
18   a priori angetroffen werden, worin alles Mannigfaltige der Erscheinungen
19   in gewissen Verhältnissen angeschauet wird. Diese reine Form der [op 35]
20   Sinnlichkeit wird auch selber reine Anschauung heißen. So, wenn ich
21   von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt,
22   als Substanz, Kraft, Theilbarkeit etc., imgleichen was davon zur Empfindung
23   gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe etc., absondere, so bleibt
24   mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung
25   und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch
26   ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine
27   bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüthe stattfindet.


28   Eine Wissenschaft von allen Principien der Sinnlichkeit a priori
29   nenne ich die transscendentale Ästhetik.*) Es muß also eine solche



30   *) Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts Ästhetik bedienen,
31   um dadurch das zu bezeichnen, was andre Kritik des Geschmacks heißen. Es
32   liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten
33   faßte, die kritische Beurtheilung des Schönen unter Vernunftprincipien zu
34   bringen und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung
35   ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren vornehmsten Quellen'


22   nach bloß empirisch und können also niemals zu bestimmten Gesetzen a priori
23   dienen, wornach sich unser Geschmacksurtheil richten müßte; vielmehr macht das letztere
24   den eigentlichen Probirstein der Richtigkeit der ersteren aus. Um deswillen ist es
25   rathsam, diese Benennung entweder wiederum eingehen zu lassen und sie derjenigen
26   Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist (wodurch man auch der Sprache und
27   dem Sinne der Alten näher treten würde, bei denen die Eintheilung der Erkenntni
28   in aisθηta kai noηta sehr berühmt war), oder sich in die Benennung mit der speculativen
29   Philosophie zu theilen und die Ästhetik theils im transscendentalen Sinne,
30   theils in psychologischer Bedeutung zu nehmen.


[seite 051]

[op 36]
01   Wissenschaft geben, die den ersten Theil der transscendentalen Elementarlehre
02   ausmacht, im Gegensatz derjenigen, welche die Principien des reinen
03   Denkens enthält und transscendentale Logik genannt wird.


04   In der transscendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit
05   isoliren, dadurch daß wir alles absondern, was der Verstand
06   durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung
07   übrig bleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung
08   gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung und die
09   bloße Form der Erscheinungen übrig bleibe, welches das einzige ist, das
10   die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser Untersuchung wird sich
11   finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung als Principien
12   der Erkenntniß a priori gebe, nämlich Raum und Zeit, mit deren Erwägung
13   wir uns jetzt beschäftigen werden.

[op 37]


14   Der
15   Transscendentalen Ästhetik
16   Erster Abschnitt.
17   Von dem Raume.
18   § 2.


19   Metaphysische Erörterung dieses Begriffs.


20   Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüths)
21   stellen wir uns Gegenstände als außer uns und diese insgesammt im


[seite 052]


01   Raume vor. Darin ist ihre Gestalt, Größe und Verhältniß gegen einander
02   bestimmt oder bestimmbar. Der innere Sinn, vermittelst dessen
03   das Gemüth sich selbst oder seinen inneren Zustand anschauet, giebt zwar
04   keine Anschauung von der Seele selbst als einem Object; allein es ist doch
05   eine bestimmte Form, unter der die Anschauung ihres inneren Zustandes
06   allein möglich ist, so daß alles, was zu den inneren Bestimmungen gehört,
07   in Verhältnissen der Zeit vorgestellt wird. Äußerlich kann die Zeit nicht
08   angeschaut werden, so wenig wie der Raum als etwas in uns. Was sind
09   nun Raum und Zeit? Sind es wirkliche Wesen? Sind es zwar nur Bestimmungen
10   oder auch Verhältnisse der Dinge, aber doch solche, welche
11   ihnen auch an sich zukommen würden, wenn sie auch nicht angeschaut
12   würden, oder sind sie solche, die nur an der Form der Anschauung allein [op 38]
13   haften und mithin an der subjectiven Beschaffenheit unseres Gemüths,
14   ohne welche diese Prädicate gar keinem Dinge beigelegt werden können?
15   Um uns hierüber zu belehren, wollen wir zuerst den Begriff des Raumes
16   erörtern. Ich verstehe aber unter Erörterung ( expositio ) die deutliche
17   (wenn gleich nicht ausführliche) Vorstellung dessen, was zu einem Begriffe
18   gehört; metaphysisch aber ist die Erörterung, wenn sie dasjenige enthält,
19   was den Begriff als a priori gegeben darstellt.


20   1) Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen
21   abgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwas
22   außer mir bezogen werden (d. i. auf etwas in einem andern Orte des
23   Raumes, als darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außer
24   und neben einander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenen
25   Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes
26   schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes
27   nicht aus den Verhältnissen der äußern Erscheinung durch Erfahrung erborgt
28   sein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte
29   Vorstellung allererst möglich.


30   2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allen
31   äußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine
32   Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz [op 39]
33   wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er


[seite 053]


01   wird also als die Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen und nicht
02   als eine von ihnen abhängende Bestimmung angesehen und ist eine Vorstellung
03   a priori, die nothwendiger Weise äußeren Erscheinungen zum
04   Grunde liegt.


05   3) Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeiner
06   Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.
07   Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen,
08   und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter
09   nur Theile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile können
10   auch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam als dessen
11   Bestandtheile (daraus seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen,
12   sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltige
13   in ihm, mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen überhaupt
14   beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehung
15   seiner eine Anschauung a priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffen
16   von demselben zum Grunde liegt. So werden auch alle geometrische
17   Grundsätze, z. E. daß in einem Triangel zwei Seiten zusammen
18   größer sind, als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linie
19   und Triangel, sondern aus der Anschauung und zwar a priori mit apodiktischer
20   Gewißheit abgeleitet.


21   4) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. [op 40]
22   Nun muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die
23   in einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen
24   (als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich
25   enthält: aber kein Begriff als ein solcher kann so gedacht werden, als ob
26   er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl
27   wird der Raum so gedacht (denn alle Theile des Raumes ins unendliche
28   sind zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung
29   a priori und nicht Begriff.


[seite 054]


01   § 3.
02   Transscendentale Erörterung des Begriffs vom Raume.


03   Ich verstehe unter einer transscendentalen Erörterung die Erklärung
04   eines Begriffs als eines Princips, woraus die Möglichkeit anderer
05   synthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser
06   Absicht wird erfordert: 1) daß wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem
07   gegebenen Begriffe herfließen, 2) daß diese Erkenntnisse nur unter der
08   Voraussetzung einer gegebenen Erklärungsart dieses Begriffs möglich sind.
09   Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigenschaften des Raums
10   synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muß die Vorstellung des
11   Raumes denn sein, damit eine solche Erkenntniß von ihm möglich sei? Er [op 41]
12   muß ursprünglich Anschauung sein; denn aus einem bloßen Begriffe lassen
13   sich keine Sätze, die über den Begriff hinausgehen, ziehen, welches doch in
14   der Geometrie geschieht (Einleitung 5 ). Aber diese Anschauung mu
15   a priori, d. i. vor aller Wahrnehmung eines Gegenstandes, in uns angetroffen
16   werden, mithin reine, nicht empirische Anschauung sein. Denn die
17   geometrischen Sätze sind insgesammt apodiktisch, d. i. mit dem Bewußtsein
18   ihrer Nothwendigkeit verbunden, z. B. der Raum hat nur drei Abmessungen;
19   dergleichen Sätze aber können nicht empirische oder Erfahrungsurtheile
20   sein, noch aus ihnen geschlossen werden (Einleit. 2 ).


21   Wie kann nun eine äußere Anschauung dem Gemüthe beiwohnen, die
22   vor den Objecten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der letzteren
23   a priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als sofern sie
24   bloß im Subjecte, als die formale Beschaffenheit desselben von Objecten
25   afficirt zu werden und dadurch unmittelbare Vorstellung derselben,
26   d. i. Anschauung, zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als Form des
27   äußeren Sinnes überhaupt.


28   Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geometrie
29   als einer synthetischen Erkenntniß a priori begreiflich. Eine jede
30   Erklärungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine nach
31   mit ihr einige Ähnlichkeit hätte, kann an diesen Kennzeichen am sichersten
32   von ihr unterschieden werden.


[seite 055]

[op 42]
01   Schlüsse aus obigen Begriffen.


02   a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an
03   sich, oder sie in ihrem Verhältniß auf einander vor, d. i. keine Bestimmung
04   derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wenn man
05   auch von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung abstrahirte.
06   Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Dasein
07   der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori angeschaut
08   werden.


09   b) Der Raum ist nichts anders, als nur die Form aller Erscheinungen
10   äußerer Sinne, d. i. die subjective Bedingung der Sinnlichkeit,
11   unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die Receptivität
12   des Subjects, von Gegenständen afficirt zu werden, nothwendiger
13   Weise vor allen Anschauungen dieser Objecte vorhergeht, so läßt sich
14   verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen,
15   mithin a priori im Gemüthe gegeben sein könne, und wie sie
16   als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werden
17   müssen, Principien der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthalten
18   könne.


19   Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen vom
20   Raum, von ausgedehnten Wesen etc. reden. Gehen wir von der subjectiven
21   Bedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommen
22   können, so wie wir nämlich von den Gegenständen afficirt werden [op 43]
23   mögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses Prädicat
24   wird den Dingen nur in so fern beigelegt, als sie uns erscheinen,
25   d. i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form dieser Receptivität,
26   welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine nothwendige Bedingung
27   aller Verhältnisse, darin Gegenstände als außer uns angeschauet werden,
28   und wenn man von diesen Gegenständen abstrahirt , eine reine Anschauung,
29   welche den Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Bedingungen
30   der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen,
31   sondern nur ihrer Erscheinungen machen können, so können wir wohl
32   sagen, daß der Raum alle Dinge befasse, die uns äußerlich erscheinen
33   mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschaut
34   werden oder nicht, oder auch von welchem Subject man wolle. Denn wir
35   können von den Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht urtheilen,


[seite 056]


01   ob sie an die nämlichen Bedingungen gebunden seien, welche unsere
02   Anschauung einschränken und für uns allgemein gültig sind. Wenn wir
03   die Einschränkung eines Urtheils zum Begriff des Subjects hinzufügen,
04   so gilt das Urtheil alsdann unbedingt. Der Satz: Alle Dinge sind neben
05   einander im Raum, gilt unter der Einschränkung, wenn diese Dinge als
06   Gegenstände unserer sinnlichen Anschauung genommen werden. Füge ich
07   hier die Bedingung zum Begriffe und sage: Alle Dinge als äußere Erscheinungen
08   sind neben einander im Raum, so gilt diese Regel allgemein [op 44]
09   und ohne Einschränkung. Unsere Erörterungen lehren demnach die Realität
10   (d. i. die objective Gültigkeit) des Raumes in Ansehung alles
11   dessen, was äußerlich als Gegenstand uns vorkommen kann, aber zugleich
12   die Idealität des Raums in Ansehung der Dinge, wenn sie durch die
13   Vernunft an sich selbst erwogen werden, d. i. ohne Rücksicht auf die Beschaffenheit
14   unserer Sinnlichkeit zu nehmen. Wir behaupten also die empirische
15   Realität des Raumes (in Ansehung aller möglichen äußeren
16   Erfahrung), obzwar die transscendentale Idealität desselben, d. i.
17   daß er Nichts sei, so bald wir die Bedingung der Möglichkeit aller Erfahrung
18   weglassen und ihn als etwas, was den Dingen an sich selbst zum
19   Grunde liegt, annehmen.


20   Es giebt aber auch außer dem Raum keine andere subjective und auf
21   etwas Äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objectiv heißen könnte.
22   Denn man kann von keiner derselben synthetische Sätze a priori, wie von
23   der Anschauung im Raume herleiten (§ 3). Daher ihnen, genau zu reden,
24   gar keine Idealität zukommt, ob sie gleich darin mit der Vorstellung des
25   Raumes übereinkommen, daß sie bloß zur subjectiven Beschaffenheit der
26   Sinnesart gehören, z. B. des Gesichts, Gehörs, Gefühls, durch die Empfindungen
27   der Farben, Töne und Wärme, die aber, weil sie bloß Empfindungen
28   und nicht Anschauungen sind, an sich kein Object, am wenigsten
29   a priori erkennen lassen.

[op 45]


30   Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß man
31   die behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche
32   Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben, Geschmack
33   etc. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern bloß als


[seite 057]


01   Veränderungen unseres Subjects, die sogar bei verschiedenen Menschen
02   verschieden sein können, betrachtet werden. Denn in diesem Falle gilt das,
03   was ursprünglich selbst nur Erscheinung ist, z. B. eine Rose, im empirischen
04   Verstande für ein Ding an sich selbst, welches doch jedem Auge in
05   Ansehung der Farbe anders erscheinen kann. Dagegen ist der transscendentale
06   Begriff der Erscheinungen im Raume eine kritische Erinnerung,
07   daß überhaupt nichts, was im Raume angeschaut wird, eine Sache
08   an sich, noch daß der Raum eine Form der Dinge sei, die ihnen etwa an
09   sich selbst eigen wäre, sondern daß uns die Gegenstände an sich gar nicht
10   bekannt seien, und, was wir äußere Gegenstände nennen, nichts anders
11   als bloße Vorstellungen unserer Sinnlichkeit seien, deren Form der Raum
12   ist, deren wahres Correlatum aber, d. i. das Ding an sich selbst, dadurch
13   gar nicht erkannt wird, noch erkannt werden kann, nach welchem aber auch
14   in der Erfahrung niemals gefragt wird.

[op 46]


15   Der
16   Transscendentalen Ästhetik
17   Zweiter Abschnitt.
18   Von der Zeit.
19   § 4.


20   Metaphysische Erörterung des Begriffs der Zeit.


21   Die Zeit ist 1) kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung
22   abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen
23   würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung
24   der Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzung
25   kann man sich vorstellen: daß einiges zu einer und derselben Zeit
26   (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nach einander) sei.


27   2) Die Zeit ist eine nothwendige Vorstellung, die allen Anschauungen
28   zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt
29   die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen
30   aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In


[seite 058]


01   ihr allein ist alle Wirklichkeit der Erscheinungen möglich. Diese können
02   insgesammt wegfallen, aber sie selbst (als die allgemeine Bedingung ihrer
03   Möglichkeit) kann nicht aufgehoben werden.

[op 47]


04   3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit
05   apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomen
06   von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeiten
07   sind nicht zugleich, sondern nach einander (so wie verschiedene Räume
08   nicht nach einander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze können aus
09   der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder Strenge Allgemeinheit,
10   noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden nur sagen
11   können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muß es sich
12   verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhaupt
13   Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben und nicht durch
14   dieselbe.


15   4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
16   Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene
17   Zeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur
18   durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung.
19   Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich
20   sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der
21   Satz ist synthetisch und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er
22   ist also in der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.


23   5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle bestimmte [op 48]
24   Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum
25   Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche Vorstellung
26   Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Theile
27   selbst und jede Größe eines Gegenstandes nur durch Einschränkung bestimmt
28   vorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nicht
29   durch Begriffe gegeben sein (denn die enthalten nur Theilvorstellungen),
30   sondern es muß ihnen unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen.


[seite 059]


01   § 5.
02   Transscendentale Erörterung des Begriffs der Zeit.


03   Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein,
04   das, was eigentlich transscendental ist, unter die Artikel der metaphysischen
05   Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, daß der Begriff
06   der Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung (als Veränderung
07   des Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung möglich ist; daß,
08   wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) a priori wäre, kein Begriff,
09   welcher es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung, d. i. einer
10   Verbindung contradictorisch entgegengesetzter Prädicate (z. B. das Sein
11   an einem Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselben
12   Orte) in einem und demselben Objecte, begreiflich machen könnte. Nur [op 49]
13   in der Zeit können beide contradictorisch=entgegengesetzte Bestimmungen
14   in einem Dinge, nämlich nach einander, anzutreffen sein. Also erklärt
15   unser Zeitbegriff die Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntniß a priori
16   als die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, darlegt.


17   § 6.
18   Schlüsse aus diesen Begriffen.


19   a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestände, oder den
20   Dingen als objective Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn
21   man von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirt:
22   denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand
23   dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie
24   als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht
25   vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen und a priori durch
26   synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Dieses letztere findet
27   dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingung
28   ist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann
29   diese Form der innern Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priori
30   vorgestellt werden.


31   b) Die Zeit ist nichts anders als die Form des innern Sinnes, d. i.
32   des Anschauens unserer selbst und unseres innern Zustandes. Denn die


[seite 060]

[op 50]
01   Zeit kann keine Bestimmung äußerer Erscheinungen sein: sie gehört weder
02   zu einer Gestalt, oder Lage etc.; dagegen bestimmt sie das Verhältniß der
03   Vorstellungen in unserm innern Zustande. Und eben weil diese innre
04   Anschauung keine Gestalt giebt, suchen wir auch diesen Mangel durch
05   Analogien zu ersetzen und stellen die Zeitfolge durch eine ins Unendliche
06   fortgehende Linie vor, in welcher das Mannigfaltige eine Reihe ausmacht,
07   die nur von einer Dimension ist, und schließen aus den Eigenschaften dieser
08   Linie auf alle Eigenschaften der Zeit außer dem einigen, daß die
09   Theile der erstern zugleich, die der letztern aber jederzeit nach einander
10   sind. Hieraus erhellt auch, daß die Vorstellung der Zeit selbst Anschauung
11   sei, weil alle ihre Verhältnisse sich an einer äußern Anschauung ausdrücken
12   lassen.


13   c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen
14   überhaupt. Der Raum als die reine Form aller äußeren Anschauung
15   ist als Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt.
16   Dagegen weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstande
17   haben oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen des
18   Gemüths, zum innern Zustande gehören; dieser innere Zustand aber
19   unter der formalen Bedingung der innern Anschauung, mithin der Zeit
20   gehört: so ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhaupt
21   und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen) [op 51]
22   und eben dadurch mittelbar auch der äußern Erscheinungen. Wenn ich
23   a priori sagen kann: alle äußere Erscheinungen sind im Raume und nach
24   den Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so kann ich aus dem
25   Princip des innern Sinnes ganz allgemein sagen: alle Erscheinungen
26   überhaupt, d. i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit und stehen
27   nothwendiger Weise in Verhältnissen der Zeit.


28   Wenn wir von unsrer Art, uns selbst innerlich anzuschauen und vermittelst
29   dieser Anschauung auch alle äußere Anschauungen in der Vorstellungskraft
30   zu befassen, abstrahiren und mithin die Gegenstände nehmen,
31   so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie ist
32   nur von objectiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil dieses
33   schon Dinge sind, die wir als Gegenstände unsrer Sinne annehmen;
34   aber sie ist nicht mehr objectiv, wenn man von der Sinnlichkeit unsrer
35   Anschauung, mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigenthümlich
36   ist, abstrahirt und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also
37   lediglich eine subjective Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung


[seite 061]


01   (welche jederzeit sinnlich ist, d. i. sofern wir von Gegenständen afficirt
02   werden) und an sich, außer dem Subjecte, nichts. Nichts desto weniger
03   ist sie in Ansehung aller Erscheinungen, mithin auch aller Dinge, die uns
04   in der Erfahrung vorkommen können, nothwendiger Weise objectiv. Wir
05   können nicht sagen: alle Dinge sind in der Zeit, weil bei dem Begriff der [op 52]
06   Dinge überhaupt von aller Art der Anschauung derselben abstrahirt wird,
07   dieser aber die eigentliche Bedingung ist, unter der die Zeit in die Vorstellung
08   der Gegenstände gehört. Wird nun die Bedingung zum Begriffe
09   hinzugefügt, und es heißt: alle Dinge als Erscheinungen (Gegenstände
10   der sinnlichen Anschauung) sind in der Zeit, so hat der Grundsatz seine
11   gute objective Richtigkeit und Allgemeinheit a priori.


12   Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der
13   Zeit, d. i. objective Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals
14   unsern Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit
15   sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand
16   gegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegen
17   bestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, da sie
18   nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksicht
19   zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge.
20   Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich zukommen, können
21   uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht also
22   die transscendentale Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn man
23   von den subjectiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahirt,
24   gar nichts ist und den Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältni
25   auf unsere Anschauung) weder subsistirend noch inhärirend beigezählt [op 53]
26   werden kann. Doch ist diese Idealität eben so wenig wie die des Raumes
27   mit den Subreptionen der Empfindungen in Vergleichung zu stellen, weil
28   man doch dabei von der Erscheinung selbst, der diese Prädicate inhäriren,
29   voraussetzt, daß sie objective Realität habe, die hier gänzlich wegfällt,
30   außer sofern sie bloß empirisch ist, d. i. den Gegenstand selbst bloß als
31   Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts
32   nachzusehen ist.


33   § 7.
34   Erläuterung.


35   Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht,
36   aber die absolute und transscendentale bestreitet, habe ich von einsehenden


[seite 062]


01   Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, daß ich daraus abnehme,
02   er müsse sich natürlicher Weise bei jedem Leser, dem diese Betrachtungen
03   ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet also: Veränderungen sind
04   wirklich (dies beweiset der Wechsel unserer eigenen Vorstellungen, wenn
05   man gleich alle äußere Erscheinungen sammt deren Veränderungen leugnen
06   wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit möglich, folglich
07   ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung hat keine Schwierigkeit.
08   Ich gebe das ganze Argument zu. Die Zeit ist allerdings etwas Wirkliches,
09   nämlich die wirkliche Form der innern Anschauung. Sie hat also
10   subjective Realität in Ansehung der innern Erfahrung, d. i. ich habe wirklich [op 54]
11   die Vorstellung von der Zeit und meinen Bestimmungen in ihr. Sie
12   ist also wirklich, nicht als Object, sondern als die Vorstellungsart meiner
13   selbst als Objects anzusehen. Wenn aber ich selbst oder ein ander Wesen
14   mich ohne diese Bedingung der Sinnlichkeit anschauen könnte, so würden
15   eben dieselben Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen,
16   eine Erkenntniß geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin
17   auch der Veränderung gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre empirische
18   Realität als Bedingung aller unsrer Erfahrungen. Nur die absolute Realität
19   kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden werden.
20   Sie ist nichts, als die Form unsrer inneren Anschauung.*) Wenn man
21   von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimmt, so verschwindet
22   auch der Begriff der Zeit, und sie hängt nicht an den Gegenständen
23   selbst, sondern bloß am Subjecte, welches sie anschauet.


24   Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht
25   wird und zwar von denen, die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität [op 55]
26   des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die
27   absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch darthun zu
28   können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die Wirklichkeit
29   äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist: dagegen
30   die des Gegenstandes unserer innern Sinnen (meiner selbst und meines
31   Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten ein
32   bloßer Schein sein, dieser aber ist ihrer Meinung nach unleugbar etwas
33   Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man ihre Wirklichkeit



34   *) Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das heißt
35   nur, wir sind uns ihrer als in einer Zeitfolge, d. i. nach der Form des innern
36   Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht etwas an sich selbst, auch keine den Dingen
37   objectiv anhängende Bestimmung.


[seite 063]


01   als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur zur Erscheinung
02   gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine, da das Object an sich
03   selbst betrachtet wird (unangesehen der Art, dasselbe anzuschauen, dessen
04   Beschaffenheit aber eben darum jederzeit problematisch bleibt), die andere,
05   da auf die Form der Anschauung dieses Gegenstandes gesehen wird, welche
06   nicht in dem Gegenstande an sich selbst, sondern im Subjecte, dem derselbe
07   erscheint, gesucht werden muß, gleichwohl aber der Erscheinung dieses Gegenstandes
08   wirklich und nothwendig zukommt.


09   Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnißquellen, aus denen
10   a priori verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können,
11   wie vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom [op 56]
12   Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel giebt. Sie sind
13   nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen Anschauung
14   und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich. Aber
15   diese Erkenntnißquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (daß sie blo
16   Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich daß sie blo
17   auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen betrachtet werden,
18   nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene allein sind das Feld ihrer
19   Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht, weiter kein objectiver Gebrauch
20   derselben stattfindet. Diese Realität des Raumes und der Zeit läßt übrigens
21   die Sicherheit der Erfahrungserkenntniß unangetastet: denn wir
22   sind derselben eben so gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst,
23   oder nur unsrer Anschauung dieser Dinge nothwendiger Weise anhängen.
24   Dagegen die, so die absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten,
25   sie mögen sie nun als subsistirend oder nur inhärirend annehmen,
26   mit den Principien der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn entschließen
27   sie sich zum ersteren (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen
28   Naturforscher ist), so müssen sie zwei ewige und unendliche für
29   sich bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche dasind (ohne
30   daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu befassen.
31   Nehmen sie die zweite Partei (von der einige metaphysische Naturlehrer
32   sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der Erfahrung abstrahirte, [op 57]
33   obzwar in der Absonderung verworren vorgestellte, Verhältnisse der
34   Erscheinungen (neben oder nach einander): so müssen sie den mathematischen
35   Lehren a priori in Ansehung wirklicher Dinge (z. E. im Raume)
36   ihre Gültigkeit, wenigstens die apodiktische Gewißheit bestreiten, indem
37   diese a posteriori gar nicht stattfindet, und die Begriffe a priori von


[seite 064]


01   Raum und Zeit dieser Meinung nach nur Geschöpfe der Einbildungskraft
02   sind, deren Quell wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren
03   abstrahirten Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was
04   zwar das Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restrictionen, welche
05   die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die ersteren
06   gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen sich das
07   Feld der Erscheinungen frei machen. Dagegen verwirren sie sich sehr durch
08   eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld hinausgehen
09   will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren, nämlich da
10   die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den Weg kommen,
11   wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern bloß im Verhältni
12   auf den Verstand urtheilen wollen; können aber weder von der
13   Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen eine wahre
14   und objectiv gültige Anschauung a priori fehlt) Grund angeben, noch die
15   Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in nothwendige Einstimmung [op 58]
16   bringen. In unserer Theorie von der wahren Beschaffenheit dieser zwei
17   ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit ist beiden Schwierigkeiten abgeholfen.


19   Daß schließlich die transscendentale Ästhetik nicht mehr als diese zwei
20   Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus klar, weil
21   alle andre zur Sinnlichkeit gehörige Begriffe, selbst der der Bewegung,
22   welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches voraussetzen. Denn
23   diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem voraus. Im Raum,
24   an sich selbst betrachtet, ist aber nichts Bewegliches: daher das Bewegliche
25   etwas sein muß, was im Raume nur durch Erfahrung gefunden
26   wird, mithin ein empirisches Datum. Eben so kann die transscendentale
27   Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung unter ihre Data a priori zählen:
28   denn die Zeit selbst verändert sich nicht, sondern etwas, das in der
29   Zeit ist. Also wird dazu die Wahrnehmung von irgend einem Dasein
30   und der Succession seiner Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert.


[seite 065]

[op 59]


01   § 8.
02   Allgemeine Anmerkungen
03   zur
04   Transscendentalen Ästhetik.


05   1. Zuerst wird es nöthig sein, uns so deutlich als möglich zu erklären,
06   was in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkenntni
07   überhaupt unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben vorzubeugen.


09   Wir haben also sagen wollen: daß alle unsre Anschauung nichts als
10   die Vorstellung von Erscheinung sei; daß die Dinge, die wir anschauen,
11   nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse
12   so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen, und daß, wenn wir
13   unser Subject oder auch nur die subjective Beschaffenheit der Sinne überhaupt
14   aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objecte im
15   Raum und Zeit, ja selbst Raum und Zeit verschwinden würden und als
16   Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existiren können.
17   Was es für eine Bewandtniß mit den Gegenständen an sich und abgesondert
18   von aller dieser Receptivität unserer Sinnlichkeit haben möge,
19   bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als unsere Art, sie
20   wahrzunehmen, die uns eigenthümlich ist, die auch nicht nothwendig jedem
21   Wesen, ob zwar jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir [op 60]
22   es lediglich zu thun. Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben,
23   Empfindung überhaupt die Materie. Jene können wir allein a priori, d. i.
24   vor aller wirklichen Wahrnehmung, erkennen, und sie heißt darum reine
25   Anschauung; diese aber ist das in unserm Erkenntniß, was da macht, da
26   es Erkenntniß a posteriori, d. i. empirische Anschauung, heißt. Jene hängen
27   unsrer Sinnlichkeit schlechthin nothwendig an, welcher Art auch unsere
28   Empfindungen sein mögen; diese können sehr verschieden sein. Wenn wir
29   diese unsre Anschauung auch zum höchsten Grade der Deutlichkeit bringen
30   könnten, so würden wir dadurch der Beschaffenheit der Gegenstände an
31   sich selbst nicht näher kommen. Denn wir würden auf allen Fall doch nur
32   unsre Art der Anschauung, d. i. unsere Sinnlichkeit, vollständig erkennen
33   und diese immer nur unter den dem Subject ursprünglich anhängenden


[seite 066]


01   Bedingungen von Raum und Zeit; was die Gegenstände an sich selbst
02   sein mögen, würde uns durch die aufgeklärteste Erkenntniß der Erscheinung
03   derselben, die uns allein gegeben ist, doch niemals bekannt
04   werden.


05   Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene Vorstellung
06   der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen an sich
07   selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von Merkmalen
08   und Theilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein auseinander setzen,
09   ist eine Verfälschung des Begriffs von Sinnlichkeit und von Erscheinung,
10   welche die ganze Lehre derselben unnütz und leer macht. Der Unterschied [op 61]
11   einer undeutlichen von der deutlichen Vorstellung ist bloß logisch und betrifft
12   nicht den Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht,
13   dessen sich der gesunde Verstand bedient, eben dasselbe, was die subtilste
14   Speculation aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und praktischen
15   Gebrauche man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesem
16   Gedanken nicht bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der gemeine
17   Begriff sinnlich sei und eine bloße Erscheinung enthalte, denn das
18   Recht kann gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande
19   und stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die
20   ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines
21   Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich
22   selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas und die
23   Art, wie wir dadurch afficirt werden, und diese Receptivität unserer Erkenntnißfähigkeit
24   heißt Sinnlichkeit und bleibt von der Erkenntniß des
25   Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die Erscheinung) gleich bis auf
26   den Grund durchschauen möchte, dennoch himmelweit unterschieden.


27   Die LeibnizPI=Wolffische Philosophie hat daher allen Untersuchungen
28   über die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten
29   Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit
30   vom Intellectuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar transscendental [op 62]
31   ist und nicht bloß die Form der Deutlichkeit der Undeutlichkeit,
32   sondern den Ursprung und den Inhalt derselben betrifft, so daß wir durch
33   die erstere die Beschaffenheit der Dinge an sich selbst nicht bloß undeutlich,
34   sondern gar nicht erkennen, und, so bald wir unsre subjective Beschaffenheit
35   wegnehmen, das vorgestellte Object mit den Eigenschaften, die ihm
36   die sinnliche Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch


[seite 067]


01   angetroffen werden kann, indem eben diese subjective Beschaffenheit die
02   Form desselben als Erscheinung bestimmt.


03   Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der Anschauung
04   derselben wesentlich anhängt und für jeden menschlichen Sinn
05   überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälliger Weise zukommt,
06   indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt, sondern
07   nur auf eine besondre Stellung oder Organisation dieses oder jenes
08   Sinnes gültig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntniß eine solche,
09   die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite aber nur die Erscheinung
10   desselben. Dieser Unterschied ist aber nur empirisch. Bleibt man
11   dabei stehen (wie es gemeiniglich geschieht) und sieht jene empirische Anschauung
12   nicht wiederum (wie es geschehen sollte) als bloße Erscheinung
13   an, so daß darin gar nichts, was irgend eine Sache an sich selbst anginge,
14   anzutreffen ist, so ist unser transscendentaler Unterschied verloren, und
15   wir glauben alsdann doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich [op 63]
16   überall (in der Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer
17   Gegenstände mit nichts als Erscheinungen zu thun haben. So werden
18   wir zwar den Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnenregen
19   nennen, diesen Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig
20   ist, so fern wir den letztern Begriff nur physisch verstehen, als das, was
21   in der allgemeinen Erfahrung unter allen verschiedenen Lagen zu den
22   Sinnen doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen
23   wir aber dieses Empirische überhaupt und fragen, ohne uns an die Einstimmung
24   desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch dieses
25   einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen, denn die sind dann
26   schon als Erscheinungen empirische Objecte) vorstelle, so ist die Frage von
27   der Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand transscendental, und
28   nicht allein diese Tropfen sind bloße Erscheinungen, sondern selbst ihre
29   runde Gestalt, ja sogar der Raum, in welchem sie fallen, sind nichts an
30   sich selbst, sondern bloße Modificationen oder Grundlagen unserer sinnlichen
31   Anschauung, das transscendentale Object aber bleibt uns unbekannt.


33   Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transscendentalen Ästhetik
34   ist, daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe, sondern
35   so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie gefordert
36   werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit
37   völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgend einen Fall wählen, woran


[seite 068]

[op 64]
01   dessen Gültigkeit augenscheinlich werden und zu mehrer Klarheit dessen,
02   was § 3 angeführt worden, dienen kann.


03   Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objectiv und Bedingungen
04   der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich erstlich:
05   daß von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze in großer Zahl,
06   vornehmlich vom Raum, vorkommen, welchen wir darum vorzüglich hier
07   zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der Geometrie synthetisch
08   a priori und mit apodiktischer Gewißheit erkannt werden, so frage ich:
09   woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf stützt sich unser Verstand,
10   um zu dergleichen schlechthin nothwendigen und allgemein gültigen Wahrheiten
11   zu gelangen? Es ist kein anderer Weg, als durch Begriffe oder
12   durch Anschauungen, beide aber als solche, die entweder a priori oder
13   a posteriori gegeben sind. Die letztern, nämlich empirische Begriffe, imgleichen
14   das, worauf sie sich gründen, die empirische Anschauung, können
15   keinen synthetischen Satz geben als nur einen solchen, der auch bloß empirisch,
16   d. i. ein Erfahrungssatz, ist, mithin niemals Nothwendigkeit und
17   absolute Allgemeinheit enthalten kann, dergleichen doch das charakteristische
18   aller Sätze der Geometrie ist. Was aber das erstere und einzige
19   Mittel sein würde, nämlich durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen
20   a priori zu dergleichen Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, daß aus
21   bloßen Begriffen gar keine synthetische Erkenntniß, sondern lediglich analytische [op 65]
22   erlangt werden kann. Nehmet nur den Satz, daß durch zwei
23   gerade Linien sich gar kein Raum einschließen lasse, mithin keine Figur
24   möglich sei, und versucht ihn aus dem Begriff von geraden Linien und
25   der Zahl zwei abzuleiten; oder auch, daß aus drei geraden Linien eine
26   Figur möglich sei, und versucht es eben so bloß aus diesen Begriffen. Alle
27   eure Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genöthigt, zur Anschauung
28   eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit thut.
29   Ihr gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung; von welcher Art
30   aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori oder eine empirische?
31   Wäre das letzte, so könnte niemals ein allgemein gültiger, noch weniger
32   ein apodiktischer Satz daraus werden: denn Erfahrung kann dergleichen
33   niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand a priori in der Anschauung
34   geben und auf diesen euren synthetischen Satz gründen. Läge
35   nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen; wäre diese subjective


[seite 069]


01   Bedingung der Form nach nicht zugleich die allgemeine Bedingung
02   a priori, unter der allein das Object dieser (äußeren) Anschauung selbst
03   möglich ist; wäre der Gegenstand (der Triangel) etwas an sich selbst ohne
04   Beziehung auf euer Subject: wie könntet ihr sagen, daß, was in euren
05   subjectiven Bedingungen einen Triangel zu construiren nothwendig liegt,
06   auch dem Triangel an sich selbst nothwendig zukommen müsse? Denn ihr
07   könntet doch zu euren Begriffen (von drei Linien) nichts neues (die Figur) [op 66]
08   hinzufügen, welches darum nothwendig an dem Gegenstande angetroffen
09   werden müßte, da dieser vor eurer Erkenntniß und nicht durch dieselbe
10   gegeben ist. Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße
11   Form eurer Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter
12   denen allein Dinge für euch äußere Gegenstände sein können, die ohne
13   diese subjective Bedingungen an sich nichts sind: so könntet ihr a priori
14   ganz und gar nichts über äußere Objecte synthetisch ausmachen. Es ist
15   also ungezweifelt gewiß und nicht bloß möglich oder auch wahrscheinlich,
16   daß Raum und Zeit, als die nothwendigen Bedingungen aller (äußern
17   und innern) Erfahrung, bloß subjective Bedingungen aller unsrer Anschauung
18   sind, im Verhältniß auf welche daher alle Gegenstände bloße
19   Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art gegebene Dinge sind, von
20   denen sich auch um deswillen, was die Form derselben betrifft, vieles
21   a priori sagen läßt, niemals aber das Mindeste von dem Dinge an sich
22   selbst, das diesen Erscheinungen zum Grunde liegen mag.


23   2. Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äußeren
24   sowohl als inneren Sinnes, mithin aller Objecte der Sinne als bloßer
25   Erscheinungen kann vorzüglich die Bemerkung dienen: daß alles, was in
26   unserem Erkenntniß zur Anschauung gehört (also Gefühl der Lust und
27   Unlust und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse sind, ausgenommen)
28   nichts als bloße Verhältnisse enthalte, der Örter in einer Anschauung [op 67]
29   (Ausdehnung), Veränderung der Örter (Bewegung) und Gesetze, nach
30   denen diese Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber
31   in dem Orte gegenwärtig sei, oder was es außer der Ortveränderung in
32   den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben. Nun wird durch
33   bloße Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt: also ist wohl zu
34   urtheilen, daß, da uns durch den äußeren Sinn nichts als bloße Verhältnißvorstellungen


[seite 070]


01   gegeben werden, dieser auch nur das Verhältni
02   eines Gegenstandes auf das Subject in seiner Vorstellung enthalten
03   könne und nicht das Innere, was dem Objecte an sich zukommt. Mit der
04   inneren Anschauung ist es eben so bewandt. Nicht allein, daß darin die
05   Vorstellungen äußerer Sinne den eigentlichen Stoff ausmachen, womit
06   wir unser Gemüth besetzen, sondern die Zeit, in die wir diese Vorstellungen
07   setzen, die selbst dem Bewußtsein derselben in der Erfahrung vorhergeht
08   und als formale Bedingung der Art, wie wir sie im Gemüthe setzen,
09   zum Grunde liegt, enthält schon Verhältnisse des Nacheinander=, des Zugleichseins
10   und dessen, was mit dem Nacheinandersein zugleich ist (des
11   Beharrlichen). Nun ist das, was als Vorstellung vor aller Handlung
12   irgend etwas zu denken vorhergehen kann, die Anschauung und, wenn sie
13   nichts als Verhältnisse enthält, die Form der Anschauung, welche, da sie
14   nichts vorstellt, außer so fern etwas im Gemüthe gesetzt wird, nichts anders
15   sein kann als die Art, wie das Gemüth durch eigene Thätigkeit, nämlich [op 68]
16   dieses Setzen seiner Vorstellung, mithin durch sich selbst afficirt wird, d.
17   i. ein innerer Sinn seiner Form nach. Alles, was durch einen Sinn vorgestellt
18   wird, ist sofern jederzeit Erscheinung, und ein innerer Sinn würde
19   also entweder gar nicht eingeräumt werden müssen, oder das Subject,
20   welches der Gegenstand desselben ist, würde durch denselben nur als Erscheinung
21   vorgestellt werden können, nicht wie es von sich selbst urtheilen
22   würde, wenn seine Anschauung bloße Selbstthätigkeit, d. i. intellectuell,
23   wäre. Hiebei beruht alle Schwierigkeit nur darauf, wie ein Subject sich
24   selbst innerlich anschauen könne; allein diese Schwierigkeit ist jeder Theorie
25   gemein. Das Bewußtsein seiner selbst (Apperception) ist die einfache
26   Vorstellung des Ich, und wenn dadurch allein alles Mannigfaltige im
27   Subject selbstthätig gegeben wäre, so würde die innere Anschauung intellectuell
28   sein. Im Menschen erfordert dieses Bewußtsein innere Wahrnehmung
29   von dem Mannigfaltigen, was im Subjecte vorher gegeben
30   wird, und die Art, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüthe gegeben
31   wird, muß um dieses Unterschiedes Willen Sinnlichkeit heißen. Wenn das
32   Vermögen sich bewußt zu werden das, was im Gemüthe liegt, aufsuchen
33   (apprehendiren) soll, so muß es dasselbe afficiren und kann allein auf
34   solche Art eine Anschauung seiner selbst hervorbringen, deren Form aber,
35   die vorher im Gemüthe zum Grunde liegt, die Art, wie das Mannigfaltige [op 69]
36   im Gemüthe beisammen ist, in der Vorstellung der Zeit bestimmt;
37   da es denn sich selbst anschauet, nicht wie es sich unmittelbar selbstthätig


[seite 071]


01   vorstellen würde, sondern nach der Art wie es von innen afficirt wird,
02   folglich wie es sich erscheint, nicht wie es ist.


03   3. Wenn ich sage: im Raum und der Zeit stellt die Anschauung
04   sowohl der äußeren Objecte, als auch die Selbstanschauung des Gemüths
05   beides vor, so wie es unsere Sinne afficirt, d. i. wie es erscheint, so will
06   das nicht sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. Denn
07   in der Erscheinung werden jederzeit die Objecte, ja selbst die Beschaffenheiten,
08   die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes angesehen,
09   nur daß, so fern diese Beschaffenheit nur von der Anschauungsart des
10   Subjects in der Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt,
11   dieser Gegenstand als Erscheinung von ihm selber als Object an sich
12   unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloß außer
13   mir zu sein, oder meine Seele scheint nur in meinem Selbstbewußtsein
14   gegeben zu sein, wenn ich behaupte, daß die Qualität des Raums und der
15   Zeit, welcher als Bedingung ihres Daseins gemäß ich beide setze, in meiner
16   Anschauungsart und nicht in diesen Objecten an sich liege. Es wäre
17   meine eigene Schuld, wenn ich aus dem, was ich zur Erscheinung zählen [op 70]
18   sollte, bloßen Schein machte.)* Dieses geschieht aber nicht nach unserem
19   Princip der Idealität aller unserer sinnlichen Anschauungen; vielmehr
20   wenn man jenen Vorstellungsformen objective Realität beilegt, so
21   kann man nicht vermeiden, daß nicht alles dadurch in bloßen Schein verwandelt
22   werde. Denn wenn man den Raum und die Zeit als Beschaffenheiten
23   ansieht, die ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich angetroffen
24   werden müßten, und überdenkt die Ungereimtheiten, in die man sich alsdann
25   verwickelt, indem zwei unendliche Dinge, die nicht Substanzen, auch



26   *) Die Prädicate der Erscheinung können dem Objecte selbst beigelegt werden
27   in Verhältniß auf unseren Sinn, z. B. der Rose die rothe Farbe oder der Geruch;
28   aber der Schein kann niemals als Prädicat dem Gegenstande beigelegt werden, eben
29   darum weil er, was diesem nur in Verhältniß auf die Sinne oder überhaupt aufs
30   Subject zukommt, dem Object für sich beilegt, z. B. die zwei Henkel, die man anfänglich
31   dem Saturn beilegte. Was gar nicht am Objecte an sich selbst, jederzeit
32   aber im Verhältnisse desselben zum Subject anzutreffen und von der Vorstellung des
33   letzteren unzertrennlich ist, ist Erscheinung, und so werden die Prädicate des Raumes
34   und der Zeit mit Recht den Gegenständen der Sinne als solchen beigelegt, und hierin
35   ist kein Schein. Dagegen wenn ich der Rose an sich die Röthe, dem Saturn die
36   Henkel, oder allen äußeren Gegenständen die Ausdehnung an sich beilege, ohne auf
37   ein bestimmtes Verhältniß dieser Gegenstände zum Subject zu sehen und mein Urtheil
38   darauf einzuschränken, alsdann allererst entspringt der Schein.


[seite 072]


01   nicht etwas wirklich den Substanzen Inhärirendes, dennoch aber Existirendes, [op 71]
02   ja die nothwendige Bedingung der Existenz aller Dinge sein
03   müssen, auch übrig bleiben, wenn gleich alle existirende Dinge aufgehoben
04   werden: so kann man es dem guten Berkeley wohl nicht verdenken, wenn
05   er die Körper zu bloßem Schein herabsetzte; ja es müßte sogar unsere
06   eigene Existenz, die auf solche Art von der für sich bestehenden Realität
07   eines Undinges wie die Zeit abhängig gemacht wäre, mit dieser in lauter
08   Schein verwandelt werden, eine Ungereimtheit, die sich bisher noch niemand
09   hat zu Schulden kommen lassen.


10   4. In der natürlichen Theologie, da man sich einen Gegenstand
11   denkt, der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern
12   der ihm selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung
13   sein kann, ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung
14   (denn dergleichen muß alles sein Erkenntniß sein und nicht denken, welches
15   jederzeit Schranken beweiset) die Bedingungen der Zeit und des
16   Raumes wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses thun,
17   wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht hat
18   und zwar solchen, die als Bedingungen der Existenz der Dinge a priori
19   übrig bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte: denn
20   als Bedingungen alles Daseins überhaupt müßten sie es auch vom Dasein
21   Gottes sein. Es bleibt nichts übrig, wenn man sie nicht zu objectiven [op 72]
22   Formen aller Dinge machen will, als daß man sie zu subjectiven Formen
23   unserer äußeren sowohl als inneren Anschauungsart macht, die darum
24   sinnlich heißt, weil sie nicht ursprünglich, d. i. eine solche, ist, durch
25   die selbst das Dasein des Objects der Anschauung gegeben wird (und die,
26   so viel wir einsehen, nur dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem
27   Dasein des Objects abhängig, mithin nur dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit
28   des Subjects durch dasselbe afficirt wird, möglich ist.


29   Es ist auch nicht nöthig, daß wir die Anschauungsart in Raum und
30   Zeit auf die Sinnlichkeit des Menschen einschränken; es mag sein, da
31   alles endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen nothwendig übereinkommen
32   müsse (wiewohl wir dieses nicht entscheiden können), so hört
33   sie um dieser Allgemeingültigkeit Willen doch nicht auf Sinnlichkeit zu sein,
34   eben darum weil sie abgeleitet ( intuitus derivativus ), nicht ursprünglich
35   ( intuitus originarius ), mithin nicht intellectuelle Anschauung ist, als
36   welche aus dem eben angeführten Grunde allein dem Urwesen, niemals
37   aber einem seinem Dasein sowohl als seiner Anschauung nach (die sein


[seite 073]


01   Dasein in Beziehung auf gegebene Objecte bestimmt) abhängigen Wesen
02   zuzukommen scheint; wiewohl die letztere Bemerkung zu unserer ästhetischen
03   Theorie nur als Erläuterung, nicht als Beweisgrund gezählt werden
04   muß.

[op 73]


05   Beschluß der transscendentalen Ästhetik.


06   Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur Auflösung
07   der allgemeinen Aufgabe der Transscendentalphilosophie: wie
08   sind synthetische Sätze a priori möglich?, nämlich reine Anschauungen
09   a priori, Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im Urtheile a priori
10   über den gegebenen Begriff hinausgehen wollen, dasjenige antreffen,
11   was nicht im Begriffe, wohl aber in der Anschauung, die ihm entspricht,
12   a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch verbunden werden
13   kann, welche Urtheile aber aus diesem Grunde nie weiter, als auf Gegenstände
14   der Sinne reichen und nur für Objecte möglicher Erfahrung gelten
15   können.


[seite 074]

[op 74]


01   Der
02   Transscendentalen Elementarlehre
03   Zweiter Theil.
04   Die transscendentale Logik.


05   Einleitung.
06   Idee einer transscendentalen Logik.


07   1.
08   Von der Logik überhaupt.


09   Unsre Erkenntniß entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüths,
10   deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Receptivität der
11   Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen
12   Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere
13   wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältni
14   auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüths) gedacht.
15   Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer
16   Erkenntniß aus, so daß weder Begriffe ohne ihnen auf einige Art correspondirende
17   Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe ein Erkenntni
18   abgeben können. beide sind entweder rein oder empirisch. Empirisch,
19   wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt)
20   darin enthalten ist; rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung
21   beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen


[seite 075]

[op 75]
01   Erkenntniß nennen. Daher enthält reine Anschauung lediglich die Form,
02   unter welcher etwas angeschaut wird, und reiner Begriff allein die Form
03   des Denkens eines Gegenstandes überhaupt. Nur allein reine Anschauungen
04   oder Begriffe sind a priori möglich, empirische nur a posteriori.


05   Wollen wir die Receptivität unseres Gemüths, Vorstellungen zu
06   empfangen, so fern es auf irgend eine Weise afficirt wird, Sinnlichkeit
07   nennen: so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen,
08   oder die Spontaneität des Erkenntnisses der Verstand. Unsre
09   Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als
10   sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen
11   afficirt werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher
12   Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der
13   andern vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben
14   und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt
15   sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so
16   nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand
17   in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich
18   zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen oder
19   Fähigkeiten können auch ihre Functionen nicht vertauschen. Der Verstand
20   vermag nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, [op 76]
21   daß sie sich vereinigen, kann Erkenntniß entspringen. Deswegen darf
22   man aber doch nicht ihren Antheil vermischen, sondern man hat große
23   Ursache, jedes von dem andern sorgfältig abzusondern und zu unterscheiden.
24   Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit
25   überhaupt, d. i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln
26   überhaupt, d. i. der Logik.


27   Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen
28   werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besondern Verstandesgebrauchs.
29   Die erste enthält die schlechthin nothwendigen Regeln des
30   Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet, und
31   geht also auf diesen unangesehen der Verschiedenheit der Gegenstände, auf
32   welche er gerichtet sein mag. Die Logik des besondern Verstandesgebrauchs
33   enthält die Regeln, über eine gewisse Art von Gegenständen richtig zu
34   denken. Jene kann man die Elementarlogik nennen, diese aber das Organon
35   dieser oder jener Wissenschaft. Die letztere wird mehrentheils in den
36   Schulen als Propädeutik der Wissenschaften vorangeschickt, ob sie zwar
37   nach dem Gange der menschlichen Vernunft das Späteste ist, wozu sie


[seite 076]


01   allererst gelangt, wenn die Wissenschaft schon lange fertig ist und nur die
02   letzte Hand zu ihrer Berichtigung und Vollkommenheit bedarf. Denn
03   man muß die Gegenstände schon in ziemlich hohem Grade kennen, wenn [op 77]
04   man die Regeln angeben will, wie sich eine Wissenschaft von ihnen zu
05   Stande bringen lasse.


06   Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte
07   Logik. In der ersteren abstrahiren wir von allen empirischen Bedingungen,
08   unter denen unser Verstand ausgeübt wird, z. B. vom Einfluß der
09   Sinne, vom Spiele der Einbildung, den Gesetzen des Gedächtnisses, der
10   Macht der Gewohnheit, der Neigung etc., mithin auch den Quellen der
11   Vorurtheile, ja gar überhaupt von allen Ursachen, daraus uns gewisse
12   Erkenntnisse entspringen, oder untergeschoben werden mögen, weil sie blo
13   den Verstand unter gewissen Umständen seiner Anwendung betreffen, und,
14   um diese zu kennen, Erfahrung erfordert wird. Eine allgemeine, aber
15   reine Logik hat es also mit lauter Principien a priori zu thun und ist
16   ein Kanon des Verstandes und der Vernunft, aber nur in Ansehung
17   des Formalen ihres Gebrauchs, der Inhalt mag sein, welcher er wolle
18   (empirisch oder transscendental). Eine allgemeine Logik heißt aber
19   alsdann angewandt, wenn sie auf die Regeln des Gebrauchs des Verstandes
20   unter den subjectiven empirischen Bedingungen, die uns die Psychologie
21   lehrt, gerichtet ist. Sie hat also empirische Principien, ob sie zwar
22   in so fern allgemein ist, daß sie auf den Verstandesgebrauch ohne Unterschied
23   der Gegenstände geht. Um deswillen ist sie auch weder ein Kanon [op 78]
24   des Verstandes überhaupt, noch ein Organon besondrer Wissenschaften,
25   sondern lediglich ein Kathartikon des gemeinen Verstandes.


26   In der allgemeinen Logik muß also der Theil, der die reine Vernunftlehre
27   ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert werden,
28   welcher die angewandte (obzwar noch immer allgemeine) Logik ausmacht.
29   Der erstere ist eigentlich nur allein Wissenschaft, obzwar kurz und trocken,
30   und wie es die schulgerechte Darstellung einer Elementarlehre des Verstandes
31   erfordert. In dieser müssen also die Logiker jederzeit zwei Regeln
32   vor Augen haben.


33   1) Als allgemeine Logik abstrahirt sie von allem Inhalt der Verstandeserkenntni
34   und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände und hat mit
35   nichts als der bloßen Form des Denkens zu thun.


36   2) Als reine Logik hat sie keine empirische Principien, mithin schöpft
37   sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der Psychologie, die


[seite 077]


01   also auf den Kanon des Verstandes gar keinen Einfluß hat. Sie ist eine
02   demonstrirte Doctrin, und alles muß in ihr völlig a priori gewiß sein.


03   Was ich die angewandte Logik nenne (wider die gemeine Bedeutung
04   dieses Worts, nach der sie gewisse Exercitien, dazu die reine Logik die Regel
05   giebt, enthalten soll), so ist sie eine Vorstellung des Verstandes und
06   der Regeln seines nothwendigen Gebrauchs in concreto , nämlich unter [op 79]
07   den zufälligen Bedingungen des Subjects, die diesen Gebrauch hindern
08   oder befördern können, und die insgesammt nur empirisch gegeben werden.
09   Sie handelt von der Aufmerksamkeit, deren Hinderniß und folgen, dem
10   Ursprunge des Irrthums, dem Zustande des Zweifels, des Scrupels, der
11   Überzeugung u. s. w.; und zu ihr verhält sich die allgemeine und reine
12   Logik wie die reine Moral, welche bloß die nothwendigen sittlichen Gesetze
13   eines freien Willens überhaupt enthält, zu der eigentlichen Tugendlehre,
14   welche diese Gesetze unter den Hindernissen der Gefühle, Neigungen und
15   Leidenschaften, denen die Menschen mehr oder weniger unterworfen sind,
16   erwägt, und welche niemals eine wahre und demonstrirte Wissenschaft abgeben
17   kann, weil sie eben sowohl als jene angewandte Logik empirische
18   und psychologische Principien bedarf.


19   2.
20   Von der transscendentalen Logik.


21   Die allgemeine Logik abstrahirt, wie wir gewiesen, von allem Inhalt
22   der Erkenntniß, d. i. von aller Beziehung derselben auf das Object, und
23   betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse auf einander,
24   d. i. die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun aber sowohl
25   reine, als empirische Anschauungen giebt (wie die transscendentale Ästhetik
26   darthut), so könnte auch wohl ein Unterschied zwischen reinem und empirischem [op 80]
27   Denken der Gegenstände angetroffen werden. In diesem Falle
28   würde es eine Logik geben, in der man nicht von allem Inhalt der Erkenntni
29   abstrahirte; denn diejenige, welche bloß die Regeln des reinen
30   Denkens eines Gegenstandes enthielte, würde alle diejenigen Erkenntnisse
31   ausschließen, welche von empirischem Inhalte wären. Sie würde auch auf
32   den Ursprung unserer Erkenntnisse von Gegenständen gehen, so fern er
33   nicht den Gegenständen zugeschrieben werden kann, da hingegen die allgemeine
34   Logik mit diesem Ursprunge der Erkenntniß nichts zu thun hat
35   sondern die Vorstellungen, sie mögen uranfänglich a priori in uns selbst,


[seite 078]


01   oder nur empirisch gegeben sein, bloß nach den Gesetzen betrachtet, nach
02   welchen der Verstand sie im Verhältniß gegen einander braucht, wenn er
03   denkt, und also nur von der Verstandesform handelt, die den Vorstellungen
04   verschafft werden kann, woher sie auch sonst entsprungen sein mögen.


05   Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle nachfolgende
06   Betrachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen haben
07   muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntniß a priori, sondern nur die,
08   dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen
09   oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden oder möglich sind,
10   transscendental (d. i. die Möglichkeit der Erkenntniß oder der Gebrauch [op 81]
11   derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der Raum, noch irgend
12   eine geometrische Bestimmung desselben a priori eine transscendentale
13   Vorstellung, sondern nur die Erkenntniß, daß diese Vorstellungen gar
14   nicht empirischen Ursprungs sind, und die Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl
15   a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen können, kann
16   transscendental heißen. Imgleichen würde der Gebrauch des Raumes
17   von Gegenständen überhaupt auch transscendental sein: aber ist er lediglich
18   auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt, so heißt er empirisch. Der
19   Unterschied des Transscendentalen und Empirischen gehört also nur zur Kritik
20   der Erkenntnisse und betrifft nicht die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand.


22   In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die
23   sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder sinnliche
24   Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen Denkens,
25   die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs
26   sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft des
27   reinen Verstandes und Vernunfterkenntnisses, dadurch wir Gegenstände
28   völlig a priori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den Ursprung, den
29   Umfang und die objective Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte, würde
30   transscendentale Logik heißen müssen, weil sie es bloß mit den Gesetzen
31   des Verstandes und der Vernunft zu thun hat, aber lediglich, sofern [op 82]
32   sie auf Gegenstände a priori bezogen wird und nicht wie die allgemeine
33   Logik auf die empirischen sowohl als reinen Vernunfterkenntnisse ohne
34   Unterschied.


[seite 079]


01   3.
02   Von der Eintheilung der allgemeinen Logik
03   in
04   Analytik und Dialektik.


05   Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge
06   zu treiben vermeinte und sie dahin zu bringen suchte, daß sie sich entweder
07   auf einer elenden Diallele mußten betreffen lassen, oder ihre Unwissenheit,
08   mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten, ist diese: Was
09   ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die
10   Übereinstimmung der Erkenntniß mit ihrem Gegenstande sei, wird hier
11   geschenkt und vorausgesetzt; man verlangt aber zu wissen, welches das allgemeine
12   und sichere Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntniß sei.


13   Es ist schon ein großer und nöthiger Beweis der Klugheit oder Einsicht,
14   zu wissen, was man vernünftiger Weise fragen solle. Denn wenn
15   die Frage an sich ungereimt ist und unnöthige Antworten verlangt, so hat
16   sie außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den
17   Nachtheil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten
18   zu verleiten und den belachenswerthen Anblick zu geben, daß einer [op 83]
19   (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andre ein Sieb unterhält.


20   Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntniß mit ihrem
21   Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser Gegenstand von andern unterschieden
22   werden; denn eine Erkenntniß ist falsch, wenn sie mit dem Gegenstande,
23   worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie gleich etwas
24   enthält, was wohl von andern Gegenständen gelten könnte. Nun würde
25   ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein, welches von allen
26   Erkenntnissen ohne Unterschied ihrer Gegenstände gültig wäre. Es ist aber
27   klar, daß, da man bei demselben von allem Inhalt der Erkenntniß (Beziehung
28   auf ihr Object) abstrahirt, und Wahrheit gerade diesen Inhalt
29   angeht, es ganz unmöglich und ungereimt sei, nach einem Merkmale der
30   Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse zu fragen, und daß also ein hinreichendes
31   und doch zugleich allgemeines Kennzeichen der Wahrheit unmöglich
32   angegeben werden könne. Da wir oben schon den Inhalt einer
33   Erkenntniß die Materie derselben genannt haben, so wird man sagen
34   müssen: von der Wahrheit der Erkenntniß der Materie nach läßt sich kein
35   allgemeines Kennzeichen verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist.


[seite 080]


01   Was aber das Erkenntniß der bloßen Form nach (mit Beiseitesetzung
02   alles Inhalts) betrifft, so ist eben so klar: daß eine Logik, so fern sie die [op 84]
03   allgemeinen und nothwendigen Regeln des Verstandes vorträgt, eben in
04   diesen Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. Denn was diesen
05   widerspricht, ist falsch, weil der Verstand dabei seinen allgemeinen Regeln
06   des Denkens, mithin sich selbst widerstreitet. Diese Kriterien aber betreffen
07   nur die Form der Wahrheit, d. i. des Denkens überhaupt, und
08   sind so fern ganz richtig, aber nicht hinreichend. Denn obgleich eine Erkenntni
09   der logischen Form völlig gemäß sein möchte, d. i. sich selbst nicht
10   widerspräche: so kann sie doch noch immer dem Gegenstande widersprechen.
11   Also ist das bloß logische Kriterium der Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung
12   einer Erkenntniß mit den allgemeinen und formalen Gesetzen
13   des Verstandes und der Vernunft, zwar die conditio sine qua non , mithin
14   die negative Bedingung aller Wahrheit: weiter aber kann die Logik
15   nicht gehen, und den Irrthum, der nicht die Form, sondern den Inhalt
16   trifft, kann die Logik durch keinen Probirstein entdecken.


17   Die allgemeine Logik löset nun das ganze formale Geschäfte des Verstandes
18   und der Vernunft in seine Elemente auf und stellt sie als Principien
19   aller logischen Beurtheilung unserer Erkenntniß dar. Dieser Theil
20   der Logik kann daher Analytik heißen und ist eben darum der wenigstens
21   negative Probirstein der Wahrheit, indem man zuvörderst alle Erkenntni
22   ihrer Form nach an diesen Regeln prüfen und schätzen muß, ehe man sie [op 85]
23   selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen, ob sie in Ansehung
24   des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Weil aber die bloße Form
25   des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen Gesetzen übereinstimmen
26   mag, noch lange nicht hinreicht, materielle (objective) Wahrheit dem Erkenntnisse
27   darum auszumachen, so kann sich niemand bloß mit der Logik
28   wagen, über Gegenstände zu urtheilen und irgend etwas zu behaupten,
29   ohne von ihnen vorher gegründete Erkundigung außer der Logik eingezogen
30   zu haben, um hernach bloß die Benutzung und die Verknüpfung
31   derselben in einem zusammenhängenden Ganzen nach logischen Gesetzen
32   zu versuchen, noch besser aber, sie lediglich darnach zu prüfen. Gleichwohl
33   liegt so etwas Verleitendes in dem Besitze einer so scheinbaren Kunst,
34   allen unseren Erkenntnissen die Form des Verstandes zu geben, ob man
35   gleich in Ansehung des Inhalts derselben noch sehr leer und arm sein
36   mag, daß jene allgemeine Logik, die bloß ein Kanon zur Beurtheilung
37   ist, gleichsam wie ein Organon zur wirklichen Hervorbringung, wenigstens


[seite 081]


01   zum Blendwerk von objectiven Behauptungen gebraucht und mithin
02   in der That dadurch gemißbraucht worden. Die allgemeine Logik nun,
03   als vermeintes Organon, heißt Dialektik.


04   So verschieden auch die Bedeutung ist, in der die Alten dieser Benennung
05   einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man doch
06   aus dem wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen, daß sie bei ihnen [op 86]
07   nichts anders war, als die Logik des Scheins. Eine sophistische Kunst,
08   seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsetzlichen Blendwerken den Anstrich
09   der Wahrheit zu geben, daß man die Methode der Gründlichkeit, welche
10   die Logik überhaupt vorschreibt, nachahmte und ihre Topik zu Beschönigung
11   jedes leeren Vorgehens benutzte. Nun kann man es als eine sichere
12   und brauchbare Warnung anmerken: daß die allgemeine Logik, als Organon
13   betrachtet, jederzeit eine Logik des Scheins, d. i. dialektisch, sei.
14   Denn da sie uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntniß lehrt, sondern
15   nur bloß die formalen Bedingungen der Übereinstimmung mit dem
16   Verstande, welche übrigens in Ansehung der Gegenstände gänzlich gleichgültig
17   sind: so muß die Zumuthung, sich derselben als eines Werkzeugs
18   (Organon) zu gebrauchen, um seine Kenntnisse wenigstens dem Vorgeben
19   nach auszubreiten und zu erweitern, auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen,
20   alles, was man will, mit einigem Schein zu behaupten, oder
21   auch nach Belieben anzufechten.


22   Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine
23   Weise gemäß. Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik lieber
24   als eine Kritik des dialektischen Scheins der Logik beigezählt, und
25   als eine solche wollen wir sie auch hier verstanden wissen.

[op 87]


26   4.
27   Von der Eintheilung der transscendentalen Logik
28   in die
29   Transscendentale Analytik und Dialektik.


30   In einer transscendentalen Logik isoliren wir den Verstand (so wie
31   oben in der transscendentalen Ästhetik die Sinnlichkeit) und heben blo
32   den Theil des Denkens aus unserm Erkenntnisse heraus, der lediglich
33   seinen Ursprung in dem Verstande hat. Der Gebrauch dieser reinen Erkenntni
34   aber beruht darauf als ihrer Bedingung: daß uns Gegenstände


[seite 082]


01   in der Anschauung gegeben sind, worauf jene angewandt werden könne.
02   Denn ohne Anschauung fehlt es aller unserer Erkenntniß an Objecten,
03   und sie bleibt alsdann völlig leer. Der Theil der transscendentalen Logik
04   also, der die Elemente der reinen Verstandeserkenntniß vorträgt, und die
05   Principien, ohne welche überall kein Gegenstand gedacht werden kann, ist
06   die transscendentale Analytik und zugleich eine Logik der Wahrheit. Denn
07   ihr kann keine Erkenntniß widersprechen, ohne daß sie zugleich allen Inhalt
08   verlöre, d. i. alle Beziehung auf irgend ein Object, mithin alle Wahrheit.
09   Weil es aber sehr anlockend und verleitend ist, sich dieser reinen Verstandeserkenntnisse
10   und Grundsätze allein und selbst über die Grenzen der Erfahrung
11   hinaus zu bedienen, welche doch einzig und allein uns die Materie [op 88]
12   (Objecte) an die Hand geben kann, worauf jene reine Verstandesbegriffe
13   angewandt werden können: so geräth der Verstand in Gefahr, durch leere
14   Vernünfteleien von den bloßen formalen Principien des reinen Verstandes
15   einen materialen Gebrauch zu machen und über Gegenstände ohne Unterschied
16   zu urtheilen, die uns doch nicht gegeben sind, ja vielleicht auf keinerlei
17   Weise gegeben werden können. Da sie also eigentlich nur ein Kanon
18   der Beurtheilung des empirischen Gebrauchs sein sollte, so wird sie gemißbraucht,
19   wenn man sie als das Organon eines allgemeinen und unbeschränkten
20   Gebrauchs gelten läßt und sich mit dem reinen Verstande allein
21   wagt, synthetisch über Gegenstände überhaupt zu urtheilen, zu behaupten
22   und zu entscheiden. Also würde der Gebrauch des reinen Verstandes alsdann
23   dialektisch sein. Der zweite Theil der transscendentalen Logik mu
24   also eine Kritik dieses dialektischen Scheines sein und heißt transscendentale
25   Dialektik, nicht als eine Kunst, dergleichen Schein dogmatisch zu erregen
26   (eine leider sehr gangbare Kunst mannigfaltiger metaphysischer
27   Gaukelwerke), sondern als eine Kritik des Verstandes und der Vernunft
28   in Ansehung ihres hyperphysischen Gebrauchs, um den falschen Schein
29   ihrer grundlosen Anmaßungen aufzudecken und ihre Ansprüche auf Erfindung
30   und Erweiterung, die sie bloß durch transscendentale Grundsätze
31   zu erreichen vermeint, zur bloßen Beurtheilung und Verwahrung des reinen
32   Verstandes vor sophistischem Blendwerke herabzusetzen.


[seite 083]

[op 89]


01   Der
02   Transscendentalen Logik
03   Erste Abtheilung.
04   Die Transscendentale Analytik.


05   Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesammten Erkenntnisses
06   a priori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntniß. Es kommt hiebei
07   auf folgende Stücke an: 1. Daß die Begriffe reine und nicht empirische
08   Begriffe seien. 2. Daß sie nicht zur Anschauung und zur Sinnlichkeit,
09   sondern zum Denken und Verstande gehören. 3. Daß sie Elementarbegriffe
10   seien und von den abgeleiteten oder daraus zusammengesetzten wohl unterschieden
11   werden. 4. Daß ihre Tafel vollständig sei, und sie das ganze Feld
12   des reinen Verstandes gänzlich ausfüllen. Nun kann diese Vollständigkeit
13   einer Wissenschaft nicht auf den Überschlag eines bloß durch Versuche zu
14   Stande gebrachten Aggregats mit Zuverlässigkeit angenommen werden;
15   daher ist sie nur vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstandeserkenntni
16   a priori und durch die daraus bestimmte Abtheilung der Begriffe,
17   welche sie ausmachen, mithin nur durch ihren Zusammenhang
18   in einem System möglich. Der reine Verstand sondert sich nicht allein
19   von allem Empirischen, sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. [op 90]
20   Er ist also eine für sich selbst beständige, sich selbst gnugsame und durch
21   keine äußerlich hinzukommende Zusätze zu vermehrende Einheit. Daher
22   wird der Inbegriff seiner Erkenntniß ein unter einer Idee zu befassendes
23   und zu bestimmendes System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Articulation
24   zugleich einen Probirstein der Richtigkeit und Ächtheit aller hineinpassenden
25   Erkenntnißstücke abgeben kann. Es besteht aber dieser ganze
26   Theil der transscendentalen Logik aus zwei Büchern, deren das eine die
27   Begriffe, das andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält.


28   Der
29   Transscendentalen Analytik
30   Erstes Buch.
31   Die Analytik der Begriffe.


32   Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis derselben
33   oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen Untersuchungen,


[seite 084]


01   Begriffe, die sich darbieten, ihrem Inhalte nach zu zergliedern und zur
02   Deutlichkeit zu bringen, sondern die noch wenig versuchte Zergliederung
03   des Verstandesvermögens selbst, um die Möglichkeit der Begriffe
04   a priori dadurch zu erforschen, daß wir sie im Verstande allein, als ihrem
05   Geburtsorte, aufsuchen und dessen reinen Gebrauch überhaupt analysiren; [op 91]
06   denn dieses ist das eigenthümliche Geschäfte einer Transscendental=Philosophie;
07   das übrige ist die logische Behandlung der Begriffe in der Philosophie
08   überhaupt. Wir werden also die reinen Begriffe bis zu ihren ersten
09   Keimen und Anlagen im menschlichen Verstande verfolgen, in denen sie
10   vorbereitet liegen, bis sie endlich bei Gelegenheit der Erfahrung entwickelt
11   und durch eben denselben Verstand, von den ihnen anhängenden empirischen
12   Bedingungen befreiet, in ihrer Lauterkeit dargestellt werden.


13   Der
14   Analytik der Begriffe
15   Erstes Hauptstück.
16   Von dem Leitfaden der Entdeckung aller reinen
17   Verstandesbegriffe.


18   Wenn man ein Erkenntnißvermögen ins Spiel setzt, so thun sich nach
19   den mancherlei Anlässen verschiedene Begriffe hervor, die dieses Vermögen
20   kennbar machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen Aufsatz
21   sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben längere Zeit oder
22   mit größerer Scharfsinnigkeit angestellt worden. Wo diese Untersuchung
23   werde vollendet sein, läßt sich nach diesem gleichsam mechanischen Verfahren
24   niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch entdecken sich die Begriffe,
25   die man nur so bei Gelegenheit auffindet, in keiner Ordnung und systematischen [op 92]
26   Einheit, sondern werden zuletzt nur nach Ähnlichkeiten gepaart
27   und nach der Größe ihres Inhalts, von den einfachen an zu den mehr zusammengesetzten,
28   in Reihen gestellt, die nichts weniger als systematisch,
29   obgleich auf gewisse Weise methodisch zu Stande gebracht werden.


30   Die Transscendentalphilosophie hat den Vortheil, aber auch die Verbindlichkeit,
31   ihre Begriffe nach einem Princip aufzusuchen, weil sie aus
32   dem Verstande als absoluter Einheit rein und unvermischt entspringen
33   und daher selbst nach einem Begriffe oder Idee unter sich zusammenhängen


[seite 085]


01   müssen. Ein solcher Zusammenhang aber giebt eine Regel an die
02   Hand, nach welcher jedem reinen Verstandesbegriff seine Stelle und allen
03   insgesammt ihre Vollständigkeit a priori bestimmt werden kann, welches
04   alles sonst vom Belieben oder vom Zufall abhängen würde.


05   Des
06   Transscendentalen Leitfadens der Entdeckung aller
07   reinen Verstandesbegriffe
08   Erster Abschnitt.
09   Von dem logischen Verstandesgebrauche überhaupt.


10   Der Verstand wurde oben bloß negativ erklärt: durch ein nichtsinnliches
11   Erkenntnißvermögen. Nun können wir unabhängig von der Sinnlichkeit
12   keiner Anschauung theilhaftig werden. Also ist der Verstand kein [op 93]
13   Vermögen der Anschauung. Es giebt aber außer der Anschauung keine
14   andere Art zu erkennen, als durch Begriffe. Also ist die Erkenntniß eines
15   jeden, wenigstens des menschlichen Verstandes eine Erkenntniß durch Begriffe,
16   nicht intuitiv, sondern discursiv. Alle Anschauungen als sinnlich
17   beruhen auf Affectionen, die Begriffe also auf Functionen. Ich verstehe
18   aber unter Function die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen
19   unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf
20   der Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen auf der Receptivität
21   der Eindrücke. Von diesen Begriffen kann nun der Verstand keinen
22   andern Gebrauch machen, als daß er dadurch urtheilt. Da keine Vorstellung
23   unmittelbar auf den Gegenstand geht, als bloß die Anschauung,
24   so wird ein Begriff niemals auf einen Gegenstand unmittelbar, sondern
25   auf irgend eine andre Vorstellung von demselben (sie sei Anschauung oder
26   selbst schon Begriff) bezogen. Das Urtheil ist also die mittelbare Erkenntni
27   eines Gegenstandes, mithin die Vorstellung einer Vorstellung desselben.
28   In jedem Urtheil ist ein Begriff, der für viele gilt und unter
29   diesem Vielen auch eine gegebene Vorstellung begreift, welche letztere denn
30   auf den Gegenstand unmittelbar bezogen wird. So bezieht sich z. B. in
31   dem Urtheile: alle Körper sind theilbar, der Begriff des Theilbaren


[seite 086]


01   auf verschiedene andere Begriffe; unter diesen aber wird er hier besonders
02   auf den Begriff des Körpers bezogen, dieser aber auf gewisse uns vorkommende [op 94]
03   Erscheinungen. Also werden diese Gegenstände durch den Begriff
04   der Theilbarkeit mittelbar vorgestellt. Alle Urtheile sind demnach
05   Functionen der Einheit unter unsern Vorstellungen, da nämlich statt einer
06   unmittelbaren Vorstellung eine höhere, die diese und mehrere unter sich
07   begreift, zur Erkenntniß des Gegenstandes gebraucht, und viel mögliche
08   Erkenntnisse dadurch in einer zusammengezogen werden. Wir können aber
09   alle Handlungen des Verstandes auf Urtheile zurückführen, so daß der
10   Verstand überhaupt als ein Vermögen zu urtheilen vorgestellt
11   werden kann. Denn er ist nach dem obigen ein Vermögen zu denken.
12   Denken ist das Erkenntniß durch Begriffe. Begriffe aber beziehen sich als
13   Prädicate möglicher Urtheile auf irgend eine Vorstellung von einem noch
14   unbestimmten Gegenstande. So bedeutet der Begriff des Körpers etwas,
15   z. B. Metall, was durch jenen Begriff erkannt werden kann. Er ist also
16   nur dadurch Begriff, daß unter ihm andere Vorstellungen enthalten sind,
17   vermittelst deren er sich auf Gegenstände beziehen kann. Er ist also das
18   Prädicat zu einem möglichen Urtheile, z. B. ein jedes Metall ist ein
19   Körper. Die Functionen des Verstandes können also insgesammt gefunden
20   werden, wenn man die Functionen der Einheit in den Urtheilen
21   vollständig darstellen kann. Daß dies aber sich ganz wohl bewerkstelligen
22   lasse, wird der folgende Abschnitt vor Augen stellen.

[op 95]


23   Des
24   Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
25   Zweiter Abschnitt.
26   § 9.
27   Von der logischen Function des Verstandes in Urtheilen.


28   Wenn wir von allem Inhalte eines Urtheils überhaupt abstrahiren
29   und nur auf die bloße Verstandesform darin Acht geben, so finden wir,
30   daß die Function des Denkens in demselben unter vier Titel gebracht
31   werden könne, deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können
32   füglich in folgender Tafel vorgestellt werden.


[seite 087]


01   1.
02   Quantität der Urtheile.
03   Allgemeine
04   Besondere
05   Einzelne


06   2.
07   Qualität.
08   Bejahende
09   Verneinende
10   Unendliche


06   3.
07   Relation.
08   Kategorische
09   Hypothetische
10   Disjunctive


11   4.
12   Modalität.
13   Problematische
14   Assertorische
15   Apodiktische

[op 96]


16   Da diese Eintheilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken
17   von der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint, so werden
18   folgende Verwahrungen wider den besorglichen Mißverstand nicht unnöthig
19   sein.


20   1. Die Logiker sagen mit Recht, daß man beim Gebrauch der Urtheile
21   in Vernunftschlüssen die einzelnen Urtheile gleich den allgemeinen
22   behandeln könne. Denn eben darum, weil sie gar keinen Umfang haben,
23   kann das Prädicat derselben nicht bloß auf einiges dessen, was unter dem
24   Begriff des Subjects enthalten ist, gezogen, von einigem aber ausgenommen
25   werden. Es gilt also von jenem Begriffe ohne Ausnahme, gleich
26   als wenn derselbe ein gemeingültiger Begriff wäre, der einen Umfang
27   hätte, von dessen ganzer Bedeutung das Prädicat gelte. Vergleichen wir
28   dagegen ein einzelnes Urtheil mit einem gemeingültigen bloß als Erkenntni
29   der Größe nach, so verhält sie sich zu diesem wie Einheit zur Unendlichkeit
30   und ist also an sich selbst davon wesentlich unterschieden. Also
31   wenn ich ein einzelnes Urtheil ( judicium singulare ) nicht bloß nach seiner
32   innern Gültigkeit, sondern auch als Erkenntniß überhaupt nach der Größe,
33   die es in Vergleichung mit andern Erkenntnissen hat, schätze, so ist es allerdings
34   von gemeingültigen Urtheilen ( judicia communia ) unterschieden
35   und verdient in einer vollständigen Tafel der Momente des Denkens überhaupt


[seite 088]

[op 97]
01   (obzwar freilich nicht in der bloß auf den Gebrauch der Urtheile
02   untereinander eingeschränkten Logik) eine besondere Stelle.


03   2. Eben so müssen in einer transscendentalen Logik unendliche Urtheile
04   von bejahenden noch unterschieden werden, wenn sie gleich in
05   der allgemeinen Logik jenen mit Recht beigezählt sind und kein besonderes
06   Glied der Eintheilung ausmachen. Diese nämlich abstrahirt von allem
07   Inhalt des Prädicats (ob es gleich verneinend ist) und sieht nur darauf,
08   ob dasselbe dem Subject beigelegt, oder ihm entgegengesetzt werde. Jene
09   aber betrachtet das Urtheil auch nach dem Werthe oder Inhalt dieser
10   logischen Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden Prädicats, und
11   was diese in Ansehung des gesammten Erkenntnisses für einen Gewinn
12   verschafft. Hätte ich von der Seele gesagt, sie ist nicht sterblich, so hätte ich
13   durch ein verneinendes Urtheil wenigstens einen Irrthum abgehalten.
14   Nun habe ich durch den Satz: die Seele ist nichtsterblich, zwar der logischen
15   Form nach wirklich bejaht, indem ich die Seele in den unbeschränkten Umfang
16   der nichtsterbenden Wesen setze. Weil nun von dem ganzen Umfange
17   möglicher Wesen das Sterbliche einen Theil enthält, das Nichtsterbliche
18   aber den andern, so ist durch meinen Satz nichts anders gesagt, als da
19   die Seele eines von der unendlichen Menge Dinge sei, die übrig bleiben,
20   wenn ich das Sterbliche insgesammt wegnehme. Dadurch aber wird nur
21   die unendliche Sphäre alles Möglichen in so weit beschränkt, daß das [op 98]
22   Sterbliche davon abgetrennt und in dem übrigen Raum ihres Umfangs
23   die Seele gesetzt wird. Dieser Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme
24   noch immer unendlich, und können noch mehrere Theile desselben weggenommen
25   werden, ohne daß darum der Begriff von der Seele im mindesten
26   wächst und bejahend bestimmt wird. Diese unendliche Urtheile also in Ansehung
27   des logischen Umfanges sind wirklich bloß beschränkend in Ansehung
28   des Inhalts der Erkenntniß überhaupt, und in so fern müssen sie
29   in der transscendentalen Tafel aller Momente des Denkens in den Urtheilen
30   nicht übergangen werden, weil die hierbei ausgeübte Function
31   des Verstandes vielleicht in dem Felde seiner reinen Erkenntniß a priori
32   wichtig sein kann.


33   3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urtheilen sind die a) des Prädicats
34   zum Subject, b) des Grundes zur Folge, c) der eingetheilten Erkenntni
35   und der gesammleten Glieder der Eintheilung unter einander.
36   In der ersteren Art der Urtheile sind nur zwei Begriffe, in der zweiten
37   zwei Urtheile, in der dritten mehrere Urtheile im Verhältniß gegen einander


[seite 089]


01   betrachtet. Der hypothetische Satz: wenn eine vollkommene Gerechtigkeit
02   da ist, so wird der beharrlich Böse bestraft, enthält eigentlich
03   das Verhältniß zweier Sätze: es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da,
04   und: der beharrlich Böse wird bestraft. Ob beide dieser Sätze an sich wahr
05   sind, bleibt hier unausgemacht. Es ist nur die Consequenz, die durch [op 99]
06   dieses Urtheil gedacht wird. Endlich enthält das disjunctive Urtheil ein
07   Verhältniß zweier oder mehrerer Sätze gegen einander, aber nicht der Abfolge,
08   sondern der logischen Entgegensetzung, sofern die Sphäre des einen
09   die des andern ausschließt, aber doch zugleich der Gemeinschaft, in sofern
10   sie zusammen die Sphäre der eigentlichen Erkenntniß ausfüllen, also ein
11   Verhältniß der Theile der Sphäre eines Erkenntnisses, da die Sphäre
12   eines jeden Theils ein Ergänzungsstück der Sphäre des andern zu dem
13   ganzen Inbegriff der eingetheilten Erkenntniß ist; z. E. die Welt ist entweder
14   durch einen blinden Zufall da, oder durch innre Nothwendigkeit,
15   oder durch eine äußere Ursache. Jeder dieser Sätze nimmt einen Theil der
16   Sphäre des möglichen Erkenntnisses über das Dasein einer Welt überhaupt
17   ein, alle zusammen die ganze Sphäre. Das Erkenntniß aus einer
18   dieser Sphären wegnehmen, heißt, sie in eine der übrigen setzen, und dagegen
19   sie in eine Sphäre setzen, heißt, sie aus den übrigen wegnehmen.
20   Es ist also in einem disjunctiven Urtheile eine gewisse Gemeinschaft der
21   Erkenntnisse, die darin besteht, daß sie sich wechselseitig einander ausschließen,
22   aber dadurch doch im Ganzen die wahre Erkenntniß bestimmen,
23   indem sie zusammengenommen den ganzen Inhalt einer einzigen gegebenen
24   Erkenntniß ausmachen. Und dieses ist es auch nur, was ich des
25   folgenden Wegen hiebei anzumerken nöthig finde.


26   4. Die Modalität der Urtheile ist eine ganz besondere Function derselben, [op 100]
27   die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts zum Inhalte
28   des Urtheils beiträgt (denn außer Größe, Qualität und Verhältniß ist
29   nichts mehr, was den Inhalt eines Urtheils ausmachte), sondern nur den
30   Werth der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt angeht.
31   Problematische Urtheile sind solche, wo man das Bejahen oder Verneinen
32   als bloß möglich (beliebig) annimmt; assertorische, da es als
33   wirklich (wahr) betrachtet wird; apodiktische, in denen man es als
34   nothwendig ansieht.*) So sind die beiden Urtheile, deren Verhältni



35   *) Gleich als wenn das Denken im ersten Fall eine Function des Verstandes,
36   im zweiten der Urtheilskraft, im dritten der Vernunft wäre. Eine Bemerkung,
37   die erst in der Folge ihre Aufklärung erwartet.


[seite 090]


01   das hypothetische Urtheil ausmacht ( antec. und consequ. ), imgleichen in
02   deren Wechselwirkung das disjunctive besteht (Glieder der Eintheilung),
03   insgesammt nur problematisch. In dem obigen Beispiel wird der Satz:
04   es ist eine vollkommene Gerechtigkeit da, nicht assertorisch gesagt, sondern
05   nur als ein beliebiges Urtheil, wovon es möglich ist, daß jemand es annehme,
06   gedacht; und nur die Consequenz ist assertorisch. Daher können
07   solche Urtheile auch offenbar falsch sein und doch, problematisch genommen,
08   Bedingungen der Erkenntniß der Wahrheit sein. So ist das Urtheil: die
09   Welt ist durch blinden Zufall da, in dem disjunctiven Urtheil nur
10   von problematischer Bedeutung, nämlich daß jemand diesen Satz etwa auf [op 101]
11   einen Augenblick annehmen möge, und dient doch (wie die Verzeichnung
12   des falschen Weges unter der Zahl aller derer, die man nehmen kann),
13   den wahren zu finden. Der problematische Satz ist also derjenige, der nur
14   logische Möglichkeit (die nicht objectiv ist) ausdrückt, d. i. eine freie Wahl
15   einen solchen Satz gelten zu lassen, eine bloß willkürliche Aufnehmung
16   desselben in den Verstand. Der assertorische sagt von logischer Wirklichkeit
17   oder Wahrheit, wie etwa in einem hypothetischen Vernunftschluß das
18   Antecedens im Obersatze problematisch, im Untersatze assertorisch vorkommt,
19   und zeigt an, daß der Satz mit dem Verstande nach dessen Gesetzen
20   schon verbunden sei. Der apodiktische Satz denkt sich den assertorischen
21   durch diese Gesetze des Verstandes selbst bestimmt und daher a priori behauptend
22   und drückt auf solche Weise logische Nothwendigkeit aus. Weil
23   nun hier alles sich gradweise dem Verstande einverleibt, so daß man zuvor
24   etwas problematisch urtheilt, darauf auch wohl es assertorisch als wahr
25   annimmt, endlich als unzertrennlich mit dem Verstande verbunden, d. i.
26   als nothwendig und apodiktisch, behauptet, so kann man diese drei Functionen
27   der Modalität auch so viel Momente des Denkens überhaupt nennen.

[op 102]


28   Des
29   Leitfadens der Entdeckung aller reinen Verstandesbegriffe
30   Dritter Abschnitt.
31   § 10.
32   Von den reinen Verstandesbegriffen oder Kategorien.


33   Die allgemeine Logik abstrahirt, wie mehrmals schon gesagt worden,
34   von allem Inhalt der Erkenntniß und erwartet, daß ihr anderwärts, woher


[seite 091]


01   es auch sei, Vorstellungen gegeben werden, um diese zuerst in Begriffe
02   zu verwandeln, welches analytisch zugeht. Dagegen hat die transscendentale
03   Logik ein Mannigfaltiges der Sinnlichkeit a priori vor sich liegen,
04   welches die transscendentale Ästhetik ihr darbietet, um zu den reinen Verstandesbegriffen
05   einen Stoff zu geben, ohne den sie ohne allen Inhalt,
06   mithin völlig leer sein würde. Raum und Zeit enthalten nun ein Mannigfaltiges
07   der reinen Anschauung a priori, gehören aber gleichwohl zu den
08   Bedingungen der Receptivität unseres Gemüths, unter denen es allein
09   Vorstellungen von Gegenständen empfangen kann, die mithin auch den
10   Begriff derselben jederzeit afficiren müssen. Allein die Spontaneität unseres
11   Denkens erfordert es, daß dieses Mannigfaltige zuerst auf gewisse Weise
12   durchgegangen, aufgenommen und verbunden werde, um daraus eine Erkenntni
13   zu machen. Diese Handlung nenne ich Synthesis.

[op 103]


14   Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung
15   die Handlung, verschiedene Vorstellungen zu einander hinzuzuthun und ihre
16   Mannigfaltigkeit in einer Erkenntniß zu begreifen. Eine solche Synthesis
17   ist rein, wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern a priori
18   gegeben ist (wie das im Raum und der Zeit). Vor aller Analysis unserer
19   Vorstellungen müssen diese zuvor gegeben sein, und es können keine Begriffe
20   dem Inhalte nach analytisch entspringen. Die Synthesis eines
21   Mannigfaltigen aber (es sei empirisch oder a priori gegeben) bringt zuerst
22   eine Erkenntniß hervor, die zwar anfänglich noch roh und verworren sein
23   kann und also der Analysis bedarf; allein die Synthesis ist doch dasjenige,
24   was eigentlich die Elemente zu Erkenntnissen sammlet und zu einem
25   gewissen Inhalte vereinigt; sie ist also das erste, worauf wir Acht zu geben
26   haben, wenn wir über den ersten Ursprung unserer Erkenntniß urtheilen
27   wollen.


28   Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die bloße
29   Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen
30   Function der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntniß haben
31   würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind. Allein diese
32   Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Function, die dem Verstande
33   zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntniß in eigentlicher
34   Bedeutung verschafft.

[op 104]


35   Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, giebt nun den
36   reinen Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige,
37   welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori beruht:


[seite 092]


01   so ist unser Zählen (vornehmlich ist es in größeren Zahlen merklicher) eine
02   Synthesis nach Begriffen, weil sie nach einem gemeinschaftlichen
03   Grunde der Einheit geschieht (z. E. der Dekadik). Unter diesem Begriffe
04   wird also die Einheit in der Synthesis des Mannigfaltigen nothwendig.


05   Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff
06   gebracht (ein Geschäfte, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber nicht
07   die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen auf
08   Begriffe zu bringen, lehrt die transsc. Logik. Das erste, was uns zum
09   Behuf der Erkenntniß aller Gegenstände a priori gegeben sein muß, ist
10   das Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthesis dieses
11   Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, giebt aber noch
12   keine Erkenntniß. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis Einheit
13   geben und lediglich in der Vorstellung dieser nothwendigen synthetischen
14   Einheit bestehen, thun das dritte zum Erkenntnisse eines vorkommenden
15   Gegenstandes und beruhen auf dem Verstande.

[op 105]


16   Dieselbe Function, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem
17   Urtheile Einheit giebt, die giebt auch der bloßen Synthesis verschiedener
18   Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, allgemein ausgedrückt,
19   der reine Verstandesbegriff heißt. Derselbe Verstand also und
20   zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er in Begriffen vermittelst
21   der analytischen Einheit die logische Form eines Urtheils zu Stande
22   brachte, bringt auch vermittelst der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen
23   in der Anschauung überhaupt in seine Vorstellungen einen transscendentalen
24   Inhalt, weswegen sie reine Verstandesbegriffe heißen, die
25   a priori auf Objecte gehen, welches die allgemeine Logik nicht leisten kann.


26   Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe,
27   welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es
28   in der vorigen Tafel logische Functionen in allen möglichen Urtheilen gab:
29   denn der Verstand ist durch gedachte Functionen völlig erschöpft und sein
30   Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese Begriffe nach
31   dem AristotelesPI Kategorien nennen, indem unsre Absicht uranfänglich
32   mit der seinigen zwar einerlei ist, ob sie sich gleich davon in der Ausführung
33   gar sehr entfernt.


[seite 093]

[op 106]
01   Tafel der Kategorien.


02   1.
03   Der Quantität:
04   Einheit
05   Vielheit
06   Allheit.


07   2.
08   Der Qualität:
09   Realität
10   Negation
11   Limitation.


07   3.
08   Der Relation:
09   der Inhärenz und Subsistenz ( substantia
10   et accidens )
11   der Causalität und Dependenz
12   (Ursache und Wirkung)
13   der Gemeinschaft (Wechselwirkung
14   zwischen dem Handelnden
15   und Leidenden).


16   4.
17   Der Modalität:
18   Möglichkeit - Unmöglichkeit
19   Dasein - Nichtsein
20   Nothwendigkeit - Zufälligkeit.


21   Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe
22   der Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um deren
23   willen er auch nur ein reiner Verstand ist, indem er durch sie allein etwas
24   bei dem Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d. i. ein Object derselben
25   denken kann. Diese Eintheilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen
26   Princip, nämlich dem Vermögen zu urtheilen (welches eben
27   so viel ist, als das Vermögen zu denken) erzeugt und nicht rhapsodistisch
28   aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden,
29   von deren Vollzähligkeit man niemals gewiß sein kann, da sie [op 107]
30   nur durch Induction geschlossen wird, ohne zu gedenken, daß man noch
31   auf die letztere Art niemals einsieht, warum denn gerade diese und nicht
32   andre Begriffe dem reinen Verstande beiwohnen. Es war ein eines
33   scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des AristotelesPI, diese Grundbegriffe
34   aufzusuchen. Da er aber kein Principium hatte, so raffte er sie
35   auf, wie sie ihm aufstießen, und trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien


[seite 094]


01   (Prädicamente) nannte. In der Folge glaubte er noch ihrer fünfe
02   aufgefunden zu haben, die er unter dem Namen der Postprädicamente
03   hinzufügte. Allein seine Tafel blieb noch immer mangelhaft. Außerdem
04   finden sich auch einige modi der reinen Sinnlichkeit darunter ( quando,
05   ubi, situs, imgleichen prius, simul ), auch ein empirischer ( motus ), die in
06   dieses Stammregister des Verstandes gar nicht gehören, oder es sind auch
07   die abgeleiteten Begriffe mit unter die Urbegriffe gezählt ( actio, passio ),
08   und an einigen der letztern fehlt es gänzlich.


09   Um der letztern willen ist also noch zu bemerken: daß die Kategorien,
10   als die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes, auch ihre eben
11   so reine abgeleitete Begriffe haben, die in einem vollständigen System
12   der Transscendental=Philosophie keinesweges übergangen werden können,
13   mit deren bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch zufrieden
14   sein kann.

[op 108]


15   Es sei mir erlaubt, diese reine, aber abgeleitete Verstandesbegriffe
16   die Prädicabilien des reinen Verstandes (im Gegensatz der Prädicamente)
17   zu nennen. Wenn man die ursprüngliche und primitive Begriffe
18   hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht hinzufügen und
19   der Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen. Da es mir
20   hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur der Principien
21   zu einem System zu thun ist, so verspare ich diese Ergänzung auf eine
22   andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht ziemlich erreichen,
23   wenn man die ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt und z. B. der
24   Kategorie der Causalität die Prädicabilien der Kraft, der Handlung, des
25   Leidens, der der Gemeinschaft die der Gegenwart, des Widerstandes, den
26   Prädicamenten der Modalität die des Entstehens, Vergehens, der Veränderung
27   u. s. w. unterordnet. Die Kategorien, mit den modis der reinen
28   Sinnlichkeit oder auch unter einander verbunden, geben eine große Menge
29   abgeleiteter Begriffe a priori, die zu bemerken und wo möglich bis zur
30   Vollständigkeit zu verzeichnen eine nützliche und nicht unangenehme, hier
31   aber entbehrliche Bemühung sein würde.


32   Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser Abhandlung
33   geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte. Ich
34   werde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad zergliedern, welcher [op 109]
35   in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich bearbeite, hinreichend ist.
36   In einem System der reinen Vernunft würde man sie mit Recht von mir
37   fordern können: aber hier würden sie nur den Hauptpunct der Untersuchung


[seite 095]


01   aus den Augen bringen, indem sie Zweifel und Angriffe erregten,
02   die man, ohne der wesentlichen Absicht etwas zu entziehen, gar wohl auf
03   eine andre Beschäftigung verweisen kann. Indessen leuchtet doch aus dem
04   wenigen, was ich hievon angeführt habe, deutlich hervor, daß ein vollständiges
05   Wörterbuch mit allen dazu erforderlichen Erklärungen nicht
06   allein möglich, sondern auch leicht sei zu Stande zu bringen. Die Fächer
07   sind einmal da; es ist nur nöthig, sie auszufüllen, und eine systematische
08   Topik, wie die gegenwärtige, läßt nicht leicht die Stelle verfehlen, dahin
09   ein jeder Begriff eigenthümlich gehört, und zugleich diejenige leicht bemerken,
10   die noch leer ist.


11   § 11.


12   Über diese Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen anstellen,
13   die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaftlichen
14   Form aller Vernunfterkenntnisse haben könnten. Denn daß diese Tafel im
15   theoretischen Theile der Philosophie ungemein dienlich, ja unentbehrlich
16   sei, den Plan zum Ganzen einer Wissenschaft, so fern sie auf Begriffen
17   a priori beruht, vollständig zu entwerfen und sie systematisch nach
18   bestimmten Principien abzutheilen: erhellt schon von selbst daraus,
19   daß gedachte Tafel alle Elementarbegriffe des Verstandes vollständig, ja [op 110]
20   selbst die Form eines Systems derselben im menschlichen Verstande enthält,
21   folglich auf alle Momente einer vorhabenden speculativen Wissenschaft,
22   ja sogar ihre Ordnung Anweisung giebt, wie ich denn auch davon
23   anderwärts *) eine Probe gegeben habe. Hier sind nun einige dieser Anmerkungen.


25   Die erste ist: daß sich diese Tafel, welche vier Classen von Verstandesbegriffen
26   enthält, zuerst in zwei Abtheilungen zerfällen lasse, deren
27   erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl als empirischen),
28   die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände (entweder in
29   Beziehung auf einander oder auf den Verstand) gerichtet sind.


30   Die erste Classe würde ich die der mathematischen, die zweite der
31   dynamischen Kategorien nennen. Die erste Classe hat, wie man sieht,
32   keine Correlate, die allein in der zweiten Classe angetroffen werden.



33   *) Metaphys. Anfangsgr. der Naturwissensch.


[seite 096]


01   Dieser Unterschied muß doch einen Grund in der Natur des Verstandes
02   haben.


03   2te Anmerk. Daß allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder
04   Classe, nämlich drei, sind, welches eben sowohl zum Nachdenken auffordert,
05   da sonst alle Eintheilung a priori durch Begriffe Dichotomie sein muß.
06   Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalben aus der
07   Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Classe entspringt.

[op 111]


08   So ist die Allheit (Totalität) nichts anders als die Vielheit, als
09   Einheit betrachtet, die Einschränkung nichts anders als Realität, mit
10   Negation verbunden, die Gemeinschaft ist die Causalität einer Substanz
11   in Bestimmung der andern wechselseitig, endlich die Nothwendigkeit
12   nichts anders als die Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben
13   ist. Man denke aber ja nicht, daß darum die dritte Categorie ein bloß abgeleiteter
14   und kein Stammbegriff des reinen Verstandes sei. Denn die
15   Verbindung der ersten und zweiten, um den dritten Begriff hervorzubringen,
16   erfordert einen besonderen Actus des Verstandes, der nicht mit
17   dem einerlei ist, der beim ersten und zweiten ausgeübt wird. So ist der
18   Begriff einer Zahl (die zur Kategorie der Allheit gehört) nicht immer
19   möglich, wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind (z. B. in der
20   Vorstellung des Unendlichen), oder daraus, daß ich den Begriff einer Ursache
21   und den einer Substanz beide verbinde, noch nicht sofort der Einfluß,
22   d. i. wie eine Substanz Ursache von etwas in einer anderen Substanz
23   werden könne, zu verstehen. Daraus erhellt, daß dazu ein besonderer
24   Actus des Verstandes erforderlich sei, und so bei den übrigen.


25   3te Anmerk. Von einer einzigen Kategorie, nämlich der der Gemeinschaft,
26   die unter dem dritten Titel befindlich ist, ist die Übereinstimmung
27   mit der in der Tafel der logischen Functionen ihm correspondirenden [op 112]
28   Form eines disjunctiven Urtheils nicht so in die Augen fallend,
29   als bei den übrigen.


30   Um sich dieser Übereinstimmung zu versichern, muß man bemerken:
31   daß in allen disjunctiven Urtheilen die Sphäre (die Menge alles dessen,
32   was unter ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Theile (die untergeordneten
33   Begriffe) getheilt vorgestellt wird, und, weil einer nicht unter dem
34   andern enthalten sein kann, sie als einander coordinirt, nicht subordinirt,
35   so daß sie einander nicht einseitig wie in einer Reihe,
36   sondern wechselseitig als in einem Aggregat bestimmen (wenn ein


[seite 097]


01   Glied der Eintheilung gesetzt wird, alle übrige ausgeschlossen werden und
02   so umgekehrt), gedacht werden.


03   Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen der Dinge
04   gedacht, da nicht eines als Wirkung dem andern als Ursache seines Daseins
05   untergeordnet, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in
06   Ansehung der Bestimmung der andern beigeordnet wird (z. B. in einem
07   Körper, dessen Theile einander wechselseitig ziehen und auch widerstehen);
08   welches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist, als die, so im bloßen
09   Verhältniß der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur Folge) angetroffen
10   wird, in welchem die Folge nicht wechselseitig wiederum den Grund bestimmt
11   und darum mit diesem (wie der Weltschöpfer mit der Welt) nicht
12   ein Ganzes ausmacht. Dasselbe Verfahren des Verstandes, wenn er sich [op 113]
13   die Sphäre eines eingetheilten Begriffs vorstellt, beobachtet er auch, wenn
14   er ein Ding als theilbar denkt; und wie die Glieder der Eintheilung im
15   ersteren einander ausschließen und doch in einer Sphäre verbunden sind,
16   so stellt er sich die Theile des letzteren als solche, deren Existenz (als Substanzen)
17   jedem auch ausschließlich von den übrigen zukommt, doch als in
18   einem Ganzen verbunden vor.


19   § 12.


20   Es findet sich aber in der Transscendentalphilosophie der Alten noch
21   ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie
22   gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch nach ihnen als
23   Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie
24   aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann.
25   Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quodlibet
26   ens est unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Princips
27   in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätze gaben)
28   sehr kümmerlich ausfiel, so daß man es auch in neueren Zeiten beinahe
29   nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein
30   Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint,
31   immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur Vermuthung,
32   daß er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie
33   es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden. Diese vermeintlich transscendentale [op 114]
34   Prädicate der Dinge sind nichts anders als logische Erfordernisse


[seite 098]


01   und Kriterien aller Erkenntniß der Dinge überhaupt und legen
02   ihr die Kategorien der Quantität, nämlich der Einheit, Vielheit und
03   Allheit, zum Grunde, nur daß sie diese, welche eigentlich material, als
04   zur Möglichkeit der Dinge selbst gehörig, genommen werden müßten, in
05   der That nur in formaler Bedeutung, als zur logischen Forderung in Ansehung
06   jeder Erkenntniß gehörig, brauchten und doch diese Kriterien des
07   Denkens unbehutsamer Weise zu Eigenschaften der Dinge an sich selbst
08   machten. In jedem Erkenntnisse eines Objects ist nämlich Einheit des
09   Begriffs, welche man qualitative Einheit nennen kann, so fern darunter
10   nur die Einheit der Zusammenfassung des Mannigfaltigen der Erkenntnisse
11   gedacht wird, wie etwa die Einheit des Thema in einem Schauspiel,
12   einer Rede, einer Fabel. Zweitens Wahrheit in Ansehung der
13   Folgen. Je mehr wahre Folgen aus einem gegebenen Begriffe, desto mehr
14   Kennzeichen seiner objectiven Realität. Dieses könnte man die qualitative
15   Vielheit der Merkmale, die zu einem Begriffe als einem gemeinschaftlichen
16   Grunde gehören (nicht in ihm als Größe gedacht werden), nennen.
17   Endlich drittens Vollkommenheit, die darin besteht, daß umgekehrt diese
18   Vielheit zusammen auf die Einheit des Begriffes zurückführt und zu diesem
19   und keinem anderen völlig zusammenstimmt, welches man die qualitative [op 115]
20   Vollständigkeit (Totalität) nennen kann. Woraus erhellt, da
21   diese logische Kriterien der Möglichkeit der Erkenntniß überhaupt die drei
22   Kategorien der Größe, in denen die Einheit in der Erzeugung des Quantum
23   durchgängig gleichartig angenommen werden muß, hier nur in Absicht
24   auf die Verknüpfung auch ungleichartiger Erkenntnißstücke in
25   einem Bewußtsein durch die Qualität eines Erkenntnisses als Princips
26   verwandeln. So ist das Kriterium der Möglichkeit eines Begriffs (nicht
27   des Objects derselben) die Definition, in der die Einheit des Begriffs,
28   die Wahrheit alles dessen, was zunächst aus ihm abgeleitet werden mag,
29   endlich die Vollständigkeit dessen, was aus ihm gezogen worden, zur
30   Herstellung des ganzen Begriffs das Erforderliche desselben ausmacht;
31   oder so ist auch das Kriterium einer Hypothese die Verständlichkeit
32   des angenommenen Erklärungsgrundes oder dessen Einheit (ohne
33   Hülfshypothese), die Wahrheit (Übereinstimmung unter sich selbst und
34   mit der Erfahrung) der daraus abzuleitenden Folgen und endlich die
35   Vollständigkeit des Erklärungsgrundes zu ihnen, die auf nichts mehr
36   noch weniger zurückweisen, als in der Hypothese angenommen worden,
37   und das, was a priori synthetisch gedacht war, a posteriori analytisch


[seite 099]


01   wieder liefern und dazu zusammenstimmen. - Also wird durch die Begriffe
02   von Einheit, Wahrheit und Vollkommenheit die transscendentale
03   Tafel der Kategorien gar nicht, als wäre sie etwa mangelhaft, ergänzt, [op 116]
04   sondern nur, indem das Verhältniß dieser Begriffe auf Objecte gänzlich
05   bei Seite gesetzt wird, das Verfahren mit ihnen unter allgemeine logische
06   Regeln der Übereinstimmung der Erkenntniß mit sich selbst gebracht.


07   Der
08   Analytik der Begriffe
09   Zweites Hauptstück.
10   Von der Deduction der reinen Verstandesbegriffe.


11   Erster Abschnitt.
12   § 13.
13   Von den Principien einer transscendentalen Deduction
14   überhaupt.


15   Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und Anmaßungen reden,
16   unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das, was Rechtens
17   ist ( quid iuris ), von der, die die Thatsache angeht ( quid facti ), und indem
18   sie von beiden Beweis fordern, so nennen sie den erstern, der die Befugni
19   oder auch den Rechtsanspruch darthun soll, die Deduction. Wir bedienen
20   uns einer Menge empirischer Begriffe ohne jemandes Widerrede
21   und halten uns auch ohne Deduction berechtigt, ihnen einen Sinn und
22   eingebildete Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die Erfahrung bei [op 117]
23   der Hand haben, ihre objective Realität zu beweisen. Es giebt indessen
24   auch usurpirte Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, die zwar mit fast
25   allgemeiner Nachsicht herumlaufen, aber doch bisweilen durch die Frage:
26   quid iuris , in Anspruch genommen werden; da man alsdann wegen der
27   Deduction derselben in nicht geringe Verlegenheit geräth, indem man
28   keinen deutlichen Rechtsgrund weder aus der Erfahrung, noch der Vernunft
29   anführen kann, dadurch die Befugniß ihres Gebrauchs deutlich würde.


30   Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte Gewebe
31   der menschlichen Erkenntniß ausmachen, giebt es einige, die auch zum
32   reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) bestimmt


[seite 100]


01   sind, und dieser ihre Befugniß bedarf jederzeit einer Deduction:
02   weil zu der Rechtmäßigkeit eines solchen Gebrauchs Beweise aus der Erfahrung
03   nicht hinreichend sind, man aber doch wissen muß, wie diese Begriffe
04   sich auf Objecte beziehen können, die sie doch aus keiner Erfahrung
05   hernehmen. Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie sich Begriffe
06   a priori auf Gegenstände beziehen können, die transscendentale Deduction
07   derselben und unterscheide sie von der empirischen Deduction,
08   welche die Art anzeigt, wie ein Begriff durch Erfahrung und Reflexion
09   über dieselbe erworben worden, und daher nicht die Rechtmäßigkeit, sondern
10   das Factum betrifft, wodurch der Besitz entsprungen.

[op 118]


11   Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art,
12   die doch darin mit einander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig
13   a priori sich auf Gegenstände beziehen, nämlich die Begriffe des Raumes
14   und der Zeit als Formen der Sinnlichkeit und die Kategorien als Begriffe
15   des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduction versuchen wollen,
16   würde ganz vergebliche Arbeit sein, weil eben darin das Unterscheidende
17   ihrer Natur liegt, daß sie sich auf ihre Gegenstände beziehen, ohne etwas
18   zu deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt zu haben. Wenn also
19   eine Deduction derselben nöthig ist, so wird sie jederzeit transscendental
20   sein müssen.


21   Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von allem Erkenntni
22   wo nicht das Principium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen
23   ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen; wo alsdann die Eindrücke
24   der Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntnißkraft in Ansehung
25   ihrer zu eröffnen und Erfahrung zu Stande zu bringen, die zwei sehr ungleichartige
26   Elemente enthält, nämlich eine Materie zur Erkenntniß aus
27   den Sinnen und eine gewisse Form, sie zu ordnen, aus dem innern
28   Quell des reinen Anschauens und Denkens, die bei Gelegenheit der ersteren
29   zuerst in Ausübung gebracht werden und Begriffe hervorbringen. Ein
30   solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntnißkraft, um [op 119]
31   von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen Begriffen zu steigen, hat
32   ohne Zweifel seinen großen Nutzen, und man hat es dem berühmten LockePI
33   zu verdanken, daß er dazu zuerst den Weg eröffnet hat. Allein eine Deduction
34   der reinen Begriffe a priori kommt dadurch niemals zu Stande,
35   denn sie liegt ganz und gar nicht auf diesem Wege, weil in Ansehung
36   ihres künftigen Gebrauchs, der von der Erfahrung gänzlich unabhängig
37   sein soll, sie einen ganz andern Geburtsbrief, als den der Abstammung


[seite 101]


01   von Erfahrungen müssen aufzuzeigen haben. Diese versuchte physiologische
02   Ableitung, die eigentlich gar nicht Deduction heißen kann, weil
03   sie eine quaestionem facti betrifft, will ich daher die Erklärung des Besitzes
04   einer reinen Erkenntniß nennen. Es ist also klar, daß von diesen
05   allein es eine transscendentale Deduction und keinesweges eine empirische
06   geben könne, und daß letztere in Ansehung der reinen Begriffe a priori
07   nichts als eitele Versuche sind, womit sich nur derjenige beschäftigen
08   kann, welcher die ganz eigenthümliche Natur dieser Erkenntnisse nicht begriffen
09   hat.


10   Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduction der
11   reinen Erkenntniß a priori, nämlich die auf dem transscendentalen Wege,
12   eingeräumt wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, daß sie so unumgänglich
13   nothwendig sei. Wir haben oben die Begriffe des Raumes und der
14   Zeit vermittelst einer transscendentalen Deduction zu ihren Quellen verfolgt [op 120]
15   und ihre objective Gültigkeit a priori erklärt und bestimmt. Gleichwohl
16   geht die Geometrie ihren sichern Schritt durch lauter Erkenntnisse
17   a priori, ohne daß sie sich wegen der reinen und gesetzmäßigen Abkunft
18   ihres Grundbegriffs vom Raume von der Philosophie einen Beglaubigungsschein
19   erbitten darf. Allein der Gebrauch des Begriffs geht in
20   dieser Wissenschaft auch nur auf die äußere Sinnenwelt, von welcher der
21   Raum die reine Form ihrer Anschauung ist, in welcher also alle geometrische
22   Erkenntniß, weil sie sich auf Anschauung a priori gründet, unmittelbare
23   Evidenz hat, und die Gegenstände durch die Erkenntniß selbst
24   a priori (der Form nach) in der Anschauung gegeben werden. Dagegen
25   fängt mit den reinen Verstandesbegriffen das unumgängliche Bedürfni
26   an, nicht allein von ihnen selbst, sondern auch vom Raum die
27   transscendentale Deduction zu suchen, weil, da sie von Gegenständen nicht
28   durch Prädicate der Anschauung und der Sinnlichkeit, sondern des reinen
29   Denkens a priori reden, sie sich auf Gegenstände ohne alle Bedingungen
30   der Sinnlichkeit allgemein beziehen, und die, da sie nicht auf Erfahrung
31   gegründet sind, auch in der Anschauung a priori kein Object vorzeigen
32   können, worauf sie vor aller Erfahrung ihre Synthesis gründeten, und
33   daher nicht allein wegen der objectiven Gültigkeit und Schranken ihres
34   Gebrauchs Verdacht erregen, sondern auch jenen Begriff des Raumes [op 121]
35   zweideutig machen, dadurch daß sie ihn über die Bedingungen der sinnlichen


[seite 102]


01   Anschauung zu gebrauchen geneigt sind, weshalb auch oben von ihm
02   eine transscendentale Deduction von nöthen war. So muß denn der Leser
03   von der unumgänglichen Nothwendigkeit einer solchen transscendentalen
04   Deduction, ehe er einen einzigen Schritt im Felde der reinen Vernunft
05   gethan hat, überzeugt werden, weil er sonst blind verfährt und, nachdem
06   er mannigfaltig umher geirrt hat, doch wieder zu der Unwissenheit zurückkehren
07   muß, von der er ausgegangen war. Er muß aber auch die unvermeidliche
08   Schwierigkeit zum voraus deutlich einsehen, damit er nicht über
09   Dunkelheit klage, wo die Sache selbst tief eingehüllt ist, oder über die Wegräumung
10   der Hindernisse zu früh verdrossen werde, weil es darauf ankommt,
11   entweder alle Ansprüche zu Einsichten der reinen Vernunft als
12   das beliebteste Feld, nämlich dasjenige über die Grenzen aller möglichen
13   Erfahrung hinaus, völlig aufzugeben, oder diese kritische Untersuchung
14   zur Vollkommenheit zu bringen.


15   Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit
16   leichter Mühe begreiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse a priori
17   sich gleichwohl auf Gegenstände nothwendig beziehen müssen und eine
18   synthetische Erkenntniß derselben unabhängig von aller Erfahrung möglich
19   machten. Denn da nur vermittelst solcher reinen Formen der Sinnlichkeit
20   uns ein Gegenstand erscheinen, d. i. ein Object der empirischen
21   Anschauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine Anschauungen, welche [op 122]
22   die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände als Erscheinungen a priori
23   enthalten, und die Synthesis in denselben hat objective Gültigkeit.


24   Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die Bedingungen
25   vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben
26   werden, mithin können uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne da
27   sie sich nothwendig auf Functionen des Verstandes beziehen müssen, und
28   dieser also die Bedingungen derselben a priori enthielte. Daher zeigt sich
29   hier eine Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht antrafen,
30   wie nämlich subjective Bedingungen des Denkens sollten objective
31   Gültigkeit haben, d. i. Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntniß der
32   Gegenstände abgeben: denn ohne Functionen des Verstandes können allerdings
33   Erscheinungen in der Anschauung gegeben werden. Ich nehme z. B.
34   den Begriff der Ursache, welcher eine besondere Art der Synthesis bedeutet,
35   da auf etwas A was ganz Verschiedenes B nach einer Regel gesetzt
36   wird. Es ist a priori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen
37   enthalten sollten (denn Erfahrungen kann man nicht zum Beweise anführen,


[seite 103]


01   weil die objective Gültigkeit dieses Begriffs a priori muß dargethan
02   werden können); und es ist daher a priori zweifelhaft, ob ein solcher
03   Begriff nicht etwa gar leer sei und überall unter den Erscheinungen keinen
04   Gegenstand antreffe. Denn daß Gegenstände der sinnlichen Anschauung [op 123]
05   den im Gemüth a priori liegenden formalen Bedingungen der Sinnlichkeit
06   gemäß sein müssen, ist daraus klar, weil sie sonst nicht Gegenstände
07   für uns sein würden; daß sie aber auch überdem den Bedingungen, deren
08   der Verstand zur synthetischen Einheit des Denkens bedarf, gemäß sein
09   müssen, davon ist die Schlußfolge nicht so leicht einzusehen. Denn es
10   könnten wohl allenfalls Erscheinungen so beschaffen sein, daß der Verstand
11   sie den Bedingungen seiner Einheit gar nicht gemäß fände, und alles so
12   in Verwirrung läge, daß z. B. in der Reihenfolge der Erscheinungen sich
13   nichts darböte, was eine Regel der Synthesis an die Hand gäbe und also
14   dem Begriffe der Ursache und Wirkung entspräche, so daß dieser Begriff
15   also ganz leer, nichtig und ohne Bedeutung wäre. Erscheinungen würden
16   nichts destoweniger unserer Anschauung Gegenstände darbieten, denn die
17   Anschauung bedarf der Functionen des Denkens auf keine Weise.


18   Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch
19   loszuwickeln, daß man sagte: die Erfahrung böte unablässig Beispiele
20   einer solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar, die genugsam
21   Anlaß geben, den Begriff der Ursache davon abzusondern und dadurch
22   zugleich die objective Gültigkeit eines solchen Begriffs zu bewähren, so
23   bemerkt man nicht, daß auf diese Weise der Begriff der Ursache gar nicht
24   entspringen kann, sondern daß er entweder völlig a priori im Verstande [op 124]
25   müsse gegründet sein, oder als ein bloßes Hirngespinst gänzlich aufgegeben
26   werden müsse. Denn dieser Begriff erfordert durchaus, daß etwas A von
27   der Art sei, daß ein anderes B daraus notwendig und nach einer
28   schlechthin allgemeinen Regel folge. Erscheinungen geben gar wohl
29   Fälle an die Hand, aus denen eine Regel möglich ist, nach der etwas gewöhnlicher
30   maßen geschieht, aber niemals, daß der Erfolg nothwendig
31   sei: daher der Synthesis der Ursache und Wirkung auch eine Dignität anhängt,
32   die man gar nicht empirisch ausdrücken kann, nämlich daß die
33   Wirkung nicht bloß zu der Ursache hinzu komme, sondern durch dieselbe
34   gesetzt sei und aus ihr erfolge. Die strenge Allgemeinheit der Regel ist
35   auch gar keine Eigenschaft empirischer Regeln, die durch Induction keine
36   andere als comparative Allgemeinheit, d. i. ausgebreitete Brauchbarkeit,
37   bekommen können. Nun würde sich aber der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe


[seite 104]


01   gänzlich ändern, wenn man sie nur als empirische Producte
02   behandeln wollte.


03   § 14.
04   Übergang
05   zur transscendentalen Deduction der Kategorien.


06   Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische Vorstellung
07   und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich auf einander nothwendiger
08   Weise beziehen und gleichsam einander begegnen können: entweder wenn [op 125]
09   der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den Gegenstand allein möglich
10   macht. Ist das erstere, so ist diese Beziehung nur empirisch, und die Vorstellung
11   ist niemals a priori möglich. Und dies ist der Fall mit Erscheinung
12   in Ansehung dessen, was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist
13   aber das zweite, weil Vorstellung an sich selbst (denn von deren Causalität
14   vermittelst des Willens ist hier gar nicht die Rede) ihren Gegenstand dem
15   Dasein nach nicht hervorbringt, so ist doch die Vorstellung in Ansehung
16   des Gegenstandes alsdann a priori bestimmend, wenn durch sie allein es
17   möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind aber
18   zwei Bedingungen, unter denen allein die Erkenntniß eines Gegenstandes
19   möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur als Erscheinung,
20   gegeben wird; zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand gedacht
21   wird, der dieser Anschauung entspricht. Es ist aber aus dem obigen klar,
22   daß die erste Bedingung, nämlich die, unter der allein Gegenstände angeschaut
23   werden können, in der That den Objecten der Form nach a priori
24   im Gemüth zum Grunde liege. Mit dieser formalen Bedingung der Sinnlichkeit
25   Stimmen also alle Erscheinungen nothwendig überein, weil sie nur
26   durch dieselbe erscheinen, d. i. empirisch angeschauet und gegeben werden
27   können. Nun frägt es sich, ob nicht auch Begriffe a priori vorausgehen,
28   als Bedingungen, unter denen allein etwas, wenn gleich nicht angeschauet,
29   dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird; denn alsdann ist alle [op 126]
30   empirische Erkenntniß der Gegenstände solchen Begriffen nothwendiger
31   Weise gemäß, weil ohne deren Voraussetzung nichts als Object der Erfahrung
32   möglich ist. Nun enthält aber alle Erfahrung außer der Anschauung
33   der Sinne, wodurch etwas gegeben wird, noch einen Begriff
34   von einem Gegenstande, der in der Anschauung gegeben wird oder erscheint:
35   demnach werden Begriffe von Gegenständen überhaupt als Bedingungen


[seite 105]


01   a priori aller Erfahrungserkenntniß zum Grunde liegen: folglich
02   wird die objective Gültigkeit der Kategorien als Begriffe a priori
03   darauf beruhen, daß durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens
04   nach) möglich sei. Denn alsdann beziehen sie sich nothwendiger Weise
05   und a priori auf Gegenstände der Erfahrung, weil nur vermittelst ihrer
06   überhaupt irgend ein Gegenstand der Erfahrung gedacht werden kann.


07   Die transscendentale Deduction aller Begriffe a priori hat also ein
08   Principium, worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muß, nämlich
09   dieses: daß sie als Bedingungen a priori der Möglichkeit der Erfahrung
10   erkannt werden müssen (es sei der Anschauung, die in ihr angetroffen
11   wird, oder des Denkens). Begriffe, die den objectiven Grund der
12   Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum nothwendig. Die
13   Entwickelung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist nicht
14   ihre Deduction (sondern Illustration), weil sie dabei doch nur zufällig [op 127]
15   sein würden. Ohne diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche Erfahrung,
16   in welcher alle Gegenstände der Erkenntniß vorkommen, würde die Beziehung
17   derselben auf irgend ein Object gar nicht begriffen werden können.


18   Der berühmte LockePI hatte aus Ermangelung dieser Betrachtung,
19   und weil er reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf, sie
20   auch von der Erfahrung abgeleitet und verfuhr doch so inconsequent,
21   daß er damit Versuche zu Erkenntnissen wagte, die weit über alle Erfahrungsgrenze
22   hinausgehen. David HumePI erkannte, um das letztere
23   thun zu können, sei es nothwendig, daß diese Begriffe ihren Ursprung
24   a priori haben müßten. Da er sich aber gar nicht erklären konnte, wie es
25   möglich sei, daß der Verstand Begriffe, die an sich im Verstande nicht verbunden
26   sind, doch als im Gegenstande nothwendig verbunden denken müsse,
27   und darauf nicht verfiel, daß vielleicht der Verstand durch diese Begriffe
28   selbst Urheber der Erfahrung, worin seine Gegenstände angetroffen werden,
29   sein könne: so leitete er sie, durch Noth gedrungen, von der Erfahrung ab
30   (nämlich von einer durch öftere Association in der Erfahrung entsprungenen
31   subjectiven Nothwendigkeit, welche zuletzt fälschlich für objectiv gehalten
32   wird, d. i. der Gewohnheit), verfuhr aber hernach sehr consequent
33   darin, daß er es für unmöglich erklärte, mit diesen Begriffen und den
34   Grundsätzen, die sie veranlassen, über die Erfahrungsgrenze hinauszugehen.


[seite 106]

[op 128]
01   Die empirische Ableitung aber, worauf beide verfielen, läßt sich
02   mit der Wirklichkeit der wissenschaftlichen Erkenntnisse a priori, die wir
03   haben, nämlich der reinen Mathematik und allgemeinen Naturwissenschaft,
04   nicht vereinigen, und wird also durch das Factum widerlegt.


06   Der erstePI dieser beiden berühmten Männer öffnete der Schwärmerei
07   Thür und Thor, weil die Vernunft, wenn sie einmal Befugnisse auf ihrer
08   Seite hat, sich nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen der Mäßigung
09   in Schranken halten läßt; der zweitePI ergab sich gänzlich dem Scepticism,
10   da er einmal eine so allgemeine für Vernunft gehaltene Täuschung unseres
11   Erkenntnißvermögens glaubte entdeckt zu haben. - Wir sind jetzt im Begriffe
12   einen Versuch zu machen, ob man nicht die menschliche Vernunft
13   zwischen diesen beiden Klippen glücklich durchbringen, ihr bestimmte
14   Grenzen anweisen und dennoch das ganze Feld ihrer zweckmäßigen Thätigkeit
15   für sie geöffnet erhalten könne.


16   Vorher will ich nur noch die Erklärung der Kategorien voranschicken.
17   Sie sind Begriffe von einem Gegenstande überhaupt, dadurch
18   dessen Anschauung in Ansehung einer der logischen Functionen zu Urtheilen
19   als bestimmt angesehen wird. So war die Function des kategorischen
20   Urtheils die des Verhältnisses des Subjects zum Prädicat,
21   z. B. alle Körper sind theilbar. Allein in Ansehung des bloß logischen
22   Gebrauchs des Verstandes blieb es unbestimmt, welchem von beiden Begriffen [op 129]
23   die Function des Subjects, und welchem die des Prädicats man
24   geben wolle. Denn man kann auch sagen: Einiges Theilbare ist ein
25   Körper. Durch die Kategorie der Substanz aber, wenn ich den Begriff
26   eines Körpers darunter bringe, wird es bestimmt: daß seine empirische
27   Anschauung in der Erfahrung immer nur als Subject, niemals als bloßes
28   Prädicat betrachtet werden müsse; und so in allen übrigen Kategorien.


[seite 107]


01   Der
02   Deduction der reinen Verstandesbegriffe
03   Zweiter Abschnitt.
04   Transscendentale Deduction der reinen Verstandesbegriffe.
05   § 15.


06   Von der Möglichkeit einer Verbindung überhaupt.


07   Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben
08   werden, die bloß sinnlich, d. i. nichts als Empfänglichkeit ist, und
09   die Form dieser Anschauung kann a priori in unserm Vorstellungsvermögen
10   liegen, ohne doch etwas andres als die Art zu sein, wie das Subject
11   afficirt wird. Allein die Verbindung ( conjunctio ) eines Mannigfaltigen
12   überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen und kann [op 130]
13   also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit
14   enthalten sein; denn sie ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft,
15   und da man diese zum Unterschiede von der Sinnlichkeit Verstand
16   nennen muß, so ist alle Verbindung, wir mögen uns ihrer bewußt werden
17   oder nicht, es mag eine Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung
18   oder mancherlei Begriffe, und an der ersteren der sinnlichen oder nichtsinnlichen
19   Anschauung sein, eine Verstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen
20   Benennung Synthesis belegen würden, um dadurch zugleich
21   bemerklich zu machen, daß wir uns nichts als im Object verbunden vorstellen
22   können, ohne es vorher selbst verbunden zu haben, und unter allen
23   Vorstellungen die Verbindung die einzige ist, die nicht durch Objecte gegeben,
24   sondern nur vom Subjecte selbst verrichtet werden kann, weil sie
25   ein Actus seiner Selbstthätigkeit ist. Man wird hier leicht gewahr, da
26   diese Handlung ursprünglich einig und für alle Verbindung gleichgeltend
27   sein müsse, und daß die Auflösung, Analysis, die ihr Gegentheil zu sein
28   scheint, sie doch jederzeit voraussetze; denn wo der Verstand vorher nichts
29   verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen, weil es nur durch ihn
30   als verbunden der Vorstellungskraft hat gegeben werden können.


[seite 108]


01   Aber der Begriff der Verbindung führt außer dem Begriffe des
02   Mannigfaltigen und der Synthesis desselben noch den der Einheit desselben
03   bei sich. Verbindung ist Vorstellung der synthetischen Einheit des [op 131]
04   Mannigfaltigen.*) Die Vorstellung dieser Einheit kann also nicht aus
05   der Verbindung entstehen, sie macht vielmehr dadurch, daß sie zur Vorstellung
06   des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der Verbindung
07   allererst möglich. Diese Einheit, die a priori vor allen Begriffen der Verbindung
08   vorhergeht, ist nicht etwa jene Kategorie der Einheit (§ 10); denn
09   alle Kategorien gründen sich auf logische Functionen in Urtheilen, in
10   diesen aber ist schon Verbindung, mithin Einheit gegebener Begriffe gedacht.
11   Die Kategorie setzt also schon Verbindung voraus. Also müssen
12   wir diese Einheit (als qualitative, § 12) noch höher suchen, nämlich in
13   demjenigen, was selbst den Grund der Einheit verschiedener Begriffe in
14   Urtheilen, mithin der Möglichkeit des Verstandes sogar in seinem logischen
15   Gebrauche enthält.


16   § 16.
17   Von der ursprünglich=synthetischen Einheit der
18   Apperception.


19   Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; [op 132]
20   denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht
21   werden könnte, welches eben so viel heißt als: die Vorstellung würde entweder
22   unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung,
23   die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung.
24   Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine nothwendige Beziehung
25   auf das: Ich denke, in demselben Subject, darin dieses Mannigfaltige
26   angetroffen wird. Diese Vorstellung aber ist ein Actus der Spontaneität,
27   d. i. sie kann nicht als zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden.
28   Ich nenne sie die reine Apperception, um sie von der empirischen
29   zu unterscheiden, oder auch die ursprüngliche Apperception, weil sie
30   dasjenige Selbstbewußtsein ist, was, in dem es die Vorstellung: Ich denke,



31   *) Ob die Vorstellungen selbst identisch sind, und also eine durch die andere
32   analytisch könne gedacht werden, das kommt hier nicht in Betrachtung. Das Bewußtsein
33   der einen ist, so fern vom Mannigfaltigen die Rede ist, vom Bewußtsein
34   der anderen doch immer zu unterscheiden, und auf die Synthesis dieses (möglichen)
35   Bewußtseins kommt es hier allein an.


[seite 109]


01   hervorbringt, die alle andere muß begleiten können und in allem Bewußtsein
02   ein und dasselbe ist, von keiner weiter begleitet werden kann. Ich
03   nenne auch die Einheit derselben die transscendentale Einheit des
04   Selbstbewußtseins, um die Möglichkeit der Erkenntniß a priori aus ihr
05   zu bezeichnen. Denn die mannigfaltigen Vorstellungen, die in einer gewissen
06   Anschauung gegeben werden, würden nicht insgesammt meine
07   Vorstellungen sein, wenn sie nicht insgesammt zu einem Selbstbewußtsein
08   gehörten, d. i. als meine Vorstellungen (ob ich mich ihrer gleich nicht als
09   solcher bewußt bin) müssen sie doch der Bedingung nothwendig gemä
10   sein, unter der sie allein in einem allgemeinen Selbstbewußtsein zusammenstehen [op 133]
11   können, weil sie sonst nicht durchgängig mir angehören würden.
12   Aus dieser ursprünglichen Verbindung läßt sich vieles folgern.


13   Nämlich diese durchgängige Identität der Apperception eines in der
14   Anschauung gegebenen Mannigfaltigen enthält eine Synthesis der Vorstellungen
15   und ist nur durch das Bewußtsein dieser Synthesis möglich.
16   Denn das empirische Bewußtsein, welches verschiedene Vorstellungen begleitet,
17   ist an sich zerstreut und ohne Beziehung auf die Identität des
18   Subjects. Diese Beziehung geschieht also dadurch noch nicht, daß ich jede
19   Vorstellung mit Bewußtsein begleite, sondern daß ich eine zu der andern
20   hinzusetze und mir der Synthesis derselben bewußt bin. Also nur dadurch,
21   daß ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen in einem
22   Bewußtsein verbinden kann, ist es möglich, daß ich mir die Identität
23   des Bewußtseins in diesen Vorstellungen selbst vorstelle, d. i. die
24   analytische Einheit der Apperception ist nur unter der Voraussetzung [op 134]
25   irgend einer synthetischen möglich.*) Der Gedanke: diese in der Anschauung



26   *) Die analytische Einheit des Bewußtseins hängt allen gemeinsamen Begriffen
27   als solchen an; z. B. wenn ich mir roth überhaupt denke, so Stelle ich mir dadurch
28   eine Beschaffenheit vor, die (als Merkmal) irgend woran angetroffen, oder mit anderen
29   Vorstellungen verbunden sein kann; also nur vermöge einer vorausgedachten möglichen
30   synthetischen Einheit kann ich mir die analytische vorstellen. Eine Vorstellung, die als
31   verschiedenen gemein gedacht werden soll, wird als zu solchen gehörig angesehen,
32   die außer ihr noch etwas Verschiedenes an sich haben; folglich muß sie in synthetischer
33   Einheit mit anderen (wenn gleich nur möglichen Vorstellungen) vorher gedacht
34   werden, ehe ich die analytische Einheit des Bewußtseins, welche sie zum conceptus
35   communis macht, an ihr denken kann. Und so ist die synthetische Einheit der Apperception
36   der höchste Punkt, an dem man allen Verstandesgebrauch, selbst die ganze Logik
37   und nach ihr die Transscendental=Philosophie heften muß, ja dieses Vermögen ist der
38   Verstand selbst.


[seite 110]


01   gegebene Vorstellungen gehören mir insgesammt zu, heißt demnach
02   so viel, als ich vereinige sie in einem Selbstbewußtsein, oder kann sie
03   wenigstens darin vereinigen; und ob er gleich selbst noch nicht das Bewußtsein
04   der Synthesis der Vorstellungen ist, so setzt er doch die Möglichkeit
05   der letzteren voraus, d. i. nur dadurch, daß ich das Mannigfaltige
06   derselben in einem Bewußtsein begreifen kann, nenne ich dieselbe insgesammt
07   meine Vorstellungen; denn sonst würde ich ein so vielfärbiges,
08   verschiedenes Selbst haben, als ich Vorstellungen habe, deren ich mir bewußt
09   bin. Synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Anschauungen,
10   als a priori gegeben, ist also der Grund der Identität der Apperception
11   selbst, die a priori allem meinem bestimmten Denken vorhergeht. Verbindung
12   liegt aber nicht in den Gegenständen und kann von ihnen nicht
13   etwa durch Wahrnehmung entlehnt und in den Verstand dadurch allererst [op 135]
14   aufgenommen werden, sondern ist allein eine Verrichtung des Verstandes,
15   der selbst nichts weiter ist als das Vermögen, a priori zu verbinden und
16   das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter Einheit der Apperception
17   zu bringen, welcher Grundsatz der oberste im ganzen menschlichen
18   Erkenntniß ist.


19   Dieser Grundsatz der nothwendigen Einheit der Apperception ist nun
20   zwar selbst identisch, mithin ein analytischer Satz, erklärt aber doch eine
21   Synthesis des in einer Anschauung gegebenen Mannigfaltigen als nothwendig,
22   ohne welche jene durchgängige Identität des Selbstbewußtseins
23   nicht gedacht werden kann. Denn durch das Ich als einfache Vorstellung
24   ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der Anschauung, die davon unterschieden
25   ist, kann es nur gegeben und durch Verbindung in einem Bewußtsein
26   gedacht werden. Ein Verstand, in welchem durch das Selbstbewußtsein
27   zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde, würde anschauen;
28   der unsere kann nur denken und muß in den Sinnen die Anschauung
29   suchen. Ich bin mir also des identischen Selbst bewußt in Ansehung des
30   Mannigfaltigen der mir in einer Anschauung gegebenen Vorstellungen,
31   weil ich sie insgesammt meine Vorstellungen nenne, die eine ausmachen.
32   Das ist aber so viel, als daß ich mir einer nothwendigen Synthesis derselben
33   a priori bewußt bin, welche die ursprüngliche synthetische Einheit [op 136]
34   der Apperception heißt, unter der alle mir gegebene Vorstellungen stehen,
35   aber unter die sie auch durch eine Synthesis gebracht werden müssen.


[seite 111]


01   § 17.
02   Der Grundsatz der synthetischen Einheit der Apperception
03   ist das oberste Princip alles Verstandesgebrauchs.


04   Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung
05   auf die Sinnlichkeit war laut der transscendentalen Ästhetik: daß alles
06   Mannigfaltige derselben unter den formalen Bedingungen des Raums
07   und der Zeit stehe. Der oberste Grundsatz eben derselben in Beziehung
08   auf den Verstand ist: daß alles Mannigfaltige der Anschauung unter Bedingungen
09   der ursprünglich=synthetischen Einheit der Apperception stehe.*)
10   Unter dem ersteren stehen alle mannigfaltige Vorstellungen der Anschauung,
11   so fern sie uns gegeben werden, unter dem zweiten, so fern sie in [op 137]
12   einem Bewußtsein müssen verbunden werden können; denn ohne das
13   kann nichts dadurch gedacht oder erkannt werden, weil die gegebene Vorstellungen
14   den Actus der Apperception: Ich denke, nicht gemein haben
15   und dadurch nicht in einem Selbstbewußtsein zusammengefaßt sein würden.


16   Verstand ist, allgemein zu reden, das Vermögen der Erkenntnisse.
17   Diese bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen
18   auf ein Object. Object aber ist das, in dessen Begriff das Mannigfaltige
19   einer gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun erfordert aber
20   alle Vereinigung der Vorstellungen Einheit des Bewußtseins in der Synthesis
21   derselben. Folglich ist die Einheit des Bewußtseins dasjenige, was
22   allein die Beziehung der Vorstellungen auf einen Gegenstand, mithin ihre
23   objective Gültigkeit, folglich daß sie Erkenntnisse werden, ausmacht, und
24   worauf folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes beruht.


25   Das erste reine Verstandeserkenntniß also, worauf sein ganzer übriger
26   Gebrauch sich gründet, welches auch zugleich von allen Bedingungen der
27   sinnlichen Anschauung ganz unabhängig ist, ist nun der Grundsatz der ursprünglichen
28   synthetischen Einheit der Apperception. So ist die bloße
29   Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, noch gar keine Erkenntniß;



30   *) Der Raum und die Zeit und alle Theile derselben sind Anschauungen, mithin
31   einzelne Vorstellungen mit dem Mannigfaltigen, das sie in sich enthalten (siehe die
32   transsc. Ästhetik), mithin nicht bloße Begriffe, durch die eben dasselbe Bewußtsein als
33   in vielen Vorstellungen, sondern viel Vorstellungen als in einer und deren Bewußtsein
34   enthalten, mithin als zusammengesetzt, folglich die Einheit des Bewußtseins als
35   synthetisch, aber doch ursprünglich angetroffen wird. Diese Einzelheit derselben
36   ist wichtig in der Anwendung (siehe § 25).


[seite 112]


01   er giebt nur das Mannigfaltige der Anschauung a priori zu
02   einem möglichen Erkenntniß. Um aber irgend etwas im Raume zu erkennen, [op 138]
03   z. B. eine Linie, muß ich sie ziehen und also eine bestimmte Verbindung
04   des gegebenen Mannigfaltigen synthetisch zu Stande bringen, so
05   daß die Einheit dieser Handlung zugleich die Einheit des Bewußtseins
06   (im Begriffe einer Linie) ist, und dadurch allererst ein Object (ein bestimmter
07   Raum) erkannt wird. Die synthetische Einheit des Bewußtseins
08   ist also eine objective Bedingung aller Erkenntniß, nicht deren ich blo
09   selbst bedarf, um ein Object zu erkennen, sondern unter der jede Anschauung
10   stehen muß, um für mich Object zu werden, weil auf andere Art
11   und ohne diese Synthesis das Mannigfaltige sich nicht in einem Bewußtsein
12   vereinigen würde.


13   Dieser letztere Satz ist, wie gesagt, selbst analytisch, ob er zwar die
14   synthetische Einheit zur Bedingung alles Denkens macht; denn er sagt
15   nichts weiter, als daß alle meine Vorstellungen in irgend einer gegebenen
16   Anschauung unter der Bedingung stehen müssen, unter der ich sie allein
17   als meine Vorstellungen zu dem identischen Selbst rechnen und also als
18   in einer Apperception synthetisch verbunden durch den allgemeinen Ausdruck:
19   Ich denke, zusammenfassen kann.


20   Aber dieser Grundsatz ist doch nicht ein Princip für jeden überhaupt
21   möglichen Verstand, sondern nur für den, durch dessen reine Apperception
22   in der Vorstellung: Ich bin, noch gar nichts Mannigfaltiges gegeben ist.
23   Derjenige Verstand, durch dessen Selbstbewußtsein zugleich das Mannigfaltige [op 139]
24   der Anschauung gegeben würde, ein Verstand, durch dessen Vorstellung
25   zugleich die Objecte dieser Vorstellung existirten, würde einen
26   besondern Actus der Synthesis des Mannigfaltigen zu der Einheit des
27   Bewußtseins nicht bedürfen, deren der menschliche Verstand, der blo
28   denkt, nicht anschaut, bedarf. Aber für den menschlichen Verstand ist er
29   doch unvermeidlich der erste Grundsatz, so daß er sich sogar von einem
30   anderen möglichen Verstande, entweder einem solchen, der selbst anschauete,
31   oder, wenn gleich eine sinnliche Anschauung, aber doch von anderer Art
32   als die im Raume und der Zeit zum Grunde liegend besäße, sich nicht den
33   mindesten Begriff machen kann.


[seite 113]


01   § 18.
02   Was objective Einheit des Selbstbewußtseins sei.


03   Die transscendentale Einheit der Apperception ist diejenige,
04   durch welche alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen
05   Begriff vom Object vereinigt wird. Sie heißt darum objectiv und mu
06   von der subjectiven Einheit des Bewußtseins unterschieden werden,
07   die eine Bestimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes Mannigfaltige
08   der Anschauung zu einer solchen Verbindung empirisch gegeben
09   wird. Ob ich mir des Mannigfaltigen als zugleich oder nach einander
10   empirisch bewußt sein könne, kommt auf Umstände oder empirische Bedingungen [op 140]
11   an; daher die empirische Einheit des Bewußtseins durch Association
12   der Vorstellungen selbst eine Erscheinung betrifft und ganz zufällig
13   ist. Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit, bloß als
14   Anschauung überhaupt, die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält, unter
15   der ursprünglichen Einheit des Bewußtseins lediglich durch die nothwendige
16   Beziehung des Mannigfaltigen der Anschauung zum einen: Ich
17   denke, also durch die reine Synthesis des Verstandes, welche a priori der
18   empirischen zum Grunde liegt. Jene Einheit ist allein objectiv gültig: die
19   empirische Einheit der Apperception, die wir hier nicht erwägen, und die
20   auch nur von der ersteren unter gegebenen Bedingungen in concreto abgeleitet
21   ist, hat nur subjective Gültigkeit. Einer verbindet die Vorstellung
22   eines gewissen Worts mit einer Sache, der andere mit einer anderen
23   Sache; und die Einheit des Bewußtseins in dem, was empirisch ist, ist in
24   Ansehung dessen, was gegeben ist, nicht nothwendig und allgemein geltend.


25   § 19.
26   Die logische Form aller Urtheile besteht in der objectiven
27   Einheit der Apperception der darin enthaltenen Begriffe.


28   Ich habe mich niemals durch die Erklärung, welche die Logiker von
29   einem Urtheile überhaupt geben, befriedigen können: es ist, wie sie sagen,
30   die Vorstellung eines Verhältnisses zwischen zwei Begriffen. Ohne nun [op 141]
31   hier über das Fehlerhafte der Erklärung, daß sie allenfalls nur auf kategorische,
32   aber nicht hypothetische und disjunctive Urtheile paßt (als
33   welche letztere nicht ein Verhältniß von Begriffen, sondern selbst von Urtheilen
34   enthalten), mit ihnen zu zanken (unerachtet aus diesem Versehen


[seite 114]


01   der Logik manche lästige Folgen erwachsen sind)*), merke ich nur an, da
02   worin dieses Verhältniß bestehe, hier nicht bestimmt ist.


03   Wenn ich aber die Beziehung gegebener Erkenntnisse in jedem Urtheile
04   genauer untersuche und sie als dem Verstande angehörige von dem
05   Verhältnisse nach Gesetzen der reproductiven Einbildungskraft (welches
06   nur subjective Gültigkeit hat) unterscheide, so finde ich, daß ein Urtheil
07   nichts andres sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur objectiven
08   Einheit der Apperception zu bringen. Darauf zielt das Verhältnißwörtchen [op 142]
09   ist in denselben, um die objective Einheit gegebener Vorstellungen von
10   der subjectiven zu unterscheiden. Denn dieses bezeichnet die Beziehung
11   derselben auf die ursprüngliche Apperception und die nothwendige Einheit
12   derselben, wenn gleich das Urtheil selbst empirisch, mithin zufällig
13   ist, z. B. die Körper sind schwer. Damit ich zwar nicht sagen will, diese
14   Vorstellungen gehören in der empirischen Anschauung nothwendig zu
15   einander, sondern sie gehören vermöge der nothwendigen Einheit
16   der Apperception in der Synthesis der Anschauungen zu einander, d. i.
17   nach Principien der objectiven Bestimmung aller Vorstellungen, so fern
18   daraus Erkenntniß werden kann, welche Principien alle aus dem Grundsatze
19   der transscendentalen Einheit der Apperception abgeleitet sind. Dadurch
20   allein wird aus diesem Verhältnisse ein Urtheil, d. i. ein Verhältniß,
21   das objectiv gültig ist und sich von dem Verhältnisse eben
22   derselben Vorstellungen, worin bloß subjective Gültigkeit wäre, z. B. nach
23   Gesetzen der Association, hinreichend unterscheidet. Nach den letzteren
24   würde ich nur sagen können: wenn ich einen Körper trage, so fühle ich
25   einen Druck der Schwere; aber nicht: er, der Körper, ist schwer; welches so
26   viel sagen will als: diese beide Vorstellungen sind im Object, d. i. ohne
27   Unterschied des Zustandes des Subjects, verbunden und nicht bloß in der
28   Wahrnehmung (so oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen.



29   *) Die weitläuftige Lehre von den vier syllogistischen Figuren betrifft nur die
30   kategorischen Vernunftschlüsse; und ob sie zwar nichts weiter ist, als eine Kunst, durch
31   Versteckung unmittelbarer Schlüsse ( consequentiae immediatae ) unter die Prämissen
32   eines reinen Vernunftschlusses den Schein mehrerer Schlußarten, als des in der ersten
33   Figur zu erschleichen, so würde sie doch dadurch allein kein sonderliches Glück gemacht
34   haben, wenn es ihr nicht gelungen wäre, die kategorischen Urtheile als die, worauf sich
35   alle andere müssen beziehen lassen, in ausschließliches Ansehen zu bringen, welches
36   aber nach § 9 falsch ist.


[seite 115]

[op 143]
01   § 20.
02   Alle sinnliche Anschauungen stehen unter den Kategorien als
03   Bedingungen, unter denen allein das Mannigfaltige derselben
04   in ein Bewußtsein zusammenkommen kann.


05   Das Mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung Gegebene gehört
06   nothwendig unter die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperception,
07   weil durch diese die Einheit der Anschauung allein möglich ist (§ 17).
08   Diejenige Handlung des Verstandes aber, durch die das Mannigfaltige
09   gegebener Vorstellungen (sie mögen Anschauungen oder Begriffe sein)
10   unter eine Apperception überhaupt gebracht wird, ist die logische Function
11   der Urtheile (§ 19). Also ist alles Mannigfaltige, so fern es in einer
12   empirischen Anschauung gegeben ist, in Ansehung einer der logischen
13   Functionen zu urtheilen bestimmt, durch die es nämlich zu einem Bewußtsein
14   überhaupt gebracht wird. Nun sind aber die Kategorien
15   nichts andres als eben diese Functionen zu urtheilen, so fern das Mannigfaltige
16   einer gegebenen Anschauung in Ansehung ihrer bestimmt ist (§ 10).
17   Also steht auch das Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung nothwendig
18   unter Kategorien.

[op 144]
19   § 21.
20   Anmerkung.


21   Ein Mannigfaltiges, das in einer Anschauung, die ich die meinige
22   nenne, enthalten ist, wird durch die Synthesis des Verstandes als zur
23   nothwendigen Einheit des Selbstbewußtseins gehörig vorgestellt, und
24   dieses geschieht durch die Kategorie.*) Diese zeigt also an: daß das empirische
25   Bewußtsein eines gegebenen Mannigfaltigen einer Anschauung
26   eben sowohl unter einem reinen Selbstbewußtsein a priori, wie empirische
27   Anschauung unter einer reinen sinnlichen, die gleichfalls a priori statt
28   hat, stehe. - Im obigen Satze ist also der Anfang einer Deduction der
29   reinen Verstandesbegriffe gemacht, in welcher ich, da die Kategorien unabhängig
30   von Sinnlichkeit bloß im Verstande entspringen, noch von



31   *) Der Beweisgrund beruht auf der vorgestellten Einheit der Anschauung,
32   dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche jederzeit eine Synthesis des mannigfaltigen
33   zu einer Anschauung gegebenen in sich schließt und schon die Beziehung
34   dieses letzteren auf Einheit der Apperception enthält.


[seite 116]


01   der Art, wie das Mannigfaltige zu einer empirischen Anschauung gegeben
02   werde, abstrahiren muß, um nur auf die Einheit, die in die Anschauung
03   vermittelst der Kategorie durch den Verstand hinzukommt, zu sehen. In
04   der Folge (§ 26) wird aus der Art, wie in der Sinnlichkeit die empirische [op 145]
05   Anschauung gegeben wird, gezeigt werden, daß die Einheit derselben keine
06   andere sei, als welche die Kategorie nach dem vorigen § 20 dem Mannigfaltigen
07   einer gegebenen Anschauung überhaupt vorschreibt, und dadurch
08   also, daß ihre Gültigkeit a priori in Ansehung aller Gegenstände unserer
09   Sinne erklärt wird, die Absicht der Deduction allererst völlig erreicht werden.


10   Allein von einem Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht abstrahiren,
11   nämlich davon, daß das Mannigfaltige für die Anschauung
12   noch vor der Synthesis des Verstandes und unabhängig von ihr gegeben
13   sein müsse; wie aber, bleibt hier unbestimmt. Denn wollte ich mir einen
14   Verstand denken, der selbst anschauete (wie etwa einen göttlichen, der nicht
15   gegebene Gegenstände sich vorstellte, sondern durch dessen Vorstellung die
16   Gegenstände selbst zugleich gegeben oder hervorgebracht würden), so würden
17   die Kategorien in Ansehung eines solchen Erkenntnisses gar keine Bedeutung
18   haben. Sie sind nur Regeln für einen Verstand, dessen ganzes
19   Vermögen im Denken besteht, d. i. in der Handlung, die Synthesis des
20   Mannigfaltigen, welches ihm anderweitig in der Anschauung gegeben
21   worden, zur Einheit der Apperception zu bringen, der also für sich gar
22   nichts erkennt, sondern nur den Stoff zum Erkenntniß, die Anschauung,
23   die ihm durchs Object gegeben werden muß, verbindet und ordnet. Von
24   der Eigenthümlichkeit unsers Verstandes aber, nur vermittelst der Kategorien [op 146]
25   und nur gerade durch diese Art und Zahl derselben Einheit der
26   Apperception a priori zu Stande zu bringen, läßt sich eben so wenig ferner
27   ein Grund angeben, als warum wir gerade diese und keine andere Functionen
28   zu Urtheilen haben, oder warum Zeit und Raum die einzigen
29   Formen unserer möglichen Anschauung sind.


30   § 22.
31   Die Kategorie hat keinen andern Gebrauch zum Erkenntnisse
32   der Dinge, als ihre Anwendung auf Gegenstände der
33   Erfahrung.


34   Sich einen Gegenstand denken und einen Gegenstand erkennen,
35   ist also nicht einerlei. Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke:


[seite 117]


01   erstlich der Begriff, dadurch überhaupt ein Gegenstand gedacht wird (die
02   Kategorie), und zweitens die Anschauung, dadurch er gegeben wird; denn
03   könnte dem Begriffe eine korrespondirende Anschauung gar nicht gegeben
04   werden, so wäre er ein Gedanke der Form nach, aber ohne allen Gegenstand
05   und durch ihn gar keine Erkenntniß von irgend einem Dinge möglich,
06   weil es, so viel ich wüßte, nichts gäbe, noch geben könnte, worauf
07   mein Gedanke angewandt werden könne. Nun ist alle uns mögliche Anschauung
08   sinnlich (Ästhetik), also kann das Denken eines Gegenstandes
09   überhaupt durch einen reinen Verstandesbegriff bei uns nur Erkenntni
10   werden, so fern dieser auf Gegenstände der Sinne bezogen wird. Sinnliche [op 147]
11   Anschauung ist entweder reine Anschauung (Raum und Zeit) oder
12   empirische Anschauung desjenigen, was im Raum und der Zeit unmittelbar
13   als wirklich, durch Empfindung, vorgestellt wird. Durch Bestimmung
14   der ersteren können wir Erkenntnisse a priori von Gegenständen (in der
15   Mathematik) bekommen, aber nur ihrer Form nach als Erscheinungen;
16   ob es Dinge geben könne, die in dieser Form angeschaut werden müssen,
17   bleibt doch dabei noch unausgemacht. Folglich sind alle mathematische
18   Begriffe für sich nicht Erkenntnisse, außer so fern man voraussetzt, daß es
19   Dinge giebt, die sich nur der Form jener reinen sinnlichen Anschauung
20   gemäß uns darstellen lassen. Dinge im Raum und der Zeit werden
21   aber nur gegeben, so fern sie Wahrnehmungen (mit Empfindung begleitete
22   Vorstellungen) sind, mithin durch empirische Vorstellung. Folglich verschaffen
23   die reinen Verstandesbegriffe, selbst wenn sie auf Anschauungen
24   a priori (wie in der Mathematik) angewandt werden, nur so fern Erkenntniß,
25   als diese, mithin auch die Verstandesbegriffe vermittelst ihrer auf empirische
26   Anschauungen angewandt werden können. Folglich liefern uns
27   die Kategorien vermittelst der Anschauung auch keine Erkenntniß von
28   Dingen, als nur durch ihre mögliche Anwendung auf empirische Anschauung,
29   d. i. sie dienen nur zur Möglichkeit empirischer Erkenntniß.
30   Diese aber heißt Erfahrung. Folglich haben die Kategorien keinen [op 148]
31   anderen Gebrauch zum Erkenntnisse der Dinge, als nur so fern diese als
32   Gegenstände möglicher Erfahrung angenommen werden.


33   § 23.


34   Der obige Satz ist von der größten Wichtigkeit; denn er bestimmt
35   ebenso wohl die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in


[seite 118]


01   Ansehung der Gegenstände, als die transscendentale Ästhetik die Grenzen
02   des Gebrauchs der reinen Form unserer sinnlichen Anschauung bestimmte.
03   Raum und Zeit gelten als Bedingungen der Möglichkeit, wie uns Gegenstände
04   gegeben werden können, nicht weiter als für Gegenstände der Sinne,
05   mithin nur der Erfahrung. Über diese Grenzen hinaus stellen sie gar
06   nichts vor; denn sie sind nur in den Sinnen und haben außer ihnen keine
07   Wirklichkeit. Die reinen Verstandesbegriffe sind von dieser Einschränkung
08   frei und erstrecken sich auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, sie
09   mag der unsrigen ähnlich sein oder nicht, wenn sie nur sinnlich und nicht
10   intellectuell ist. Diese weitere Ausdehnung der Begriffe, über unsere sinnliche
11   Anschauung hinaus, hilft uns aber zu nichts. Denn es sind alsdann
12   leere Begriffe von Objecten, von denen, ob sie nur einmal möglich sind
13   oder nicht, wir durch jene gar nicht urtheilen können, bloße Gedankenformen
14   ohne objective Realität, weil wir keine Anschauung zur Hand
15   haben, auf welche die synthetische Einheit der Apperception, die jene allein [op 149]
16   enthalten, angewandt werden, und sie so einen Gegenstand bestimmen
17   könnten. Unsere sinnliche und empirische Anschauung kann ihnen allein
18   Sinn und Bedeutung verschaffen.


19   Nimmt man also ein Object einer nicht=sinnlichen Anschauung
20   als gegeben an, so kann man es freilich durch alle die Prädicate vorstellen,
21   die schon in der Voraussetzung liegen, daß ihm nichts zur sinnlichen
22   Anschauung Gehöriges zukomme: also daß es nicht ausgedehnt oder
23   im Raume sei, daß die Dauer desselben keine Zeit sei, daß in ihm keine
24   Veränderung (Folge der Bestimmungen in der Zeit) angetroffen werde
25   u. s. w.. Allein das ist doch kein eigentliches Erkenntniß, wenn ich blo
26   anzeige, wie die Anschauung des Objects nicht sei, ohne sagen zu können,
27   was in ihr denn enthalten sei; denn alsdann habe ich gar nicht die Möglichkeit
28   eines Objects zu meinem reinen Verstandesbegriff vorgestellt, weil
29   ich keine Anschauung habe geben können, die ihm correspondirte, sondern
30   nur sagen konnte, daß die unsrige nicht für ihn gelte. Aber das Vornehmste
31   ist hier, daß auf ein solches Etwas auch nicht einmal eine einzige
32   Kategorie angewandt werden könnte; z. B. der Begriff einer Substanz,
33   d. i. von Etwas, das als Subject, niemals aber als bloßes Prädicat
34   existiren könne, wovon ich gar nicht weiß, ob es irgend ein Ding geben
35   könne, das dieser Gedankenbestimmung correspondirte, wenn nicht empirische
36   Anschauung mir den Fall der Anwendung gäbe. Doch mehr hievon
37   in der Folge.


[seite 119]

[op 150]
01   § 24.
02   Von der Anwendung der Kategorien auf Gegenstände der
03   Sinne überhaupt.


04   Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich durch den bloßen Verstand
05   auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, unbestimmt ob sie die
06   unsrige oder irgend eine andere, doch sinnliche sei, sind aber eben darum
07   bloße Gedankenformen, wodurch noch kein bestimmter Gegenstand erkannt
08   wird. Die Synthesis oder Verbindung des Mannigfaltigen in denselben
09   bezog sich bloß auf die Einheit der Apperception und war dadurch
10   der Grund der Möglichkeit der Erkenntniß a priori, so fern sie auf dem
11   Verstande beruht, und mithin nicht allein transscendental, sondern auch
12   bloß rein intellectual. Weil in uns aber eine gewisse Form der sinnlichen
13   Anschauung a priori zum Grunde liegt, welche auf der Receptivität der
14   Vorstellungsfähigkeit (Sinnlichkeit) beruht, so kann der Verstand als
15   Spontaneität den inneren Sinn durch das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen
16   der synthetischen Einheit der Apperception gemäß bestimmen
17   und so synthetische Einheit der Apperception des Mannigfaltigen der
18   sinnlichen Anschauung a priori denken, als die Bedingung, unter
19   welcher alle Gegenstände unserer (der menschlichen) Anschauung nothwendiger
20   Weise stehen müssen, dadurch denn die Kategorien als bloße [op 151]
21   Gedankenformen objective Realität, d. i. Anwendung auf Gegenstände,
22   die uns in der Anschauung gegeben werden können, aber nur als Erscheinungen
23   bekommen; denn nur von diesen sind wir der Anschauung a priori
24   fähig.


25   Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung,
26   die a priori möglich und nothwendig ist, kann figürlich ( synthesis speciosa )
27   genannt werden zum Unterschiede von derjenigen, welche in Ansehung
28   des Mannigfaltigen einer Anschauung überhaupt in der bloßen Kategorie
29   gedacht würde und Verstandesverbindung ( synthesis intellectualis ) heißt;
30   beide sind transscendental, nicht bloß weil sie selbst a priori vorgehen,
31   sondern auch die Möglichkeit anderer Erkenntniß a priori gründen.


32   Allein die figürliche Synthesis, wenn sie bloß auf die ursprünglich
33   synthetische Einheit der Apperception, d. i. diese transscendentale Einheit,
34   geht, welche in den Kategorien gedacht wird, muß zum Unterschiede von
35   der bloß intellectuellen Verbindung die transscendentale Synthesis
36   der Einbildungskraft heißen. Einbildungskraft ist das Vermögen,


[seite 120]


01   einen Gegenstand auch ohne dessen Gegenwart in der Anschauung
02   vorzustellen. Da nun alle unsere Anschauung sinnlich ist, so gehört die
03   Einbildungskraft der subjectiven Bedingung wegen, unter der sie allein
04   den Verstandesbegriffen eine correspondirende Anschauung geben kann,
05   zur Sinnlichkeit; so fern aber doch ihre Synthesis eine Ausübung der [op 152]
06   Spontaneität ist, welche bestimmend und nicht wie der Sinn bloß bestimmbar
07   ist, mithin a priori den Sinn seiner Form nach der Einheit der Apperception
08   gemäß bestimmen kann, so ist die Einbildungskraft so fern ein
09   Vermögen, die Sinnlichkeit a priori zu bestimmen, und ihre Synthesis
10   der Anschauungen, den Kategorien gemäß, muß die transscendentale
11   Synthesis der Einbildungskraft sein, welches eine Wirkung des Verstandes
12   auf die Sinnlichkeit und die erste Anwendung desselben (zugleich
13   der Grund aller übrigen) auf Gegenstände der uns möglichen Anschauung
14   ist. Sie ist als figürlich von der intellectuellen Synthesis ohne alle Einbildungskraft,
15   bloß durch den Verstand, unterschieden. So fern die Einbildungskraft
16   nun Spontaneität ist, nenne ich sie auch bisweilen die productive
17   Einbildungskraft und unterscheide sie dadurch von der reproductiven,
18   deren Synthesis lediglich empirischen Gesetzen, nämlich denen
19   der Association, unterworfen ist, und welche daher zur Erklärung der
20   Möglichkeit der Erkenntniß a priori nichts beiträgt und um deswillen nicht
21   in die Transscendentalphilosophie, sondern in die Psychologie gehört.


22   Hier ist nun der Ort, das Paradoxe, was jedermann bei der Exposition
23   der Form des inneren Sinnes (§ 6) auffallen mußte, verständlich
24   zu machen: nämlich wie dieser auch sogar uns selbst, nur wie wir uns erscheinen,
25   nicht wie wir an uns selbst sind, dem Bewußtsein darstelle, weil [op 153]
26   wir nämlich uns nur anschauen, wie wir innerlich afficirt werden, welches
27   widersprechend zu sein scheint, indem wir uns gegen uns selbst als
28   leidend verhalten müßten; daher man auch lieber den innern Sinn mit
29   dem Vermögen der Apperception (welche wir sorgfältig unterscheiden)
30   in den Systemen der Psychologie für einerlei auszugeben pflegt.
31   Das, was den inneren Sinn bestimmt, ist der Verstand und dessen
32   ursprüngliches Vermögen das Mannigfaltige der Anschauung zu verbinden,
33   d. i. unter eine Apperception (als worauf selbst seine Möglichkeit beruht)
34   zu bringen. Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst kein


[seite 121]


01   Vermögen der Anschauungen ist und diese, wenn sie auch in der Sinnlichkeit
02   gegeben wäre, doch nicht in sich aufnehmen kann, um gleichsam
03   das Mannigfaltige seiner eigenen Anschauung zu verbinden, so ist seine
04   Synthesis, wenn er für sich allein betrachtet wird, nichts anders als die
05   Einheit der Handlung, deren er sich als einer solchen auch ohne Sinnlichkeit
06   bewußt ist, durch die er aber selbst die Sinnlichkeit innerlich in Ansehung
07   des Mannigfaltigen, was der Form ihrer Anschauung nach ihm
08   gegeben werden mag, zu bestimmen vermögend ist. Er also übt unter der
09   Benennung einer transscendentalen Synthesis der Einbildungskraft
10   diejenige Handlung aufs passive Subject, dessen Vermögen er [op 154]
11   ist, aus, wovon wir mit Recht sagen, daß der innere Sinn dadurch afficirt
12   werde. Die Apperception und deren synthetische Einheit ist mit dem
13   inneren Sinne so gar nicht einerlei, daß jene vielmehr, als der Quell aller
14   Verbindung, auf das Mannigfaltige der Anschauungen überhaupt,
15   unter dem Namen der Kategorien vor aller sinnlichen Anschauung auf
16   Objecte überhaupt geht; dagegen der innere Sinn die bloße Form der
17   Anschauung, aber ohne Verbindung des Mannigfaltigen in derselben, mithin
18   noch gar keine bestimmte Anschauung enthält, welche nur durch das
19   Bewußtsein der Bestimmung desselben durch die transscendentale Handlung
20   der Einbildungskraft (synthetischer Einfluß des Verstandes auf den
21   inneren Sinn), welche ich die figürliche Synthesis genannt habe, möglich
22   ist.


23   Dieses nehmen wir auch jederzeit in uns wahr. Wir können uns
24   keine Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Cirkel denken,
25   ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raums gar nicht
26   vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht auf einander
27   zu setzen, und selbst die Zeit nicht, ohne indem wir im Ziehen einer geraden
28   Linie (die die äußerlich figürliche Vorstellung der Zeit sein soll)
29   bloß auf die Handlung der Synthesis des Mannigfaltigen, dadurch wir
30   den inneren Sinn successiv bestimmen, und dadurch auf die Succession
31   dieser Bestimmung in demselben Acht haben. Bewegung als Handlung [op 155]
32   des Subjects (nicht als Bestimmung eines Objects)*), folglich die Synthesis



33   *) Bewegung eines Objects im Raume gehört nicht in eine reine Wissenschaft,
34   folglich auch nicht in die Geometrie, weil, daß etwas beweglich sei, nicht a priori,
35   sondern nur durch Erfahrung erkannt werden kann. Aber Bewegung als Beschreibung
36   eines Raumes ist ein reiner Actus der successiven Synthesis des Mannigfaltigen'


33   in der äußeren Anschauung überhaupt durch productive Einbildungskraft und gehört
34   nicht allein zur Geometrie, sondern sogar zur Transscendentalphilosophie.


[seite 122]


01   des Mannigfaltigen im Raume, wenn wir von diesem abstrahiren
02   und bloß auf die Handlung Acht haben, dadurch wir den inneren Sinn
03   seiner Form gemäß bestimmen, bringt sogar den Begriff der Succession
04   zuerst hervor. Der Verstand findet also in diesem nicht etwa schon eine
05   dergleichen Verbindung des Mannigfaltigen, sondern bringt sie hervor,
06   indem er ihn afficirt. Wie aber das Ich, der ich denke, von dem Ich,
07   das sich selbst anschauet, unterschieden (indem ich mir noch andere Anschauungsart
08   wenigstens als möglich vorstellen kann) und doch mit diesem
09   letzteren als dasselbe Subject einerlei sei, wie ich also sagen könne: Ich,
10   als Intelligenz und denkend Subject, erkenne mich selbst als gedachtes
11   Object, so fern ich mir noch über das in der Anschauung gegeben bin, nur
12   gleich andern Phänomenen nicht, wie ich vor dem Verstande bin, sondern
13   wie ich mir erscheine, hat nicht mehr, auch nicht weniger Schwierigkeit bei [op 156]
14   sich, als wie ich mir selbst überhaupt ein Object und zwar der Anschauung
15   und innerer Wahrnehmungen sein könne. Daß es aber doch wirklich so
16   sein müsse, kann, wenn man den Raum für eine bloße reine Form der
17   Erscheinungen äußerer Sinne gelten läßt, dadurch klar dargethan werden,
18   daß wir die Zeit, die doch gar kein Gegenstand äußerer Anschauung ist,
19   uns nicht anders vorstellig machen können, als unter dem Bilde einer
20   Linie, so fern wir sie ziehen, ohne welche Darstellungsart wir die Einheit
21   ihrer Abmessung gar nicht erkennen könnten, imgleichen daß wir die Bestimmung
22   der Zeitlänge, oder auch der Zeitstellen für alle innere Wahrnehmungen
23   immer von dem hernehmen müssen, was uns äußere Dinge
24   Veränderliches darstellen, folglich die Bestimmungen des inneren Sinnes
25   gerade auf dieselbe Art als Erscheinungen in der Zeit ordnen müssen, wie
26   wir die der äußeren Sinne im Raume ordnen; mithin, wenn wir von den
27   letzteren einräumen, daß wir dadurch Objecte nur so fern erkennen, als wir
28   äußerlich afficirt werden, wir auch vom inneren Sinne zugestehen müssen,
29   daß wir dadurch uns selbst nur so anschauen, wie wir innerlich von uns
30   selbst afficirt werden, d. i. was die innere Anschauung betrifft, unser
31   eigenes Subject nur als Erscheinung, nicht aber nach dem, was es an sich
32   selbst ist, erkennen.*)



35   *) Ich sehe nicht, wie man so viel Schwierigkeit darin finden könne, daß der
36   innere Sinn von uns selbst afficirt werde. Jeder Actus der Aufmerksamkeit kann
37   uns ein Beispiel davon geben. Der Verstand bestimmt darin jederzeit den inneren'


24   Sinn der Verbindung, die er denkt, gemäß zur inneren Anschauung, die dem Mannigfaltigen
25   in der Synthesis des Verstandes correspondirt. Wie sehr das Gemüth gemeiniglich
26   hiedurch afficirt werde, wird ein jeder in sich wahrnehmen können.


[seite 123]

[op 157]
01   § 25.


02   Dagegen bin ich mir meiner selbst in der transscendentalen Synthesis
03   des Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt, mithin in der
04   synthetischen ursprünglichen Einheit der Apperception bewußt, nicht wie
05   ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur daß ich bin.
06   Diese Vorstellung ist ein Denken, nicht ein Anschauen. Da nun zum
07   Erkenntniß unserer selbst außer der Handlung des Denkens, die das
08   Mannigfaltige einer jeden möglichen Anschauung zur Einheit der Apperception
09   bringt, noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch dieses
10   Mannigfaltige gegeben wird, erforderlich ist, so ist zwar mein eigenes
11   Dasein nicht Erscheinung (vielweniger bloßer Schein), aber die Bestimmung [op 158]
12   meines Daseins*) kann nur der Form des inneren Sinnes gemä
13   nach der besonderen Art, wie das Mannigfaltige, das ich verbinde, in der
14   inneren Anschauung gegeben wird, geschehen; und ich habe also demnach
15   keine Erkenntniß von mir, wie ich bin, sondern bloß, wie ich mir selbst
16   erscheine. Das Bewußtsein seiner selbst ist also noch lange nicht ein Erkenntni
17   seiner selbst unerachtet aller Kategorien, welche das Denken eines
18   Objects überhaupt durch Verbindung des Mannigfaltigen in einer
19   Apperception ausmachen. So wie zum Erkenntnisse eines von mir verschiedenen
20   Objects außer dem Denken eines Objects überhaupt (in der
21   Kategorie) ich doch noch einer Anschauung bedarf, dadurch ich jenen allgemeinen
22   Begriff bestimme, so bedarf ich auch zum Erkenntnisse meiner selbst
23   außer dem Bewußtsein oder außer dem, daß ich mich denke, noch einer



27   *) Das: Ich denke, drückt den Actus aus, mein Dasein zu bestimmen. Das
28   Dasein ist dadurch also schon gegeben, aber die Art, wie ich es bestimmen, d. i. das
29   mannigfaltige zu demselben Gehörige in mir setzen solle, ist dadurch noch nicht gegeben.
30   Dazu gehört Selbstanschauung, die eine a priori gegebene Form, d. i. die
31   Zeit, zum Grunde liegen hat, welche sinnlich und zur Receptivität des Bestimmbaren
32   gehörig ist. Habe ich nun nicht noch eine andere Selbstanschauung, die das
33   Bestimmende in mir, dessen Spontaneität ich mir nur bewußt bin, eben so vor
34   dem Actus des Bestimmens giebt, wie die Zeit das Bestimmbare, so kann ich
35   mein Dasein als eines selbstthätigen Wesens nicht bestimmen; sondern ich stelle mir
36   nur die Spontaneität meines Denkens, d. i. des Bestimmens, vor, und mein Dasein
37   bleibt immer nur sinnlich, d. i. als das Dasein einer Erscheinung, bestimmbar.
38   Doch macht diese Spontaneität, daß ich mich Intelligenz nenne.


[seite 124]


01   Anschauung des Mannigfaltigen in mir, wodurch ich diesen Gedanken
02   bestimme; und ich existire als Intelligenz, die sich lediglich ihres Verbindungsvermögens [op 159]
03   bewußt ist, in Ansehung des Mannigfaltigen aber,
04   das sie verbinden soll, einer einschränkenden Bedingung, die sie den inneren
05   Sinn nennt, unterworfen, jene Verbindung nur nach Zeitverhältnissen,
06   welche ganz außerhalb den eigentlichen Verstandesbegriffen liegen, anschaulich
07   zu machen, und sich daher selbst doch nur erkennen kann, wie sie
08   in Absicht auf eine Anschauung (die nicht intellectuell und durch den Verstand
09   selbst gegeben sein kann) ihr selbst bloß erscheint, nicht wie sie sich
10   erkennen würde, wenn ihre Anschauung intellectuell wäre.


11   § 26.
12   Transscendentale Deduction des allgemein möglichen
13   Erfahrungsgebrauchs der reinen Verstandesbegriffe.


14   In der metaphysischen Deduction wurde der Ursprung der Kategorien
15   a priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den
16   allgemeinen logischen Functionen des Denkens dargethan, in der transscendentalen
17   aber die Möglichkeit derselben als Erkenntnisse a priori
18   von Gegenständen einer Anschauung überhaupt (§ 20, 21) dargestellt.
19   Jetzt soll die Möglichkeit, durch Kategorien die Gegenstände, die nur
20   immer unseren Sinnen vorkommen mögen, und zwar nicht der
21   Form ihrer Anschauung, sondern den Gesetzen ihrer Verbindung nach
22   a priori zu erkennen, also der Natur gleichsam das Gesetz vorzuschreiben [op 160]
23   und sie sogar möglich zu machen, erklärt werden. Denn ohne diese ihre
24   Tauglichkeit würde nicht erhellen, wie alles, was unseren Sinnen nur vorkommen
25   mag, unter den Gesetzen stehen müsse, die a priori aus dem Verstande
26   allein entspringen.


27   Zuvörderst merke ich an, daß ich unter der Synthesis der Apprehension
28   die Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen
29   Anschauung verstehe, dadurch Wahrnehmung, d. i. empirisches Bewußtsein
30   derselben (als Erscheinung), möglich wird.


31   Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen Anschauung
32   a priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen
33   muß die Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung
34   jederzeit gemäß sein, weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen kann.
35   Aber Raum und Zeit sind nicht bloß als Formen der sinnlichen Anschauung,


[seite 125]


01   sondern als Anschauungen selbst (die ein Mannigfaltiges enthalten),
02   also mit der Bestimmung der Einheit dieses Mannigfaltigen in [op 161]
03   ihnen a priori vorgestellt (siehe transsc. Ästhet.)*). Also ist selbst schon
04   Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen außer oder in uns, mithin
05   auch eine Verbindung, der alles, was im Raume oder der Zeit bestimmt
06   vorgestellt werden soll, gemäß sein muß, a priori als Bedingung
07   der Synthesis aller Apprehension schon mit (nicht in) diesen Anschauungen
08   zugleich gegeben. Diese synthetische Einheit aber kann keine andere
09   sein, als die der Verbindung des Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung
10   überhaupt in einem ursprünglichen Bewußtsein, den Kategorien
11   gemäß, nur auf unsere sinnliche Anschauung angewandt. Folglich
12   steht alle Synthesis, wodurch selbst Wahrnehmung möglich wird, unter
13   den Kategorien; und da Erfahrung Erkenntniß durch verknüpfte Wahrnehmungen
14   ist, so sind die Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der
15   Erfahrung und gelten also a priori auch von allen Gegenständen der Erfahrung.

[op 162]


17   Wenn ich also z. B. die empirische Anschauung eines Hauses durch
18   Apprehension des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache, so
19   liegt mir die nothwendige Einheit des Raumes und der äußeren sinnlichen
20   Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne gleichsam seine
21   Gestalt dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen im Raume gemäß.
22   Eben dieselbe synthetische Einheit aber, wenn ich von der Form des
23   Raumes abstrahire, hat im Verstande ihren Sitz und ist die Kategorie
24   der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung überhaupt, d. i. die



25   *) Der Raum, als Gegenstand vorgestellt (wie man es wirklich in der Geometrie
26   bedarf), enthält mehr als bloße Form der Anschauung, nämlich Zusammenfassung
27   des Mannigfaltigen nach der Form der Sinnlichkeit Gegebenen in eine anschauliche
28   Vorstellung, so daß die Form der Anschauung bloß Mannigfaltiges,
29   die formale Anschauung aber Einheit der Vorstellung giebt. Diese Einheit hatte
30   ich in der Ästhetik bloß zur Sinnlichkeit gezählt, um nur zu bemerken, daß sie vor
31   allem Begriffe vorhergehe, ob sie zwar eine Synthesis, die nicht den Sinnen angehört,
32   durch welche aber alle Begriffe von Raum und Zeit zuerst möglich werden,
33   voraussetzt. Denn da durch sie (indem der Verstand die Sinnlichkeit bestimmt) der
34   Raum oder die Zeit als Anschauungen zuerst gegeben werden, so gehört die Einheit
35   dieser Anschauung a priori zum Raume und der Zeit und nicht zum Begriffe
36   des Verstandes (§ 24).


[seite 126]


01   Kategorie der Größe, welcher also jene Synthesis der Apprehension, d. i.
02   die Wahrnehmung, durchaus gemäß sein muß.*)


03   Wenn ich (in einem anderen Beispiele) das Gefrieren des Wassers
04   wahrnehme, so apprehendire ich zwei Zustände (der Flüssigkeit und Festigkeit)
05   als solche, die in einer Relation der Zeit gegen einander stehen. Aber [op 163]
06   in der Zeit, die ich der Erscheinung als innere Anschauung zum
07   Grunde lege, Stelle ich mir nothwendig synthetische Einheit des Mannigfaltigen
08   vor, ohne die jene Relation nicht in einer Anschauung bestimmt
09   (in Ansehung der Zeitfolge) gegeben werden könnte. Nun ist aber diese
10   synthetische Einheit als Bedingung a priori, unter der ich das Mannigfaltige
11   einer Anschauung überhaupt verbinde, wenn ich von der beständigen
12   Form meiner innern Anschauung, der Zeit, abstrahire, die
13   Kategorie der Ursache, durch welche ich, wenn ich sie auf meine Sinnlichkeit
14   anwende, alles, was geschieht, in der Zeit überhaupt seiner
15   Relation nach bestimme. Also steht die Apprehension in einer solchen
16   Begebenheit, mithin diese selbst der möglichen Wahrnehmung nach unter
17   dem Begriffe des Verhältnisses der Wirkungen und Ursachen, und
18   so in allen andern Fällen.


19   Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der
20   Natur als dem Inbegriffe aller Erscheinungen ( natura materialiter
21   spectata ) Gesetze a priori vorschreiben; und nun frägt sich, da sie nicht von
22   der Natur abgeleitet werden und sich nach ihr als ihrem Muster richten
23   (weil sie sonst bloß empirisch sein würden), wie es zu begreifen sei, da
24   die Natur sich nach ihnen richten müsse, d. i. wie sie die Verbindung des
25   Mannigfaltigen der Natur, ohne sie von dieser abzunehmen, a priori bestimmen
26   können. Hier ist die Auflösung dieses Räthsels.

[op 164]


27   Es ist um nichts befremdlicher, wie die Gesetze der Erscheinungen in
28   der Natur mit dem Verstande und seiner Form a priori, d. i. seinem Vermögen
29   das Mannigfaltige überhaupt zu verbinden, als wie die Erscheinungen
30   selbst mit der Form der sinnlichen Anschauung a priori übereinstimmen



31   *) Auf solche Weise wird bewiesen: daß die Synthesis der Apprehension,
32   welche empirisch ist, der Synthesis der Apperception, welche intellectuell und gänzlich
33   a priori in der Kategorie enthalten ist, nothwendig gemäß sein müsse. Es ist eine
34   und dieselbe Spontaneität, welche dort unter dem Namen der Einbildungskraft,
35   hier des Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung hineinbringt.


[seite 127]


01   müssen. Denn Gesetze existiren eben so wenig in den Erscheinungen,
02   sondern nur relativ auf das Subject, dem die Erscheinungen
03   inhäriren, so fern es Verstand hat, als Erscheinungen nicht an sich existiren,
04   sondern nur relativ auf dasselbe Wesen, so fern es Sinne hat. Dingen an
05   sich selbst würde ihre Gesetzmäßigkeit nothwendig auch außer einem Verstande,
06   der sie erkennt, zukommen. Allein Erscheinungen sind nur Vorstellungen
07   von Dingen, die nach dem, was sie an sich sein mögen, unerkannt
08   da sind. Als bloße Vorstellungen aber stehen sie unter gar keinem Gesetze
09   der Verknüpfung, als demjenigen, welches das verknüpfende Vermögen
10   vorschreibt. Nun ist das, was das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung
11   verknüpft, Einbildungskraft, die vom Verstande der Einheit
12   ihrer intellectuellen Synthesis und von der Sinnlichkeit der Mannigfaltigkeit
13   der Apprehension nach abhängt. Da nun von der Synthesis der
14   Apprehension alle mögliche Wahrnehmung, sie selbst aber, diese empirische
15   Synthesis, von der transscendentalen, mithin den Kategorien abhängt, so
16   müssen alle mögliche Wahrnehmungen, mithin auch alles, was zum empirischen [op 165]
17   Bewußtsein immer gelangen kann, d. i. alle Erscheinungen der
18   Natur, ihrer Verbindung nach unter den Kategorien stehen, von welchen
19   die Natur (bloß als Natur überhaupt betrachtet) als dem ursprünglichen
20   Grunde ihrer nothwendigen Gesetzmäßigkeit (als natura formaliter spectata )
21   abhängt. Auf mehrere Gesetze aber als die, auf denen eine Natur
22   überhaupt als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit
23   beruht, reicht auch das reine Verstandesvermögen nicht zu, durch bloße
24   Kategorien den Erscheinungen a priori Gesetze vorzuschreiben. Besondere
25   Gesetze, weil sie empirisch bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon
26   nicht vollständig abgeleitet werden, ob sie gleich alle insgesammt
27   unter jenen stehen. Es muß Erfahrung dazu kommen, um die letztere
28   überhaupt kennen zu lernen; von Erfahrung aber überhaupt und dem,
29   was als ein Gegenstand derselben erkannt werden kann, geben allein jene
30   Gesetze a priori die Belehrung.


31   § 27.
32   Resultat dieser Deduction der Verstandesbegriffe.


33   Wir können uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Kategorien;
34   wir können keinen gedachten Gegenstand erkennen, ohne durch Anschauungen,
35   die jenen Begriffen entsprechen. Nun sind alle unsere Anschauungen


[seite 128]


01   sinnlich, und diese Erkenntniß, so fern der Gegenstand derselben [op 166]
02   gegeben ist, ist empirisch. Empirische Erkenntniß aber ist Erfahrung.
03   Folglich ist uns keine Erkenntniß a priori möglich, als
04   lediglich von Gegenständen möglicher Erfahrung.*)


05   Aber diese Erkenntniß, die bloß auf Gegenstände der Erfahrung eingeschränkt
06   ist, ist darum nicht alle von der Erfahrung entlehnt, sondern
07   was sowohl die reinen Anschauungen, als die reinen Verstandesbegriffe
08   betrifft, so sind sie Elemente der Erkenntniß, die in uns a priori angetroffen
09   werden. Nun sind nur zwei Wege, auf welchen eine nothwendige
10   Übereinstimmung der Erfahrung mit den Begriffen von ihren Gegenständen
11   gedacht werden kann: entweder die Erfahrung macht diese Begriffe, [op 167]
12   oder diese Begriffe machen die Erfahrung möglich. Das erstere
13   findet nicht in Ansehung der Kategorien (auch nicht der reinen sinnlichen
14   Anschauung statt; denn sie sind Begriffe a priori, mithin unabhängig von
15   der Erfahrung (die Behauptung eines empirischen Ursprungs wäre eine
16   Art von generatio aequivoca ). Folglich bleibt nur das zweite übrig
17   (gleichsam ein System der Epigenesis der reinen Vernunft): daß nämlich
18   die Kategorien von Seiten des Verstandes die Gründe der Möglichkeit
19   aller Erfahrung überhaupt enthalten. Wie sie aber die Erfahrung
20   möglich machen, und welche Grundsätze der Möglichkeit derselben sie in
21   ihrer Anwendung auf Erscheinungen an die Hand geben, wird das folgende
22   Hauptstück von dem transsc. Gebrauche der Urtheilskraft das
23   mehrere lehren.


24   Wollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch
25   einen Mittelweg vorschlagen, nämlich daß sie weder selbstgedachte
26   erste Principien a priori unserer Erkenntniß, noch auch aus der Erfahrung
27   geschöpft, sondern subjective, uns mit unserer Existenz zugleich eingepflanzte



28   *) Damit man sich nicht voreiliger Weise an den besorglichen nachtheiligen
29   Folgen dieses Satzes stoße, will ich nur in Erinnerung bringen, daß die Kategorien
30   im Denken durch die Bedingungen unserer sinnlichen Anschauung nicht eingeschränkt
31   sind, sondern ein unbegrenztes Feld haben, und nur das Erkennen dessen, was
32   wir uns denken, das Bestimmen des Objects, Anschauung bedürfe; wo beim Mangel
33   der letzteren der Gedanke vom Objecte übrigens noch immer seine wahre und nützliche
34   Folgen auf den Vernunftgebrauch des Subjects haben kann, der sich aber,
35   weil er nicht immer auf die Bestimmung des Objects, mithin aufs Erkenntniß,
36   sondern auch auf die des Subjects und dessen Wollen gerichtet ist, hier noch nicht
37   vortragen läßt.


[seite 129]


01   Anlagen zum Denken wären, die von unserm Urheber so eingerichtet
02   worden, daß ihr Gebrauch mit den Gesetzen der Natur, an welchen
03   die Erfahrung fortläuft, genau stimmte (eine Art von Präformationssystem
04   der reinen Vernunft), so würde (außer dem, daß bei einer solchen
05   Hypothese kein Ende abzusehen ist, wie weit man die Voraussetzung vorbestimmter
06   Anlagen zu künftigen Urtheilen treiben möchte) das wider gedachten [op 168]
07   Mittelweg entscheidend sein: daß in solchem Falle den Kategorien
08   die Nothwendigkeit mangeln würde, die ihrem Begriffe wesentlich angehört.
09   Denn z. B. der Begriff der Ursache, welcher die Nothwendigkeit
10   eines Erfolgs unter einer vorausgesetzten Bedingung aussagt, würde
11   falsch sein, wenn er nur auf einer beliebigen uns eingepflanzten subjectiven
12   Nothwendigkeit, gewisse empirische Vorstellungen nach einer solchen Regel
13   des Verhältnisses zu verbinden, beruhte. Ich würde nicht sagen können:
14   die Wirkung ist mit der Ursache im Objecte (d. i. nothwendig) verbunden,
15   sondern ich bin nur so eingerichtet, daß ich diese Vorstellung nicht anders
16   als so verknüpft denken kann; welches gerade das ist, was der Sceptiker
17   am meisten wünscht; denn alsdann ist alle unsere Einsicht durch vermeinte
18   objective Gültigkeit unserer Urtheile nichts als lauter Schein, und
19   es würde auch an Leuten nicht fehlen, die diese subjective Nothwendigkeit
20   (die gefühlt werden muß) von sich nicht gestehen würden; zum wenigsten
21   könnte man mit niemanden über dasjenige hadern, was bloß auf der Art
22   beruht, wie sein Subject organisirt ist.


23   Kurzer Begriff dieser Deduction.


24   Sie ist die Darstellung der reinen Verstandesbegriffe (und mit ihnen
25   aller theoretischen Erkenntniß a priori) als Principien der Möglichkeit der
26   Erfahrung, dieser aber als Bestimmung der Erscheinungen in Raum [op 169]
27   und Zeit überhaupt, - endlich dieser aus dem Princip der ursprünglichen
28   synthetischen Einheit der Apperception, als der Form des Verstandes
29   in Beziehung auf Raum und Zeit als ursprüngliche Formen der
30   Sinnlichkeit.


31   Nur bis hieher halte ich die Paragraphen=Abtheilung für nöthig,
32   weil wir es mit den Elementarbegriffen zu thun hatten. Nun wir den


[seite 130]


01   Gebrauch derselben vorstellig machen wollen, wird der Vortrag in continuirlichem
02   Zusammenhange ohne dieselbe fortgehen dürfen.


03   Der
04   Transscendentalen Analytik
05   Zweites Buch.
06   Die Analytik der Grundsätze.


07   Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbauet, der ganz
08   genau mit der Eintheilung der oberen Erkenntnißvermögen zusammentrifft.
09   Diese sind: Verstand, Urtheilskraft und Vernunft. Jene
10   Doctrin handelt daher in ihrer Analytik von Begriffen, Urtheilen
11   und Schlüssen, gerade den Functionen und der Ordnung jener Gemüthskräfte
12   gemäß, die man unter der weitläuftigen Benennung des Verstandes
13   überhaupt begreift.

[op 170]


14   Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntni
15   (ob sie rein oder empirisch sei) abstrahirt und sich bloß mit der Form des
16   Denkens (der discursiven Erkenntniß) überhaupt beschäftigt: so kann sie
17   in ihrem analytischen Teile auch den Kanon für die Vernunft mit befassen,
18   deren Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die besondere
19   Natur der dabei gebrauchten Erkenntniß in Betracht zu ziehen, a priori,
20   durch bloße Zergliederung der Vernunfthandlungen in ihre Momente, eingesehen
21   werden kann.


22   Die transscendentale Logik, da sie auf einem bestimmten Inhalt, nämlich
23   bloß der reinen Erkenntnisse a priori eingeschränkt ist, kann es ihr in
24   dieser Eintheilung nicht nachthun. Denn es zeigt sich: daß der transscendentale
25   Gebrauch der Vernunft gar nicht objectiv gültig sei,
26   mithin nicht zur Logik der Wahrheit, d. i. der Analytik, gehöre, sondern
27   als eine Logik des Scheins einen besondern Theil des scholastischen Lehrgebäudes
28   unter dem Namen der transscendentalen Dialektik erfordere.


29   Verstand und Urtheilskraft haben demnach ihren Kanon des objectiv
30   gültigen, mithin wahren Gebrauchs in der transscendentalen Logik und
31   gehören also in ihren analytischen Theil. Allein Vernunft in ihren Versuchen,
32   über Gegenstände a priori etwas auszumachen und das Erkenntni


[seite 131]

[op 171]
01   über die Grenzen möglicher Erfahrung zu erweitern, ist ganz und gar
02   dialektisch, und ihre Scheinbehauptungen schicken sich durchaus nicht in
03   einen Kanon, dergleichen doch die Analytik enthalten soll.


04   Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon
05   für die Urtheilskraft sein, der sie lehrt, die Verstandesbegriffe, welche
06   die Bedingung zu Regeln a priori enthalten, auf Erscheinungen anzuwenden.
07   Aus dieser Ursache werde ich, indem ich die eigentlichen Grundsätze
08   des Verstandes zum Thema nehme, mich der Benennung einer
09   Doctrin der Urtheilskraft bedienen, wodurch dieses Geschäfte genauer
10   bezeichnet wird.


11   Einleitung.
12   Von der transscendentalen Urtheilskraft überhaupt.


13   Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt
14   wird, so ist Urtheilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumiren, d. i.
15   zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel ( casus datae legis )
16   stehe, oder nicht. Die allgemeine Logik enthält gar keine Vorschriften für
17   die Urtheilskraft und kann sie auch nicht enthalten. Denn da sie von
18   allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt: so bleibt ihr nichts übrig
19   als das Geschäfte, die bloße Form der Erkenntniß in Begriffen, Urtheilen [op 172]
20   und Schlüssen analytisch aus einander zu setzen und dadurch formale
21   Regeln alles Verstandesgebrauchs zu Stande zu bringen. Wollte sie nun
22   allgemein zeigen, wie man unter diese Regeln subsumiren, d. i. unterscheiden
23   sollte, ob etwas darunter stehe oder nicht, so könnte dieses nicht
24   anders, als wieder durch eine Regel geschehen. Diese aber erfordert eben
25   darum, weil sie eine Regel ist, aufs neue eine Unterweisung der Urtheilskraft;
26   und so zeigt sich, daß zwar der Verstand einer Belehrung und Ausrüstung
27   durch Regeln fähig, Urtheilskraft aber ein besonderes Talent sei,
28   welches gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein will. Daher ist diese
29   auch das Specifische des so genannten Mutterwitzes, dessen Mangel keine
30   Schule ersetzen kann; denn ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande
31   Regeln vollauf, von fremder Einsicht entlehnt, darreichen und
32   gleichsam einpfropfen kann: so muß doch das Vermögen, sich ihrer richtig
33   zu bedienen, dem Lehrlinge selbst angehören, und keine Regel, die man


[seite 132]


01   ihm in dieser Absicht vorschreiben möchte, ist in Ermangelung einer solchen [op 173]
02   Naturgabe vor Mißbrauch sicher.*) Ein Arzt daher, ein Richter oder ein
03   Staatskundiger kann viel schöne pathologische, juristische oder politische
04   Regeln im Kopfe haben in dem Grade, daß er selbst darin ein gründlicher
05   Lehrer werden kann, und wird dennoch in der Anwendung derselben leicht
06   verstoßen, entweder, weil es ihm an natürlicher Urtheilskraft (obgleich
07   nicht am Verstande) mangelt, und er zwar das Allgemeine in abstracto
08   einsehen, aber ob ein Fall in concreto darunter gehöre, nicht unterscheiden
09   kann, oder auch darum, weil er nicht genug durch Beispiele und wirkliche
10   Geschäfte zu diesem Urtheile abgerichtet worden. Dieses ist auch der einige
11   und große Nutzen der Beispiele: daß sie die Urtheilskraft schärfen. Denn
12   was die Richtigkeit und Präcision der Verstandeseinsicht betrifft, so thun
13   sie derselben vielmehr gemeiniglich einigen Abbruch, weil sie nur selten
14   die Bedingung der Regel adäquat erfüllen (als casus in terminis ) und
15   überdem diejenige Anstrengung des Verstandes oftmals schwächen, Regeln
16   im Allgemeinen und unabhängig von den besonderen Umständen der Erfahrung
17   nach ihrer Zulänglichkeit einzusehen, und sie daher zuletzt mehr
18   wie Formeln als Grundsätze zu gebrauchen angewöhnen. So sind Beispiele [op 174]
19   der Gängelwagen der Urtheilskraft, welchen derjenige, dem es am
20   natürlichen Talent derselben mangelt, niemals entbehren kann.


21   Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urtheilskraft keine
22   Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transscendentalen ganz
23   anders bewandt, so gar daß es scheint, die letztere habe es zu ihrem eigentlichen
24   Geschäfte, die Urtheilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes
25   durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern. Denn um dem
26   Verstande im Felde reiner Erkenntnisse a priori Erweiterung zu verschaffen,
27   mithin als Doctrin, scheint Philosophie gar nicht nöthig, oder
28   vielmehr übel angebracht zu sein, weil man nach allen bisherigen Versuchen
29   damit doch wenig oder gar kein Land gewonnen hat, sondern als



30   *) Der Mangel an Urtheilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt,
31   und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein stumpfer oder eingeschränkter
32   Kopf, dem es an nichts, als an gehörigem Grade des Verstandes und
33   eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, sogar bis zur
34   Gelehrsamkeit auszurüsten. Da es aber gemeiniglich alsdann auch an jener (der
35   secunda Petri ) zu fehlen pflegt, so ist es nichts Ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer
36   anzutreffen, die im Gebrauche ihrer Wissenschaft jenen nie zu bessernden Mangel
37   häufig blicken lassen.


[seite 133]


01   Kritik, um die Fehltritte der Urtheilskraft ( lapsus judicii ) im Gebrauch
02   der wenigen reinen Verstandesbegriffe, die wir haben, zu verhüten, dazu
03   (obgleich der Nutzen alsdann nur negativ ist) wird Philosophie mit ihrer
04   ganzen Scharfsinnigkeit und Prüfungskunst aufgeboten.


05   Es hat aber die Transscendental=Philosophie das Eigenthümliche:
06   daß sie außer der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu
07   Regeln), die in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich [op 175]
08   a priori den Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt werden sollen. Die
09   Ursache von dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen andern belehrenden
10   Wissenschaften hat (außer der Mathematik), liegt eben darin:
11   daß sie von Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände a priori beziehen
12   sollen, mithin kann ihre objective Gültigkeit nicht a posteriori dargethan
13   werden; denn das würde jene Dignität derselben ganz unberührt
14   lassen, sondern sie muß zugleich die Bedingungen, unter welchen Gegenstände
15   in Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben werden können,
16   in allgemeinen, aber hinreichenden Kennzeichen darlegen, widrigenfalls
17   sie ohne allen Inhalt, mithin bloße logische Formen und nicht reine Verstandesbegriffe
18   sein würden.


19   Diese transscendentale Doctrin der Urtheilskraft wird nun
20   zwei Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung
21   handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht
22   werden können, d. i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das
23   zweite aber von den synthetischen Urtheilen, welche aus reinen Verstandesbegriffen
24   unter diesen Bedingungen a priori herfließen und allen
25   übrigen Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d. i. von den Grundsätzen
26   des reinen Verstandes.

[op 176]
27   Der
28   Transscendentalen Doctrin der Urtheilskraft
29   (oder Analytik der Grundsätze)


30   Erstes Hauptstück.
31   Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe.


32   In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff mu
33   die Vorstellung des ersteren mit der letztern gleichartig sein, d. i. der


[seite 134]


01   Begriff muß dasjenige enthalten, was in dem darunter zu subsumirenden
02   Gegenstande vorgestellt wird, denn das bedeutet eben der Ausdruck: ein
03   Gegenstand sei unter einem Begriffe enthalten. So hat der empirische
04   Begriff eines Tellers mit dem reinen geometrischen eines Cirkels
05   Gleichartigkeit, indem die Rundung, die in dem ersteren gedacht wird,
06   sich im letzteren anschauen läßt.


07   Nun sind aber reine Verstandesbegriffe in Vergleichung mit empirischen
08   (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen ganz ungleichartig und
09   können niemals in irgend einer Anschauung angetroffen werden. Wie ist
10   nun die Subsumtion der letzteren unter die erste, mithin die Anwendung
11   der Kategorie auf Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen [op 177]
12   wird: diese, z. B. die Causalität, könne auch durch Sinne angeschauet
13   werden und sei in der Erscheinung enthalten? Diese so natürliche und erhebliche
14   Frage ist nun eigentlich die Ursache, welche eine transscendentale
15   Doctrin der Urtheilskraft nothwendig macht, um nämlich die Möglichkeit
16   zu zeigen, wie reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt
17   angewandt werden können. In allen anderen Wissenschaften, wo die Begriffe,
18   durch die der Gegenstand allgemein gedacht wird, von denen, die
19   diesen in concreto vorstellen, wie er gegeben wird, nicht so unterschieden
20   und heterogen sind, ist es unnöthig, wegen der Anwendung des ersteren
21   auf den letzten besondere Erörterung zu geben.


22   Nun ist es klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der
23   Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen mu
24   und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht. Diese vermittelnde
25   Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und doch einerseits
26   intellectuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche ist das
27   transscendentale Schema.


28   Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des Mannigfaltigen
29   überhaupt. Die Zeit, als die formale Bedingung des Mannigfaltigen
30   des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller Vorstellungen,
31   enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen Anschauung. Nun ist
32   eine transscendentale Zeitbestimmung mit der Kategorie (die die Einheit
33   derselben ausmacht) so fern gleichartig, als sie allgemein ist und [op 178]
34   auf einer Regel a priori beruht. Sie ist aber andererseits mit der Erscheinung
35   so fern gleichartig, als die Zeit in jeder empirischen Vorstellung
36   des Mannigfaltigen enthalten ist. Daher wird eine Anwendung
37   der Kategorie auf Erscheinungen möglich sein vermittelst der transscendentalen


[seite 135]


01   Zeitbestimmung, welche als das Schema der Verstandesbegriffe die
02   Subsumtion der letzteren unter die erste vermittelt.


03   Nach demjenigen, was in der Deduction der Kategorien gezeigt
04   worden, wird hoffentlich niemand im Zweifel stehen, sich über die Frage
05   zu entschließen: ob diese reine Verstandesbegriffe von bloß empirischem
06   oder auch von transscendentalem Gebrauche seien, d. i. ob sie lediglich als
07   Bedingungen einer möglichen Erfahrung sich a priori auf Erscheinungen
08   beziehen, oder ob sie als Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt
09   auf Gegenstände an sich selbst (ohne einige Restriction auf unsre
10   Sinnlichkeit) erstreckt werden können. Denn da haben wir gesehen: da
11   Begriffe ganz unmöglich sind, noch irgend einige Bedeutung haben können,
12   wo nicht entweder ihnen selbst, oder wenigstens den Elementen, daraus
13   sie bestehen, ein Gegenstand gegeben ist, mithin auf Dinge an sich (ohne
14   Rücksicht, ob und wie sie uns gegeben werden mögen) gar nicht gehen
15   können; daß ferner die einzige Art, wie uns Gegenstände gegeben werden,
16   die Modification unserer Sinnlichkeit sei; endlich daß reine Begriffe a priori [op 179]
17   außer der Function des Verstandes in der Kategorie noch formale Bedingungen
18   der Sinnlichkeit (namentlich des innern Sinnes) a priori enthalten
19   müssen, welche die allgemeine Bedingung enthalten, unter der die
20   Kategorie allein auf irgend einen Gegenstand angewandt werden kann.
21   Wir wollen diese formale und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf
22   welche der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch restringirt ist, das
23   Schema dieses Verstandesbegriffs und das Verfahren des Verstandes mit
24   diesen Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen.


25   Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Product der Einbildungskraft;
26   aber indem die Synthesis der letzteren keine einzelne Anschauung,
27   sondern die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit allein
28   zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde zu unterscheiden. So,
29   wenn ich fünf Punkte hinter einander setze: ..... , ist dieses ein Bild
30   von der Zahl fünf. Dagegen wenn ich eine Zahl überhaupt nur denke,
31   die nun fünf oder hundert sein kann, so ist dieses Denken mehr die Vorstellung
32   einer Methode, einem gewissen Begriffe gemäß eine Menge (z. E.
33   Tausend) in einem Bilde vorzustellen, als dieses Bild selbst, welches ich
34   im letztern Falle schwerlich würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen
35   können. Diese Vorstellung nun von einem allgemeinen Verfahren [op 180]
36   der Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich
37   das Schema zu diesem Begriffe.


[seite 136]


01   In der That liegen unsern reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder
02   der Gegenstände, sondern Schemate zum Grunde. Dem Begriffe von einem
03   Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein.
04   Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, welche
05   macht, daß dieser für alle, recht= oder schiefwinklichte etc., gilt, sondern
06   immer nur auf einen Theil dieser Sphäre eingeschränkt sein. Das Schema
07   des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existiren und bedeutet
08   eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft in Ansehung reiner
09   Gestalten im Raume. Noch viel weniger erreicht ein Gegenstand der Erfahrung
10   oder Bild desselben jemals den empirischen Begriff, sondern
11   dieser bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das Schema der Einbildungskraft
12   als eine Regel der Bestimmung unserer Anschauung gemäß einem
13   gewissen allgemeinen Begriffe. Der Begriff vom Hunde bedeutet eine
14   Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen
15   Thieres allgemein verzeichnen kann, ohne auf irgend eine einzige besondere
16   Gestalt, die mir die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes
17   mögliche Bild, was ich in concreto darstellen kann, eingeschränkt zu sein.
18   Dieser Schematismus unseres Verstandes in Ansehung der Erscheinungen
19   und ihrer bloßen Form ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der [op 181]
20   menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals
21   abrathen und sie unverdeckt vor Augen legen werden. So viel
22   können wir nur sagen: das Bild ist ein Product des empirischen Vermögens
23   der productiven Einbildungskraft, das Schema sinnlicher Begriffe
24   (als der Figuren im Raume) ein Product und gleichsam ein Monogramm
25   der reinen Einbildungskraft a priori, wodurch und wornach die
26   Bilder allererst möglich werden, die aber mit dem Begriffe nur immer
27   vermittelst des Schema, welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen
28   und an sich demselben nicht völlig congruiren. Dagegen ist das Schema
29   eines reinen Verstandesbegriffs etwas, was in gar kein Bild gebracht
30   werden kann, sondern ist nur die reine Synthesis gemäß einer Regel der
31   Einheit nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und ist
32   ein transscendentales Product der Einbildungskraft, welches die Bestimmung
33   des inneren Sinnes überhaupt nach Bedingungen seiner Form (der
34   Zeit) in Ansehung aller Vorstellungen betrifft, so fern diese der Einheit
35   der Apperception gemäß a priori in einem Begriff zusammenhängen sollten.


36   Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung
37   dessen, was zu transscendentalen Schematen reiner Verstandesbegriffe


[seite 137]


01   überhaupt erfordert wird, aufzuhalten, wollen wir sie lieber nach der Ordnung
02   der Kategorien und in Verknüpfung mit diesen darstellen.

[op 182]


03   Das reine Bild aller Größen ( quantorum ) vor dem äußern Sinne
04   ist der Raum, aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt die Zeit. Das
05   reine Schema der Größe aber ( quantitatis ) als eines Begriffs des
06   Verstandes ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die successive
07   Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt. Also ist
08   die Zahl nichts anders als die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen
09   einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch daß ich die Zeit selbst
10   in der Apprehension der Anschauung erzeuge.


11   Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung
12   überhaupt correspondirt, dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein
13   Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff ein Nichtsein (in der
14   Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider geschieht also in dem Unterschiede
15   derselben Zeit, als einer erfüllten oder leeren Zeit. Da die Zeit
16   nur die Form der Anschauung, mithin der Gegenstände als Erscheinungen
17   ist, so ist das, was an diesen der Empfindung entspricht, die transscendentale
18   Materie aller Gegenstände als Dinge an sich (die Sachheit, Realität).
19   Nun hat jede Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe
20   Zeit, d. i. den innern Sinn, in Ansehung derselben Vorstellung eines
21   Gegenstandes mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (= 0
22   = negatio ) aufhört. Daher ist ein Verhältniß und Zusammenhang, oder [op 183]
23   vielmehr ein Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität
24   als ein Quantum vorstellig macht; und das Schema einer Realität als
25   der Quantität von Etwas, so fern es die Zeit erfüllt, ist eben diese continuirliche
26   und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit, indem man
27   von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit bis zum
28   Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der Größe
29   derselben allmählig aufsteigt.


30   Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der
31   Zeit, d. i. die Vorstellung desselben als eines Substratum der empirischen
32   Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andre wechselt.
33   (Die Zeit verläuft sich nicht, sondern in ihr verläuft sich das Dasein des
34   Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und bleibend ist,
35   correspondirt in der Erscheinung das Unwandelbare im Dasein, d. i. die
36   Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das Zugleichsein der Erscheinungen
37   der Zeit nach bestimmt werden.)


[seite 138]


01   Das Schema der Ursache und der Causalität eines Dinges überhaupt
02   ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas
03   anderes folgt. Es besteht also in der Succession des Mannigfaltigen, in
04   so fern sie einer Regel unterworfen ist.


05   Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung) oder der wechselseitigen
06   Causalität der Substanzen in Ansehung ihrer Accidenzen ist das [op 184]
07   Zugleichsein der Bestimmungen der Einen mit denen der Anderen nach
08   einer allgemeinen Regel.


09   Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis
10   verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt
11   (z. B. da das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, sondern
12   nur nach einander sein kann), also die Bestimmung der Vorstellung
13   eines Dinges zu irgend einer Zeit.


14   Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit.


15   Das Schema der Nothwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes
16   zu aller Zeit.


17   Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie,
18   als das der Größe die Erzeugung((Synthesis) der Zeit selbst
19   in der successiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der
20   Qualität die Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung
21   der Zeit oder die Erfüllung der Zeit, das der Relation das Verhältni
22   der Wahrnehmungen unter einander zu aller Zeit (d. i. nach einer
23   Regel der Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer
24   Kategorien die Zeit selbst als das Correlatum der Bestimmung eines
25   Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig
26   mache. Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen
27   a priori nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien [op 185]
28   auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, endlich den
29   Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen Gegenstände.


30   Hieraus erhellt nun, daß der Schematismus des Verstandes durch
31   die transscendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anders,
32   als die Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren
33   Sinne und so indirect auf die Einheit der Apperception als Function,
34   welche dem innern Sinn (einer Receptivität) correspondirt, hinauslaufe.
35   Also sind die Schemate der reinen Verstandesbegriffe die wahren und
36   einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objecte, mithin Bedeutung
37   zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von


[seite 139]


01   keinem andern als einem möglichen empirischen Gebrauche, indem sie blo
02   dazu dienen, durch Gründe einer a priori nothwendigen Einheit (wegen
03   der nothwendigen Vereinigung alles Bewußtseins in einer ursprünglichen
04   Apperception) Erscheinungen allgemeinen Regeln der Synthesis zu unterwerfen
05   und sie dadurch zur durchgängigen Verknüpfung in einer Erfahrung
06   schicklich zu machen.


07   In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere
08   Erkenntnisse, und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht die
09   transscendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht und sie
10   möglich macht.


11   Es fällt aber doch auch in die Augen: daß, obgleich die Schemate [op 186]
12   der Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisiren, sie doch selbige gleichwohl
13   auch restringiren, d. i. auf Bedingungen einschränken, die außer dem
14   Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist das Schema
15   eigentlich nur das Phänomenon oder der sinnliche Begriff eines Gegenstandes
16   in Übereinstimmung mit der Kategorie ( numerus est quantitas
17   phaenomenon, sensatio realitas phaenomenon, constans et perdurabile
18   rerum substantia phaenomenon - - aeternitas necessitas phaenomenon
19   etc.). Wenn wir nun eine restringirende Bedingung weglassen:
20   so amplificiren wir, wie es scheint, den vorher eingeschränkten Begriff; so
21   sollten die Kategorien in ihrer reinen Bedeutung ohne alle Bedingungen
22   der Sinnlichkeit von Dingen überhaupt gelten, wie sie sind, anstatt da
23   ihre Schemate sie nur vorstellen, wie sie erscheinen, jene also eine von
24   allen Schematen unabhängige und viel weiter erstreckte Bedeutung haben.
25   In der That bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings auch nach
26   Absonderung aller sinnlichen Bedingung eine, aber nur logische Bedeutung
27   der bloßen Einheit der Vorstellungen, denen aber kein Gegenstand, mithin
28   auch keine Bedeutung gegeben wird, die einen Begriff vom Object abgeben
29   könnte. So würde z. B. Substanz, wenn man die sinnliche Bestimmung
30   der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter als ein Etwas bedeuten,
31   das als Subject (ohne ein Prädicat von etwas anderm zu sein)
32   gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann ich nun nichts machen, [op 187]
33   indem sie mir gar nicht anzeigt, welche Bestimmungen das Ding hat,
34   welches als ein solches erstes Subject gelten soll. Also sind die Kategorien
35   ohne Schemate nur Functionen des Verstandes zu Begriffen, stellen aber
36   keinen Gegenstand vor. Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit,
37   die den Verstand realisirt, indem sie ihn zugleich restringirt.


[seite 140]


01   Der
02   Transscendentalen Doctrin der Urtheilskraft
03   (oder Analytik der Grundsätze)


04   Zweites Hauptstück.
05   System aller Grundsätze des reinen Verstandes.


06   Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transscendentale Urtheilskraft
07   nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie
08   allein die reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urtheilen zu brauchen
09   befugt ist. Jetzt ist unser Geschäfte: die Urtheile, die der Verstand unter
10   dieser kritischen Vorsicht wirklich a priori zu Stande bringt, in systematischer
11   Verbindung darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere Tafel der
12   Kategorien die natürliche und sichere Leitung geben muß. Denn diese
13   sind es eben, deren Beziehung auf mögliche Erfahrung alle reine Verstandeserkenntni
14   a priori ausmachen muß, und deren Verhältniß zur [op 188]
15   Sinnlichkeit überhaupt um deswillen alle transscendentale Grundsätze
16   des Verstandesgebrauchs vollständig und in einem System darlegen wird.


17   Grundsätze a priori führen diesen Namen nicht bloß deswegen, weil
18   sie die Gründe anderer Urtheile in sich enthalten, sondern auch weil sie
19   selbst nicht in höhern und allgemeinern Erkenntnissen gegründet sind.
20   Diese Eigenschaft überhebt sie doch nicht allemal eines Beweises. Denn
21   obgleich dieser nicht weiter objectiv geführt werden könnte, sondern vielmehr
22   aller Erkenntniß seines Objects zum Grunde liegt, so hindert dies
23   doch nicht, daß nicht ein Beweis aus den subjectiven Quellen der Möglichkeit
24   einer Erkenntniß des Gegenstandes überhaupt zu schaffen möglich,
25   ja auch nöthig wäre, weil der Satz sonst gleichwohl den größten Verdacht
26   einer bloß erschlichenen Behauptung auf sich haben würde.


27   Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze, die sich
28   auf die Kategorien beziehen, einschränken. Die Principien der transscendentalen
29   Ästhetik, nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen der
30   Möglichkeit aller Dinge als Erscheinungen sind, imgleichen die Restriction
31   dieser Grundsätze, daß sie nämlich nicht auf Dinge an sich selbst bezogen
32   werden können, gehören also nicht in unser abgestochenes Feld der Untersuchung.
33   Eben so machen die mathematischen Grundsätze keinen Theil
34   dieses Systems aus, weil sie nur aus der Anschauung, aber nicht aus dem


[seite 141]

[op 189]
01   reinen Verstandesbegriffe gezogen sind; doch wird die Möglichkeit derselben,
02   weil sie gleichwohl synthetische Urtheile a priori sind, hier nothwendig
03   Platz finden, zwar nicht, um ihre Richtigkeit und apodiktische Gewißheit
04   zu beweisen, welches sie gar nicht nöthig haben, sondern nur die
05   Möglichkeit solcher evidenten Erkenntnisse a priori begreiflich zu machen
06   und zu deduciren.


07   Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urtheile reden
08   müssen und dieses zwar im Gegensatz mit dem der synthetischen, als mit
09   welchen wir uns eigentlich beschäftigen, weil eben diese Gegenstellung die
10   Theorie der letzteren von allem Mißverstande befreiet und sie in ihrer
11   eigenthümlichen Natur deutlich vor Augen legt.


12   Des
13   Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
14   Erster Abschnitt.
15   Von dem obersten Grundsatze aller analytischen Urtheile.


16   Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntniß sei, und wie sie sich auf
17   das Object beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur negative
18   Bedingung aller unserer Urtheile überhaupt, daß sie sich nicht selbst widersprechen,
19   widrigenfalls diese Urtheile an sich selbst (auch ohne Rücksicht [op 190]
20   aufs Object) nichts sind. Wenn aber auch gleich in unserm Urtheile kein
21   Widerspruch ist, so kann es demungeachtet doch Begriffe so verbinden, wie
22   es der Gegenstand nicht mit sich bringt, oder auch, ohne daß uns irgend
23   ein Grund weder a priori noch a posteriori gegeben ist, welcher ein solches
24   Urtheil berechtigte; und so kann ein Urtheil bei allem dem, daß es von
25   allem innern Widerspruche frei ist, doch entweder falsch oder grundlos sein.


26   Der Satz nun: Keinem Dinge kommt ein Prädicat zu, welches ihm
27   widerspricht, heißt der Satz des Widerspruchs und ist ein allgemeines, obzwar
28   bloß negatives Kriterium aller Wahrheit, gehört aber auch darum
29   bloß in die Logik, weil er von Erkenntnissen bloß als Erkenntnissen überhaupt
30   unangesehen ihres Inhalts gilt und sagt: daß der Widerspruch sie
31   gänzlich vernichte und aufhebe.


32   Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch
33   machen, d. i. nicht bloß um Falschheit und Irrthum (so fern er auf dem
34   Widerspruch beruht) zu verbannen, sondern auch Wahrheit zu erkennen.


[seite 142]


01   Denn wenn das Urtheil analytisch ist, mag es nun verneinend oder
02   bejahend sein, so muß dessen Wahrheit jederzeit nach dem Satze des Widerspruchs
03   hinreichend können erkannt werden. Denn von dem, was in der
04   Erkenntniß des Objects schon als Begriff liegt und gedacht wird, wird
05   das Widerspiel jederzeit richtig verneint, der Begriff selber aber nothwendig [op 191]
06   von ihm bejaht werden müssen, darum weil das Gegentheil desselben dem
07   Objecte widersprechen würde.


08   Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine
09   und völlig hinreichende Principium aller analytischen Erkenntni
10   gelten lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und Brauchbarkeit
11   nicht, als eines hinreichenden Kriterium der Wahrheit. Denn da
12   ihm gar keine Erkenntniß zuwider sein könne, ohne sich selbst zu vernichten,
13   das macht diesen Satz wohl zur conditio sine qua non , aber nicht zum
14   Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntniß. Da wir es nun
15   eigentlich nur mit dem synthetischen Theile unserer Erkenntniß zu thun
16   haben, so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, diesem unverletzlichen
17   Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm aber in Ansehung der
18   Wahrheit von dergleichen Art der Erkenntniß niemals einigen Aufschlu
19   gewärtigen können.


20   Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem
21   Inhalt entblößten und bloß formalen Grundsatzes, die eine Synthesis
22   enthält, welche aus Unvorsichtigkeit und ganz unnöthiger Weise in ihr
23   gemischt worden. Sie heißt: Es ist unmöglich, daß etwas zugleich sei
24   und nicht sei. Außer dem, daß hier die apodiktische Gewißheit (durch das
25   Wort unmöglich) überflüssiger Weise angehängt worden, die sich doch
26   von selbst aus dem Satz muß verstehen lassen, so ist der Satz durch die [op 192]
27   Bedingung der Zeit afficirt und sagt gleichsam: Ein Ding = A, welches
28   etwas = B ist, kann nicht zu gleicher Zeit non B sein; aber es kann gar
29   wohl beides (B sowohl, als non B) nach einander sein. Z. B. ein Mensch,
30   der jung ist, kann nicht zugleich alt sein, eben derselbe kann aber sehr wohl
31   zu einer Zeit jung, zur andern nicht jung, d. i. alt, sein. Nun muß der
32   Satz des Widerspruchs, als ein bloß logischer Grundsatz, seine Aussprüche
33   gar nicht auf die Zeitverhältnisse einschränken, daher ist eine solche Formel
34   der Absicht desselben ganz zuwider. Der Mißverstand kommt bloß daher:
35   daß man ein Prädicat eines Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben
36   absondert und nachher sein Gegentheil mit diesem Prädicate verknüpft,
37   welches niemals einen Widerspruch mit dem Subjecte, sondern nur mit


[seite 143]


01   dessen Prädicate, welches mit jenem synthetisch verbunden worden, abgiebt
02   und zwar nur dann, wenn das erste und zweite Prädicat zu gleicher Zeit
03   gesetzt werden. Sage ich: ein Mensch, der ungelehrt ist, ist nicht gelehrt,
04   so muß die Bedingung: zugleich, dabei stehen; denn der, so zu einer
05   Zeit ungelehrt ist, kann zu einer andern gar wohl gelehrt sein. Sage ich
06   aber: kein ungelehrter Mensch ist gelehrt, so ist der Satz analytisch, weil
07   das Merkmal (der Ungelahrtheit) nunmehr den Begriff des Subjects mit
08   ausmacht; und alsdann erhellt der verneinende Satz unmittelbar aus
09   dem Satze des Widerspruchs, ohne daß die Bedingung: zugleich, hinzu
10   kommen darf. Dieses ist denn auch die Ursache, weswegen ich oben die [op 193]
11   Formel desselben so verändert habe, daß die Natur eines analytischen
12   Satzes dadurch deutlich ausgedrückt wird.


13   Des
14   Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
15   Zweiter Abschnitt.
16   Von dem obersten Grundsatze aller synthetischen Urtheile.


17   Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urtheile ist eine Aufgabe,
18   mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat, die auch sogar
19   ihren Namen nicht einmal kennen darf. Sie ist aber in einer transscendentalen
20   Logik das wichtigste Geschäfte unter allen und sogar das
21   einzige, wenn von der Möglichkeit synthetischer Urtheile a priori die Rede
22   ist, imgleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer Gültigkeit.
23   Denn nach Vollendung desselben kann sie ihrem Zwecke, nämlich den Umfang
24   und die Grenzen des reinen Verstandes zu bestimmen, vollkommen ein
25   Gnüge thun.


26   Im analytischen Urtheile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe, um
27   etwas von ihm auszumachen. Soll es bejahend sein, so lege ich diesem
28   Begriffe nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; soll es verneinend
29   sein, so schließe ich nur das Gegentheil desselben von ihm aus.
30   In synthetischen Urtheilen aber soll ich aus dem gegebenen Begriff hinausgehen,
31   um etwas ganz anderes, als in ihm gedacht war, mit demselben [op 194]
32   in Verhältniß zu betrachten, welches daher niemals weder Verhältni
33   der Identität, noch des Widerspruchs ist, und wobei dem Urtheile an ihm
34   selbst weder die Wahrheit, noch der Irrthum angesehen werden kann.


[seite 144]


01   Also zugegeben, daß man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen
02   müsse, um ihn mit einem andern synthetisch zu vergleichen: so ist ein
03   Drittes nöthig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen kann.
04   Was ist nun aber dieses Dritte, als das Medium aller synthetischen Urtheile?
05   Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsre Vorstellungen enthalten
06   sind, nämlich der innre Sinn und die Form desselben a priori, die Zeit.
07   Die Synthesis der Vorstellungen beruht auf der Einbildungskraft, die
08   synthetische Einheit derselben aber (die zum Urtheile erforderlich ist) auf
09   der Einheit der Apperception. Hierin wird also die Möglichkeit synthetischer
10   Urtheile und, da alle drei die Quellen zu Vorstellungen a priori
11   enthalten, auch die Möglichkeit reiner synthetischer Urtheile zu suchen sein;
12   ja sie werden sogar aus diesen Gründen nothwendig sein, wenn eine Erkenntni
13   von Gegenständen zu Stande kommen soll, die lediglich auf der
14   Synthesis der Vorstellungen beruht.


15   Wenn eine Erkenntniß objective Realität haben, d. i. sich auf einen
16   Gegenstand beziehen und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll,
17   so muß der Gegenstand auf irgend eine Art gegeben werden können. [op 195]
18   Ohne das sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, in
19   der That aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mit Vorstellungen
20   gespielt. Einen Gegenstand geben, wenn dieses nicht wiederum
21   nur mittelbar gemeint sein soll, sondern unmittelbar in der Anschauung
22   darstellen, ist nichts anders, als dessen Vorstellung auf Erfahrung (es sei
23   wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der Raum und die Zeit,
24   so rein diese Begriffe auch von allem Empirischen sind, und so gewiß es
25   auch ist, daß sie völlig a priori im Gemüthe vorgestellt werden, würden
26   doch ohne objective Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung sein, wenn
27   ihr nothwendiger Gebrauch an den Gegenständen der Erfahrung nicht
28   gezeigt würde; ja ihre Vorstellung ist ein bloßes Schema, das sich immer
29   auf die reproductive Einbildungskraft bezieht, welche die Gegenstände der
30   Erfahrung herbei ruft, ohne die sie keine Bedeutung haben würden; und
31   so ist es mit allen Begriffen ohne Unterschied.


32   Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unsern
33   Erkenntnissen a priori objective Realität giebt. Nun beruht Erfahrung
34   auf der synthetischen Einheit der Erscheinungen, d. i. auf einer Synthesis
35   nach Begriffen vom Gegenstande der Erscheinungen überhaupt, ohne welche
36   sie nicht einmal Erkenntniß, sondern eine Rhapsodie von Wahrnehmungen
37   sein würde, die sich in keinen Context nach Regeln eines durchgängig verknüpften


[seite 145]


01   (möglichen) Bewußtseins, mithin auch nicht zur transscendentalen [op 196]
02   und nothwendigen Einheit der Apperception zusammen schicken
03   würden. Die Erfahrung hat also Principien ihrer Form a priori zum
04   Grunde liegen, nämlich allgemeine Regeln der Einheit in der Synthesis
05   der Erscheinungen, deren objective Realität als nothwendige Bedingungen
06   jederzeit in der Erfahrung, ja sogar ihrer Möglichkeit gewiesen werden
07   kann. Außer dieser Beziehung aber sind synthetische Sätze a priori gänzlich
08   unmöglich, weil sie kein Drittes, nämlich keinen Gegenstand, haben,
09   an dem die synthetische Einheit ihrer Begriffe objective Realität darthun
10   könnte.


11   Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt, oder den Gestalten,
12   welche die productive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles
13   a priori in synthetischen Urtheilen erkennen, so daß wir wirklich hiezu gar
14   keiner Erfahrung bedürfen: so würde doch dieses Erkenntniß gar nichts,
15   sondern die Beschäftigung mit einem bloßen Hirngespinst sein, wäre der
16   Raum nicht als Bedingung der Erscheinungen, welche den Stoff zur
17   äußeren Erfahrung ausmachen, anzusehen; daher sich jene reine synthetische
18   Urtheile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche Erfahrung, oder vielmehr
19   auf dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen und darauf allein die objective
20   Gültigkeit ihrer Synthesis gründen.


21   Da also Erfahrung als empirische Synthesis in ihrer Möglichkeit
22   die einzige Erkenntnißart ist, welche aller andern Synthesis Realität giebt,
23   so hat diese als Erkenntniß a priori auch nur dadurch Wahrheit (Einstimmung [op 197]
24   mit dem Object), daß sie nichts weiter enthält, als was zur
25   synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt nothwendig ist.


26   Das oberste Principium aller synthetischen Urtheile ist also: ein jeder
27   Gegenstand steht unter den nothwendigen Bedingungen der synthetischen
28   Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen Erfahrung.


30   Auf solche Weise sind synthetische Urtheile a priori möglich, wenn wir
31   die formalen Bedingungen der Anschauung a priori, die Synthesis der
32   Einbildungskraft und die nothwendige Einheit derselben in einer transscendentalen
33   Apperception, auf ein mögliches Erfahrungserkenntniß überhaupt
34   beziehen und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung
35   überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der
36   Gegenstände der Erfahrung und haben darum objective Gültigkeit
37   in einem synthetischen Urtheile a priori.


[seite 146]


01   Des
02   Systems der Grundsätze des reinen Verstandes
03   Dritter Abschnitt.
04   Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze
des reinen Verstandes
05   desselben.


06   Daß überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden, das ist lediglich
07   dem reinen Verstande zuzuschreiben, der nicht allein das Vermögen der [op 198]
08   Regeln ist in Ansehung dessen, was geschieht, sondern selbst der Quell der
09   Grundsätze, nach welchem alles (was uns nur als Gegenstand vorkommen
10   kann) nothwendig unter Regeln steht, weil ohne solche den Erscheinungen
11   niemals Erkenntniß eines ihnen correspondirenden Gegenstandes zukommen
12   könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als Grundsätze des empirischen
13   Verstandesgebrauchs betrachtet werden, führen zugleich einen Ausdruck
14   der Nothwendigkeit, mithin wenigstens die Vermuthung einer Bestimmung
15   aus Gründen, die a priori und vor aller Erfahrung gültig sind,
16   bei sich. Aber ohne Unterschied stehen alle Gesetze der Natur unter höheren
17   Grundsätzen des Verstandes, indem sie diese nur auf besondere Fälle der
18   Erscheinung anwenden. Diese allein geben also den Begriff, der die Bedingung
19   und gleichsam den Exponenten zu einer Regel überhaupt enthält,
20   Erfahrung aber giebt den Fall, der unter der Regel steht.


21   Daß man bloß empirische Grundsätze für Grundsätze des reinen Verstandes
22   oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wohl eigentlich keine
23   Gefahr sein; denn die Nothwendigkeit nach Begriffen, welche die letztere
24   auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so allgemein
25   er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese Verwechselung
26   leicht verhüten. Es giebt aber reine Grundsätze a priori, die ich gleichwohl
27   doch nicht dem reinen Verstande eigenthümlich beimessen möchte, darum [op 199]
28   weil sie nicht aus reinen Begriffen, sondern aus reinen Anschauungen
29   (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen sind; Verstand ist aber das
30   Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat dergleichen, aber ihre Anwendung
31   auf Erfahrung, mithin ihre objective Gültigkeit, ja die Möglichkeit
32   solcher synthetischen Erkenntniß a priori (die Deduction derselben) beruht
33   doch immer auf dem reinen Verstande.


34   Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht
35   mitzählen, aber wohl diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit und


[seite 147]


01   objective Gültigkeit a priori gründet, und die mithin als Principium
02   dieser Grundsätze anzusehen sind und von Begriffen zur Anschauung,
03   nicht aber von der Anschauung zu Begriffen ausgehen.


04   In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung
05   ist der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch oder
06   dynamisch: denn sie geht theils bloß auf die Anschauung, theils auf
07   das Dasein einer Erscheinung überhaupt. Die Bedingungen a priori
08   der Anschauung sind aber in Ansehung einer möglichen Erfahrung durchaus
09   nothwendig, die des Daseins der Objecte einer möglichen empirischen
10   Anschauung an sich nur zufällig. Daher werden die Grundsätze des mathematischen
11   Gebrauchs unbedingt nothwendig, d. i. apodiktisch, lauten, die
12   aber des dynamischen Gebrauchs werden zwar auch den Charakter einer
13   Nothwendigkeit a priori, aber nur unter der Bedingung des empirischen [op 200]
14   Denkens in einer Erfahrung, mithin nur mittelbar und indirect bei sich
15   führen, folglich diejenige unmittelbare Evidenz nicht enthalten (obzwar
16   ihrer auf Erfahrung allgemein bezogenen Gewißheit unbeschadet), die
17   jenen eigen ist. Doch dies wird sich beim Schlusse dieses Systems von
18   Grundsätzen besser beurtheilen lassen.


19   Die Tafel der Kategorien giebt uns die ganz natürliche Anweisung
20   zur Tafel der Grundsätze, weil diese doch nichts anders, als Regeln des
21   objectiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen Verstandes
22   sind demnach


23   1.
24   Axiomen
25   der
26   Anschauung.


27   2.
28   Anticipationen
29   der
30   Wahrnehmung.


27   3.
28   Analogien
29   der
30   Erfahrung.


31   4.
32   Postulate
33   des
34   empirischen Denkens
35   überhaupt.


36   Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unterschiede
37   in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze


[seite 148]


01   nicht unbemerkt zu lassen. Es wird sich aber bald zeigen: daß, was sowohl [op 201]
02   die Evidenz, als die Bestimmung der Erscheinungen a priori nach
03   den Kategorien der Größe und der Qualität (wenn man lediglich auf
04   die Form der letzteren Acht hat) betrifft, die Grundsätze derselben sich darin
05   von den zwei übrigen namhaft unterscheiden, indem jene einer intuitiven,
06   diese aber einer bloß discursiven, obzwar beiderseits einer völligen Gewißheit
07   fähig sind. Ich werde daher jene die mathematischen, diese die
08   dynamischen Grundsätze nennen.*) Man wird aber wohl bemerken: [op 202]
09   daß ich hier eben so wenig die Grundsätze der Mathematik in einem Falle,
10   als die Grundsätze der allgemeinen (physischen) Dynamik im andern,
11   sondern nur die des reinen Verstandes im Verhältniß auf den innern
12   Sinn (ohne Unterschied der darin gegebenen Vorstellungen) vor Augen
13   habe, dadurch denn jene insgesammt ihre Möglichkeit bekommen. Ich benenne
14   sie also mehr in Betracht der Anwendung, als um ihres Inhalts
15   Willen und gehe nun zur Erwägung derselben in der nämlichen Ordnung,
16   wie sie in der Tafel vorgestellt werden.


17   1.
18   Axiomen der Anschauung.


19   Das Princip derselben ist: Alle Anschauungen sind extensive
20   Größen.
21   Beweis.


22   Alle Erscheinungen enthalten der Form nach eine Anschauung im
23   Raum und Zeit, welche ihnen insgesammt a priori zum Grunde liegt.
24   Sie können also nicht anders apprehendirt, d. i. ins empirische Bewußtsein



25   *) Alle Verbindung ( conjunctio ) ist entweder Zusammensetzung ( compositio )
26   oder Verknüpfung ( nexus ). Die erstere ist die Synthesis des Mannigfaltigen,
27   was nicht nothwendig zu einander gehört, wie z. B. die zwei Triangel,
28   darin ein Quadrat durch die Diagonale getheilt wird, für sich nicht nothwendig zu
29   einander gehören; und dergleichen ist die Synthesis des Gleichartigen in allem,
30   was mathematisch erwogen werden kann (welche Synthesis wiederum in die der'


28   Aggregation und Coalition eingetheilt werden kann, davon die erstere auf
29   extensive, die andere auf intensive Größen gerichtet ist). Die zweite Verbindung
30   ( nexus ) ist die Synthesis des Mannigfaltigen, so fern es nothwendig zu
31   einander gehört, wie z. B. das Accidens zu irgend einer Substanz, oder die
32   Wirkung zu der Ursache -, mithin auch als ungleichartig, doch a priori verbunden
33   vorgestellt wird; welche Verbindung, weil sie nicht willkürlich ist, ich darum
34   dynamisch nenne, weil sie die Verbindung des Daseins des Mannigfaltigen betrifft
35   (die wiederum in die physische, der Erscheinungen unter einander, und metaphysische,
36   ihre Verbindung im Erkenntnißvermögen a priori, eingetheilt werden
37   kann.)'


[seite 149]


01   aufgenommen werden, als durch die Synthesis des Mannigfaltigen,
02   wodurch die Vorstellungen eines bestimmten Raumes oder Zeit erzeugt
03   werden, d. i. durch die Zusammensetzung des Gleichartigen und das Bewußtsein [op 203]
04   der synthetischen Einheit dieses Mannigfaltigen (Gleichartigen).
05   Nun ist das Bewußtsein des mannigfaltigen Gleichartigen in der Anschauung
06   überhaupt, so fern dadurch die Vorstellung eines Objects zuerst
07   möglich wird, der Begriff einer Größe ( quanti ). Also ist selbst die Wahrnehmung
08   eines Objects als Erscheinung nur durch dieselbe synthetische
09   Einheit des Mannigfaltigen der gegebenen sinnlichen Anschauung möglich,
10   wodurch die Einheit der Zusammensetzung des mannigfaltigen Gleichartigen
11   im Begriffe einer Größe gedacht wird; d. i. die Erscheinungen
12   sind insgesammt Größen und zwar extensive Größen, weil sie als Anschauungen
13   im Raume oder der Zeit durch dieselbe Synthesis vorgestellt
14   werden müssen, als wodurch Raum und Zeit überhaupt bestimmt werden.


15   Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung
16   der Theile die Vorstellung des Ganzen möglich macht (und also nothwendig
17   vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein sie auch sei,
18   vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d. i. von einem Punkte alle
19   Theile nach und nach zu erzeugen und dadurch allererst diese Anschauung
20   zu verzeichnen. Eben so ist es auch mit jeder, auch der kleinsten Zeit bewandt.
21   Ich denke mir darin nur den successiven Fortgang von einem
22   Augenblick zum andern, wo durch alle Zeittheile und deren Hinzuthun
23   endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt wird. Da die bloße Anschauung [op 204]
24   an allen Erscheinungen entweder der Raum oder die Zeit ist, so ist jede
25   Erscheinung als Anschauung eine extensive Größe, indem sie nur durch
26   successive Synthesis (von Theil zu Theil) in der Apprehension erkannt
27   werden kann. Alle Erscheinungen werden demnach schon als Aggregate


[seite 150]


01   (Menge vorhergegebener Theile) angeschaut, welches eben nicht der Fall
02   bei jeder Art Größen, sondern nur derer ist, die von uns extensiv als
03   solche vorgestellt und apprehendirt werden.


04   Auf diese successive Synthesis der productiven Einbildungskraft in
05   der Erzeugung der Gestalten gründet sich die Mathematik der Ausdehnung
06   (Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der sinnlichen
07   Anschauung a priori ausdrücken, unter denen allein das Schema
08   eines reinen Begriffs der äußeren Erscheinung zu Stande kommen kann:
09   z. E. zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich; zwei gerade
10   Linien schließen keinen Raum ein etc.. Dies sind die Axiomen, welche
11   eigentlich nur Größen ( quanta ) als solche betreffen.


12   Was aber die Größe ( quantitas ) d. i. die Antwort auf die Frage:
13   wie groß etwas sei, betrifft, so giebt es in Ansehung derselben, obgleich
14   verschiedene dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß ( indemonstrabilia )
15   sind, dennoch im eigentlichen Verstande keine Axiomen. Denn da
16   Gleiches, zu Gleichem hinzugethan oder von diesem abgezogen, ein Gleiches
17   gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir der Identität der einen [op 205]
18   Größenerzeugung mit der andern unmittelbar bewußt bin; Axiomen aber
19   sollen synthetische Sätze a priori sein. Dagegen sind die evidenten Sätze
20   des Zahlenverhältnisses zwar allerdings synthetisch, aber nicht allgemein,
21   wie die der Geometrie und eben um deswillen auch nicht Axiomen, sondern
22   können Zahlformeln genannt werden. Daß 7+5 = 12 sei, ist kein
23   analytischer Satz. Denn ich denke weder in der Vorstellung von 7, noch
24   von 5, noch in der Vorstellung von der Zusammensetzung beider die Zahl
25   12 (daß ich diese in der Addition beider denken solle, davon ist hier nicht
26   die Rede; denn bei dem analytischen Satze ist nur die Frage, ob ich das
27   Prädicat wirklich in der Vorstellung des Subjects denke). Ob er aber
28   gleich synthetisch ist, so ist er doch nur ein einzelner Satz. So fern hier
29   bloß auf die Synthesis des Gleichartigen (der Einheiten) gesehen wird,
30   so kann die Synthesis hier nur auf eine einzige Art geschehen, wiewohl
31   der Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist. Wenn ich sage: durch
32   drei Linien, deren zwei zusammengenommen größer sind als die dritte,
33   läßt sich ein Triangel zeichnen: so habe ich hier die bloße Function der
34   productiven Einbildungskraft, welche die Linien größer und kleiner ziehen,
35   imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann zusammenstoßen lassen.
36   Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art möglich und auch die
37   Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren mit 5 erzeugt wird. Dergleichen


[seite 151]

[op 206]
01   Sätze muß man also nicht Axiomen (denn sonst gäbe es deren
02   unendliche), sondern Zahlformeln nennen.


03   Dieser transscendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen
04   giebt unserem Erkenntniß a priori große Erweiterung. Denn er ist es
05   allein, welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präcision auf Gegenstände
06   der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz
07   nicht so von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt
08   hat. Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische
09   Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich;
10   was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von
11   jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den Regeln
12   der Construction im Raume (z. E. der unendlichen Theilbarkeit der
13   Linien oder Winkel) gemäß sein dürfen, müssen wegfallen. Denn dadurch
14   spricht man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objective
15   Gültigkeit ab und weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf Erscheinungen
16   anzuwenden sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten als der
17   wesentlichen Form aller Anschauung ist das, was zugleich die Apprehension
18   der Erscheinung, mithin jede äußere Erfahrung, folglich auch alle
19   Erkenntniß der Gegenstände derselben möglich macht, und was die Mathematik
20   im reinen Gebrauch von jener beweiset, das gilt auch nothwendig [op 207]
21   von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur Chicanen einer falsch belehrten
22   Vernunft, die irriger Weise die Gegenstände der Sinne von der formalen
23   Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt und sie, obgleich
24   sie bloß Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich selbst, dem
25   Verstande gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich von ihnen a priori
26   gar nichts, mithin auch nicht durch reine Begriffe vom Raume synthetisch
27   erkannt werden könnte, und die Wissenschaft, die diese bestimmt, nämlich
28   die Geometrie, selbst nicht möglich sein würde.


29   2.
30   Anticipationen der Wahrnehmung.


31   Das Princip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das
32   Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive
33   Größe, d. i. einen Grad.


[seite 152]


01   Beweis.


02   Wahrnehmung ist das empirische Bewußtsein, d. i. ein solches, in
03   welchem zugleich Empfindung ist. Erscheinungen, als Gegenstände der
04   Wahrnehmung, sind nicht reine (bloß formale) Anschauungen, wie Raum
05   und Zeit (denn die können an sich gar nicht wahrgenommen werden). Sie
06   enthalten also über die Anschauung noch die Materien zu irgend einem
07   Objecte überhaupt (wodurch etwas Existirendes im Raume oder der Zeit
08   vorgestellt wird), d. i. das Reale der Empfindung als bloß subjective Vorstellung,
09   von der man sich nur bewußt werden kann, daß das Subject [op 208]
10   afficirt sei, und die man auf ein Object überhaupt bezieht, in sich. Nun
11   ist vom empirischen Bewußtsein zum reinen eine stufenartige Veränderung
12   möglich, da das Reale desselben ganz verschwindet, und ein bloß formales
13   Bewußtsein (a priori) des Mannigfaltigen im Raum und Zeit übrig
14   bleibt: also auch eine Synthesis der Größenerzeugung einer Empfindung
15   von ihrem Anfange, der reinen Anschauung = 0, an bis zu einer beliebigen
16   Größe derselben. Da nun Empfindung an sich gar keine objective
17   Vorstellung ist, und in ihr weder die Anschauung vom Raum, noch von
18   der Zeit angetroffen wird, so wird ihr zwar keine extensive, aber doch eine
19   Größe (und zwar durch die Apprehension derselben, in welcher das empirische
20   Bewußtsein in einer gewissen Zeit von nichts = 0 bis zu ihrem
21   gegebenen Maße erwachsen kann), also eine intensive Größe zukommen,
22   welcher correspondirend allen Objecten der Wahrnehmung, so fern diese
23   Empfindung enthält, intensive Größe, d. i. ein Grad des Einflusses
24   auf den Sinn, beigelegt werden muß.


25   Man kann alle Erkenntniß, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen
26   Erkenntniß gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine
27   Anticipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in welcher
28   EpikurPI seinen Ausdruck prolηψis brauchte. Da aber an den Erscheinungen
29   etwas ist, was niemals a priori erkannt wird, und welches daher auch den
30   eigentlichen Unterschied des Empirischen von dem Erkenntniß a priori ausmacht, [op 209]
31   nämlich die Empfindung (als Materie der Wahrnehmung), so
32   folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht anticipirt werden kann.


[seite 153]


01   Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen im Raume und der Zeit
02   sowohl in Ansehung der Gestalt als Größe Anticipationen der Erscheinungen
03   nennen können, weil sie dasjenige a priori vorstellen, was immer
04   a posteriori in der Erfahrung gegeben werden mag. Gesetzt aber, es finde
05   sich doch etwas, was sich an jeder Empfindung als Empfindung überhaupt
06   (ohne daß eine besondere gegeben sein mag) a priori erkennen läßt:
07   so würde dieses im ausnehmenden Verstande Anticipation genannt zu
08   werden verdienen, weil es befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen
09   vorzugreifen, was gerade die Materie derselben angeht, die man nur
10   aus ihr schöpfen kann. Und so verhält es sich hier wirklich.


11   Die Apprehension bloß vermittelst der Empfindung erfüllt nur einen
12   Augenblick (wenn ich nämlich nicht die Succession vieler Empfindungen
13   in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension
14   keine successive Synthesis ist, die von Theilen zur ganzen Vorstellung fortgeht,
15   hat sie also keine extensive Größe: der Mangel der Empfindung in
16   demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen, mithin = 0. Was
17   nun in der empirischen Anschauung der Empfindung correspondirt, ist
18   Realität ( realitas phaenomenon ), was dem Mangel derselben entspricht, [op 210]
19   Negation = 0. Nun ist aber jede Empfindung einer Verringerung fähig,
20   so daß sie abnehmen und so allmählig verschwinden kann. Daher ist
21   zwischen Realität in der Erscheinung und Negation ein continuirlicher
22   Zusammenhang vieler möglichen Zwischenempfindungen, deren Unterschied
23   von einander immer kleiner ist, als der Unterschied zwischen der gegebenen
24   und dem Zero oder der gänzlichen Negation. Das ist: das Reale
25   in der Erscheinung hat jederzeit eine Größe, welche aber nicht in der
26   Apprehension angetroffen wird, indem diese vermittelst der bloßen Empfindung
27   in einem Augenblicke und nicht durch successive Synthesis vieler
28   Empfindungen geschieht und also nicht von den Theilen zum Ganzen geht;
29   es hat also zwar eine Größe, aber keine extensive.


30   Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendirt
31   wird, und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = 0
32   vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität in
33   der Erscheinung intensive Größe, d. i. einen Grad. Wenn man diese Realität
34   als Ursache (es sei der Empfindung, oder anderer Realität in der
35   Erscheinung, z. B. einer Veränderung) betrachtet: so nennt man den Grad
36   der Realität als Ursache ein Moment, z. B. das Moment der Schwere,
37   und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren Apprehension


[seite 154]


01   nicht successiv, sondern augenblicklich ist. Dieses berühre ich aber
02   hier nur beiläufig, denn mit der Causalität habe ich für jetzt noch nicht
03   zu thun.

[op 211]


04   So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der
05   Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d. i. eine intensive
06   Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen Realität
07   und Negation ist ein continuirlicher Zusammenhang möglicher Realitäten
08   und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z. E. die rothe,
09   hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals der kleinste ist,
10   und so ist es mit der Wärme, dem Moment der Schwere etc. überall bewandt.


12   Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Theil der
13   kleinstmögliche (kein Theil einfach) ist, heißt die Continuität derselben.
14   Raum und Zeit sind quanta continua , weil kein Theil derselben gegeben
15   werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und Augenblicken) einzuschließen,
16   mithin nur so, daß dieser Theil selbst wiederum ein Raum
17   oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus Räumen, die Zeit aus
18   Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, d. i. bloße Stellen
19   ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit jene Anschauungen, die
20   sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus, und aus bloßen Stellen als
21   aus Bestandtheilen, die noch vor dem Raume oder der Zeit gegeben werden
22   könnten, kann weder Raum noch Zeit zusammengesetzt werden. Dergleichen
23   Größen kann man auch fließende nennen, weil die Synthesis
24   (der productiven Einbildungskraft) in ihrer Erzeugung ein Fortgang in [op 212]
25   der Zeit ist, deren Continuität man besonders durch den Ausdruck des
26   Fließens (Verfließens) zu bezeichnen pflegt.


27   Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach continuirliche Größen
28   sowohl ihrer Anschauung nach als extensive, oder der bloßen Wahrnehmung
29   (Empfindung und mithin Realität) nach als intensive Größen.
30   Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung unterbrochen
31   ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen (und nicht eigentlich
32   Erscheinung als ein Quantum), welches nicht durch die bloße Fortsetzung
33   der productiven Synthesis einer gewissen Art, sondern durch Wiederholung
34   einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt wird. Wenn ich
35   13 Thaler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es so fern richtig, als
36   ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber verstehe, welche aber
37   allerdings eine continuirliche Größe ist, in welcher kein Theil der kleinste


[seite 155]


01   ist, sondern jeder Theil ein Geldstück ausmachen könnte, welches immer
02   Materie zu noch kleineren enthielte. Wenn ich aber unter jener Benennung
03   13 runde Thaler verstehe, als so viel Münzen (ihr Silbergehalt mag sein,
04   welcher er wolle), so benenne ich es unschicklich durch ein Quantum von
05   Thalern, sondern muß es ein Aggregat, d. i. eine Zahl Geldstücke, nennen.
06   Da nun bei aller Zahl doch Einheit zum Grunde liegen muß, so ist die
07   Erscheinung als Einheit ein Quantum und als ein solches jederzeit ein
08   Continuum.


09   Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv als intensiv betrachtet, [op 213]
10   continuirliche Größen sind: so würde der Satz, daß auch alle Veränderung
11   (Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den andern) continuirlich
12   sei, leicht und mit mathematischer Evidenz hier bewiesen werden
13   können, wenn nicht die Causalität einer Veränderung überhaupt ganz
14   außerhalb den Grenzen einer Transscendental=Philosophie läge und empirische
15   Principien voraussetzte. Denn daß eine Ursache möglich sei, welche
16   den Zustand der Dinge verändere, d. i. sie zum Gegentheil eines gewissen
17   gegebenen Zustandes bestimme, davon giebt uns der Verstand a priori
18   gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil er die Möglichkeit davon
19   gar nicht einsieht (denn diese Einsicht fehlt uns in mehreren Erkenntnissen
20   a priori), sondern weil die Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der
21   Erscheinungen trifft, welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen
22   daß ihre Ursache in dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber
23   hier nichts vor uns haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen
24   Grundbegriffe aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts
25   Empirisches sein muß: so können wir, ohne die Einheit des Systems zu
26   verletzen, der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen
27   gebauet ist, nicht vorgreifen.


28   Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweisthümern des großen Einflusses,
29   den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu anticipiren,
30   und sogar deren Mangel so fern zu ergänzen, daß er allen falschen Schlüssen,
31   die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt.

[op 214]


32   Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen
33   dem und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade
34   stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der Receptivität
35   der Empfindungen haben muß: so ist keine Wahrnehmung, mithin
36   auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles
37   Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar (durch welchen


[seite 156]


01   Umschweif im Schließen man immer wolle), bewiese, d. i. es kann aus
02   der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer leeren
03   Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in der
04   sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen werden;
05   zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem Unterschiede
06   des Grades ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur Erklärung derselben
07   niemals angenommen werden. Denn wenn auch die ganze Anschauung
08   eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch real, d. i.
09   kein Theil derselben leer ist: so muß es doch, weil jede Realität ihren
10   Grad hat, der bei unveränderter extensiven Größe der Erscheinung bis
11   zum Nichts (dem Leeren) durch unendliche Stufen abnehmen kann, unendlich
12   verschiedene Grade, mit welchen Raum oder Zeit erfüllt sei, geben
13   und die intensive Größe in verschiedenen Erscheinungen kleiner oder größer
14   sein können, obschon die extensive Größe der Anschauung gleich ist.

[op 215]


15   Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da
16   sie einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener
17   Art unter gleichem Volumen (theils durch das Moment der Schwere oder
18   des Gewichts, theils durch das Moment des Widerstandes gegen andere
19   bewegte Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses Volumen
20   (extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien, obzwar
21   in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen größtentheils
22   mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl jemals einfallen
23   lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf eine metaphysische
24   Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden vorgeben, gründeten,
25   indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich mag es hier nicht
26   Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil dieses empirische Begriffe
27   sind) allerwärts einerlei sei und sich nur der extensiven Größe, d. i. der
28   Menge, nach unterscheiden könne. Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen
29   Grund in der Erfahrung haben konnten, und die also bloß metaphysisch
30   ist, setze ich einen transscendentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied
31   in der Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte
32   Nothwendigkeit jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht
33   anders als durch anzunehmende leere Räume erklären zu können, völlig
34   aufhebt und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu [op 216]
35   versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken, wenn
36   die Naturerklärung hiezu irgend eine Hypothese nothwendig machen sollte.
37   Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von verschiedenen Materien


[seite 157]


01   vollkommen erfüllt sein mögen, so daß in keinem von jenen ein Punkt
02   ist, in welchem nicht ihre Gegenwart anzutreffen wäre, so habe doch jedes
03   Reale bei derselben Qualität ihren Grad (des Widerstandes oder des Wiegens),
04   welcher ohne Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins
05   Unendliche kleiner sein kann, ehe sie in das Leere übergeht und verschwindet.
06   So kann eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z. B. Wärme,
07   und auf gleiche Weise jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im
08   mindesten den kleinsten Theil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden
09   ins Unendliche abnehmen und nichts desto weniger den Raum mit
10   diesen kleineren Graden eben sowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung
11   mit größeren. Meine Absicht ist hier keinesweges, zu behaupten, daß dieses
12   wirklich mit der Verschiedenheit der Materien ihrer specifischen Schwere
13   nach so bewandt sei, sondern nur aus einem Grundsatze des reinen Verstandes
14   darzuthun: daß die Natur unserer Wahrnehmungen eine solche
15   Erklärungsart möglich mache, und daß man fälschlich das Reale der Erscheinung
16   dem Grade nach als gleich und nur der Aggregation und deren
17   extensiven Größe nach als verschieden annehme und dieses sogar vorgeblicher
18   maßen durch einen Grundsatz des Verstandes a priori behaupte.

[op 217]


19   Es hat gleichwohl diese Anticipation der Wahrnehmung für einen
20   der transscendentalen Überlegung gewohnten und dadurch behutsam gewordenen
21   Nachforscher immer etwas Auffallendes an sich und erregt darüber
22   einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen
23   Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist, und
24   mithin der Möglichkeit des innern Unterschiedes der Empfindung selbst,
25   wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahirt, anticipiren könne;
26   und es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der
27   Verstand hierin synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen und
28   diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist, nämlich
29   die Empfindung angeht, anticipiren könne.


30   Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann
31   a priori gar nicht vorgestellt werden (z. B. Farben, Geschmack etc.). Aber
32   das Reale, was den Empfindungen überhaupt correspondirt im Gegensatz
33   mit der Negation = 0, stellt nur etwas vor, dessen Begriff an sich ein
34   Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in einem empirischen
35   Bewußtsein überhaupt. In dem innern Sinn nämlich kann das empirische
36   Bewußtsein von 0 bis zu jedem größern Grade erhöht werden, so daß eben
37   dieselbe extensive Größe der Anschauung (z. B. erleuchtete Fläche) so große


[seite 158]


01   Empfindung erregt, als ein Aggregat von vielem andern (minder Erleuchteten)
02   zusammen. Man kann also von der extensiven Größe der Erscheinung [op 218]
03   gänzlich abstrahiren und sich doch an der bloßen Empfindung in
04   einem Moment eine Synthesis der gleichförmigen Steigerung von 0 bis
05   zu dem gegebenen empirischen Bewußtsein vorstellen. Alle Empfindungen
06   werden daher als solche zwar nur a posteriori gegeben, aber die Eigenschaft
07   derselben, daß sie einen Grad haben, kann a priori erkannt werden.
08   Es ist merkwürdig, daß wir an Größen überhaupt a priori nur eine einzige
09   Qualität, nämlich die Continuität, an aller Qualität aber (dem
10   Realen der Erscheinungen) nichts weiter a priori, als die intensive Quantität
11   derselben, nämlich daß sie einen Grad haben, erkennen können;
12   alles übrige bleibt der Erfahrung überlassen.


13   3.
14   Analogien der Erfahrung.


15   Das Princip derselben ist: Erfahrung ist nur durch die Vorstellung
16   einer nothwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen
17   möglich.


18   Beweis.


19   Erfahrung ist ein empirisches Erkenntniß, d. i. ein Erkenntniß, das
20   durch Wahrnehmungen ein Object bestimmt. Sie ist also eine Synthesis
21   der Wahrnehmungen, die selbst nicht in der Wahrnehmung enthalten ist,
22   sondern die synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben in einem
23   Bewußtsein enthält, welche das Wesentliche einer Erkenntniß der Objecte [op 219]
24   der Sinne, d. i. der Erfahrung (nicht bloß der Anschauung oder Empfindung
25   der Sinne), ausmacht. Nun kommen zwar in der Erfahrung die
26   Wahrnehmungen nur zufälliger Weise zu einander, so daß keine Nothwendigkeit
27   ihrer Verknüpfung aus den Wahrnehmungen selbst erhellt,
28   noch erhellen kann; weil Apprehension nur eine Zusammenstellung des
29   Mannigfaltigen der empirischen Anschauung, aber keine Vorstellung von


[seite 159]


01   der Nothwendigkeit der verbundenen Existenz der Erscheinungen, die sie
02   zusammenstellt im Raum und Zeit, in derselben angetroffen wird. Da
03   aber Erfahrung ein Erkenntniß der Objecte durch Wahrnehmungen ist,
04   folglich das Verhältniß im Dasein des Mannigfaltigen nicht wie es in
05   der Zeit zusammengestellt wird, sondern wie es objectiv in der Zeit ist, in
06   ihr vorgestellt werden soll, die Zeit selbst aber nicht wahrgenommen werden
07   kann: so kann die Bestimmung der Existenz der Objecte in der Zeit
08   nur durch ihre Verbindung in der Zeit überhaupt, mithin nur durch
09   a priori verknüpfende Begriffe geschehen. Da diese nun jederzeit zugleich
10   Nothwendigkeit bei sich führen, so ist Erfahrung nur durch eine Vorstellung
11   der nothwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich.


12   Die drei modi der Zeit sind Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein.
13   Daher werden drei Regeln aller Zeitverhältnisse der Erscheinungen,
14   wornach jeder ihr Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt
15   werden kann, vor aller Erfahrung vorangehen und diese allererst
16   möglich machen.

[op 220]


17   Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien beruht auf der nothwendigen
18   Einheit der Apperception in Ansehung alles möglichen empirischen
19   Bewußtseins (der Wahrnehmung) zu jeder Zeit, folglich, da jene
20   a priori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit aller Erscheinungen
21   nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. Denn die ursprüngliche Apperception
22   bezieht sich auf den innern Sinn (den Inbegriff aller Vorstellungen)
23   und zwar a priori auf die Form desselben, d. i. das Verhältniß des
24   mannigfaltigen empirischen Bewußtseins in der Zeit. In der ursprünglichen
25   Apperception soll nun alle dieses Mannigfaltige seinen Zeitverhältnissen
26   nach vereinigt werden; denn dieses sagt die transscendentale Einheit
27   derselben a priori, unter welcher alles steht, was zu meinem (d. i.
28   meinem einigen) Erkenntnisse gehören soll, mithin ein Gegenstand für
29   mich werden kann. Diese synthetische Einheit in dem Zeitverhältnisse
30   aller Wahrnehmungen, welche a priori bestimmt ist, ist also das Gesetz:
31   daß alle empirische Zeitbestimmungen unter Regeln der allgemeinen
32   Zeitbestimmung stehen müssen; und die Analogien der Erfahrung, von
33   denen wir jetzt handeln wollen, müssen dergleichen Regeln sein.


34   Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, daß sie nicht die Erscheinungen
35   und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern
36   bloß das Dasein und ihr Verhältniß unter einander in Ansehung dieses [op 221]
37   ihres Daseins erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Erscheinung


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01   apprehendirt wird, a priori dergestalt bestimmt sein, daß die Regel
02   ihrer Synthesis zugleich diese Anschauung a priori in jedem vorliegenden
03   empirischen Beispiele geben, d. i. sie daraus zu Stande bringen kann.
04   Allein das Dasein der Erscheinungen kann a priori nicht erkannt werden;
05   und ob wir gleich auf diesem Wege dahin gelangen könnten, auf irgend
06   ein Dasein zu schließen, so würden wir dieses doch nicht bestimmt erkennen,
07   d. i. das, wodurch seine empirische Anschauung sich von andern
08   Unterschiede, anticipiren können.


09   Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematische nannte, in
10   Betracht dessen, daß sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden
11   berechtigten, gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit nach und
12   lehrten, wie sie sowohl ihrer Anschauung als dem Realen ihrer Wahrnehmung
13   nach nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt werden
14   könnten; daher sowohl bei der einen, als bei der andern die Zahlgrößen
15   und mit ihnen die Bestimmung der Erscheinung als Größe gebraucht
16   werden können. So werde ich z. B. den Grad der Empfindungen
17   des Sonnenlichts aus etwa 200000 Erleuchtungen durch den Mond zusammensetzen
18   und a priori bestimmt geben, d. i. construiren können. Daher
19   können wir die ersteren Grundsätze constitutive nennen.


20   Ganz anders muß es mit denen bewandt sein, die das Dasein der
21   Erscheinungen a priori unter Regeln bringen sollen. Denn da dieses sich [op 222]
22   nicht construiren läßt, so werden sie nur auf das Verhältniß des Daseins
23   gehen und keine andre als bloß regulative Principien abgeben können.
24   Da ist also weder an Axiomen, noch an Anticipationen zu denken; sondern
25   wenn uns eine Wahrnehmung in einem Zeitverhältnisse gegen andere
26   (obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird a priori nicht gesagt werden
27   können: welche andere und wie große Wahrnehmung, sondern wie
28   sie dem Dasein nach in diesem modo der Zeit mit jener nothwendig verbunden
29   sei. In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr Verschiedenes
30   von demjenigen, was sie in der Mathematik vorstellen. In dieser
31   sind es Formeln, welche die Gleichheit zweier Größenverhältnisse aussagen,
32   und jederzeit constitutiv, so daß, wenn drei Glieder der Proportion
33   gegeben sind, auch das vierte dadurch gegeben wird, d. i. construirt
34   werden kann. In der Philosophie aber ist die Analogie nicht die Gleichheit
35   zweier quantitativen, sondern qualitativen Verhältnisse, wo ich
36   aus drei gegebenen Gliedern nur das Verhältniß zu einem vierten, nicht
37   aber dieses vierte Glied selbst erkennen und a priori geben kann, wohl


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01   aber eine Regel habe, es in der Erfahrung zu suchen, und ein Merkmal,
02   es in derselben aufzufinden. Eine Analogie der Erfahrung wird also nur
03   eine Regel sein, nach welcher aus Wahrnehmungen Einheit der Erfahrung
04   (nicht wie Wahrnehmung selbst als empirische Anschauung überhaupt)
05   entspringen soll, und als Grundsatz von den Gegenständen (den Erscheinungen) [op 223]
06   nicht constitutiv, sondern bloß regulativ gelten. Eben dasselbe
07   aber wird auch von den Postulaten des empirischen Denkens überhaupt,
08   welche die Synthesis der bloßen Anschauung (der Form der Erscheinung),
09   der Wahrnehmung (der Materie derselben) und der Erfahrung
10   (des Verhältnisses dieser Wahrnehmungen) zusammen betreffen, gelten,
11   nämlich daß sie nur regulative Grundsätze sind und sich von den mathematischen,
12   die constitutiv sind, zwar nicht in der Gewißheit, welche in beiden
13   a priori feststeht, aber doch in der Art der Evidenz, d. i. dem Intuitiven
14   derselben, (mithin auch der Demonstration) unterscheiden.


15   Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward und hier
16   vorzüglich angemerkt werden muß, ist dieses: daß diese Analogien nicht
17   als Grundsätze des transscendentalen, sondern bloß des empirischen Verstandesgebrauchs
18   ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit haben, mithin
19   auch nur als solche bewiesen werden können, daß folglich die Erscheinungen
20   nicht unter die Kategorien schlechthin, sondern nur unter ihre Schemate
21   subsumirt werden müssen. Denn wären die Gegenstände, auf welche
22   diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge an sich selbst, so wäre es
23   ganz unmöglich, etwas von ihnen a priori synthetisch zu erkennen. Nun
24   sind es nichts als Erscheinungen, deren vollständige Erkenntniß, auf die
25   alle Grundsätze a priori zuletzt doch immer auslaufen müssen, lediglich die
26   mögliche Erfahrung ist; folglich können jene nichts als bloß die Bedingungen [op 224]
27   der Einheit des empirischen Erkenntnisses in der Synthesis der
28   Erscheinungen zum Ziele haben; diese aber wird nur allein in dem Schema
29   des reinen Verstandesbegriffs gedacht, von deren Einheit, als einer Synthesis
30   überhaupt, die Kategorie die durch keine sinnliche Bedingung restringirte
31   Function enthält. Wir werden also durch diese Grundsätze die
32   Erscheinungen nur nach einer Analogie mit der logischen und allgemeinen
33   Einheit der Begriffe zusammenzusetzen berechtigt werden und daher uns in
34   dem Grundsatze selbst zwar der Kategorie bedienen, in der Ausführung aber
35   (der Anwendung auf Erscheinungen) das Schema derselben als den Schlüssel
36   ihres Gebrauchs an dessen Stelle, oder jener vielmehr als restringirende
37   Bedingung unter dem Namen einer Formel des ersteren zur Seite setzen.


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01   A.
02   Erste Analogie.
03   Grundsatz der Beharrlichkeit der Substanz.


04   Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz,
05   und das Quantum derselben wird in der Natur weder
06   vermehrt noch vermindert.


07   Beweis.


08   Alle Erscheinungen sind in der Zeit, in welcher als Substrat (als
09   beharrlicher Form der inneren Anschauung) das Zugleichsein sowohl
10   als die Folge allein vorgestellt werden kann. Die Zeit also, in der aller [op 225]
11   Wechsel der Erscheinungen gedacht werden soll, bleibt und wechselt nicht,
12   weil sie dasjenige ist, in welchem das Nacheinander= oder Zugleichsein nur
13   als Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. Nun kann die
14   Zeit für sich nicht wahrgenommen werden. Folglich muß in den Gegenständen
15   der Wahrnehmung, d. i. den Erscheinungen, das Substrat anzutreffen
16   sein, welches die Zeit überhaupt vorstellt, und an dem aller Wechsel
17   oder Zugleichsein durch das Verhältniß der Erscheinungen zu demselben
18   in der Apprehension wahrgenommen werden kann. Es ist aber das Substrat
19   alles Realen, d. i. zur Existenz der Dinge Gehörigen, die Substanz,
20   an welcher alles, was zum Dasein gehört, nur als Bestimmung
21   kann gedacht werden. Folglich ist das Beharrliche, womit in Verhältni
22   alle Zeitverhältnisse der Erscheinungen allein bestimmt werden können,
23   die Substanz in der Erscheinung, d. i. das Reale derselben, was als Substrat
24   alles Wechsels immer dasselbe bleibt. Da diese also im Dasein nicht
25   wechseln kann, so kann ihr Quantum in der Natur auch weder vermehrt
26   noch vermindert werden.


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01   Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
02   successiv und ist also immer wechselnd. Wir können also dadurch
03   allein niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige als Gegenstand der
04   Erfahrung zugleich sei oder nach einander folge, wo an ihr nicht etwas
05   zum Grunde liegt, was jederzeit ist, d. i. etwas Bleibendes und [op 226]
06   Beharrliches, von welchem aller Wechsel und Zugleichsein nichts, als
07   so viel Arten ( modi der Zeit) sind, wie das Beharrliche existirt. Nur in
08   dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich (denn Simultaneität
09   und Succession sind die einzigen Verhältnisse in der Zeit), d. i. das Beharrliche
10   ist das Substratum der empirischen Vorstellung der Zeit selbst,
11   an welchem alle Zeitbestimmung allein möglich ist. Die Beharrlichkeit
12   drückt überhaupt die Zeit als das beständige Correlatum alles Daseins
13   der Erscheinungen, alles Wechsels und aller Begleitung aus. Denn der
14   Wechsel trifft die Zeit selbst nicht, sondern nur die Erscheinungen in der
15   Zeit (so wie das Zugleichsein nicht ein modus der Zeit selbst ist, als in
16   welcher gar keine Theile zugleich, sondern alle nach einander sind). Wollte
17   man der Zeit selbst eine Folge nach einander beilegen, so müßte man noch
18   eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre. Durch das
19   Beharrliche allein bekommt das Dasein in verschiedenen Theilen der
20   Zeitreihe nach einander eine Größe, die man Dauer nennt. Denn in
21   der bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend und anhebend
22   und hat niemals die mindeste Größe. Ohne dieses Beharrliche ist
23   also kein Zeitverhältniß. Nun kann die Zeit an sich selbst nicht wahrgenommen
24   werden; mithin ist dieses Beharrliche an den Erscheinungen das
25   Substratum aller Zeitbestimmung, folglich auch die Bedingung der Möglichkeit
26   aller synthetischen Einheit der Wahrnehmungen, d. i. der Erfahrung, [op 227]
27   und an diesem Beharrlichen kann alles Dasein und aller Wechsel
28   in der Zeit nur als ein modus der Existenz dessen, was bleibt und beharrt,
29   angesehen werden. Also ist in allen Erscheinungen das Beharrliche
30   der Gegenstand selbst, d. i. die Substanz (phaenomenon), alles aber, was
31   wechselt oder wechseln kann, gehört nur zu der Art, wie diese Substanz
32   oder Substanzen existiren, mithin zu ihren Bestimmungen.


33   Ich finde, daß zu allen Zeiten nicht bloß der Philosoph, sondern
34   selbst der gemeine Verstand diese Beharrlichkeit als ein Substratum alles
35   Wechsels der Erscheinungen vorausgesetzt haben und auch jederzeit als
36   ungezweifelt annehmen werden, nur daß der Philosoph sich hierüber etwas
37   bestimmter ausdrückt, indem er sagt: bei allen Veränderungen in der


[seite 164]


01   Welt bleibt die Substanz, und nur die Accidenzen wechseln. Ich treffe
02   aber von diesem so synthetischen Satze nirgends auch nur den Versuch von
03   einem Beweise an; ja er steht auch nur selten, wie es ihm doch gebührt,
04   an der Spitze der reinen und völlig a priori bestehenden Gesetze der Natur.
05   In der That ist der Satz, daß die Substanz beharrlich sei, tautologisch.
06   Denn bloß diese Beharrlichkeit ist der Grund, warum wir auf die Erscheinung
07   die Kategorie der Substanz anwenden, und man hätte beweisen
08   müssen, daß in allen Erscheinungen etwas Beharrliches sei, an welchem
09   das Wandelbare nichts als Bestimmung seines Daseins ist. Da aber ein [op 228]
10   solcher Beweis niemals dogmatisch, d. i. aus Begriffen, geführt werden
11   kann, weil er einen synthetischen Satz a priori betrifft, und man niemals
12   daran dachte, daß dergleichen Sätze nur in Beziehung auf mögliche Erfahrung
13   gültig sind, mithin auch nur durch eine Deduction der Möglichkeit
14   der letztern bewiesen werden können: so ist kein Wunder, wenn er
15   zwar bei aller Erfahrung zum Grunde gelegt (weil man dessen Bedürfni
16   bei der empirischen Erkenntniß fühlt), niemals aber bewiesen worden ist.


17   Ein Philosoph wurde gefragt: wie viel wiegt der Rauch? Er antwortete:
18   ziehe von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht
19   der übrigbleibenden Asche ab, so hast du das Gewicht des Rauchs. Er
20   setzte also als unwidersprechlich voraus: daß selbst im Feuer die Materie
21   (Substanz) nicht vergehe, sondern nur die Form derselben eine Abänderung
22   erleide. Eben so war der Satz: aus nichts wird nichts, nur ein anderer
23   Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit, oder vielmehr des
24   immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjects an den Erscheinungen.
25   Denn wenn dasjenige an der Erscheinung, was man Substanz
26   nennen will, das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung sein soll, so
27   muß sowohl alles Dasein in der vergangenen, als das der künftigen Zeit
28   daran einzig und allein bestimmt werden können. Daher können wir einer
29   Erscheinung nur darum den Namen Substanz geben, weil wir ihr Dasein [op 229]
30   zu aller Zeit voraussetzen, welches durch das Wort Beharrlichkeit nicht
31   einmal wohl ausgedrückt wird, indem dieses mehr auf künftige Zeit geht.
32   Indessen ist die innre Nothwendigkeit zu beharren doch unzertrennlich mit
33   der Nothwendigkeit, immer gewesen zu sein, verbunden, und der Ausdruck
34   mag also bleiben. Gigni de nihilo nihil, in nihilum nil posse reverti ,
35   waren zwei Sätze, welche die Alten unzertrennt verknüpften, und die man
36   aus Mißverstand jetzt bisweilen trennt, weil man sich vorstellt, daß sie
37   Dinge an sich selbst angehen, und der erstere der Abhängigkeit der Welt


[seite 165]


01   von einer obersten Ursache (auch sogar ihrer Substanz nach) entgegen sein
02   dürfte; welche Besorgniß unnöthig ist, indem hier nur von Erscheinungen
03   im Felde der Erfahrung die Rede ist, deren Einheit niemals möglich sein
04   würde, wenn wir neue Dinge (der Substanz nach) wollten entstehen lassen.
05   Denn alsdann fiele dasjenige weg, welches die Einheit der Zeit allein
06   vorstellen kann, nämlich die Identität des Substratum, als woran aller
07   Wechsel allein durchgängige Einheit hat. Diese Beharrlichkeit ist inde
08   doch weiter nichts, als die Art, uns das Dasein der Dinge (in der Erscheinung)
09   vorzustellen.


10   Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts andres sind, als besondere
11   Arten derselben zu existiren, heißen Accidenzen. Sie sind jederzeit
12   real, weil sie das Dasein der Substanz betreffen (Negationen sind
13   nur Bestimmungen, die das Nichtsein von etwas an der Substanz ausdrücken). [op 230]
14   Wenn man nun diesem Realen an der Substanz ein besonderes
15   Dasein beilegt (z. E. der Bewegung als einem Accidens der Materie),
16   so nennt man dieses Dasein die Inhärenz zum Unterschiede vom Dasein
17   der Substanz, das man Subsistenz nennt. Allein hieraus entspringen viel
18   Mißdeutungen, und es ist genauer und richtiger geredet, wenn man das
19   Accidens nur durch die Art, wie das Dasein einer Substanz positiv bestimmt
20   ist, bezeichnet. Indessen ist es doch vermöge der Bedingungen des
21   logischen Gebrauchs unsers Verstandes unvermeidlich, dasjenige, was im
22   Dasein einer Substanz wechseln kann, indessen daß die Substanz bleibt,
23   gleichsam abzusondern und in Verhältniß auf das eigentliche Beharrliche
24   und Radicale zu betrachten; daher denn auch diese Kategorie unter dem
25   Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Bedingung derselben, als da
26   sie selbst ein Verhältniß enthielte.


27   Auf dieser Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung des
28   Begriffs von Veränderung. Entstehen und Vergehen sind nicht Veränderungen
29   desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist eine
30   Art zu existiren, welche auf eine andere Art zu existiren eben desselben
31   Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und
32   nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen
33   trifft, die aufhören oder auch anheben können: so können wir in
34   einem etwas paradox scheinenden Ausdruck sagen: nur das Beharrliche [op 231]
35   (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Veränderung,
36   sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören, und
37   andre anheben.


[seite 166]


01   Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden,
02   und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, ohne daß es bloß eine
03   Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung
04   sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergange
05   aus einem Zustande in den andern und vom Nichtsein zum Sein
06   möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was
07   bleibt, empirisch erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin
08   Anfange zu sein, so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht
09   war. Woran wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen, was
10   schon da ist? Denn eine leere Zeit, die vorherginge, ist kein Gegenstand
11   der Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge, die vorher
12   waren und bis zu dem, was entsteht, fortdauren, so war das letztere
13   nur eine Bestimmung des ersteren als des Beharrlichen. Eben so ist es
14   auch mit dem Vergehen: denn dieses setzt die empirische Vorstellung einer
15   Zeit voraus, da eine Erscheinung nicht mehr ist.


16   Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller Zeitbestimmungen.
17   Das Entstehen einiger und das Vergehen anderer derselben
18   würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit der Zeit aufheben, [op 232]
19   und die Erscheinungen würden sich alsdann auf zweierlei Zeiten
20   beziehen, in denen neben einander das Dasein verflösse, welches ungereimt
21   ist. Denn es ist nur Eine Zeit, in welcher alle verschiedene Zeiten nicht
22   zugleich, sondern nach einander gesetzt werden müssen.


23   So ist demnach die Beharrlichkeit eine nothwendige Bedingung, unter
24   welcher allein Erscheinungen als Dinge oder Gegenstände in einer möglichen
25   Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Kriterium
26   dieser nothwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der
27   Erscheinungen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben das Nöthige
28   anzumerken.


29   B.
30   Zweite Analogie.
31   Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetze der Causalität.


32   Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung
33   der Ursache und Wirkung.


[seite 167]


01   Beweis.


02   (Daß) alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesammt nur Veränderungen,
03   d. i. ein successives Sein und Nichtsein der Bestimmungen
04   der Substanz, seien, die da beharrt, folglich das Sein der Substanz selbst,
05   welches aufs Nichtsein derselben folgt, oder das Nichtsein derselben, welches [op 233]
06   aufs Dasein folgt, mit anderen Worten, daß das Entstehen oder Vergehen
07   der Substanz selbst nicht stattfinde, hat der vorige Grundsatz dargethan.
08   Dieser hätte auch so ausgedrückt werden können: Aller Wechsel
09   (Succession) der Erscheinungen ist nur Veränderung; denn Entstehen
10   oder Vergehen der Substanz sind keine Veränderungen derselben,
11   weil der Begriff der Veränderung eben dasselbe Subject mit zwei entgegengesetzten
12   Bestimmungen als existirend, mithin als beharrend voraussetzt.
13   -Nach dieser Vorerinnerung folgt der Beweis).


14   Ich nehme wahr, daß Erscheinungen auf einander folgen, d. i. da
15   ein Zustand der Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegentheil im vorigen Zustande
16   war. Ich verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in der
17   Zeit. Nun ist Verknüpfung kein Werk des bloßen Sinnes und der Anschauung,
18   sondern hier das Product eines synthetischen Vermögens der
19   Einbildungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung des Zeitverhältnisses
20   bestimmt. Diese kann aber gedachte zwei Zustände auf zweierlei Art verbinden,
21   so daß der eine oder der andere in der Zeit vorausgehe; denn die
22   Zeit kann an sich selbst nicht wahrgenommen und in Beziehung auf sie
23   gleichsam empirisch, was vorhergehe und was folge, am Objecte bestimmt
24   werden. Ich bin mir also nur bewußt, daß meine Imagination eines vorher,
25   das andere nachher setze, nicht daß im Objecte der eine Zustand vor [op 234]
26   dem anderen vorhergehe, oder, mit anderen Worten, es bleibt durch die
27   bloße Wahrnehmung das objective Verhältniß der einander folgenden
28   Erscheinungen unbestimmt. Damit dieses nun als bestimmt erkannt
29   werde, muß das Verhältniß zwischen den beiden Zuständen so gedacht
30   werden, daß dadurch als nothwendig bestimmt wird, welcher derselben
31   vorher, welcher nachher und nicht umgekehrt müsse gesetzt werden. Der
32   Begriff aber, der eine Nothwendigkeit der synthetischen Einheit bei sich
33   führt, kann nur ein reiner Verstandesbegriff sein, der nicht in der Wahrnehmung
34   liegt; und das ist hier der Begriff des Verhältnisses der


[seite 168]


01   Ursache und Wirkung, wovon die erstere die letztere in der Zeit als
02   die Folge und nicht als etwas, was bloß in der Einbildung vorhergehen
03   (oder gar überall nicht wahrgenommen sein) könnte, bestimmt. Also ist
04   nur dadurch, daß wir die Folge der Erscheinungen, mithin alle Veränderung
05   dem Gesetze der Causalität unterwerfen, selbst Erfahrung, d. i. empirisches
06   Erkenntniß von denselben, möglich; mithin sind sie selbst als
07   Gegenstände der Erfahrung nur nach eben dem Gesetze möglich.


08   Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
09   successiv. Die Vorstellungen der Theile folgen auf einander. Ob sie sich
10   auch im Gegenstande folgen, ist ein zweiter Punkt der Reflexion, der in
11   dem ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles und sogar
12   jede Vorstellung, so fern man sich ihrer bewußt ist, Object nennen; allein [op 235]
13   was dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten habe, nicht in so fern sie
14   (als Vorstellungen) Objecte sind, sondern nur ein Object bezeichnen, ist
15   von tieferer Untersuchung. So fern sie, nur als Vorstellungen, zugleich
16   Gegenstände des Bewußtseins sind, so sind sie von der Apprehension, d. i.
17   der Aufnahme in die Synthesis der Einbildungskraft, gar nicht unterschieden,
18   und man muß also sagen: das Mannigfaltige der Erscheinungen
19   wird im Gemüth jederzeit successiv erzeugt. Wären Erscheinungen Dinge
20   an sich selbst, so würde kein Mensch aus der Succession der Vorstellungen
21   von ihrem Mannigfaltigen ermessen können, wie dieses in dem Object
22   verbunden sei. Denn wir haben es doch nur mit unsern Vorstellungen zu
23   thun; wie Dinge an sich selbst (ohne Rücksicht auf Vorstellungen, dadurch
24   sie uns afficiren) sein mögen, ist gänzlich außer unsrer Erkenntnißsphäre.
25   Ob nun gleich die Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst und gleichwohl
26   doch das einzige sind, was uns zur Erkenntniß gegeben werden kann, so
27   soll ich anzeigen, was dem Mannigfaltigen an den Erscheinungen selbst
28   für eine Verbindung in der Zeit zukomme, indessen daß die Vorstellung
29   desselben in der Apprehension jederzeit successiv ist. So ist z. E. die Apprehension
30   des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines Hauses, das vor
31   mir steht, successiv. Nun ist die Frage, ob das Mannigfaltige dieses Hauses
32   selbst auch in sich successiv sei, welches freilich niemand zugeben wird. [op 236]
33   Nun ist aber, so bald ich meine Begriffe von einem Gegenstande bis zur
34   transscendentalen Bedeutung steigere, das Haus gar kein Ding an sich
35   selbst, sondern nur eine Erscheinung, d. i. Vorstellung, deren transscendentaler


[seite 169]


01   Gegenstand unbekannt ist; was verstehe ich also unter der Frage:
02   wie das Mannigfaltige in der Erscheinung selbst (die doch nichts an sich
03   selbst ist) verbunden sein möge? Hier wird das, was in der successiven
04   Apprehension liegt, als Vorstellung, die Erscheinung aber, die mir gegeben
05   ist, unerachtet sie nichts weiter als ein Inbegriff dieser Vorstellungen
06   ist, als der Gegenstand derselben betrachtet, mit welchem mein Begriff, den
07   ich aus den Vorstellungen der Apprehension ziehe, zusammenstimmen soll.
08   Man sieht bald, daß, weil Übereinstimmung der Erkenntniß mit dem Object
09   Wahrheit ist, hier nur nach den formalen Bedingungen der empirischen
10   Wahrheit gefragt werden kann, und Erscheinung im Gegenverhältniß mit
11   den Vorstellungen der Apprehension nur dadurch als das davon unterschiedene
12   Object derselben könne vorgestellt werden, wenn sie unter einer
13   Regel steht, welche sie von jeder andern Apprehension unterscheidet und
14   eine Art der Verbindung des Mannigfaltigen nothwendig macht. Dasjenige
15   an der Erscheinung, was die Bedingung dieser nothwendigen Regel
16   der Apprehension enthält, ist das Object.


17   Nun laßt uns zu unsrer Aufgabe fortgehen. Daß etwas geschehe,
18   d. i. etwas oder ein Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht empirisch [op 237]
19   wahrgenommen werden, wo nicht eine Erscheinung vorhergeht,
20   welche diesen Zustand nicht in sich enthält; denn eine Wirklichkeit, die auf
21   eine leere Zeit folge, mithin ein Entstehen, vor dem kein Zustand der
22   Dinge vorhergeht, kann eben so wenig, als die leere Zeit selbst apprehendirt
23   werden. Jede Apprehension einer Begebenheit ist also eine Wahrnehmung,
24   welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber bei aller Synthesis
25   der Apprehension so beschaffen ist, wie ich oben an der Erscheinung
26   eines Hauses gezeigt habe, so unterscheidet sie sich dadurch noch nicht von
27   andern. Allein ich bemerke auch: daß, wenn ich an einer Erscheinung,
28   welche ein Geschehen enthält, den vorhergehenden Zustand der Wahrnehmung
29   A, den folgenden aber B nenne, daß B auf A in der Apprehension
30   nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen, sondern nur vorhergehen
31   kann. Ich sehe z. B. ein Schiff den Strom hinab treiben. Meine
32   Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb folgt auf die Wahrnehmung der
33   Stelle desselben oberhalb dem Laufe des Flusses, und es ist unmöglich,
34   daß in der Apprehension dieser Erscheinung das Schiff zuerst unterhalb,
35   nachher aber oberhalb des Stromes wahrgenommen werden sollte. Die
36   Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der Apprehension ist hier
37   also bestimmt, und an dieselbe ist die letztere gebunden. In dem vorigen


[seite 170]


01   Beispiele von einem Hause konnten meine Wahrnehmungen in der Apprehension
02   von der Spitze desselben anfangen und beim Boden endigen, aber [op 238]
03   auch von unten anfangen und oben endigen, imgleichen rechts oder links
04   das Mannigfaltige der empirischen Anschauung apprehendiren. In der
05   Reihe dieser Wahrnehmungen war also keine bestimmte Ordnung, welche
06   es nothwendig machte, wenn ich in der Apprehension anfangen müßte,
07   um das Mannigfaltige empirisch zu verbinden. Diese Regel aber ist bei
08   der Wahrnehmung von dem, was geschieht, jederzeit anzutreffen, und sie
09   macht die Ordnung der einander folgenden Wahrnehmungen (in der
10   Apprehension dieser Erscheinung) nothwendig.


11   Ich werde also in unserm Fall die subjective Folge der Apprehension
12   von der objectiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen,
13   weil jene sonst gänzlich unbestimmt ist und keine Erscheinung von der andern
14   unterscheidet. Jene allein beweiset nichts von der Verknüpfung des
15   Mannigfaltigen am Object, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird in
16   der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach welcher
17   die Apprehension des einen (was geschieht) auf die des andern (das vorhergeht)
18   nach einer Regel folgt. Nur dadurch kann ich von der Erscheinung
19   selbst und nicht bloß von meiner Apprehension berechtigt sein zu
20   sagen: daß in jener eine Folge anzutreffen sei, welches so viel bedeutet,
21   als daß ich die Apprehension nicht anders anstellen könne, als gerade in
22   dieser Folge.


23   Nach einer solchen Regel also muß in dem, was überhaupt vor einer [op 239]
24   Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, nach welcher
25   jederzeit und nothwendiger Weise diese Begebenheit folgt; umgekehrt
26   aber kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen und dasjenige bestimmen
27   (durch Apprehension), was vorhergeht. Denn von dem folgenden
28   Zeitpunkt geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber bezieht
29   sich doch auf irgend einen vorigen; von einer gegebenen Zeit ist dagegen
30   der Fortgang auf die bestimmte folgende nothwendig. Daher weil
31   es doch etwas ist, was folgt, so muß ich es nothwendig auf etwas anderes
32   überhaupt beziehen, was vorhergeht, und worauf es nach einer Regel, d. i.
33   nothwendiger Weise, folgt, so daß die Begebenheit als das Bedingte auf
34   irgend eine Bedingung sichere Anweisung giebt, diese aber die Begebenheit
35   bestimmt.


36   Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf dieselbe
37   nach einer Regel folgen müßte, so wäre alle Folge der Wahrnehmung


[seite 171]


01   nur lediglich in der Apprehension, d. i. bloß subjectiv, aber dadurch gar
02   nicht objectiv bestimmt, welches eigentlich das Vorhergehende und welches
03   das Nachfolgende der Wahrnehmungen sein müßte. Wir würden auf solche
04   Weise nur ein Spiel der Vorstellungen haben, das sich auf gar kein Object
05   bezöge, d. i. es würde durch unsre Wahrnehmung eine Erscheinung
06   von jeder andern dem Zeitverhältnisse nach gar nicht unterschieden werden,
07   weil die Succession im Apprehendiren allerwärts einerlei und also [op 240]
08   nichts in der Erscheinung ist, was sie bestimmt, so daß dadurch eine gewisse
09   Folge als objectiv nothwendig gemacht wird. Ich werde also nicht
10   sagen, daß in der Erscheinung zwei Zustände auf einander folgen; sondern
11   nur, daß eine Apprehension auf die andre folgt, welches bloß etwas Subjectives
12   ist und kein Object bestimmt, mithin gar nicht für Erkenntni
13   irgend eines Gegenstandes (selbst nicht in der Erscheinung) gelten kann.


14   Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei jederzeit
15   voraus, daß irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer Regel
16   folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Object sagen, daß es
17   folge, weil die bloße Folge in meiner Apprehension, wenn sie nicht durch
18   eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt ist, keine Folge
19   im Objecte berechtigt. Also geschieht es immer in Rücksicht auf eine Regel,
20   nach welcher die Erscheinungen in ihrer Folge, d. i. so wie sie geschehen,
21   durch den vorigen Zustand bestimmt sind, daß ich meine subjective Synthesis
22   (der Apprehension) objectiv mache, und nur lediglich unter dieser
23   Voraussetzung allein ist selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht,
24   möglich.


25   Zwar scheint es, als widerspreche dieses allen Bemerkungen, die man
26   jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat, nach
27   welchen wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen
28   übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende Erscheinungen, [op 241]
29   eine Regel zu entdecken, geleitet worden, der gemäß gewisse
30   Begebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzeit folgen und dadurch zuerst
31   veranlaßt worden, uns den Begriff von Ursache zu machen. Auf solchen
32   Fuß würde dieser Begriff bloß empirisch sein, und die Regel, die er
33   verschafft, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, würde eben so zufällig
34   sein, als die Erfahrung selbst: seine Allgemeinheit und Nothwendigkeit
35   wären alsdann nur angedichtet und hätten keine wahre allgemeine
36   Gültigkeit, weil sie nicht a priori, sondern nur auf Induction gegründet
37   wären. Es geht aber hiemit so, wie mit andern reinen Vorstellungen


[seite 172]


01   a priori (z. B. Raum und Zeit), die wir darum allein aus der Erfahrung
02   als klare Begriffe herausziehen können, weil wir sie in die Erfahrung gelegt
03   hatten und diese daher durch jene allererst zu Stande brachten. Freilich
04   ist die logische Klarheit dieser Vorstellung einer die Reihe der Begebenheiten
05   bestimmenden Regel, als eines Begriffs von Ursache, nur alsdann
06   möglich, wenn wir davon in der Erfahrung Gebrauch gemacht haben;
07   aber eine Rücksicht auf dieselbe als Bedingung der synthetischen
08   Einheit der Erscheinungen in der Zeit war doch der Grund der Erfahrung
09   selbst und ging also a priori vor ihr vorher.


10   Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, daß wir niemals,
11   selbst in der Erfahrung, die Folge (einer Begebenheit, da etwas geschieht,
12   was vorher nicht war) dem Object beilegen und sie von der subjectiven [op 242]
13   unserer Apprehension unterscheiden, als wenn eine Regel zum Grunde
14   liegt, die uns nöthigt, diese Ordnung der Wahrnehmungen vielmehr als
15   eine andere zu beobachten, ja daß diese Nöthigung es eigentlich sei, was
16   die Vorstellung einer Succession im Object allererst möglich macht.


17   Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden
18   können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt und so genau oder
19   pünktlich sein, als man wolle, so bleiben es doch nur immer Vorstellungen,
20   d. i. innre Bestimmungen unseres Gemüths in diesem oder jenem Zeitverhältnisse.
21   Wie kommen wir nun dazu, daß wir diesen Vorstellungen
22   ein Object setzen, oder über ihre subjective Realität als Modificationen
23   ihnen noch, ich weiß nicht, was für eine objective beilegen? Objective
24   Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf eine andre Vorstellung (von
25   dem, was man vom Gegenstande nennen wollte) bestehen, denn sonst erneuret
26   sich die Frage: wie geht diese Vorstellung wiederum aus sich selbst
27   heraus und bekommt objective Bedeutung noch über die subjective, welche
28   ihr als Bestimmung des Gemüthszustandes eigen ist? Wenn wir untersuchen,
29   was denn die Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen
30   für eine neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität
31   sei, die sie dadurch erhalten: so finden wir, daß sie nichts weiter thue, als
32   die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art nothwendig zu [op 243]
33   machen und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch,
34   daß eine gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen
35   nothwendig ist, ihnen objective Bedeutung ertheilt wird.


36   In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der
37   Vorstellungen jederzeit nach einander. Hierdurch wird nun gar kein Object


[seite 173]


01   vorgestellt, weil durch diese Folge, die allen Apprehensionen gemein
02   ist, nichts vom andern unterschieden wird. So bald ich aber wahrnehme
03   oder voraus annehme, daß in dieser Folge eine Beziehung auf den vorhergehenden
04   Zustand sei, aus welchem die Vorstellung nach einer Regel
05   folgt: so stellt sich etwas vor als Begebenheit, oder was da geschieht, d. i.
06   ich erkenne einen Gegenstand, den ich in der Zeit auf eine gewisse bestimmte
07   Stelle setzen muß, die ihm nach dem vorhergehenden Zustande nicht anders
08   ertheilt werden kann. Wenn ich also wahrnehme, daß etwas geschieht,
09   so ist in dieser Vorstellung erstlich enthalten: daß etwas vorhergehe, weil
10   eben in Beziehung auf dieses die Erscheinung ihr Zeitverhältniß bekommt,
11   nämlich nach einer vorhergehenden Zeit, in der sie nicht war, zu existiren.
12   Aber ihre bestimmte Zeitstelle in diesem Verhältnisse kann sie nur dadurch
13   bekommen, daß im vorhergehenden Zustande etwas vorausgesetzt wird,
14   worauf es jederzeit, d. i. nach einer Regel, folgt; woraus sich denn ergiebt,
15   daß ich erstlich nicht die Reihe umkehren und das, was geschieht, demjenigen
16   voransetzen kann, worauf es folgt; zweitens daß, wenn der Zustand, [op 244]
17   der vorhergeht, gesetzt wird, diese bestimmte Begebenheit unausbleiblich
18   und nothwendig folge. Dadurch geschieht es: daß eine Ordnung unter
19   unsern Vorstellungen wird, in welcher das Gegenwärtige (so fern es geworden)
20   auf irgend einen vorhergehenden Zustand Anweisung giebt, als
21   ein, obzwar noch unbestimmtes Correlatum dieses Eräugnisses, das gegeben
22   ist, welches sich aber auf dieses als seine Folge bestimmend bezieht
23   und sie nothwendig mit sich in der Zeitreihe verknüpft.


24   Wenn es nun ein nothwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin
25   eine formale Bedingung aller Wahrnehmungen ist, daß die vorige
26   Zeit die folgende nothwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders
27   gelangen kann, als durch die vorhergehende): so ist es auch ein unentbehrliches
28   Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, da
29   die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden
30   bestimmen, und daß diese als Begebenheiten nicht stattfinden, als so fern
31   jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d. i. nach einer Regel festsetzen.
32   Denn nur an den Erscheinungen können wir diese Continuität
33   im Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen.


34   Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und
35   das erste, was er dazu thut, ist nicht, daß er die Vorstellung der Gegenstände
36   deutlich macht, sondern daß er die Vorstellung eines Gegenstandes [op 245]
37   überhaupt möglich macht. Dieses geschieht nun dadurch, daß er die Zeitordnung


[seite 174]


01   auf die Erscheinungen und deren Dasein überträgt, indem er
02   jeder derselben als Folge eine in Ansehung der vorhergehenden Erscheinungen
03   a priori bestimmte Stelle in der Zeit zuerkennt, ohne welche sie
04   nicht mit der Zeit selbst, die allen ihren Theilen a priori ihre Stelle bestimmt,
05   übereinkommen würde. Diese Bestimmung der Stelle kann nun
06   nicht von dem Verhältniß der Erscheinungen gegen die absolute Zeit entlehnt
07   werden (denn die ist kein Gegenstand der Wahrnehmung), sondern
08   umgekehrt: die Erscheinungen müssen einander ihre Stellen in der Zeit
09   selbst bestimmen und dieselbe in der Zeitordnung nothwendig machen, d. i.
10   dasjenige, was da folgt oder geschieht, muß nach einer allgemeinen Regel
11   auf das, was im vorigen Zustande enthalten war, folgen; woraus eine
12   Reihe der Erscheinungen wird, die vermittelst des Verstandes eben dieselbige
13   Ordnung und stetigen Zusammenhang in der Reihe möglicher
14   Wahrnehmungen hervorbringt und nothwendig macht, als sie in der Form
15   der innern Anschauung (der Zeit), darin alle Wahrnehmungen ihre Stelle
16   haben müßten, a priori angetroffen wird.


17   Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen
18   Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung
19   ihrer Stelle nach in der Zeit als bestimmt, mithin als ein Object
20   ansehe, welches nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen [op 246]
21   jederzeit gefunden werden kann. Diese Regel aber, etwas der Zeitfolge
22   nach zu bestimmen, ist: daß in dem, was vorhergeht, die Bedingung
23   anzutreffen sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d. i. nothwendiger
24   Weise) folgt. Also ist der Satz vom zureichenden Grunde der Grund möglicher
25   Erfahrung, nämlich der objectiven Erkenntniß der Erscheinungen
26   in Ansehung des Verhältnisses derselben in Reihenfolge der Zeit.


27   Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden
28   Momenten. Zu aller empirischen Erkenntniß gehört die Synthesis des
29   Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft, die jederzeit successiv ist; d. i.
30   die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit auf einander. Die Folge aber ist
31   in der Einbildungskraft der Ordnung nach (was vorgehen und was folgen
32   müsse) gar nicht bestimmt, und die Reihe der einander folgenden Vorstellungen
33   kann eben sowohl rückwärts als vorwärts genommen werden.
34   Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der Apprehension (des Mannigfaltigen
35   einer gegebenen Erscheinung), so ist die Ordnung im Object bestimmt,
36   oder, genauer zu reden, es ist darin eine Ordnung der successiven
37   Synthesis, die ein Object bestimmt, nach welcher etwas nothwendig vorausgehen,


[seite 175]


01   und wenn dieses gesetzt ist, das andre nothwendig folgen müsse.
02   Soll also meine Wahrnehmung die Erkenntniß einer Begebenheit enthalten,
03   da nämlich etwas wirklich geschieht: so muß sie ein empirisches Urtheil
04   sein, in welchem man sich denkt, daß die Folge bestimmt sei, d. i. da [op 247]
05   sie eine andere Erscheinung der Zeit nach voraussetze, worauf sie nothwendig
06   oder nach einer Regel folgt. Widrigenfalls, wenn ich das Vorhergehende
07   setze, und die Begebenheit folgte nicht darauf nothwendig, so
08   würde ich sie nur für ein subjectives Spiel meiner Einbildungen halten
09   müssen und, stellte ich mir darunter doch etwas Objectives vor, sie einen
10   bloßen Traum nennen. Also ist das Verhältniß der Erscheinungen (als
11   möglicher Wahrnehmungen), nach welchem das Nachfolgende (was geschieht)
12   durch etwas Vorhergehendes seinem Dasein nach nothwendig und
13   nach einer Regel in der Zeit bestimmt ist, mithin das Verhältniß der Ursache
14   zur Wirkung, die Bedingung der objectiven Gültigkeit unserer empirischen
15   Urtheile in Ansehung der Reihe der Wahrnehmungen, mithin
16   der empirischen Wahrheit derselben und also der Erfahrung. Der Grundsatz
17   des Causalverhältnisses in der Folge der Erscheinungen gilt daher
18   auch vor allen Gegenständen der Erfahrung (unter den Bedingungen der
19   Succession), weil er selbst der Grund der Möglichkeit einer solchen Erfahrung
20   ist.


21   Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben werden
22   muß. Der Satz der Causalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in
23   unsrer Formel auf die Reihenfolge derselben eingeschränkt, da es sich doch
24   bei dem Gebrauch desselben findet, daß er auch auf ihre Begleitung passe
25   und Ursache und Wirkung zugleich sein könne. Es ist z. B. Wärme im [op 248]
26   Zimmer, die nicht in freier Luft angetroffen wird. Ich sehe mich nach der
27   Ursache um und finde einen geheizten Ofen. Nun ist dieser als Ursache
28   mit seiner Wirkung, der Stubenwärme, zugleich; also ist hier keine Reihenfolge
29   der Zeit nach zwischen Ursache und Wirkung, sondern sie sind zugleich,
30   und das Gesetz gilt doch. Der größte Theil der wirkenden Ursachen
31   in der Natur ist mit ihren Wirkungen zugleich, und die Zeitfolge der letzteren
32   wird nur dadurch veranlaßt, daß die Ursache ihre ganze Wirkung
33   nicht in einem Augenblick verrichten kann. Aber in dem Augenblicke, da
34   sie zuerst entsteht, ist sie mit der Causalität ihrer Ursache jederzeit zugleich,
35   weil, wenn jene einen Augenblick vorher aufgehört hätte zu sein,
36   diese gar nicht entstanden wäre. Hier muß man wohl bemerken, daß es
37   auf die Ordnung der Zeit und nicht den Ablauf derselben angesehen


[seite 176]


01   sei: das Verhältniß bleibt, wenn gleich keine Zeit verlaufen ist. Die Zeit
02   zwischen der Causalität der Ursache und deren unmittelbaren Wirkung
03   kann verschwindend (sie also zugleich) sein, aber das Verhältniß der
04   einen zur andern bleibt doch immer der Zeit nach bestimmbar. Wenn ich
05   eine Kugel, die auf einem ausgestopften Küssen liegt und ein Grübchen
06   darin drückt, als Ursache betrachte, so ist sie mit der Wirkung zugleich.
07   Allein ich unterscheide doch beide durch das Zeitverhältniß der dynamischen
08   Verknüpfung beider. Denn wenn ich die Kugel auf das Küssen lege, so
09   folgt auf die vorige glatte Gestalt desselben das Grübchen; hat aber das [op 249]
10   Küssen (ich weiß nicht woher) ein Grübchen, so folgt darauf nicht eine
11   bleierne Kugel.


12   Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzig empirische Kriterium
13   der Wirkung in Beziehung auf die Causalität der Ursache, die vorhergeht.
14   Das Glas ist die Ursache von dem Steigen des Wassers über seine Horizontalfläche,
15   obgleich beide Erscheinungen zugleich sind. Denn so bald ich
16   dieses aus einem größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe, so erfolgt etwas,
17   nämlich die Veränderung des Horizontalstandes, den es dort hatte, in
18   einen concaven, den es im Glase annimmt.


19   Diese Causalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den
20   Begriff der Kraft und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich
21   mein kritisches Vorhaben, welches lediglich auf die Quellen der synthetischen
22   Erkenntniß a priori geht, nicht mit Zergliederungen bemengen will,
23   die bloß die Erläuterung (nicht Erweiterung) der Begriffe angehen, so
24   überlasse ich die umständliche Erörterung derselben einem künftigen System
25   der reinen Vernunft: wiewohl man eine solche Analysis im reichen Maße
26   auch schon in den bisher bekannten Lehrbüchern dieser Art antrifft. Allein
27   das empirische Kriterium einer Substanz, so fern sie sich nicht durch die
28   Beharrlichkeit der Erscheinung, sondern besser und leichter durch Handlung
29   zu offenbaren scheint, kann ich nicht unberührt lassen.

[op 250]


30   Wo Handlung, mithin Thätigkeit und Kraft ist, da ist auch Substanz,
31   und in dieser allein muß der Sitz jener fruchtbaren Quelle der Erscheinungen
32   gesucht werden. Das ist ganz gut gesagt: aber wenn man sich darüber
33   erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und dabei den fehlerhaften
34   Cirkel vermeiden will, so ist es nicht so leicht verantwortet. Wie
35   will man aus der Handlung sogleich auf die Beharrlichkeit des Handelnden
36   schließen, welches doch ein so wesentliches und eigenthümliches


[seite 177]


01   Kennzeichen der Substanz (phaenomenon) ist? Allein nach unserm vorigen
02   hat die Auflösung der Frage doch keine solche Schwierigkeit, ob sie
03   gleich nach der gemeinen Art (bloß analytisch mit seinen Begriffen zu verfahren)
04   ganz unauflöslich sein würde. Handlung bedeutet schon das Verhältni
05   des Subjects der Causalität zur Wirkung. Weil nun alle Wirkung
06   in dem besteht, was da geschieht, mithin im Wandelbaren, was die Zeit
07   der Succession nach bezeichnet: so ist das letzte Subject desselben das Beharrliche
08   als das Substratum alles Wechselnden, d. i. die Substanz.
09   Denn nach dem Grundsatze der Causalität sind Handlungen immer der
10   erste Grund von allem Wechsel der Erscheinungen und können also nicht
11   in einem Subject liegen, was selbst wechselt, weil sonst andere Handlungen
12   und ein anderes Subject, welches diesen Wechsel bestimmte, erforderlich
13   wären. Kraft dessen beweiset nun Handlung, als ein hinreichendes [op 251]
14   empirisches Kriterium, die Substantialität, ohne daß ich die Beharrlichkeit
15   desselben durch verglichene Wahrnehmungen allererst zu suchen nöthig
16   hätte, welches auch auf diesem Wege mit der Ausführlichkeit nicht geschehen
17   könnte, die zu der Größe und strengen Allgemeingültigkeit des Begriffs
18   erforderlich ist. Denn daß das erste Subject der Causalität alles Entstehens
19   und Vergehens selbst nicht (im Felde der Erscheinungen) entstehen
20   und vergehen könne, ist ein sicherer Schluß, der auf empirische Nothwendigkeit
21   und Beharrlichkeit im Dasein, mithin auf den Begriff einer Substanz
22   als Erscheinung ausläuft.


23   Wenn etwas geschieht, so ist das bloße Entstehen ohne Rücksicht auf
24   das, was da entsteht, schon an sich selbst ein Gegenstand der Untersuchung.
25   Der Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen Zustand, gesetzt
26   daß dieser auch keine Qualität in der Erscheinung enthielte, ist schon
27   allein nöthig zu untersuchen. Dieses Entstehen trifft, wie in der Nummer
28   A gezeigt worden, nicht die Substanz (denn die entsteht nicht), sondern
29   ihren Zustand. Es ist also bloß Veränderung und nicht Ursprung aus
30   Nichts. Wenn dieser Ursprung als Wirkung von einer fremden Ursache
31   angesehen wird, so heißt er Schöpfung, welche als Begebenheit unter den
32   Erscheinungen nicht zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit allein
33   schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde; obzwar, wenn ich alle
34   Dinge nicht als Phänomene, sondern als Dinge an sich betrachte und als [op 252]
35   Gegenstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind,
36   dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen
37   werden können; welches aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach


[seite 178]


01   sich ziehen und auf Erscheinungen als mögliche Gegenstände der Erfahrung
02   nicht passen würde.


03   Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne; wie es möglich
04   sei, daß auf einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im
05   andern folgen könne; davon haben wir a priori nicht den mindesten Begriff.
06   Hierzu wird die Kenntniß wirklicher Kräfte erfordert, welche nur
07   empirisch gegeben werden kann, z. B. der bewegenden Kräfte oder, welches
08   einerlei ist, gewisser successiven Erscheinungen (als Bewegungen), welche
09   solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden Veränderung, die Bedingung,
10   unter welcher sie als ein Entstehen eines andern Zustandes allein
11   vorgehen kann (der Inhalt derselben, d. i. der Zustand, der verändert
12   wird, mag sein, welcher er wolle), mithin die Succession der Zustände
13   selbst (das Geschehene) kann doch nach dem Gesetze der Causalität und
14   den Bedingungen der Zeit a priori erwogen werden. *)

[op 253]


15   Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen andern b übergeht,
16   so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes
17   unterschieden und folgt demselben. Eben so ist auch der zweite Zustand
18   als Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht
19   war, wie b vom Zero unterschieden; d. i. wenn der Zustand b sich auch
20   von dem Zustande a nur der Größe nach Unterschiede, so ist die Veränderung
21   ein Entstehen von b - a, welches im vorigen Zustande nicht war,
22   und in Ansehung dessen er = 0 ist.


23   Es frägt sich also: wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen
24   andern = b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit
25   und zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der eine
26   Größe hat (denn alle Theile der Erscheinungen sind immer wiederum
27   Größen). Also geschieht jeder Übergang aus einem Zustande in den andern
28   in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten ist, deren der
29   erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht, der zweite
30   den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der Zeit einer Veränderung,
31   mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden Zuständen und



32   *) Man merke wohl: daß ich nicht von der Veränderung gewisser Relationen
33   überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede. Daher wenn ein Körper
34   sich gleichförmig bewegt, so verändert er seinen Zustand (der Bewegung) gar
35   nicht; aber wohl, wenn seine Bewegung zu= oder abnimmt.


[seite 179]


01   gehören als solche mit zu der ganzen Veränderung. Nun hat jede Veränderung
02   eine Ursache, welche in der ganzen Zeit, in welcher jene vorgeht,
03   ihre Causalität beweiset. Also bringt diese Ursache ihre Veränderung nicht [op 254]
04   plötzlich (auf einmal oder in einem Augenblicke) hervor, sondern in einer
05   Zeit, so daß, wie die Zeit vom Anfangsaugenblicke a bis zu ihrer Vollendung
06   in b wächst, auch die Größe der Realität (b'a) durch alle kleinere
07   Grade, die zwischen dem ersten und letzten enthalten sind, erzeugt
08   wird. Alle Veränderung ist also nur durch eine continuirliche Handlung
09   der Causalität möglich, welche, so fern sie gleichförmig ist, ein Moment
10   heißt. Aus diesen Momenten besteht nicht die Veränderung, sondern wird
11   dadurch erzeugt als ihre Wirkung.


12   Das ist nun das Gesetz der Continuität aller Veränderung, dessen
13   Grund dieser ist: daß weder die Zeit, noch auch die Erscheinung in der
14   Zeit aus Theilen besteht, die die kleinsten sind, und daß doch der Zustand
15   des Dinges bei seiner Veränderung durch alle diese Theile als Elemente
16   zu seinem zweiten Zustande übergehe. Es ist kein Unterschied des Realen
17   in der Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Größe der Zeiten
18   der kleinste; und so erwächst der neue Zustand der Realität von dem
19   ersten an, darin diese nicht war, durch alle unendliche Grade derselben,
20   deren Unterschiede von einander insgesammt kleiner sind, als der zwischen
21   0 und a.


22   Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, das
23   geht uns hier nichts an. Aber wie ein solcher Satz, der unsre Erkenntni
24   der Natur so zu erweitern scheint, völlig a priori möglich sei, das erfordert
25   gar sehr unsere Prüfung, wenn gleich der Augenschein beweiset, daß er [op 255]
26   wirklich und richtig sei, und man also der Frage, wie er möglich gewesen,
27   überhoben zu sein glauben möchte. Denn es giebt so mancherlei ungegründete
28   Anmaßungen der Erweiterung unserer Erkenntniß durch reine
29   Vernunft: daß es zum allgemeinen Grundsatz angenommen werden muß,
30   deshalb durchaus mißtrauisch zu sein und ohne Documente, die eine gründliche
31   Deduction verschaffen können, selbst auf den klärsten dogmatischen
32   Beweis nichts dergleichen zu glauben und anzunehmen.


33   Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses und jeder Fortschritt
34   der Wahrnehmung ist nichts als eine Erweiterung der Bestimmung des
35   innern Sinnes, d. i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen
36   sein, welche sie wollen, Erscheinungen oder reine Anschauungen, dieser
37   Fortgang in der Zeit bestimmt alles und ist an sich selbst durch nichts


[seite 180]


01   weiter bestimmt; d. i. die Theile desselben sind nur in der Zeit und durch
02   die Synthesis derselben, sie aber nicht vor ihr gegeben. Um deswillen ist
03   ein jeder Übergang in der Wahrnehmung zu etwas, was in der Zeit folgt,
04   eine Bestimmung der Zeit durch die Erzeugung dieser Wahrnehmung,
05   und da jene immer und in allen ihren Theilen eine Größe ist, die Erzeugung
06   einer Wahrnehmung als einer Größe durch alle Grade, deren keiner
07   der kleinste ist, von dem Zero an bis zu ihrem bestimmten Grad. Hieraus
08   erhellt nun die Möglichkeit, ein Gesetz der Veränderungen ihrer Form [op 256]
09   nach a priori zu erkennen. Wir anticipiren nur unsere eigene Apprehension,
10   deren formale Bedingung, da sie uns vor aller gegebenen Erscheinung
11   selbst beiwohnt, allerdings a priori muß erkannt werden können.


12   So ist demnach, eben so wie die Zeit die sinnliche Bedingung a priori
13   von der Möglichkeit eines continuirlichen Fortganges des Existirenden
14   zu dem folgenden enthält, der Verstand vermittelst der Einheit der Apperception
15   die Bedingung a priori der Möglichkeit einer continuirlichen Bestimmung
16   aller stellen für die Erscheinungen in dieser Zeit durch die
17   Reihe von Ursachen und Wirkungen, deren die erstere der letzteren ihr
18   Dasein unausbleiblich nach sich ziehen und dadurch die empirische Erkenntni
19   der Zeitverhältnisse für jede Zeit (allgemein), mithin objectiv
20   gültig machen.


21   C.
22   Dritte Analogie.
23   Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der
24   Wechselwirkung oder Gemeinschaft.


25   Alle Substanzen, so fern sie im Raume als zugleich wahrgenommen
26   werden können, sind in durchgängiger Wechselwirkung.


28   Beweis.


29   Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen Anschauung die [op 257]
30   Wahrnehmung des einen auf die Wahrnehmung des anderen wechselseitig


[seite 181]


01   folgen kann (welches in der Zeitfolge der Erscheinungen, wie beim
02   zweiten Grundsatze gezeigt worden, nicht geschehen kann). So kann ich
03   meine Wahrnehmung zuerst am Monde und nachher an der Erde, oder
04   auch umgekehrt zuerst an der Erde und dann am Monde anstellen, und
05   darum, weil die Wahrnehmungen dieser Gegenstände einander wechselseitig
06   folgen können, sage ich, sie existiren zugleich. Nun ist das Zugleichsein
07   die Existenz des Mannigfaltigen in derselben Zeit. Man kann aber
08   die Zeit selbst nicht wahrnehmen, um daraus, daß Dinge in derselben Zeit
09   gesetzt sind, abzunehmen, daß die Wahrnehmungen derselben einander
10   wechselseitig folgen können. Die Synthesis der Einbildungskraft in der
11   Apprehension würde also nur eine jede dieser Wahrnehmungen als eine
12   solche angeben, die im Subjecte da ist, wenn die andere nicht ist und wechselsweise,
13   nicht aber daß die Objecte zugleich seien, d. i. wenn das eine ist,
14   das andere auch in derselben Zeit sei, und daß dieses nothwendig sei, damit
15   die Wahrnehmungen wechselseitig auf einander folgen können. Folglich
16   wird ein Verstandesbegriff von der wechselseitigen Folge der Bestimmungen
17   dieser außer einander zugleich existirenden Dinge erfordert, um zu sagen,
18   daß die wechselseitige Folge der Wahrnehmungen im Objecte gegründet
19   sei, und das Zugleichsein dadurch als objectiv vorzustellen. Nun ist
20   aber das Verhältniß der Substanzen, in welchem die eine Bestimmungen [op 258]
21   enthält, wovon der Grund in der anderen enthalten ist, das Verhältni
22   des Einflusses, und wenn wechselseitig dieses den Grund der Bestimmungen
23   in dem anderen enthält, das Verhältniß der Gemeinschaft oder Wechselwirkung.
24   Also kann das Zugleichsein der Substanzen im Raume nicht
25   anders in der Erfahrung erkannt werden, als unter Voraussetzung einer
26   Wechselwirkung derselben untereinander; diese ist also auch die Bedingung
27   der Möglichkeit der Dinge selbst als Gegenstände der Erfahrung.


28   Dinge sind zugleich, so fern sie in einer und derselben Zeit existiren.
29   Woran erkennt man aber: daß sie in einer und derselben Zeit sind? Wenn
30   die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen
31   gleichgültig ist, d. i. von A durch B, C, D auf E oder auch umgekehrt von
32   E zu A gehen kann. Denn wäre sie in der Zeit nach einander (in der Ordnung,
33   die von A anhebt und in E endigt), so ist es unmöglich, die Apprehension
34   in der Wahrnehmung von E anzuheben und rückwärts zu A
35   fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit gehört und also kein Gegenstand


36   der Apprehension mehr sein kann.
37   Nehmet nun an: in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als Erscheinungen


[seite 182]


01   wäre jede derselben völlig isolirt, d. i. keine wirkte in die andere
02   und empfinge von dieser wechselseitig Einflüsse, so sage ich: daß das Zugleichsein [op 259]
03   derselben kein Gegenstand einer möglichen Wahrnehmung sein
04   würde, und daß das Dasein der einen durch keinen Weg der empirischen
05   Synthesis auf das Dasein der andern führen könnte. Denn wenn ihr euch
06   gedenkt, sie wären durch einen völlig leeren Raum getrennt, so würde die
07   Wahrnehmung, die von der einen zur andern in der Zeit fortgeht, zwar
08   dieser ihr Dasein vermittelst einer folgenden Wahrnehmung bestimmen,
09   aber nicht unterscheiden können, ob die Erscheinung objectiv auf die erstere
10   folge, oder mit jener vielmehr zugleich sei.


11   Es muß also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein, wodurch A
12   dem B seine Stelle in der Zeit bestimmt und umgekehrt auch wiederum
13   B dem A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen als zugleich
14   existirend empirisch vorgestellt werden können. Nun bestimmt
15   nur dasjenige dem andern seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von
16   ihm oder seinen Bestimmungen ist. Also muß jede Substanz (da sie nur
17   in Ansehung ihrer Bestimmungen folge sein kann) die Causalität gewisser
18   Bestimmungen in der andern und zugleich die Wirkungen von der Causalität
19   der andern in sich enthalten, d. i. sie müssen in dynamischer Gemeinschaft
20   (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn das Zugleichsein in irgend
21   einer möglichen Erfahrung erkannt werden soll. Nun ist aber alles dasjenige
22   in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung nothwendig, ohne welches [op 260]
23   die Erfahrung von diesen Gegenständen selbst unmöglich sein würde.
24   Also ist es allen Substanzen in der Erscheinung, so fern sie zugleich sind,
25   nothwendig, in durchgängiger Gemeinschaft der Wechselwirkung unter einander
26   zu stehen.


27   Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig und kann
28   so viel als communio , aber auch als commercium bedeuten. Wir bedienen
29   uns hier desselben im letztern Sinn, als einer dynamischen Gemeinschaft,
30   ohne welche selbst die locale ( communio spatii ) niemals empirisch erkannt
31   werden könnte. Unseren Erfahrungen ist es leicht anzumerken, daß nur
32   die continuirlichen Einflüsse in allen Stellen des Raumes unsern Sinn
33   von einem Gegenstande zum andern leiten können, daß das Licht, welches
34   zwischen unserm Auge und den Weltkörpern spielt, eine mittelbare Gemeinschaft
35   zwischen uns und diesen bewirken und dadurch das Zugleichsein
36   der letzteren beweisen, daß wir keinen Ort empirisch verändern (diese Veränderung
37   wahrnehmen) können, ohne daß uns allerwärts Materie die


[seite 183]


01   Wahrnehmung unserer Stelle möglich mache, und diese nur vermittelst
02   ihres wechselseitigen Einflusses ihr Zugleichsein und dadurch bis zu den
03   entlegensten Gegenständen die Coexistenz derselben (obzwar nur mittelbar)
04   darthun kann. Ohne Gemeinschaft ist jede Wahrnehmung (der Erscheinung
05   im Raume) von der andern abgebrochen, und die Kette empirischer Vorstellungen,
06   d. i. Erfahrung, würde bei einem neuen Object ganz von vorne [op 261]
07   anfangen, ohne daß die vorige damit im geringsten zusammenhängen oder
08   im Zeitverhältnisse stehen könnte. Den leeren Raum will ich hiedurch gar
09   nicht widerlegen: denn der mag immer sein, wohin Wahrnehmungen gar
10   nicht reichen, und also keine empirische Erkenntniß des Zugleichseins stattfindet;
11   er ist aber alsdann für alle unsere mögliche Erfahrung gar kein
12   Object.


13   Zur Erläuterung kann folgendes dienen. In unserm Gemüthe müssen
14   alle Erscheinungen, als in einer möglichen Erfahrung enthalten, in Gemeinschaft
15   ( communio ) der Apperception stehen; und so fern die Gegenstände
16   als zugleich existirend verknüpft vorgestellt werden sollen, so müssen
17   sie ihre Stelle in einer Zeit wechselseitig bestimmen und dadurch ein Ganzes
18   ausmachen. Soll diese subjective Gemeinschaft auf einem objectiven Grunde
19   beruhen, oder auf Erscheinungen als Substanzen bezogen werden, so mu
20   die Wahrnehmung der einen als Grund die Wahrnehmung der andern
21   und so umgekehrt möglich machen, damit die Succession, die jederzeit in
22   den Wahrnehmungen als Apprehensionen ist, nicht den Objecten beigelegt
23   werde, sondern diese als zugleich existirend vorgestellt werden können.
24   Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluß, d. i. eine reale Gemeinschaft [op 262]
25   ( commercium ) der Substanzen, ohne welche also das empirische Verhältni
26   des Zugleichseins nicht in der Erfahrung stattfinden könnte. Durch dieses
27   Commercium machen die Erscheinungen, so fern sie außer einander und
28   doch in Verknüpfung stehen, ein Zusammengesetztes aus ( compositum
29   reale ), und dergleichen Composita werden auf mancherlei Art möglich. Die
30   drei dynamischen Verhältnisse, daraus alle übrige entspringen, sind daher
31   das der Inhärenz, der Consequenz und der Composition.


Allgemeines zur den Analogien


32   Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung. Sie sind
33   nichts andres, als Grundsätze der Bestimmung des Daseins der Erscheinungen
34   in der Zeit nach allen drei modis derselben, dem Verhältnisse zu


[seite 184]


01   der Zeit selbst als einer Größe (die Größe des Daseins, d. i. die Dauer),
02   dem Verhältnisse in der Zeit als einer Reihe (nach einander), endlich auch
03   in ihr als einem Inbegriff alles Daseins (zugleich). Diese Einheit der
04   Zeitbestimmung ist durch und durch dynamisch, d. i. die Zeit wird nicht
05   als dasjenige angesehen, worin die Erfahrung unmittelbar jedem Dasein
06   seine Stelle bestimmte, welches unmöglich ist, weil die absolute Zeit kein
07   Gegenstand der Wahrnehmung ist, womit Erscheinungen könnten zusammengehalten
08   werden; sondern die Regel des Verstandes, durch welche allein
09   das Dasein der Erscheinungen synthetische Einheit nach Zeitverhältnissen
10   bekommen kann, bestimmt jeder derselben ihre Stelle in der Zeit, mithin
11   a priori und gültig für alle und jede Zeit.

[op 263]


12   Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen wir den Zusammenhang
13   der Erscheinungen ihrem Dasein nach nach nothwendigen Regeln,
14   d. i. nach Gesetzen. Es sind also gewisse Gesetze und zwar a priori,
15   welche allererst eine Natur möglich machen; die empirischen können nur
16   vermittelst der Erfahrung und zwar zufolge jener ursprünglichen Gesetze,
17   nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird, stattfinden und gefunden
18   werden. Unsere Analogien stellen also eigentlich die Natureinheit
19   im Zusammenhange aller Erscheinungen unter gewissen Exponenten dar,
20   welche nichts anders ausdrücken, als das Verhältniß der Zeit (so fern sie
21   alles Dasein in sich begreift) zur Einheit der Apperception, die nur in
22   der Synthesis nach Regeln stattfinden kann. Zusammen sagen sie also:
23   alle Erscheinungen liegen in einer Natur und müssen darin liegen, weil
24   ohne diese Einheit a priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine
25   Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre.


26   Über die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transscendentalen
27   Naturgesetzen bedient haben, und die Eigenthümlichkeit derselben ist eine
28   Anmerkung zu machen, die zugleich als Vorschrift für jeden andern Versuch,
29   intellectuelle und zugleich synthetische Sätze a priori zu beweisen, sehr [op 264]
30   wichtig sein muß. Hätten wir diese Analogien dogmatisch, d. i. aus Begriffen
31   beweisen wollen: daß nämlich alles, was existirt, nur in dem angetroffen
32   werde, was beharrlich ist, daß jede Begebenheit etwas im vorigen
33   Zustande voraussetze, worauf sie nach einer Regel folgt, endlich in dem
34   Mannigfaltigen, das zugleich ist, die Zustände in Beziehung auf einander
35   nach einer Regel zugleich seien (in Gemeinschaft stehen), so wäre alle Bemühung
36   gänzlich vergeblich gewesen. Denn man kann von einem Gegenstande
37   und dessen Dasein auf das Dasein des andern oder seine Art zu


[seite 185]


01   existiren durch bloße Begriffe dieser Dinge gar nicht kommen, man mag
02   dieselbe zergliedern, wie man wolle. Was blieb uns nun übrig? Die Möglichkeit
03   der Erfahrung als einer Erkenntniß, darin uns alle Gegenstände
04   zuletzt müssen gegeben werden können, wenn ihre Vorstellung für uns objective
05   Realität haben soll. In diesem Dritten nun, dessen wesentliche
06   Form in der synthetischen Einheit der Apperception aller Erscheinungen
07   besteht, fanden wir Bedingungen a priori der durchgängigen und nothwendigen
08   Zeitbestimmung alles Daseins in der Erscheinung, ohne welche
09   selbst die empirische Zeitbestimmung unmöglich sein würde, und fanden
10   Regeln der synthetischen Einheit a priori, vermittelst deren wir die Erfahrung
11   anticipiren konnten. In Ermangelung dieser Methode und bei
12   dem Wahne, synthetische Sätze, welche der Erfahrungsgebrauch des Verstandes
13   als seine Principien empfiehlt, dogmatisch beweisen zu wollen, ist
14   es denn geschehen, daß von dem Satze des zureichenden Grundes so oft, [op 265]
15   aber immer vergeblich ein Beweis ist versucht worden. An die beide übrige
16   Analogien hat niemand gedacht, ob man sich ihrer gleich immer stillschweigend
17   bediente,*) weil der Leitfaden der Kategorien fehlte, der allein
18   jede Lücke des Verstandes sowohl in Begriffen als Grundsätzen entdecken
19   und merklich machen kann.


20   4.
21   Die Postulate des empirischen Denkens überhaupt.


22   1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung
23   und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.

[op 266]


24   2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung)
25   zusammenhängt, ist wirklich.



26   *) Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft sein
27   sollen, ist offenbar eine bloße Folgerung des ingeheim angenommenen Grundsatzes
28   der Gemeinschaft aller Substanzen, die zugleich sind: denn wären sie isolirt,
29   so würden sie nicht als Theile ein Ganzes ausmachen und wäre ihre Verknüpfung
30   (Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins Willen nothwendig,
31   so könnte man aus diesem als einem bloß idealen Verhältniß auf jene als
32   ein reales nicht schließen. Wiewohl wir an seinem Ort gezeigt haben: daß die Gemeinschaft
33   eigentlich der Grund der Möglichkeit einer empirischen Erkenntniß der
34   Coexistenz sei, und daß man also eigentlich nur aus dieser auf jene als ihre Bedingung
35   zurück schließe.


[seite 186]


01   3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen
02   der Erfahrung bestimmt ist, ist (existirt) nothwendig.


03   Erläuterung.


04   Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich: daß sie
05   den Begriff, dem sie als Prädicate beigefügt werden, als Bestimmung des
06   Objects nicht im mindesten vermehren, sondern nur das Verhältniß zum
07   Erkenntnißvermögen ausdrücken. Wenn der Begriff eines Dinges schon
08   ganz vollständig ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstande fragen,
09   ob er bloß möglich oder auch wirklich, oder, wenn er das letztere ist, ob er
10   gar auch nothwendig sei? Hiedurch werden keine Bestimmungen mehr im
11   Objecte selbst gedacht, sondern es frägt sich nur, wie es sich (sammt allen
12   seinen Bestimmungen) zum Verstande und dessen empirischen Gebrauche,
13   zur empirischen Urtheilskraft und zur Vernunft (in ihrer Anwendung auf
14   Erfahrung) verhalte.


15   Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts
16   weiter, als Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit
17   in ihrem empirischen Gebrauche und hiemit zugleich Restrictionen
18   aller Kategorien auf den bloß empirischen Gebrauch, ohne den transscendentalen [op 267]
19   zuzulassen und zu erlauben. Denn wenn diese nicht eine
20   bloß logische Bedeutung haben und die Form des Denkens analytisch
21   ausdrücken sollen, sondern Dinge und deren Möglichkeit, Wirklichkeit
22   oder Nothwendigkeit betreffen sollen, so müssen sie auf die mögliche Erfahrung
23   und deren synthetische Einheit gehen, in welcher allein Gegenstände
24   der Erkenntniß gegeben werden.


25   Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert also, daß der Begriff
26   derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt
27   zusammenstimme. Diese, nämlich die objective Form der Erfahrung überhaupt,
28   enthält aber alle Synthesis, welche zur Erkenntniß der Objecte erfordert
29   wird. Ein Begriff, der eine Synthesis in sich faßt, ist für leer zu
30   halten und bezieht sich auf keinen Gegenstand, wenn diese Synthesis nicht
31   zur Erfahrung gehört, entweder als von ihr erborgt, und dann heißt er
32   ein empirischer Begriff, oder als eine solche, auf der als Bedingung
33   a priori Erfahrung überhaupt (die Form derselben) beruht, und dann ist
34   es ein reiner Begriff, der dennoch zur Erfahrung gehört, weil sein Object
35   nur in dieser angetroffen werden kann. Denn wo will man den Charakter


[seite 187]


01   der Möglichkeit eines Gegenstandes, der durch einen synthetischen
02   Begriff a priori gedacht worden, hernehmen, wenn es nicht von der Synthesis
03   geschieht, welche die Form der empirischen Erkenntniß der Objecte [op 268]
04   ausmacht? Daß in einem solchen Begriffe kein Widerspruch enthalten sein
05   müsse, ist zwar eine nothwendige logische Bedingung; aber zur objectiven
06   Realität des Begriffs, d. i. der Möglichkeit eines solchen Gegenstandes,
07   als durch den Begriff gedacht wird, bei weitem nicht genug. So ist in dem
08   Begriffe einer Figur, die in zwei geraden Linien eingeschlossen ist, kein
09   Widerspruch, denn die Begriffe von zwei geraden Linien und deren Zusammenstoßung
10   enthalten keine Verneinung einer Figur; sondern die Unmöglichkeit
11   beruht nicht auf dem Begriffe an sich selbst, sondern der Construction
12   desselben im Raume, d. i. den Bedingungen des Raumes und
13   der Bestimmung desselben; diese haben aber wiederum ihre objective Realität,
14   d. i. sie gehen auf mögliche Dinge, weil sie die Form der Erfahrung
15   überhaupt a priori in sich enthalten.


16   Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und Einfluß dieses
17   Postulats der Möglichkeit vor Augen legen. Wenn ich mir ein Ding vorstelle,
18   das beharrlich ist, so daß alles, was da wechselt, bloß zu seinem Zustande
19   gehört, so kann ich niemals aus einem solchen Begriffe allein erkennen,
20   daß ein dergleichen Ding möglich sei. Oder ich stelle mir etwas
21   vor, welches so beschaffen sein soll, daß, wenn es gesetzt wird, jederzeit und
22   unausbleiblich etwas anderes darauf erfolgt, so mag dieses allerdings ohne
23   Widerspruch so gedacht werden können; ob aber dergleichen Eigenschaft
24   (als Causalität) an irgend einem möglichen Dinge angetroffen werde,
25   kann dadurch nicht geurtheilt werden. Endlich kann ich mir verschiedene [op 269]
26   Dinge (Substanzen) vorstellen, die so beschaffen sind, daß der Zustand des
27   einen eine Folge im Zustande des andern nach sich zieht und so wechselsweise;
28   aber ob dergleichen Verhältniß irgend Dingen zukommen könne,
29   kann aus diesen Begriffen, welche eine bloß willkürliche Synthesis enthalten,
30   gar nicht abgenommen werden. Nur daran also, daß diese Begriffe
31   die Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung a priori ausdrücken,
32   erkennt man ihre objective Realität, d. i. ihre transscendentale
33   Wahrheit, und zwar freilich unabhängig von der Erfahrung, aber doch
34   nicht unabhängig von aller Beziehung auf die Form einer Erfahrung überhaupt
35   und die synthetische Einheit, in der allein Gegenstände empirisch
36   können erkannt werden.


37   Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften,


[seite 188]


01   von Wechselwirkungen aus dem Stoffe, den uns die Wahrnehmung darbietet,
02   machen wollte, ohne von der Erfahrung selbst das Beispiel ihrer
03   Verknüpfung zu entlehnen: so würde man in lauter Hirngespinste gerathen,
04   deren Möglichkeit ganz und gar kein Kennzeichen für sich hat, weil
05   man bei ihnen nicht Erfahrung zur Lehrerin annimmt, noch diese Begriffe
06   von ihr entlehnt. Dergleichen gedichtete Begriffe können den Charakter
07   ihrer Möglichkeit nicht so, wie die Kategorien, a priori als Bedingungen,
08   von denen alle Erfahrung abhängt, sondern nur a posteriori als
09   solche, die durch die Erfahrung selbst gegeben werden, bekommen, und [op 270]
10   ihre Möglichkeit muß entweder a posteriori und empirisch, oder sie kann
11   gar nicht erkannt werden. Eine Substanz, welche beharrlich im Raume
12   gegenwärtig wäre, doch ohne ihn zu erfüllen (wie dasjenige Mittelding
13   zwischen Materie und denkenden Wesen, welches einige haben einführen
14   wollen), oder eine besondere Grundkraft unseres Gemüths, das Künftige
15   zum voraus anzuschauen (nicht etwa bloß zu folgern), oder endlich ein
16   Vermögen desselben, mit andern Menschen in Gemeinschaft der Gedanken
17   zu stehen (so entfernt sie auch sein mögen): das sind Begriffe, deren Möglichkeit
18   ganz grundlos ist, weil sie nicht auf Erfahrung und deren bekannte
19   Gesetze gegründet werden kann und ohne sie eine willkürliche Gedankenverbindung
20   ist, die, ob sie zwar keinen Widerspruch enthält, doch keinen
21   Anspruch auf objective Realität, mithin auf die Möglichkeit eines solchen
22   Gegenstandes, als man sich hier denken will, machen kann. Was Realität
23   betrifft, so verbietet es sich wohl von selbst, sich eine solche in concreto zu
24   denken, ohne die Erfahrung zu Hülfe zu nehmen: weil sie nur auf Empfindung,
25   als Materie der Erfahrung, gehen kann und nicht die Form des
26   Verhältnisses betrifft, mit der man allenfalls in Erdichtungen spielen
27   könnte.


28   Aber ich lasse alles vorbei, dessen Möglichkeit nur aus der Wirklichkeit
29   in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier nur die
30   Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori, von denen ich fortfahre zu [op 271]
31   behaupten, daß sie niemals aus solchen Begriffen für sich allein, sondern
32   jederzeit nur als formale und objective Bedingungen einer Erfahrung
33   überhaupt stattfinden können.


34   Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichkeit eines Triangels
35   aus seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden (von der Erfahrung
36   ist er gewiß unabhängig); denn in der That können wir ihm gänzlich
37   a priori einen Gegenstand geben, d. i. ihn construiren. Weil dieses


[seite 189]


01   aber nur die Form von einem Gegenstande ist, so würde er doch immer
02   nur ein Product der Einbildung bleiben, von dessen Gegenstand die Möglichkeit
03   noch zweifelhaft bliebe, als wozu noch etwas mehr erfordert wird,
04   nämlich daß eine solche Figur unter lauter Bedingungen, auf denen alle
05   Gegenstände der Erfahrung beruhen, gedacht sei. Daß nun der Raum
06   eine formale Bedingung a priori von äußeren Erfahrungen sei, daß eben
07   dieselbe bildende Synthesis, wodurch wir in der Einbildungskraft einen
08   Triangel construiren, mit derjenigen gänzlich einerlei ist, welche wir in
09   der Apprehension einer Erscheinung ausüben, um uns davon einen Erfahrungsbegriff
10   zu machen: das ist es allein, was mit diesem Begriffe die
11   Vorstellung von der Möglichkeit eines solchen Dinges verknüpft. Und so
12   ist die Möglichkeit continuirlicher Größen, ja sogar der Größen überhaupt,
13   weil die Begriffe davon insgesammt synthetisch sind, niemals aus [op 272]
14   den Begriffen selbst, sondern aus ihnen als formalen Bedingungen der
15   Bestimmung der Gegenstände in der Erfahrung überhaupt allererst klar;
16   und wo sollte man auch Gegenstände suchen wollen, die den Begriffen correspondirten,
17   wäre es nicht in der Erfahrung, durch die uns allein Gegenstände
18   gegeben werden? Wiewohl wir, ohne eben Erfahrung selbst voranzuschicken,
19   bloß in Beziehung auf die formalen Bedingungen, unter welchen
20   in ihr überhaupt etwas als Gegenstand bestimmt wird, mithin völlig
21   a priori, aber doch nur in Beziehung auf sie und innerhalb ihren Grenzen
22   die Möglichkeit der Dinge erkennen und charakterisiren können.


23   Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert
24   Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist; zwar
25   nicht eben unmittelbar von dem Gegenstande selbst, dessen Dasein erkannt
26   werden soll, aber doch Zusammenhang desselben mit irgend einer wirklichen
27   Wahrnehmung nach den Analogien der Erfahrung, welche alle reale
28   Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen.


29   In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter
30   seines Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so vollständig
31   sei, daß nicht das mindeste ermangele, um ein Ding mit allen
32   seinen innern Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein mit allem
33   diesem doch gar nichts zu thun, sondern nur mit der Frage: ob ein solches
34   Ding uns gegeben sei, so daß die Wahrnehmung desselben vor dem Begriffe [op 273]
35   allenfalls vorhergehen könne. Denn daß der Begriff vor der Wahrnehmung
36   vorhergeht, bedeutet dessen bloße Möglichkeit; die Wahrnehmung
37   aber, die den Stoff zum Begriff hergiebt, ist der einzige Charakter der


[seite 190]


01   Wirklichkeit. Man kann aber auch vor der Wahrnehmung des Dinges
02   und also comparative a priori das Dasein desselben erkennen, wenn es
03   nur mit einigen Wahrnehmungen nach den Grundsätzen der empirischen
04   Verknüpfung derselben (den Analogien) zusammenhängt. Denn alsdann
05   hängt doch das Dasein des Dinges mit unsern Wahrnehmungen in einer
06   möglichen Erfahrung zusammen, und wir können nach dem Leitfaden jener
07   Analogien von unserer wirklichen Wahrnehmung zu dem Dinge in
08   der Reihe möglicher Wahrnehmungen gelangen. So erkennen wir das
09   Dasein einer alle Körper durchdringenden magnetischen Materie aus der
10   Wahrnehmung des gezogenen Eisenfeiligs, obzwar eine unmittelbare
11   Wahrnehmung dieses Stoffs uns nach der Beschaffenheit unserer Organen
12   unmöglich ist. Denn überhaupt würden wir nach Gesetzen der Sinnlichkeit
13   und dem Context unserer Wahrnehmungen in einer Erfahrung auch
14   auf die unmittelbare empirische Anschauung derselben stoßen, wenn unsere
15   Sinnen feiner wären, deren Grobheit die Form möglicher Erfahrung
16   überhaupt nichts angeht. Wo also Wahrnehmung und deren Anhang nach
17   empirischen Gesetzen hinreicht, dahin reicht auch unsere Erkenntniß vom [op 274]
18   Dasein der Dinge. Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder gehen wir
19   nicht nach Gesetzen des empirischen Zusammenhanges der Erscheinungen
20   fort, so machen wir uns vergeblich Staat, das Dasein irgend eines Dinges
21   errathen oder erforschen zu wollen. Einen mächtigen Einwurf aber
22   wider diese Regeln, das Dasein mittelbar zu beweisen, macht der Idealism,
23   dessen Widerlegung hier an der rechten Stelle ist.


24   Widerlegung des Idealismus.


25   Der Idealism (ich verstehe den materialen) ist die Theorie, welche
26   das Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für
27   zweifelhaft und unerweislich, oder für falsch und unmöglich erklärt;
28   der erstere ist der problematische des Cartesius, der nur Eine empirische
29   Behauptung ( assertio ), nämlich: Ich bin, für ungezweifelt erklärt;
30   der zweite ist der dogmatische des Berkeley, der den Raum


[seite 191]


01   mit allen den Dingen, welchen er als unabtrennliche Bedingung anhängt,
02   für etwas, was an sich selbst unmöglich sei, und darum auch die Dinge
03   im Raum für bloße Einbildungen erklärt. Der dogmatische Idealism ist
04   unvermeidlich, wenn man den Raum als Eigenschaft, die den Dingen an
05   sich selbst zukommen soll, ansieht; denn da ist er mit allem, dem er zur
06   Bedingung dient, ein Unding. Der Grund zu diesem Idealism aber ist
07   von uns in der transscendentalen Ästhetik gehoben. Der problematische, [op 275]
08   der nichts hierüber behauptet, sondern nur das Unvermögen, ein Dasein
09   außer dem unsrigen durch unmittelbare Erfahrung zu beweisen, vorgiebt,
10   ist vernünftig und einer gründlichen philosophischen Denkungsart gemäß:
11   nämlich, bevor ein hinreichender Beweis gefunden worden, kein entscheidendes
12   Urtheil zu erlauben. Der verlangte Beweis muß also darthun,
13   daß wir von äußeren Dingen auch Erfahrung und nicht bloß Einbildung
14   haben; welches wohl nicht anders wird geschehen können, als wenn
15   man beweisen kann, daß selbst unsere innere dem Cartesius unbezweifelte
16   Erfahrung nur unter Voraussetzung äußerer Erfahrung möglich sei.


17   Lehrsatz.


18   Das bloße, aber empirisch bestimmte Bewußtsein meines
19   eigenen Daseins beweiset das Dasein der Gegenstände im
20   Raum außer mir.


21   Beweis.


22   Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewußt. Alle
23   Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus.
24   Dieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein, weil eben mein
25   Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden kann.
26   Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein Ding außer
27   mir und nicht durch die bloße Vorstellung eines Dinges außer mir
28   möglich. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur [op 276]
29   durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, möglich.
30   Nun ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem Bewußtsein der Möglichkeit
31   dieser Zeitbestimmung nothwendig verbunden: also ist es auch mit
32   der Existenz der Dinge außer mir, als Bedingung der Zeitbestimmung,
33   nothwendig verbunden; d. i. das Bewußtsein meines eigenen Daseins


[seite 192]


01   ist zugleich ein unmittelbares Bewußtsein des Daseins anderer Dinge
02   außer mir.


03   Anmerkung 1. Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr,
04   daß das Spiel, welches der Idealism trieb, ihm mit mehrerem Rechte
05   umgekehrt vergolten wird. Dieser nahm an, daß die einzige unmittelbare
06   Erfahrung die innere sei, und daraus auf äußere Dinge nur geschlossen
07   werde, aber, wie allemal, wenn man aus gegebenen Wirkungen auf bestimmte
08   Ursachen schließt, nur unzuverlässig, weil auch in uns selbst die
09   Ursache der Vorstellungen liegen kann, die wir äußeren Dingen vielleicht
10   fälschlich zuschreiben. Allein hier wird bewiesen, daß äußere Erfahrung [op 277]
11   eigentlich unmittelbar sei,*) daß nur vermittelst ihrer zwar nicht das Bewußtsein
12   unserer eigenen Existenz, aber doch die Bestimmung derselben
13   in der Zeit, d. i. innere Erfahrung, möglich sei. Freilich ist die Vorstellung:
14   ich bin, die das Bewußtsein ausdrückt, welches alles Denken
15   begleiten kann, das, was unmittelbar die Existenz eines Subjects in sich
16   schließt, aber noch keine Erkenntniß desselben, mithin auch nicht empirische,
17   d. i. Erfahrung; denn dazu gehört außer dem Gedanken von etwas
18   Existirendem noch Anschauung und hier innere, in Ansehung deren, d. i.
19   der Zeit, das Subject bestimmt werden muß, wozu durchaus äußere Gegenstände
20   erforderlich sind, so daß folglich innere Erfahrung selbst nur
21   mittelbar und nur durch äußere möglich ist.


22   Anmerkung 2. Hiemit stimmt nun aller Erfahrungsgebrauch unseres
23   Erkenntnißvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein.
24   Nicht allein, daß wir alle Zeitbestimmung nur durch den Wechsel in äußeren
25   Verhältnissen (die Bewegung) in Beziehung auf das Beharrliche im [op 278]
26   Raume (z. B. Sonnenbewegung in Ansehung der Gegenstände der Erde)
27   wahrnehmen können, so haben wir sogar nichts Beharrliches, was wir



28   *) Das unmittelbare Bewußtsein des Daseins äußerer Dinge wird in dem
29   vorstehenden Lehrsatze nicht vorausgesetzt, sondern bewiesen, die Möglichkeit dieses
30   Bewußtseins mögen wir einsehen, oder nicht. Die Frage wegen der letzteren würde
31   sein: ob wir nur einen inneren Sinn, aber keinen äußeren, sondern bloß äußere
32   Einbildung hätten. Es ist aber klar, daß, um uns auch nur etwas als äußerlich
33   einzubilden, d. i. dem Sinne in der Anschauung darzustellen, wir schon einen äußeren
34   Sinn haben und dadurch die bloße Receptivität einer äußeren Anschauung von
35   der Spontaneität, die jede Einbildung charakterisirt, unmittelbar unterscheiden müssen.
36   Denn sich auch einen äußeren Sinn bloß einzubilden, würde das Anschauungsvermögen,
37   welches durch die Einbildungskraft bestimmt werden soll, selbst vernichten.


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01   dem Begriffe einer Substanz als Anschauung unterlegen könnten, als blo
02   die Materie, und selbst diese Beharrlichkeit wird nicht aus äußerer Erfahrung
03   geschöpft, sondern a priori als nothwendige Bedingung aller Zeitbestimmung,
04   mithin auch als Bestimmung des inneren Sinnes in Ansehung
05   unseres eigenen Daseins durch die Existenz äußerer Dinge vorausgesetzt.
06   Das Bewußtsein meiner selbst in der Vorstellung Ich ist gar
07   keine Anschauung, sondern eine bloß intellectuelle Vorstellung der
08   Selbstthätigkeit eines denkenden Subjects. Daher hat dieses Ich auch
09   nicht das mindeste Prädicat der Anschauung, welches als beharrlich
10   der Zeitbestimmung im inneren Sinne zum Correlat dienen könnte; wie
11   etwa Undurchdringlichkeit an der Materie als empirischer Anschauung
12   ist.


13   Anmerkung 3. Daraus, daß die Existenz äußerer Gegenstände zur
14   Möglichkeit eines bestimmten Bewußtseins unserer selbst erfordert wird,
15   folgt nicht, daß jede anschauliche Vorstellung äußerer Dinge zugleich die
16   Existenz derselben einschließe, denn jene kann gar wohl die bloße Wirkung
17   der Einbildungskraft (in Träumen sowohl als im Wahnsinn) sein; sie ist
18   es aber bloß durch die Reproduction ehemaliger äußerer Wahrnehmungen,
19   welche, wie gezeigt worden, nur durch die Wirklichkeit äußerer Gegenstände
20   möglich sind. Es hat hier nur bewiesen werden sollen, daß innere [op 279]
21   Erfahrung überhaupt nur durch äußere Erfahrung überhaupt möglich sei.
22   Ob diese oder jene vermeinte Erfahrung nicht bloße Einbildung sei, mu
23   nach den besondern Bestimmungen derselben und durch Zusammenhaltung
24   mit den Kriterien aller wirklichen Erfahrung ausgemittelt werden.


25   Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale
26   Nothwendigkeit im Dasein und nicht die bloß formale und logische in Verknüpfung
27   der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der Sinne
28   völlig a priori erkannt werden kann, aber doch comparative a priori, relativisch
29   auf ein anderes, schon gegebenes Dasein, man gleichwohl aber auch
30   alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo in dem
31   Zusammenhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahrnehmung ein
32   Theil ist, enthalten sein muß: so kann die Nothwendigkeit der Existenz
33   niemals aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit


[seite 194]


01   demjenigen, was wahrgenommen wird, nach allgemeinen Gesetzen der Erfahrung
02   erkannt werden. Da ist nun kein Dasein, was unter der Bedingung
03   anderer gegebener Erscheinungen als nothwendig erkannt werden
04   könnte, als das Dasein der Wirkungen aus gegebenen Ursachen nach Gesetzen
05   der Causalität. Also ist es nicht das Dasein der Dinge (Substanzen),
06   sondern ihres Zustandes, wovon wir allein die Nothwendigkeit erkennen [op 280]
07   können und zwar aus anderen Zuständen, die in der Wahrnehmung gegeben
08   sind, nach empirischen Gesetzen der Causalität. Hieraus folgt, da
09   das Kriterium der Nothwendigkeit lediglich in dem Gesetze der möglichen
10   Erfahrung liege: daß alles, was geschieht, durch seine Ursache in der Erscheinung
11   a priori bestimmt sei. Daher erkennen wir nur die Nothwendigkeit
12   der Wirkungen in der Natur, deren Ursachen uns gegeben sind; und
13   das Merkmal der Nothwendigkeit im Dasein reicht nicht weiter als das
14   Feld möglicher Erfahrung, und selbst in diesem gilt es nicht von der
15   Existenz der Dinge als Substanzen, weil diese niemals als empirische
16   Wirkungen oder etwas, das geschieht und entsteht, können angesehen werden.
17   Die Nothwendigkeit betrifft also nur die Verhältnisse der Erscheinungen
18   nach dem dynamischen Gesetze der Causalität und die darauf sich gründende
19   Möglichkeit, aus irgend einem gegebenen Dasein (einer Ursache)
20   a priori auf ein anderes Dasein (der Wirkung) zu schließen. Alles, was
21   geschieht, ist hypothetisch nothwendig; das ist ein Grundsatz, welcher die
22   Veränderung in der Welt einem Gesetze unterwirft, d. i. einer Regel des
23   nothwendigen Daseins, ohne welche gar nicht einmal Natur stattfinden
24   würde. Daher ist der Satz: nichts geschieht durch ein blindes Ungefähr
25   ( in mundo non datur casus ), ein Naturgesetz a priori; imgleichen: keine
26   Nothwendigkeit in der Natur ist blinde, sondern bedingte, mithin verständliche [op 281]
27   Nothwendigkeit ( non datur fatum ). Beide sind solche Gesetze,
28   durch welche das Spiel der Veränderungen einer Natur der Dinge (als
29   Erscheinungen) unterworfen wird oder, welches einerlei ist, der Einheit des
30   Verstandes, in welchem sie allein zu einer Erfahrung als der synthetischen
31   Einheit der Erscheinungen gehören können. Diese beide Grundsätze gehören
32   zu den dynamischen. Der erstere ist eigentlich eine Folge des
33   Grundsatzes von der Causalität (unter den Analogien der Erfahrung).
34   Der zweite gehört zu den Grundsätzen der Modalität, welche zu der Causalbestimmung
35   noch den Begriff der Nothwendigkeit, die aber unter einer
36   Regel des Verstandes steht, hinzu thut. Das Princip der Continuität
37   verbot in der Reihe der Erscheinungen (Veränderungen) allen Absprung


[seite 195]


01   ( in mundo non datur saltus ), aber auch in dem Inbegriff aller empirischen
02   Anschauungen im Raume alle Lücke oder Kluft zwischen zwei Erscheinungen
03   ( non datur hiatus ); denn so kann man den Satz ausdrücken: daß in
04   die Erfahrung nichts hinein kommen kann, was ein vacuum bewiese, oder
05   auch nur als einen Theil der empirischen Synthesis zuließe. Denn was das
06   Leere betrifft, welches man sich außerhalb dem Felde möglicher Erfahrung
07   (der Welt) denken mag, so gehört dieses nicht vor die Gerichtsbarkeit des
08   bloßen Verstandes, welcher nur über die Fragen entscheidet, die die
09   Nutzung gegebener Erscheinungen zur empirischen Erkenntniß betreffen,
10   und ist eine Aufgabe für die idealische Vernunft, die noch über die [op 282]
11   Sphäre einer möglichen Erfahrung hinausgeht und von dem urtheilen
12   will, was diese selbst umgiebt und begrenzt, muß daher in der transscendentalen
13   Dialektik erwogen werden. Diese vier Sätze ( in mundo non datur
14   hiatus, non datur saltus, non datur casus, non datur fatum ) könnten
15   wir leicht, so wie alle Grundsätze transscendentalen Ursprungs, nach ihrer
16   Ordnung gemäß der Ordnung der Kategorien vorstellig machen und jedem
17   seine Stelle beweisen, allein der schon geübte Leser wird dieses von
18   selbst thun, oder den Leitfaden dazu leicht entdecken. Sie vereinigen sich
19   aber alle lediglich dahin, um in der empirischen Synthesis nichts zuzulassen,
20   was dem Verstande und dem continuirlichen Zusammenhange aller
21   Erscheinungen, d. i. der Einheit seiner Begriffe, Abbruch oder Eintrag
22   thun könnte. Denn er ist es allein, worin die Einheit der Erfahrung, in
23   der alle Wahrnehmungen ihre Stelle haben müssen, möglich wird.


24   Ob das Feld der Möglichkeit größer sei als das Feld, was alles
25   Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer als die Menge desjenigen,
26   was nothwendig ist, das sind artige Fragen und zwar von synthetischer
27   Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der Vernunft anheim
28   fallen; denn sie wollen ungefähr so viel sagen, als ob alle Dinge als Erscheinungen
29   insgesammt in den Inbegriff und den Context einer einzigen
30   Erfahrung gehören, von der jede gegebene Wahrnehmung ein Theil ist, [op 283]
31   der also mit keinen andern Erscheinungen könne verbunden werden, oder
32   ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen Erfahrung (in
33   ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören können. Der Verstand giebt
34   a priori der Erfahrung überhaupt nur die Regel nach den subjectiven und
35   formalen Bedingungen sowohl der Sinnlichkeit als der Apperception,
36   welche sie allein möglich machen. Andere Formen der Anschauung (als
37   Raum und Zeit), imgleichen andere Formen des Verstandes (als die discursive


[seite 196]


01   des Denkens oder der Erkenntniß durch Begriffe), ob sie gleich
02   möglich wären, können wir uns doch auf keinerlei Weise erdenken und faßlich
03   machen; aber wenn wir es auch könnten, so würden sie doch nicht zur
04   Erfahrung als dem einzigen Erkenntniß gehören, worin uns Gegenstände
05   gegeben werden. Ob andere Wahrnehmungen, als überhaupt zu unserer
06   gesammten möglichen Erfahrung gehören, und also ein ganz anderes Feld
07   der Materie noch stattfinden könne, kann der Verstand nicht entscheiden,
08   er hat es nur mit der Synthesis dessen zu thun, was gegeben ist. Sonst
09   ist die Armseligkeit unserer gewöhnlichen Schlüsse, wodurch wir ein großes
10   Reich der Möglichkeit herausbringen, davon alles Wirkliche (aller Gegenstand
11   der Erfahrung) nur ein kleiner Theil sei, sehr in die Augen fallend.
12   Alles Wirkliche ist möglich; hieraus folgt natürlicher Weise nach den logischen
13   Regeln der Umkehrung der bloß particulare Satz: einiges Mögliche [op 284]
14   ist wirklich, welches denn so viel zu bedeuten scheint, als: es ist vieles
15   möglich, was nicht wirklich ist. Zwar hat es den Anschein, als könne man
16   auch geradezu die Zahl des Möglichen über die des Wirklichen dadurch
17   hinaussetzen, weil zu jener noch etwas hinzukommen muß, um diese auszumachen.
18   Allein dieses Hinzukommen zum Möglichen kenne ich nicht.
19   Denn was über dasselbe noch zugesetzt werden sollte, wäre unmöglich. Es
20   kann nur zu meinem Verstande etwas über die Zusammenstimmung mit
21   den formalen Bedingungen der Erfahrung, nämlich die Verknüpfung mit
22   irgend einer Wahrnehmung hinzukommen; was aber mit dieser nach empirischen
23   Gesetzen verknüpft ist, ist wirklich, ob es gleich unmittelbar nicht
24   wahrgenommen wird. Daß aber im durchgängigen Zusammenhange mit
25   dem, was mir in der Wahrnehmung gegeben ist, eine andere Reihe von
26   Erscheinungen, mithin mehr als eine einzige alles befassende Erfahrung
27   möglich sei, läßt sich aus dem, was gegeben ist, nicht schließen, und ohne
28   daß irgend etwas gegeben ist, noch viel weniger, weil ohne Stoff sich überall
29   nichts denken läßt. Was unter Bedingungen, die selbst bloß möglich
30   sind, allein möglich ist, ist es nicht in aller Absicht. In dieser aber
31   wird die Frage genommen, wenn man wissen will, ob die Möglichkeit der
32   Dinge sich weiter erstrecke, als Erfahrung reichen kann.


33   Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung gethan, um keine Lücke in [op 285]
34   demjenigen zu lassen, was der gemeinen Meinung nach zu den Verstandesbegriffen
35   gehört. In der That ist aber die absolute Möglichkeit (die in
36   aller Absicht gültig ist) kein bloßer Verstandesbegriff und kann auf keinerlei
37   Weise von empirischem Gebrauche sein, sondern er gehört allein der


[seite 197]


01   Vernunft zu, die über allen möglichen empirischen Verstandesgebrauch
02   hinausgeht. Daher haben wir uns hiebei mit einer bloß kritischen Anmerkung
03   begnügen müssen, übrigens aber die Sache bis zum weiteren
04   künftigen Verfahren in der Dunkelheit gelassen.


05   Da ich eben diese vierte Nummer und mit ihr zugleich das System
06   aller Grundsätze des reinen Verstandes schließen will, so muß ich noch
07   Grund angeben, warum ich die Principien der Modalität gerade Postulate
08   genannt habe. Ich will diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung
09   nehmen, welche ihm einige neuere philosophische Verfasser wider den Sinn
10   der Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben haben, nämlich:
11   daß Postuliren so viel heißen solle, als einen Satz für unmittelbar
12   gewiß ohne Rechtfertigung oder Beweis ausgeben; denn wenn wir das
13   bei synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein mögen, einräumen sollten,
14   daß man sie ohne Deduction auf das Ansehen ihres eigenen Ausspruchs
15   dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe, so ist alle Kritik des Verstandes
16   verloren und da es an dreusten Anmaßungen nicht fehlt, deren sich [op 286]
17   auch der gemeine Glaube (der aber kein Creditiv ist) nicht weigert: so
18   wird unser Verstand jedem Wahne offen stehen, ohne daß er seinen Beifall
19   den Aussprüchen versagen kann, die, obgleich unrechtmäßig, doch in
20   eben demselben Tone der Zuversicht als wirkliche Axiomen eingelassen zu
21   werden verlangen. Wenn also zu dem Begriffe eines Dinges eine Bestimmung
22   a priori synthetisch hinzukommt, so muß von einem solchen
23   Satze, wo nicht ein Beweis, doch wenigstens eine Deduction der Rechtmäßigkeit
24   seiner Behauptung unnachlaßlich hinzugefügt werden.


25   Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objectiv=synthetisch,
26   weil die Prädicate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit den
27   Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren, dadurch
28   daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzusetzten. Da sie
29   aber gleichwohl doch immer synthetisch sind, so sind sie es nur subjectiv,
30   d. i. sie fügen zu dem Begriffe eines Dinges (Realen), von dem sie sonst
31   nichts sagen, die Erkenntnißkraft hinzu, worin er entspringt und seinen
32   Sitz hat: so daß, wenn er bloß im Verstande mit den formalen Bedingungen
33   der Erfahrung in Verknüpfung ist, sein Gegenstand möglich heißt;
34   ist er mit der Wahrnehmung (Empfindung als Materie der Sinne) im
35   Zusammenhange und durch dieselbe vermittelst des Verstandes bestimmt,
36   so ist das Object wirklich; ist er durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen [op 287]
37   nach Begriffen bestimmt, so heißt der Gegenstand nothwendig.


[seite 198]


01   Die Grundsätze der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts anders,
02   als die Handlung des Erkenntnißvermögens, dadurch er erzeugt wird.
03   Nun heißt ein Postulat in der Mathematik der praktische Satz, der nichts
04   als die Synthesis enthält, wodurch wir einen Gegenstand uns zuerst geben
05   und dessen Begriff erzeugen, z. B. mit einer gegebenen Linie aus einem
06   gegebenen Punkt auf einer Ebene einen Cirkel zu beschreiben; und ein dergleichen
07   Satz kann darum nicht bewiesen werden, weil das Verfahren, was
08   er fordert, gerade das ist, wodurch wir den Begriff von einer solchen Figur
09   zuerst erzeugen. So können wir demnach mit eben demselben Rechte die
10   Grundsätze der Modalität postuliren, weil sie ihren Begriff von Dingen
11   überhaupt nicht vermehren,*) sondern nur die Art anzeigen, wie er überhaupt
12   mit der Erkenntnißkraft verbunden wird.

[op 288]


13   Allgemeine Anmerkung zum System der Grundsätze.


14   Es ist etwas sehr Bemerkungswürdiges, daß wir die Möglichkeit
15   keines Dinges nach der bloßen Kategorie einsehen können, sondern immer
16   eine Anschauung bei der Hand haben müssen, um an derselben die objective
17   Realität des reinen Verstandesbegriffs darzulegen. Man nehme z. B.
18   die Kategorien der Relation. Wie 1) etwas nur als Subject, nicht als
19   bloße Bestimmung anderer Dinge existiren, d. i. Substanz sein könne,
20   oder wie 2) darum, weil etwas ist, etwas anderes sein müsse, mithin wie
21   etwas überhaupt Ursache sein könne, oder 3) wie, wenn mehrere Dinge
22   dasind, daraus, daß eines derselben da ist, etwas auf die übrigen und so
23   wechselseitig Folge, und auf diese Art eine Gemeinschaft von Substanzen
24   Statt haben könne, läßt sich gar nicht aus bloßen Begriffen einsehen.
25   Eben dieses gilt auch von den übrigen Kategorien, z. B. wie ein Ding
26   mit vielen zusammen einerlei, d. i. eine Größe, sein könne u. s. w.. So



27   *) Durch die Wirklichkeit eines Dinges setze ich freilich mehr als die Möglichkeit,
28   aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals mehr in der Wirklichkeit
29   enthalten, als was in dessen vollständiger Möglichkeit enthalten war. Sondern
30   da die Möglichkeit bloß eine Position des Dinges in Beziehung auf den Verstand
31   (dessen empirischen Gebrauch) war, so ist die Wirklichkeit zugleich eine Verknüpfung
32   desselben mit der Wahrnehmung.


[seite 199]


01   lange es also an Anschauung fehlt, weiß man nicht, ob man durch die
02   Kategorien ein Object denkt, und ob ihnen auch überall gar irgend ein
03   Object zukommen könne, und so bestätigt sich, daß sie für sich gar keine
04   Erkenntnisse, sondern bloße Gedankenformen sind, um aus gegebenen [op 289]
05   Anschauungen Erkenntnisse zu machen. - eben daher kommt es auch,
06   daß aus bloßen Kategorien kein synthetischer Satz gemacht werden kann.
07   Z. B. in allem Dasein ist Substanz, d. i. etwas, was nur als Subject
08   und nicht als bloßes Prädicat existiren kann; oder ein jedes Ding ist ein
09   Quantum u. s. w., wo gar nichts ist, was uns dienen könnte, über einen
10   gegebenen Begriff hinauszugehen und einen andern damit zu verknüpfen.
11   Daher es auch niemals gelungen ist, aus bloßen reinen Verstandesbegriffen
12   einen synthetischen Satz zu beweisen, z. B. den Satz: alles Zufällig=Existirende
13   hat eine Ursache. Man konnte niemals weiter kommen,
14   als zu beweisen, daß ohne diese Beziehung wir die Existenz des Zufälligen
15   gar nicht begreifen, d. i. a priori durch den Verstand die Existenz eines
16   solchen Dinges nicht erkennen könnten; woraus aber nicht folgt, daß eben
17   dieselbe auch die Bedingung der Möglichkeit der Sachen selbst sei. Wenn
18   man daher nach unserem Beweise des Grundsatzes der Causalität zurück
19   sehen will, so wird man gewahr werden, daß wir denselben nur von Objecten
20   möglicher Erfahrung beweisen konnten: alles, was geschieht, (eine
21   jede Begebenheit) setzt eine Ursache voraus und zwar so, daß wir ihn auch
22   nur als Princip der Möglichkeit der Erfahrung, mithin der Erkenntni
23   eines in der empirischen Anschauung gegebenen Objects und nicht
24   aus bloßen Begriffen beweisen konnten. Daß gleichwohl der Satz, alles [op 290]
25   Zufällige müsse eine Ursache haben, doch jedermann aus bloßen Begriffen
26   klar einleuchte, ist nicht zu leugnen; aber alsdann ist der Begriff des Zufälligen
27   schon so gefaßt, daß er nicht die Kategorie der Modalität (als etwas,
28   dessen Nichtsein sich denken läßt), sondern die der Relation (als
29   etwas, das nur als Folge von einem anderen existiren kann) enthält, und
30   da ist es freilich ein identischer Satz: was nur als Folge existiren kann,
31   hat seine Ursache. In der That, wenn wir Beispiele vom zufälligen Dasein
32   geben sollen, berufen wir uns immer auf Veränderungen und nicht
33   bloß auf die Möglichkeit des Gedankens vom Gegentheil.*) Veränderung


34   *) Man kann sich das Nichtsein der Materie leicht denken, aber die Alten folgerten
35   daraus doch nicht ihre Zufälligkeit. Allein selbst der Wechsel des Seins und
36   Nichtseins eines gegebenen Zustandes eines Dinges, darin alle Veränderung besteht,
37   beweiset gar nicht die Zufälligkeit dieses Zustandes gleichsam aus der Wirklichkeit'


31   seines Gegentheils, z. B. die Ruhe eines Körpers, welche auf die Bewegung folgt,
32   noch nicht die Zufälligkeit der Bewegung desselben daraus, weil die erstere das Gegentheil
33   der letzteren ist. Denn dieses Gegentheil ist hier nur logisch, nicht realiter
34   dem anderen entgegengesetzt. Man müßte beweisen, daß anstatt der Bewegung
35   im vorhergehenden Zeitpunkte es möglich gewesen, daß der Körper damals geruht
36   hätte, um die Zufälligkeit seiner Bewegung zu beweisen, nicht daß er hernach ruhe;
37   denn da können beide Gegentheile gar wohl mit einander bestehen.


[seite 200]

[op 291]
01   aber ist Begebenheit, die als solche nur durch eine Ursache möglich,
02   deren Nichtsein also für sich möglich ist, und so erkennt man die Zufälligkeit
03   daraus, daß etwas nur als Wirkung einer Ursache existiren kann;
04   wird daher ein Ding als zufällig angenommen, so ist's ein analytischer
05   Satz, zu sagen, es habe eine Ursache.


06   Noch merkwürdiger aber ist, daß wir, um die Möglichkeit der Dinge
07   zu Folge der Kategorien zu verstehen und also die objective Realität der
08   letzteren darzuthun, nicht bloß Anschauungen, sondern sogar immer äußere
09   Anschauungen bedürfen. Wenn wir z. B. die reinen Begriffe der Relation
10   nehmen, so finden wir, daß 1) um dem Begriffe der Substanz
11   correspondirend etwas Beharrliches in der Anschauung zu geben (und
12   dadurch die objective Realität dieses Begriffs darzuthun), wir eine Anschauung
13   im Raume (der Materie) bedürfen, weil der Raum allein beharrlich
14   bestimmt ist, die Zeit aber, mithin alles, was im inneren Sinne
15   ist, beständig fließt. 2) Um Veränderung, als die dem Begriffe der
16   Causalität correspondirende Anschauung, darzustellen, müssen wir Bewegung
17   als Veränderung im Raume zum Beispiele nehmen, ja sogar dadurch
18   allein können wir uns Veränderungen, deren Möglichkeit kein reiner
19   Verstand begreifen kann, anschaulich machen. Veränderung ist Verbindung
20   contradictorisch einander entgegengesetzter Bestimmungen im Dasein
21   eines und desselben Dinges. Wie es nun möglich sei, daß aus einem gegebenen [op 292]
22   Zustande ein ihm entgegengesetzter desselben Dinges folge, kann
23   nicht allein keine Vernunft sich ohne Beispiele begreiflich, sondern nicht
24   einmal ohne Anschauung verständlich machen; und diese Anschauung ist
25   die der Bewegung eines Punkts im Raume, dessen Dasein in verschiedenen
26   Örtern (als eine Folge entgegengesetzter Bestimmungen) zuerst uns
27   allein Veränderung anschaulich macht; denn um uns nachher selbst innere
28   Veränderungen denkbar zu machen, müssen wir die Zeit als die Form
29   des inneren Sinnes figürlich durch eine Linie und die innere Veränderung
30   durch das Ziehen dieser Linie (Bewegung), mithin die successive


[seite 201]


01   Existenz unser selbst in verschiedenem Zustande durch äußere Anschauung
02   uns faßlich machen; wovon der eigentliche Grund dieser ist, daß alle Veränderung
03   etwas Beharrliches in der Anschauung voraussetzt, um auch
04   selbst nur als Veränderung wahrgenommen zu werden, im inneren Sinn
05   aber gar keine beharrliche Anschauung angetroffen wird. - Endlich ist die
06   Kategorie der Gemeinschaft ihrer Möglichkeit nach gar nicht durch die
07   bloße Vernunft zu begreifen und also die objective Realität dieses Begriffs
08   ohne Anschauung und zwar äußere im Raum nicht einzusehen möglich.
09   Denn wie will man sich die Möglichkeit denken, daß, wenn mehrere
10   Substanzen existiren, aus der Existenz der einen auf die Existenz der anderen
11   wechselseitig etwas (als Wirkung) folgen könne, und also, weil in [op 293]
12   der ersteren etwas ist, darum auch in den anderen etwas sein müsse, was
13   aus der Existenz der letzteren allein nicht verstanden werden kann? Denn
14   dieses wird zur Gemeinschaft erfordert, ist aber unter Dingen, die sich ein
15   jedes durch seine Subsistenz völlig isoliren, gar nicht begreiflich. Daher
16   LeibnizPI, indem er den Substanzen der Welt, nur wie sie der Verstand
17   allein denkt, eine Gemeinschaft beilegte, eine Gottheit zur Vermittelung
18   brauchte; denn aus ihrem Dasein allein schien sie ihm mit Recht unbegreiflich.
19   Wir können aber die Möglichkeit der Gemeinschaft (der Substanzen
20   als Erscheinungen) uns gar wohl faßlich machen, wenn wir sie
21   uns im Raume, also in der äußeren Anschauung vorstellen. Denn dieser
22   enthält schon a priori formale äußere Verhältnisse als Bedingungen der
23   Möglichkeit der realen (in Wirkung und Gegenwirkung, mithin der Gemeinschaft)
24   in sich. - Eben so kann leicht dargethan werden, daß die
25   Möglichkeit der Dinge als Größen und also die objective Realität der
26   Kategorie der Größe auch nur in der äußeren Anschauung könne dargelegt
27   und vermittelst ihrer allein hernach auch auf den inneren Sinn angewandt
28   werden. Allein ich muß, um Weitläuftigkeit zu vermeiden, die Beispiele
29   davon dem Nachdenken des Lesers überlassen.


30   Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit, nicht allein um
31   unsere vorhergehende Widerlegung des Idealisms zu bestätigen, sondern
32   vielmehr noch, um, wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren [op 294]
33   Bewußtsein und der Bestimmung unserer Natur ohne Beihülfe äußerer
34   empirischen Anschauungen die Rede sein wird, uns die Schranken der
35   Möglichkeit einer solchen Erkenntniß anzuzeigen.


36   Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also: Alle
37   Grundsätze des reinen Verstandes sind nichts weiter als Principien a priori


[seite 202]


01   der Möglichkeit der Erfahrung, und auf die letztere allein beziehen sich
02   auch alle synthetische Sätze a priori, ja ihre Möglichkeit beruht selbst
03   gänzlich auf dieser Beziehung.


04   Der
05   Transscendent. Doctrin der Urtheilskraft
06   (Analytik der Grundsätze)


07   Drittes Hauptstück.
08   Von dem Grunde der Unterscheidung aller Gegenstände
09   überhaupt
10   in
11   Phaenomena und Noumena.


12   Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset
13   und jeden Theil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern
14   es auch durchmessen und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt.
15   Dieses Land aber ist eine Insel und durch die Natur selbst in unveränderliche
16   Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender [op 295]
17   Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Oceane, dem eigentlichen
18   Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende
19   Eis neue Länder lügt und, indem es den auf Entdeckungen
20   herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht,
21   ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch
22   auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer
23   wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen und gewiß zu werden,
24   ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen
25   Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen,
26   und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls
27   zufrieden sein könnten, oder auch aus Noth zufrieden sein müssen,
28   wenn es sonst überall keinen Boden giebt, auf dem wir uns anbauen
29   könnten; zweitens unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen
30   und uns wider alle feindselige Ansprüche gesichert halten können. Obschon
31   wir diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet


[seite 203]


01   haben, so kann doch ein summarischer Überschlag ihrer Auflösungen die
02   Überzeugung dadurch verstärken, daß er die Momente derselben in einem
03   Punkt vereinigt.


04   Wir haben nämlich gesehen: daß alles, was der Verstand aus sich
05   selbst schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch
06   zu keinem andern Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die [op 296]
07   Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori constitutiv sein
08   (wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die dynamischen), enthalten
09   nichts als gleichsam nur das reine Schema zur möglichen Erfahrung;
10   denn diese hat ihre Einheit nur von der synthetischen Einheit, welche
11   der Verstand der Synthesis der Einbildungskraft in Beziehung auf die
12   Apperception ursprünglich und von selbst ertheilt, und auf welche die Erscheinungen,
13   als data zu einem möglichen Erkenntnisse, schon a priori in
14   Beziehung und Einstimmung stehen müssen. Ob nun aber gleich diese
15   Verstandesregeln nicht allein a priori wahr sind, sondern sogar der Quell
16   aller Wahrheit, d. i. der Übereinstimmung unserer Erkenntniß mit Objecten,
17   dadurch daß sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung als des
18   Inbegriffes aller Erkenntniß, darin uns Objecte gegeben werden mögen,
19   in sich enthalten, so scheint es uns doch nicht genug, sich bloß dasjenige
20   vortragen zu lassen, was wahr ist, sondern was man zu wissen begehrt.
21   Wenn wir also durch diese kritische Untersuchung nichts mehreres lernen,
22   als was wir im bloß empirischen Gebrauche des Verstandes auch ohne so
23   subtile Nachforschung von selbst wohl würden ausgeübt haben, so scheint
24   es, sei der Vortheil, den man aus ihr zieht, den Aufwand und die Zurüstung
25   nicht werth. Nun kann man zwar hierauf antworten: daß kein
26   Vorwitz der Erweiterung unserer Erkenntniß nachtheiliger sei als der, so [op 297]
27   den Nutzen jederzeit zum voraus wissen will, ehe man sich auf Nachforschungen
28   einläßt, und ehe man noch sich den mindesten Begriff von
29   diesem Nutzen machen könnte, wenn derselbe auch vor Augen gestellt würde.
30   Allein es giebt doch einen Vortheil, der auch dem schwierigsten und unlustigsten
31   Lehrlinge solcher transscendentalen Nachforschung begreiflich
32   und zugleich angelegen gemacht werden kann, nämlich dieser: daß der blo
33   mit seinem empirischen Gebrauche beschäftigte Verstand, der über die
34   Quellen seiner eigenen Erkenntniß nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen,
35   eines aber gar nicht leisten könne, nämlich sich selbst die Grenzen
36   seines Gebrauchs zu bestimmen und zu wissen, was innerhalb oder außerhalb
37   seiner ganzen Sphäre liegen mag; denn dazu werden eben die tiefen


[seite 204]


01   Untersuchungen erfordert, die wir angestellt haben. Kann er aber nicht
02   unterscheiden, ob gewisse Fragen in seinem Horizonte liegen, oder nicht,
03   so ist er niemals seiner Ansprüche und seines Besitzes sicher, sondern darf
04   sich nur auf vielfältige beschämende Zurechtweisungen Rechnung machen,
05   wenn er die Grenzen seines Gebiets (wie es unvermeidlich ist) unaufhörlich
06   überschreitet und sich in Wahn und Blendwerke verirrt.


07   Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori, ja von
08   allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen, niemals aber einen
09   transscendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der, wenn er mit [op 298]
10   Überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen hinaussieht. Der
11   transscendentale Gebrauch eines Begriffs in irgend einem Grundsatze ist
12   dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an sich selbst, der empirische
13   aber, wenn er bloß auf Erscheinungen, d. i. Gegenstände einer möglichen
14   Erfahrung, bezogen wird. Daß aber überall nur der letztere stattfinden
15   könne, ersieht man daraus. Zu jedem Begriff wird erstlich die logische
16   Form eines Begriffs (des Denkens) überhaupt und dann zweitens
17   auch die Möglichkeit, ihm einen Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe,
18   erfordert. Ohne diesen letztern hat er keinen Sinn und ist völlig
19   leer an Inhalt, ob er gleich noch immer die logische Function enthalten
20   mag, aus etwanigen datis einen Begriff zu machen. Nun kann der Gegenstand
21   einem Begriffe nicht anders gegeben werden, als in der Anschauung,
22   und wenn eine reine Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich
23   ist, so kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die objective
24   Gültigkeit nur durch die empirische Anschauung bekommen, wovon
25   sie die bloße Form ist. Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen alle
26   Grundsätze, so sehr sie auch a priori möglich sein mögen, dennoch auf empirische
27   Anschauungen, d. i. auf data zur möglichen Erfahrung. Ohne
28   dieses haben sie gar keine objective Gültigkeit, sondern sind ein bloßes
29   Spiel, es sei der Einbildungskraft oder des Verstandes, respective mit
30   ihren Vorstellungen. Man nehme nur die Begriffe der Mathematik zum [op 299]
31   Beispiele und zwar erstlich in ihren reinen Anschauungen. Der Raum
32   hat drei Abmessungen, zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie
33   sein etc. Obgleich alle diese Grundsätze und die Vorstellung des Gegenstandes,
34   womit sich jene Wissenschaft beschäftigt, völlig a priori im Gemüth
35   erzeugt werden, so würden sie doch gar nichts bedeuten, könnten wir
36   nicht immer an Erscheinungen (empirischen Gegenständen) ihre Bedeutung
37   darlegen. Daher erfordert man auch, einen abgesonderten Begriff


[seite 205]


01   sinnlich zu machen, d. i. das ihm correspondirende Object in der Anschauung
02   darzulegen, weil ohne dieses der Begriff (wie man sagt) ohne
03   Sinn, d. i. ohne Bedeutung, bleiben würde. Die Mathematik erfüllt
04   diese Forderung durch die Construction der Gestalt, welche eine den
05   Sinnen gegenwärtige (obzwar a priori zu Stande gebrachte) Erscheinung
06   ist. Der Begriff der Größe sucht in eben der Wissenschaft seine Haltung
07   und Sinn in der Zahl, diese aber an den Fingern, den Corallen des
08   Rechenbretts, oder den Strichen und Punkten, die vor Augen gestellt werden.
09   Der Begriff bleibt immer a priori erzeugt sammt den synthetischen
10   Grundsätzen oder Formeln aus solchen Begriffen; aber der Gebrauch derselben
11   und Beziehung auf angebliche Gegenstände kann am Ende doch
12   nirgend, als in der Erfahrung gesucht werden, deren Möglichkeit (der
13   Form nach) jene a priori enthalten.

[op 300]


14   Daß dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien und den daraus
15   gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus: daß wir sogar keine
16   einzige derselben real definiren, d. i. die Möglichkeit ihres Objects verständlich
17   machen können, ohne uns sofort zu Bedingungen der Sinnlichkeit,
18   mithin der Form der Erscheinungen herabzulassen, als auf welche
19   als ihre einzige Gegenstände sie folglich eingeschränkt sein müssen: weil,
20   wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, d. i. Beziehung
21   aufs Object, wegfällt, und man durch kein Beispiel sich selbst faßlich
22   machen kann, was unter dergleichen Begriffe denn eigentlich für ein Ding
23   gemeint sei.


24   Den Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären, als etwa
25   so: daß sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie vielmal Eines
26   in ihm gesetzt ist, gedacht werden kann. Allein dieses Wievielmal gründet
27   sich auf die successive Wiederholung, mithin auf die Zeit und die Synthesis
28   (des Gleichartigen) in derselben. Realität kann man im Gegensatze
29   mit der Negation nur alsdann erklären, wenn man sich eine Zeit (als den
30   Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die entweder womit erfüllt, oder leer


[seite 206]


01   ist. Lasse ich die Beharrlichkeit (welche ein Dasein zu aller Zeit ist) weg,
02   so bleibt mir zum Begriffe der Substanz nichts übrig, als die logische Vorstellung
03   vom Subject, welche ich dadurch zu realisiren vermeine: daß ich [op 301]
04   mir Etwas vorstelle, welches bloß als Subject (ohne wovon ein Prädicat
05   zu sein) stattfinden kann. Aber nicht allein, daß ich gar keine Bedingungen
06   weiß, unter welchen denn dieser logische Vorzug irgend einem Dinge
07   eigen sein werde: so ist auch gar nichts weiter daraus zu machen und nicht
08   die mindeste Folgerung zu ziehen, weil dadurch gar kein Object des Gebrauchs
09   dieses Begriffs bestimmt wird, und man also gar nicht weiß, ob
10   dieser überall irgend etwas bedeute. Vom Begriffe der Ursache würde ich
11   (wenn ich die Zeit weglasse, in der etwas auf etwas anderes nach einer
12   Regel folgt) in der reinen Kategorie nichts weiter finden, als daß es so
13   etwas sei, woraus sich auf das Dasein eines andern schließen läßt; und
14   es würde dadurch nicht allein Ursache und Wirkung gar nicht von einander
15   unterschieden werden können, sondern weil dieses Schließenkönnen doch
16   bald Bedingungen erfordert, von denen ich nichts weiß, so würde der Begriff
17   gar keine Bestimmung haben, wie er auf irgend ein Object passe.
18   Der vermeinte Grundsatz: alles Zufällige hat eine Ursache, tritt zwar
19   ziemlich gravitätisch auf, als habe er seine eigene Würde in sich selbst.
20   Allein frage ich: was versteht ihr unter Zufällig? und ihr antwortet,
21   dessen Nichtsein möglich ist, so möchte ich gern wissen, woran ihr diese
22   Möglichkeit des Nichtseins erkennen wollt, wenn ihr euch nicht in der Reihe
23   der Erscheinungen eine Succession und in dieser ein Dasein, welches auf
24   das Nichtsein folgt (oder umgekehrt), mithin einen Wechsel vorstellt; denn
25   daß das Nichtsein eines Dinges sich selbst nicht widerspreche, ist eine lahme [op 302]
26   Berufung auf eine logische Bedingung, die zwar zum Begriffe nothwendig,
27   aber zur realen Möglichkeit bei weitem nicht hinreichend ist; wie ich
28   denn eine jede existirende Substanz in Gedanken aufheben kann, ohne mir
29   selbst zu widersprechen, daraus aber auf die objective Zufälligkeit derselben
30   in ihrem Dasein, d. i. die Möglichkeit ihres Nichtseins an sich selbst, gar
31   nicht schließen kann. Was den Begriff der Gemeinschaft betrifft, so ist
32   leicht zu ermessen: daß, da die reinen Kategorien der Substanz sowohl
33   als Causalität keine das Object bestimmende Erklärung zulassen, die
34   wechselseitige Causalität in der Beziehung der Substanzen auf einander
35   ( commercium ) eben so wenig derselben fähig sei. Möglichkeit, Dasein
36   und Nothwendigkeit hat noch niemand anders als durch offenbare Tautologie
37   erklären können, wenn man ihre Definition lediglich aus dem reinen


[seite 207]


01   Verstande schöpfen wollte. Denn das Blendwerk, die logische Möglichkeit
02   des Begriffs (da er sich selbst nicht widerspricht) der transscendentalen
03   Möglichkeit der Dinge (da dem Begriff ein Gegenstand correspondirt) zu
04   unterschieben, kann nur Unversuchte hintergehen und zufrieden stellen.*)

[op 303]


05   Hieraus fließt nun unwidersprechlich: daß die reinen Verstandesbegriffe
06   niemals von transscendentalem, sondern jederzeit nur von
07   empirischem Gebrauche sein können, und daß die Grundsätze des reinen
08   Verstandes nur in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer
09   möglichen Erfahrung auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge
10   überhaupt (ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie anschauen
11   mögen) bezogen werden können.


12   Die transscendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat:
13   daß der Verstand a priori niemals mehr leisten könne, als die Form einer
14   möglichen Erfahrung überhaupt zu anticipiren, und da dasjenige, was
15   nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er
16   die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen uns allein Gegenstände
17   gegeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind blo
18   Principien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name einer
19   Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische Erkenntnisse
20   a priori in einer systematischen Doctrin zu geben (z. E. den
21   Grundsatz der Causalität), muß dem bescheidenen einer bloßen Analytik
22   des reinen Verstandes Platz machen.

[op 304]


23   Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand
24   zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise
25   gegeben, so ist der Gegenstand bloß transscendental, und der Verstandesbegriff
26   hat keinen andern als transscendentalen Gebrauch, nämlich die
27   Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen überhaupt. Durch eine reine
28   Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung der sinnlichen Anschauung



29   *) Mit einem Worte, alle diese Begriffe lassen sich durch nichts belegen und
30   dadurch ihre reale Möglichkeit darthun, wenn alle sinnliche Anschauung (die einzige,
31   die wir haben) weggenommen wird, und es bleibt dann nur noch die logische
32   Möglichkeit übrig, d. i. daß der Begriff (Gedanke) möglich sei, wovon aber nicht die
33   Rede ist, sondern ob er sich auf ein Object beziehe und also irgend was bedeute.


[seite 208]


01   als der einzigen, die uns möglich ist, abstrahirt wird, wird also kein Object
02   bestimmt, sondern nur das Denken eines Objects überhaupt nach verschiedenen
03   modis ausgedrückt. Nun gehört zum Gebrauche eines Begriffs
04   noch eine Function der Urtheilskraft, worauf ein Gegenstand unter ihm
05   subsumirt wird, mithin die wenigstens formale Bedingung, unter der etwas
06   in der Anschauung gegeben werden kann. Fehlt diese Bedingung der
07   Urtheilskraft (Schema), so fällt alle Subsumtion weg; denn es wird nichts
08   gegeben, was unter den Begriff subsumirt werden könne. Der bloß transscendentale
09   Gebrauch also der Kategorien ist in der That gar kein Gebrauch
10   und hat keinen bestimmten oder auch nur der Form nach bestimmbaren
11   Gegenstand. Hieraus folgt, daß die reine Kategorie auch zu keinem
12   synthetischen Grundsatze a priori zulange, und daß die Grundsätze des
13   reinen Verstandes nur von empirischem, niemals aber von transscendentalem [op 305]
14   Gebrauche sind, über das Feld möglicher Erfahrung hinaus aber
15   es überall keine synthetische Grundsätze a priori geben könne.


16   Es kann daher rathsam sein, sich also auszudrücken: die reinen Kategorien
17   ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit haben bloß transscendentale
18   Bedeutung, sind aber von keinem transscendentalen Gebrauch,
19   weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle Bedingungen irgend
20   eines Gebrauchs (in Urtheilen) abgehen, nämlich die formalen Bedingungen
21   der Subsumtion irgend eines angeblichen Gegenstandes unter
22   diese Begriffe. Da sie also (als bloß reine Kategorien) nicht von empirischem
23   Gebrauche sein sollen und von transscendentalem nicht sein können,
24   so sind sie von gar keinem Gebrauche, wenn man sie von aller Sinnlichkeit
25   absondert, d. i. sie können auf gar keinen angeblichen Gegenstand angewandt
26   werden; vielmehr sind sie bloß die reine Form des Verstandesgebrauchs
27   in Ansehung der Gegenstände überhaupt und des Denkens,
28   ohne doch durch sie allein irgend ein Object denken oder bestimmen zu
29   können.


30   Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum
31   Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Ursprunge nach nicht auf
32   Sinnlichkeit wie die Anschauungsformen, Raum und Zeit, scheinen
33   also eine über alle Gegenstände der Sinne erweiterte Anwendung zu verstatten.


[seite 209]


01   Allein sie sind ihrerseits wiederum nichts als Gedankenformen,
02   die bloß das logische Vermögen enthalten, das mannigfaltige in der Anschauung [op 306]
03   Gegebene in ein Bewußtsein a priori zu vereinigen; und da
04   können sie, wenn man ihnen die uns allein mögliche Anschauung wegnimmt,
05   noch weniger Bedeutung haben, als jene reine sinnliche Formen,
06   durch die doch wenigstens ein Object gegeben wird, anstatt daß eine unserm
07   Verstande eigene Verbindungsart des Mannigfaltigen, wenn diejenige
08   Anschauung, darin dieses allein gegeben werden kann, nicht hinzu
09   kommt gar nichts bedeutet. - Gleichwohl liegt es doch schon in unserm
10   Begriffe, wenn wir gewisse Gegenstände als Erscheinungen Sinnenwesen
11   (Phaenomena) nennen, indem wir die Art, wie wir sie anschauen, von
12   ihrer Beschaffenheit an sich selbst unterscheiden: daß wir entweder eben
13   dieselbe nach dieser letzteren Beschaffenheit, wenn wir sie gleich in derselben
14   nicht anschauen, oder auch andere mögliche Dinge, die gar nicht Objecte
15   unserer Sinne sind, als Gegenstände, bloß durch den Verstand gedacht,
16   jenen gleichsam gegenüber stellen und sie Verstandeswesen (Noumena)
17   nennen. Nun frägt sich: ob unsere reine Verstandesbegriffe nicht in Ansehung
18   dieser letzteren Bedeutung haben und eine Erkenntnißart derselben
19   sein könnten?


20   Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit, welche großen
21   Mißverstand veranlassen kann: daß, da der Verstand, wenn er einen Gegenstand
22   in einer Beziehung bloß Phänomen nennt, er sich zugleich außer
23   dieser Beziehung noch eine Vorstellung von einem Gegenstande an sich [op 307]
24   selbst macht und sich daher vorstellt, er könne sich auch von dergleichen
25   Gegenstande Begriffe machen, und, da der Verstand keine andere als
26   die Kategorien liefert, der Gegenstand in der letzteren Bedeutung wenigstens
27   durch diese reine Verstandesbegriffe müsse gedacht werden können,
28   dadurch aber verleitet wird, den ganz unbestimmten Begriff von einem
29   Verstandeswesen als einem Etwas überhaupt außer unserer Sinnlichkeit
30   für einen bestimmten Begriff von einem Wesen, welches wir durch den
31   Verstand auf einige Art erkennen könnten, zu halten.


32   Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht
33   Object unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer
34   Anschauungsart desselben abstrahiren, so ist dieses ein Noumenon im negativen
35   Verstande. Verstehen wir aber darunter ein Object einer
36   nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere Anschauungsart
37   an, nämlich die intellectuelle, die aber nicht die unsrige ist, von


[seite 210]


01   welcher wir auch die Möglichkeit nicht einsehen können, und das wäre das
02   Noumenon in positiver Bedeutung.


03   Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den
04   Noumenen im negativen Verstande, d. i. von Dingen, die der Verstand
05   sich ohne diese Beziehung auf unsere Anschauungsart, mithin nicht blo
06   als Erscheinungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muß, von
07   denen er aber in dieser Absonderung zugleich begreift, daß er von seinen [op 308]
08   Kategorien in dieser Art sie zu erwägen keinen Gebrauch machen könne:
09   weil, da diese nur in Beziehung auf die Einheit der Anschauungen in
10   Raum und Zeit Bedeutung haben, sie eben diese Einheit auch nur wegen
11   der bloßen Idealität des Raums und der Zeit durch allgemeine Verbindungsbegriffe
12   a priori bestimmen können. Wo diese Zeiteinheit nicht angetroffen
13   werden kann, mithin beim Noumenon, da hört der ganze Gebrauch,
14   ja selbst alle Bedeutung der Kategorien völlig auf; denn selbst die
15   Möglichkeit der Dinge, die den Kategorien entsprechen sollen, läßt sich
16   gar nicht einsehen, weshalb ich mich nur auf das berufen darf, was ich in
17   der allgemeinen Anmerkung zum vorigen Hauptstücke gleich zu Anfang
18   anführte. Nun kann aber die Möglichkeit eines Dinges niemals bloß aus
19   dem Nichtwidersprechen eines Begriffs desselben, sondern nur dadurch,
20   daß man diesen durch eine ihm correspondirende Anschauung belegt, bewiesen
21   werden. Wenn wir also die Kategorien auf Gegenstände, die nicht
22   als Erscheinungen betrachtet werden, anwenden wollten, so müßten wir
23   eine andere Anschauung als die sinnliche zum Grunde legen, und alsdann
24   wäre der Gegenstand ein Noumenon in positiver Bedeutung. Da nun
25   eine solche, nämlich die intellectuelle Anschauung, schlechterdings außer
26   unserem Erkenntnißvermögen liegt, so kann auch der Gebrauch der Kategorien
27   keinesweges über die Grenze der Gegenstände der Erfahrung hinausreichen;
28   und den Sinnenwesen correspondiren zwar freilich Verstandeswesen, [op 309]
29   auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche unser sinnliches
30   Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere Verstandesbegriffe,
31   als bloße Gedankenformen für unsere sinnliche Anschauung, reichen
32   nicht im mindesten auf diese hinaus; was also von uns Noumenon genannt
33   wird, muß als ein solches nur in negativer Bedeutung verstanden
34   werden.


35   Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen Erkenntni


[seite 211]


01   wegnehme, so bleibt gar keine Erkenntniß irgend eines Gegenstandes
02   übrig; denn durch bloße Anschauung wird gar nichts gedacht, und
03   daß diese Affection der Sinnlichkeit in mir ist, macht gar keine Beziehung
04   von dergleichen Vorstellung auf irgend ein Object aus. Lasse ich aber hingegen
05   alle Anschauung weg, so bleibt doch noch die Form des Denkens,
06   d. i. die Art, dem Mannigfaltigen einer möglichen Anschauung einen
07   Gegenstand zu bestimmen. Daher erstrecken sich die Kategorien so fern
08   weiter, als die sinnliche Anschauung, weil sie Objecte überhaupt denken,
09   ohne noch auf die besondere Art (der Sinnlichkeit) zu sehen, in der sie gegeben
10   werden mögen. Sie bestimmen aber dadurch nicht eine größere
11   Sphäre von Gegenständen, weil, daß solche gegeben werden können, man
12   nicht annehmen kann, ohne daß man eine andere als sinnliche Art der Anschauung
13   als möglich voraussetzt, wozu wir aber keinesweges berechtigt
14   sind.

[op 310]


15   Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch enthält,
16   der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit andern Erkenntnissen
17   zusammenhängt, dessen objective Realität aber auf keine Weise
18   erkannt werden kann. Der Begriff eines Noumenon, d. i. eines Dinges,
19   welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding an sich
20   selbst (lediglich durch einen reinen Verstand) gedacht werden soll, ist gar
21   nicht widersprechend; denn man kann von der Sinnlichkeit doch nicht behaupten,
22   daß sie die einzige mögliche Art der Anschauung sei. Ferner ist
23   dieser Begriff nothwendig, um die sinnliche Anschauung nicht bis über die
24   Dinge an sich selbst auszudehnen und also um die objective Gültigkeit der
25   sinnlichen Erkenntniß einzuschränken (denn die übrigen, worauf jene nicht
26   reicht, heißen eben darum Noumena, damit man dadurch anzeige, jene Erkenntnisse
27   können ihr Gebiet nicht über alles, was der Verstand denkt, erstrecken).
28   am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher Noumenorum gar
29   nicht einzusehen, und der Umfang außer der Sphäre der Erscheinungen ist
30   (für uns) leer, d. i. wir haben einen Verstand, der sich problematisch
31   weiter erstreckt als jene, aber keine Anschauung, ja auch nicht einmal den
32   Begriff von einer möglichen Anschauung, wodurch uns außer dem Felde
33   der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben und der Verstand über dieselbe hinaus
34   assertorisch gebraucht werden könne. Der Begriff eines Noumenon [op 311]
35   ist also bloß ein Grenzbegriff, um die Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken,
36   und also nur von negativem Gebrauche. Er ist aber gleichwohl
37   nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der Einschränkung der


[seite 212]


01   Sinnlichkeit zusammen, ohne doch etwas Positives außer dem Umfange
02   derselben setzen zu können.


03   Die Eintheilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena und
04   der Welt in eine Sinnen= und Verstandeswelt kann daher in positiver
05   Bedeutung gar nicht zugelassen werden, obgleich Begriffe allerdings
06   die Eintheilung in sinnliche und intellectuelle zulassen; denn man kann den
07   letzteren keinen Gegenstand bestimmen und sie also auch nicht für objectiv
08   gültig ausgeben. Wenn man von den Sinnen abgeht, wie will man begreiflich
09   machen, daß unsere Kategorien (welche die einzigen übrig bleibenden
10   Begriffe für Noumena sein würden) noch überall etwas bedeuten, da
11   zu ihrer Beziehung auf irgend einen Gegenstand noch etwas mehr als blo
12   die Einheit des Denkens, nämlich überdem eine mögliche Anschauung, gegeben
13   sein muß, darauf jene angewandt werden können? Der Begriff eines
14   Noumeni , bloß problematisch genommen, bleibt demungeachtet nicht allein
15   zulässig, sondern auch, als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff,
16   unvermeidlich. Aber alsdann ist das nicht ein besonderer intelligibeler
17   Gegenstand für unsern Verstand, sondern ein Verstand, für den
18   es gehörte, ist selbst ein Problema, nämlich nicht discursiv, durch Kategorien, [op 312]
19   sondern intuitiv, in einer nichtsinnlichen Anschauung, seinen Gegenstand
20   zu erkennen, als von welchem wir uns nicht die geringste Vorstellung
21   seiner Möglichkeit machen können. Unser Verstand bekommt nun auf diese
22   Weise eine negative Erweiterung, d. i. er wird nicht durch die Sinnlichkeit
23   eingeschränkt, sondern schränkt vielmehr dieselbe ein, dadurch daß er Dinge
24   an sich selbst (nicht als Erscheinungen betrachtet) Noumena nennt. Aber
25   er setzt sich auch sofort selbst Grenzen, sie durch keine Kategorien zu erkennen,
26   mithin sie nur unter dem Namen eines unbekannten Etwas zu
27   denken.


28   Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz andern
29   Gebrauch der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis ,*) der



30   *) Man muß nicht statt dieses Ausdrucks den einer intellectuellen Welt,
31   wie man im deutschen Vortrage gemeinhin zu thun pflegt, brauchen; denn intellectuell
32   oder sensitiv sind nur die Erkenntnisse. Was aber nur ein Gegenstand
33   der einen oder der anderen Anschauungsart sein kann, die Objecte also, müssen (unerachtet
34   der Härte des Lauts) intelligibel oder sensibel heißen.


[seite 213]


01   von dem Sinne der Alten ganz abweicht, und wobei es freilich keine
02   Schwierigkeit hat, aber auch nichts als leere Wortkrämerei angetroffen
03   wird. Nach demselben hat es einigen beliebt, den Inbegriff der Erscheinungen,
04   sofern er angeschaut wird, die Sinnenwelt, sofern aber der Zusammenhang
05   derselben nach allgemeinen Verstandesgesetzen gedacht wird, [op 313]
06   die Verstandeswelt zu nennen. Die theoretische Astronomie, welche die
07   bloße Beobachtung des bestirnten Himmels vorträgt, würde die erstere, die
08   contemplative dagegen (etwa nach dem Copernicanischen Weltsystem,
09   oder gar nach Newtons Gravitationsgesetzen erklärt) die zweite, nämlich
10   eine intelligibele Welt, vorstellig machen. Aber eine solche Wortverdrehung
11   ist eine bloße sophistische Ausflucht, um einer beschwerlichen Frage auszuweichen,
12   dadurch daß man ihren Sinn zu seiner Gemächlichkeit herabstimmt.
13   In Ansehung der Erscheinungen läßt sich allerdings Verstand
14   und Vernunft brauchen; aber es frägt sich, ob diese auch noch einigen Gebrauch
15   haben, wenn der Gegenstand nicht Erscheinung (Noumenon) ist,
16   und in diesem Sinne nimmt man ihn, wenn er an sich als bloß intelligibel,
17   d. i. dem Verstande allein und gar nicht den Sinnen gegeben, gedacht wird.
18   Es ist also die Frage: ob außer jenem empirischen Gebrauche des Verstandes
19   (selbst in der Newtonischen Vorstellung des Weltbaues) noch
20   ein transscendentaler möglich sei, der auf das Noumenon als einen Gegenstand
21   gehe, welche Frage wir verneinend beantwortet haben.


22   Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände
23   vor, wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das
24   letztere nicht in transscendentaler, sondern bloß empirischer Bedeutung zu
25   nehmen, nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung im durchgängigen [op 314]
26   Zusammenhange der Erscheinungen müssen vorgestellt werden und nicht
27   nach dem, was sie außer der Beziehung auf mögliche Erfahrung und folglich
28   auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände des reinen Verstandes
29   sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt bleiben, so gar, da
30   es auch unbekannt bleibt, ob eine solche transscendentale (außerordentliche)
31   Erkenntniß überall möglich sei, zum wenigsten als eine solche, die unter
32   unseren gewöhnlichen Kategorien steht. Verstand und Sinnlichkeit
33   können bei uns nur in Verbindung Gegenstände bestimmen. Wenn
34   wir sie trennen, so haben wir Anschauungen ohne Begriffe, oder Begriffe
35   ohne Anschauungen, in beiden Fällen aber Vorstellungen, die wir auf
36   keinen bestimmten Gegenstand beziehen können.


37   Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf alle diese Erörterungen dem


[seite 214]


01   bloß transscendentalen Gebrauche der Kategorien zu entsagen, so mache er
02   einen Versuch von ihnen in irgend einer synthetischen Behauptung. Denn
03   eine analytische bringt den Verstand nicht weiter, und da er nur mit dem
04   beschäftigt ist, was in dem Begriffe schon gedacht wird, so läßt er es unausgemacht,
05   ob dieser an sich selbst auf Gegenstände Beziehung habe, oder
06   nur die Einheit des Denkens überhaupt bedeute (welche von der Art, wie
07   ein Gegenstand gegeben werden mag, völlig abstrahirt); es ist ihm genug
08   zu wissen, was in seinem Begriffe liegt; worauf der Begriff selber gehen [op 315]
09   möge, ist ihm gleichgültig. Er versuche es demnach mit irgend einem synthetischen
10   und vermeintlich transscendentalen Grundsatze, als: alles, was
11   da ist, existirt als Substanz oder eine derselben anhängende Bestimmung;
12   alles Zufällige existirt als Wirkung eines andern Dinges, nämlich seiner
13   Ursache, u. s. w.. Nun frage ich: woher will er diese synthetische Sätze
14   nehmen, da die Begriffe nicht beziehungsweise auf mögliche Erfahrung,
15   sondern von Dingen an sich selbst (Noumena) gelten sollen? Wo ist hier
16   das Dritte, welches jederzeit zu einem synthetischen Satze erfordert wird,
17   um in demselben Begriffe, die gar keine logische (analytische) Verwandtschaft
18   haben, mit einander zu verknüpfen? Er wird seinen Satz niemals
19   beweisen, ja was noch mehr ist, sich nicht einmal wegen der Möglichkeit
20   einer solchen reinen Behauptung rechtfertigen können, ohne auf den empirischen
21   Verstandesgebrauch Rücksicht zu nehmen und dadurch dem reinen
22   und sinnenfreien Urtheile völlig zu entsagen. So ist denn der Begriff
23   reiner, bloß intelligibeler Gegenstände gänzlich leer von allen Grundsätzen
24   ihrer Anwendung, weil man keine Art ersinnen kann, wie sie gegeben werden
25   sollten, und der problematische Gedanke, der doch einen Platz für sie
26   offen läßt, dient nur wie ein leerer Raum, die empirischen Grundsätze einzuschränken,
27   ohne doch irgend ein anderes Object der Erkenntniß außer der
28   Sphäre der letzteren in sich zu enthalten und aufzuweisen.

[op 316]


29   Anhang.
30   Von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe
31   durch die Verwechselung des empirischen Verstandesgebrauchs
32   mit dem transscendentalen.


33   Die Überlegung ( reflexio ) hat es nicht mit den Gegenständen selbst
34   zu thun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der Zustand


[seite 215]


01   des Gemüths, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um die
02   subjectiven Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu Begriffen
03   gelangen können. Sie ist das Bewußtsein des Verhältnisses gegebener
04   Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnißquellen, durch
05   welches allein ihr Verhältniß unter einander richtig bestimmt werden kann.
06   Die erste Frage vor aller weitern Behandlung unserer Vorstellung ist die:
07   in welchem Erkenntnißvermögen gehören sie zusammen? Ist es der Verstand,
08   oder sind es die Sinne, vor denen sie verknüpft oder verglichen werden?
09   Manches Urtheil wird aus Gewohnheit angenommen oder durch
10   Neigung geknüpft; weil aber keine Überlegung vorhergeht, oder wenigstens
11   kritisch darauf folgt, so gilt es für ein solches, das im Verstande seinen Ursprung
12   erhalten hat. Nicht alle Urtheile bedürfen einer Untersuchung,
13   d. i. einer Aufmerksamkeit auf die Gründe der Wahrheit; denn wenn sie [op 317]
14   unmittelbar gewiß sind, z. B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade
15   Linie sein, so läßt sich von ihnen kein noch näheres Merkmal der Wahrheit,
16   als das sie selbst ausdrücken, anzeigen. Aber alle Urtheile, ja alle
17   Vergleichungen bedürfen einer Überlegung, d. i. einer Unterscheidung
18   der Erkenntnißkraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören. Die Handlung,
19   dadurch ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der Erkenntnißkraft
20   zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und wodurch ich
21   unterscheide, ob sie als zum reinen Verstande oder zur sinnlichen Anschauung
22   gehörend unter einander verglichen werden, nenne ich die transscendentale
23   Überlegung. Das Verhältniß aber, in welchem die Begriffe
24   in einem Gemüthszustande zu einander gehören können, ist das der Einerleiheit
25   und Verschiedenheit, der Einstimmung und des Widerstreits,
26   des Inneren und des Äußeren, endlich des Bestimmbaren
27   und der Bestimmung (Materie und Form). Die richtige Bestimmung
28   dieses Verhältnisses beruht darauf, in welcher Erkenntnißkraft sie subjectiv
29   zu einander gehören, ob in der Sinnlichkeit oder dem Verstande.
30   Denn der Unterschied der letzteren macht einen großen Unterschied in der
31   Art, wie man sich die ersten denken solle.


32   Vor allen objectiven Urtheilen vergleichen wir die Begriffe, um auf
33   die Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf
34   der allgemeinen Urtheile, oder die Verschiedenheit derselben zu Erzeugung [op 318]
35   besonderer, auf die Einstimmung, daraus bejahende, und


[seite 216]


01   den Widerstreit, daraus verneinende Urtheile werden können u. s. w.,
02   zu kommen. Aus diesem Grunde sollten wir, wie es scheint, die angeführten
03   Begriffe Vergleichungsbegriffe nennen ( conceptus comparationis ).
04   Weil aber, wenn es nicht auf die logische Form, sondern auf den Inhalt
05   der Begriffe ankommt, d. i. ob die Dinge selbst einerlei oder verschieden,
06   einstimmig oder im Widerstreit sind etc., die Dinge ein zwiefaches Verhältni
07   zu unserer Erkenntnißkraft, nämlich zur Sinnlichkeit und zum Verstande,
08   haben können, auf diese Stelle aber, darin sie gehören, die Art ankommt,
09   wie sie zu einander gehören sollen: so wird die transscendentale
10   Reflexion, d. i. das Verhältniß gegebener Vorstellungen zu einer oder der
11   anderen Erkenntnißart, ihr Verhältniß unter einander allein bestimmen
12   können; und ob die Dinge einerlei oder verschieden, einstimmig oder widerstreitend
13   sind etc., wird nicht sofort aus den Begriffen selbst durch bloße
14   Vergleichung ( comparatio ), sondern allererst durch die Unterscheidung der
15   Erkenntnißart, wozu sie gehören, vermittelst einer transscendentalen Überlegung
16   ( reflexio ), ausgemacht werden können. Man könnte also zwar sagen:
17   daß die logische Reflexion eine bloße Comparation sei, denn bei ihr
18   wird von der Erkenntnißkraft, wozu die gegebenen Vorstellungen gehören,
19   gänzlich abstrahirt, und sie sind also so fern ihrem Sitze nach im Gemüthe als [op 319]
20   gleichartig zu behandeln; die transscendentale Reflexion aber (welche
21   auf die Gegenstände selbst geht) enthält den Grund der Möglichkeit der
22   objectiven Comparation der Vorstellungen unter einander und ist also von
23   der letzteren gar sehr verschieden, weil die Erkenntnißkraft, dazu sie gehören,
24   nicht eben dieselbe ist. Diese transscendentale Überlegung ist eine
25   Pflicht, von der sich niemand lossagen kann, wenn er a priori etwas über
26   Dinge urtheilen will. Wir wollen sie jetzt zur Hand nehmen und werden
27   daraus für die Bestimmung des eigentlichen Geschäfts des Verstandes
28   nicht wenig Licht ziehen.


29   1. Einerleiheit und Verschiedenheit.Wenn uns ein Gegenstand


30   mehrmals, jedesmal aber mit eben denselben innern Bestimmungen
31   ( qualitas et quantitas ) dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er als Gegenstand
32   des reinen Verstandes gilt, immer eben derselbe und nicht viel, sondern
33   nur Ein Ding ( numerica identitas ); ist er aber Erscheinung, so
34   kommt es auf die Vergleichung der Begriffe gar nicht an, sondern so sehr
35   auch in Ansehung derselben alles einerlei sein mag, ist doch die Verschiedenheit
36   der Örter dieser Erscheinung zu gleicher Zeit ein genugsamer
37   Grund der numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes (der Sinne)


[seite 217]


01   selbst. So kann man bei zwei Tropfen Wasser von aller innern Verschiedenheit
02   (der Qualität und Quantität) völlig abstrahiren, und es ist genug,
03   daß sie in verschiedenen Örtern zugleich angeschaut werden, um sie [op 320]
04   für numerisch verschieden zu halten. LeibnizPI nahm die Erscheinungen
05   als Dinge an sich selbst, mithin für intelligibilia , d. i. Gegenstände des
06   reinen Verstandes (ob er gleich wegen der Verworrenheit ihrer Vorstellungen
07   dieselben mit dem Namen der Phänomene belegte), und da konnte
08   seinPI Satz des Nichtzuunterscheidenden ( principium identitatis indiscernibilium )
09   allerdings nicht bestritten werden; da sie aber Gegenstände
10   der Sinnlichkeit sind, und der Verstand in Ansehung ihrer nicht
11   von reinem, sondern bloß empirischem Gebrauche ist, so wird die Vielheit
12   und numerische Verschiedenheit schon durch den Raum selbst als die Bedingung
13   der äußeren Erscheinungen angegeben. Denn ein Theil des
14   Raums, ob er zwar einem andern völlig ähnlich und gleich sein mag, ist
15   doch außer ihm und eben dadurch ein vom ersteren verschiedener Theil,
16   der zu ihm hinzukommt, um einen größeren Raum auszumachen; und
17   dieses muß daher von allem, was in den mancherlei Stellen des Raums
18   zugleich ist, gelten, so sehr es sich sonst auch ähnlich und gleich sein mag.


19   2. Einstimmung und Widerstreit.Wenn Realität nur durch den


20   reinen Verstand vorgestellt wird ( realitas noumenon ), so läßt sich zwischen
21   den Realitäten kein Widerstreit denken, d. i. ein solches Verhältniß, da
22   sie, in einem Subject verbunden, einander ihre Folgen aufheben, und
23   3-3 = 0 sei. Dagegen kann das Reale in der Erscheinung ( realitas [op 321]
24   phaenomenon ) unter einander allerdings im Widerstreit sein und, vereint
25   in demselben Subject, eines die Folge des andern ganz oder zum Theil
26   vernichten, wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden Linie, sofern
27   sie einen Punkt in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen oder drücken,
28   oder auch ein Vergnügen, was dem Schmerze die Wage hält.


29   3. Das Innere und Äußere.An einem Gegenstande des reinen


30   Verstandes ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Beziehung (dem
31   Dasein nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat. Dagegen sind
32   die innern Bestimmungen einer substantia phaenomenon im Raume
33   nichts als Verhältnisse und sie selbst ganz und gar ein Inbegriff von lauter
34   Relationen. Die Substanz im Raume kennen wir nur durch Kräfte,
35   die in demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu treiben (Anziehung),
36   oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurückstoßung und
37   Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir nicht, die den Begriff


[seite 218]


01   von der Substanz, die im Raum erscheint, und die wir Materie
02   nennen, ausmachen. Als Object des reinen Verstandes muß jede Substanz
03   dagegen innere Bestimmungen und Kräfte haben, die auf die innere
04   Realität gehen. Allein was kann ich mir für innere Accidenzen denken,
05   als diejenigen, so mein innerer Sinn mir darbietet, nämlich das, was
06   entweder selbst ein Denken, oder mit diesem analogisch ist? Daher machte [op 322]
07   LeibnizPI aus allen Substanzen, weil er sie sich als Noumena vorstellte,
08   selbst aus den Bestandtheilen der Materie, nachdem er ihnen alles, was
09   äußere Relation bedeuten mag, mithin auch die Zusammensetzung in
10   Gedanken genommen hatte, einfache Subjecte, mit Vorstellungskräften begabt,
11   mit einem Wort Monaden.


12   4. Materie und Form.Dieses sind zwei Begriffe, welche aller


13   andern Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem
14   Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet
15   das Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung (beides in
16   transscendentalem Verstande, da man von allem Unterschiede dessen, was
17   gegeben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahirt). Die Logiker
18   nannten ehedem das Allgemeine die Materie, den specifischen Unterschied
19   aber die Form. In jedem Urtheile kann man die gegebenen Begriffe logische
20   Materie (zum Urtheile), das Verhältniß derselben (vermittelst der
21   Copula) die Form des Urtheils nennen. In jedem Wesen sind die Bestandstücke
22   desselben ( essentialia ) die Materie, die Art, wie sie in einem
23   Dinge verknüpft sind, die wesentliche Form. Auch wurde in Ansehung
24   der Dinge überhaupt unbegrenzte Realität als die Materie aller Möglichkeit,
25   Einschränkung derselben aber (Negation) als diejenige Form angesehen,
26   wodurch sich ein Ding vom andern nach transscendentalen Begriffen
27   unterscheidet. Der Verstand nämlich verlangt zuerst, daß etwas gegeben [op 323]
28   sei (wenigstens im Begriffe), um es auf gewisse Art bestimmen zu können.
29   Daher geht im Begriffe des reinen Verstandes die Materie der Form
30   vor, und LeibnizPI nahm um deswillen zuerst Dinge an (Monaden) und
31   innerlich eine Vorstellungskraft derselben, um darnach das äußere Verhältni
32   derselben und die Gemeinschaft ihrer Zustände (nämlich der Vorstellungen)
33   darauf zu gründen. Daher waren Raum und Zeit, jener nur
34   durch das Verhältniß der Substanzen, diese durch die Verknüpfung der
35   Bestimmungen derselben unter einander als Gründe und Folgen möglich.
36   So würde es auch in der That sein müssen, wenn der reine Verstand unmittelbar
37   auf Gegenstände bezogen werden könnte, und wenn Raum und


[seite 219]


01   Zeit Bestimmungen der Dinge an sich selbst wären. Sind es aber nur
02   sinnliche Anschauungen, in denen wir alle Gegenstände lediglich als Erscheinungen
03   bestimmen, so geht die Form der Anschauung (als eine subjective
04   Beschaffenheit der Sinnlichkeit) vor aller Materie (den Empfindungen),
05   mithin Raum und Zeit vor allen Erscheinungen und allen datis
06   der Erfahrung vorher und macht diese vielmehr allererst möglich. Der
07   Intellectualphilosoph konnte es nicht leiden: daß die Form vor den Dingen
08   selbst vorhergehen und dieser ihre Möglichkeit bestimmen sollte, eine
09   ganz richtige Censur, wenn er annahm, daß wir die Dinge anschauen, wie
10   sie sind (obgleich mit verworrener Vorstellung). Da aber die sinnliche [op 324]
11   Anschauung eine ganz besondere subjective Bedingung ist, welche aller
12   Wahrnehmung a priori zum Grunde liegt, und deren Form ursprünglich
13   ist: so ist die Form für sich allein gegeben, und weit gefehlt, daß die
14   Materie (oder die Dinge selbst, welche erscheinen) zum Grunde liegen
15   sollte (wie man nach bloßen Begriffen urtheilen müßte), so setzt die Möglichkeit
16   derselben vielmehr eine formale Anschauung (Zeit und Raum) als
17   gegeben voraus.


18   Anmerkung
19   zur Amphibolie der Reflexionsbegriffe.


20   Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in
21   der Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande ertheilen, den transscendentalen
22   Ort zu nennen. Auf solche Weise wäre die Beurtheilung dieser
23   Stelle, die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt,
24   und die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen,
25   die transscendentale Topik; eine Lehre, die vor Erschleichungen des
26   reinen Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich bewahren
27   würde, indem sie jederzeit unterschiede, welcher Erkenntnißkraft
28   die Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen jeden Begriff, einen
29   jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören, einen logischen Ort
30   nennen. Hierauf gründet sich die logische Topik des AristotelesPI, deren
31   sich Schullehrer und Redner bedienen konnten, um unter gewissen Titeln [op 325]
32   des Denkens nachzusehen, was sich am besten für eine vorliegende Materie
33   schickte, und darüber mit einem Schein von Gründlichkeit zu vernünfteln,
34   oder wortreich zu schwatzen.


[seite 220]


01   Die transscendentale Topik enthält dagegen nicht mehr, als die angeführten
02   vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung, die sich dadurch
03   von Kategorien unterscheiden, daß durch jene nicht der Gegenstand
04   nach demjenigen, was seinen Begriff ausmacht (Größe, Realität), sondern
05   nur die Vergleichung der Vorstellungen, welche vor dem Begriffe von
06   Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit dargestellt wird. Diese
07   Vergleichung aber bedarf zuvörderst einer Überlegung, d. i. einer Bestimmung
08   desjenigen Orts, wo die Vorstellungen der Dinge, die verglichen
09   werden, hingehören, ob sie der reine Verstand denkt, oder die Sinnlichkeit
10   in der Erscheinung giebt.


11   Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum zu
12   bekümmern, wohin ihre Objecte gehören, ob als Noumena vor den Verstand,
13   oder als Phänomena vor die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit diesen
14   Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst transscendentale
15   Überlegung nöthig, für welche Erkenntnißkraft sie Gegenstände
16   sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die Sinnlichkeit. Ohne diese
17   Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch von diesen Begriffen, [op 326]
18   und es entspringen vermeinte synthetische Grundsätze, welche die kritische
19   Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transscendentalen
20   Amphibolie, d. i. einer Verwechselung des reinen Verstandesobjects
21   mit der Erscheinung, gründen.


22   In Ermangelung einer solchen transscendentalen Topik und mithin
23   durch die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der
24   berühmte LeibnizPI ein intellectuelles System der Welt, oder glaubte
25   vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle Gegenstände
26   nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen Begriffen
27   seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe schafft
28   uns den unerwarteten Vortheil, das Unterscheidende seines Lehrbegriffs in
29   allen seinen Theilen und zugleich den leitenden Grund dieser eigenthümlichen
30   Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts als einem Mißverstande
31   beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch Begriffe mit einander
32   und fand, wie natürlich, keine andere Verschiedenheiten als die,
33   durch welche der Verstand seine reinen Begriffe von einander unterscheidet.
34   Die Bedingungen der sinnlichen Anschauung, die ihre eigene Unterschiede
35   bei sich führen, sah er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit
36   war ihm nur eine verworrene Vorstellungsart und kein besonderer Quell
37   der Vorstellungen; Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges


[seite 221]


01   an sich selbst, obgleich von der Erkenntniß durch den Verstand der logischen [op 327]
02   Form nach unterschieden, da nämlich jene bei ihrem gewöhnlichen
03   Mangel der Zergliederung eine gewisse Vermischung von Nebenvorstellungen
04   in den Begriff des Dinges zieht, die der Verstand davon abzusondern
05   weiß. Mit einem Worte: LeibnizPI intellectuirte die Erscheinungen, so
06   wie LockePI die Verstandesbegriffe nach seinem System der Noogonie
07   (wenn es mir erlaubt ist, mich dieser Ausdrücke zu bedienen) insgesammt
08   sensificirt, d. i. für nichts als empirische oder abgesonderte Reflexionsbegriffe
09   ausgegeben hatte. Anstatt im Verstande und der Sinnlichkeit
10   zwei ganz verschiedene Quellen von Vorstellungen zu suchen, die aber nur
11   in Verknüpfung objectiv gültig von Dingen urtheilen könnten, hielt
12   sich ein jeder dieser großen Männer nur an eine von beiden, die sich ihrer
13   Meinung nach unmittelbar auf Dinge an sich selbst bezöge, indessen da
14   die andere nichts that, als die Vorstellungen der ersteren zu verwirren
15   oder zu ordnen.


16   LeibnizPI verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge
17   überhaupt bloß im Verstande unter einander. Erstlich, so fern sie von
18   diesem als einerlei oder verschieden geurtheilt werden sollen. Da er also
19   lediglich ihre Begriffe und nicht ihre Stelle in der Anschauung, darin die
20   Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte und den
21   transscendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Object unter Erscheinungen,
22   oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei) gänzlich aus der Acht ließ, [op 328]
23   so konnte es nicht anders ausfallen, als daß er seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden,
24   der bloß von Begriffen der Dinge überhaupt gilt, auch
25   auf die Gegenstände der Sinne ( mundus phaenomenon ) ausdehnte und
26   der Naturerkenntniß dadurch keine geringe Erweiterung verschafft zu haben
27   glaubte. Freilich, wenn ich einen Tropfen Wasser als ein Ding an
28   sich selbst nach allen seinen innern Bestimmungen kenne, so kann ich keinen
29   derselben von dem andern für verschieden gelten lassen, wenn der ganze
30   Begriff desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume,
31   so hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern
32   in der sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume); und da sind die physischen
33   Örter in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge ganz
34   gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem andern in
35   dem Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, eben sowohl aufnehmen, als
36   wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die Verschiedenheit
37   der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der Gegenstände


[seite 222]


01   als Erscheinungen ohne weitere Bedingungen schon für sich nicht
02   allein möglich, sondern auch nothwendig. Also ist jenes scheinbare Gesetz
03   kein Gesetz der Natur. Es ist lediglich eine analytische Regel der Vergleichung
04   der Dinge durch bloße Begriffe.


05   Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße Bejahungen)
06   einander niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von dem [op 329]
07   Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber weder in Ansehung der Natur,
08   noch überall in Ansehung irgend eines Dinges an sich selbst (von diesem
09   haben wir keinen Begriff) das mindeste. Denn der reale Widerstreit
10   findet allerwärts statt, wo A-B = 0 ist, d. i. wo eine Realität, mit der
11   andern in einem Subject verbunden, eine die Wirkung der andern aufhebt,
12   welches alle Hindernisse und Gegenwirkungen in der Natur unaufhörlich
13   vor Augen legen, die gleichwohl, da sie auf Kräften beruhen, realitates
14   phaenomena genannt werden müssen. Die allgemeine Mechanik
15   kann sogar die empirische Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel
16   a priori angeben, indem sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht:
17   eine Bedingung, von welcher der transscendentale Begriff der Realität
18   gar nichts weiß. Obzwar Herr von LeibnizPI diesen Satz nicht eben mit
19   dem Pomp eines neuen Grundsatzes ankündigte, so bediente er sich doch
20   desselben zu neuen Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich
21   in ihre LeibnizPI=Wolffianische Lehrgebäude ein. Nach diesem
22   Grundsatze sind z. E. alle Übel nichts als Folgen von den Schranken der
23   Geschöpfe, d. i. Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende der
24   Realität sind (in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist es auch
25   wirklich so, aber nicht in den Dingen als Erscheinungen). Imgleichen
26   finden die Anhänger desselben es nicht allein möglich, sondern auch natürlich, [op 330]
27   alle Realität ohne irgend einen besorglichen Widerstreit in einem
28   Wesen zu vereinigen, weil sie keinen andern als den des Widerspruchs
29   (durch den der Begriff eines Dinges selbst aufgehoben wird), nicht aber
30   den des wechselseitigen Abbruchs kennen, da ein Realgrund die Wirkung
31   des andern aufhebt, und dazu wir nur in der Sinnlichkeit die Bedingungen
32   antreffen, uns einen solchen vorzustellen.


33   Drittens, die LeibnizischePI Monadologie hat gar keinen andern
34   Grund, als daß dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren
35   bloß im Verhältniß auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen


[seite 223]


01   überhaupt müssen etwas Inneres haben, was also von allen äußeren
02   Verhältnissen, folglich auch der Zusammensetzung frei ist. Das Einfache
03   ist also die Grundlage des Inneren der Dinge an sich selbst. Das Innere
04   aber ihres Zustandes kann auch nicht in Ort, Gestalt, Berührung oder
05   Bewegung (welche Bestimmungen alle äußere Verhältnisse sind) bestehen,
06   und wir können daher den Substanzen keinen andern innern Zustand als
07   denjenigen, wodurch wir unsern Sinn selbst innerlich bestimmen, nämlich
08   den Zustand der Vorstellungen, beilegen. So wurden denn die Monaden
09   fertig, welche den Grundstoff des ganzen Universum ausmachen
10   sollen, deren thätige Kraft aber nur in Vorstellungen besteht, wodurch sie
11   eigentlich bloß in sich selbst wirksam sind.


12   Eben darum mußte aber auch sein Principium der möglichen Gemeinschaft [op 331]
13   der Substanzen unter einander eine vorherbestimmte
14   Harmonie und konnte kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur
15   innerlich, d. i. mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der Zustand
16   der Vorstellungen der einen mit dem der andern Substanz in ganz
17   und gar keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgend
18   eine dritte und in alle insgesammt einfließende Ursache ihre Zustände
19   einander correspondirend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen
20   und in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand ( Systema
21   assistentiae ), sondern durch die Einheit der Idee einer für alle gültigen
22   Ursache, in welcher sie insgesammt ihr Dasein und Beharrlichkeit, mithin
23   auch wechselseitige Correspondenz unter einander nach allgemeinen Gesetzen
24   bekommen müssen.


25   Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und
26   Raum, darin er diese Formen der Sinnlichkeit intellectuirte, war lediglich
27   aus eben derselben Täuschung der transscendentalen Reflexion entsprungen.
28   Wenn ich mir durch den bloßen Verstand äußere Verhältnisse
29   der Dinge vorstellen will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs
30   ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand eben
31   desselben Dinges mit einem andern Zustande verknüpfen, so kann dieses
32   nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen. So dachte sich
33   also LeibnizPI den Raum als eine gewisse Ordnung in der Gemeinschaft
34   der Substanzen und die Zeit als die dynamische Folge ihrer Zustände. [op 332]
35   Das Eigenthümliche aber und von Dingen Unabhängige, was beide an
36   sich zu haben scheinen, schrieb er der Verworrenheit dieser Begriffe zu,
37   welche machte, daß dasjenige, was eine bloße Form dynamischer Verhältnisse


[seite 224]


01   ist, für eine eigene, für sich bestehende und vor den Dingen selbst vorhergehende
02   Anschauung gehalten wird. Also waren Raum und Zeit die
03   intelligibele Form der Verknüpfung der Dinge (Substanzen und ihrer
04   Zustände) an sich selbst. Die Dinge aber waren intelligibele Substanzen
05   ( substantiae noumena ). Gleichwohl wollte er diese Begriffe für Erscheinungen
06   geltend machen, weil er der Sinnlichkeit keine eigene Art der Anschauung
07   zugestand, sondern alle, selbst die empirische Vorstellung der
08   Gegenstände im Verstande suchte und den Sinnen nichts als das verächtliche
09   Geschäfte ließ, die Vorstellungen des ersteren zu verwirren und zu
10   verunstalten.


11   Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den
12   reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwohl unmöglich
13   ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge
14   an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem
15   letzteren Falle in der transscendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit
16   nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und
17   so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern
18   der Erscheinungen sein: was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich [op 333]
19   nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein
20   Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.


21   So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie
22   ist substantia phaenomenon . Was ihr innerlich zukomme, suche ich
23   in allen Theilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen,
24   die sie ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne
25   sein können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin=, sondern lauter Comparativ
26   Innerliches,das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen besteht.
27   Allein das schlechthin, dem reinen Verstande nach, Innerliche der
28   Materie ist auch eine bloße Grille; denn diese ist überall kein Gegenstand
29   für den reinen Verstand; das transscendentale Object aber, welches der
30   Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir Materie nennen, ist ein bloßes
31   Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn
32   es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir können nichts verstehen,
33   als was ein unsern Worten Correspondirendes in der Anschauung mit sich
34   führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere der Dinge gar
35   nicht ein, so viel bedeuten sollen als: wir begreifen nicht durch den reinen
36   Verstand, was die Dinge, die uns erscheinen, an sich sein mögen: so sind
37   sie ganz unbillig und unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne


[seite 225]


01   Sinne doch Dinge erkennen, mithin anschauen könne, folglich daß wir ein
02   von dem menschlichen nicht bloß dem Grade, sondern sogar der Anschauung [op 334]
03   und Art nach gänzlich unterschiedenes Erkenntnißvermögen haben,
04   also nicht Menschen, sondern Wesen sein sollen, von denen wir selbst nicht
05   angeben können, ob sie einmal möglich, viel weniger wie sie beschaffen
06   seien. Ins Innre der Natur dringt Beobachtung und Zergliederung der
07   Erscheinungen, und man kann nicht wissen, wie weit dieses mit der Zeit
08   gehen werde. Jene transscendentale Fragen aber, die über die Natur
09   hinausgehen, würden wir bei allem dem doch niemals beantworten können,
10   wenn uns auch die ganze Natur aufgedeckt wäre, da es uns nicht einmal
11   gegeben ist, unser eigenes Gemüth mit einer andern Anschauung, als
12   der unseres inneren Sinnes zu beobachten. Denn in demselben liegt das
13   Geheimniß des Ursprungs unserer Sinnlichkeit. Ihre Beziehung auf ein
14   Object, und was der transscendentale Grund dieser Einheit sei, liegt ohne
15   Zweifel zu tief verborgen, als daß wir, die wir sogar uns selbst nur durch
16   innern Sinn, mithin als Erscheinung kennen, ein so unschickliches Werkzeug
17   unserer Nachforschung dazu brauchen könnten, etwas anderes als
18   immer wiederum Erscheinungen aufzufinden, deren nichtsinnliche Ursache
19   wir doch gern erforschen wollten.


20   Was diese Kritik der Schlüsse aus den bloßen Handlungen der Reflexion
21   überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller Schlüsse
22   über Gegenstände, die man lediglich im Verstande mit einander vergleicht, [op 335]
23   deutlich darthut und dasjenige zugleich bestätigt, was wir hauptsächlich
24   eingeschärft haben: daß, obgleich Erscheinungen nicht als Dinge an sich
25   selbst unter den Objecten des reinen Verstandes mit Begriffen sind, sie
26   doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntniß objective Realität haben
27   kann, nämlich wo den Begriffen Anschauung entspricht.


28   Wenn wir bloß logisch reflectiren, so vergleichen wir lediglich unsere
29   Begriffe unter einander im Verstande, ob beide eben dasselbe enthalten,
30   ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem Begriffe innerlich enthalten
31   sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher von beiden gegeben, welcher
32   aber nur als eine Art, den gegebenen zu denken, gelten soll. Wende
33   ich aber diese Begriffe auf einen Gegenstand überhaupt (im transscendentalen
34   Verstande) an, ohne diesen weiter zu bestimmen, ob er ein Gegenstand
35   der sinnlichen oder intellectuellen Anschauung sei, so zeigen sich sofort


[seite 226]


01   Einschränkungen (nicht aus diesem Begriffe hinauszugehen), welche
02   allen empirischen Gebrauch derselben verkehren und eben dadurch beweisen,
03   daß die Vorstellung eines Gegenstandes als Dinges überhaupt nicht etwa
04   bloß unzureichend, sondern ohne sinnliche Bestimmung derselben und
05   unabhängig von empirischer Bedingung in sich selbst widerstreitend
06   sei, daß man also entweder von allem Gegenstande abstrahiren (in der
07   Logik), oder, wenn man einen annimmt, ihn unter Bedingungen der sinnlichen
08   Anschauung denken müsse, mithin das Intelligibele eine ganz besondere [op 336]
09   Anschauung, die wir nicht haben, erfordern würde und in Ermangelung
10   derselben für uns nichts sei, dagegen aber auch die Erscheinungen
11   nicht Gegenstände an sich selbst sein können. Denn wenn ich mir blo
12   Dinge überhaupt denke, so kann freilich die Verschiedenheit der äußeren
13   Verhältnisse nicht eine Verschiedenheit der Sachen selbst ausmachen, sondern
14   setzt diese vielmehr voraus, und wenn der Begriff von dem Einen
15   innerlich von dem des Andern gar nicht unterschieden ist, so setze ich nur
16   ein und dasselbe Ding in verschiedene Verhältnisse. Ferner, durch hinzukunft
17   einer bloßen Bejahung (Realität) zur andern wird ja das Positive
18   vermehrt und ihm nichts entzogen, oder aufgehoben; daher kann das Reale
19   in Dingen überhaupt einander nicht widerstreiten u. s. w..


20   Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine
21   gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch,
22   daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu einem
23   vermeinten System intellectueller Erkenntniß, welches seine Gegenstände
24   ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu verleiten im
25   Stande gewesen. Eben um deswillen ist die Entwickelung der täuschenden
26   Ursache der Amphibolie dieser Begriffe in Veranlassung falscher Grundsätze
27   von großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes zuverlässig zu bestimmen
28   und zu sichern.

[op 337]


29   Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein zukommt oder
30   widerspricht, das kommt auch zu oder widerspricht allem Besondern, was
31   unter jenem Begriff enthalten ist ( dictum de Omni et Nullo ); es wäre
32   aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern, daß er so
33   lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten ist, das ist
34   auch in den besonderen nicht enthalten, die unter demselben stehen; denn


[seite 227]


01   diese sind eben darum besondere Begriffe, weil sie mehr in sich enthalten,
02   als im allgemeinen gedacht wird. Nun ist doch wirklich auf diesen letzteren
03   Grundsatz das ganze intellectuelle System LeibnizensPI erbauet; es fällt
04   also zugleich mit demselben sammt aller aus ihm entspringenden Zweideutigkeit
05   im Verstandesgebrauche.


06   Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der
07   Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt
08   eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch nicht in
09   den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge völlig einerlei
10   ( numero eadem ), die sich nicht schon in ihrem Begriffe (der Qualität oder
11   Quantität nach) von einander unterscheiden. Weil aber bei dem bloßen
12   Begriffe von irgend einem Dinge von manchen nothwendigen Bedingungen
13   einer Anschauung abstrahirt worden, so wird durch eine sonderbare
14   Übereilung das, wovon abstrahirt wird, dafür genommen, daß es überall [op 338]
15   nicht anzutreffen sei, und dem Dinge nichts eingeräumt, als was in seinem
16   Begriffe enthalten ist.


17   Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag mir diesen denken,
18   wo und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei Kubikfüße
19   sind im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden ( numero
20   diversa ); diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das Object dieses
21   Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch zur ganzen Sinnlichkeit
22   gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe von einem Dinge
23   gar kein Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit einem bejahenden
24   verbunden worden, und bloß bejahende Begriffe können in Verbindung
25   gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen Anschauung, darin
26   Realität (z. B. Bewegung) gegeben wird, finden sich Bedingungen
27   (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe der Bewegung überhaupt
28   abstrahirt war, die einen Widerstreit, der freilich nicht logisch ist,
29   nämlich aus lauter Positivem ein Zero = 0, möglich machen; und man
30   konnte nicht sagen: daß darum alle Realität unter einander in Einstimmung
31   sei, weil unter ihren Begriffen kein Widerstreit angetroffen wird.*)



32   *) Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen, daß wenigstens
33   realitates noumena einander nicht entgegen wirken können: so müßte man doch
34   ein Beispiel von dergleichen reiner und sinnenfreier Realität anführen, damit man
35   verstände, ob eine solche überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann
36   kein Beispiel woher anders, als aus der Erfahrung genommen werden, die niemals'


34   mehr als Phaenomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz nichts weiter, als da
35   der Begriff, der lauter Bejahungen enthält, nichts verneinendes enthalte; ein Satz,
36   an dem wir niemals gezweifelt haben.


[seite 228]

[op 339]
01   Nach bloßen Begriffen ist das Innere das Substratum aller Verhältniß
02   oder äußeren Bestimmungen. Wenn ich also von allen Bedingungen der
03   Anschauung abstrahire und mich lediglich an den Begriff von einem Dinge
04   überhaupt halte, so kann ich von allem äußeren Verhältniß abstrahiren,
05   und es muß dennoch ein Begriff von dem übrig bleiben, das gar kein
06   Verhältniß, sondern bloß innere Bestimmungen bedeutet. Da scheint es
07   nun, es folge daraus: in jedem Dinge (Substanz) sei etwas, was schlechthin
08   innerlich ist und allen äußeren Bestimmungen vorgeht, indem es sie
09   allererst möglich macht; mithin sei dieses Substratum so etwas, das keine
10   äußere Verhältnisse mehr in sich enthält, folglich einfach (denn die körperlichen
11   Dinge sind doch immer nur Verhältnisse, wenigstens der Theile
12   außer einander); und weil wir keine schlechthin innere Bestimmungen kennen,
13   als die durch unsern innern Sinn, so sei dieses Substratum nicht
14   allein einfach, sondern auch (nach der Analogie mit unserem innern Sinn) [op 340]
15   durch Vorstellungen bestimmt, d. i. alle Dinge wären eigentlich Monaden
16   oder mit Vorstellungen begabte einfache Wesen. Dieses würde
17   auch alles seine Richtigkeit haben, gehörte nicht etwas mehr als der Begriff
18   von einem Dinge überhaupt zu den Bedingungen, unter denen allein
19   uns Gegenstände der äußeren Anschauung gegeben werden können, und
20   von denen der reine Begriff abstrahirt. Denn da zeigt sich, daß eine beharrliche
21   Erscheinung im Raume (undurchdringliche Ausdehnung) lauter
22   Verhältnisse und gar nichts schlechthin Innerliches enthalten und dennoch
23   das erste Substratum aller äußeren Wahrnehmung sein könne. Durch
24   bloße Begriffe kann ich freilich ohne etwas Inneres nichts Äußeres denken,
25   eben darum weil Verhältnißbegriffe doch schlechthin gegebene Dinge voraussetzen
26   und ohne diese nicht möglich sind. Aber da in der Anschauung
27   etwas enthalten ist, was im bloßen Begriffe von einem Dinge überhaupt
28   gar nicht liegt, und dieses das Substratum, welches durch bloße Begriffe
29   gar nicht erkannt werden würde, an die Hand giebt, nämlich einen Raum,
30   der mit allem, was er enthält, aus lauter formalen, oder auch realen Verhältnissen
31   besteht, so kann ich nicht sagen: weil ohne ein Schlechthin=Inneres
32   kein Ding durch bloße Begriffe vorgestellt werden kann, so sei auch
33   in den Dingen selbst, die unter diesen Begriffen enthalten sind, und ihrer


[seite 229]


01   Anschauung nichts Äußeres, dem nicht etwas Schlechthin=Innerliches
02   zum Grunde läge. Denn wenn wir von allen Bedingungen der Anschauung [op 341]
03   abstrahirt haben, so bleibt uns freilich im bloßen Begriffe nichts
04   übrig, als das Innre überhaupt und das Verhältniß desselben unter einander,
05   wodurch allein das Äußere möglich ist. Diese Nothwendigkeit aber,
06   die sich allein auf Abstraction gründet, findet nicht bei den Dingen statt,
07   so fern sie in der Anschauung mit solchen Bestimmungen gegeben werden,
08   die bloße Verhältnisse ausdrücken, ohne etwas Inneres zum Grunde zu
09   haben, darum weil sie nicht Dinge an sich selbst, sondern lediglich Erscheinungen
10   sind. Was wir auch nur an der Materie kennen, sind lauter Verhältnisse
11   (das, was wir innre Bestimmungen derselben nennen, ist nur
12   comparativ innerlich); aber es sind darunter selbstständige und beharrliche,
13   dadurch uns ein bestimmter Gegenstand gegeben wird. Daß ich,
14   wenn ich von diesen Verhältnissen abstrahire, gar nichts weiter zu denken
15   habe, hebt den Begriff von einem Dinge als Erscheinung nicht auf, auch
16   nicht den Begriff von einem Gegenstande in abstracto , wohl aber alle
17   Möglichkeit eines solchen, der nach bloßen Begriffen bestimmbar ist, d. i.
18   eines Noumenon. Freilich macht es stutzig, zu hören, daß ein Ding ganz
19   und gar aus Verhältnissen bestehen solle, aber ein solches Ding ist auch
20   bloße Erscheinung und kann gar nicht durch reine Kategorien gedacht
21   werden; es besteht selbst in dem bloßen Verhältnisse von Etwas überhaupt
22   zu den Sinnen. Eben so kann man die Verhältnisse der Dinge in abstracto ,
23   wenn man es mit bloßen Begriffen anfängt, wohl nicht anders [op 342]
24   denken, als daß eines die Ursache von Bestimmungen in dem andern sei;
25   denn das ist unser Verstandesbegriff von Verhältnissen selbst. Allein da
26   wir alsdann von aller Anschauung abstrahiren, so fällt eine ganze Art,
27   wie das Mannigfaltige einander seinen Ort bestimmen kann, nämlich die
28   Form der Sinnlichkeit (der Raum), weg, der doch vor aller empirischen
29   Causalität vorhergeht.


30   Wenn wir unter bloß intelligibelen Gegenständen diejenigen Dinge
31   verstehen, die durch reine Kategorien ohne alles Schema der Sinnlichkeit
32   gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die Bedingung des
33   objectiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe ist bloß die Art unserer
34   sinnlichen Anschauung, wodurch uns Gegenstände gegeben werden,
35   und wenn wir von der letzteren abstrahiren, so haben die erstern gar keine
36   Beziehung auf irgend ein Object. Ja wenn man auch eine andere Art der
37   Anschauung, als diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so würden


[seite 230]


01   doch unsere Functionen zu denken in Ansehung derselben von gar keiner
02   Bedeutung sein. Verstehen wir darunter nur Gegenstände einer nichtsinnlichen
03   Anschauung, von denen unsere Kategorien zwar freilich nicht
04   gelten, und von denen wir also gar keine Erkenntniß (weder Anschauung,
05   noch Begriff) jemals haben können, so müssen Noumena in dieser blo
06   negativen Bedeutung allerdings zugelassen werden: da sie denn nichts
07   anders sagen als, daß unsere Art der Anschauung nicht auf alle Dinge, [op 343]
08   sondern bloß auf Gegenstände unserer Sinne geht, folglich ihre objective
09   Gültigkeit begrenzt ist, und mithin für irgend eine andere Art Anschauung
10   und also auch für Dinge als Objecte derselben Platz übrig bleibt. Aber
11   alsdann ist der Begriff eines Noumenon problematisch, d. i. die Vorstellung
12   eines Dinges, von dem wir weder sagen können, daß es möglich,
13   noch daß es unmöglich sei, indem wir gar keine Art der Anschauung als
14   unsere sinnliche kennen und keine Art der Begriffe als die Kategorien,
15   keine von beiden aber einem außersinnlichen Gegenstande angemessen ist.
16   Wir können daher das Feld der Gegenstände unseres Denkens über die
17   Bedingungen unserer Sinnlichkeit darum noch nicht positiv erweitern und
18   außer den Erscheinungen noch Gegenstände des reinen Denkens, d. i. Noumena
19   annehmen, weil jene keine anzugebende positive Bedeutung haben.
20   Denn man muß von den Kategorien eingestehen: daß sie allein noch nicht
21   zur Erkenntniß der Dinge an sich selbst zureichen und ohne die data der
22   Sinnlichkeit bloß subjective Formen der Verstandeseinheit, aber ohne
23   Gegenstand sein würden. Das Denken ist zwar an sich kein Product der
24   Sinne und so fern durch sie auch nicht eingeschränkt, aber darum nicht sofort
25   von eigenem und reinem Gebrauche ohne Beitritt der Sinnlichkeit,
26   weil es alsdann ohne Object ist. Man kann auch das Noumenon nicht
27   ein solches Object nennen; denn dieses bedeutet eben den problematischen [op 344]
28   Begriff von einem Gegenstande für eine ganz andere Anschauung und
29   einen ganz anderen Verstand als der unsrige, der mithin selbst ein Problem
30   ist. Der Begriff des Noumenon ist also nicht der Begriff von einem
31   Object, sondern die unvermeidlich mit der Einschränkung unserer Sinnlichkeit
32   zusammenhängende Aufgabe, ob es nicht von jener ihrer Anschauung
33   ganz entbundene Gegenstände geben möge, welche Frage nur unbestimmt
34   beantwortet werden kann, nämlich: daß, weil die sinnliche Anschauung
35   nicht auf alle Dinge ohne Unterschiede geht, für mehr und andere
36   Gegenstände Platz übrig bleibe, sie also nicht schlechthin abgeleugnet, in
37   Ermangelung eines bestimmten Begriffs aber (da keine Kategorie dazu


[seite 231]


01   tauglich ist) auch nicht als Gegenstände für unsern Verstand behauptet
02   werden können.


03   Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein
04   eigenes Feld zu erweitern, und indem er jene warnt, daß sie sich nicht anmaße,
05   auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Erscheinungen,
06   so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als
07   transscendentales Object, das die Ursache der Erscheinung (mithin selbst
08   nicht Erscheinung) ist und weder als Größe, noch als Realität, noch als
09   Substanz etc. gedacht werden kann (weil diese Begriffe immer sinnliche
10   Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen); wovon also
11   völlig unbekannt ist, ob es in uns oder auch außer uns anzutreffen sei, ob [op 345]
12   es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden oder, wenn wir jene
13   wegnehmen, noch übrig bleiben würde. Wollen wir dieses Object Noumenon
14   nennen, darum weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so
15   steht dieses uns frei. Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen
16   darauf anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer und
17   dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntniß zu bezeichnen
18   und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch mögliche Erfahrung,
19   noch durch den reinen Verstand ausfüllen können.


20   Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein
21   neues Feld von Gegenständen außer denen, die ihm als Erscheinungen
22   vorkommen können, zu schaffen und in intelligibele Welten, sogar nicht
23   einmal in ihren Begriff auszuschweifen. Der Fehler, welcher hiezu auf
24   die allerscheinbarste Art verleitet und allerdings entschuldigt, obgleich nicht
25   gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der Gebrauch des Verstandes
26   wider seine Bestimmung transscendental gemacht, und die Gegenstände,
27   d. i. mögliche Anschauungen, sich nach Begriffen, nicht aber Begriffe sich
28   nach möglichen Anschauungen (als auf denen allein ihre objective Gültigkeit
29   beruht) richten müssen. Die Ursache hievon aber ist wiederum: da
30   die Apperception und mit ihr das Denken vor aller möglichen bestimmten
31   Anordnung der Vorstellungen vorhergeht. Wir denken also Etwas überhaupt [op 346]
32   und bestimmen es einerseits sinnlich, allein unterscheiden doch den
33   allgemeinen und in abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn
34   anzuschauen; da bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu bestimmen,
35   übrig, welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist, uns
36   aber dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Object an sich existire


[seite 232]


01   (Noumenon), ohne auf die Anschauung zu sehen, welche auf unsere Sinne
02   eingeschränkt ist.


03   Ehe wir die transscendentale Analytik verlassen, müssen wir noch
04   etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheblichkeit,
05   dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich scheinen dürfte.
06   Der höchste Begriff, von dem man eine Transscendentalphilosophie anzufangen
07   pflegt, ist gemeiniglich die Eintheilung in das Mögliche und Unmögliche.
08   Da aber alle Eintheilung einen eingetheilten Begriff voraussetzt,
09   so muß noch ein höherer angegeben werden, und dieser ist der Begriff
10   von einem Gegenstande überhaupt (problematisch genommen und unausgemacht,
11   ob er Etwas oder Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen
12   Begriffe sind, die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die
13   Unterscheidung eines Gegenstandes, ob er Etwas oder Nichts sei, nach der
14   Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen.

[op 347]


15   1) Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles
16   aufhebt, d. i. Keines, entgegengesetzt, und so ist der Gegenstand
17   eines Begriffs, dem gar keine anzugebende Anschauung correspondirt,
18   = Nichts, d. i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena,
19   die nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden können,
20   obgleich auch darum nicht für unmöglich ausgegeben werden
21   müssen ( ens rationis ), oder wie etwa gewisse neue Grundkräfte,
22   die man sich denkt, zwar ohne Widerspruch, aber auch ohne Beispiel
23   aus der Erfahrung gedacht werden und also nicht unter die
24   Möglichkeiten gezählt werden müssen.


25   2) Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich ein Begriff
26   von dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte
27   ( nihil privativum ).


28   3) Die bloße Form der Anschauung ohne Substanz ist an sich kein
29   Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als
30   Erscheinung), wie der reine Raum und die reine Zeit, die zwar
31   Etwas sind als Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände
32   sind, die angeschauet werden ( ens imaginarium ).

[op 348]


33   4) Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist
34   Nichts, weil der Begriff nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die
35   gradlinige Figur von zwei Seiten ( nihil negativum ).


[seite 233]


01   Die Tafel dieser Eintheilung des Begriffs von Nichts (denn die
02   dieser gleichlaufende Eintheilung des Etwas folgt von selber) würde daher
03   so angelegt werden müssen:


04   Nichts,
05   als
06   1.
07   Leerer Begriff ohne Gegenstand,
08   ens rationis.


09   2.
10   Leerer Gegenstand eines
11   Begriffs,
12   nihil privativum.


09   3.
10   Leere Anschauung ohne
11   Gegenstand,
12   ens imaginarium.


13   4.
14   Leerer Gegenstand ohne Begriff,
15   nihil negativum.


16   Man sieht, daß das Gedankending (n. 1. ) von dem Undinge (n. 4. )
17   dadurch unterschieden werde, daß jenes nicht unter die Möglichkeiten gezählt
18   werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht widersprechende)
19   ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt ist, indem der Begriff sogar [op 349]
20   sich selbst aufhebt. Beide sind aber leere Begriffe. Dagegen sind das
21   nihil privativum (n. 2. ) und ens imaginarium (n. 3. ) leere Data zu Begriffen.
22   wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben worden, so kann man
23   sich auch keine Finsterniß, und wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen
24   worden, keinen Raum vorstellen. Die Negation sowohl, als die
25   bloße Form der Anschauung sind ohne ein Reales keine Objecte.


[seite 234]


01   Der
02   Transscendentalen Logik
03   Zweite Abtheilung.
04   Die
05   Transscendentale Dialektik.


06   Einleitung.


07   1.
08   Vom transscendentalen Schein.


09   Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins
10   genannt. Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit;
11   denn diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren
12   Erkenntniß also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist und
13   mithin von dem analytischen Theile der Logik nicht getrennt werden muß. [op 350]
14   Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten
15   werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, so fern
16   er angeschaut wird, sondern im Urtheile über denselben, so fern er gedacht
17   wird. Man kann also zwar richtig sagen, daß die Sinne nicht irren, aber
18   nicht darum, weil sie jederzeit richtig urtheilen, sondern weil sie gar nicht
19   urtheilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrthum, mithin auch der
20   Schein als die Verleitung zum letzteren nur im Urtheile, d. i. nur in dem
21   Verhältnisse des Gegenstandes zu unserm Verstande anzutreffen. In
22   einem Erkenntniß, das mit den Verstandesgesetzen durchgängig zusammenstimmt,
23   ist kein Irrthum. In einer Vorstellung der Sinne ist (weil sie
24   gar kein Urtheil enthält) auch kein Irrthum. Keine Kraft der Natur kann
25   aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen abweichen. Daher würden
26   weder der Verstand für sich allein (ohne Einfluß einer andern Ursache),
27   noch die Sinne für sich irren; der erstere darum nicht, weil, wenn er blo
28   nach seinen Gesetzen handelt, die Wirkung (das Urtheil) mit diesen Gesetzen
29   nothwendig übereinstimmen muß. In der Übereinstimmung mit den Gesetzen
30   des Verstandes besteht aber das Formale aller Wahrheit. In den
31   Sinnen ist gar kein Urtheil, weder ein wahres, noch falsches. Weil wir
32   nun außer diesen beiden Erkenntnißquellen keine andere haben, so folgt:


[seite 235]


01   daß der Irrthum nur durch den unbemerkten Einfluß der Sinnlichkeit auf
02   den Verstand bewirkt werde, wodurch es geschieht, daß die subjectiven [op 351]
03   Gründe des Urtheils mit den objectiven zusammenfließen und diese von
04   ihrer Bestimmung abweichend machen*) ; so wie ein bewegter Körper zwar
05   für sich jederzeit die gerade Linie in derselben Richtung halten würde, die
06   aber, wenn eine andere Kraft nach einer andern Richtung zugleich auf
07   ihn einfließt, in krummlinige Bewegung ausschlägt. Um die eigenthümliche
08   Handlung des Verstandes von der Kraft, die sich mit einmengt, zu
09   unterscheiden, wird es daher nöthig sein, das irrige Urtheil als die Diagonale
10   zwischen zwei Kräften anzusehen, die das Urtheil nach zwei verschiedenen
11   Richtungen bestimmen, die gleichsam einen Winkel einschließen,
12   und jene zusammengesetzte Wirkung in die einfache des Verstandes und
13   der Sinnlichkeit aufzulösen; welches in reinen Urtheilen a priori durch
14   transscendentale Überlegung geschehen muß, wodurch (wie schon angezeigt
15   worden) jeder Vorstellung ihre Stelle in der ihr angemessenen Erkenntnißkraft
16   angewiesen, mithin auch der Einfluß der letzteren auf jene unterschieden
17   wird.


18   Unser Geschäfte ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z. B. dem [op 352]
19   optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche sonst richtiger
20   Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die Urtheilskraft durch
21   den Einfluß der Einbildung verleitet wird; sondern wir haben es mit dem
22   transscendentalen Scheine allein zu thun, der auf Grundsätze einfließt,
23   deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung angelegt ist, als in
24   welchem Falle wir doch wenigstens einen Probirstein ihrer Richtigkeit
25   haben würden, sondern der uns selbst wider alle Warnungen der Kritik
26   gänzlich über den empirischen Gebrauch der Kategorien wegführt, und uns
27   mit dem Blendwerke einer Erweiterung des reinen Verstandes hinhält.
28   Wir wollen die Grundsätze, deren Anwendung sich ganz und gar in den
29   Schranken möglicher Erfahrung hält, immanente, diejenigen aber,
30   welche diese Grenzen überfliegen sollen, transscendente Grundsätze
31   nennen. Ich verstehe aber unter diesen nicht den transscendentalen



32   *) Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Object, worauf dieser seine
33   Function anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse. Eben dieselbe aber, so fern sie
34   auf die Verstandeshandlung selbst einfließt und ihn zum Urtheilen bestimmt, ist der
35   Grund des Irrthums.


[seite 236]


01   Gebrauch oder Mißbrauch der Kategorien, welcher ein bloßer Fehler der
02   nicht gehörig durch Kritik gezügelten Urtheilskraft ist, die auf die Grenze
03   des Bodens, worauf allein dem reinen Verstande sein Spiel erlaubt ist,
04   nicht genug Acht hat; sondern wirkliche Grundsätze, die uns zumuthen,
05   alle jene Grenzpfähle niederzureißen und sich einen ganz neuen Boden,
06   der überall keine Demarcation erkennt, anzumaßen. Daher sind transscendental
07   und transscendent nicht einerlei. Die Grundsätze des
08   reinen Verstandes, die wir oben vortrugen, sollen bloß von empirischem [op 353]
09   und nicht von transscendentalem, d. i. über die Erfahrungsgrenze hinausreichendem,
10   Gebrauche sein. Ein Grundsatz aber, der diese Schranken
11   wegnimmt, ja gar sie zu überschreiten gebietet, heißt transscendent.
12   Kann unsere Kritik dahin gelangen, den Schein dieser angemaßten Grundsätze
13   aufzudecken, so werden jene Grundsätze des bloß empirischen Gebrauchs
14   im Gegensatz mit den letztern immanente Grundsätze des reinen
15   Verstandes genannt werden können.


16   Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform
17   besteht, (der Schein der Trugschlüsse) entspringt lediglich aus einem
18   Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. So bald daher diese auf
19   den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der
20   transscendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn
21   schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transscendentale Kritik
22   deutlich eingesehen hat (z. B. der Schein in dem Satze: die Welt muß der
23   Zeit nach einen Anfang haben). Die Ursache hievon ist diese: daß in unserer
24   Vernunft (subjectiv als ein menschliches Erkenntnißvermögen betrachtet)
25   Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs liegen, welche gänzlich
26   das Ansehen objectiver Grundsätze haben, und wodurch es geschieht,
27   daß die subjective Nothwendigkeit einer gewissen Verknüpfung unserer
28   Begriffe zu Gunsten des Verstandes für eine objective Nothwendigkeit
29   der Bestimmung der Dinge an sich selbst gehalten wird. Eine Illusion, [op 354]
30   die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig als wir es vermeiden können, da
31   uns das Meer in der Mitte nicht höher scheine, wie an dem Ufer, weil
32   wir jene durch höhere Lichtstrahlen als dieses sehen, oder noch mehr, so
33   wenig selbst der Astronom verhindern kann, daß ihm der Mond im Aufgange
34   nicht größer Scheine, ob er gleich durch diesen Schein nicht betrogen
35   wird.


36   Die transscendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den
37   Schein transscendenter Urtheile aufzudecken und zugleich zu verhüten, da


[seite 237]


01   er nicht betrüge; daß er aber auch (wie der logische Schein) sogar verschwinde
02   und ein Schein zu sein aufhöre, das kann sie niemals bewerkstelligen.
03   Denn wir haben es mit einer natürlichen und unvermeidlichen
04   Illusion zu thun, die selbst auf subjectiven Grundsätzen beruht
05   und sie als objective unterschiebt, anstatt daß die logische Dialektik in Auflösung
06   der Trugschlüsse es nur mit einem Fehler in Befolgung der Grundsätze,
07   oder mit einem gekünstelten Scheine in Nachahmung derselben zu
08   thun hat. Es giebt also eine natürliche und unvermeidliche Dialektik der
09   reinen Vernunft, nicht eine, in die sich etwa ein Stümper durch Mangel
10   an Kenntnissen selbst verwickelt, oder die irgend ein Sophist, um vernünftige
11   Leute zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen
12   Vernunft unhintertreiblich anhängt und selbst, nachdem wir ihr
13   Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird ihr vorzugaukeln [op 355]
14   und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen zu stoßen, die jederzeit
15   gehoben zu werden bedürfen.


16   2.
17   Von der reinen Vernunft als dem Sitze des transscendentalen
18   Scheins.


19   A.
20   Von der Vernunft überhaupt.


21   Alle unsere Erkenntniß hebt von den Sinnen an, geht von da zum
22   Verstande und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns
23   angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die
24   höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser obersten
25   Erkenntnißkraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich in einiger Verlegenheit.
26   Es giebt von ihr wie von dem Verstande einen bloß formalen,
27   d. i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem Inhalte der Erkenntni
28   abstrahirt, aber auch einen realen, da sie selbst den Ursprung gewisser
29   Begriffe und Grundsätze enthält, die sie weder von den Sinnen, noch vom
30   Verstande entlehnt. Das erstere Vermögen ist nun freilich vorlängst von
31   den Logikern durch das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede
32   von den unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis ) erklärt worden;
33   das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch


[seite 238]


01   nicht eingesehen. Da nun hier eine Eintheilung der Vernunft in ein [op 356]
02   logisches und transscendentales Vermögen vorkommt, so muß ein höherer
03   Begriff von dieser Erkenntnißquelle gesucht werden, welcher beide Begriffe
04   unter sich befaßt, indessen wir nach der Analogie mit den Verstandesbegriffen
05   erwarten können, daß der logische Begriff zugleich den Schlüssel
06   zum transscendentalen und die Tafel der Functionen der ersteren zugleich
07   die Stammleiter der Vernunftbegriffe an die Hand geben werde.


08   Wir erklärten im erstern Theile unserer transscendentalen Logik den
09   Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir die Vernunft
10   von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der Principien
11   nennen wollen.


12   Der Ausdruck eines Princips ist zweideutig und bedeutet gemeiniglich
13   nur ein Erkenntniß, das als Princip gebraucht werden kann, ob es
14   zwar an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Principium
15   ist. Ein jeder allgemeine Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung (durch
16   Induction) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem Vernunftschlusse
17   dienen; er ist darum aber nicht selbst ein Principium. Die mathematischen
18   Axiomen (z. B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade
19   Linie sein) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a priori und werden daher
20   mit Recht relativisch auf die Fälle, die unter ihnen subsumirt werden
21   können, Principien genannt . Aber ich kann darum doch nicht sagen, da [op 357]
22   ich diese Eigenschaft der geraden Linien überhaupt und an sich aus Principien
23   erkenne, sondern nur in der reinen Anschauung.


24   Ich würde daher Erkenntniß aus Principien diejenige nennen, da
25   ich das Besondre im Allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn
26   ein jeder Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntniß aus
27   einem Princip. Denn der Obersatz giebt jederzeit einen Begriff, der da
28   macht, daß alles, was unter der Bedingung desselben subsumirt wird, aus
29   ihm nach einem Princip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntni
30   zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand
31   dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können diese denn
32   auch in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs Principien genannt werden.


33   Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an sich
34   selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als Erkenntnisse
35   aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a priori möglich sein,
36   wenn wir nicht die reine Anschauung (in der Mathematik), oder Bedingungen
37   einer möglichen Erfahrung überhaupt herbei zögen. Daß alles,


[seite 239]


01   was geschieht, eine Ursache habe, kann gar nicht aus dem Begriffe dessen,
02   was überhaupt geschieht, geschlossen werden; vielmehr zeigt der Grundsatz,
03   wie man allererst von dem, was geschieht, einen bestimmten Erfahrungsbegriff
04   bekommen könne.


05   Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also gar [op 358]
06   nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich schlechthin Principien
07   nenne: indessen daß alle allgemeine Sätze überhaupt comparative
08   Principien heißen können.


09   Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal in
10   Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal statt der endlosen Mannigfaltigkeit
11   bürgerlicher Gesetze ihre Principien aufsuchen möge; denn darin
12   kann allein das Geheimniß bestehen, die Gesetzgebung, wie man sagt, zu
13   simplificiren. Aber die Gesetze sind hier auch nur Einschränkungen unsrer
14   Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt;
15   mithin gehen sie auf etwas, was gänzlich unser eigen
16   Werk ist, und wovon wir durch jene Begriffe selbst die Ursache sein können.
17   Wie aber Gegenstände an sich selbst, wie die Natur der Dinge unter Principien
18   stehe und nach bloßen Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht
19   etwas Unmögliches, wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung.
20   Es mag aber hiemit bewandt sein, wie es wolle (denn darüber
21   haben wir die Untersuchung noch vor uns), so erhellt wenigstens daraus:
22   daß Erkenntniß aus Principien (an sich selbst) ganz etwas andres sei, als
23   bloße Verstandeserkenntniß, die zwar auch andern Erkenntnissen in der
24   Form eines Princips vorgehen kann, an sich selbst aber (so fern sie synthetisch
25   ist) nicht auf bloßem Denken beruht, noch ein Allgemeines nach
26   Begriffen in sich enthält.

[op 359]


27   Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen
28   vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der Einheit
29   der Verstandesregeln unter Principien. Sie geht also niemals zunächst
30   auf Erfahrung oder auf irgend einen Gegenstand, sondern auf den Verstand,
31   um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a priori
32   durch Begriffe zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag und von ganz
33   anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden kann.


34   Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit
35   er bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben
36   werden sollen) hat begreiflich gemacht werden können.


[seite 240]


01   B.
02   Vom logischen Gebrauche der Vernunft.


03   Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar erkannt,
04   und dem, was nur geschlossen wird. Daß in einer Figur, die durch
05   drei gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar erkannt;
06   daß diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist nur geschlossen.
07   Weil wir des Schließens beständig bedürfen, und es dadurch
08   endlich ganz gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen Unterschied
09   nicht mehr und halten oft, wie bei dem sogenannten Betruge der Sinne,
10   etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur geschlossen haben. [op 360]
11   Bei jedem Schlusse ist ein Satz, der zum Grunde liegt, und ein
12   anderer, nämlich die Folgerung, die aus jenem gezogen wird, und endlich
13   die Schlußfolge (Consequenz), nach welcher die Wahrheit des letzteren
14   unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren verknüpft ist. Liegt das
15   geschlossene Urtheil schon so in dem ersten, daß es ohne Vermittelung einer
16   dritten Vorstellung daraus abgeleitet werden kann, so heißt der Schlu
17   unmittelbar ( consequentia immediata ); ich möchte ihn lieber den Verstandesschlu
18   nennen. Ist aber außer der zum Grunde gelegten Erkenntni
19   noch ein anderes Urtheil nöthig, um die Folge zu bewirken, so heißt
20   der Schluß ein Vernunftschluß. In dem Satze: alle Menschen sind
21   sterblich, liegen schon die Sätze: einige Menschen sind sterblich, einige
22   Sterbliche sind Menschen, nichts, was unsterblich ist, ist ein Mensch, und
23   diese sind also unmittelbare Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen
24   liegt der Satz: alle Gelehrte sind sterblich, nicht in dem untergelegten Urtheile
25   (denn der Begriff der Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor), und
26   er kann nur vermittelst eines Zwischenurtheils aus diesem gefolgert werden.


27   In jedem Vernunftschlusse denke ich zuerst eine Regel ( major ) durch
28   den Verstand. Zweitens subsumire ich ein Erkenntniß unter die Bedingung
29   der Regel ( minor ) vermittelst der Urtheilskraft. Endlich bestimme [op 361]
30   ich mein Erkenntniß durch das Prädicat der Regel ( conclusio ),
31   mithin a priori durch die Vernunft. Das Verhältniß also, welches der
32   Obersatz als die Regel zwischen einer Erkenntniß und ihrer Bedingung
33   vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus. Sie


[seite 241]


01   sind also gerade dreifach, so wie alle Urtheile überhaupt, so fern sie sich in
02   der Art unterscheiden, wie sie das Verhältniß des Erkenntnisses im Verstande
03   ausdrücken, nämlich: kategorische oder hypothetische oder disjunctive
04   Vernunftschlüsse.


05   Wenn, wie mehrentheils geschieht, die Conclusion als ein Urtheil aufgegeben
06   worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen Urtheilen,
07   durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird, fließe: so
08   suche ich im Verstande die Assertion dieses Schlußsatzes auf, ob sie sich
09   nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach einer allgemeinen
10   Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Bedingung, und läßt sich das
11   Object des Schlußsatzes unter der gegebenen Bedingung subsumiren, so
12   ist dieser aus der Regel, die auch für andere Gegenstände der Erkenntni
13   gilt, gefolgert. Man sieht daraus: daß die Vernunft im
14   Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntniß des Verstandes auf
15   die kleinste Zahl der Principien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen
16   und dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche.

[op 362]


17   C.
18   Von dem reinen Gebrauche der Vernunft.


19   Kann man die Vernunft isoliren, und ist sie alsdann noch ein eigener
20   Quell von Begriffen und Urtheilen, die lediglich aus ihr entspringen, und
21   dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß subalternes
22   Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu geben, welche
23   logisch heißt, und wodurch die Verstandeserkenntnisse nur einander und
24   niedrige Regeln andern, höhern (deren Bedingung die Bedingung der
25   ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden, so viel sich durch
26   die Vergleichung derselben will bewerkstelligen lassen? Dies ist die Frage,
27   mit der wir uns jetzt nur vorläufig beschäftigen. In der That ist Mannigfaltigkeit
28   der Regeln und Einheit der Principien eine Forderung der
29   Vernunft, um den Verstand mit sich selbst in durchgängigen Zusammenhang
30   zu bringen, so wie der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung
31   unter Begriffe und dadurch jene in Verknüpfung bringt. Aber ein solcher
32   Grundsatz schreibt den Objecten kein Gesetz vor und enthält nicht den
33   Grund der Möglichkeit, sie als solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen;
34   sondern ist bloß ein subjectives Gesetz der Haushaltung mit dem
35   Vorrathe unseres Verstandes, durch Vergleichung seiner Begriffe den allgemeinen


[seite 242]


01   Gebrauch derselben auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu
02   bringen, ohne daß man deswegen von den Gegenständen selbst eine solche [op 363]
03   Einhelligkeit, die der Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes
04   Vorschub thue, zu fordern und jener Maxime zugleich objective Gültigkeit
05   zu geben berechtigt wäre. Mit einem Worte, die Frage ist: ob Vernunft
06   an sich, d. i. die reine Vernunft a priori, synthetische Grundsätze und Regeln
07   enthalte, und worin diese Principien bestehen mögen?


08   Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen
09   giebt uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das
10   transscendentale Principium derselben in der synthetischen Erkenntni
11   durch reine Vernunft beruhen werde.


12   Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen, um dieselbe
13   unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien),
14   sondern auf Begriffe und Urtheile. Wenn also reine Vernunft auch auf
15   Gegenstände geht, so hat sie doch auf diese und deren Anschauung keine
16   unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen Urtheile,
17   welche sich zunächst an die Sinne und deren Anschauung wenden,
18   um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist also nicht
19   Einheit einer möglichen Erfahrung,sondern von dieser als der Verstandeseinheit
20   wesentlich unterschieden. Daß alles, was geschieht, eine Ursache
21   habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter und vorgeschriebener Grundsatz.
22   Er macht die Einheit der Erfahrung möglich und entlehnt nichts [op 364]
23   von der Vernunft, welche ohne diese Beziehung auf mögliche Erfahrung,
24   aus bloßen Begriffen, keine solche synthetische Einheit hätte gebieten
25   können.


26   Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die allgemeine
27   Bedingung ihres Urtheils (des Schlußsatzes), und der Vernunftschlu
28   ist selbst nichts andres als ein Urtheil vermittelst der Subsumtion
29   seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel (Obersatz). Da nun diese
30   Regel wiederum eben demselben Versuche der Vernunft ausgesetzt ist, und
31   dadurch die Bedingung der Bedingung (vermittelst eines Prosyllogismus)
32   gesucht werden muß, so lange es angeht, so sieht man wohl, der eigenthümliche
33   Grundsatz der Vernunft überhaupt (im logischen Gebrauche) sei:
34   zu dem bedingten Erkenntnisse des Verstandes das Unbedingte zu finden,
35   womit die Einheit desselben vollendet wird.


[seite 243]


01   Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Principium der
02   reinen Vernunft werden, als dadurch daß man annimmt: wenn das
03   Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter
04   Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben (d. i. in dem Gegenstande
05   und seiner Verknüpfung enthalten).


06   Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar synthetisch;
07   denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf irgend eine
08   Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus demselben auch [op 365]
09   verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon der reine Verstand nichts
10   weiß, als der nur mit Gegenständen einer möglichen Erfahrung zu thun
11   hat, deren Erkenntniß und Synthesis jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte
12   aber, wenn es wirklich statt hat, kann besonders erwogen werden
13   nach allen den Bestimmungen, die es von jedem Bedingten unterscheiden,
14   und muß dadurch Stoff zu manchen synthetischen Sätzen a priori geben.


15   Die aus diesem obersten Princip der reinen Vernunft entspringende
16   Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transscendent
17   sein, d. i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von demselben
18   jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen Grundsätzen
19   des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem sie nur die
20   Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben) gänzlich unterscheiden.
21   Ob nun jener Grundsatz, daß sich die Reihe der Bedingungen (in der
22   Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens der Dinge überhaupt)
23   bis zum Unbedingten erstrecke, seine objective Richtigkeit habe oder
24   nicht; welche Folgerungen daraus auf den empirischen Verstandesgebrauch
25   fließen, oder ob es vielmehr überall keinen dergleichen objectivgültigen
26   Vernunftsatz gebe, sondern eine bloß logische Vorschrift, sich im Aufsteigen
27   zu immer höhern Bedingungen der Vollständigkeit derselben zu nähern
28   und dadurch die höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntni
29   zu bringen; ob, sage ich, dieses Bedürfniß der Vernunft durch einen [op 366]
30   Mißverstand für einen transscendentalen Grundsatz der reinen Vernunft
31   gehalten worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilter
32   Weise von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postulirt;
33   was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und Verblendungen
34   in die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen
35   worden (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist), und
36   die von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen, einschleichen
37   mögen: das wird unser Geschäfte in der transscendentalen Dialektik


[seite 244]


01   sein, welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen Vernunft
02   verborgen sind, entwickeln wollen. Wir werden sie in zwei Hauptstücke
03   theilen, deren ersteres von den transscendenten Begriffen der
04   reinen Vernunft, das zweite von transscendenten und dialektischen
05   Vernunftschlüssen derselben handeln soll.


06   Der
07   Transscendentalen Dialektik
08   Erstes Buch.
09   Von den Begriffen der reinen Vernunft.


10   Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft
11   für eine Bewandtniß haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflectirte,
12   sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori, [op 367]
13   vor der Erfahrung und zum Behuf derselben, gedacht; aber sie enthalten
14   nichts weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, in
15   so fern sie nothwendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein gehören
16   sollen. Durch sie allein wird Erkenntniß und Bestimmung eines Gegenstandes
17   möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und vor
18   ihnen gehen keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher, aus denen
19   sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich ihre objective Realität
20   doch lediglich darauf: daß, weil sie die intellectuelle Form aller Erfahrung
21   ausmachen, ihre Anwendung jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt
22   werden können.


23   Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig:
24   daß er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil
25   er eine Erkenntniß betrifft, von der jede empirische nur ein Theil ist (vielleicht
26   das Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen Synthesis),
27   bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig zureicht,
28   aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe dienen zum Begreifen,
29   wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der Wahrnehmungen).
30   Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen sie etwas, worunter alle
31   Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung
32   ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen aus der Erfahrung
33   führt, und wornach sie den Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzt und


[seite 245]

[op 368]
01   abmißt, niemals aber ein Glied der empirischen Synthesis ausmacht.
02   Haben dergleichen Begriffe dessen ungeachtet objective Gültigkeit, so können
03   sie conceptus ratiocinati (richtig geschlossene Begriffe) heißen; wo nicht,
04   so sind sie wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen und
05   mögen conceptus ratiocinantes (vernünftelnde Begriffe) genannt werden.
06   Da dieses aber allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen Schlüssen
07   der reinen Vernunft ausgemacht werden kann, so können wir darauf noch
08   nicht Rücksicht nehmen, sondern werden vorläufig, so wie wir die reinen
09   Verstandesbegriffe Kategorien nannten, die Begriffe der reinen Vernunft
10   mit einem neuen Namen belegen und sie transscendentale Ideen nennen,
11   diese Benennung aber jetzt erläutern und rechtfertigen.


12   Des
13   Ersten Buchs der transscendentalen Dialektik
14   Erster Abschnitt.
15   Von den Ideen überhaupt.


16   Bei dem großen Reichthum unserer Sprachen findet sich doch oft der
17   denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau
18   anpaßt, und in dessen Ermangelung er weder andern, noch sogar sich [op 369]
19   selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist eine
20   Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe man
21   zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es rathsam, sich in einer todten
22   und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht dieser Begriff
23   sammt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde; und wenn der alte Gebrauch
24   desselben durch Unbehutsamkeit seiner Urheber auch etwas schwankend
25   geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung, die ihm vorzüglich
26   eigen war, zu befestigen (sollte es auch zweifelhaft bleiben, ob man
27   damals genau eben dieselbe im Sinne gehabt habe), als sein Geschäfte
28   nur dadurch zu verderben, daß man sich unverständlich machte.


29   Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein
30   einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem Begriffe
31   genau anpaßt, dessen Unterscheidung von andern verwandten Begriffen
32   von großer Wichtigkeit ist, so ist es rathsam, damit nicht verschwenderisch
33   umzugehen, oder es bloß zur Abwechselung synonymisch statt
34   anderer zu gebrauchen, sondern ihm seine eigenthümliche Bedeutung sorgfältig


[seite 246]


01   aufzubehalten; weil es sonst leichtlich geschieht, daß, nachdem der
02   Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäftigt, sondern sich unter
03   dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung verliert, auch der
04   Gedanke verloren gehe, den er allein hätte aufbehalten können.

[op 370]


05   PlatoPI bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß man wohl sieht, er
06   habe darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen
07   entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit
08   denen sich AristotelesPI beschäftigte, weit übersteigt, indem in der Erfahrung
09   niemals etwas damit Congruirendes angetroffen wird. Die Ideen
10   sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst und nicht bloß Schlüssel zu möglichen
11   Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung flossen sie
12   aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der menschlichen zu Theil geworden,
13   die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustande
14   befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt sehr verdunkelten Ideen durch
15   Erinnerung (die Philosophie heißt) zurückrufen muß. Ich will mich hier
16   in keine litterarische Untersuchung einlassen, um den Sinn auszumachen,
17   den der erhabene PhilosophPI mit seinem Ausdrucke verband. Ich merke
18   nur an, daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche
19   als in Schriften durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein
20   Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als
21   er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte
22   und dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete oder auch
23   dachte.


24   PlatoPI bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntnißkraft ein weit höheres
25   Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit [op 371]
26   buchstabiren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere Vernunft
27   natürlicher Weise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel weiter
28   gehen, als daß irgend ein Gegenstand, den Erfahrung geben kann, jemals
29   mit ihnen congruiren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre Realität
30   haben und keinesweges bloße Hirngespinste sind.


31   PlatoPI fand seine Ideen vorzüglich in allem, was praktisch ist,*) d. i.
32   auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die ein



33   *) ErPI dehnte seinen Begriff freilich auch auf speculative Erkenntnisse aus,
34   wenn sie nur rein und völlig a priori gegeben waren, sogar über die Mathematik,
35   ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders, als in der möglichen Erfahrung
36   hat. Hierin kann ich ihm nun nicht folgen, so wenig als in der mystischen Deduction
37   dieser Ideen oder den Übertreibungen, dadurch er sie gleichsam hypostasirte, wiewohl'


34   die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer milderen und der
35   Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl fähig ist.


[seite 247]


01   eigenthümliches Product der Vernunft sind. Wer die Begriffe der Tugend
02   aus Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allenfalls als Beispiel
03   zur unvollkommenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum Erkenntnißquell
04   machen wollte (wie es wirklich viele gethan haben), der würde
05   aus der Tugend ein nach Zeit und Umständen wandelbares, zu keiner
06   Regel brauchbares zweideutiges Unding machen. Dagegen wird ein jeder [op 372]
07   inne, daß, wenn ihm jemand als Muster der Tugend vorgestellt wird,
08   er doch immer das wahre Original bloß in seinem eigenen Kopfe habe,
09   womit er dieses angebliche Muster vergleicht und es bloß darnach schätzt.
10   Dieses ist aber die Idee der Tugend, in Ansehung deren alle mögliche
11   Gegenstände der Erfahrung zwar als Beispiele (Beweise der Thunlichkeit
12   desjenigen im gewissen Grade, was der Begriff der Vernunft heischt),
13   aber nicht als Urbilder Dienste thun. Daß niemals ein Mensch demjenigen
14   adäquat handeln werde, was die reine Idee der Tugend enthält,
15   beweiset gar nicht etwas Chimärisches in diesem Gedanken. Denn es ist
16   gleichwohl alles Urtheil über den moralischen Werth oder Unwerth nur
17   vermittelst dieser Idee möglich; mithin liegt sie jeder Annäherung zur
18   moralischen Vollkommenheit nothwendig zum Grunde, so weit auch die
19   ihrem Grade nach nicht zu bestimmende Hindernisse in der menschlichen
20   Natur uns davon entfernt halten mögen.


21   Die Platonische Republik ist als ein vermeintlich auffallendes
22   Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen
23   Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker
24   findet es lächerlich, daß der PhilosophPI behauptete, niemals würde ein
25   Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen theilhaftig wäre. Allein
26   man würde besser thun, diesem Gedanken mehr nachzugehen und ihn (wo
27   der vortreffliche MannPI uns ohne Hülfe läßt) durch neue Bemühungen in [op 373]
28   Licht zu stellen, als ihn unter dem sehr elenden und schädlichen Vorwande
29   der Unthunlichkeit als unnütz bei Seite zu setzen. Eine Verfassung von
30   der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, da
31   jedes Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann,
32   (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon von selbst folgen)
33   ist doch wenigstens eine nothwendige Idee, die man nicht bloß im


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01   ersten Entwurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei allen Gesetzen
02   zum Grunde legen muß, und wobei man anfänglich von den gegenwärtigen
03   Hindernissen abstrahiren muß, die vielleicht nicht sowohl aus der
04   menschlichen Natur unvermeidlich entspringen mögen, als vielmehr aus
05   der Vernachlässigung der ächten Ideen bei der Gesetzgebung. Denn nichts
06   kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden,
07   als die pöbelhafte Berufung auf vorgeblich widerstreitende Erfahrung,
08   die doch gar nicht existiren würde, wenn jene Anstalten zu rechter
09   Zeit nach den Ideen getroffen würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe
10   eben darum, weil sie aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute
11   Absicht vereitelt hätten. Je übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung
12   mit dieser Idee eingerichtet wären, desto seltener würden allerdings
13   die Strafen werden, und da ist es denn ganz vernünftig (wie
14   PlatoPI behauptet), daß bei einer vollkommenen Anordnung derselben gar
15   keine dergleichen nöthig sein würden. Ob nun gleich das letztere niemals [op 374]
16   zu Stande kommen mag, so ist die Idee doch ganz richtig, welches dieses
17   Maximum zum Urbilde aufstellt, um nach demselben die gesetzliche Verfassung
18   der Menschen der möglich größten Vollkommenheit immer näher
19   zu bringen. Denn welches der höchste Grad sein mag, bei welchem die
20   Menschheit stehen bleiben müsse, und wie groß also die Kluft, die zwischen
21   der Idee und ihrer Ausführung nothwendig übrig bleibt, sein möge, das
22   kann und soll niemand bestimmen, eben darum weil es Freiheit ist, welche
23   jede angegebene Grenze übersteigen kann.


24   Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft wahrhafte
25   Causalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der Handlungen
26   und ihrer Gegenstände) werden, nämlich im Sittlichen, sondern auch in
27   Ansehung der Natur selbst sieht PlatoPI mit Recht deutliche Beweise ihres
28   Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Thier, die regelmäßige Anordnung
29   des Weltbaues (vermuthlich also auch die ganze Naturordnung)
30   zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich sind; daß zwar kein einzelnes
31   Geschöpf unter den einzelnen Bedingungen seines Daseins mit der
32   Idee des Vollkommensten seiner Art congruire (so wenig wie der Mensch
33   mit der Idee der Menschheit, die er sogar selbst als das Urbild seiner
34   Handlungen in seiner Seele trägt), daß gleichwohl jene Ideen im höchsten
35   Verstande einzeln, unveränderlich, durchgängig bestimmt und die ursprünglichen
36   Ursachen der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer Verbindung [op 375]
37   im Weltall einzig und allein jener Idee völlig adäquat sei. Wenn


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01   man das Übertriebene des Ausdrucks absondert, so ist der Geistesschwung
02   des PhilosophenPI, von der copeilichen Betrachtung des Physischen der Weltordnung
03   zu der architektonischen Verknüpfung derselben nach Zwecken,
04   d. i. nach Ideen, hinaufzusteigen, eine Bemühung, die Achtung und Nachfolge
05   verdient; in Ansehung desjenigen aber, was die Principien der
06   Sittlichkeit, der Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen die
07   Erfahrung selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals
08   darin völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigenthümliches Verdienst,
09   welches man nur darum nicht erkennt, weil man es durch eben die
10   empirischen Regeln beurtheilt, deren Gültigkeit als Principien eben durch
11   sie hat aufgehoben werden sollen. Denn in Betracht der Natur giebt uns
12   Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der Wahrheit; in
13   Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung (leider!) die Mutter des
14   Scheins, und es ist höchst verwerflich, die Gesetze über das, was ich thun
15   soll, von demjenigen herzunehmen, oder dadurch einschränken zu wollen,
16   was gethan wird.


17   Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der
18   That die eigenthümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen
19   wir uns jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht verdienstlosen [op 376]
20   Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen sittlichen Gebäuden
21   eben und baufest zu machen, in welchem sich allerlei Maulwurfsgänge
22   einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht auf Schätze grabenden
23   Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk unsicher machen. Der transscendentale
24   Gebrauch der reinen Vernunft, ihre Principien und Ideen
25   sind es also, welche genau zu kennen uns jetzt obliegt, um den Einfluß der
26   reinen Vernunft und den Werth derselben gehörig bestimmen und schätzen
27   zu können. Doch, ehe ich diese vorläufige Einleitung bei Seite lege, ersuche
28   ich diejenige, denen Philosophie am Herzen liegt (welches mehr gesagt
29   ist, als man gemeiniglich antrifft), wenn sie sich durch dieses und
30   das Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner ursprünglichen
31   Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht fernerhin
32   unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei Vorstellungsarten
33   in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerathe, und die Wissenschaft
34   dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an Benennungen, die jeder
35   Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne daß wir nöthig haben, in
36   das Eigenthum einer anderen einzugreifen. Hier ist eine Stufenleiter
37   derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt ( repraesentatio ).


[seite 250]


01   Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewußtsein ( perceptio ). Eine Perception,
02   die sich lediglich auf das Subject als die Modification seines
03   Zustandes bezieht, ist Empfindung ( sensatio ), eine objective Perception [op 377]
04   ist Erkenntniß ( cognitio ). Diese ist entweder Anschauung oder Begriff
05   ( intuitus vel conceptus ). Jene bezieht sich unmittelbar auf den
06   Gegenstand und ist einzeln, dieser mittelbar, vermittelst eines Merkmals,
07   was mehreren Dingen gemein sein kann. Der Begriff ist entweder ein
08   empirischer oder reiner Begriff, und der reine Begriff, so fern er
09   lediglich im Verstande seinen Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der
10   Sinnlichkeit), heißt Notio . Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit
11   der Erfahrung übersteigt, ist die Idee oder der Vernunftbegriff. Dem,
12   der sich einmal an diese Unterscheidung gewöhnt hat, muß es unerträglich
13   fallen, die Vorstellung der rothen Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist
14   nicht einmal Notion (Verstandesbegriff) zu nennen.


15   Des
16   Ersten Buchs der transscendentalen Dialektik
17   Zweiter Abschnitt.
18   Von den transscendentalen Ideen.


19   Die transscendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße
20   logische Form unserer Erkenntniß den Ursprung von reinen Begriffen
21   a priori enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände vorstellen, [op 378]
22   oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche allein eine
23   empirische Erkenntniß von Gegenständen möglich macht. Die Form der
24   Urtheile (in einen Begriff von der Synthesis der Anschauungen verwandelt)
25   brachte Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch in der
26   Erfahrung leiten. Eben so können wir erwarten, daß die Form der Vernunftschlüsse,
27   wenn man sie auf die synthetische Einheit der Anschauungen
28   nach Maßgebung der Kategorien anwendet, den Ursprung besonderer
29   Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine Vernunftbegriffe
30   oder transscendentale Ideen nennen können, und die den Verstandesgebrauch
31   im Ganzen der gesammten Erfahrung nach Principien bestimmen
32   werden.


33   Die Function der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der Allgemeinheit
34   der Erkenntniß nach Begriffen, und der Vernunftschluß selbst


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01   ist ein Urtheil, welches a priori in dem ganzen Umfange seiner Bedingung
02   bestimmt wird. Den Satz: Cajus ist sterblich, könnte ich auch bloß durch
03   den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich suche einen Begriff,
04   der die Bedingung enthält, unter welcher das Prädicat (Assertion
05   überhaupt) dieses Urtheils gegeben wird (d. i. hier den Begriff des
06   Menschen), und nachdem ich unter diese Bedingung, in ihrem ganzen
07   Umfange genommen, (alle Menschen sind sterblich) subsumirt habe: so
08   bestimme ich darnach die Erkenntniß meines Gegenstandes (Cajus ist
09   sterblich).


10   Demnach restringiren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses [op 379]
11   ein Prädicat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in
12   dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung
13   gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges in Beziehung auf
14   eine solche Bedingung heißt die Allgemeinheit ( Universalitas ). Dieser
15   entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit ( Universitas )
16   oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transscendentale Vernunftbegriff
17   kein anderer, als der von der Totalität der Bedingungen
18   zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte allein die
19   Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die Totalität
20   der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist: so kann ein reiner Vernunftbegriff
21   überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, sofern er einen
22   Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt werden.


23   So viel Arten des Verhältnisses es nun giebt, die der Verstand vermittelst
24   der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vernunftbegriffe
25   wird es auch geben; und es wird also erstlich ein Unbedingtes der
26   kategorischen Synthesis in einem Subject, zweitens der hypothetischen
27   Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der disjunctiven
28   Synthesis der Theile in einem System zu suchen sein.


29   Es giebt nämlich eben so viel Arten von Vernunftschlüssen, deren
30   jede durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet: die eine zum
31   Subject, welches selbst nicht mehr Prädicat ist, die andre zur Voraussetzung, [op 380]
32   die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu einem Aggregat
33   der Glieder der Eintheilung, zu welchen nichts weiter erforderlich ist, um
34   die Eintheilung eines Begriffs zu vollenden. Daher sind die reinen Vernunftbegriffe
35   von der Totalität in der Synthesis der Bedingungen wenigstens
36   als Aufgaben, um die Einheit des Verstandes wo möglich bis zum
37   Unbedingten fortzusetzen, nothwendig und in der Natur der menschlichen


[seite 252]


01   Vernunft gegründet; es mag auch übrigens diesen transscendentalen Begriffen
02   an einem ihnen angemessenen Gebrauch in concreto fehlen und sie
03   mithin keinen andern Nutzen haben, als den Verstand in die Richtung zu
04   bringen, darin sein Gebrauch, indem er aufs äußerste erweitert, zugleich
05   mit sich selbst durchgehends einstimmig gemacht wird.


06   Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem
07   Unbedingten als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe reden,
08   so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht entbehren, und
09   gleichwohl nach einer ihm durch langen Mißbrauch anhängenden Zweideutigkeit
10   nicht sicher brauchen können. Das Wort absolut ist eines von
11   den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen Bedeutung einem Begriffe
12   angemessen worden, welchem nach der Hand gar kein anderes Wort
13   eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen Verlust, oder welches [op 381]
14   eben so viel ist, sein schwankender Gebrauch daher auch den Verlust des
15   Begriffs selbst nach sich ziehen muß und zwar eines Begriffs, der, weil er
16   die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne großen Nachtheil aller transscendentalen
17   Beurtheilungen nicht entbehrt werden kann. Das Wort absolut
18   wird jetzt öfters gebraucht, um bloß anzuzeigen, daß etwas von einer
19   Sache an sich selbst betrachtet und also innerlich gelte. In dieser Bedeutung
20   würde absolut=möglich das bedeuten, was an sich selbst ( interne )
21   möglich ist, welches in der That das wenigste ist, was man von
22   einem Gegenstande sagen kann. Dagegen wird es auch bisweilen gebraucht,
23   um anzuzeigen, daß etwas in aller Beziehung (uneingeschränkt)
24   gültig ist (z. B. die absolute Herrschaft), und absolut=möglich würde in
25   dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, was in aller Absicht, in aller Beziehung
26   möglich ist, welches wiederum das meiste ist, was ich über
27   die Möglichkeit eines Dinges sagen kann. Nun treffen zwar diese Bedeutungen
28   mannigmal zusammen. So ist z. E., was innerlich unmöglich
29   ist, auch in aller Beziehung, mithin absolut unmöglich. Aber in den
30   meisten Fällen sind sie unendlich weit auseinander, und ich kann auf keine
31   Weise schließen, daß, weil etwas an sich selbst möglich ist, es darum auch
32   in aller Beziehung, mithin absolut möglich sei. Ja von der absoluten
33   Nothwendigkeit werde ich in der Folge zeigen, daß sie keinesweges in allen
34   Fällen von der innern abhänge und also mit dieser nicht als gleichbedeutend [op 382]
35   angesehen werden müsse. Dessen Gegentheil innerlich unmöglich ist,
36   dessen Gegentheil ist freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es
37   selbst absolut nothwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was


[seite 253]


01   absolut nothwendig ist, dessen Gegentheil sei innerlich unmöglich, d. i.
02   die absolute Nothwendigkeit der Dinge sei eine innere Nothwendigkeit;
03   denn diese innere Nothwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz
04   leerer Ausdruck, mit welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden
05   können, dagegen der von der Nothwendigkeit eines Dinges in aller Beziehung
06   (auf alles mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich führt.
07   Weil nun der Verlust eines Begriffs von großer Anwendung in der speculativen
08   Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgültig sein kann, so
09   hoffe ich, es werde ihm die Bestimmung und sorgfältige Aufbewahrung
10   des Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht gleichgültig sein.


11   In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich denn des Worts
12   absolut bedienen und es dem bloß comparativ oder in besonderer Rücksicht
13   Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf Bedingungen
14   restringirt, jenes aber gilt ohne Restriction.


15   Nun geht der transscendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die
16   absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen und endigt niemals
17   als bei dem schlechthin, d. i. in jeder Beziehung Unbedingten. Denn die [op 383]
18   reine Vernunft überläßt alles dem Verstande, der sich zunächst auf die
19   Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren Synthesis in der Einbildungskraft
20   bezieht. Jene behält sich allein die absolute Totalität im
21   Gebrauche der Verstandesbegriffe vor und sucht die synthetische Einheit,
22   welche in der Kategorie gedacht wird, bis zum Schlechthin=Unbedingten
23   hinauszuführen. Man kann daher diese die Vernunfteinheit der Erscheinungen,
24   so wie jene, welche die Kategorie ausdrückt, Verstandeseinheit
25   nennen. So bezieht sich demnach die Vernunft nur auf den
26   Verstandesgebrauch und zwar nicht, so fern dieser den Grund möglicher
27   Erfahrung enthält (denn die absolute Totalität der Bedingungen ist kein
28   in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil keine Erfahrung unbedingt
29   ist), sondern um ihm die Richtung auf eine gewisse Einheit vorzuschreiben,
30   von der der Verstand keinen Begriff hat, und die darauf hinaus geht, alle
31   Verstandeshandlungen in Ansehung eines jeden Gegenstandes in ein absolutes
32   Ganzes zusammen zu fassen. Daher ist der objective Gebrauch
33   der reinen Vernunftbegriffe jederzeit transscendent, indessen daß der
34   von den reinen Verstandesbegriffen seiner Natur nach jederzeit immanent
35   sein muß, indem er sich bloß auf mögliche Erfahrung einschränkt.


[seite 254]


01   Ich verstehe unter der Idee einen nothwendigen Vernunftbegriff,
02   dem kein congruirender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann.
03   also sind unsere jetzt erwogene reine Vernunftbegriffe transscendentale [op 384]
04   Ideen. Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie betrachten alles
05   Erfahrungserkenntniß als bestimmt durch eine absolute Totalität der Bedingungen.
06   Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch die Natur
07   der Vernunft selbst aufgegeben und beziehen sich daher nothwendiger Weise
08   auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich transscendent und
09   übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher also niemals ein Gegenstand
10   vorkommen kann, der der transscendentalen Idee adäquat wäre.
11   Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Object nach (als von einem
12   Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel, dem Subjecte nach aber
13   (d. i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter empirischer Bedingung) eben
14   darum sehr wenig, weil sie, als der Begriff eines Maximum, in concreto
15   niemals congruent kann gegeben werden. Weil nun das letztere im blo
16   speculativen Gebrauch der Vernunft eigentlich die ganze Absicht ist, und
17   die Annäherung zu einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals
18   erreicht wird, eben so viel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt
19   würde, so heißt es von einem dergleichen Begriffe: er ist nur eine
20   Idee. So würde man sagen können: das absolute Ganze aller Erscheinungen
21   ist nur eine Idee, denn da wir dergleichen niemals im Bilde
22   entwerfen können, so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung. Dagegen
23   weil es im praktischen Gebrauch des Verstandes ganz allein um die [op 385]
24   Ausübung nach Regeln zu thun ist, so kann die Idee der praktischen Vernunft
25   jederzeit wirklich, ob zwar nur zum Theil, in concreto gegeben werden,
26   ja sie ist die unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs
27   der Vernunft. Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft,
28   aber unter nicht bestimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflusse
29   des Begriffs einer absoluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische
30   Idee jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen
31   unumgänglich nothwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar
32   Causalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält; daher
33   kann man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen: sie ist
34   nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der nothwendigen
35   Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem Praktischen
36   als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende Bedingung zur Regel
37   dienen.


[seite 255]


01   Ob wir nun gleich von den transscendentalen Vernunftbegriffen sagen
02   müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keinesweges für überflüssig
03   und nichtig anzusehen haben. Denn wenn schon dadurch kein Object
04   bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde und unbemerkt
05   dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und einhelligen Gebrauchs
06   dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr erkennt, als er
07   nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in dieser Erkenntni [op 386]
08   besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen, daß sie vielleicht von
09   den Naturbegriffen zu den praktischen einen Übergang möglich machen
10   und den moralischen Ideen selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang
11   mit den speculativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen
12   können. Über alles dieses muß man den Aufschluß in dem Verfolg erwarten.


14   Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen bei
15   Seite und betrachten daher die Vernunft nur im speculativen und in diesem
16   noch enger, nämlich nur im transscendentalen Gebrauch. Hier müssen
17   wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der Deduction
18   der Kategorien nahmen: nämlich die logische Form der Vernunfterkenntni
19   erwägen und sehen, ob nicht etwa die Vernunft dadurch auch ein
20   Quell von Begriffen werde, Objecte an sich selbst als synthetisch a priori
21   bestimmt in Ansehung einer oder der andern Function der Vernunft anzusehen.


23   Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntni
24   betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d. i. mittelbar (durch die
25   Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urtheils unter die Bedingung
26   eines gegebenen) zu urtheilen. Das gegebene Urtheil ist die allgemeine
27   Regel (Obersatz, Major ). Die Subsumtion der Bedingung eines
28   andern möglichen Urtheils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz
29   ( Minor ). Das wirkliche Urtheil, welches die Assertion der Regel [op 387]
30   in dem subsumirten Falle aussagt, ist der Schlußsatz ( Conclusio ).
31   Die Regel nämlich sagt etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung.
32   Nun findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt.
33   Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, auch in dem
34   vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt) als gültig angesehen.
35   Man sieht leicht, daß die Vernunft durch Verstandeshandlungen,
36   welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu einem Erkenntnisse
37   gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind veränderlich, nur dadurch


[seite 256]


01   gelange, daß ich von dem entferntern Erkenntniß (worin der Begriff
02   des Körpers noch nicht vorkommt, der aber doch davon die Bedingung
03   enthält) anfange: alles Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem
04   zu einem näheren gehe, der unter der Bedingung des ersteren steht: die
05   Körper sind zusammengesetzt; und von diesem allererst zu einem dritten,
06   der nunmehr das entfernte Erkenntniß (veränderlich) mit dem vorliegenden
07   verknüpft: folglich sind die Körper veränderlich: so bin ich durch eine Reihe
08   von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntniß (Conclusion) gelangt.
09   Nun läßt sich eine jede Reihe, deren Exponent (des kategorischen oder hypothetischen
10   Urtheils) gegeben ist, fortsetzen; mithin führt eben dieselbe
11   Vernunfthandlung zur ratiocinatio polysyllogistica , welches eine Reihe
12   von Schlüssen ist, die entweder auf der Seite der Bedingungen ( per prosyllogismos ), [op 388]
13   oder des Bedingten ( per episyllogismos ) in unbestimmte
14   Weiten fortgesetzt werden kann.


15   Man wird aber bald inne, daß die Kette oder Reihe der Prosyllogismen,
16   d. i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe oder
17   der Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntniß, mit andern Worten, die
18   aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das Vernunftvermögen
19   doch anders verhalten müsse, als die absteigende Reihe, d. i. der
20   Fortgang der Vernunft auf der Seite des Bedingten durch Episyllogismen.
21   Denn da im ersteren Falle das Erkenntniß ( conclusio ) nur als bedingt
22   gegeben ist: so kann man zu demselben vermittelst der Vernunft nicht anders
23   gelangen, als wenigstens unter der Voraussetzung, daß alle Glieder
24   der Reihe auf der Seite der Bedingungen gegeben sind (Totalität in der
25   Reihe der Prämissen), weil nur unter deren Voraussetzung das vorliegende
26   Urtheil a priori möglich ist; dagegen auf der Seite des Bedingten oder der
27   Folgerungen nur eine werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte
28   oder gegebene Reihe, mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird.
29   Daher wenn eine Erkenntniß als bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft
30   genöthigt, die Reihe der Bedingungen in aufsteigender Linie als
31   vollendet und ihrer Totalität nach gegeben anzusehen. Wenn aber eben [op 389]
32   dieselbe Erkenntniß zugleich als Bedingung anderer Erkenntnisse angesehen
33   wird, die unter einander eine Reihe von Folgerungen in absteigender
34   Linie ausmachen, so kann die Vernunft ganz gleichgültig sein, wie weit
35   dieser Fortgang sich a parte posteriori erstrecke, und ob gar überall Totalität
36   dieser Reihe möglich sei; weil sie einer dergleichen Reihe zu der vor
37   ihr liegenden Conclusion nicht bedarf, indem diese durch ihre Gründe


[seite 257]


01   a parte priori schon hinreichend bestimmt und gesichert ist. Es mag nun
02   sein, daß auf der Seite der Bedingungen die Reihe der Prämissen ein
03   Erstes habe als oberste Bedingung oder nicht und also a parte priori
04   ohne Grenzen sei; so muß sie doch Totalität der Bedingung enthalten, gesetzt
05   daß wir niemals dahin gelangen könnten, sie zu fassen; und die ganze
06   Reihe muß unbedingt wahr sein, wenn das Bedingte, welches als eine daraus
07   entspringende Folgerung angesehen wird, als wahr gelten soll. Dieses
08   ist eine Forderung der Vernunft, die ihr Erkenntniß als a priori bestimmt
09   und als nothwendig ankündigt: entweder an sich selbst, und dann bedarf
10   es keiner Gründe, oder, wenn es abgeleitet ist, als ein Glied einer Reihe
11   von Gründen, die selbst unbedingter Weise wahr ist.

[op 390]


12   Des
13   Ersten Buchs der transscendentalen Dialektik
14   Dritter Abschnitt.
15   System der transscendentalen Ideen.


16   Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu thun, welche
17   von allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt und lediglich den falschen
18   Schein in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit einer transscendentalen,
19   welche völlig a priori den Ursprung gewisser Erkenntnisse
20   aus reiner Vernunft und geschlossener Begriffe, deren Gegenstand empirisch
21   gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich außer dem Vermögen
22   des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir haben aus der
23   natürlichen Beziehung, die der transscendentale Gebrauch unserer Erkenntni
24   sowohl in Schlüssen, als Urtheilen auf den logischen haben muß,
25   abgenommen: daß es nur drei Arten von dialektischen Schlüssen geben
26   werde, die sich auf die dreierlei Schlußarten beziehen, durch welche Vernunft
27   aus Principien zu Erkenntnissen gelangen kann, und daß in allen
28   ihr Geschäfte sei, von der bedingten Synthesis, an die der Verstand jederzeit
29   gebunden bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er niemals erreichen
30   kann.


31   Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen [op 391]
32   haben können: 1) die Beziehung aufs Subject, 2) die Beziehung auf
33   Objecte und zwar entweder als Erscheinungen, oder als Gegenstände


[seite 258]


01   des Denkens überhaupt. Wenn man diese Untereintheilung mit der oberen
02   verbindet, so ist alles Verhältniß der Vorstellungen, davon wir uns entweder
03   einen Begriff oder Idee machen können, dreifach: 1. das Verhältni
04   zum Subject, 2. zum Mannigfaltigen des Objects in der Erscheinung,
05   3. zu allen Dingen überhaupt.


06   Nun haben es alle reine Begriffe überhaupt mit der synthetischen
07   Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft (transscendentale
08   Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen
09   überhaupt zu thun. Folglich werden alle transscendentale Ideen sich
10   unter drei Classen bringen lassen, davon die erste die absolute (unbedingte)
11   Einheit des denkenden Subjects, die zweite die absolute
12   Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung, die dritte
13   die absolute Einheit der Bedingung aller Gegenstände des Denkens
14   überhaupt enthält.


15   Das denkende Subject ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff
16   aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie,
17   und das Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem,
18   was gedacht werden kann, enthält (das Wesen aller Wesen), der Gegenstand
19   der Theologie. Also giebt die reine Vernunft die Idee zu einer
20   transscendentalen Seelenlehre ( psychologia rationalis ), zu einer transscendentalen [op 392]
21   Weltwissenschaft ( cosmologia rationalis ), endlich auch zu
22   einer transscendentalen Gotteserkenntniß ( theologia transscendentalis )
23   an die Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl als der andern
24   dieser Wissenschaften schreibt sich gar nicht von dem Verstande her, selbst
25   wenn er gleich mit dem höchsten logischen Gebrauche der Vernunft, d. i.
26   allen erdenklichen Schlüssen verbunden wäre, um von einem Gegenstande
27   desselben (Erscheinung) zu allen anderen bis in die entlegensten Glieder
28   der empirischen Synthesis fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines
29   und ächtes Product oder Problem der reinen Vernunft.


30   Was unter diesen drei Titeln aller transscendentalen Ideen für modi
31   der reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke
32   vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort.
33   Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände,
34   sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Eben so wird sich auch
35   nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die Vernunft
36   lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben Function, deren
37   sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient, nothwendiger Weise


[seite 259]


01   auf den Begriff der absoluten Einheit des denkenden Subjects kommen
02   müsse, wie das logische Verfahren in hypothetischen die Idee vom
03   Schlechthin=Unbedingten in einer Reihe gegebener Bedingungen, endlich [op 393]
04   die bloße Form des disjunctiven Vernunftschlusses den höchsten Vernunftbegriff
05   von einem Wesen aller Wesen nothwendiger Weise nach sich
06   ziehen müsse: ein Gedanke, der beim ersten Anblick äußerst paradox zu
07   sein scheint.


08   Von diesen transscendentalen Ideen ist eigentlich keine objective
09   Deduction möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten.
10   Denn in der That haben sie keine Beziehung auf irgend ein Object, was
11   ihnen congruent gegeben werden könnte, eben darum weil sie nur Ideen
12   sind. Aber eine subjective Ableitung derselben aus der Natur unserer
13   Vernunft konnten wir unternehmen; und die ist im gegenwärtigen Hauptstücke
14   auch geleistet worden.


15   Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anders zur Absicht
16   habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen
17   (es sei der Inhärenz oder der Dependenz oder der Concurrenz),
18   und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von Seiten des
19   Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf sie,
20   um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen und sie dadurch dem
21   Verstande a priori zu geben. Ist aber eine vollständig (und unbedingt)
22   gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr eines Vernunftbegriffs
23   in Ansehung der Fortsetzung der Reihe; denn der Verstand thut [op 394]
24   jeden Schritt abwärts von der Bedingung zum Bedingten von selber. Auf
25   solche Weise dienen die transscendentalen Ideen nur zum Aufsteigen in
26   der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten, d. i. zu den Principien.
27   In Ansehung des Hinabgehens zum Bedingten aber giebt es zwar
28   einen weit erstreckten logischen Gebrauch, den unsere Vernunft von den
29   Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen transscendentalen; und wenn
30   wir uns von der absoluten Totalität einer solchen Synthesis (des progressus )
31   eine Idee machen, z. B. von der ganzen Reihe aller künftigen
32   Weltveränderungen, so ist dieses ein Gedankending ( ens rationis ), welches
33   nur willkürlich gedacht und nicht durch die Vernunft nothwendig vorausgesetzt
34   wird. Denn zur Möglichkeit des Bedingten wird zwar die Totalität
35   seiner Bedingungen, aber nicht seiner Folgen vorausgesetzt. Folglich
36   ist ein solcher Begriff keine transscendentale Idee, mit der wir es doch
37   hier lediglich zu thun haben.


[seite 260]


01   Zuletzt wird man auch gewahr: daß unter den transscendentalen
02   Ideen selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und
03   daß die reine Vernunft vermittelst ihrer alle ihre Erkenntnisse in ein
04   System bringe. Von der Erkenntniß seiner selbst (der Seele) zur Welterkenntni
05   und vermittelst dieser zum Urwesen fortzugehen, ist ein so natürlicher
06   Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der Vernunft von [op 395]
07   den Prämissen zum Schlußsatze ähnlich scheint*). Ob nun hier wirklich eine
08   Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem logischen und transscendentalen
09   Verfahren, ingeheim zum Grunde liege, ist auch eine von den Fragen,
10   deren Beantwortung man in dem Verfolg dieser Untersuchungen
11   allererst erwarten muß. Wir haben vorläufig unsern Zweck schon erreicht, [op 396]
12   da wir die transscendentalen Begriffe der Vernunft, die sich sonst gewöhnlich
13   in der Theorie der Philosophen unter andere mischen, ohne daß diese
14   sie einmal von Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen
15   Lage haben herausziehen, ihren Ursprung und dadurch zugleich
16   ihre bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und
17   sie in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können, wodurch
18   ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und eingeschränkt
19   wird.



20   *) Die Metaphysik hat zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschung nur drei
21   Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, so daß der zweite Begriff, mit dem
22   ersten verbunden, auf den dritten als einen nothwendigen Schlußsatz führen soll.
23   Alles, womit sich diese Wissenschaft sonst beschäftigt, dient ihr bloß zum Mittel,
24   um zu diesen Ideen und ihrer Realität zu gelangen. Sie bedarf sie nicht zum
25   Behuf der Naturwissenschaft, sondern um über die Natur hinaus zu kommen. Die
26   Einsicht in dieselben würde Theologie, Moral und durch beider Verbindung
27   Religion, mithin die höchsten Zwecke unseres Daseins bloß vom speculativen Vernunftvermögen
28   und sonst von nichts anderem abhängig machen. In einer systematischen
29   Vorstellung jener Ideen würde die angeführte Ordnung, als die synthetische,
30   die schicklichste sein; aber in der Bearbeitung, die vor ihr nothwendig vorhergehen
31   muß, wird die analytische, welche diese Ordnung umkehrt, dem Zwecke
32   angemessener sein, um, indem wir von demjenigen, was uns Erfahrung unmittelbar
33   an die Hand giebt, der Seelenlehre, zur Weltlehre und von da bis zur
34   Erkenntniß Gottes fortgehen, unseren großen Entwurf zu vollziehen.


[seite 261]


01   Der
02   Transscendentalen Dialektik
03   Zweites Buch.
04   Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft.


05   Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transscendentalen
06   Idee sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz
07   nothwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt
08   worden. Denn in der That ist auch von einem Gegenstande, der der
09   Forderung der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff möglich,
10   d. i. ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung gezeigt und anschaulich
11   gemacht werden kann. Besser würde man sich doch und mit weniger [op 397]
12   Gefahr des Mißverständnisses ausdrücken, wenn man sagte: da
13   wir vom Object, welches einer Idee correspondirt, keine Kenntniß, obzwar
14   einen problematischen Begriff haben können.


15   Nun beruht wenigstens die transscendentale (subjective) Realität der
16   reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen nothwendigen Vernunftschlu
17   auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es Vernunftschlüsse
18   geben, die keine empirische Prämissen enthalten und vermittelst
19   deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes schließen, wovon
20   wir doch keinen Begriff haben, und dem wir gleichwohl durch einen unvermeidlichen
21   Schein objective Realität geben. Dergleichen Schlüsse sind in
22   Ansehung ihres Resultats also eher vernünftelnde als Vernunftschlüsse
23   zu nennen: wiewohl sie ihrer Veranlassung wegen wohl den letzteren Namen
24   führen können, weil sie doch nicht erdichtet oder zufällig entstanden,
25   sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind. Es sind Sophisticationen
26   nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen
27   selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen und vielleicht
28   zwar nach vieler Bemühung den Irrthum verhüten, den Schein aber, der
29   ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig los werden kann.


30   Dieser dialektischen Vernunftschlüsse giebt es also nur dreierlei Arten,
31   so vielfach als die Ideen sind, auf die ihre Schlußsätze auslaufen. In dem
32   Vernunftschlusse der ersten Classe schließe ich von dem transscendentalen [op 398]
33   Begriffe des Subjects, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute
34   Einheit dieses Subjects selber, von welchem ich auf diese Weise gar keinen


[seite 262]


01   Begriff habe. Diesen dialektischen Schluß werde ich den transscendentalen
02   Paralogismus nennen. Die zweite Classe der vernünftelnden Schlüsse
03   ist auf den transscendentalen Begriff der absoluten Totalität der Reihe
04   der Bedingungen zu einer gegebenen Erscheinung überhaupt angelegt;
05   und ich schließe daraus, daß ich von der unbedingten synthetischen Einheit
06   der Reihe auf einer Seite jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff
07   habe, auf die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich
08   gleichwohl auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen
09   dialektischen Schlüssen werde ich die Antinomie der reinen Vernunft
10   nennen. Endlich schließe ich nach der dritten Art vernünftelnder Schlüsse
11   von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt, so fern sie
12   mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute synthetische Einheit
13   aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt, d. i. von
14   Dingen, die ich nach ihrem bloßen transscendentalen Begriff nicht kenne,
15   auf ein Wesen aller Wesen, welches ich durch einen transscendenten Begriff
16   noch weniger kenne, und von dessen unbedingter Nothwendigkeit ich
17   mir keinen Begriff machen kann. Diesen dialektischen Vernunftschlu
18   werde ich das Ideal der reinen Vernunft nennen.

[op 399]


19   Des
20   Zweiten Buchs der transscendentalen Dialektik
21   Erstes Hauptstück.
22   Von den Paralogismen der reinen Vernunft.


23   Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines Vernunftschlusses
24   der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein, welcher er wolle.
25   Ein transscendentaler Paralogismus aber hat einen transscendentalen
26   Grund, der Form nach falsch zu schließen. Auf solche Weise wird ein dergleichen
27   Fehlschluß in der Natur der Menschenvernunft seinen Grund haben
28   und eine unvermeidliche, obzwar nicht unauflösliche Illusion bei sich
29   führen.


30   Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben in der allgemeinen Liste
31   der transscendentalen Begriffe nicht verzeichnet worden und dennoch dazu
32   gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu verändern
33   und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff oder, wenn man


[seite 263]


01   lieber will, das Urtheil: Ich denke. Man sieht aber leicht, daß er das Vehikel
02   aller Begriffe überhaupt und mithin auch der transscendentalen sei und also
03   unter diesen jederzeit mit Begriffen werde und daher eben sowohl transscendental [op 400]
04   sei, aber keinen besondern Titel haben könne, weil er nur dazu
05   dient, alles Denken als zum Bewußtsein gehörig aufzuführen. Indessen so
06   rein er auch vom Empirischen (dem Eindrucke der Sinne) ist, so dient er doch
07   dazu, zweierlei Gegenstände aus der Natur unserer Vorstellungskraft zu
08   unterscheiden. Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des innern Sinnes
09   und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne ist,
10   heißt Körper. Demnach bedeutet der Ausdruck: Ich, als ein denkend Wesen,
11   schon den Gegenstand der Psychologie, welche die rationale Seelenlehre
12   heißen kann, wenn ich von der Seele nichts weiter zu wissen verlange,
13   als was unabhängig von aller Erfahrung (welche mich näher und in concreto
14   bestimmt) aus diesem Begriffe Ich, so fern er bei allem Denken vorkommt,
15   geschlossen werden kann.


16   Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser
17   Art; denn wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgend eine
18   besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die Erkenntnißgründe
19   dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht mehr
20   rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon eine
21   angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze: Ich
22   denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz
23   schicklich und der Natur einer Transscendentalphilosophie gemäß untersuchen
24   können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an diesem
25   Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere Erfahrung [op 401]
26   habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche darauf erbauet
27   wird, niemals rein, sondern zum Theil auf ein empirisches Principium gegründet
28   sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts weiter, als die bloße
29   Apperception: Ich denke, welche sogar alle transscendentale Begriffe
30   möglich macht, in welchen es heißt: Ich denke die Substanz, die Ursache etc..
31   Denn innere Erfahrung überhaupt und deren Möglichkeit, oder Wahrnehmung
32   überhaupt und deren Verhältniß zu anderer Wahrnehmung,
33   ohne daß irgend ein besonderer Unterschied derselben und Bestimmung
34   empirisch gegeben ist, kann nicht als empirische Erkenntniß, sondern mu
35   als Erkenntniß des Empirischen überhaupt angesehen werden und gehört
36   zur Untersuchung der Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings
37   transscendental ist. Das mindeste Object der Wahrnehmung (z. B. nur


[seite 264]


01   Lust oder Unlust), welche zu der allgemeinen Vorstellung des Selbstbewußtseins
02   hinzu käme, würde die rationale Psychologie sogleich in eine
03   empirische verwandeln.


04   Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie,
05   aus welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht,
06   daß dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen
07   werden soll, nichts anders als transscendentale Prädicate desselben enthalten
08   könne: weil das mindeste empirische Prädicat die rationale Reinigkeit
09   und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung verderben
10   würde.

[op 402]


11   Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen
12   haben; nur da hier zuerst ein Ding, Ich, als denkend Wesen gegeben worden,
13   so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien unter einander,
14   wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht verändern, aber doch hier
15   von der Kategorie der Substanz anfangen, dadurch ein Ding an sich selbst
16   vorgestellt wird, und so ihrer Reihe rückwärts nachgehen. Die Topik der
17   rationalen Seelenlehre, woraus alles übrige, was sie nur enthalten mag,
18   abgeleitet werden muß, ist demnach folgende:


19   1.
20   Die Seele ist
21   Substanz.


22   2.
23   Ihrer Qualität nach
24   einfach.


22   3.
23   Den verschiedenen Zeiten nach,
24   in welchen sie da ist,
25   numerisch=identisch, d.i.
26   Einheit (nicht Vielheit).


27   4.
28   Im Verhältnisse
29   zu möglichen Gegenständen im Raume*).



30   *) Der Leser, der aus diesen Ausdrücken in ihrer transscendentalen Abgezogenheit
31   nicht so leicht den psychologischen Sinn derselben, und warum das letztere
32   Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz gehöre, errathen wird, wird sie in
33   dem Folgenden hinreichend erklärt und gerechtfertigt finden. Übrigens habe ich wegen
34   der lateinischen Ausdrücke, die statt der gleichbedeutenden deutschen wider den Geschmack
35   der guten Schreibart eingeflossen sind, sowohl bei diesem Abschnitte, als auch'


34   in Ansehung des ganzen Werks zur Entschuldigung anzuführen: daß ich lieber etwas
35   der Zierlichkeit der Sprache habe entziehen, als den Schulgebrauch durch die
36   mindeste Unverständlichkeit erschweren wollen.


[seite 265]

[op 403]


01   Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelenlehre
02   lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten ein anderes
03   Principium zu erkennen. Diese Substanz bloß als Gegenstand des inneren
04   Sinnes giebt den Begriff der Immaterialität, als einfache Substanz
05   der Incorruptibilität, die Identität derselben als intellectueller Substanz
06   giebt die Personalität, alle diese drei Stücke zusammen die
07   Spiritualität; das Verhältniß zu den Gegenständen im Raume giebt
08   das Commercium mit Körpern; mithin stellt sie die denkende Substanz
09   als das Principium des Lebens in der Materie, d. i. sie als Seele ( anima )
10   und als den Grund der Animalität, vor, diese, durch die Spiritualität
11   eingeschränkt, Immortalität.


12   Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transscendentalen
13   Seelenlehre, welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen Vernunft
14   von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird. Zum Grunde [op 404]
15   derselben können wir aber nichts anderes legen, als die einfache und für
16   sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung: Ich, von der man nicht
17   einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei, sondern ein bloßes Bewußtsein,
18   das alle Begriffe begleitet. Durch dieses Ich oder Er oder Es (das Ding),
19   welches denkt, wird nun nichts weiter als ein transscendentales Subject
20   der Gedanken vorgestellt = X, welches nur durch die Gedanken, die seine
21   Prädicate sind, erkannt wird, und wovon wir abgesondert niemals den
22   mindesten Begriff haben können, um welches wir uns daher in einem beständigen
23   Cirkel herumdrehen, indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit
24   schon bedienen müssen, um irgend etwas von ihm zu urtheilen; eine Unbequemlichkeit,
25   die davon nicht zu trennen ist, weil das Bewußtsein an
26   sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die ein besonderes Object unterscheidet,
27   sondern eine Form derselben überhaupt, so fern sie Erkenntni
28   genannt werden soll; denn von der allein kann ich sagen, daß ich dadurch
29   irgend etwas denke.


30   Es muß aber gleich anfangs befremdlich scheinen, daß die Bedingung,
31   unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloß eine Beschaffenheit
32   meines Subjects ist, zugleich für alles, was denkt, gültig sein solle, und
33   daß wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und allgemeines


[seite 266]


01   meines Urtheils zu gründen uns anmaßen können, nämlich: daß alles, was
02   denkt, so beschaffen sei, als der Ausspruch des Selbstbewußtseins es an [op 405]
03   mir aussagt. Die Ursache aber hievon liegt darin: daß wir den Dingen
04   a priori alle die Eigenschaften nothwendig beilegen müssen, die die Bedingungen
05   ausmachen, unter welchen wir sie allein denken. Nun kann ich
06   von einem denkenden Wesen durch keine äußere Erfahrung, sondern blo
07   durch das Selbstbewußtsein die mindeste Vorstellung haben. Also sind
08   dergleichen Gegenstände nichts weiter, als die Übertragung dieses meines
09   Bewußtseins auf andere Dinge, welche nur dadurch als denkende Wesen
10   vorgestellt werden. Der Satz: Ich denke, wird aber hiebei nur problematisch
11   genommen, nicht so fern er eine Wahrnehmung von einem Dasein
12   enthalten mag (das Cartesianische cogito, ergo sum ), sondern seiner
13   bloßen Möglichkeit nach, um zu sehen, welche Eigenschaften aus diesem so
14   einfachen Satze auf das Subject desselben (es mag dergleichen nun existiren
15   oder nicht) fließen mögen.


16   Läge unserer reinen Vernunfterkenntniß von denkenden Wesen überhaupt
17   mehr als das cogito zum Grunde; würden wir die Beobachtungen
18   über das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfende Naturgesetze
19   des denkenden Selbst auch zu Hülfe nehmen: so würde eine empirische
20   Psychologie entspringen, welche eine Art der Physiologie des inneren
21   Sinnes sein würde und vielleicht die Erscheinungen desselben zu erklären,
22   niemals aber dazu dienen könnte, solche Eigenschaften, die gar nicht zur [op 406]
23   möglichen Erfahrung gehören (als die des Einfachen) zu eröffnen, noch
24   von denkenden Wesen überhaupt etwas, das ihre Natur betrifft, apodiktisch
25   zu lehren; sie wäre also keine rationale Psychologie.


26   Da nun der Satz: Ich denke, (problematisch genommen) die Form
27   eines jeden Verstandesurtheils überhaupt enthält und alle Kategorien als
28   ihr Vehikel begleitet: so ist klar, daß die Schlüsse aus demselben einen blo
29   transscendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, welcher alle
30   Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und von dessen Fortgang wir nach
31   dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum voraus keinen vortheilhaften
32   Begriff machen können. Wir wollen ihn also durch alle Prädicamente
33   der reinen Seelenlehre mit einem kritischen Auge verfolgen, doch


[seite 267]


01   um der Kürze willen ihre Prüfung in einem ununterbrochenen Zusammenhange
02   fortgehen lassen.


03   Zuvörderst kann folgende allgemeine Bemerkung unsere Achtsamkeit
04   auf diese Schlußart schärfen. Nicht dadurch, daß ich bloß denke, erkenne
05   ich irgend ein Object, sondern nur dadurch, daß ich eine gegebene Anschauung
06   in Absicht auf die Einheit des Bewußtseins, darin alles Denken
07   besteht, bestimme, kann ich irgend einen Gegenstand erkennen. Also erkenne
08   ich mich nicht selbst dadurch, daß ich mich meiner als denkend bewußt
09   bin, sondern wenn ich mir die Anschauung meiner selbst, als in Ansehung
10   der Function des Denkens bestimmt, bewußt bin. Alle modi [op 407]
11   des Selbstbewußtseins im Denken an sich sind daher noch keine Verstandesbegriffe
12   von Objecten (Kategorien), sondern bloße logische Functionen,
13   die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich selbst auch nicht als
14   Gegenstand zu erkennen geben. Nicht das Bewußtsein des bestimmenden,
15   sondern nur das des bestimmbaren Selbst, d. i. meiner inneren
16   Anschauung (so fern ihr Mannigfaltiges der allgemeinen Bedingung der
17   Einheit der Apperception im Denken gemäß verbunden werden kann), ist
18   das Object.


19   1) In allen Urtheilen bin ich nun immer das bestimmende Subject
20   desjenigen Verhältnisses, welches das Urtheil ausmacht. Daß aber Ich,
21   der ich denke, im Denken immer als Subject und als etwas, was nicht
22   bloß wie Prädicat dem Denken anhängend betrachtet werden kann, gelten
23   müsse, ist ein apodiktischer und selbst identischer Satz; aber er bedeutet
24   nicht, daß ich als Object ein für mich selbst bestehendes Wesen oder
25   Substanz sei. Das letztere geht sehr weit, erfordert daher auch Data,
26   die im Denken gar nicht angetroffen werden, vielleicht (so fern ich bloß das
27   denkende als ein solches betrachte) mehr, als ich überall (in ihm) jemals
28   antreffen werde.


29   2) Daß das Ich der Apperception folglich in jedem Denken ein
30   Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjecte aufgelöset werden
31   kann, mithin ein logisch einfaches Subject bezeichne, liegt schon im Begriffe [op 408]
32   des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz; aber das bedeutet
33   nicht, daß das denkende Ich eine einfache Substanz sei, welches ein synthetischer
34   Satz sein würde. Der Begriff der Substanz bezieht sich immer
35   auf Anschauungen, die bei mir nicht anders als sinnlich sein können, mithin
36   ganz außer dem Felde des Verstandes und seinem Denken liegen, von
37   welchem doch eigentlich hier nur geredet wird, wenn gesagt wird, daß das


[seite 268]


01   Ich im Denken einfach sei. Es wäre auch wunderbar, wenn mir das,
02   was sonst so viele Anstalt erfordert, um in dem, was die Anschauung darlegt,
03   das zu unterscheiden, was darin Substanz sei, noch mehr aber, ob
04   diese auch einfach sein könne (wie bei den Theilen der Materie), hier so
05   geradezu in der ärmsten Vorstellung unter allen gleichsam wie durch eine
06   Offenbarung gegeben würde.


07   3) Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen,
08   dessen ich mir bewußt bin, ist ein eben so wohl in den Begriffen selbst
09   liegender, mithin analytischer Satz; aber diese Identität des Subjects,
10   deren ich mir in allen seinen Vorstellungen bewußt werden kann, betrifft
11   nicht die Anschauung desselben, dadurch es als Object gegeben ist, kann
12   also auch nicht die Identität der Person bedeuten, wodurch das Bewußtsein
13   der Identität seiner eigenen Substanz als denkenden Wesens in allem
14   Wechsel der Zustände verstanden wird, wozu, um sie zu beweisen, es mit
15   der bloßen Analysis des Satzes: Ich denke, nicht ausgerichtet sein, sondern [op 409]
16   verschiedene synthetische Urtheile, welche sich auf die gegebene Anschauung
17   gründen, würden erfordert werden.


18   4) Ich unterscheide meine eigene Existenz, als eines denkenden Wesens,
19   von anderen Dingen außer mir (wozu auch mein Körper gehört), ist
20   eben so wohl ein analytischer Satz; denn andere Dinge sind solche, die
21   ich als von mir unterschieden denke. Aber ob dieses Bewußtsein meiner
22   selbst ohne Dinge außer mir, dadurch mir Vorstellungen gegeben
23   werden, gar möglich sei, und ich also bloß als denkend Wesen (ohne Mensch
24   zu sein) existiren könne, weiß ich dadurch gar nicht.
25   Also ist durch die Analysis des Bewußtseins meiner selbst im Denken
26   überhaupt in Ansehung der Erkenntniß meiner selbst als Objects nicht
27   das mindeste gewonnen. Die logische Erörterung des Denkens überhaupt
28   wird fälschlich für eine metaphysische Bestimmung des Objects gehalten.
29   Ein großer, ja sogar der einzige Stein des Anstoßes wider unsere
30   ganze Kritik würde es sein, wenn es eine Möglichkeit gäbe, a priori zu
31   beweisen, daß alle denkende Wesen an sich einfache Substanzen sind, als
32   solche also (welches eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde ist) Persönlichkeit
33   unzertrennlich bei sich führen und sich ihrer von aller Materie
34   abgesonderten Existenz bewußt sind. Denn auf diese Art hätten wir doch
35   einen Schritt über die Sinnenwelt hinaus gethan, wir wären in das Feld [op 410]
36   der Noumenen getreten, und nun spreche uns niemand die Befugniß ab,
37   in diesem uns weiter auszubreiten, anzubauen und, nachdem einen jeden


[seite 269]


01   sein Glückstern begünstigt, darin Besitz zu nehmen. denn der Satz: Ein
02   jedes denkende Wesen als ein solches ist einfache Substanz, ist ein synthetischer
03   Satz a priori, weil er erstlich über den ihm zum Grunde gelegten
04   Begriff hinausgeht und die Art des Daseins zum Denken überhaupt
05   hinzuthut, und zweitens zu jenem Begriffe ein Prädicat (der Einfachheit)
06   hinzufügt, welches in gar keiner Erfahrung gegeben werden kann. Also
07   sind synthetische Sätze a priori nicht bloß, wie wir behauptet haben, in
08   Beziehung auf Gegenstände möglicher Erfahrung und zwar als Principien
09   der Möglichkeit dieser Erfahrung selbst thunlich und zulässig, sondern
10   sie können auch auf Dinge überhaupt und an sich selbst gehen, welche
11   Folgerung dieser ganzen Kritik ein Ende macht und gebieten würde, es
12   beim Alten bewenden zu lassen. Allein die Gefahr ist hier nicht so groß,
13   wenn man der Sache näher tritt.


14   In dem Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Paralogism,
15   der durch folgenden Vernunftschluß dargestellt wird.


16   Was nicht anders als Subject gedacht werden kann, existirt
17   auch nicht anders als Subject und ist also Substanz. [op 411]
18   Nun kann ein denkendes Wesen, bloß als ein solches betrachtet,
19   nicht anders als Subject gedacht werden.
20   Also existirt es auch nur als ein solches , d. i. als Substanz.


21   Im Obersatze wird von einem Wesen geredet, das überhaupt, in jeder
22   Absicht, folglich auch so, wie es in der Anschauung gegeben werden mag,
23   gedacht werden kann. Im Untersatze aber ist nur von demselben die Rede,
24   so fern es sich selbst als Subject nur relativ auf das Denken und die Einheit
25   des Bewußtseins, nicht aber zugleich in Beziehung auf die Anschauung,
26   wodurch es als Object zum Denken gegeben wird, betrachtet. Also
27   wird per sophisma figurae dictionis , mithin durch einen Trugschluß die
28   Conclusion gefolgert.*)



29   *) Das Denken wird in beiden Prämissen in ganz verschiedener Bedeutung
30   genommen: im Obersatze, wie es auf ein Object überhaupt (mithin wie es in der
31   Anschauung gegeben werden mag) geht; im Untersatze aber nur, wie es in der Beziehung
32   aufs Selbstbewußtsein besteht, wobei also an gar kein Object gedacht wird,
33   sondern nur die Beziehung auf sich als Subject (als die Form des Denkens)
34   vorgestellt wird. Im ersteren wird von Dingen geredet, die nicht anders als Subjecte
35   gedacht werden können; im zweiten aber nicht von Dingen, sondern vom'


31   Denken (indem man von allem Objecte abstrahirt), in welchem das Ich immer
32   zum Subject des Bewußtseins dient; daher im Schlußsatze nicht folgen kann: ich
33   kann nicht anders als Subject existiren, sondern nur: ich kann im Denken meiner
34   Existenz mich nur zum Subject des Urtheils brauchen, welches ein identischer Satz
35   ist, der schlechterdings nichts über die Art meines Daseins eröffnet.


[seite 270]

[op 412]


01   Daß diese Auflösung des berühmten Arguments in einem Paralogism
02   so ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine Anmerkung
03   zur systematischen Vorstellung der Grundsätze und den Abschnitt
04   von den Noumenen hiebei nachsehen will, da bewiesen worden: daß der
05   Begriff eines Dinges, was für sich selbst als Subject, nicht aber als bloßes
06   Prädicat existiren kann, noch gar keine objective Realität bei sich führe,
07   d. i. daß man nicht wissen könne, ob ihm überall ein Gegenstand zukommen
08   könne, indem man die Möglichkeit einer solchen Art zu existiren
09   nicht einsieht, folglich daß er schlechterdings keine Erkenntniß abgebe.
10   Soll er also unter der Benennung einer Substanz ein Object, das gegeben
11   werden kann, anzeigen; soll er ein Erkenntniß werden: so muß eine beharrliche
12   Anschauung, als die unentbehrliche Bedingung der objectiven
13   Realität eines Begriffs, nämlich das, wodurch allein der Gegenstand gegeben
14   wird, zum Grunde gelegt werden. Nun haben wir aber in der [op 413]
15   inneren Anschauung gar nichts Beharrliches, denn das Ich ist nur das
16   Bewußtsein meines Denkens; also fehlt es uns auch, wenn wir bloß beim
17   Denken stehen bleiben, an der nothwendigen Bedingung, den Begriff der
18   Substanz, d. i. eines für sich bestehenden Subjects, auf sich selbst als denkend
19   Wesen anzuwenden; und die damit verbundene Einfachheit der Substanz
20   fällt mit der objectiven Realität dieses Begriffs gänzlich weg und
21   wird in eine bloße logische, qualitative Einheit des Selbstbewußtseins
22   im Denken überhaupt, das Subject mag zusammengesetzt sein oder nicht,
23   verwandelt.


24   Widerlegung des Mendelssohnschen Beweises
25   der Beharrlichkeit der Seele.


26   Dieser scharfsinnige Philosoph merkte bald in dem gewöhnlichen Argumente,
27   dadurch bewiesen werden soll, daß die Seele (wenn man einräumt,
28   sie sei ein einfaches Wesen) nicht durch Zertheilung zu sein aufhören
29   könne, einen Mangel der Zulänglichkeit zu der Absicht, ihr die nothwendige
30   Fortdauer zu sichern, indem man noch ein Aufhören ihres Daseins


[seite 271]


01   durch Verschwinden annehmen könnte. In seinem Phädon suchte er
02   nun diese Vergänglichkeit, welche eine wahre Vernichtung sein würde, von
03   ihr dadurch abzuhalten, daß er sich zu beweisen getraute: ein einfaches
04   Wesen könne gar nicht aufhören zu sein, weil, da es gar nicht vermindert
05   werden und also nach und nach etwas an seinem Dasein verlieren und so [op 414]
06   allmählig in Nichts verwandelt werden könne (indem es keine Theile, also
07   auch keine Vielheit in sich habe), zwischen einem Augenblicke, darin es ist,
08   und dem andern, darin es nicht mehr ist, gar keine Zeit angetroffen werden
09   würde, welches unmöglich ist. - Allein er bedachte nicht, daß, wenn
10   wir gleich der Seele diese einfache Natur einräumen, da sie nämlich kein
11   Mannigfaltiges außer einander, mithin keine extensive Größe enthält,
12   man ihr doch, so wenig wie irgend einem Existirenden, intensive Größe,
13   d. i. einen Grad der Realität in Ansehung aller ihrer Vermögen, ja überhaupt
14   alles dessen, was das Dasein ausmacht, ableugnen könne, welcher
15   durch alle unendlich viele kleinere Grade abnehmen und so die vorgebliche
16   Substanz (das Ding, dessen Beharrlichkeit nicht sonst schon fest steht), obgleich
17   nicht durch Zertheilung, doch durch allmählige Nachlassung ( remissio )
18   ihrer Kräfte, (mithin durch Elanguescenz, wenn es mir erlaubt ist, mich
19   dieses Ausdrucks zu bedienen) in Nichts verwandelt werden könne. Denn
20   selbst das Bewußtsein hat jederzeit einen Grad, der immer noch vermindert [op 415]
21   werden kann*), folglich auch das Vermögen sich seiner bewußt zu
22   sein und so alle übrige Vermögen. - Also bleibt die Beharrlichkeit der
23   Seele, als bloß Gegenstandes des inneren Sinnes, unbewiesen und selbst
24   unerweislich, obgleich ihre Beharrlichkeit im Leben, da das denkende Wesen
25   (als Mensch) sich zugleich ein Gegenstand äußerer Sinne ist, für sich
26   klar ist, womit aber dem rationalen Psychologen gar nicht Gnüge geschieht,


27   *) Klarheit ist nicht, wie die Logiker sagen, das Bewußtsein einer Vorstellung;
28   denn ein gewisser Grad des Bewußtseins, der aber zur Erinnerung nicht zureicht,
29   muß selbst in manchen dunkelen Vorstellungen anzutreffen sein, weil ohne alles Bewußtsein
30   wir in der Verbindung dunkeler Vorstellungen keinen Unterschied machen
31   würden, welches wir doch bei den Merkmalen mancher Begriffe (wie der von Recht
32   und Billigkeit und des Tonkünstlers, wenn er viele Noten im Phantasiren zugleich
33   greift) zu thun vermögen. Sondern eine Vorstellung ist klar, in der das Bewußtsein
34   zum Bewußtsein des Unterschiedes derselben von andern zureicht. Reicht
35   dieses zwar zur Unterscheidung, aber nicht zum Bewußtsein des Unterschiedes zu,
36   so müßte die Vorstellung noch dunkel genannt werden. Also giebt es unendlich
37   viele Grade des Bewußtseins bis zum Verschwinden.


[seite 272]


01   der die absolute Beharrlichkeit derselben selbst über das Leben hinaus aus
02   bloßen Begriffen zu beweisen unternimmt)*.

[op 416]


03   Nehmen wir nun unsere obige Sätze, wie sie auch als für alle denkende
04   Wesen gültig in der rationalen Psychologie als System genommen
05   werden müssen, in synthetischem Zusammenhange und gehen von der



06   *)Diejenige, welche, um eine neue Möglichkeit auf die Bahn zu bringen, schon
07   genug gethan zu haben glauben, wenn sie darauf trotzen, daß man ihnen keinen Widerspruch
08   in ihren Voraussetzungen zeigen könne (wie diejenige insgesammt sind, die die
09   Möglichkeit des Denkens, wovon sie nur bei den empirischen Anschauungen im
10   menschlichen Leben ein Beispiel haben, auch nach dessen Aufhörung einzusehen glauben),
11   können durch andere Möglichkeiten, die nicht im mindesten kühner sind, in große
12   Verlegenheit gebracht werden. Dergleichen ist die Möglichkeit der Theilung einer
13   einfachen Substanz in mehrere Substanzen und umgekehrt das Zusammenfließen
14   (Coalition) mehrerer in eine einfache. Denn obzwar die Theilbarkeit ein Zusammengesetztes
15   voraussetzt, so erfordert sie doch nicht nothwendig ein Zusammengesetztes
16   von Substanzen, sondern bloß von Graden (der mancherlei Vermögen) einer und
17   derselben Substanz. Gleichwie man sich nun alle Kräfte und Vermögen der Seele,
18   selbst das des Bewußtseins, als auf die Hälfte geschwunden denken kann, so doch,
19   daß immer noch Substanz übrig bliebe: so kann man sich auch diese erloschene
20   Hälfte als aufbehalten, aber nicht in ihr, sondern außer ihr, ohne Widerspruch vorstellen
21   und daß, da hier alles, was in ihr nur immer real ist, folglich einen Grad
22   hat, mithin die ganze Existenz derselben, so daß nichts mangelt, halbirt worden,
23   außer ihr alsdann eine besondere Substanz entspringen würde. Denn die Vielheit,
24   welche getheilt worden, war schon vorher, aber nicht als Vielheit der Substanzen,
25   sondern jeder Realität als Quantum der Existenz in ihr; und die Einheit der Substanz
26   war nur eine Art zu existiren, die durch diese Theilung allein in eine Mehrheit
27   der Subsistenz verwandelt worden. So könnten aber auch mehrere einfache
28   Substanzen in eine wiederum zusammenfließen, dabei nichts verloren ginge, als
29   bloß die Mehrheit der Subsistenz, indem die eine den Grad der Realität aller
30   vorigen zusammen in sich enthielte; und vielleicht möchten die einfachen Substanzen,
31   welche uns die Erscheinung einer Materie geben (freilich zwar nicht durch einen
32   mechanischen oder chemischen Einfluß auf einander, aber doch durch einen uns unbekannten,
33   davon jener nur die Erscheinung wäre), durch dergleichen dynamische
34   Theilung der Elternseelen als intensiver Größen Kinderseelen hervorbringen,
35   indessen daß jene ihren Abgang wiederum durch Coalition mit neuem Stoffe von
36   derselben Art ergänzten. Ich bin weit entfernt, dergleichen Hirngespinsten den
37   mindesten Werth oder Gültigkeit einzuräumen, auch haben die obigen Principien
38   der Analytik hinreichend eingeschärft, von den Kategorien (als der der Substanz)
39   keinen anderen als Erfahrungsgebrauch zu machen. Wenn aber der Rationalist
40   aus dem bloßen Denkungsvermögen ohne irgend eine beharrliche Anschauung, dadurch
41   ein Gegenstand gegeben würde, ein für sich bestehendes Wesen zu machen'


29   kühn genug ist, bloß weil die Einheit der Apperception im Denken ihm keine Erklärung
30   aus dem Zusammengesetzten erlaubt, statt daß er besser thun würde, zu
31   gestehen, er wisse die Möglichkeit einer denkenden Natur nicht zu erklären, warum
32   soll der Materialist, ob er gleich eben so wenig zum Behuf seiner Möglichkeiten
33   Erfahrung anführen kann, nicht zu gleicher Kühnheit berechtigt sein, sich seines
34   Grundsatzes mit Beibehaltung der formalen Einheit des ersteren zum entgegengesetzten
35   Gebrauche zu bedienen?'


[seite 273]

[op 417]
01   Kategorie der Relation mit dem Satze: alle denkende Wesen sind als
02   solche Substanzen, rückwärts die Reihe derselben, bis sich der Cirkel schließt,
03   durch: so stoßen wir zuletzt auf die Existenz derselben, deren sie sich in diesem
04   System, unabhängig von äußeren Dingen, nicht allein bewußt sind, [op 418]
05   sondern die sie auch (in Ansehung der Beharrlichkeit, die nothwendig
06   zum Charakter der Substanz gehört) aus sich selbst bestimmen können.
07   Hieraus folgt aber, daß der Idealism in eben demselben rationalistischen
08   System unvermeidlich sei, wenigstens der problematische, und wenn das
09   Dasein äußerer Dinge zu Bestimmung seines eigenen in der Zeit gar
10   nicht erforderlich ist, jenes auch nur ganz umsonst angenommen werde,
11   ohne jemals einen Beweis davon geben zu können.


12   Befolgen wir dagegen das analytische Verfahren, da das: Ich
13   denke, als ein Satz, der schon ein Dasein in sich schließt, als gegeben,
14   mithin die Modalität zum Grunde liegt, und zergliedern ihn, um seinen
15   Inhalt, ob und wie nämlich dieses Ich im Raum oder der Zeit bloß dadurch
16   sein Dasein bestimmt, zu erkennen, so würden die Sätze der rationalen
17   Seelenlehre nicht vom Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt,
18   sondern von einer Wirklichkeit anfangen, und aus der Art, wie diese gedacht [op 419]
19   wird, nachdem alles, was dabei empirisch ist, abgesondert worden,
20   das, was einem denkenden Wesen überhaupt zukommt, gefolgert werden,
21   wie folgende Tafel zeigt.


22   1.
23   Ich denke,


24   2.
25   als Subject,


24   3.
25   als einfaches Subject,


26   4.
27   als identisches Subject,
28   in jedem Zustande meines Denkens.


[seite 274]


01   Weil hier nun im zweiten Satze nicht bestimmt wird, ob ich nur als
02   Subject und nicht auch als Prädicat eines andern existiren und gedacht
03   werden könne, so ist der Begriff eines Subjects hier bloß logisch genommen,
04   und es bleibt unbestimmt, ob darunter Substanz verstanden werden solle
05   oder nicht. Allein in dem dritten Satze wird die absolute Einheit der Apperception,
06   das einfache Ich, in der Vorstellung, darauf sich alle Verbindung
07   oder Trennung, welche das Denken ausmacht, bezieht, auch für sich
08   wichtig, wenn ich gleich noch nichts über des Subjects Beschaffenheit oder
09   Subsistenz ausgemacht habe. Die Apperception ist etwas Reales, und
10   die Einfachheit derselben liegt schon in ihrer Möglichkeit. Nun ist im
11   Raum nichts Reales, was einfach wäre; denn Punkte (die das einzige
12   Einfache im Raum ausmachen) sind bloß Grenzen, nicht selbst aber etwas, [op 420]
13   was den Raum als Theil auszumachen dient. Also folgt daraus die Unmöglichkeit
14   einer Erklärung meiner, als bloß denkenden Subjects, Beschaffenheit
15   aus Gründen des Materialisms. Weil aber mein Dasein
16   in dem ersten Satze als gegeben betrachtet wird, indem es nicht heißt: ein
17   jedes denkende Wesen existirt (welches zugleich absolute Nothwendigkeit
18   und also zu viel von ihnen sagen würde), sondern nur: ich existire denkend,
19   so ist er empirisch und enthält die Bestimmbarkeit meines Daseins blo
20   in Ansehung meiner Vorstellungen in der Zeit. Da ich aber wiederum
21   hiezu zuerst etwas Beharrliches bedarf, dergleichen mir, so fern ich mich
22   denke, gar nicht in der inneren Anschauung gegeben ist: so ist die Art, wie
23   ich existire, ob als Substanz oder als Accidenz, durch dieses einfache
24   Selbstbewußtsein gar nicht zu bestimmen möglich. Also wenn der Materialism
25   zur Erklärungsart meines Daseins untauglich ist, so ist der
26   Spiritualism zu derselben eben sowohl unzureichend; und die Schlußfolge
27   ist, daß wir auf keine Art, welche es auch sei, von der Beschaffenheit
28   unserer Seele, die die Möglichkeit ihrer abgesonderten Existenz überhaupt
29   betrifft, irgend etwas erkennen können.


30   Und wie sollte es auch möglich sein, durch die Einheit des Bewußtseins,
31   die wir selbst nur dadurch kennen, daß wir sie zur Möglichkeit der
32   Erfahrung unentbehrlich brauchen, über Erfahrung (unser Dasein im
33   Leben) hinaus zu kommen und sogar unsere Erkenntniß auf die Natur [op 421]
34   aller denkenden Wesen überhaupt durch den empirischen, aber in Ansehung
35   aller Art der Anschauung unbestimmten Satz: Ich denke, zu erweitern?


36   Es giebt also keine rationale Psychologie als Doctrin, die uns
37   einen Zusatz zu unserer Selbsterkenntniß verschaffte, sondern nur als


[seite 275]


01   Disciplin, welche der speculativen Vernunft in diesem Felde unüberschreitbare
02   Grenzen setzt, einerseits um sich nicht dem seelenlosen Materialism
03   in den Schooß zu werfen, andererseits sich nicht in dem für uns im
04   Leben grundlosen Spiritualism herumschwärmend zu verlieren, sondern
05   uns vielmehr erinnert, diese Weigerung unserer Vernunft, den neugierigen,
06   über dieses Leben hinaus reichenden Fragen befriedigende Antwort
07   zu geben, als einen Wink derselben anzusehen, unser Selbsterkenntniß von
08   der fruchtlosen überschwenglichen Speculation zum fruchtbaren praktischen
09   Gebrauche anzuwenden, welcher, wenn er gleich auch nur immer auf Gegenstände
10   der Erfahrung gerichtet ist, seine Principien doch höher hernimmt
11   und das Verhalten so bestimmt, als ob unsere Bestimmung unendlich
12   weit über die Erfahrung, mithin über dieses Leben hinaus reiche.


13   Man sieht aus allem diesem, daß ein bloßer Mißverstand der rationalen
14   Psychologie ihren Ursprung gebe. Die Einheit des Bewußtseins,
15   welche den Kategorien zum Grunde liegt, wird hier für Anschauung des [op 422]
16   Subjects als Objects genommen und darauf die Kategorie der Substanz
17   angewandt. Sie ist aber nur die Einheit im Denken, wodurch allein
18   kein Object gegeben wird, worauf also die Kategorie der Substanz, als
19   die jederzeit gegebene Anschauung voraussetzt, nicht angewandt, mithin
20   dieses Subject gar nicht erkannt werden kann. Das Subject der Kategorien
21   kann also dadurch, daß es diese denkt, nicht von sich selbst als einem
22   Objecte der Kategorien einen Begriff bekommen; denn um diese zu denken,
23   muß es sein reines Selbstbewußtsein, welches doch hat erklärt werden
24   sollen, zum Grunde legen. Eben so kann das Subject, in welchem die
25   Vorstellung der Zeit ursprünglich ihren Grund hat, sein eigen Dasein in
26   der Zeit dadurch nicht bestimmen, und wenn das letztere nicht sein kann,
27   so kann auch das erstere als Bestimmung seiner selbst (als denkenden Wesens
28   überhaupt) durch Kategorien nicht stattfinden.*)

[op 423]


29   So verschwindet denn ein über die Grenzen möglicher Erfahrung
30   hinaus versuchtes und doch zum höchsten Interesse der Menschheit gehöriges
31   Erkenntniß, so weit es der speculativen Philosophie verdankt werden



32   *) Das: Ich denke, ist, wie schon gesagt, ein empirischer Satz und hält den Satz:
33   Ich existire, in sich. Ich kann aber nicht sagen: alles, was denkt, existirt; denn da'


18   würde die Eigenschaft des Denkens alle Wesen, die sie besitzen, zu nothwendigen Wesen
19   machen. Daher kann meine Existenz auch nicht aus dem Satze: Ich denke, als
20   gefolgert angesehen werden, wie Cartesius dafür hielt, (weil sonst der Obersatz:
21   alles, was denkt, existirt, vorausgehen müßte) sondern ist mit ihm identisch. Er drückt
22   eine unbestimmte empirische Anschauung, d. i. Wahrnehmung, aus, (mithin beweiset
23   er doch, daß schon Empfindung, die folglich zur Sinnlichkeit gehört, diesem Existentialsatz
24   zum Grunde liege) geht aber vor der Erfahrung vorher, die das Object der
25   Wahrnehmung durch die Kategorie in Ansehung der Zeit bestimmen soll; und die
26   Existenz ist hier noch keine Kategorie, als welche nicht auf ein unbestimmt gegebenes
27   Object, sondern nur ein solches, davon man einen Begriff hat, und wovon man
28   wissen will, ob es auch außer diesem Begriffe gesetzt sei, oder nicht, Beziehung hat.
29   Eine unbestimmte Wahrnehmung bedeutet hier nur etwas Reales, das gegeben worden
30   und zwar nur zum Denken überhaupt, also nicht als Erscheinung, auch nicht als
31   Sache an sich selbst (Noumenon), sondern als Etwas, was in der That existirt und
32   in dem Satze: Ich denke, als ein solches bezeichnet wird. Denn es ist zu merken,
33   daß, wenn ich den Satz: Ich denke, einen empirischen Satz genannt habe, Ich dadurch
34   nicht sagen will, das Ich in diesem Satze sei empirische Vorstellung; vielmehr ist sie
35   rein intellectuell, weil sie zum Denken überhaupt gehört. Allein ohne irgend eine
36   empirische Vorstellung, die den Stoff zum Denken abgiebt, würde der Actus: Ich
37   denke, doch nicht stattfinden, und das Empirische ist nur die Bedingung der Anwendung
38   oder des Gebrauchs des reinen intellectuellen Vermögens.


[seite 276]

[op 424]
01   soll, in getäuschte Erwartung; wobei gleichwohl die Strenge der Kritik
02   dadurch, daß sie zugleich die Unmöglichkeit beweiset, von einem Gegenstande
03   der Erfahrung über die Erfahrungsgrenze hinaus etwas dogmatisch
04   auszumachen, der Vernunft bei diesem ihrem Interesse den ihr nicht
05   unwichtigen Dienst thut, sie eben sowohl wider alle mögliche Behauptungen
06   des Gegentheils in Sicherheit zu stellen; welches nicht anders geschehen
07   kann, als so, daß man entweder seinen Satz apodiktisch beweiset,
08   oder, wenn dieses nicht gelingt, die Quellen dieses Unvermögens aufsucht,
09   welche, wenn sie in den nothwendigen Schranken unserer Vernunft liegen,
10   alsdann jeden Gegner gerade demselben Gesetze der Entsagung aller Ansprüche
11   auf dogmatische Behauptung unterwerfen müssen.


12   Gleichwohl wird hiedurch für die Befugniß, ja gar die Nothwendigkeit
13   der Annehmung eines künftigen Lebens nach Grundsätzen des mit
14   dem speculativen verbundenen praktischen Vernunftgebrauchs hiebei nicht
15   das mindeste verloren; denn der bloß speculative Beweis hat auf die gemeine
16   Menschenvernunft ohnedem niemals einigen Einfluß haben können.
17   Er ist so auf einer Haaresspitze gestellt, daß selbst die Schule ihn auf derselben


[seite 277]


01   nur so lange erhalten kann, als sie ihn als einen Kreisel um denselben
02   sich unaufhörlich drehen läßt, und er in ihren eigenen Augen also
03   keine beharrliche Grundlage abgiebt, worauf etwas gebauet werden könnte. [op 425]
04   Die Beweise, die für die Welt brauchbar sind, bleiben hiebei alle in ihrem
05   unverminderten Werthe und gewinnen vielmehr durch Abstellung jener
06   dogmatischen Anmaßungen an Klarheit und ungekünstelter Überzeugung,
07   indem sie die Vernunft in ihr eigenthümliches Gebiet, nämlich die Ordnung
08   der Zwecke, die doch zugleich eine Ordnung der Natur ist, versetzen,
09   die dann aber zugleich, als praktisches Vermögen an sich selbst, ohne auf
10   die Bedingungen der letzteren eingeschränkt zu sein, die erstere und mit ihr
11   unsere eigene Existenz über die Grenzen der Erfahrung und des Lebens
12   hinaus zu erweitern berechtigt ist. Nach der Analogie mit der Natur
13   lebender Wesen in dieser Welt, an welchen die Vernunft es nothwendig
14   zum Grundsatze annehmen muß, daß kein Organ, kein Vermögen, kein
15   Antrieb, also nichts Entbehrliches oder für den Gebrauch Unproportionirtes,
16   mithin Unzweckmäßiges anzutreffen, sondern alles seiner Bestimmung
17   im Leben genau angemessen sei, zu urtheilen, müßte der Mensch,
18   der doch allein den letzten Endzweck von allem diesem in sich enthalten
19   kann, das einzige Geschöpf sein, welches davon ausgenommen wäre. Denn
20   seine Naturanlagen, nicht bloß den Talenten und Antrieben nach, davon
21   Gebrauch zu machen, sondern vornehmlich das moralische Gesetz in ihm,
22   gehen so weit über allen Nutzen und Vortheil, den er in diesem Leben daraus
23   ziehen könnte, daß das letztere sogar das bloße Bewußtsein der Rechtschaffenheit [op 426]
24   der Gesinnung bei Ermangelung aller Vortheile, selbst sogar
25   des Schattenwerks vom Nachruhm über alles hochschätzen lehrt und er sich
26   innerlich dazu berufen fühlt, sich durch sein Verhalten in dieser Welt mit
27   Verzichtthuung auf viele Vortheile zum Bürger einer besseren, die er in
28   der Idee hat, tauglich zu machen. Dieser mächtige, niemals zu widerlegende
29   Beweisgrund, begleitet durch eine sich unaufhörlich vermehrende
30   Erkenntniß der Zweckmäßigkeit in allem, was wir vor uns sehen, und
31   durch eine Aussicht in die Unermeßlichkeit der Schöpfung, mithin auch
32   durch das Bewußtsein einer gewissen Unbegrenztheit in der möglichen Erweiterung
33   unserer Kenntnisse sammt einem dieser angemessenen Triebe,
34   bleibt immer noch übrig, wenn wir es gleich aufgeben müssen, die nothwendige
35   Fortdauer unserer Existenz aus der bloß theoretischen Erkenntni
36   unserer selbst einzusehen.


[seite 278]


01   Beschluß der Auflösung des psychologischen Paralogisms.


02   Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruht auf der
03   Verwechselung einer Idee der Vernunft (einer reinen Intelligenz) mit dem
04   in allen Stücken unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt.
05   Ich denke mich selbst zum Behuf einer möglichen Erfahrung, indem
06   ich noch von aller wirklichen Erfahrung abstrahire, und schließe daraus,
07   daß ich mich meiner Existenz auch außer der Erfahrung und den [op 427]
08   empirischen Bedingungen derselben bewußt werden könne. Folglich verwechsele
09   ich die mögliche Abstraction von meiner empirisch bestimmten
10   Existenz mit dem vermeinten Bewußtsein einer abgesondert möglichen
11   Existenz meines denkenden Selbst und glaube das Substantiale in mir
12   als das transscendentale Subject zu erkennen, indem ich bloß die Einheit
13   des Bewußtseins, welche allem Bestimmen als der bloßen Form der Erkenntni
14   zum Grunde liegt, in Gedanken habe.


15   Die Aufgabe, die Gemeinschaft der Seele mit dem Körper zu erklären,
16   gehört nicht eigentlich zu derjenigen Psychologie, wovon hier die Rede
17   ist, weil sie die Persönlichkeit der Seele auch außer dieser Gemeinschaft
18   (nach dem Tode) zu beweisen die Absicht hat und also im eigentlichen
19   Verstande transscendent ist, ob sie sich gleich mit einem Objecte der
20   Erfahrung beschäftigt, aber nur so fern es aufhört ein Gegenstand der Erfahrung
21   zu sein. Indessen kann auch hierauf nach unserem Lehrbegriffe
22   hinreichende Antwort gegeben werden. Die Schwierigkeit, welche diese
23   Aufgabe veranlaßt hat, besteht, wie bekannt, in der vorausgesetzten Ungleichartigkeit
24   des Gegenstandes des inneren Sinnes (der Seele) mit den
25   Gegenständen äußerer Sinne, da jenem nur die Zeit, diesen auch der Raum
26   zur formalen Bedingung ihrer Anschauung anhängt. Bedenkt man aber,
27   daß beiderlei Art von Gegenständen hierin sich nicht innerlich, sondern [op 428]
28   nur, so fern einer dem andern äußerlich erscheint, von einander unterscheiden,
29   mithin das, was der Erscheinung der Materie als Ding an sich
30   selbst zum Grunde liegt, vielleicht so ungleichartig nicht sein dürfte, so
31   verschwindet diese Schwierigkeit, und es bleibt keine andere übrig, als die,
32   wie überhaupt eine Gemeinschaft von Substanzen möglich sei, welche zu
33   lösen ganz außer dem Felde der Psychologie und, wie der Leser nach dem,
34   was in der Analytik von Grundkräften und Vermögen gesagt worden,
35   leicht urtheilen wird, ohne allen Zweifel auch außer dem Felde aller menschlichen
36   Erkenntniß liegt.


[seite 279]


01   Allgemeine Anmerkung,
02   den Übergang von der rationalen Psychologie
03   zur Kosmologie betreffend.


04   Der Satz: Ich denke, oder: Ich existire denkend, ist ein empirischer
05   Satz. Einem solchen aber liegt empirische Anschauung, folglich auch das
06   gedachte Object als Erscheinung zum Grunde, und so scheint es, als wenn
07   nach unserer Theorie die Seele ganz und gar, selbst im Denken, in Erscheinung
08   verwandelt würde, und auf solche Weise unser Bewußtsein selbst,
09   als bloßer Schein, in der That auf nichts gehen müßte.


10   Das Denken, für sich genommen, ist bloß die logische Function,
11   mithin lauter Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen einer
12   bloß möglichen Anschauung und stellt das Subject des Bewußtseins keinesweges [op 429]
13   als Erscheinung dar, bloß darum weil es gar keine Rücksicht
14   auf die Art der Anschauung nimmt, ob sie sinnlich oder intellectuell sei.
15   Dadurch stelle ich mich mir selbst weder wie ich bin, noch wie ich mir er/scheine,
16   vor, sondern ich denke mich nur wie ein jedes Object überhaupt,
17   von dessen Art der Anschauung ich abstrahire. Wenn ich mich hier als
18   Subject der Gedanken oder auch als Grund des Denkens vorstelle, so
19   bedeuten diese Vorstellungsarten nicht die Kategorien der Substanz oder
20   der Ursache, denn diese sind jene Functionen des Denkens (Urtheilens),
21   schon auf unsere sinnliche Anschauung angewandt, welche freilich erfordert
22   werden würde, wenn ich mich erkennen wollte. Nun will ich mich meiner
23   aber nur als denkend bewußt werden; wie mein eigenes Selbst in der
24   Anschauung gegeben sei, das setze ich bei Seite, und da könnte es mir, der
25   ich denke, aber nicht so fern ich denke, bloß Erscheinung sein; im Bewußtsein
26   meiner selbst beim bloßen Denken bin ich das Wesen selbst, von
27   dem mir aber freilich dadurch noch nichts zum Denken gegeben ist.


28   Der Satz aber: Ich denke, so fern er so viel sagt, als: Ich existire
29   denkend, ist nicht bloße logische Function, sondern bestimmt das Subject
30   (welches dann zugleich Object ist) in Ansehung der Existenz und kann ohne
31   den inneren Sinn nicht stattfinden, dessen Anschauung jederzeit das Object
32   nicht als Ding an sich selbst, sondern bloß als Erscheinung an die [op 430]
33   Hand giebt. In ihm ist also schon nicht mehr bloße Spontaneität des
34   Denkens, sondern auch Receptivität der Anschauung, d. i. das Denken
35   meiner selbst auf die empirische Anschauung eben desselben Subjects angewandt.


[seite 280]


01   In dieser letzteren müßte denn nun das denkende Selbst die
02   Bedingungen des Gebrauchs seiner logischen Functionen zu Kategorien
03   der Substanz, der Ursache etc. suchen, um sich als Object an sich selbst nicht
04   bloß durch das Ich zu bezeichnen, sondern auch die Art seines Daseins zu
05   bestimmen, d. i. sich als Noumenon zu erkennen; welches aber unmöglich
06   ist, indem die innere empirische Anschauung sinnlich ist und nichts als
07   Data der Erscheinung an die Hand giebt, die dem Objecte des reinen
08   Bewußtseins zur Kenntniß seiner abgesonderten Existenz nichts liefern,
09   sondern bloß der Erfahrung zum Behufe dienen kann.


10   Gesetzt aber, es fände sich in der Folge nicht in der Erfahrung, sondern
11   in gewissen (nicht bloß logischen Regeln, sondern) a priori feststehenden,
12   unsere Existenz betreffenden Gesetzen des reinen Vernunftgebrauchs
13   Veranlassung, uns völlig a priori in Ansehung unseres eigenen Daseins
14   als gesetzgebend und diese Existenz auch selbst bestimmend vorauszusetzen:
15   so würde sich dadurch eine Spontaneität entdecken, wodurch unsere
16   Wirklichkeit bestimmbar wäre, ohne dazu der Bedingungen der empirischen
17   Anschauung zu bedürfen; und hier würden wir inne werden, daß im Bewußtsein
18   unseres Daseins a priori etwas enthalten sei, was unsere nur
19   sinnlich durchgängig bestimmbare Existenz doch in Ansehung eines gewissen [op 431]
20   inneren Vermögens in Beziehung auf eine intelligibele (freilich nur
21   gedachte) Welt zu bestimmen dienen kann.


22   Aber dieses würde nichts desto weniger alle Versuche in der rationalen
23   Psychologie nicht im mindesten weiter bringen. Denn ich würde durch jenes
24   bewundernswürdige Vermögen, welches mir das Bewußtsein des moralischen
25   Gesetzes allererst offenbart, zwar ein Princip der Bestimmung
26   meiner Existenz, welches rein intellectuell ist, haben, aber durch welche
27   Prädicate? Durch keine andere, als die mir in der sinnlichen Anschauung
28   gegeben werden müssen; und so würde ich da wiederum hingerathen, wo
29   ich in der rationalen Psychologie war, nämlich in das Bedürfniß sinnlicher
30   Anschauungen, um meinen Verstandesbegriffen, Substanz, Ursache
31   u. s. w., wodurch ich allein Erkenntniß von mir haben kann, Bedeutung zu
32   verschaffen; jene Anschauungen können mich aber über das Feld der Erfahrung
33   niemals hinaus helfen. Indessen würde ich doch diese Begriffe in
34   Ansehung des praktischen Gebrauchs, welcher doch immer auf Gegenstände
35   der Erfahrung gerichtet ist, der im theoretischen Gebrauche analogischen
36   Bedeutung gemäß auf die Freiheit und das Subject derselben anzuwenden
37   befugt sein, indem ich bloß die logischen Functionen des Subjects


[seite 281]


01   und Prädicats, des Grundes und der Folge darunter verstehe, denen gemä [op 432]
02   die Handlungen oder die Wirkungen jenen Gesetzen gemäß so bestimmt
03   werden, daß sie, zugleich mit den Naturgesetzen, den Kategorien der
04   Substanz und der Ursache allemal gemäß erklärt werden können, ob sie
05   gleich aus ganz anderem Princip entspringen. Dieses hat nur zur Verhütung
06   des Mißverstandes, dem die Lehre von unserer Selbstanschauung
07   als Erscheinung leicht ausgesetzt ist, gesagt sein sollen. Im Folgenden
08   wird man davon Gebrauch zu machen Gelegenheit haben.


09   Der
10   Transscendentalen Dialektik zweites Buch.
11   Zweites Hauptstück.
12   Die Antinomie der reinen Vernunft.


13   Wir haben in der Einleitung zu diesem Theile unseres Werks gezeigt,
14   daß aller transscendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen
15   Schlüssen beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen Arten der
16   Vernunftschlüsse überhaupt an die Hand giebt, so wie etwa die Kategorien
17   ihr logisches Schema in den vier Functionen aller Urtheile antreffen. Die
18   erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die unbedingte Einheit
19   der subjectiven Bedingungen aller Vorstellungen überhaupt (des Subjects
20   oder der Seele) in Correspondenz mit den kategorischen Vernunftschlüssen,
21   deren Obersatz als Princip die Beziehung eines Prädicats auf [op 433]
22   ein Subject aussagt. Die zweite Art des dialektischen Arguments wird
23   also nach der Analogie mit hypothetischen Vernunftschlüssen die unbedingte
24   Einheit der objectiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem
25   Inhalte machen, so wie die dritte Art, die im folgenden Hauptstücke
26   vorkommen wird, die unbedingte Einheit der objectiven Bedingungen der
27   Möglichkeit der Gegenstände überhaupt zum Thema hat.


28   Es ist aber merkwürdig, daß der transscendentale Paralogism einen
29   bloß einseitigen Schein in Ansehung der Idee von dem Subjecte unseres
30   Denkens bewirkte, und zur Behauptung des Gegentheils sich nicht der
31   mindeste Schein aus Vernunftbegriffen vorfinden will. Der Vortheil ist


[seite 282]


01   gänzlich auf der Seite des Pneumatismus, obgleich dieser den Erbfehler
02   nicht verleugnen kann, bei allem ihm günstigen Schein in der Feuerprobe
03   der Kritik sich in lauter Dunst aufzulösen.


04   Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objective
05   Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Principium der unbedingten
06   Einheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt, sich
07   aber bald in solche Widersprüche verwickelt, daß sie genöthigt wird, in
08   kosmologischer Absicht von ihrer Forderung abzustehen.


09   Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft,
10   nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln [op 434]
11   und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die Vernunft
12   von selbst und zwar unvermeidlich geräth und dadurch zwar vor dem
13   Schlummer einer eingebildeten Überzeugung, den ein bloß einseitiger
14   Schein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung gebracht wird,
15   sich entweder einer sceptischen Hoffnungslosigkeit zu überlassen, oder einen
16   dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf steif auf gewisse Behauptungen
17   zu setzen, ohne den Gründen des Gegentheils Gehör und Gerechtigkeit
18   widerfahren zu lassen. Beides ist der Tod einer gesunden Philosophie,
19   wiewohl jener allenfalls noch die Euthanasie der reinen Vernunft
20   genannt werden könnte.


21   Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen
22   lassen, welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) der reinen Vernunft
23   veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche die Methode
24   erläutern und rechtfertigen können, deren wir uns in Behandlung
25   unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle transscendentale Ideen,
26   so fern sie die absolute Totalität in der Synthesis der Erscheinungen betreffen,
27   Weltbegriffe, theils wegen eben dieser unbedingten Totalität,
28   worauf auch der Begriff des Weltganzen beruht, der selbst nur eine Idee
29   ist, theils weil sie lediglich auf die Synthesis der Erscheinungen, mithin die
30   empirische gehen, da hingegen die absolute Totalität in der Synthesis der [op 435]
31   Bedingungen aller möglichen Dinge überhaupt ein Ideal der reinen Vernunft
32   veranlassen wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden
33   ist, ob es gleich darauf in Beziehung steht. Daher so wie die Paralogismen
34   der reinen Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie
35   legten, so wird die Antinomie der reinen Vernunft die transscendentalen
36   Grundsätze einer vermeinten reinen (rationalen) Kosmologie vor Augen
37   stellen, nicht um sie gültig zu finden und sich zuzueignen, sondern, wie es


[seite 283]


01   auch schon die Benennung von einem Widerstreit der Vernunft anzeigt,
02   um sie als eine Idee, die sich mit Erscheinungen nicht vereinbaren läßt, in
03   ihrem blendenden, aber falschen Scheine darzustellen.


04   Der
05   Antinomie der reinen Vernunft
06   Erster Abschnitt.
07   System der kosmologischen Ideen.


08   Um nun diese Ideen nach einem Princip mit systematischer Präcision
09   aufzählen zu können, müssen wir Erstlich bemerken, daß nur der Verstand
10   es sei, aus welchem reine und transscendentale Begriffe entspringen
11   können, daß die Vernunft eigentlich gar keinen Begriff erzeuge, sondern
12   allenfalls nur den Verstandesbegriff von den unvermeidlichen Einschränkungen
13   einer möglichen Erfahrung frei mache und ihn also über [op 436]
14   die Grenzen des Empirischen, doch aber in Verknüpfung mit demselben
15   zu erweitern suche. Dieses geschieht dadurch, daß sie zu einem gegebenen
16   Bedingten auf der Seite der Bedingungen (unter denen der Verstand alle
17   Erscheinungen der synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität
18   fordert und dadurch die Kategorie zur transscendentalen Idee macht, um
19   der empirischen Synthesis durch die Fortsetzung derselben bis zum Unbedingten
20   (welches niemals in der Erfahrung, sondern nur in der Idee angetroffen
21   wird) absolute Vollständigkeit zu geben. Die Vernunft fordert
22   dieses nach dem Grundsatze: wenn das Bedingte gegeben ist, so ist
23   auch die ganze Summe der Bedingungen, mithin das schlechthin
24   Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein möglich war. Also
25   werden erstlich die transscendentalen Ideen eigentlich nichts, als bis zum
26   Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und jene werden sich in eine Tafel
27   bringen lassen, die nach den Titeln der letzteren angeordnet ist. Zweitens
28   aber werden doch auch nicht alle Kategorien dazu taugen, sondern
29   nur diejenige, in welchen die Synthesis eine Reihe ausmacht und zwar
30   der einander untergeordneten (nicht beigeordneten) Bedingungen zu einem
31   Bedingten. Die absolute Totalität wird von der Vernunft nur so fern
32   gefordert, als sie die aufsteigende Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen
33   Bedingten angeht, mithin nicht, wenn von der absteigenden Linie
34   der Folgen, noch auch von dem Aggregat coordinirter Bedingungen zu


[seite 284]

[op 437]
01   diesen Folgen die Rede ist. Denn Bedingungen sind in Ansehung des
02   gegebenen Bedingten schon vorausgesetzt und mit diesem auch als gegeben
03   anzusehen, anstatt daß, da die Folgen ihre Bedingungen nicht möglich
04   machen, sondern vielmehr voraussetzen, man im Fortgange zu den Folgen
05   (oder im Absteigen von der gegebenen Bedingung zu dem Bedingten) unbekümmert
06   sein kann, ob die Reihe aufhöre oder nicht, und überhaupt die
07   Frage wegen ihrer Totalität gar keine Voraussetzung der Vernunft ist.
08   So denkt man sich nothwendig eine bis auf den gegebenen Augenblick
09   völlig abgelaufene Zeit auch als gegeben (wenn gleich nicht durch uns bestimmbar).
10   Was aber die künftige betrifft, da sie die Bedingung nicht ist,
11   zu der Gegenwart zu gelangen, so ist es, um diese zu begreifen, ganz
12   gleichgültig, wie wir es mit der künftigen Zeit halten wollen, ob man sie
13   irgendwo aufhören, oder ins Unendliche laufen lassen will. Es sei die
14   Reihe m, n, o, worin n als bedingt in Ansehung m, aber zugleich als Bedingung
15   von o gegeben ist; die Reihe gehe aufwärts von dem Bedingten n
16   zu m (l, k, i etc.), im gleichen abwärts von der Bedingung n zum Bedingten
17   o (p, q, r etc.): so muß ich die erstere Reihe voraussetzen, um n als gegeben
18   anzusehen, und n ist nach der Vernunft (der Totalität der Bedingungen)
19   nur vermittelst jener Reihe möglich, seine Möglichkeit beruht aber nicht [op 438]
20   auf der folgenden Reihe o, p, q, r, die daher auch nicht als gegeben, sondern
21   nur als dabilis angesehen werden könnte.


22   Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen,
23   also von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist,
24   und so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige aber,
25   die auf der Seite des Bedingten von der nächsten Folge zu den entfernteren
26   fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere geht in
27   antecedentia , die zweite in consequentia . Die kosmologischen Ideen also
28   beschäftigen sich mit der Totalität der regressiven Synthesis und gehen in
29   antecedentia , nicht in consequentia . Wenn dieses letztere geschieht, so ist
30   es ein willkürliches und nicht nothwendiges Problem der reinen Vernunft,
31   weil wir zur vollständigen Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung
32   gegeben ist, wohl der Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen.


33   Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten,
34   so nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen Quanta aller unserer
35   Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe (und
36   die formale Bedingung aller Reihen), und daher sind in ihr in Ansehung
37   einer gegebenen Gegenwart die antecedentia als Bedingungen (das Vergangene)


[seite 285]


01   von den consequentibus (dem Künftigen) a priori zu unterscheiden.
02   Folglich geht die transscendentale Idee der absoluten Totalität der [op 439]
03   Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nur auf alle vergangene
04   Zeit. Es wird nach der Idee der Vernunft die ganze verlaufene
05   Zeit als Bedingung des gegebenen Augenblicks nothwendig als gegeben
06   gedacht. Was aber den Raum betrifft, so ist in ihm an sich selbst kein
07   Unterschied des Progressus vom Regressus, weil er ein Aggregat, aber
08   keine Reihe ausmacht, indem seine Theile insgesammt zugleich sind.
09   Den gegenwärtigen Zeitpunkt konnte ich in Ansehung der vergangenen
10   Zeit nur als bedingt, niemals aber als Bedingung derselben ansehen, weil
11   dieser Augenblick nur durch die verflossene Zeit (oder vielmehr durch das
12   Verfließen der vorhergehenden Zeit) allererst entspringt. Aber da die
13   Theile des Raumes einander nicht untergeordnet, sondern beigeordnet sind,
14   so ist ein Theil nicht die Bedingung der Möglichkeit des andern, und er
15   macht nicht, so wie die Zeit an sich selbst eine Reihe aus. Allein die Synthesis
16   der mannigfaltigen Theile des Raumes, wodurch wir ihn apprehendiren,
17   ist doch successiv, geschieht also in der Zeit und enthält eine Reihe.
18   Und da in dieser Reihe der aggregirten Räume (z. B. der Füße in einer
19   Ruthe) von einem gegebenen an die weiter hinzugedachten immer die Bedingung
20   von der Grenze der vorigen sind, so ist das Messen eines
21   Raumes auch als eine Synthesis einer Reihe der Bedingungen zu einem
22   gegebenen Bedingten anzusehen; nur daß die Seite der Bedingungen von
23   der Seite, nach welcher das Bedingte hinliegt, an sich selbst nicht unterschieden [op 440]
24   ist, folglich regressus und progressus im Raume einerlei zu sein
25   scheint. Weil indessen ein Theil des Raums nicht durch den andern gegeben,
26   sondern nur begrenzt wird, so müssen wir jeden begrenzten Raum
27   in so fern auch als bedingt ansehen, der einen andern Raum als die Bedingung
28   seiner Grenze voraussetzt, und so fortan. In Ansehung der Begrenzung
29   ist also der Fortgang im Raume auch ein Regressus, und die
30   transscendentale Idee der absoluten Totalität der Synthesis in der Reihe
31   der Bedingungen trifft auch den Raum, und ich kann eben sowohl nach der
32   absoluten Totalität der Erscheinung im Raume, als der in der verflossenen
33   Zeit fragen. Ob aber überall darauf auch eine Antwort möglich sei,
34   wird sich künftig bestimmen lassen.


35   Zweitens, so ist die Realität im Raume, d. i. die Materie, ein Bedingtes,
36   dessen innere Bedingungen seine Theile und die Theile der Theile
37   die entfernten Bedingungen sind, so daß hier eine regressive Synthesis


[seite 286]


01   stattfindet, deren absolute Totalität die Vernunft fordert, welche nicht anders
02   als durch eine vollendete Theilung, dadurch die Realität der Materie
03   entweder in Nichts oder doch in das, was nicht mehr Materie ist, nämlich
04   das Einfache, verschwindet, stattfinden kann. Folglich ist hier auch eine
05   Reihe von Bedingungen und ein Fortschritt zum Unbedingten.

[op 441]


06   Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den Erscheinungen
07   anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz mit ihren
08   Accidenzen nicht zu einer transscendentalen Idee; d. i. die Vernunft hat
09   keinen Grund, in Ansehung ihrer regressiv auf Bedingungen zu gehen.
10   Denn Accidenzen sind (so fern sie einer einigen Substanz inhäriren) einander
11   coordinirt und machen keine Reihe aus. In Ansehung der Substanz
12   aber sind sie derselben eigentlich nicht subordinirt, sondern die Art
13   zu existiren der Substanz selber. Was hiebei noch scheinen könnte eine
14   Idee der transscendentalen Vernunft zu sein, wäre der Begriff vom Substantiale.
15   Allein da dieses nichts Anderes bedeutet als den Begriff vom
16   Gegenstande überhaupt, welcher subsistirt, so fern man an ihm bloß das
17   transscendentale Subject ohne alle Prädicate denkt, hier aber nur die Rede
18   vom Unbedingten in der Reihe der Erscheinungen ist: so ist klar, daß das
19   Substantiale kein Glied in derselben ausmachen könne. Eben dasselbe
20   gilt auch von Substanzen in Gemeinschaft, welche bloße Aggregate sind
21   und keinen Exponenten einer Reihe haben, indem sie nicht einander als
22   Bedingungen ihrer Möglichkeit subordinirt sind, welches man wohl von
23   den Räumen sagen konnte, deren Grenze niemals an sich, sondern immer
24   durch einen andern Raum bestimmt war. Es bleibt also nur die Kategorie
25   der Causalität übrig, welche eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen
26   Wirkung darbietet, in welcher man von der letzteren als dem Bedingten [op 442]
27   zu jenen als Bedingungen aufsteigen und der Vernunftfrage antworten
28   kann.


29   Viertens, die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Nothwendigen
30   führen auf keine Reihe, außer nur so fern das Zufällige im Dasein jederzeit
31   als bedingt angesehen werden muß und nach der Regel des Verstandes
32   auf eine Bedingung weiset, darunter es nothwendig ist, diese auf eine
33   höhere Bedingung zu weisen, bis die Vernunft nur in der Totalität dieser
34   Reihe die unbedingte Nothwendigkeit antrifft.


35   Es sind demnach nicht mehr als vier kosmologische Ideen nach den
36   vier Titeln der Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche eine
37   Reihe in der Synthesis des Mannigfaltigen nothwendig bei sich führen.


[seite 287]

[op 443]


01   1.
02   Die absolute Vollständigkeit
03   der
04   Zusammensetzung
05   des gegebenen Ganzen aller Erscheinungen.


06   2.
07   Die absolute Vollständigkeit
08   der Theilung
09   eines gegebenen Ganzen
10   in der Erscheinung.


06   3.
07   Die absolute Vollständigkeit
08   der Entstehung
09   einer Erscheinung
10   überhaupt.


11   4.
12   Die absolute Vollständigkeit
13   der Abhängigkeit des Daseins
14   des Veränderlichen in der Erscheinung.


15   Zuerst ist hiebei anzumerken: daß die Idee der absoluten Totalität
16   nichts andres als die Exposition der Erscheinungen betreffe, mithin
17   nicht den reinen Verstandesbegriff von einem Ganzen der Dinge überhaupt.
18   Es werden hier also Erscheinungen als gegeben betrachtet, und
19   die Vernunft fordert die absolute Vollständigkeit der Bedingungen ihrer
20   Möglichkeit, so fern diese eine Reihe ausmachen, mithin eine schlechthin
21   (d. i. in aller Absicht) vollständige Synthesis, wodurch die Erscheinung nach
22   Verstandesgesetzen exponirt werden könne.


23   Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft in [op 444]
24   dieser reihenweise und zwar regressiv fortgesetzten Synthesis der Bedingungen
25   sucht, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der Prämissen,
26   die zusammen weiter keine andere voraussetzen. Dieses Unbedingte ist
27   nun jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe, wenn man sie
28   sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese schlechthin vollendete
29   Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn man kann, wenigstens
30   zum voraus, nicht wissen, ob eine solche bei Erscheinungen auch möglich
31   sei. Wenn man sich alles durch bloße reine Verstandesbegriffe, ohne Bedingungen
32   der sinnlichen Anschauung, vorstellt, so kann man geradezu sagen:
33   daß zu einem gegebenen Bedingten auch die ganze Reihe einander
34   subordinirter Bedingungen gegeben sei; denn jenes ist allein durch diese


[seite 288]


01   gegeben. Allein bei Erscheinungen ist eine besondere Einschränkung der
02   Art, wie Bedingungen gegeben werden, anzutreffen, nämlich durch die
03   successive Synthesis des Mannigfaltigen der Anschauung, die im Regressus
04   vollständig sein soll. Ob diese Vollständigkeit nun sinnlich möglich sei, ist
05   noch ein Problem. Allein die Idee dieser Vollständigkeit liegt doch in der
06   Vernunft unangesehen der Möglichkeit oder Unmöglichkeit, ihr adäquat
07   empirische Begriffe zu verknüpfen. Also da in der absoluten Totalität der
08   regressiven Synthesis des Mannigfaltigen in der Erscheinung (nach Anleitung
09   der Kategorien, die sie als eine Reihe von Bedingungen zu einem [op 445]
10   gegebenen Bedingten vorstellen) das Unbedingte nothwendig enthalten ist,
11   man mag auch unausgemacht lassen, ob und wie diese Totalität zu Stande
12   zu bringen sei: so nimmt die Vernunft hier den Weg, von der Idee der
13   Totalität auszugehen, ob sie gleich eigentlich das Unbedingte, es sei
14   der ganzen Reihe, oder eines Theils derselben, zur Endabsicht hat.


15   Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken: entweder als blo
16   in der ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme
17   bedingt und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und
18   dann heißt der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist nur
19   ein Theil der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind,
20   der selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht.*) In dem ersteren
21   Falle ist die Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang) d. i. unendlich,
22   und gleichwohl ganz gegeben, der Regressus in ihr aber ist niemals
23   vollendet und kann nur potentialiter unendlich genannt werden. Im [op 446]
24   zweiten Falle giebt es ein Erstes der Reihe, welches in Ansehung der verflossenen
25   Zeit der Weltanfang, in Ansehung des Raums die Weltgrenze,
26   in Ansehung der Theile eines in seinen Grenzen gegebenen
27   Ganzen das Einfache, in Ansehung der Ursachen die absolute Selbstthätigkeit
28   (Freiheit), in Ansehung des Daseins veränderlicher Dinge die
29   absolute Naturnothwendigkeit heißt.


30   Wir haben zwei Ausdrücke: Welt und Natur, welche bisweilen in
31   einander laufen. Der erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen



32   *) Das absolute Ganze der Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten
33   ist jederzeit unbedingt, weil außer ihr keine Bedingungen mehr sind, in Ansehung
34   deren es bedingt sein könnte. Allein dieses absolute Ganze einer solchen Reihe
35   ist nur eine Idee, oder vielmehr ein problematischer Begriff, dessen Möglichkeit untersucht
36   werden muß und zwar in Beziehung auf die Art, wie das Unbedingte als die
37   eigentliche transscendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten sein mag.


[seite 289]


01   und die Totalität ihrer Synthesis im Großen sowohl als im
02   Kleinen, d. i. sowohl in dem Fortschritt derselben durch Zusammensetzung,
03   als durch Theilung. Eben dieselbe Welt wird aber Natur*) genannt, so fern
04   sie als ein dynamisches Ganzes betrachtet wird, und man nicht auf die [op 447]
05   Aggregation im Raume oder der Zeit, um sie als eine Größe zu Stande
06   zu bringen, sondern auf die Einheit im Dasein der Erscheinungen sieht.
07   Da heißt nun die Bedingung von dem, was geschieht, die Ursache und die
08   unbedingte Causalität der Ursache in der Erscheinung die Freiheit, die
09   bedingte dagegen heißt im engeren Verstande Naturursache. Das Bedingte
10   im Dasein überhaupt heißt zufällig und das Unbedingte nothwendig.
11   Die unbedingte Nothwendigkeit der Erscheinungen kann Naturnothwendigkeit
12   heißen.


13   Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben kosmologische
14   Ideen genannt, theils darum, weil unter Welt der Inbegriff aller
15   Erscheinungen verstanden wird, und unsere Ideen auch nur auf das Unbedingte
16   unter den Erscheinungen gerichtet sind, theils auch, weil das Wort
17   Welt im transscendentalen Verstande die absolute Totalität des Inbegriffs
18   existirender Dinge bedeutet, und wir auf die Vollständigkeit der Synthesis
19   (wiewohl nur eigentlich im Regressus zu den Bedingungen) allein unser
20   Augenmerk richten. In Betracht dessen, daß überdem diese Ideen insgesammt
21   transscendent sind und, ob sie zwar das Object, nämlich Erscheinungen,
22   der Art nach nicht überschreiten, sondern es lediglich mit der
23   Sinnenwelt (nicht mit Noumenis ) zu thun haben, dennoch die Synthesis
24   bis auf einen Grad, der alle mögliche Erfahrung übersteigt, treiben, so
25   kann man sie insgesammt meiner Meinung nach ganz schicklich Weltbegriffe [op 448]
26   nennen. In Ansehung des Unterschiedes des Mathematisch= und
27   des Dynamisch=Unbedingten, worauf der Regressus abzielt, würde ich doch
28   die zwei ersteren in engerer Bedeutung Weltbegriffe (der Welt im Großen
29   und Kleinen), die zwei übrigen aber transscendente Naturbegriffe



30   *) Natur, adjective (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang der
31   Bestimmungen eines Dinges nach einem innern Princip der Causalität. Dagegen
32   versteht man unter Natur substantive (materialiter) den Inbegriff der Erscheinungen,
33   so fern diese vermöge eines innern Princips der Causalität durchgängig zusammenhängen.
34   Im ersteren Verstande spricht man von der Natur der flüssigen Materie,
35   des Feuers etc. und bedient sich dieses Worts nur adjective ; dagegen wenn man von
36   den Dingen der Natur redet, so hat man ein bestehendes Ganzes in Gedanken.


[seite 290]


01   nennen. Diese Unterscheidung ist für jetzt noch nicht von sonderlicher Erheblichkeit,
02   sie kann aber im Fortgange wichtiger werden.


03   Der
04   Antinomie der reinen Vernunft
05   Zweiter Abschnitt.
06   Antithetik der reinen Vernunft.


07   Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so verstehe
08   ich unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegentheils,
09   sondern den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse
10   ( thesin cum antithesi ), ohne daß man einer vor der andern einen vorzüglichen
11   Anspruch auf Beifall beilegt. Die Antithetik beschäftigt sich also
12   gar nicht mit einseitigen Behauptungen, sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse
13   der Vernunft nur nach dem Widerstreite derselben unter einander
14   und den Ursachen desselben. Die transscendentale Antithetik ist eine
15   Untersuchung über die Antinomie der reinen Vernunft, die Ursachen und
16   das Resultat derselben. Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß zum Gebrauch [op 449]
17   der Verstandesgrundsätze auf Gegenstände der Erfahrung verwenden,
18   sondern jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen,
19   so entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder
20   Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen, und deren jeder
21   nicht allein an sich selbst ohne Widerspruch ist, sondern sogar in der Natur
22   der Vernunft Bedingungen seiner Nothwendigkeit antrifft, nur daß unglücklicher
23   Weise der Gegensatz eben so gültige und nothwendige Gründe
24   der Behauptung auf seiner Seite hat.


25   Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft
26   sich natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn eigentlich
27   die reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich unterworfen sei. 2. Auf
28   welchen Ursachen diese Antinomie beruhe. 3. Ob und auf welche Art
29   dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein Weg zur Gewißheit
30   offen bleibe.


31   Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muß demnach dieses
32   ihn von allen sophistischen Sätzen Unterscheidende an sich haben, daß er
33   nicht eine willkürliche Frage betrifft, die man nur in gewisser beliebiger


[seite 291]


01   Absicht aufwirft, sondern eine solche, auf die jede menschliche Vernunft in
02   ihrem Fortgange nothwendig stoßen muß; und zweitens, daß er mit seinem
03   Gegensatze nicht bloß einen gekünstelten Schein, der, wenn man ihn
04   einsieht, sogleich verschwindet, sondern einen natürlichen und unvermeidlichen [op 450]
05   Schein bei sich führe, der selbst, wenn man nicht mehr durch ihn
06   hintergangen wird, noch immer täuscht, obschon nicht betrügt, und also
07   zwar unschädlich gemacht, aber niemals vertilgt werden kann.


08   Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die Verstandeseinheit
09   in Erfahrungsbegriffen, sondern auf die Vernunfteinheit in bloßen Ideen
10   beziehen, deren Bedingungen, da sie erstlich als Synthesis nach Regeln
11   dem Verstande und doch zugleich als absolute Einheit derselben der Vernunft
12   congruiren soll, wenn sie der Vernunfteinheit adäquat ist, für den
13   Verstand zu groß und, wenn sie dem Verstande angemessen, für die Vernunft
14   zu klein sein werden; woraus denn ein Widerstreit entspringen
15   muß, der nicht vermieden werden kann, man mag es anfangen, wie
16   man will.


17   Diese vernünftelnde Behauptungen eröffnen also einen dialektischen
18   Kampfplatz, wo jeder Theil die Oberhand behält, der die Erlaubniß hat,
19   den Angriff zu thun, und derjenige gewiß unterliegt, der bloß vertheidigungsweise
20   zu verfahren genöthigt ist. Daher auch rüstige Ritter, sie
21   mögen sich für die gute oder schlimme Sache verbürgen, sicher sind, den
22   Siegeskranz davon zu tragen, wenn sie nur dafür sorgen, daß sie den letzten
23   Angriff zu thun das Vorrecht haben und nicht verbunden sind, einen
24   neuen Anfall des Gegners auszuhalten. Man kann sich leicht vorstellen,
25   daß dieser Tummelplatz von jeher oft genug betreten worden, daß viel [op 451]
26   Siege von beiden Seiten erfochten, für den letzten aber, der die Sache entschied,
27   jederzeit so gesorgt worden sei, daß der Verfechter der guten Sache
28   den Platz allein behielte, dadurch daß seinem Gegner verboten wurde, fernerhin
29   Waffen in die Hände zu nehmen. Als unparteiische Kampfrichter
30   müssen wir es ganz bei Seite setzen, ob es die gute oder die schlimme Sache
31   sei, um welche die Streitende fechten, und sie ihre Sache erst unter sich
32   ausmachen lassen. Vielleicht daß, nachdem sie einander mehr ermüdet als
33   geschadet haben, sie die Nichtigkeit ihres Streithandels von selbst einsehen
34   und als gute Freunde auseinander gehen.


35   Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen, oder


[seite 292]


01   vielmehr ihn selbst zu veranlassen, nicht um endlich zum Vortheile des
02   einen oder des andern Theils zu entscheiden, sondern um zu untersuchen,
03   ob der Gegenstand desselben nicht vielleicht ein bloßes Blendwerk sei, wornach
04   jeder vergeblich hascht, und bei welchem er nichts gewinnen kann,
05   wenn ihm gleich gar nicht widerstanden würde: dieses Verfahren, sage ich,
06   kann man die sceptische Methode nennen. Sie ist vom Scepticismus
07   gänzlich unterschieden, einem Grundsatze einer kunstmäßigen und
08   scientifischen Unwissenheit, welcher die Grundlagen aller Erkenntniß untergräbt,
09   um wo möglich überall keine Zuverlässigkeit und Sicherheit derselben
10   übrig zu lassen. Denn die sceptische Methode geht auf Gewißheit,
11   dadurch daß sie in einem solchen auf beiden Seiten redlich gemeinten und [op 452]
12   mit Verstande geführten Streite den Punkt des Mißverständnisses zu entdecken
13   sucht, um, wie weise Gesetzgeber thun, aus der Verlegenheit der
14   Richter bei Rechtshändeln für sich selbst Belehrung von dem Mangelhaften
15   und nicht genau Bestimmten in ihren Gesetzen zu ziehen. Die Antinomie,
16   die sich in der Anwendung der Gesetze offenbart, ist bei unserer
17   eingeschränkten Weisheit der beste Prüfungsversuch der Nomothetik, um
18   die Vernunft, die in abstracter Speculation ihre Fehltritte nicht leicht gewahr
19   wird, dadurch auf die Momente in Bestimmung ihrer Grundsätze
20   aufmerksam zu machen.


21   Diese sceptische Methode ist aber nur der Transscendentalphilosophie
22   allein wesentlich eigen und kann allenfalls in jedem anderen Felde der
23   Untersuchungen, nur in diesem nicht entbehrt werden. In der Mathematik
24   würde ihr Gebrauch ungereimt sein, weil sich in ihr keine falsche Behauptungen
25   verbergen und unsichtbar machen können, indem die Beweise jederzeit
26   an dem Faden der reinen Anschauung und zwar durch jederzeit evidente
27   Synthesis fortgehen müssen. In der Experimentalphilosophie kann
28   wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich sein, allein es ist doch wenigstens
29   kein Mißverstand möglich, der nicht leicht gehoben werden könnte, und in
30   der Erfahrung müssen doch endlich die letzten Mittel der Entscheidung des
31   Zwistes liegen, sie mögen nun früh oder spät aufgefunden werden. Die [op 453]
32   Moral kann ihre Grundsätze insgesammt auch in concreto zusammt den
33   praktischen Folgen wenigstens in möglichen Erfahrungen geben und dadurch
34   den Mißverstand der Abstraction vermeiden. Dagegen sind die
35   transscendentalen Behauptungen, welche selbst über das Feld aller möglichen
36   Erfahrungen hinaus sich erweiternde Einsichten anmaßen, weder
37   in dem Falle, daß ihre abstracte Synthesis in irgend einer Anschauung


[seite 293]


01   a priori könnte gegeben, noch so beschaffen, daß der Mißverstand vermittelst
02   irgend einer Erfahrung entdeckt werden könnte. Die transscendentale
03   Vernunft also verstattet keinen anderen Probirstein, als den Versuch der
04   Vereinigung ihrer Behauptungen unter sich selbst und mithin zuvor des
05   freien und ungehinderten Wettstreits derselben unter einander, und diesen
06   wollen wir anjetzt anstellen.*)



07   *) Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der obenangeführten
08   transscendentalen Ideen.


[seite 294]

[op 454]


Erste Antinomie
01   Der Antinomie der reinen Vernunft
02   Erster Widerstreit der transscendentalen Ideen.


03   Thesis.


04   Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raume nach
05   auch in Grenzen eingeschlossen.


06   Beweis.


07   Denn man nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang:
08   so ist bis zu jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen und
09   mithin eine unendliche Reihe auf einander folgender Zustände der Dinge
10   in der Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer
11   Reihe, daß sie durch successive Synthesis niemals vollendet sein kann. Also
12   ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein Anfang der
13   Welt eine nothwendige Bedingung ihres Daseins; welches zuerst zu beweisen
14   war.


15   In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegentheil
16   an: so wird die Welt ein unendliches gegebenes Ganzes von zugleich
17   existirenden Dingen sein. Nun können wir die Größe eines Quanti ,
18   welches nicht innerhalb gewisser Grenzen jeder Anschauung gegeben wird,*) [op 456]
19   auf keine andere Art, als nur durch die Synthesis der Theile und die Totalität
20   eines solchen Quanti nur durch die vollendete Synthesis, oder durch
21   wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst gedenken.**) Demnach,
22   um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu denken, müßte



23   *) Wir können ein unbestimmtes Quantum als ein Ganzes anschauen, wenn
24   es in Grenzen eingeschlossen ist, ohne die Totalität desselben durch Messung, d. i. die
25   successive Synthesis seiner Theile, construiren zu dürfen. Denn die Grenzen bestimmen
26   schon die Vollständigkeit, indem sie alles Mehrere abschneiden.


27   **) Der Begriff der Totalität ist in diesem Falle nichts anderes, als die Vorstellung
28   der vollendeten Synthesis seiner Theile, weil, da wir nicht von der Anschauung
29   des Ganzen (als welche in diesem Falle unmöglich ist) den Begriff abziehen
30   können, wir diesen nur durch die Synthesis der Theile bis zur Vollendung des Unendlichen
31   wenigstens in der Idee fassen können.


[seite 295]


01   Der Antinomie der reinen Vernunft [op 455]
02   Erster Widerstreit der transscendentalen Ideen.
03   Antithesis.


04   Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern
05   ist sowohl in Ansehung der Zeit als des Raums unendlich.


06   Beweis.


07   Denn man setze: sie habe einen Anfang. Da der Anfang ein Dasein
08   ist, wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muß eine Zeit
09   vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d. i. eine leere Zeit. Nun
10   ist aber in einer leeren Zeit kein Entstehen irgend eines Dinges möglich:
11   weil kein Theil einer solchen Zeit vor einem anderen irgend eine unterscheidende
12   Bedingung des Daseins vor die des Nichtseins an sich hat (man
13   mag annehmen, daß sie von sich selbst, oder durch eine andere Ursache entstehe).
14   Also kann zwar in der Welt manche Reihe der Dinge anfangen,
15   die Welt selber aber kann keinen Anfang haben, und ist also in Ansehung
16   der vergangenen Zeit unendlich.


17   Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das Gegentheil an,
18   daß nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist: so befindet
19   sie sich in einem leeren Raum, der nicht begrenzt ist. Es würde
20   also nicht allein ein Verhältniß der Dinge im Raum, sondern auch der
21   Dinge zum Raume angetroffen werden. Da nun die Welt ein absolutes [op 457]
22   Ganzes ist, außer welchem kein Gegenstand der Anschauung und mithin
23   kein Correlatum der Welt angetroffen wird, womit dieselbe im Verhältni


[seite 296]


01   die successive Synthesis der Theile einer unendlichen Welt als vollendet
02   angesehen, d. i. eine unendliche Zeit müßte in der Durchuählung aller
03   coexistirenden Dinge als abgelaufen angesehen werden; welches unmöglich
04   ist. Demnach kann ein unendliches Aggregat wirklicher Dinge nicht als
05   ein gegebenes Ganzes, mithin auch nicht als zugleich gegeben angesehen
06   werden. Eine Welt ist folglich der Ausdehnung im Raume nach nicht unendlich,
07   sondern in ihren Grenzen eingeschlossen; welches das zweite war.


08   Anmerkung zur ersten Antinomie. [op 458]
09   1. zur Thesis.


10   Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht
11   Blendwerke gesucht, um etwa (wie man sagt) einen Advocatenbeweis zu
12   führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vortheile
13   bedient und seine Berufung auf ein mißverstandnes Gesetz gerne gelten
14   läßt, um seine eigene, unrechtmäßige Ansprüche auf die Widerlegung desselben
15   zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Sache Natur gezogen und
16   der Vortheil bei Seite gesetzt worden, den uns die Fehlschlüsse der Dogmatiker
17   von beiden Theilen geben könnten.


18   Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können,
19   daß ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe nach der Gewohnheit
20   der Dogmatiker einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt hätte. Unendlich
21   ist eine Größe, über die keine größere (d. i. über die darin enthaltene
22   Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun ist keine Menge die
23   größte, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten hinzugethan werden
24   können. Also ist eine unendliche gegebene Größe, mithin auch eine (der
25   verflossenen Reihe sowohl, als der Ausdehnung nach) unendliche Welt unmöglich:


[seite 297]


01   stehe, so würde das Verhältniß der Welt zum leeren Raum ein Verhältni
02   derselben zu keinem Gegenstande sein. Ein dergleichen Verhältni
03   aber, mithin auch die Begrenzung der Welt durch den leeren Raum ist
04   nichts; also ist die Welt dem Raume nach gar nicht begrenzt, d. i. sie ist
05   in Ansehung der Ausdehnung unendlich.*)


06   Anmerkung zur ersten Antinomie. [op 459]
07   2. zur Antithesis.


08   Der Beweis für die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des
09   Weltinbegriffs beruht darauf: daß im entgegengesetzten Falle eine leere
10   Zeit, imgleichen ein leerer Raum die Weltgrenze ausmachen müßte. Nun
11   ist mir nicht unbekannt, daß wider diese Consequenz Ausflüchte gesucht
12   werden, indem man vorgiebt: es sei eine Grenze der Welt der Zeit und
13   dem Raume nach ganz wohl möglich, ohne daß man eben eine absolute
14   Zeit vor der Welt Anfang oder einen absoluten, außer der wirklichen Welt
15   ausgebreiteten Raum annehmen dürfe; welches unmöglich ist. Ich bin
16   mit dem letzteren Theile dieser Meinung der Philosophen aus der LeibnizischenPI



17   *) Der Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung (formale Anschauung),
18   aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich angeschauet werden kann. Der
19   Raum vor allen Dingen, die ihn bestimmen (erfüllen oder begrenzen), oder die vielmehr
20   eine seiner Form gemäße empirische Anschauung geben, ist unter dem
21   Namen des absoluten Raumes nichts anderes, als die bloße Möglichkeit äußerer Erscheinungen,
22   so fern sie entweder an sich existiren, oder zu gegebenen Erscheinungen
23   noch hinzu kommen können. Die empirische Anschauung ist also nicht zusammengesetzt
24   aus Erscheinungen und dem Raume (der Wahrnehmung und der leeren Anschauung).
25   Eines ist nicht des andern Correlatum der Synthesis, sondern nur in
26   einer und derselben empirischen Anschauung verbunden, als Materie und Form derselben.
27   Will man eines dieser zwei Stücke außer dem anderen setzen (Raum außerhalb
28   allen Erscheinungen), so entstehen daraus allerlei leere Bestimmungen der äußeren
29   Anschauung, die doch nicht mögliche Wahrnehmungen sind: z. B. Bewegung oder
30   Ruhe der Welt im unendlichen leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses beider
31   untereinander, welche niemals wahrgenommen werden kann und also auch das
32   Prädicat eines bloßen Gedankendinges ist.


[seite 298]


01   sie ist also beiderseitig begrenzt. So hätte ich meinen Beweis
02   führen können: allein dieser Begriff stimmt nicht mit dem, was man unter
03   einem unendlichen Ganzen versteht. Es wird dadurch nicht vorgestellt,
04   wie groß es sei, mithin ist sein Begriff auch nicht der Begriff eines [op 460]
05   Maximum, sondern es wird dadurch nur sein Verhältniß zu einer beliebig
06   anzunehmenden Einheit, in Ansehung deren dasselbe größer ist als alle
07   Zahl, gedacht. Nachdem die Einheit nun größer oder kleiner angenommen
08   wird, würde das Unendliche größer oder kleiner sein; allein die Unendlichkeit,
09   da sie bloß in dem Verhältnisse zu dieser gegebenen Einheit besteht,
10   würde immer dieselbe bleiben, obgleich freilich die absolute Größe des Ganzen
11   dadurch gar nicht erkannt würde, davon auch hier nicht die Rede ist.


12   Der wahre (transscendentale) Begriff der Unendlichkeit ist: daß die
13   successive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals
14   vollendet sein kann.*) Hieraus folgt ganz sicher, daß eine Ewigkeit
15   wirklicher auf einander folgenden Zustände bis zu einem gegebenen (dem
16   gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also einen
17   Anfang haben müsse.


18   In Ansehung des zweiten Theils der Thesis fällt die Schwierigkeit
19   von einer unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg; denn das
20   Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich
21   gegeben. Allein um die Totalität einer solchen Menge zu denken, da wir
22   uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität von selbst in
23   der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Begriffe Rechenschaft



24   *) Dieses enthält dadurch eine Menge (von gegebener Einheit), die größer ist
25   als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des Unendlichen ist.


[seite 299]


01   Schule ganz wohl zufrieden. Der Raum ist bloß die Form der
02   äußeren Anschauung, aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich angeschauet
03   werden kann, und kein Correlatum der Erscheinungen, sondern
04   die Form der Erscheinungen selbst. Der Raum also kann absolut (für
05   sich allein) nicht als etwas Bestimmendes in dem Dasein der Dinge vorkommen,
06   weil er gar kein Gegenstand ist, sondern nur die Form möglicher
07   Gegenstände. Dinge also als Erscheinungen bestimmen wohl den Raum,
08   d. i. unter allen möglichen Prädicaten desselben (Größe und Verhältniß)
09   machen sie es, daß diese oder jene zur Wirklichkeit gehören; aber umgekehrt
10   kann der Raum als etwas, welches für sich besteht, die Wirklichkeit der
11   Dinge in Ansehung der Größe oder Gestalt nicht bestimmen, weil er an
12   sich selbst nichts Wirkliches ist. Es kann also wohl ein Raum (er sei voll [op 461]
13   oder leer)*) durch Erscheinungen begrenzt, Erscheinungen aber können
14   nicht durch einen leeren Raum außer denselben begrenzt werden. Eben
15   dieses gilt auch von der Zeit. Alles dieses nun zugegeben, so ist gleichwohl
16   unstreitig, daß man diese zwei Undinge, den leeren Raum außer und
17   die leere Zeit vor der Welt, durchaus annehmen müsse, wenn man eine
18   Weltgrenze, es sei dem Raume oder der Zeit nach, annimmt.


19   Denn was den Ausweg betrifft, durch den man der Consequenz auszuweichen
20   sucht, nach welcher wir sagen, daß, wenn die Welt (der Zeit und
21   dem Raum nach) Grenzen hat, das unendliche Leere das Dasein wirklicher
22   Dinge ihrer Größe nach bestimmen müsse, so besteht er ingeheim nur darin:
23   daß man statt einer Sinnenwelt sich wer weiß welche intelligibele
24   Welt gedenkt und statt des ersten Anfanges (ein Dasein, vor welchem eine
25   Zeit des Nichtseins vorhergeht) sich überhaupt ein Dasein denkt, welches
26   keine andere Bedingung in der Welt voraussetzt, statt der Grenze
27   der Ausdehnung Schranken des Weltganzen denkt und dadurch der Zeit
28   und dem Raume aus dem Wege geht. Es ist hier aber nur von dem
29   mundus phaenomenon die Rede und von dessen Größe, bei dem man von
30   gedachten Bedingungen der Sinnlichkeit keinesweges abstrahiren kann,
31   ohne das Wesen desselben aufzuheben. Die Sinnenwelt, wenn sie begrenzt



32   *) Man bemerkt leicht, daß hiedurch gesagt werden wolle: der leere Raum,
33   so fern er durch Erscheinungen begrenzt wird, mithin derjenige innerhalb
34   der Welt widerspreche wenigstens nicht den transscendentalen Principien und könne
35   also in Ansehung dieser eingeräumt (obgleich darum seine Möglichkeit nicht sofort
36   behauptet) werden.


[seite 300]


01   geben, der in solchem Falle nicht vom Ganzen zu der bestimmten Menge
02   der Theile gehen kann, sondern die Möglichkeit eines Ganzen durch die
03   successive Synthesis der Theile darthun muß. Da diese Synthesis nun
04   eine nie zu vollendende Reihe ausmachen müßte: so kann man sich nicht
05   vor ihr und mithin auch nicht durch sie eine Totalität denken. Denn der
06   Begriff der Totalität selbst ist in diesem Falle die Vorstellung einer vollendeten
07   Synthesis der Theile, und diese Vollendung, mithin auch der Begriff
08   derselben ist unmöglich.


Zweite Antinomie [op 462]
09   Der Antinomie der reinen Vernunft
10   Zweiter Widerstreit der transscendentalen Ideen.


11   Thesis.


12   Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen
13   Theilen, und es existirt überall nichts als das Einfache, oder das,
14   was aus diesem zusammengesetzt ist.


15   Beweis.


16   Denn nehmet an, die zusammengesetzte Substanzen beständen nicht
17   aus einfachen Theilen: so würde, wenn alle Zusammensetzung in Gedanken
18   aufgehoben würde, kein zusammengesetzter Theil und (da es keine einfache
19   Theile giebt) auch kein einfacher, mithin gar nichts übrig bleiben, folglich
20   keine Substanz sein gegeben worden. Entweder also läßt sich unmöglich
21   alle Zusammensetzung in Gedanken aufheben, oder es muß nach deren Aufhebung
22   etwas ohne alle Zusammensetzung Bestehendes, d. i. das Einfache,


[seite 301]


01   ist, liegt nothwendig in dem unendlichen Leeren. Will man dieses und
02   mithin den Raum überhaupt als Bedingung der Möglichkeit der Erscheinungen
03   a priori weglassen, so fällt die ganze Sinnenwelt weg. In unserer
04   Aufgabe ist uns diese allein gegeben. Der mundus intelligibilis ist
05   nichts als der allgemeine Begriff einer Welt überhaupt, in welchem man
06   von allen Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirt, und in Ansehung
07   dessen folglich gar kein synthetischer Satz, weder bejahend, noch
08   verneinend, möglich ist.

[op 463]
09   Der Antinomie der reinen Vernunft
10   Zweiter Widerstreit der transscendentalen Ideen.
11   Antithesis.


12   Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Theilen,
13   und es existirt überall nichts Einfaches in derselben.


14   Beweis.


15   Setzet: ein zusammengesetztes Ding (als Substanz) bestehe aus einfachen
16   Theilen. Weil alles äußere Verhältniß, mithin auch alle Zusammensetzung
17   aus Substanzen nur im Raume möglich ist: so muß, aus so
18   viel Theilen das Zusammengesetzte besteht, aus eben so viel Theilen auch
19   der Raum bestehen, den es einnimmt. Nun besteht der Raum nicht aus
20   einfachen Theilen, sondern aus Räumen. Also muß jeder Theil des Zusammengesetzten
21   einen Raum einnehmen. Die schlechthin ersten Theile
22   aber alles Zusammengesetzten sind einfach. Also nimmt das Einfache einen
23   Raum ein. Da nun alles Reale, was einen Raum einnimmt, ein
24   außerhalb einander befindliches Mannigfaltiges in sich faßt, mithin zusammengesetzt
25   ist und zwar als ein reales Zusammengesetztes nicht aus
26   Accidenzen (denn die können nicht ohne Substanz außer einander sein),


[seite 302]


01   übrig bleiben. Im ersteren Falle aber würde das Zusammengesetzte wiederum
02   nicht aus Substanzen bestehen (weil bei diesen die Zusammensetzung
03   nur eine zufällige Relation der Substanzen ist, ohne welche diese als für [op 464]
04   sich beharrliche Wesen bestehen müssen). Da nun dieser Fall der Voraussetzung
05   widerspricht, so bleibt nur der zweite übrig: daß nämlich das substantielle
06   Zusammengesetzte in der Welt aus einfachen Theilen bestehe.


07   Hieraus folgt unmittelbar, daß die Dinge der Welt insgesammt einfache
08   Wesen seien, daß die Zusammensetzung nur ein äußerer Zustand derselben
09   sei, und daß, wenn wir die Elementarsubstanzen gleich niemals
10   völlig aus diesem Zustande der Verbindung setzen und isoliren können,
11   doch die Vernunft sie als die ersten Subjecte aller Composition und mithin
12   vor derselben als einfache Wesen denken müsse.


[seite 303]


01   mithin aus Substanzen: so würde das Einfache ein substantielles Zusammengesetztes
02   sein; welches sich widerspricht.


03   Der zweite Satz der Antithesis, daß in der Welt gar nichts Einfaches [op 465]
04   existire, soll hier nur so viel bedeuten, als: Es könne das Dasein des
05   schlechthin Einfachen aus keiner Erfahrung oder Wahrnehmung, weder
06   äußeren noch inneren, dargethan werden, und das schlechthin Einfache sei
07   also eine bloße Idee, deren objective Realität niemals in irgend einer
08   möglichen Erfahrung kann dargethan werden, mithin in der Exposition
09   der Erscheinungen ohne alle Anwendung und Gegenstand. Denn wir
10   wollen annehmen, es ließe sich für diese transscendentale Idee ein Gegenstand
11   der Erfahrung finden: so müßte die empirische Anschauung irgend
12   eines Gegenstandes als eine solche erkannt werden, welche schlechthin kein
13   Mannigfaltiges außerhalb einander und zur Einheit verbunden enthält.
14   Da nun von dem Nichtbewußtsein eines solchen Mannigfaltigen auf die
15   gänzliche Unmöglichkeit desselben in irgend einer Anschauung eines Objects
16   kein Schluß gilt, dieses letztere aber zur absoluten Simplicität
17   durchaus nöthig ist: so folgt, daß diese aus keiner Wahrnehmung, welche
18   sie auch sei, könne geschlossen werden. Da also etwas als ein schlechthin
19   einfaches Object niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann gegeben
20   werden, die Sinnenwelt aber als der Inbegriff aller möglichen Erfahrungen
21   angesehen werden muß: so ist überall in ihr nichts Einfaches
22   gegeben.


23   Dieser zweite Satz der Antithesis geht viel weiter als der erste,
24   der das Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt,
25   da hingegen dieser es aus der ganzen Natur wegschafft; daher er
26   auch nicht aus dem Begriffe eines gegebenen Gegenstandes der äußeren
27   Anschauung (des Zusammengesetzten), sondern aus dem Verhältniß desselben
28   zu einer möglichen Erfahrung überhaupt hat bewiesen werden können.


[seite 304]

[op 466]
01   Anmerkung zur zweiten Antinomie.
02   1. zur Thesis.


03   Wenn ich von einem Ganzen rede, welches nothwendig aus einfachen
04   Theilen besteht, so verstehe ich darunter nur ein substantielles
05   Ganzes, als das eigentliche Compositum, d. i. die zufällige Einheit des
06   Mannigfaltigen, welches abgesondert (wenigstens in Gedanken) gegeben,
07   in eine wechselseitige Verbindung gesetzt wird und dadurch Eines
08   ausmacht. Den Raum sollte man eigentlich nicht Compositum, sondern
09   Totum nennen, weil die Theile desselben nur im Ganzen und nicht das
10   Ganze durch die Theile möglich ist. Er würde allenfalls ein Compositum
11   ideale , aber nicht reale heißen können. Doch dieses ist nur Subtilität.
12   Da der Raum kein Zusammengesetztes aus Substanzen (nicht einmal aus
13   realen Accidenzen) ist, so muß, wenn ich alle Zusammensetzung in ihm
14   aufhebe, nichts, auch nicht einmal der Punkt übrig bleiben; denn dieser
15   ist nur als die Grenze eines Raumes (mithin eines Zusammengesetzten) [op 468]
16   möglich. Raum und Zeit bestehen also nicht aus einfachen Theilen. Was
17   nur zum Zustande einer Substanz gehört, ob es gleich eine Größe hat
18   z. B. die Veränderung), besteht auch nicht aus dem Einfachen; d. i. ein
19   gewisser Grad der Veränderung entsteht nicht durch einen Anwachs vieler
20   einfachen Veränderungen. Unser Schluß vom Zusammengesetzten auf das
21   Einfache gilt nur von für sich selbst bestehenden Dingen. Accidenzen aber
22   des Zustandes bestehen nicht für sich selbst. Man kann also den Beweis


[seite 305]

[op 467]
01   Anmerkung zur zweiten Antinomie.
02   2. zur Antithesis.


03   Wider diesen Satz einer unendlichen Theilung der Materie, dessen
04   Beweisgrund bloß mathematisch ist, werden von den Monadisten Einwürfe
05   vorgebracht, welche sich dadurch schon verdächtig machen, daß sie die
06   klärsten mathematischen Beweise nicht für Einsichten in die Beschaffenheit
07   des Raumes, so fern er in der That die formale Bedingung der Möglichkeit
08   aller Materie ist, wollen gelten lassen, sondern sie nur als Schlüsse
09   aus abstracten, aber willkürlichen Begriffen ansehen, die auf wirkliche
10   Dinge nicht bezogen werden könnten. Gleich als wenn es auch nur möglich
11   wäre, eine andere Art der Anschauung zu erdenken, als die in der ursprünglichen
12   Anschauung des Raumes gegeben wird, und die Bestimmungen
13   desselben a priori nicht zugleich alles dasjenige beträfen, was dadurch
14   allein möglich ist, daß es diesen Raum erfüllt. Wenn man ihnen Gehör
15   giebt, so müßte man außer dem mathematischen Punkte, der einfach, aber
16   kein Theil, sondern bloß die Grenze eines Raums ist, sich noch physische
17   Punkte denken, die zwar auch einfach sind, aber den Vorzug haben, als
18   Theile des Raums durch ihre bloße Aggregation denselben zu erfüllen.
19   Ohne nun hier die gemeinen und klaren Widerlegungen dieser Ungereimtheit,
20   die man in Menge antrifft, zu wiederholen, wie es denn gänzlich
21   umsonst ist, durch bloß discursive Begriffe die Evidenz der Mathematik
22   weg vernünfteln zu wollen, so bemerke ich nur, daß, wenn die Philosophie [op 469]
23   hier mit der Mathematik chicanirt, es darum geschehe, weil sie vergißt,
24   daß es in dieser Frage nur um Erscheinungen und deren Bedingung
25   zu thun sei. Hier ist es aber nicht genug, zum reinen Verstandesbegriffe
26   des Zusammengesetzten den Begriff des Einfachen, sondern zur
27   Anschauung des Zusammengesetzten (der Materie) die Anschauung des
28   Einfachen zu finden; und dieses ist nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin
29   auch bei Gegenständen der Sinne gänzlich unmöglich. Es mag also von
30   einem Ganzen aus Substanzen, welches bloß durch den reinen Verstand
31   gedacht wird, immer gelten, daß wir vor aller Zusammensetzung desselben
32   das Einfache haben müssen; so gilt dieses doch nicht vom totum substantiale
33   phaenomenon , welches als empirische Anschauung im Raume die
34   nothwendige Eigenschaft bei sich führt, daß kein Theil desselben einfach ist,


[seite 306]


01   für die Nothwendigkeit des Einfachen, als der Bestandtheile alles substantiellen
02   Zusammengesetzten, und dadurch überhaupt seine Sache leichtlich
03   verderben, wenn man ihn zu weit ausdehnt und ihn für alles Zusammengesetzte
04   ohne Unterschied geltend machen will, wie es wirklich mehrmals
05   schon geschehen ist.


06   Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen, sofern es nothwendig
07   im Zusammengesetzten gegeben ist, indem dieses darin als in seine Bestandtheile
08   aufgelöset werden kann. Die eigentliche Bedeutung des Wortes [op 470]
09   Monas (nach LeibnizensPI Gebrauch) sollte wohl nur auf das Einfache
10   gehen, welches unmittelbar als einfache Substanz gegeben ist (z. B. im
11   Selbstbewußtsein) und nicht als Element des Zusammengesetzten, welches
12   man besser den Atomus nennen könnte. Und da ich nur in Ansehung des
13   Zusammengesetzten die einfachen Substanzen als deren Elemente beweisen
14   will, so könnte ich die These der zweiten Antinomie die transscendentale
15   Atomistik nennen. Weil aber dieses Wort schon vorlängst zur Bezeichnung
16   einer besondern Erklärungsart körperlicher Erscheinungen ( molecularum )
17   gebraucht worden und also empirische Begriffe voraussetzt, so mag
18   er der dialektische Grundsatz der Monadologie heißen.


[seite 307]


01   darum weil kein Theil des Raumes einfach ist. Indessen sind die Monadisten
02   fein genug gewesen, dieser Schwierigkeit dadurch ausweichen zu
03   wollen, daß sie nicht den Raum als eine Bedingung der Möglichkeit der
04   Gegenstände äußerer Anschauung (Körper), sondern diese und das dynamische
05   Verhältniß der Substanzen überhaupt als die Bedingung der
06   Möglichkeit des Raumes voraussetzen. Nun haben wir von Körpern nur
07   als Erscheinungen einen Begriff, als solche aber setzen sie den Raum als
08   die Bedingung der Möglichkeit aller äußeren Erscheinung nothwendig voraus;
09   und die Ausflucht ist also vergeblich, wie sie denn auch oben in der
10   transscendentalen Ästhetik hinreichend ist abgeschnitten worden. Wären
11   sie Dinge an sich selbst, so würde der Beweis der Monadisten allerdings
12   gelten.

[op 471]


13   Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich, da
14   sie eine dogmatische Behauptung wider sich hat, die unter allen vernünftelnden
15   die einzige ist, welche sich unternimmt, an einem Gegenstande
16   der Erfahrung die Wirklichkeit dessen, was wir oben bloß zu transscendentalen
17   Ideen rechneten, nämlich die absolute Simplicität der Substanz,
18   augenscheinlich zu beweisen: nämlich daß der Gegenstand des inneren
19   Sinnes, das Ich, was da denkt, eine schlechthin einfache Substanz sei.
20   Ohne mich hierauf jetzt einzulassen (da es oben ausführlicher erwogen ist),
21   so bemerke ich nur: daß, wenn etwas bloß als Gegenstand gedacht wird,
22   ohne irgend eine synthetische Bestimmung seiner Anschauung hinzu zu
23   setzen (wie denn dieses durch die ganz nackte Vorstellung: Ich, geschieht),
24   so könne freilich nichts Mannigfaltiges und keine Zusammensetzung in einer
25   solchen Vorstellung wahrgenommen werden. Da überdem die Prädicate,
26   wodurch ich diesen Gegenstand denke, bloß Anschauungen des inneren
27   Sinnes sind, so kann darin auch nichts vorkommen, welches ein Mannigfaltiges
28   außerhalb einander, mithin reale Zusammensetzung bewiese. Es
29   bringt also nur das Selbstbewußtsein es so mit sich, daß, weil das Subject,
30   welches denkt, zugleich sein eigenes Object ist, es sich selber nicht theilen
31   kann (obgleich die ihm inhärirende Bestimmungen); denn in Ansehung
32   seiner selbst ist jeder Gegenstand absolute Einheit. Nichts destoweniger,
33   wenn dieses Subject äußerlich, als ein Gegenstand der Anschauung, betrachtet
34   wird, so würde es doch wohl Zusammensetzung in der Erscheinung
35   an sich zeigen. So muß es aber jederzeit betrachtet werden, wenn man
36   wissen will, ob in ihm ein Mannigfaltiges außerhalb einander sei, oder
37   nicht.


[seite 308]


Dritte Antinomie [op 472]
01   Der Antinomie der reinen Vernunft
02   Dritter Widerstreit der transscendentalen Ideen.


03   Thesis.


04   Die Causalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher
05   die Erscheinungen der Welt insgesammt abgeleitet werden können.
06   Es ist noch eine Causalität durch Freiheit zu Erklärung derselben anzunehmen
07   nothwendig.


08   Beweis.


09   Man nehme an, es gebe keine andere Causalität, als nach Gesetzen
10   der Natur; so setzt alles, was geschieht, einen vorigen Zustand voraus,
11   auf den es unausbleiblich nach einer Regel folgt. Nun muß aber der
12   vorige Zustand selbst etwas sein, was geschehen ist (in der Zeit geworden,
13   da es vorher nicht war), weil, wenn es jederzeit gewesen wäre, seine Folge
14   auch nicht allererst entstanden, sondern immer gewesen sein würde. Also
15   ist die Causalität der Ursache, durch welche etwas geschieht, selbst etwas
16   Geschehenes, welches nach dem Gesetze der Natur wiederum einen vorigen
17   Zustand und dessen Causalität, dieser aber eben so einen noch älteren
18   voraussetzt u. s. w.. Wenn also alles nach bloßen Gesetzen der Natur geschieht, [op 474]
19   so giebt es jederzeit nur einen subalternen, niemals aber einen
20   ersten Anfang und also überhaupt keine Vollständigkeit der Reihe auf der
21   Seite der von einander abstammenden Ursachen. Nun besteht aber eben
22   darin das Gesetz der Natur: daß ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache
23   nichts geschehe. Also widerspricht der Satz, als wenn alle Causalität
24   nur nach Naturgesetzen möglich sei, sich selbst in seiner unbeschränkten
25   Allgemeinheit, und diese kann also nicht als die einzige angenommen
26   werden.


[seite 309]


01   Der Antinomie der reinen Vernunft [op 473]
02   Dritter Widerstreit der transscendentalen Ideen.
03   Antithesis.


04   Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich
05   nach Gesetzen der Natur.


06   Beweis.


07   Setzet: es gebe eine Freiheit im transscendentalen Verstande als
08   eine besondere Art von Causalität, nach welcher die Begebenheiten der
09   Welt erfolgen könnten, nämlich ein Vermögen, einen Zustand, mithin
10   auch eine Reihe von Folgen desselben schlechthin anzufangen; so wird
11   nicht allein eine Reihe durch diese Spontaneität, sondern die Bestimmung
12   dieser Spontaneität selbst zur Hervorbringung der Reihe, d. i. die Causalität,
13   wird schlechthin anfangen, so daß nichts vorhergeht, wodurch diese
14   geschehende Handlung nach beständigen Gesetzen bestimmt sei. Es setzt
15   aber ein jeder Anfang zu handeln einen Zustand der noch nicht handelnden
16   Ursache voraus und ein dynamisch erster Anfang der Handlung einen
17   Zustand, der mit dem vorhergehenden eben derselben Ursache gar keinen
18   Zusammenhang der Causalität hat, d. i. auf keine Weise daraus erfolgt.
19   Also ist die transscendentale Freiheit dem Causalgesetze entgegen und eine [op 475]
20   solche Verbindung der successiven Zustände wirkender Ursachen, nach welcher
21   keine Einheit der Erfahrung möglich ist, die also auch in keiner Erfahrung
22   angetroffen wird, mithin ein leeres Gedankending.


23   Wir haben also nichts als Natur, in welcher wir den Zusammenhang
24   und Ordnung der Weltbegebenheiten suchen müssen. Die Freiheit
25   (Unabhängigkeit) von den Gesetzen der Natur ist zwar eine Befreiung
26   vom Zwange, aber auch vom Leitfaden aller Regeln. Denn man kann
27   nicht sagen, daß anstatt der Gesetze der Natur Gesetze der Freiheit in die
28   Causalität des Weltlaufs eintreten, weil, wenn diese nach Gesetzen bestimmt
29   wäre, sie nicht Freiheit, sondern selbst nichts anders als Natur
30   wäre. Natur also und transscendentale Freiheit unterscheiden sich wie
31   Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit, davon jene zwar den Verstand mit der


[seite 310]


01   Diesemnach muß eine Causalität angenommen werden, durch welche
02   etwas geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter durch eine andere
03   vorhergehende Ursache nach nothwendigen Gesetzen bestimmt sei, d. i. eine
04   absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen,
05   die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen, mithin transscendentale
06   Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur die Reihenfolge
07   der Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals vollständig ist.

[op 476]
08   Anmerkung zur dritten Antinomie.
09   1. zur Thesis.


10   Die transscendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht
11   den ganzen Inhalt des psychologischen Begriffs dieses Namens aus, welcher
12   großen Theils empirisch ist, sondern nur den der absoluten Spontaneität
13   der Handlung als den eigentlichen Grund der Imputabilität derselben,
14   ist aber dennoch der eigentliche Stein des Anstoßes für die Philosophie,
15   welche unüberwindliche Schwierigkeiten findet, dergleichen Art von
16   unbedingter Causalität einzuräumen. Dasjenige also in der Frage über
17   die Freiheit des Willens, was die speculative Vernunft von jeher in so
18   große Verlegenheit gesetzt hat, ist eigentlich nur transscendental und
19   geht lediglich darauf, ob ein Vermögen angenommen werden müsse, eine
20   Reihe von successiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen.
21   Wie ein solches möglich sei, ist nicht eben so nothwendig beantworten zu
22   können, da wir uns eben sowohl bei der Causalität nach Naturgesetzen damit
23   begnügen müssen, a priori zu erkennen, daß eine solche vorausgesetzt
24   werden müsse, ob wir gleich die Möglichkeit, wie durch ein gewisses Dasein
25   das Dasein eines andern gesetzt werde, auf keine Weise begreifen und uns
26   desfalls lediglich an die Erfahrung halten müssen. Nun haben wir diese
27   Nothwendigkeit eines ersten Anfangs einer Reihe von Erscheinungen aus
28   Freiheit zwar nur eigentlich in so fern dargethan, als zur Begreiflichkeit
29   eines Ursprungs der Welt erforderlich ist, indessen daß man alle nachfolgende [op 478]
30   Zustände für eine Abfolge nach bloßen Naturgesetzen nehmen kann.
31   Weil aber dadurch doch einmal das Vermögen, eine Reihe in der Zeit


[seite 311]


01   Schwierigkeit belästigt, die Abstammung der Begebenheiten in der Reihe
02   der Ursachen immer höher hinauf zu suchen, weil die Causalität an ihnen
03   jederzeit bedingt ist, aber zur Schadloshaltung durchgängige und gesetzmäßige
04   Einheit der Erfahrung verspricht, da hingegen das Blendwerk von
05   Freiheit zwar dem forschenden Verstande in der Kette der Ursachen Ruhe
06   verheißt, indem sie ihn zu einer unbedingten Causalität führt, die von
07   selbst zu handeln anhebt, die aber, da sie selbst blind ist, den Leitfaden der
08   Regeln abreißt, an welchem allein eine durchgängig zusammenhängende
09   Erfahrung möglich ist.


10   Anmerkung zur dritten Antinomie. [op 477]
11   2. zur Antithesis.


12   Der Vertheidiger der Allvermögenheit der Natur (transscendentale
13   Physiokratie) im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit würde seinen
14   Satz gegen die vernünftelnden Schlüsse der letzteren auf folgende Art
15   behaupten. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit nach in
16   der Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nöthig, ein dynamisch
17   Erstes der Causalität nach zu suchen. Wer hat euch geheißen, einen
18   schlechthin ersten Zustand der Welt und mithin einen absoluten Anfang
19   der nach und nach ablaufenden Reihe der Erscheinungen zu erdenken und
20   damit ihr eurer Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget, der unumschränkten
21   Natur Grenzen zu setzen? Da die Substanzen in der Welt
22   jederzeit gewesen sind, wenigstens die Einheit der Erfahrung eine solche
23   Voraussetzung nothwendig macht, so hat es keine Schwierigkeit, auch anzunehmen,
24   daß der Wechsel ihrer Zustände, d. i. eine Reihe ihrer Veränderungen,
25   jederzeit gewesen sei, und mithin kein erster Anfang, weder
26   mathematisch, noch dynamisch gesucht werden dürfe. Die Möglichkeit einer
27   solchen unendlichen Abstammung ohne ein erstes Glied, in Ansehung dessen
28   alles übrige bloß nachfolgend ist, läßt sich seiner Möglichkeit nach nicht
29   begreiflich machen. Aber wenn ihr diese Naturräthsel darum wegwerfen
30   wollt, so werdet ihr euch genöthigt sehen, viel synthetische Grundbeschaffenheiten


[seite 312]


01   ganz von selbst anzufangen, bewiesen (obzwar nicht eingesehen) ist, so ist es
02   uns nunmehr auch erlaubt, mitten im Laufe der Welt verschiedene Reihen
03   der Causalität nach von selbst anfangen zu lassen und den Substanzen
04   derselben ein Vermögen beizulegen, aus Freiheit zu handeln. Man lasse
05   sich aber hiebei nicht durch einen Mißverstand aufhalten: daß, da nämlich
06   eine successive Reihe in der Welt nur einen comparativ ersten Anfang haben
07   kann, indem doch immer ein Zustand der Dinge in der Welt vorhergeht,
08   etwa kein absolut erster Anfang der Reihen während dem Weltlaufe möglich
09   sei. Denn wir reden hier nicht vom absolut ersten Anfange der Zeit
10   nach, sondern der Causalität nach. Wenn ich jetzt (zum Beispiel) völlig
11   frei und ohne den nothwendig bestimmenden Einfluß der Naturursachen
12   von meinem Stuhle aufstehe, so fängt in dieser Begebenheit sammt deren
13   natürlichen Folgen ins Unendliche eine neue Reihe schlechthin an, obgleich
14   der Zeit nach diese Begebenheit nur die Fortsetzung einer vorhergehenden
15   Reihe ist. Denn diese Entschließung und That liegt gar nicht in der Abfolge
16   bloßer Naturwirkungen und ist nicht eine bloße Fortsetzung derselben;
17   sondern die bestimmenden Naturursachen hören oberhalb derselben in Ansehung
18   dieses Eräugnisses ganz auf, das zwar auf jene folgt, aber daraus
19   nicht erfolgt und daher zwar nicht der Zeit nach, aber doch in Ansehung
20   der Causalität ein schlechthin erster Anfang einer Reihe von Erscheinungen
21   genannt werden muß.


22   Die Bestätigung von dem Bedürfniß der Vernunft, in der Reihe
23   der Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen,
24   leuchtet daran sehr klar in die Augen: daß (die EpikurischePI Schule ausgenommen)
25   alle Philosophen des Alterthums sich gedrungen sahen, zur Erklärung
26   der Weltbewegungen einen ersten Beweger anzunehmen, d. i.
27   eine freihandelnde Ursache, welche diese Reihe von Zuständen zuerst und
28   von selbst anfing. Denn aus bloßer Natur unterfingen sie sich nicht, einen
29   ersten Anfang begreiflich zu machen.


[seite 313]


01   zu verwerfen (Grundkräfte), die ihr eben so wenig begreifen könnt, [op 479]
02   und selbst die Möglichkeit einer Veränderung überhaupt muß euch anstößig
03   werden. Denn wenn ihr nicht durch Erfahrung fändet, daß sie
04   wirklich ist, so würdet ihr niemals a priori ersinnen können, wie eine solche
05   unaufhörliche Folge von Sein und Nichtsein möglich sei.


06   Wenn auch indessen allenfalls ein transscendentales Vermögen der
07   Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so
08   würde dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein
09   müssen (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außerhalb dem
10   Inbegriffe aller möglichen Anschauungen noch einen Gegenstand anzunehmen,
11   der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden kann).
12   Allein in der Welt selbst den Substanzen ein solches Vermögen beizumessen,
13   kann nimmermehr erlaubt sein, weil alsdann der Zusammenhang
14   nach allgemeinen Gesetzen sich einander nothwendig bestimmender Erscheinungen,
15   den man Natur nennt, und mit ihm das Merkmal empirischer
16   Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum unterscheidet, größtentheils verschwinden
17   würde. Denn es läßt sich neben einem solchen gesetzlosen Vermögen
18   der Freiheit kaum mehr Natur denken, weil die Gesetze der letzteren
19   durch die Einflüsse der ersteren unaufhörlich abgeändert und das Spiel
20   der Erscheinungen, welches nach der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig
21   sein würde, dadurch verwirrt und unzusammenhängend gemacht
22   wird.


[seite 314]


Vierte Antinomie [op 480]
01   Der Antinomie der reinen Vernunft
02   Vierter Widerstreit der transscendentalen Ideen.


03   Thesis.


04   Zu der Welt gehört etwas, das entweder als ihr Theil, oder ihre Ursache
05   ein schlechthin nothwendiges Wesen ist.


06   Beweis.


07   Die Sinnenwelt, als das Ganze aller Erscheinungen, enthält zugleich
08   eine Reihe von Veränderungen. Denn ohne diese würde selbst die Vorstellung
09   der Zeitreihe als einer Bedingung der Möglichkeit der Sinnenwelt
10   uns nicht gegeben sein.*) Eine jede Veränderung aber steht unter ihrer
11   Bedingung, die der Zeit nach vorhergeht, und unter welcher sie nothwendig
12   ist. Nun setzt ein jedes Bedingte, das gegeben ist, in Ansehung seiner
13   Existenz eine vollständige Reihe von Bedingungen bis zum Schlechthin
14   Unbedingten voraus, welches allein absolut nothwendig ist. Also mu
15   etwas Absolut=Nothwendiges existiren, wenn eine Veränderung als seine
16   Folge existirt. Dieses Nothwendige aber gehört selber zur Sinnenwelt.
17   Denn setzet, es sei außer derselben, so würde von ihm die Reihe der Weltveränderungen [op 482]
18   ihren Anfang ableiten, ohne daß doch diese nothwendige
19   Ursache selbst zur Sinnenwelt gehörte. Nun ist dieses unmöglich. Denn
20   da der Anfang einer Zeitreihe nur durch dasjenige, was der Zeit nach
21   vorhergeht, bestimmt werden kann: so muß die oberste Bedingung des
22   Anfangs einer Reihe von Veränderungen in der Zeit existiren, da diese
23   noch nicht war (denn der Anfang ist ein Dasein, vor welchem eine Zeit
24   vorhergeht, darin das Ding, welches anfängt, noch nicht war). Also gehört
25   die Causalität der nothwendigen Ursache der Veränderungen, mithin
26   auch die Ursache selbst zu der Zeit, mithin zur Erscheinung (an welcher
27   die Zeit allein als deren Form möglich ist); folglich kann sie von der



28   *) Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Möglichkeit der Veränderungen
29   vor diesen objectiv vorher; allein subjectiv und in der Wirklichkeit des Bewußtseins
30   ist diese Vorstellung doch nur, so wie jede andere durch Veranlassung der Wahrnehmungen
31   gegeben.


[seite 315]


01   Der Antinomie der reinen Vernunft [op 481]
02   Vierter Widerstreit der transscendentalen Ideen.
03   Antithesis.


04   Es existirt überall kein schlechthin nothwendiges Wesen weder in der
05   Welt, noch außer der Welt als ihre Ursache.


06   Beweis.


07   Setzet: die Welt selber oder in ihr sei ein nothwendiges Wesen, so
08   würde in der Reihe ihrer Veränderungen entweder ein Anfang sein, der
09   unbedingt nothwendig, mithin ohne Ursache wäre, welches dem dynamischen
10   Gesetze der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit widerstreitet;
11   oder die Reihe selbst wäre ohne allen Anfang und, obgleich in allen ihren
12   Theilen zufällig und bedingt, im Ganzen dennoch schlechthin nothwendig
13   und unbedingt; welches sich selbst widerspricht, weil das Dasein einer
14   Menge nicht nothwendig sein kann, wenn kein einziger Theil derselben ein
15   an sich nothwendiges Dasein besitzt.


16   Setzet dagegen: es gebe eine schlechthin nothwendige Weltursache [op 483]
17   außer der Welt, so würde dieselbe als das oberste Glied in der Reihe
18   der Ursachen der Weltveränderungen das Dasein der letzteren und ihre
19   Reihe zuerst anfangen.*) Nun müßte sie aber alsdann auch anfangen zu
20   handeln, und ihre Causalität würde in die Zeit, eben darum aber in den
21   Inbegriff der Erscheinungen, d. i. in die Welt, gehören, folglich sie selbst,



22   *) Das Wort: Anfangen, wird in zwiefacher Bedeutung genommen. Die erste
23   ist activ, da die Ursache eine Reihe von Zuständen als ihre Wirkung anfängt ( infit );
24   die zweite passiv, da die Causalität in der Ursache selbst anhebt ( fit ). Ich schließe
25   hier aus der ersteren auf die letzte.


[seite 316]


01   Sinnenwelt als dem Inbegriff aller Erscheinungen nicht abgesondert gedacht
02   werden. Also ist in der Welt selbst etwas Schlechthin=Nothwendiges
03   enthalten (es mag nun dieses die ganze Weltreihe selbst, oder ein Theil
04   derselben sein).

[op 484]
05   Anmerkung zur vierten Antinomie.
06   1. zur Thesis.


07   Um das Dasein eines nothwendigen Wesens zu beweisen, liegt mir
08   hier ob, kein anderes als kosmologisches Argument zu brauchen, welches
09   nämlich von dem Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten im
10   Begriffe aufsteigt, indem man dieses als die nothwendige Bedingung der
11   absoluten Totalität der Reihe ansieht. Den Beweis aus der bloßen Idee
12   eines obersten aller Wesen überhaupt zu versuchen, gehört zu einem andern
13   Princip der Vernunft, und ein solcher wird daher besonders vorkommen
14   müssen.


15   Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines nothwendigen
16   Wesens nicht anders darthun, als daß er es zugleich unausgemacht
17   lasse, ob dasselbe die Welt selbst, oder ein von ihr unterschiedenes
18   Ding sei. Denn um das letztere auszumitteln, dazu werden Grundsätze
19   erfordert, die nicht mehr kosmologisch sind und nicht in der Reihe der Erscheinungen
20   fortgehen, sondern Begriffe von zufälligen Wesen überhaupt
21   (so fern sie bloß als Gegenstände des Verstandes erwogen werden) und ein
22   Princip, solche mit einem nothwendigen Wesen durch bloße Begriffe zu
23   verknüpfen, welches alles für eine transscendente Philosophie gehört,
24   für welche hier noch nicht der Platz ist.


25   Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfängt, indem
26   man die Reihe von Erscheinungen und den Regressus in derselben nach
27   empirischen Gesetzen der Causalität zum Grunde legt: so kann man nachher
28   davon nicht abspringen und auf etwas übergehen, was gar nicht in [op 486]
29   die Reihe als ein Glied gehört. Denn in eben derselben Bedeutung mu


[seite 317]


01   die Ursache nicht außer der Welt sein, welches der Voraussetzung widerspricht.
02   Also ist weder in der Welt, noch außer derselben (aber mit ihr in
03   Causalverbindung) irgend ein schlechthin nothwendiges Wesen.

[op 485]
04   Anmerkung zur vierten Antinomie.
05   2. zur Antithesis.


06   Wenn man beim Aufsteigen in der Reihe der Erscheinungen wider
07   das Dasein einer schlechthin nothwendigen obersten Ursache Schwierigkeiten
08   anzutreffen vermeint, so müssen sich diese auch nicht auf bloße Begriffe
09   vom nothwendigen Dasein eines Dinges überhaupt gründen und
10   mithin nicht ontologisch sein, sondern sich aus der Causalverbindung mit
11   einer Reihe von Erscheinungen, um zu derselben eine Bedingung anzunehmen,
12   die selbst unbedingt ist, hervor finden, folglich kosmologisch und
13   nach empirischen Gesetzen gefolgert sein. Es muß sich nämlich zeigen, da
14   das Aufsteigen in der Reihe der Ursachen (in der Sinnenwelt) niemals
15   bei einer empirisch unbedingten Bedingung endigen könne, und daß das
16   kosmologische Argument aus der Zufälligkeit der Weltzustände laut ihrer
17   Veränderungen wider die Annehmung einer ersten und die Reihe schlechthin
18   zuerst anhebenden Ursache ausfalle.

[op 487]


19   Es zeigt sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Contrast: da
20   nämlich aus eben demselben Beweisgrunde, woraus in der Thesis das Dasein


[seite 318]


01   etwas als Bedingung angesehen werden, in welcher die Relation des Bedingten
02   zu seiner Bedingung in der Reihe genommen wurde, die auf diese
03   höchste Bedingung in continuirlichem Fortschritte führen sollte. Ist nun
04   dieses Verhältniß sinnlich und gehört zum möglichen empirischen Verstandesgebrauch,
05   so kann die oberste Bedingung oder Ursache nur nach
06   Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin nur als zur Zeitreihe gehörig den Regressus
07   beschließen, und das nothwendige Wesen muß als das oberste
08   Glied der Weltreihe angesehen werden.


09   Gleichwohl hat man sich die Freiheit genommen, einen solchen Absprung
10   ( metabasis eis allo genos ) zu thun. Man schloß nämlich aus den
11   Veränderungen in der Welt auf die empirische Zufälligkeit, d. i. die Abhängigkeit
12   derselben von empirisch bestimmenden Ursachen, und bekam eine
13   aufsteigende Reihe empirischer Bedingungen, welches auch ganz recht war.
14   Da man aber hierin keinen ersten Anfang und kein oberstes Glied finden
15   konnte, so ging man plötzlich vom empirischen Begriff der Zufälligkeit ab
16   und nahm die reine Kategorie, welche alsdann eine bloß intelligibele Reihe
17   veranlaßte, deren Vollständigkeit auf dem Dasein einer schlechthin nothwendigen
18   Ursache beruhte, die nunmehr, da sie an keine sinnliche Bedingungen
19   gebunden war, auch von der Zeitbedingung, ihre Causalität selbst
20   anzufangen, befreiet wurde. Dieses Verfahren ist aber ganz widerrechtlich,
21   wie man aus folgendem schließen kann.


22   Zufällig im reinen Sinne der Kategorie ist das, dessen contradictorisches
23   Gegentheil möglich ist. Nun kann man aus der empirischen Zufälligkeit
24   auf jene intelligibele gar nicht schließen. Was verändert wird, [op 488]
25   dessen Gegentheil (seines Zustandes) ist zu einer andern Zeit wirklich,
26   mithin auch möglich; mithin ist dieses nicht das contradictorische Gegentheil
27   des vorigen Zustandes, wozu erfordert wird, daß in derselben Zeit,
28   da der vorige Zustand war, an der Stelle desselben sein Gegentheil hätte
29   sein können, welches aus der Veränderung gar nicht geschlossen werden
30   kann. Ein Körper, der in Bewegung war = A, kommt in Ruhe = non A.
31   Daraus nun, daß ein entgegengesetzter Zustand vom Zustande A auf diesen


[seite 319]


01   eines Urwesens geschlossen wurde, in der Antithesis das Nichtsein
02   desselben und zwar mit derselben Schärfe geschlossen wird. Erst hieß es:
03   es ist ein nothwendiges Wesen, weil die ganze vergangene Zeit die
04   Reihe aller Bedingungen und hiemit also auch das Unbedingte (Nothwendige)
05   in sich faßt. Nun heißt es: es ist kein nothwendiges Wesen,
06   eben darum weil die ganze verflossene Zeit die Reihe aller Bedingungen
07   (die mithin insgesammt wiederum bedingt sind) in sich faßt. Die
08   Ursache hievon ist diese. Das erste Argument sieht nur auf die absolute
09   Totalität der Reihe der Bedingungen, deren eine die andere in der Zeit
10   bestimmt, und bekommt dadurch ein Unbedingtes und Nothwendiges. Das
11   zweite zieht dagegen die Zufälligkeit alles dessen, was in der Zeitreihe
12   bestimmt ist, in Betrachtung (weil vor jedem eine Zeit vorhergeht,
13   darin die Bedingung selbst wiederum als bedingt bestimmt sein muß), [op 489]
14   wodurch denn alles Unbedingte und alle absolute Nothwendigkeit gänzlich
15   wegfällt. Indessen ist die Schlußart in beiden selbst der gemeinen Menschenvernunft
16   ganz angemessen, welche mehrmals in den Fall geräth, sich
17   mit sich selbst zu entzweien, nachdem sie ihren Gegenstand aus zwei verschiedenen
18   Standpunkten erwägt. Herr von Mairan hielt den Streit
19   zweier berühmter Astronomen, der aus einer ähnlichen Schwierigkeit über
20   die Wahl des Standpunkts entsprang, für ein genugsam merkwürdiges


[seite 320]


01   folgt, kann gar nicht geschlossen werden, daß das contradictorische Gegentheil
02   von A möglich, mithin A zufällig sei; denn dazu würde erfordert
03   werden, daß in derselben Zeit, da die Bewegung war, anstatt derselben
04   die Ruhe habe sein können. Nun wissen wir nichts weiter, als daß die
05   Ruhe in der folgenden Zeit wirklich, mithin auch möglich war. Bewegung
06   aber zu einer Zeit und Ruhe zu einer andern Zeit sind einander nicht
07   contradictorisch entgegengesetzt. Also beweiset die Succession entgegengesetzter
08   Bestimmungen, d. i. die Veränderung, keinesweges die Zufälligkeit
09   nach Begriffen des reinen Verstandes und kann also auch nicht auf das
10   Dasein eines nothwendigen Wesens nach reinen Verstandesbegriffen führen.
11   Die Veränderung beweiset nur die empirische Zufälligkeit, d. i. da
12   der neue Zustand für sich selbst, ohne eine Ursache, die zur vorigen Zeit
13   gehört, gar nicht hätte stattfinden können zu Folge dem Gesetze der Causalität.
14   Diese Ursache, und wenn sie auch als schlechthin nothwendig angenommen
15   wird, muß auf diese Art doch in der Zeit angetroffen werden
16   und zur Reihe der Erscheinungen gehören.


[seite 321]


01   Phänomen, um darüber eine besondere Abhandlung abzufassen. Der eine
02   schloß nämlich so: der Mond dreht sich um seine Achse, darum weil
03   er der Erde beständig dieselbe Seite zukehrt; der andere: der Mond dreht
04   sich nicht um seine Achse, eben darum weil er der Erde beständig dieselbe
05   Seite zukehrt. Beide Schlüsse waren richtig, nachdem man den
06   Standpunkt nahm, aus dem man die Mondsbewegung beobachten wollte.


[seite 322]

[op 490]


01   Der
02   Antinomie der reinen Vernunft
03   Dritter Abschnitt.
04   Von dem Interesse der Vernunft bei diesem ihrem
05   Widerstreite.


06   Da haben wir nun das ganze dialektische Spiel der kosmologischen
07   Ideen, die es gar nicht verstatten, daß ihnen ein congruirender Gegenstand
08   in irgend einer möglichen Erfahrung gegeben werde, ja nicht einmal,
09   daß die Vernunft sie einstimmig mit allgemeinen Erfahrungsgesetzen
10   denke, die gleichwohl doch nicht willkürlich erdacht sind, sondern auf
11   welche die Vernunft im continuirlichen Fortgange der empirischen Synthesis
12   nothwendig geführt wird, wenn sie das, was nach Regeln der Erfahrung
13   jederzeit nur bedingt bestimmt werden kann, von aller Bedingung
14   befreien und in seiner unbedingten Totalität fassen will. Diese vernünftelnde
15   Behauptungen sind so viel Versuche, vier natürliche und unvermeidliche
16   Problemen der Vernunft aufzulösen, deren es also nur gerade so
17   viel, nicht mehr, auch nicht weniger, geben kann, weil es nicht mehr Reihen
18   synthetischer Voraussetzungen giebt, welche die empirische Synthesis a priori
19   begrenzen.


20   Wir haben die glänzenden Anmaßungen der ihr Gebiet über alle
21   Grenzen der Erfahrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln, [op 491]
22   welche bloß den Grund ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten, vorgestellt
23   und, wie es einer Transscendentalphilosophie geziemt, diese von allem
24   Empirischen entkleidet, obgleich die ganze Pracht der Vernunftbehauptungen
25   nur in Verbindung mit demselben hervorleuchten kann. In dieser
26   Anwendung aber und der fortschreitenden Erweiterung des Vernunftgebrauchs,
27   indem sie von dem Felde der Erfahrungen anhebt und sich bis
28   zu diesen erhabenen Ideen allmählig hinaufschwingt, zeigt die Philosophie
29   eine Würde, welche, wenn sie ihre Anmaßungen nur behaupten könnte,
30   den Werth aller anderen menschlichen Wissenschaft weit unter sich lassen
31   würde, indem sie die Grundlage zu unseren größten Erwartungen und
32   Aussichten auf die letzten Zwecke, in welchen alle Vernunftbemühungen
33   sich endlich vereinigen müssen, verheißt. Die Fragen: ob die Welt einen
34   Anfang und irgend eine Grenze ihrer Ausdehnung im Raum habe; ob
35   es irgendwo und vielleicht in meinem denkenden Selbst eine untheilbare


[seite 323]


01   und unzerstörliche Einheit, oder nichts als das Theilbare und Vergängliche
02   gebe; ob ich in meinen Handlungen frei, oder wie andere Wesen an
03   dem Faden der Natur und des Schicksals geleitet sei; ob es endlich eine
04   oberste Weltursache gebe, oder die Naturdinge und deren Ordnung den
05   letzten Gegenstand ausmachen, bei dem wir in allen unseren Betrachtungen
06   stehen bleiben müssen: das sind Fragen, um deren Auflösung der
07   Mathematiker gerne seine ganze Wissenschaft dahin gäbe; denn diese kann [op 492]
08   ihm doch in Ansehung der höchsten und angelegensten Zwecke der Menschheit
09   keine Befriedigung verschaffen. Selbst die eigentliche Würde der Mathematik
10   (dieses Stolzes der menschlichen Vernunft) beruht darauf, daß,
11   da sie der Vernunft die Leitung giebt, die Natur im Großen sowohl als
12   im Kleinen in ihrer Ordnung und Regelmäßigkeit, imgleichen in der bewundernswürdigen
13   Einheit der sie bewegenden Kräfte weit über alle Erwartung
14   der auf gemeine Erfahrung bauenden Philosophie einzusehen, sie
15   dadurch selbst zu dem über alle Erfahrung erweiterten Gebrauch der Vernunft
16   Anlaß und Aufmunterung giebt, imgleichen die damit beschäftigte
17   Weltweisheit mit den vortrefflichsten Materialien versorgt, ihre Nachforschung,
18   so viel deren Beschaffenheit es erlaubt, durch angemessene Anschauungen
19   zu unterstützen.


20   Unglücklicher Weise für die Speculation (vielleicht aber zum Glück
21   für die praktische Bestimmung des Menschen) sieht sich die Vernunft mitten
22   unter ihren größten Erwartungen in einem Gedränge von Gründen und
23   Gegengründen so befangen, daß, da es sowohl ihrer Ehre, als auch sogar
24   ihrer Sicherheit wegen nicht thunlich ist, sich zurück zu ziehen und diesem
25   Zwist als einem bloßen Spielgefechte gleichgültig zuzusehen, noch weniger
26   schlechthin Friede zu gebieten, weil der Gegenstand des Streits sehr interessirt,
27   ihr nichts weiter übrig bleibt, als über den Ursprung dieser Veruneinigung
28   der Vernunft mit sich selbst nachzusinnen: ob nicht etwa ein [op 493]
29   bloßer Mißverstand daran Schuld sei, nach dessen Erörterung zwar beiderseits
30   stolze Ansprüche vielleicht wegfallen, aber dafür ein dauerhaft
31   ruhiges Regiment der Vernunft über Verstand und Sinne seinen Anfang
32   nehmen würde.


33   Wir wollen für jetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aussetzen
34   und zuvor in Erwägung ziehen: auf welche Seite wir uns wohl am liebsten
35   schlagen möchten, wenn wir etwa genöthigt würden, Partei zu nehmen.
36   Da wir in diesem Falle nicht den logischen Probirstein der Wahrheit, sondern
37   bloß unser Interesse befragen, so wird eine solche Untersuchung, ob sie


[seite 324]


01   gleich in Ansehung des streitigen Rechts beider Theile nichts ausmacht, dennoch
02   den Nutzen haben, es begreiflich zu machen, warum die Theilnehmer an
03   diesem Streite sich lieber auf die eine Seite, als auf die andere geschlagen
04   haben, ohne daß eben eine vorzügliche Einsicht des Gegenstandes daran
05   Ursache gewesen, imgleichen noch andere Nebendinge zu erklären, z. B. die
06   zelotische Hitze des einen und die kalte Behauptung des andern Theils,
07   warum sie gerne der einen Partei freudigen Beifall zujauchuen und wider
08   die andere zum voraus unversöhnlich eingenommen sind.


09   Es ist aber etwas, das bei dieser vorläufigen Beurtheilung den Gesichtspunkt
10   bestimmt, aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit angestellt
11   werden kann, und dieses ist die Vergleichung der Principien, von
12   denen beide Theile ausgehen. Man bemerkt unter den Behauptungen der
13   Antithesis eine vollkommene Gleichförmigkeit der Denkungsart und völlige [op 494]
14   Einheit der Maxime, nämlich ein Principium des reinen Empirismus,
15   nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in der Welt, sondern auch in
16   Auflösung der transscendentalen Ideen vom Weltall selbst. Dagegen legen
17   die Behauptungen der Thesis außer der empirischen Erklärungsart
18   innerhalb der Reihe der Erscheinungen noch intellectuelle Anfänge zum
19   Grunde, und die Maxime ist so fern nicht einfach. Ich will sie aber von
20   ihrem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal den Dogmatism der reinen
21   Vernunft nennen.


22   Auf der Seite also des Dogmatismus in Bestimmung der kosmologischen
23   Vernunftideen oder der Thesis zeigt sich


24   Zuerst ein gewisses praktisches Interesse, woran jeder Wohlgesinnte,
25   wenn er sich auf seinen wahren Vortheil versteht, herzlich Theil
26   nimmt. Daß die Welt einen Anfang habe, daß mein denkendes Selbst einfacher
27   und daher unverweslicher Natur, daß dieses zugleich in seinen willkürlichen
28   Handlungen frei und über den Naturzwang erhoben sei, und da
29   endlich die ganze Ordnung der Dinge, welche die Welt ausmachen, von
30   einem Urwesen abstamme, von welchem alles seine Einheit und zweckmäßige
31   Verknüpfung entlehnt: das sind so viel Grundsteine der Moral und
32   Religion. Die Antithesis raubt uns alle diese Stützen, oder scheint wenigstens
33   sie uns zu rauben.


34   Zweitens äußert sich auch ein speculatives Interesse der Vernunft
35   auf dieser Seite. Denn wenn man die transscendentale Ideen auf [op 495]
36   solche Art annimmt und gebraucht, so kann man völlig a priori die ganze
37   Kette der Bedingungen fassen und die Ableitung des Bedingten begreifen,


[seite 325]


01   indem man vom Unbedingten anfängt; welches die Antithesis nicht leistet,
02   die dadurch sich sehr übel empfiehlt, daß sie auf die Frage wegen der Bedingungen
03   ihrer Synthesis keine Antwort geben kann, die nicht ohne Ende
04   immer weiter zu fragen übrig ließe. Nach ihr muß man von einem gegebenen
05   Anfange zu einem noch höheren aufsteigen, jeder Theil führt auf
06   einen noch kleineren Theil, jede Begebenheit hat immer noch eine andere
07   Begebenheit als Ursache über sich, und die Bedingungen des Daseins
08   überhaupt stützen sich immer wiederum auf andere, ohne jemals in einem
09   selbstständigen Dinge als Urwesen unbedingte Haltung und Stütze zu bekommen.


11   Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität, der
12   gewiß nicht den kleinsten Theil ihrer Empfehlung ausmacht. Der gemeine
13   Verstand findet in den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synthesis
14   nicht die mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem mehr gewohnt ist, zu den
15   Folgen abwärts zu gehen, als zu den Gründen hinaufzusteigen, und hat
16   in den Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit er nicht grübelt)
17   eine Gemächlichkeit und zugleich einen festen Punkt, um die Leitschnur
18   seiner Schritte daran zu knüpfen, da er hingegen an dem rastlosen
19   Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingung, jederzeit mit einem Fuße in [op 496]
20   der Luft, gar kein Wohlgefallen finden kann.


21   Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen
22   Ideen oder der Antithesis findet sich


23   Erstlich kein solches praktisches Interesse aus reinen Principien der
24   Vernunft, als Moral und Religion bei sich führen. Vielmehr scheint der
25   bloße Empirism beiden alle Kraft und Einfluß zu benehmen. Wenn es
26   kein von der Welt unterschiedenes Urwesen giebt, wenn die Welt ohne Anfang
27   und also auch ohne Urheber, unser Wille nicht frei und die Seele
28   von gleicher Theilbarkeit und Verweslichkeit mit der Materie ist: so verlieren
29   auch die moralischen Ideen und Grundsätze alle Gültigkeit und
30   fallen mit den transscendentalen Ideen, welche ihre theoretische Stütze
31   ausmachten.


32   Dagegen bietet aber der Empirism dem speculativen Interesse der
33   Vernunft Vortheile an, die sehr anlockend sind und diejenigen weit übertreffen,
34   die der dogmatische Lehrer der Vernunftideen versprechen mag.
35   Nach jenem ist der Verstand jederzeit auf seinem eigenthümlichen Boden,
36   nämlich dem Felde von lauter möglichen Erfahrungen, deren Gesetzen er
37   nachspüren und vermittelst derselben er seine sichere und faßliche Erkenntni


[seite 326]


01   ohne Ende erweitern kann. Hier kann und soll er den Gegenstand sowohl
02   an sich selbst, als in seinen Verhältnissen der Anschauung darstellen,
03   oder doch in Begriffen, deren Bild in gegebenen ähnlichen Anschauungen
04   klar und deutlich vorgelegt werden kann. Nicht allein daß er nicht nöthig [op 497]
05   hat, diese Kette der Naturordnung zu verlassen, um sich an Ideen zu hängen,
06   deren Gegenstände er nicht kennt, weil sie als Gedankendinge niemals
07   gegeben werden können; sondern es ist ihm nicht einmal erlaubt, sein Geschäfte
08   zu verlassen und unter dem Vorwande, es sei nunmehr zu Ende
09   gebracht, in das Gebiet der idealisirenden Vernunft und zu transscendenten
10   Begriffen überzugehen, wo er nicht weiter nöthig hat zu beobachten
11   und den Naturgesetzen gemäß zu forschen, sondern nur zu denken und zu
12   dichten, sicher, daß er nicht durch Thatsachen der Natur widerlegt werden
13   könne, weil er an ihr Zeugniß eben nicht gebunden ist, sondern sie vorbeigehen,
14   oder sie sogar selbst einem höheren Ansehen, nämlich dem der reinen
15   Vernunft, unterordnen darf.


16   Der Empirist wird es daher niemals erlauben, irgend eine Epoche
17   der Natur für die schlechthin erste anzunehmen, oder irgend eine Grenze
18   seiner Aussicht in den Umfang derselben als die äußerste anzusehen, oder
19   von den Gegenständen der Natur, die er durch Beobachtung und Mathematik
20   auflösen und in der Anschauung synthetisch bestimmen kann, (dem
21   Ausgedehnten) zu denen überzugehen, die weder Sinn, noch Einbildungskraft
22   jemals in concreto darstellen kann (dem Einfachen); noch einräumen,
23   daß man selbst in der Natur ein Vermögen, unabhängig von Gesetzen
24   der Natur zu wirken, (Freiheit) zum Grunde lege und dadurch dem
25   Verstande sein Geschäfte schmälere, an dem Leitfaden nothwendiger Regeln [op 498]
26   dem Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren; noch endlich zugeben,
27   daß man irgend wozu die Ursache außerhalb der Natur suche (Urwesen),
28   weil wir nichts weiter als diese kennen, indem sie es allein ist, welche uns
29   Gegenstände darbietet und von ihren Gesetzen unterrichten kann.


30   Zwar wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere
31   Absicht hat, als den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre
32   Bestimmung verkennenden Vernunft niederzuschlagen, welche mit Einsicht
33   und Wissen groß thut, da wo eigentlich Einsicht und Wissen aufhören,
34   und das, was man in Ansehung des praktischen Interesse gelten
35   läßt, für eine Beförderung des speculativen Interesse ausgeben will, um,


[seite 327]


01   wo es ihrer Gemächlichkeit zuträglich ist, den Faden physischer Untersuchungen
02   abzureißen und mit einem Vorgeben von Erweiterung der Erkenntni
03   ihn an transscendentale Ideen zu knüpfen, durch die man eigentlich
04   nur erkennt, daß man nichts wisse; wenn, sage ich, der Empirist
05   sich hiemit begnügte, so würde sein Grundsatz eine Maxime der Mäßigung
06   in Ansprüchen, der Bescheidenheit in Behauptungen und zugleich der
07   größtmöglichen Erweiterung unseres Verstandes durch den eigentlich uns
08   vorgesetzten Lehrer, nämlich die Erfahrung, sein. Denn in solchem Falle
09   würden uns intellectuelle Voraussetzungen und Glaube zum Behuf
10   unserer praktischen Angelegenheit nicht genommen werden; nur könnte
11   man sie nicht unter dem Titel und dem Pompe von Wissenschaft und Vernunfteinsicht [op 499]
12   auftreten lassen, weil das eigentliche speculative Wissen
13   überall keinen anderen Gegenstand als den der Erfahrung treffen kann,
14   und, wenn man ihre Grenze überschreitet, die Synthesis, welche neue und
15   von jener unabhängige Erkenntnisse versucht, kein Substratum der Anschauung
16   hat, an welchem sie ausgeübt werden könnte.


17   So aber, wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen (wie es mehrentheils
18   geschieht) selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneint,
19   was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist, so fällt er selbst
20   in den Fehler der Unbescheidenheit, der hier um desto tadelbarer ist, weil
21   dadurch dem praktischen Interesse der Vernunft ein unersetzlicher Nachtheil
22   verursacht wird.


23   Dies ist der Gegensatz des Epikureisms*) gegen den Platonism.



24   *) Es ist indessen noch die Frage, ob EpikurPI diese Grundsätze als objective
25   Behauptungen jemals vorgetragen habe. Wenn sie etwa weiter nichts als Maximen
26   des speculativen Gebrauchs der Vernunft waren, so zeigte er daran einen ächteren
27   philosophischen Geist, als irgend einer der Weltweisen des Alterthums. Daß man
28   in Erklärung der Erscheinungen so zu Werke gehen müsse, als ob das Feld der Untersuchung
29   durch keine Grenze oder Anfang der Welt abgeschnitten sei; den Stoff der
30   Welt so annehmen, wie er sein muß, wenn wir von ihm durch Erfahrung belehrt
31   werden wollen; daß keine andere Erzeugung der Begebenheiten, als wie sie durch
32   unveränderliche Naturgesetze bestimmt werden, und endlich keine von der Welt unterschiedene
33   Ursache müsse gebraucht werden: sind noch jetzt sehr richtige, aber wenig
34   beobachtete Grundsätze, die speculative Philosophie zu erweitern, so wie auch die
35   Principien der Moral unabhängig von fremden Hülfsquellen auszufinden, ohne da
36   darum derjenige, welcher verlangt, jene dogmatische Sätze, so lange als wir mit der
37   bloßen Speculation beschäftigt sind, zu ignoriren, darum beschuldigt werden darf,
38   er wolle sie leugnen.


[seite 328]

[op 500]


01   Ein jeder von beiden sagt mehr, als er weiß, doch so, daß der erstere
02   das Wissen, obzwar zum Nachtheile des Praktischen, aufmuntert und befördert,
03   der zweite zwar zum Praktischen vortreffliche Principien an die
04   Hand giebt, aber eben dadurch in Ansehung alles dessen, worin uns allein
05   ein speculatives Wissen vergönnt ist, der Vernunft erlaubt, idealischen
06   Erklärungen der Naturerscheinungen nachzuhängen und darüber die physische
07   Nachforschung zu verabsäumen.


08   Was endlich das dritte Moment, worauf bei der vorläufigen Wahl
09   zwischen beiden streitigen Theilen gesehen werden kann, anlangt: so ist
10   es überaus befremdlich, daß der Empirismus aller Popularität gänzlich
11   zuwider ist, ob man gleich glauben sollte, der gemeine Verstand werde
12   einen Entwurf begierig aufnehmen, der ihn durch nichts als Erfahrungserkenntnisse
13   und deren vernunftmäßigen Zusammenhang zu befriedigen
14   verspricht, an statt daß die transscendentale Dogmatik ihn nöthigt, zu Begriffen
15   hinaufzusteigen, welche die Einsicht und das Vernunftvermögen der [op 501]
16   im Denken geübtesten Köpfe weit übersteigen. Aber eben dieses ist sein
17   Bewegungsgrund. Denn er befindet sich alsdann in einem Zustande, in
18   welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts herausnehmen kann.
19   Wenn er wenig oder nichts davon versteht, so kann sich doch auch niemand
20   rühmen, viel mehr davon zu verstehen, und ob er gleich hierüber nicht so
21   schulgerecht als andere sprechen kann, so kann er doch darüber unendlich
22   mehr vernünfteln, weil er unter lauter Ideen herumwandelt, über die man
23   eben darum am beredtsten ist, weil man davon nichts weiß; anstatt
24   daß er über der Nachforschung der Natur ganz verstummen und seine Unwissenheit
25   gestehen müßte. Gemächlichkeit und Eitelkeit also sind schon eine
26   starke Empfehlung dieser Grundsätze. Überdem, ob es gleich einem Philosophen
27   sehr schwer wird, etwas als Grundsatz anzunehmen, ohne deshalb
28   sich selbst Rechenschaft geben zu können, oder gar Begriffe, deren objective
29   Realität nicht eingesehen werden kann, einzuführen: so ist doch dem gemeinen
30   Verstande nichts gewöhnlicher. Er will etwas haben, womit er zuversichtlich
31   anfangen könne. Die Schwierigkeit, eine solche Voraussetzung
32   selbst zu begreifen, beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm (der nicht weiß, was
33   Begreifen heißt) niemals in den Sinn kommt, und er hält das für bekannt,
34   was ihm durch öfteren Gebrauch geläufig ist. Zuletzt aber verschwindet
35   alles speculative Interesse bei ihm vor dem praktischen, und er


[seite 329]


01   bildet sich ein, das einzusehen und zu wissen, was anzunehmen oder zu [op 502]
02   glauben, ihn seine Besorgnisse oder Hoffnungen antreiben. So ist der
03   Empirismus der transscendental=idealisirenden Vernunft aller Popularität
04   gänzlich beraubt, und so viel Nachtheiliges wider die obersten praktischen
05   Grundsätze er auch enthalten mag, so ist doch gar nicht zu besorgen,
06   daß er die Grenzen der Schule jemals überschreiten und im gemeinen
07   Wesen ein nur einigermaßen beträchtliches Ansehen und einige Gunst bei
08   der großen Menge erwerben werde.


09   Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch, d. i. sie
10   betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System und
11   verstattet daher auch nur solche Principien, die eine vorhabende Erkenntni
12   wenigstens nicht unfähig machen, in irgend einem System mit anderen
13   zusammen zu stehen. Die Sätze der Antithesis sind aber von der Art,
14   daß sie die Vollendung eines Gebäudes von Erkenntnissen gänzlich unmöglich
15   machen. Nach ihnen giebt es über einen Zustand der Welt immer
16   einen noch älteren, in jedem Theile immer noch andere, wiederum theilbare,
17   vor jeder Begebenheit eine andere, die wiederum eben so wohl anderweitig
18   erzeugt war, und im Dasein überhaupt alles immer nur bedingt,
19   ohne irgend ein unbedingtes und erstes Dasein anzuerkennen. Da also
20   die Antithesis nirgend ein Erstes einräumt und keinen Anfang, der schlechthin
21   zum Grunde des Baues dienen könnte, so ist ein vollständiges Gebäude
22   der Erkenntniß bei dergleichen Voraussetzungen gänzlich unmöglich. [op 503]
23   Daher führt das architektonische Interesse der Vernunft (welches nicht empirische,
24   sondern reine Vernunfteinheit a priori fordert) eine natürliche
25   Empfehlung für die Behauptungen der Thesis bei sich.


26   Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen und die
27   Behauptungen der Vernunft, gleichgültig gegen alle Folgen, bloß nach
28   dem Gehalte ihrer Gründe in Betrachtung ziehen: so würde ein solcher,
29   gesetzt daß er keinen Ausweg wüßte, anders aus dem Gedränge zu kommen,
30   als daß er sich zu einer oder andern der streitigen Lehren bekennte, in
31   einem unaufhörlich schwankenden Zustande sein. Heute würde es ihm
32   überzeugend vorkommen, der menschliche Wille sei frei; morgen, wenn er
33   die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge, würde er dafür halten,
34   die Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung, und alles sei bloß Natur.
35   Wenn es nun aber zum Thun und Handeln käme, so würde dieses Spiel
36   der bloß speculativen Vernunft wie Schattenbilder eines Traums verschwinden,
37   und er würde seine Principien bloß nach dem praktischen Interesse


[seite 330]


01   wählen. Weil es aber doch einem nachdenkenden und forschenden Wesen
02   anständig ist, gewisse Zeiten lediglich der Prüfung seiner eigenen Vernunft
03   zu widmen, hiebei aber alle Parteilichkeit gänzlich auszuziehen und
04   so seine Bemerkungen anderen zur Beurtheilung öffentlich mitzutheilen:
05   so kann es niemanden verargt, noch weniger verwehrt werden, die Sätze [op 504]
06   und Gegensätze, so wie sie sich, durch keine Drohung geschreckt, vor Geschworenen
07   von seinem eigenen Stande (nämlich dem Stande schwacher
08   Menschen) vertheidigen können, auftreten zu lassen.


09   Der
10   Antinomie der reinen Vernunft
11   Vierter Abschnitt.
12   Von den transscendentalen Aufgaben der reinen
13   Vernunft, in so fern sie schlechterdings müssen aufgelöset
14   werden können.


15   Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen,
16   würde eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender Eigendünkel
17   sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrauen bringen müßte.
18   Gleichwohl giebt es Wissenschaften, deren Natur es so mit sich bringt, da
19   eine jede darin vorkommende Frage aus dem, was man weiß, schlechthin
20   beantwortlich sein muß, weil die Antwort aus denselben Quellen entspringen
21   muß, daraus die Frage entspringt, und wo es keinesweges erlaubt ist,
22   unvermeidliche Unwissenheit vorzuschützen, sondern die Auflösung gefordert
23   werden kann. Was in allen möglichen Fällen Recht oder Unrecht sei,
24   muß man der Regel nach wissen können, weil es unsere Verbindlichkeit
25   betrifft, und wir zu dem, was wir nicht wissen können, auch keine [op 505]
26   Verbindlichkeit haben. In der Erklärung der Erscheinungen der Natur
27   muß uns indessen vieles ungewiß und manche Frage unauflöslich bleiben,
28   weil das, was wir von der Natur wissen, zu dem, was wir erklären sollen,
29   bei weitem nicht in allen Fällen zureichend ist. Es frägt sich nun: ob in
30   der Transscendentalphilosophie irgend eine Frage, die ein der Vernunft
31   vorgelegtes Object betrifft, durch eben diese reine Vernunft unbeantwortlich
32   sei, und ob man sich ihrer entscheidenden Beantwortung dadurch mit
33   Recht entziehen könne, daß man es als schlechthin ungewiß (aus allem dem,


[seite 331]


01   was wir erkennen können) demjenigen beizählt, wovon wir zwar so viel
02   Begriff haben, um eine Frage aufzuwerfen, es uns aber gänzlich an
03   Mitteln oder am Vermögen fehlt, sie jemals zu beantworten.


04   Ich behaupte nun, daß die Transscendentalphilosophie unter allem
05   speculativen Erkenntniß dieses Eigenthümliche habe: daß gar keine Frage,
06   welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft, für eben
07   dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich sei, und daß kein Vorschützen
08   einer unvermeidlichen Unwissenheit und unergründlichen Tiefe der Aufgabe
09   von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie gründlich und vollständig
10   zu beantworten, weil eben derselbe Begriff, der uns in den Stand setzt zu
11   fragen, durchaus uns auch tüchtig machen muß, auf diese Frage zu antworten,
12   indem der Gegenstand außer dem Begriffe gar nicht angetroffen
13   wird (wie bei Recht und Unrecht).


14   Es sind aber in der Transscendentalphilosophie keine andere als nur [op 506]
15   die kosmologischen Fragen, in Ansehung deren man mit Recht eine genugthuende
16   Antwort, die die Beschaffenheit des Gegenstandes betrifft, fordern
17   kann, ohne daß dem Philosophen erlaubt ist, sich derselben dadurch zu entziehen,
18   daß er undurchdringliche Dunkelheit vorschützt; und diese Fragen
19   können nur kosmologische Ideen betreffen. Denn der Gegenstand mu
20   empirisch gegeben sein, und die Frage geht nur auf die Angemessenheit
21   desselben mit einer Idee. Ist der Gegenstand transscendental und also
22   selbst unbekannt, z. B. ob das Etwas, dessen Erscheinung (in uns selbst)
23   das Denken ist, (Seele) ein an sich einfaches Wesen sei, ob es eine Ursache
24   aller Dinge insgesammt gebe, die schlechthin nothwendig ist, u. s. w.: so
25   sollen wir zu unserer Idee einen Gegenstand suchen, von welchem wir gestehen
26   können, daß er uns unbekannt, aber deswegen doch nicht unmöglich [op 507]
27   sei.*) Die kosmologischen Ideen haben allein das Eigenthümliche an sich,



28   *) Man kann zwar auf die Frage, was ein transscendentaler Gegenstand für
29   eine Beschaffenheit habe, keine Antwort geben, nämlich was er sei, aber wohl, da
30   die Frage selbst nichts sei, darum weil kein Gegenstand derselben gegeben worden.
31   Daher sind alle Fragen der transscendentalen Seelenlehre auch beantwortlich und
32   wirklich beantwortet: denn sie betreffen das transscendentale Subject aller inneren Erscheinungen,
33   welches selbst nicht Erscheinung ist und also nicht als Gegenstand gegeben
34   ist, und worauf keine der Kategorien (auf welche doch eigentlich die Frage
35   gestellt ist) Bedingungen ihrer Anwendung antreffen. Also ist hier der Fall, da der
36   gemeine Ausdruck gilt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, nämlich daß eine
37   Frage nach der Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein bestimmtes Prädicat'


34   gedacht werden kann, weil es gänzlich außer der Sphäre der Gegenstände gesetzt
35   wird, die uns gegeben werden können, gänzlich nichtig und leer sei.


[seite 332]


01   daß sie ihren Gegenstand und die zu dessen Begriff erforderliche empirische
02   Synthesis als gegeben voraussetzen können; und die Frage, die aus ihnen
03   entspringt, betrifft nur den Fortgang dieser Synthesis, so fern er absolute
04   Totalität enthalten soll, welche letztere nichts Empirisches mehr ist, indem
05   sie in keiner Erfahrung gegeben werden kann. Da nun hier lediglich von
06   einem Dinge als Gegenstande einer möglichen Erfahrung und nicht als
07   einer Sache an sich selbst die Rede ist, so kann die Beantwortung der
08   transscendenten kosmologischen Frage außer der Idee sonst nirgend liegen,
09   denn sie betrifft keinen Gegenstand an sich selbst; und in Ansehung
10   der möglichen Erfahrung wird nicht nach demjenigen gefragt, was in
11   concreto in irgend einer Erfahrung gegeben werden kann, sondern was
12   in der Idee liegt, der sich die empirische Synthesis bloß nähern soll: also
13   muß sie aus der Idee allein aufgelöset werden können; denn diese ist ein
14   bloßes Geschöpf der Vernunft, welche also die Verantwortung nicht von
15   sich abweisen und auf den unbekannten Gegenstand schieben kann. [op 508]
16   Es ist nicht so außerordentlich, als es anfangs scheint: daß eine
17   Wissenschaft in Ansehung aller in ihren Inbegriff gehörigen Fragen
18   ( quaestiones domesticae ) lauter gewisse Auflösungen fordern und erwarten
19   könne, ob sie gleich zur Zeit noch vielleicht nicht gefunden sind. Außer
20   der Transscendentalphilosophie giebt es noch zwei reine Vernunftwissenschaften,
21   eine bloß speculativen, die andere praktischen Inhalts: reine
22   Mathematik und reine Moral. Hat man wohl jemals gehört: da
23   gleichsam wegen einer nothwendigen Unwissenheit der Bedingungen es
24   für ungewiß sei ausgegeben worden, welches Verhältniß der Durchmesser
25   zum Kreise ganz genau in Rational= oder Irrationalzahlen habe? Da es
26   durch erstere gar nicht congruent gegeben werden kann, durch die zweite
27   aber noch nicht gefunden ist, so urtheilte man, daß wenigstens die Unmöglichkeit
28   solcher Auflösung mit Gewißheit erkannt werden könne, und
29   Lambert gab einen Beweis davon. In den allgemeinen Principien der
30   Sitten kann nichts Ungewisses sein, weil die Sätze entweder ganz und gar
31   nichtig und sinnleer sind, oder bloß aus unseren Vernunftbegriffen fließen
32   müssen. Dagegen giebt es in der Naturkunde eine Unendlichkeit von Vermuthungen,
33   in Ansehung deren niemals Gewißheit erwartet werden kann,


[seite 333]


01   weil die Naturerscheinungen Gegenstände sind, die uns unabhängig von
02   unseren Begriffen gegeben werden, zu denen also der Schlüssel nicht in
03   uns und unserem reinen Denken, sondern außer uns liegt und eben darum [op 509]
04   in vielen Fällen nicht aufgefunden, mithin kein sicherer Aufschluß erwartet
05   werden kann. Ich rechne die Fragen der transscendentalen Analytik,
06   welche die Deduction unserer reinen Erkenntniß betreffen, nicht hieher,
07   weil wir jetzt nur von der Gewißheit der Urtheile in Ansehung der Gegenstände
08   und nicht in Ansehung des Ursprungs unserer Begriffe selbst handeln.


09   Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen Auflösung
10   der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen können,
11   daß wir über die engen Schranken unserer Vernunft Klagen erheben und
12   mit dem Scheine einer demuthsvollen Selbsterkenntniß bekennen, es sei
13   über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt von Ewigkeit her sei,
14   oder einen Anfang habe; ob der Weltraum ins Unendliche mit Wesen erfüllt,
15   oder innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossen sei; ob irgend in der
16   Welt etwas einfach sei, oder ob alles ins Unendliche getheilt werden müsse;
17   ob es eine Erzeugung und Hervorbringung aus Freiheit gebe, oder ob alles
18   an der Kette der Naturordnung hänge; endlich ob es irgend ein gänzlich
19   unbedingt und an sich nothwendiges Wesen gebe, oder ob alles seinem
20   Dasein nach bedingt und mithin äußerlich abhängend und an sich zufällig
21   sei. Denn alle diese Fragen betreffen einen Gegenstand, der nirgend anders
22   als in unseren Gedanken gegeben werden kann, nämlich die schlechthin
23   unbedingte Totalität der Synthesis der Erscheinungen. Wenn wir [op 510]
24   darüber aus unseren eigenen Begriffen nichts Gewisses sagen und ausmachen
25   können, so dürfen wir nicht die Schuld auf die Sache schieben, die
26   sich uns verbirgt; denn es kann uns dergleichen Sache (weil sie außer
27   unserer Idee nirgends angetroffen wird) gar nicht gegeben werden, sondern
28   wir müssen die Ursache in unserer Idee selbst suchen, welche ein Problem
29   ist, das keine Auflösung verstattet, und wovon wir doch hartnäckig annehmen,
30   als entspreche ihr ein wirklicher Gegenstand. Eine deutliche Darlegung
31   der Dialektik, die in unserem Begriffe selbst liegt, würde uns bald
32   zur völligen Gewißheit bringen von dem, was wir in Ansehung einer
33   solchen Frage zu urtheilen haben.


34   Man kann eurem Vorwande der Ungewißheit in Ansehung dieser
35   Probleme zuerst diese Frage entgegensetzen, die ihr wenigstens deutlich
36   beantworten müsset: Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung euch
37   hier in solche Schwierigkeit verwickelt? Sind es etwa Erscheinungen,


[seite 334]


01   deren Erklärung ihr bedürft, und wovon ihr zufolge dieser Ideen nur die
02   Principien, oder die Regel ihrer Exposition zu suchen habt? Nehmet an,
03   die Natur sei ganz vor euch aufgedeckt; euren Sinnen und dem Bewußtsein
04   alles dessen, was eurer Anschauung vorgelegt ist, sei nichts verborgen:
05   so werdet ihr doch durch keine einzige Erfahrung den Gegenstand eurer
06   Ideen in concreto erkennen können (denn es wird außer dieser vollständigen [op 511]
07   Anschauung noch eine vollendete Synthesis und das Bewußtsein ihrer
08   absoluten Totalität erfordert, welches durch gar kein empirisches Erkenntni
09   möglich ist); mithin kann eure Frage keinesweges zur Erklärung von
10   irgend einer vorkommenden Erscheinung nothwendig und also gleichsam
11   durch den Gegenstand selbst aufgegeben sein. Denn der Gegenstand kann
12   euch niemals vorkommen, weil er durch keine mögliche Erfahrung gegeben
13   werden kann. Ihr bleibt mit allen möglichen Wahrnehmungen immer
14   unter Bedingungen, es sei im Raume oder in der Zeit, befangen und
15   kommt an nichts Unbedingtes, um auszumachen, ob dieses Unbedingte in
16   einem absoluten Anfange der Synthesis, oder einer absoluten Totalität
17   der Reihe ohne allen Anfang zu setzen sei. Das All aber in empirischer
18   Bedeutung ist jederzeit nur comparativ. Das absolute All der Größe (das
19   Weltall), der Theilung, der Abstammung, der Bedingung des Daseins
20   überhaupt mit allen Fragen, ob es durch endliche oder ins Unendliche fortzusetzende
21   Synthesis zu Stande zu bringen sei, geht keine mögliche Erfahrung
22   etwas an. Ihr würdet z. B. die Erscheinungen eines Körpers nicht
23   im mindesten besser oder auch nur anders erklären können, ob ihr annehmet,
24   er bestehe aus einfachen, oder durchgehends immer aus zusammengesetzten
25   Theilen; denn es kann euch keine einfache Erscheinung und eben
26   so wenig auch eine unendliche Zusammensetzung jemals vorkommen. Die
27   Erscheinungen verlangen nur erklärt zu werden, so weit ihre Erklärungsbedingungen [op 512]
28   in der Wahrnehmung gegeben sind, alles aber, was jemals
29   an ihnen gegeben werden mag, in einem absoluten Ganzen zusammengenommen,
30   ist selbst keine Wahrnehmung. Dieses All aber ist es eigentlich,
31   dessen Erklärung in den transscendentalen Vernunftaufgaben gefordert wird.


32   Da also selbst die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Erfahrung
33   vorkommen kann, so könnet ihr nicht sagen, daß es ungewiß sei, was
34   hierüber dem Gegenstande beizulegen sei. Denn euer Gegenstand ist blo
35   in eurem Gehirne und kann außer demselben gar nicht gegeben werden;
36   daher ihr nur dafür zu sorgen habt, mit euch selbst einig zu werden und
37   die Amphibolie zu verhüten, die eure Idee zu einer vermeintlichen Vorstellung


[seite 335]


01   eines empirisch gegebenen und also auch nach Erfahrungsgesetzen
02   zu erkennenden Objects macht. Die dogmatische Auflösung ist also nicht
03   etwa ungewiß, sondern unmöglich. Die kritische aber, welche völlig gewi
04   sein kann, betrachtet die Frage gar nicht objectiv, sondern nach dem Fundamente
05   der Erkenntniß, worauf sie gegründet ist.

[op 513]


06   Der
07   Antinomie der reinen Vernunft
08   Fünfter Abschnitt.
09   Sceptische Vorstellung der kosmologischen Fragen durch
10   alle vier transscendentale Ideen.


11   Wir würden von der Forderung gern abstehen, unsere Fragen dogmatisch
12   beantwortet zu sehen, wenn wir schon zum voraus begriffen: die
13   Antwort möchte ausfallen, wie sie wollte, so würde sie unsere Unwissenheit
14   nur noch vermehren und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine
15   andere, aus einer Dunkelheit in eine noch größere und vielleicht gar in
16   Widersprüche stürzen. Wenn unsere Frage bloß auf Bejahung oder Verneinung
17   gestellt ist, so ist es klüglich gehandelt, die vermuthlichen Gründe
18   der Beantwortung vor der Hand dahingestellt sein zu lassen und zuvörderst
19   in Erwägung zu ziehen, was man denn gewinnen würde, wenn die Antwort
20   auf die eine, und was, wenn sie auf die Gegenseite ausfiele. Trifft
21   es sich nun, daß in beiden Fällen lauter Sinnleeres ( Nonsens ) herauskommt,
22   so haben wir eine gegründete Aufforderung, unsere Frage selbst
23   kritisch zu untersuchen und zu sehen: ob sie nicht selbst auf einer grundlosen
24   Voraussetzung beruhe und mit jener Idee spiele, die ihre Falschheit
25   besser in der Anwendung und durch ihre Folgen, als in der abgesonderten [op 514]
26   Vorstellung verräth. Das ist der große Nutzen, den die sceptische Art hat,
27   die Fragen zu behandeln, welche reine Vernunft an reine Vernunft thut,
28   und wodurch man eines großen dogmatischen Wustes mit wenig Aufwand
29   überhoben sein kann, um an dessen Statt eine nüchterne Kritik zu setzen,
30   die als ein wahres Kathartikon den Wahn zusammt seinem Gefolge, der
31   Vielwisserei, glücklich abführen wird.


32   Wenn ich demnach von einer kosmologischen Idee zum voraus einsehen
33   könnte, daß, auf welche Seite des Unbedingten der regressiven Synthesis


[seite 336]


01   der Erscheinungen sie sich auch schlüge, so würde sie doch für einen
02   jeden Verstandesbegriff entweder zu groß oder zu klein sein: so
03   würde ich begreifen, daß, da jene doch es nur mit einem Gegenstande der
04   Erfahrung zu thun hat, welcher einem möglichen Verstandesbegriffe angemessen
05   sein soll, sie ganz leer und ohne Bedeutung sein müsse, weil ihr der
06   Gegenstand nicht anpaßt, ich mag ihn derselben bequemen, wie ich will.
07   Und dieses ist wirklich der Fall mit allen Weltbegriffen, welche auch eben
08   um deswillen die Vernunft, so lange sie ihnen anhängt, in eine unvermeidliche
09   Antinomie verwickeln. Denn nehmt


10   Erstlich an, die Welt habe keinen Anfang, so ist sie für euren
11   Begriff zu groß; denn dieser, welcher in einem successiven Regressus besteht,
12   kann die ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen. Setzet, sie
13   habe einen Anfang, so ist sie wiederum für euren Verstandesbegriff in [op 515]
14   dem nothwendigen empirischen Regressus zu klein. Denn weil der Anfang
15   noch immer eine Zeit, die vorhergeht, voraussetzt, so ist er noch nicht unbedingt,
16   und das Gesetz des empirischen Gebrauchs des Verstandes legt
17   es euch auf, noch nach einer höheren Zeitbedingung zu fragen, und die
18   Welt ist also offenbar für dieses Gesetz zu klein.


19   Eben so ist es mit der doppelten Beantwortung der Frage wegen der
20   Weltgröße dem Raum nach bewandt. Denn ist sie unendlich und unbegrenzt,
21   so ist sie für allen möglichen empirischen Begriff zu groß. Ist
22   sie endlich und begrenzt, so fragt ihr mit Recht noch: was bestimmt diese
23   Grenze? Der leere Raum ist nicht ein für sich bestehendes Correlatum
24   der Dinge und kann keine Bedingung sein, bei der ihr stehen bleiben
25   könnet, noch viel weniger eine empirische Bedingung, die einen Theil einer
26   möglichen Erfahrung ausmachte. (Denn wer kann eine Erfahrung vom
27   Schlechthin=Leeren haben?). Zur absoluten Totalität aber der empirischen
28   Synthesis wird jederzeit erfordert, daß das Unbedingte ein Erfahrungsbegriff
29   sei. Also ist eine begrenzte Welt für euren Begriff zu klein.
30   Zweitens, besteht jede Erscheinung im Raume (Materie) aus unendlich
31   viel Theilen, so ist der Regressus der Theilung für euren Begriff
32   jederzeit zu groß; und soll die Theilung des Raumes irgend bei
33   einem Gliede derselben (dem Einfachen) aufhören, so ist er für die Idee [op 516]
34   des Unbedingten zu klein. Denn dieses Glied läßt noch immer einen
35   Regressus zu mehreren in ihm enthaltenen Theilen übrig.


36   Drittens, nehmet ihr an, in allem, was in der Welt geschieht, sei
37   nichts als Erfolg nach Gesetzen der Natur, so ist die Causalität der Ursache


[seite 337]


01   immer wiederum etwas, das geschieht und euren Regressus zu noch
02   höherer Ursache, mithin die Verlängerung der Reihe von Bedingungen
03   a parte priori ohne Aufhören nothwendig macht. Die bloße wirkende
04   Natur ist also für allen euren Begriff in der Synthesis der Weltbegebenheiten
05   zu groß.


06   Wählt ihr hin und wieder von selbst gewirkte Begebenheiten, mithin
07   Erzeugung aus Freiheit: so verfolgt euch das Warum nach einem
08   unvermeidlichen Naturgesetze und nöthigt euch, über diesen Punkt nach dem
09   Causalgesetze der Erfahrung hinaus zu gehen, und ihr findet, daß dergleichen
10   Totalität der Verknüpfung für euren nothwendigen empirischen
11   Begriff zu klein ist.


12   Viertens. Wenn ihr ein schlechthin nothwendiges Wesen (es
13   sei die Welt selbst, oder etwas in der Welt, oder die Weltursache) annehmt:
14   so setzt ihr es in eine von jedem gegebenen Zeitpunkt unendlich entfernte
15   Zeit, weil es sonst von einem anderen und älteren Dasein abhängend sein
16   würde. Alsdann ist aber diese Existenz für euren empirischen Begriff
17   unzugänglich und zu groß, als daß ihr jemals durch irgend einen fortgesetzten
18   Regressus dazu gelangen könntet.

[op 517]


19   Ist aber eurer Meinung nach alles, was zur Welt (es sei als bedingt
20   oder als Bedingung) gehört, zufällig: so ist jede euch gegebene Existenz
21   für euren Begriff zu klein. Denn sie nöthigt euch, euch noch immer nach
22   einer andern Existenz umzusehen, von der sie abhängig ist.


23   Wir haben in allen diesen Fällen gesagt, daß die Weltidee für den
24   empirischen Regressus, mithin jeden möglichen Verstandesbegriff entweder
25   zu groß, oder auch für denselben zu klein sei. Warum haben wir uns
26   nicht umgekehrt ausgedrückt und gesagt: daß im ersteren Falle der empirische
27   Begriff für die Idee jederzeit zu klein, im zweiten aber zu groß sei,
28   und mithin gleichsam die Schuld auf dem empirischen Regressus hafte; anstatt
29   daß wir die kosmologische Idee anklagten, daß sie im Zuviel oder
30   Zuwenig von ihrem Zwecke, nämlich der möglichen Erfahrung, abwiche?
31   Der Grund war dieser. Mögliche Erfahrung ist das, was unseren Begriffen
32   allein Realität geben kann; ohne das ist aller Begriff nur Idee,
33   ohne Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand. Daher war der
34   mögliche empirische Begriff das Richtmaß, wornach die Idee beurtheilt
35   werden mußte, ob sie bloße Idee und Gedankending sei, oder in der Welt
36   ihren Gegenstand antreffe. Denn man sagt nur von demjenigen, daß es
37   verhältnißweise auf etwas anderes zu groß oder zu klein sei, was nur um


[seite 338]


01   dieses letzteren willen angenommen wird und darnach eingerichtet sein muß. [op 518]
02   Zu dem Spielwerke der alten dialektischen Schulen gehörte auch diese
03   Frage: wenn eine Kugel nicht durch ein Loch geht, was soll man sagen:
04   ist die Kugel zu groß, oder das Loch zu klein? In diesem Falle ist es
05   gleichgültig, wie ihr euch ausdrücken wollt; denn ihr wißt nicht, welches
06   von beiden um des anderen willen da ist. Dagegen werdet ihr nicht
07   sagen: der Mann ist für sein Kleid zu lang, sondern das Kleid ist für
08   den Mann zu kurz.


09   Wir sind also wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht:
10   daß die kosmologischen Ideen und mit ihnen alle unter einander in Streit
11   gesetzte vernünftelnde Behauptungen vielleicht einen leeren und bloß eingebildeten
12   Begriff von der Art, wie uns der Gegenstand dieser Ideen gegeben
13   wird, zum Grunde liegen haben; und dieser Verdacht kann uns
14   schon auf die rechte Spur führen, das Blendwerk zu entdecken, was uns
15   so lange irre geführt hat.


16   Der
17   Antinomie der reinen Vernunft
18   Sechster Abschnitt.
19   Der transscendentale Idealism als der Schlüssel zu
20   Auflösung der kosmologischen Dialektik.


21   Wir haben in der transscendentalen Ästehtik hinreichend bewiesen:
22   daß alles, was im Raume oder der Zeit angeschauet wird, mithin alle
23   Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung nichts als Erscheinungen, [op 519]
24   d. i. bloße Vorstellungen, sind, die so, wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte
25   Wesen oder Reihen von Veränderungen, außer unseren Gedanken
26   keine an sich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff nenne ich den
27   transscendentalen Idealism*). Der Realist in transscendentaler



28   *) Ich habe ihn auch sonst bisweilen den formalen Idealism genannt, um
29   ihn von dem materialen, d. i. dem gemeinen, der die Existenz äußerer Dinge
30   selbst bezweifelt oder leugnet, zu unterscheiden. In manchen Fällen scheint es
31   rathsam zu sein, sich lieber dieser als der obgenannten Ausdrücke zu bedienen, um
32   alle Mißdeutung zu verhüten.


[seite 339]


01   Bedeutung macht aus diesen Modificationen unserer Sinnlichkeit an sich
02   subsistirende Dinge und daher bloße Vorstellungen zu Sachen an
03   sich selbst.


04   Man würde uns Unrecht thun, wenn man uns den schon längst so
05   verschrieenen empirischen Idealismus zumuthen wollte, der, indem er die
06   eigene Wirklichkeit des Raumes annimmt, das Dasein der ausgedehnten
07   Wesen in demselben leugnet, wenigstens zweifelhaft findet und zwischen
08   Traum und Wahrheit in diesem Stücke keinen genugsam erweislichen Unterschied
09   einräumt. Was die Erscheinungen des innern Sinnes in der
10   Zeit betrifft: an denen als wirklichen Dingen findet er keine Schwierigkeit;
11   ja er behauptet sogar, daß diese innere Erfahrung das wirkliche Dasein
12   ihres Objects (an sich selbst mit aller dieser Zeitbestimmung) einzig
13   und allein hinreichend beweise.

[op 520]


14   Unser transscendentaler Idealism erlaubt es dagegen: daß die Gegenstände
15   äußerer Anschauung, eben so wie sie im Raume angeschauet
16   werden, auch wirklich sind und in der Zeit alle Veränderungen, so wie sie
17   der innere Sinn vorstellt. Denn da der Raum schon eine Form derjenigen
18   Anschauung ist, die wir die äußere nennen, und ohne Gegenstände in
19   demselben es gar keine empirische Vorstellung geben würde: so können und
20   müssen wir darin ausgedehnte Wesen als wirklich annehmen; und eben so
21   ist es auch mit der Zeit. Jener Raum selber aber sammt dieser Zeit und
22   zugleich mit beiden alle Erscheinungen sind doch an sich selbst keine Dinge,
23   sondern nichts als Vorstellungen und können gar nicht außer unserem Gemüth
24   existiren; und selbst ist die innere und sinnliche Anschauung unseres
25   Gemüths (als Gegenstandes des Bewußtseins), dessen Bestimmung durch
26   die Succession verschiedener Zustände in der Zeit vorgestellt wird, auch
27   nicht das eigentliche Selbst, so wie es an sich existirt, oder das transscendentale
28   Subject, sondern nur eine Erscheinung, die der Sinnlichkeit dieses
29   uns unbekannten Wesens gegeben worden. Das Dasein dieser inneren
30   Erscheinung als eines so an sich existirenden Dinges kann nicht eingeräumt
31   werden, weil ihre Bedingung die Zeit ist, welche keine Bestimmung
32   irgend eines Dinges an sich selbst sein kann. In dem Raume aber und
33   der Zeit ist die empirische Wahrheit der Erscheinungen genugsam gesichert [op 521]
34   und von der Verwandtschaft mit dem Traume hinreichend unterschieden,
35   wenn beide nach empirischen Gesetzen in einer Erfahrung richtig und
36   durchgängig zusammenhängen.


37   Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals an sich


[seite 340]


01   selbst, sondern nur in der Erfahrung gegeben und existiren außer derselben
02   gar nicht. Daß es Einwohner im Monde geben könne, ob sie gleich kein
03   Mensch jemals wahrgenommen hat, muß allerdings eingeräumt werden,
04   aber es bedeutet nur so viel: daß wir in dem möglichen Fortschritt der Erfahrung
05   auf sie treffen könnten; denn alles ist wirklich, was mit einer
06   Wahrnehmung nach Gesetzen des empirischen Fortgangs in einem Context
07   steht. Sie sind also alsdann wirklich, wenn sie mit meinem wirklichen
08   Bewußtsein in einem empirischen Zusammenhange stehen, ob sie gleich
09   darum nicht an sich, d. i. außer diesem Fortschritt der Erfahrung, wirklich
10   sind.


11   Uns ist wirklich nichts gegeben, als die Wahrnehmung und der empirische
12   Fortschritt von dieser zu andern möglichen Wahrnehmungen.
13   Denn an sich selbst sind die Erscheinungen als bloße Vorstellungen nur
14   in der Wahrnehmung wirklich, die in der That nichts andres ist, als die
15   Wirklichkeit einer empirischen Vorstellung, d. i. Erscheinung. Vor der
16   Wahrnehmung eine Erscheinung ein wirkliches Ding nennen, bedeutet
17   entweder, daß wir im Fortgange der Erfahrung auf eine solche Wahrnehmung
18   treffen müssen, oder es hat gar keine Bedeutung. Denn daß sie
19   an sich selbst, ohne Beziehung auf unsere Sinne und mögliche Erfahrung [op 522]
20   existire, könnte allerdings gesagt werden, wenn von einem Dinge an sich
21   selbst die Rede wäre. Es ist aber bloß von einer Erscheinung im Raume
22   und der Zeit, die beides keine Bestimmungen der Dinge an sich selbst, sondern
23   nur unserer Sinnlichkeit sind, die Rede; daher das, was in ihnen ist
24   (Erscheinungen), nicht an sich Etwas, sondern bloße Vorstellungen sind,
25   die, wenn sie nicht in uns (in der Wahrnehmung) gegeben sind, überall
26   nirgend angetroffen werden.


27   Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine Receptivität,
28   auf gewisse Weise mit Vorstellungen afficirt zu werden, deren Verhältni
29   zu einander eine reine Anschauung des Raumes und der Zeit ist
30   (lauter Formen unserer Sinnlichkeit), und welche, so fern sie in diesem
31   Verhältnisse (dem Raume und der Zeit) nach Gesetzen der Einheit der Erfahrung
32   verknüpft und bestimmbar sind, Gegenstände heißen. Die
33   nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns gänzlich unbekannt, und
34   diese können wir daher nicht als Object anschauen; denn dergleichen Gegenstand
35   würde weder im Raume, noch der Zeit (als bloßen Bedingungen der
36   sinnlichen Vorstellung) vorgestellt werden müssen, ohne welche Bedingungen
37   wir uns gar keine Anschauung denken können. Indessen können wir die


[seite 341]


01   bloß intelligibele Ursache der Erscheinungen überhaupt das transscendentale
02   Object nennen, bloß damit wir etwas haben, was der Sinnlichkeit
03   als einer Receptivität correspondirt. Diesem transscendentalen Object [op 523]
04   können wir allen Umfang und Zusammenhang unserer möglichen Wahrnehmungen
05   zuschreiben und sagen: daß es vor aller Erfahrung an sich
06   selbst gegeben sei. Die Erscheinungen aber sind ihm gemäß nicht an sich,
07   sondern nur in dieser Erfahrung gegeben, weil sie bloße Vorstellungen
08   sind, die nur als Wahrnehmungen einen wirklichen Gegenstand bedeuten,
09   wenn nämlich diese Wahrnehmung mit allen andern nach den Regeln der
10   Erfahrungseinheit zusammenhängt. So kann man sagen: die wirklichen
11   Dinge der vergangenen Zeit sind in dem transscendentalen Gegenstande
12   der Erfahrung gegeben; sie sind aber für mich nur Gegenstände und in der
13   vergangenen Zeit wirklich, so fern als ich mir vorstelle, daß eine regressive
14   Reihe möglicher Wahrnehmungen (es sei am Leitfaden der Geschichte,
15   oder an den Fußstapfen der Ursachen und Wirkungen) nach empirischen
16   Gesetzen, mit einem Worte der Weltlauf auf eine verflossene Zeitreihe als
17   Bedingung der gegenwärtigen Zeit führt, welche alsdann doch nur in dem
18   Zusammenhange einer möglichen Erfahrung und nicht an sich selbst als
19   wirklich vorgestellt wird, so daß alle von undenklicher Zeit her vor meinem
20   Dasein verflossene Begebenheiten doch nichts andres bedeuten, als die
21   Möglichkeit der Verlängerung der Kette der Erfahrung von der gegenwärtigen
22   Wahrnehmung an aufwärts zu den Bedingungen, welche diese
23   der Zeit nach bestimmen.


24   Wenn ich mir demnach alle existirende Gegenstände der Sinne in aller
25   Zeit und allen Räumen insgesammt vorstelle: so setze ich solche nicht vor [op 524]
26   der Erfahrung in beide hinein, sondern diese Vorstellung ist nichts andres,
27   als der Gedanke von einer möglichen Erfahrung in ihrer absoluten Vollständigkeit.
28   In ihr allein sind jene Gegenstände (welche nichts als bloße
29   Vorstellungen sind) gegeben. Daß man aber sagt, sie existiren vor aller
30   meiner Erfahrung, bedeutet nur, daß sie in dem Theile der Erfahrung,
31   zu welchem ich, von der Wahrnehmung anhebend, allererst fortschreiten
32   muß, anzutreffen sind. Die Ursache der empirischen Bedingungen dieses
33   Fortschritts, mithin auf welche Glieder oder auch, wie weit ich auf dergleichen
34   im Regressus treffen könne, ist transscendental und mir daher nothwendig
35   unbekannt. Aber um diese ist es auch nicht zu thun, sondern nur
36   um die Regel des Fortschritts der Erfahrung, in der mir die Gegenstände,
37   nämlich Erscheinungen, gegeben werden. Es ist auch im Ausgange ganz


[seite 342]


01   einerlei: ob ich sage, ich könne im empirischen Fortgange im Raume auf
02   Sterne treffen, die hundertmal weiter entfernt sind, als die äußersten, die
03   ich sehe; oder ob ich sage, es sind vielleicht deren im Weltraume anzutreffen,
04   wenn sie gleich niemals ein Mensch wahrgenommen hat oder wahrnehmen
05   wird; denn wenn sie gleich als Dinge an sich selbst, ohne Beziehung auf
06   mögliche Erfahrung überhaupt, gegeben wären, so sind sie doch für mich
07   nichts, mithin keine Gegenstände, als sofern sie in der Reihe des empirischen
08   Regressus enthalten sind. Nur in anderweitiger Beziehung, wenn [op 525]
09   eben diese Erscheinungen zur kosmologischen Idee von einem absoluten
10   Ganzen gebraucht werden sollen, und wenn es also um eine Frage zu thun
11   ist, die über die Grenzen möglicher Erfahrung hinausgeht, ist die Unterscheidung
12   der Art, wie man die Wirklichkeit gedachter Gegenstände der
13   Sinne nimmt, von Erheblichkeit, um einem trüglichen Wahne vorzubeugen,
14   welcher aus der Mißdeutung unserer eigenen Erfahrungsbegriffe unvermeidlich
15   entspringen muß.


16   Der
17   Antinomie der reinen Vernunft
18   Siebenter Abschnitt.
19   Kritische Entscheidung des kosmologischen Streits der
20   Vernunft mit sich selbst.


21   Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialektischen
22   Argumente: Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze
23   Reihe aller Bedingungen desselben gegeben; nun sind uns Gegenstände
24   der Sinne als bedingt gegeben; folglich etc. Durch diesen Vernunftschluß,
25   dessen Obersatz so natürlich und einleuchtend scheint, werden nun nach
26   Verschiedenheit der Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen), so
27   fern sie eine Reihe ausmachen, eben so viel kosmologische Ideen eingeführt,
28   welche die absolute Totalität dieser Reihen postuliren und eben dadurch
29   die Vernunft unvermeidlich in Widerstreit mit sich selbst versetzen.
30   Ehe wir aber das Trügliche dieses vernünftelnden Arguments aufdecken, [op 526]
31   müssen wir uns durch Berichtigung und Bestimmung gewisser darin vorkommenden
32   Begriffe dazu in Stand setzen.


33   Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweifelt gewiß: daß, wenn
34   das Bedingte gegeben ist, uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe


[seite 343]


01   aller Bedingungen zu demselben aufgegeben sei; denn dieses bringt schon
02   der Begriff des Bedingten so mit sich, daß dadurch etwas auf eine Bedingung
03   und, wenn diese wiederum bedingt ist, auf eine entferntere Bedingung
04   und so durch alle Glieder der Reihe bezogen wird. Dieser Satz ist also
05   analytisch und erhebt sich über alle Furcht vor einer transscendentalen
06   Kritik. Er ist ein logisches Postulat der Vernunft: diejenige Verknüpfung
07   eines Begriffs mit seinen Bedingungen durch den Verstand zu verfolgen
08   und so weit als möglich fortzusetzen, die schon dem Begriffe selbst
09   anhängt.


10   Ferner: wenn das Bedingte so wohl, als seine Bedingung, Dinge
11   an sich selbst sind, so ist, wenn das Erstere gegeben worden, nicht bloß der
12   Regressus zu dem Zweiten aufgegeben, sondern dieses ist dadurch wirklich
13   schon mit gegeben, und, weil dieses von allen Gliedern der Reihe
14   gilt, so ist die vollständige Reihe der Bedingungen, mithin auch das Unbedingte
15   dadurch zugleich gegeben, oder vielmehr vorausgesetzt, daß das
16   Bedingte, welches nur durch jene Reihe möglich war, gegeben ist. Hier
17   ist die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine Synthesis
18   des bloßen Verstandes, welcher die Dinge vorstellt, wie sie sind, ohne [op 527]
19   darauf zu achten, ob und wie wir zur Kenntniß derselben gelangen können.
20   Dagegen wenn ich es mit Erscheinungen zu thun habe, die als bloße Vorstellungen
21   gar nicht gegeben sind, wenn ich nicht zu ihrer Kenntniß (d. i.
22   zu ihnen selbst, denn sie sind nichts als empirische Kenntnisse) gelange,
23   so kann ich nicht in eben der Bedeutung sagen: wenn das Bedingte gegeben
24   ist, so sind auch alle Bedingungen (als Erscheinungen) zu demselben
25   gegeben, und kann mithin auf die absolute Totalität der Reihe derselben
26   keinesweges schließen. Denn die Erscheinungen sind in der Apprehension
27   selber nichts anders als eine empirische Synthesis (im Raume und
28   der Zeit) und sind also nur in dieser gegeben. Nun folgt es gar nicht,
29   daß, wenn das Bedingte (in der Erscheinung) gegeben ist, auch die Synthesis,
30   die seine empirische Bedingung ausmacht, dadurch mitgegeben und
31   vorausgesetzt sei, sondern diese findet allererst im Regressus und niemals
32   ohne denselben statt. Aber das kann man wohl in einem solchen Falle
33   sagen, daß ein Regressus zu den Bedingungen, d. i. eine fortgesetzte
34   empirische Synthesis, auf dieser Seite geboten oder aufgegeben sei, und
35   daß es nicht an Bedingungen fehlen könne, die durch diesen Regressus gegeben
36   werden.


37   Hieraus erhellt, daß der Obersatz des kosmologischen Vernunftschlusses


[seite 344]


01   das Bedingte in transscendentaler Bedeutung einer reinen Kategorie,
02   der Untersatz aber in empirischer Bedeutung eines auf bloße Erscheinungen
03   angewandten Verstandesbegriffs nehme, folglich derjenige [op 528]
04   dialektische Betrug darin angetroffen werde, den man Sophisma figurae
05   dictionis nennt. Dieser Betrug ist aber nicht erkünstelt, sondern eine
06   ganz natürliche Täuschung der gemeinen Vernunft. Denn durch dieselbe
07   setzen wir (im Obersatze) die Bedingungen und ihre Reihe gleichsam unbesehen
08   voraus, wenn etwas als bedingt gegeben ist, weil dieses nichts
09   andres, als die logische Forderung ist, vollständige Prämissen zu einem
10   gegebenen Schlußsatze anzunehmen; und da ist in der Verknüpfung des
11   Bedingten mit seiner Bedingung keine Zeitordnung anzutreffen: sie
12   werden an sich als zugleich gegeben vorausgesetzt. Ferner ist es eben
13   so natürlich (im Untersatze), Erscheinungen als Dinge an sich und eben
14   sowohl dem bloßen Verstande gegebene Gegenstände anzusehen, wie es
15   im Obersatze geschah, da ich von allen Bedingungen der Anschauung, unter
16   denen allein Gegenstände gegeben werden können, abstrahirte. Nun
17   hatten wir aber hiebei einen merkwürdigen Unterschied zwischen den Begriffen
18   übersehen. Die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung
19   und die ganze Reihe der letzteren (im Obersatze) führte gar nichts von Einschränkung
20   durch die Zeit und keinen Begriff der Succession bei sich. Dagegen
21   ist die empirische Synthesis und die Reihe der Bedingungen in
22   der Erscheinung (die im Untersatze subsumirt wird) nothwendig successiv
23   und nur in der Zeit nach einander gegeben; folglich konnte ich die absolute
24   Totalität der Synthesis und der dadurch vorgestellten Reihe hier [op 529]
25   nicht eben so wohl, als dort voraussetzen, weil dort alle Glieder der Reihe
26   an sich (ohne Zeitbedingung) gegeben sind, hier aber nur durch den successiven
27   Regressus möglich sind, der nur dadurch gegeben ist, daß man
28   ihn wirklich vollführt.


29   Nach der Überweisung eines solchen Fehltritts des gemeinschaftlich
30   zum Grunde (der kosmologischen Behauptungen) gelegten Arguments
31   können beide streitende Theile mit Recht als solche, die ihre Forderung
32   auf keinen gründlichen Titel gründen, abgewiesen werden. Dadurch aber
33   ist ihr Zwist noch nicht in so fern geendigt, daß sie überführt worden
34   wären, sie oder einer von beiden hätte in der Sache selbst, die er behauptet,
35   (im Schlußsatze) Unrecht, wenn er sie gleich nicht auf tüchtige Beweisgründe
36   zu bauen wußte. Es scheint doch nichts klärer, als daß von zweien,
37   deren der eine behauptet: die Welt hat einen Anfang, der andere: die


[seite 345]


01   Welt hat keinen Anfang, sondern sie ist von Ewigkeit her, doch einer Recht
02   haben müsse. Ist aber dieses, so ist es, weil die Klarheit auf beiden Seiten
03   gleich ist, doch unmöglich, jemals auszumitteln, auf welcher Seite das
04   Recht sei; und der Streit dauert nach wie vor, wenn die Parteien gleich
05   bei dem Gerichtshofe der Vernunft zur Ruhe verwiesen worden. Es bleibt
06   also kein Mittel übrig, den Streit gründlich und zur Zufriedenheit beider
07   Theile zu endigen, als daß, da sie einander doch so schön widerlegen können,
08   sie endlich überführt werden, daß sie um Nichts streiten, und ein gewisser [op 530]
09   transscendentaler Schein ihnen da eine Wirklichkeit vorgemalt habe, wo
10   keine anzutreffen ist. Diesen Weg der Beilegung eines nicht abzuurtheilenden
11   Streits wollen wir jetzt einschlagen.


12   Der eleatische Zeno, ein subtiler Dialektiker, ist schon vom PlatoPI
13   als ein muthwilliger Sophist darüber sehr getadelt worden, daß er, um
14   seine Kunst zu zeigen, einerlei Satz durch scheinbare Argumente zu beweisen
15   und bald darauf durch andere, ebenso starke, wieder umzustürzen suchte.
16   Er behauptete, Gott (vermuthlich war es bei ihm nichts als die Welt) sei
17   weder endlich noch unendlich, er sei weder in Bewegung noch in Ruhe, sei
18   keinem andern Dinge weder ähnlich noch unähnlich. Es schien denen, die
19   ihn hierüber beurtheilten, er habe zwei einander widersprechende Sätze
20   gänzlich ableugnen wollen, welches ungereimt ist. Allein ich finde nicht,
21   daß ihm dieses mit Recht zur Last gelegt werden könne. Den ersteren
22   dieser Sätze werde ich bald näher beleuchten. Was die übrigen betrifft,
23   wenn er unter dem Worte: Gott das Universum verstand, so mußte er
24   allerdings sagen: daß dieses weder in seinem Orte beharrlich gegenwärtig
25   (in Ruhe) sei, noch denselben verändere (sich bewege), weil alle Örter nur
26   im Univers, dieses selbst also in keinem Orte ist. Wenn das Weltall
27   alles, was existirt, in sich faßt, so ist es auch so fern keinem andern
28   Dinge weder ähnlich noch unähnlich, weil es außer ihm kein anderes [op 531]
29   Ding giebt, mit dem es könnte verglichen werden. Wenn zwei einander
30   entgegengesetzte Urtheile eine unstatthafte Bedingung voraussetzen, so
31   fallen sie unerachtet ihres Widerstreits (der gleichwohl kein eigentlicher
32   Widerspruch ist) alle beide weg, weil die Bedingung wegfällt, unter der
33   allein jeder dieser Sätze gelten sollte.


[seite 346]


01   Wenn jemand sagte, ein jeder Körper riecht entweder gut, oder er
02   riecht nicht gut, so findet ein Drittes statt, nämlich daß er gar nicht rieche
03   (ausdufte), und so können beide widerstreitende Sätze falsch sein. Sage
04   ich, er ist entweder wohlriechend, oder er ist nicht wohlriechend ( vel suaveolens
05   vel non suaveolens ): so sind beide Urtheile einander contradictorisch
06   entgegengesetzt, und nur der erste ist falsch, sein contradictorisches Gegentheil
07   aber, nämlich einige Körper sind nicht wohlriechend, befaßt auch die
08   Körper in sich, die gar nicht riechen. In der vorigen Entgegenstellung
09   ( per disparata ) blieb die zufällige Bedingung des Begriffs der Körper
10   (der Geruch) noch bei dem widerstreitenden Urtheile und wurde durch
11   dieses also nicht mit aufgehoben, daher war das letztere nicht das contradictorische
12   Gegentheil des ersteren.


13   Sage ich demnach: die Welt ist dem Raume nach entweder unendlich,
14   oder sie ist nicht unendlich ( non est infinitus ), so muß, wenn der erstere
15   Satz falsch ist, sein contradictorisches Gegentheil: die Welt ist nicht unendlich,
16   wahr sein. Dadurch würde ich nur eine unendliche Welt aufheben, [op 532]
17   ohne eine andere, nämlich die endliche, zu setzen. Hieße es aber: die Welt
18   ist entweder unendlich, oder endlich (nichtunendlich), so könnten beide
19   falsch sein. Denn ich sehe alsdann die Welt als an sich selbst ihrer Größe
20   nach bestimmt an, indem ich in dem Gegensatz nicht bloß die Unendlichkeit
21   aufhebe und mit ihr vielleicht ihre ganze abgesonderte Existenz, sondern
22   eine Bestimmung zur Welt als einem an sich selbst wirklichen Dinge hinzusetze,
23   welches eben so wohl falsch sein kann, wenn nämlich die Welt gar
24   nicht als ein Ding an sich, mithin auch nicht ihrer Größe nach weder
25   als unendlich, noch als endlich gegeben sein sollte. Man erlaube mir, da
26   ich dergleichen Entgegensetzung die dialektische, die des Widerspruchs
27   aber die analytische Opposition nennen darf. Also können von zwei
28   dialektisch einander entgegengesetzten Urtheilen alle beide falsch sein, darum
29   weil eines dem andern nicht bloß widerspricht, sondern etwas mehr sagt,
30   als zum Widerspruche erforderlich ist.


31   Wenn man die zwei Sätze: die Welt ist der Größe nach unendlich,
32   die Welt ist ihrer Größe nach endlich, als einander contradictorisch entgegengesetzte
33   ansieht, so nimmt man an, daß die Welt (die ganze Reihe
34   der Erscheinungen) ein Ding an sich selbst sei. Denn sie bleibt, ich mag
35   den unendlichen oder endlichen Regressus in der Reihe ihrer Erscheinungen
36   aufheben. Nehme ich aber diese Voraussetzung oder diesen transscendentalen
37   Schein weg und leugne, daß sie ein Ding an sich selbst sei, so verwandelt


[seite 347]

[op 533]
01   sich der contradictorische Widerstreit beider Behauptungen in
02   einen bloß dialektischen; und weil die Welt gar nicht an sich (unabhängig
03   von der regressiven Reihe meiner Vorstellungen) existirt, so existirt sie
04   weder als ein an sich unendliches, noch als ein an sich endliches
05   Ganzes. Sie ist nur im empirischen Regressus der Reihe der Erscheinungen
06   und für sich selbst gar nicht anzutreffen. Daher wenn diese jederzeit
07   bedingt ist, so ist sie niemals ganz gegeben, und die Welt ist also kein
08   unbedingtes Ganzes, existirt also auch nicht als ein solches, weder mit unendlicher,
09   noch endlicher Größe.


10   Was hier von der ersten kosmologischen Idee, nämlich der absoluten
11   Totalität der Größe in der Erscheinung, gesagt worden, gilt auch von
12   allen übrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven
13   Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung als einem eigenen,
14   vor allem Regressus gegebenen Dinge anzutreffen. Daher werde ich auch
15   sagen müssen: die Menge der Theile in einer gegebenen Erscheinung ist
16   an sich weder endlich, noch unendlich, weil Erscheinung nichts an sich selbst
17   Existirendes ist, und die Theile allererst durch den Regressus der decomponirenden
18   Synthesis und in demselben gegeben werden, welcher Regressus
19   niemals schlechthin ganz, weder als endlich, noch als unendlich, gegeben
20   ist. Eben das gilt von der Reihe der über einander geordneten Ursachen, [op 534]
21   oder der bedingten bis zur unbedingt nothwendigen Existenz, welche niemals
22   weder an sich ihrer Totalität nach als endlich, noch als unendlich
23   angesehen werden kann, weil sie als Reihe subordinirter Vorstellungen
24   nur im dynamischen Regressus besteht, vor demselben aber und als für
25   sich bestehende Reihe von Dingen an sich selbst gar nicht existiren kann.


26   So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kosmologischen
27   Ideen gehoben, dadurch daß gezeigt wird, sie sei bloß dialektisch
28   und ein Widerstreit eines Scheins, der daher entspringt, daß man die
29   Idee der absoluten Totalität, welche nur als eine Bedingung der Dinge
30   an sich selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt hat, die nur in der Vorstellung
31   und, wenn sie eine Reihe ausmachen, im successiven Regressus,
32   sonst aber gar nicht existiren. Man kann aber auch umgekehrt aus dieser
33   Antinomie einen wahren, zwar nicht dogmatischen, aber doch kritischen
34   und doctrinalen Nutzen ziehen: nämlich die transscendentale Idealität
35   der Erscheinungen dadurch indirect zu beweisen, wenn jemand etwa an


[seite 348]


01   dem directen Beweise in der transscendentalen Ästhetik nicht genug hätte.
02   Der Beweis würde in diesem Dilemma bestehen. Wenn die Welt ein an
03   sich existirendes Ganzes ist, so ist sie entweder endlich, oder unendlich.
04   Nun ist das erstere sowohl als das zweite falsch (laut der oben angeführten
05   Beweise der Antithesis einer= und der Thesis andererseits). Also ist es [op 535]
06   auch falsch, daß die Welt (der Inbegriff aller Erscheinungen) ein an sich
07   existirendes Ganzes sei. Woraus denn folgt, daß Erscheinungen überhaupt
08   außer unseren Vorstellungen nichts sind, welches wir eben durch die transscendentale
09   Idealität derselben sagen wollten.


10   Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, daß die
11   obigen Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke, sondern gründlich
12   waren, unter der Voraussetzung nämlich, daß Erscheinungen oder eine
13   Sinnenwelt, die sie insgesammt in sich begreift, Dinge an sich selbst wären.
14   Der Widerstreit der daraus gezogenen Sätze entdeckt aber, daß in der
15   Voraussetzung eine Falschheit liege, und bringt uns dadurch zu einer
16   Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge als Gegenstände der
17   Sinne. Die transscendentale Dialektik thut also keinesweges dem Scepticism
18   einigen Vorschub, wohl aber der sceptischen Methode, welche an ihr
19   ein Beispiel ihres großen Nutzens aufweisen kann, wenn man die Argumente
20   der Vernunft in ihrer größten Freiheit gegen einander auftreten
21   läßt, die, ob sie gleich zuletzt nicht dasjenige, was man suchte, dennoch
22   jederzeit etwas Nützliches und zur Berichtigung unserer Urtheile Dienliches
23   liefern werden.

[op 536]


24   Der
25   Antinomie der reinen Vernunft
26   Achter Abschnitt.
27   Regulatives Princip der reinen Vernunft in Ansehung
28   der kosmologischen Ideen.


29   Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maximum
30   der Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt als einem Dinge an
31   sich selbst gegeben wird, sondern bloß im Regressus derselben aufgegeben
32   werden kann: so behält der gedachte Grundsatz der reinen Vernunft
33   in seiner dergestalt berichtigten Bedeutung annoch seine gute Gültigkeit,
34   zwar nicht als Axiom, die Totalität im Object als wirklich zu denken,


[seite 349]


01   sondern als ein Problem für den Verstand, also für das Subject, um
02   der Vollständigkeit in der Idee gemäß den Regressus in der Reihe der
03   Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten anzustellen und fortzusetzen.
04   Denn in der Sinnlichkeit, d. i. im Raume und der Zeit, ist jede Bedingung,
05   zu der wir in der Exposition gegebener Erscheinungen gelangen
06   können, wiederum bedingt: weil diese keine Gegenstände an sich selbst sind,
07   an denen allenfalls das Schlechthin=Unbedingte stattfinden könnte, sondern
08   bloß empirische Vorstellungen, die jederzeit in der Anschauung ihre Bedingung
09   finden müssen, welche sie dem Raume oder der Zeit nach bestimmt.
10   Der Grundsatz der Vernunft also ist eigentlich nur eine Regel, welche [op 537]
11   in der Reihe der Bedingungen gegebener Erscheinungen einen Regressus
12   gebietet, dem es niemals erlaubt ist, bei einem Schlechthin=Unbedingten
13   stehen zu bleiben. Er ist also kein Principium der Möglichkeit der Erfahrung
14   und der empirischen Erkenntniß der Gegenstände der Sinne, mithin
15   kein Grundsatz des Verstandes, denn jede Erfahrung ist in ihren Grenzen
16   (der gegebenen Anschauung gemäß) eingeschlossen; auch kein constitutives
17   Princip der Vernunft, den Begriff der Sinnenwelt über alle mögliche
18   Erfahrung zu erweitern: sondern ein Grundsatz der größtmöglichen
19   Fortsetzung und Erweiterung der Erfahrung, nach welchem keine empirische
20   Grenze für absolute Grenze gelten muß, also ein Principium der
21   Vernunft, welches als Regel postulirt, was von uns im Regressus
22   geschehen soll, und nicht anticipirt, was im Objecte vor allem Regressus
23   an sich gegeben ist. Daher nenne ich es ein regulatives Princip
24   der Vernunft, da hingegen der Grundsatz der absoluten Totalität der
25   Reihe der Bedingungen, als im Objecte (den Erscheinungen) an sich selbst
26   gegeben, ein constitutives kosmologisches Princip sein würde, dessen Nichtigkeit
27   ich eben durch diese Unterscheidung habe anzeigen und dadurch verhindern
28   wollen, daß man nicht, wie sonst unvermeidlich geschieht (durch
29   transscendentale Subreption), einer Idee, welche bloß zur Regel dient,
30   objective Realität beimesse.


31   Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu bestimmen, [op 538]
32   so ist zuvörderst zu bemerken, daß sie nicht sagen könne, was
33   das Object sei, sondern wie der empirische Regressus anzustellen
34   sei, um zu dem vollständigen Begriffe des Objects zu gelangen.
35   Denn fände das erstere statt, so würde sie ein constitutives Principium
36   sein, dergleichen aus reiner Vernunft niemals möglich ist. Man kann
37   also damit keinesweges die Absicht haben zu sagen, die Reihe der Bedingungen


[seite 350]


01   zu einem gegebenen Bedingten sei an sich endlich oder unendlich;
02   denn dadurch würde eine bloße Idee der absoluten Totalität, die lediglich
03   in ihr selbst geschaffen ist, einen Gegenstand denken, der in keiner Erfahrung
04   gegeben werden kann, indem einer Reihe von Erscheinungen eine
05   von der empirischen Synthesis unabhängige objective Realität ertheilt
06   würde. Die Vernunftidee wird also nur der regressiven Synthesis in der
07   Reihe der Bedingungen eine Regel vorschreiben, nach welcher sie vom Bedingten
08   vermittelst aller einander untergeordneten Bedingungen zum Unbedingten
09   fortgeht, obgleich dieses niemals erreicht wird. Denn das
10   Schlechthin=Unbedingte wird in der Erfahrung gar nicht angetroffen.


11   Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, so fern
12   sie niemals vollständig ist, genau zu bestimmen. Man bedient sich in dieser
13   Absicht gewöhnlich zweier Ausdrücke, die darin etwas unterscheiden sollen,
14   ohne daß man doch den Grund dieser Unterscheidung recht anzugeben weiß.
15   Die Mathematiker sprechen lediglich von einem progressus in infinitum . [op 539]
16   Die Forscher der Begriffe (Philosophen) wollen an dessen statt nur den
17   Ausdruck von einem progressus in indefinitum gelten lassen. Ohne mich
18   bei der Prüfung der Bedenklichkeit, die diesen eine solche Unterscheidung
19   angerathen hat, und dem guten oder fruchtlosen Gebrauch derselben aufzuhalten,
20   will ich diese Begriffe in Beziehung auf meine Absicht genau
21   zu bestimmen suchen.


22   Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie könne ins
23   Unendliche verlängert werden, und hier würde die Unterscheidung des unendlichen
24   und des unbestimmbar weiten Fortgangs ( progressus in indefinitum )
25   eine leere Subtilität sein. Denn obgleich, wenn es heißt: ziehet
26   eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man hinzu setzt in indefinitum ,
27   als wenn es heißt in infinitum , weil das erstere nicht mehr bedeutet
28   als: verlängert sie, so weit ihr wollet, das zweite aber: ihr sollt niemals
29   aufhören sie zu verlängern (welches hiebei eben nicht die Absicht ist):
30   so ist doch, wenn nur vom Können die Rede ist, der erstere Ausdruck ganz
31   richtig; denn ihr könnt sie ins Unendliche immer größer machen. Und so
32   verhält es sich auch in allen Fällen, wo man nur vom Progressus, d. i.
33   dem Fortgange von der Bedingung zum Bedingten, spricht; dieser mögliche
34   Fortgang geht in der Reihe der Erscheinungen ins Unendliche. Von
35   einem Elternpaar könnt ihr in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende [op 540]
36   fortgehen und euch auch ganz wohl denken, daß sie wirklich in der Welt
37   so fortgehe. Denn hier Bedarf die Vernunft niemals absolute Totalität


[seite 351]


01   der Reihe, weil sie solche nicht als Bedingung und wie gegeben ( datum )
02   vorausgesetzt, sondern nur als was Bedingtes, das nur angeblich ( dabile )
03   ist und ohne Ende hinzugesetzt wird.


04   Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt: wie weit sich der Regressus,
05   der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer
06   Reihe aufsteigt, erstrecke; ob ich sagen könne: er sei ein Rückgang ins Unendliche,
07   oder nur ein unbestimmbar weit ( in indefinitum ) sich erstreckender
08   Rückgang; und ob ich also von den jetztlebenden Menschen in
09   der Reihe ihrer Voreltern ins Unendliche aufwärts steigen könne, oder ob
10   nur gesagt werden könne: daß, so weit ich auch zurückgegangen bin, niemals
11   ein empirischer Grund angetroffen werde, die Reihe irgendwo für
12   begrenzt zu halten, so daß ich berechtigt und zugleich verbunden bin, zu
13   jedem der Urväter noch fernerhin seinen Vorfahren aufzusuchen, obgleich
14   eben nicht vorauszusetzen.


15   Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung
16   gegeben worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Bedingungen
17   ins Unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, von
18   welchem der Regressus zur absoluten Totalität allererst fortgehen soll: so [op 541]
19   findet nur ein Rückgang in unbestimmte Weite ( in indefinitum ) statt. So
20   muß von der Theilung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen Materie
21   (eines Körpers) gesagt werden: sie gehe ins Unendliche. Denn diese
22   Materie ist ganz, folglich mit allen ihren möglichen Theilen in der empirischen
23   Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen sein
24   Theil und die Bedingung dieses Theils der Theil vom Theile u. s. w. ist,
25   und in diesem Regressus der Decomposition niemals ein unbedingtes
26   (untheilbares) Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird, so
27   ist nicht allein nirgend ein empirischer Grund, in der Theilung aufzuhören,
28   sondern die ferneren Glieder der fortzusetzenden Theilung sind selbst
29   vor dieser weitergehenden Theilung empirisch gegeben, d. i. die Theilung
30   geht ins Unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern zu einem gegebenen
31   Menschen in keiner möglichen Erfahrung in ihrer absoluten Totalität
32   gegeben; der Regressus aber geht doch von jedem Gliede dieser Zeugung
33   zu einem höheren, so daß keine empirische Grenze anzutreffen ist,
34   die ein Glied als schlechthin unbedingt darstellte. Da aber gleichwohl
35   auch die Glieder, die hiezu die Bedingung abgeben könnten, nicht in der
36   empirischen Anschauung des ganzen schon vor dem Regressus liegen: so
37   geht dieser nicht ins Unendliche (der Theilung des Gegebenen), sondern in


[seite 352]


01   unbestimmbare Weite der Aufsuchung mehrerer Glieder zu den gegebenen,
02   die wiederum jederzeit nur bedingt gegeben sind.

[op 542]


03   In keinem von beiden Fällen, sowohl dem regressus in infinitum ,
04   als dem in indefinitum , wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im
05   Object gegeben angesehen. Es sind nicht Dinge, die an sich selbst, sondern
06   nur Erscheinungen, die als Bedingungen von einander nur im Regressus
07   selbst gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr: wie groß diese Reihe
08   der Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder unendlich, denn sie ist
09   nichts an sich selbst, sondern: wie wir den empirischen Regressus anstellen,
10   und wie weit wir ihn fortsetzen sollen. Und da ist denn ein namhafter
11   Unterschied in Ansehung der Regel dieses Fortschritts. Wenn das Ganze
12   empirisch gegeben worden, so ist es möglich, ins Unendliche in der
13   Reihe seiner inneren Bedingungen zurück zu gehen. Ist jenes aber nicht
14   gegeben, sondern soll durch empirischen Regressus allererst gegeben werden,
15   so kann ich nur sagen: es ist ins Unendliche möglich, zu noch höheren
16   Bedingungen der Reihe fortzugehen. Im ersteren Falle konnte ich sagen:
17   es sind immer mehr Glieder da und empirisch gegeben, als ich durch den
18   Regressus (der Decomposition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im Regressus
19   noch immer weiter gehen, weil kein Glied als schlechthin unbedingt
20   empirisch gegeben ist und also noch immer ein höheres Glied als möglich
21   und mithin die Nachfrage nach demselben als nothwendig zuläßt. Dort
22   war es nothwendig, mehr Glieder der Reihe anzutreffen, hier aber ist
23   es immer nothwendig, nach mehreren zu fragen, weil keine Erfahrung [op 543]
24   absolut begrenzt. Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung, die euren
25   empirischen Regressus schlechthin begrenzt, und dann müßt ihr euren Regressus
26   nicht für vollendet halten, oder habt eine solche eure Reihe begrenzende
27   Wahrnehmung, so kann diese nicht ein Theil eurer zurückgelegten
28   Reihe sein (weil das, was begrenzt, von dem, was dadurch begrenzt
29   wird, unterschieden sein muß), und ihr müßt also euren Regressus auch
30   zu dieser Bedingung weiter fortsetzen und so fortan.


31   Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung
32   in ihr gehöriges Licht setzen.


[seite 353]


01   Der
02   Antinomie der reinen Vernunft
03   Neunter Abschnitt.
04   Von dem empirischen Gebrauche des regulativen Princips
05   der Vernunft in Ansehung aller kosmologischen Ideen.


06   Da es, wie wir mehrmals gezeigt haben, keinen transscendentalen
07   Gebrauch, so wenig von reinen Verstandes= als Vernunftbegriffen, giebt;
08   da die absolute Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt
09   sich lediglich auf einen transscendentalen Gebrauch der Vernunft fußt,
10   welche diese unbedingte Vollständigkeit von demjenigen fordert, was sie [op 544]
11   als Ding an sich selbst voraussetzt, da die Sinnenwelt aber dergleichen
12   nicht enthält: so kann die Rede niemals mehr von der absoluten Größe
13   der Reihen in derselben sein, ob sie begrenzt, oder an sich unbegrenzt sein
14   mögen, sondern nur, wie weit wir im empirischen Regressus bei Zurückführung
15   der Erfahrung auf ihre Bedingungen zurückgehen sollen, um nach
16   der Regel der Vernunft bei keiner andern, als dem Gegenstande angemessenen
17   Beantwortung der Fragen derselben stehen zu bleiben.


18   Es ist also nur die Gültigkeit des Vernunftprincips, als einer
19   Regel der Fortsetzung und Größe einer möglichen Erfahrung, die uns
20   allein übrig bleibt, nachdem seine Ungültigkeit als eines constitutiven
21   Grundsatzes der Erscheinungen an sich selbst hinlänglich dargethan worden.
22   Auch wird, wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen können, der
23   Streit der Vernunft mit sich selbst völlig geendigt, indem nicht allein
24   durch kritische Auflösung der Schein, der sie mit sich entzweiete, aufgehoben
25   worden, sondern an dessen Statt der Sinn, in welchem sie mit sich selbst
26   zusammenstimmt und dessen Mißdeutung allein den Streit veranlaßte,
27   aufgeschlossen und ein sonst dialektischer Grundsatz in einen doctrinalen
28   verwandelt wird. In der That wenn dieser seiner subjectiven Bedeutung
29   nach, den größtmöglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung
30   den Gegenständen derselben angemessen zu bestimmen, bewährt werden [op 545]
31   kann: so ist es gerade eben so viel, als ob er wie ein Axiom (welches aus
32   reiner Vernunft unmöglich ist) die Gegenstände an sich selbst a priori bestimmte;
33   denn auch dieses könnte in Ansehung der Objecte der Erfahrung
34   keinen größeren Einfluß auf die Erweiterung und Berichtigung unserer


[seite 354]


01   Erkenntniß haben, als daß es sich in dem ausgebreitetsten Erfahrungsgebrauche
02   unseres Verstandes thätig bewiese.


03   1.
04   Auflösung der kosmologischen Idee
05   von der
06   Totalität der Zusammensetzung der Erscheinungen
07   zu einem Weltganzen.


08   Sowohl hier, als bei den übrigen kosmologischen Fragen ist der
09   Grund des regulativen Princips der Vernunft der Satz: daß im empirischen
10   Regressus keine Erfahrung von einer absoluten Gränze,
11   mithin von keiner Bedingung als einer solchen, die empirisch schlechthin
12   unbedingt sei, angetroffen werden könne. Der Grund davon aber
13   ist: daß eine dergleichen Erfahrung eine Begränzung der Erscheinungen
14   durch Nichts oder das Leere, darauf der fortgeführte Regressus vermittelst
15   einer Wahrnehmung stoßen könnte, in sich enthalten müßte, welches unmöglich
16   ist.


17   Dieser Satz nun, der eben so viel sagt, als daß ich im empirischen Regressus [op 546]
18   jederzeit nur zu einer Bedingung gelange, die selbst wiederum als
19   empirisch bedingt angesehen werden muß, enthält die Regel in terminis :
20   daß, so weit ich auch damit in der aufsteigenden Reihe gekommen sein
21   möge, ich jederzeit nach einem höheren Gliede der Reihe fragen müsse, es
22   mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt werden, oder nicht.


23   Nun ist zur Auflösung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts
24   weiter nöthig, als noch auszumachen: ob in dem Regressus zu der unbedingten
25   Größe des Weltganzen (der Zeit und dem Raume nach) dieses
26   niemals begränzte Aufsteigen ein Rückgang ins Unendliche heißen
27   könne, oder nur ein unbestimmbar fortgesetzter Regressus ( in indefinitum ),


29   Die bloße allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen Weltzustände,
30   imgleichen der Dinge, welche im Weltraume zugleich sind, ist
31   selbst nichts anders als ein möglicher empirischer Regressus, den ich mir,
32   obzwar noch unbestimmt denke, und wodurch der Begriff einer solchen
33   Reihe von Bedingungen zu der gegebenen Wahrnehmung allein entstehen


[seite 355]

[op 547]
01   kann.*) Nun habe ich das Weltganze jederzeit nur im Begriffe, keinesweges
02   aber (als Ganzes) in der Anschauung. Also kann ich nicht von
03   seiner Größe auf die Größe des Regressus schließen und diese jener gemä
04   bestimmen, sondern ich muß mir allererst einen Begriff von der Weltgröße
05   durch die Größe des empirischen Regressus machen. Von diesem
06   aber weiß ich niemals etwas mehr, als daß ich von jedem gegebenen
07   Gliede der Reihe von Bedingungen immer noch zu einem höheren (entfernteren)
08   Gliede empirisch fortgehen müsse. Also ist dadurch die Größe
09   des Ganzen der Erscheinungen gar nicht schlechthin bestimmt, mithin kann
10   man auch nicht sagen, daß dieser Regressus ins Unendliche gehe, weil
11   dieses die Glieder, dahin der Regressus noch nicht gelangt ist, anticipiren
12   und ihre Menge so groß vorstellen würde, daß keine empirische Synthesis
13   dazu gelangen kann, folglich die Weltgröße vor dem Regressus (wenn
14   gleich nur negativ) bestimmen würde, welches unmöglich ist. Denn diese
15   ist mir durch keine Anschauung (ihrer Totalität nach), mithin auch ihre
16   Größe vor dem Regressus gar nicht gegeben. Demnach können wir von
17   der Weltgröße an sich gar nichts sagen, auch nicht einmal, daß in ihr ein
18   regressus in infinitum stattfinde, sondern müssen nur nach der Regel, die
19   den empirischen Regressus in ihr bestimmt, den Begriff von ihrer Größe
20   suchen. Diese Regel aber sagt nichts mehr, als daß, so weit wir auch in
21   der Reihe der empirischen Bedingungen gekommen sein mögen, wir nirgend [op 548]
22   eine absolute Gränze annehmen sollen, sondern jede Erscheinung als
23   bedingt einer andern als ihrer Bedingung unterordnen, zu dieser also
24   ferner fortschreiten müssen, welches der regressus in indefinitum ist, der,
25   weil er keine Größe im Object bestimmt, von dem in infinitum deutlich
26   genug zu unterscheiden ist.


27   Ich kann demnach nicht sagen: die Welt ist der vergangenen Zeit,
28   oder dem Raume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Größe
29   als einer gegebenen Unendlichkeit ist empirisch, mithin auch in Ansehung
30   der Welt als eines Gegenstandes der Sinne schlechterdings unmöglich.
31   Ich werde auch nicht sagen: der Regressus von einer gegebenen Wahrnehmung



32   *) Diese Weltreihe kann also auch weder größer, noch kleiner sein, als der
33   mögliche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff beruht. Und da dieser kein
34   bestimmtes Unendliches, eben so wenig aber auch ein bestimmt Endliches (schlechthin
35   Begränztes) geben kann: so ist daraus klar, daß wir die Weltgröße weder als endlich,
36   noch unendlich annehmen können, weil der Regressus (dadurch jene vorgestellt wird)
37   keines von beiden zuläßt.


[seite 356]


01   an zu allem dem, was diese im Raume sowohl als der vergangenen
02   Zeit in einer Reihe begränzt, geht ins Unendliche; denn dieses
03   setzt die unendliche Weltgröße voraus; auch nicht: sie ist endlich; denn
04   die absolute Gränze ist gleichfalls empirisch unmöglich. Demnach werde
05   ich nichts von dem ganzen Gegenstande der Erfahrung (der Sinnenwelt),
06   sondern nur von der Regel, nach welcher Erfahrung ihrem Gegenstande
07   angemessen angestellt und fortgesetzt werden soll, sagen können.


08   Auf die kosmologische Frage also wegen der Weltgröße ist die erste
09   und negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und
10   keine äußerste Gränze dem Raume nach.


11   Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer [op 549]
12   und durch den leeren Raum andererseits begränzt sein. Da sie nun als
13   Erscheinung keines von beiden an sich selbst sein kann, denn Erscheinung
14   ist kein Ding an sich selbst, so müßte eine Wahrnehmung der Begränzung
15   durch schlechthin leere Zeit oder leeren Raum möglich sein, durch
16   welche diese Weltenden in einer möglichen Erfahrung gegeben wären.
17   Eine solche Erfahrung aber, als völlig leer an Inhalt, ist unmöglich.
18   Also ist eine absolute Weltgränze empirisch, mithin auch schlechterdings
19   unmöglich*).


20   Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus
21   in der Reihe der Welterscheinungen, als eine Bestimmung der Weltgröße,
22   geht in indefinitum , welches eben so viel sagt, als: die Sinnenwelt hat
23   keine absolute Größe, sondern der empirische Regressus (wodurch sie auf
24   der Seite ihrer Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine Regel,
25   nämlich von einem jeden Gliede der Reihe als einem Bedingten jederzeit [op 550]
26   zu einem noch entferntern (es sei durch eigene Erfahrung, oder den Leitfaden
27   der Geschichte, oder die Kette der Wirkungen und ihrer Ursachen)
28   fortzuschreiten und sich der Erweiterung des möglichen empirischen Gebrauchs



29   *) Man wird bemerken: daß der Beweis hier auf ganz andere Art geführt
30   worden, als der dogmatische oben in der Antithesis der ersten Antinomie. Daselbst
31   hatten wir die Sinnenwelt nach der gemeinen und dogmatischen Vorstellungsart
32   für ein Ding, was an sich selbst vor allem Regressus seiner Totalität nach gegeben
33   war, gelten lassen und hatten ihr, wenn sie nicht alle Zeit und alle Räume einnähme,
34   überhaupt irgend eine bestimmte Stelle in beiden abgesprochen. Daher
35   war die Folgerung auch anders als hier, nämlich es wurde auf die wirkliche Unendlichkeit
36   derselben geschlossen.


[seite 357]


01   seines Verstandes nirgend zu überheben, welches denn auch das
02   eigentliche und einzige Geschäfte der Vernunft bei ihren Principien ist.


03   Ein bestimmter empirischer Regressus, der in einer gewissen Art von
04   Erscheinungen ohne Aufhören fortginge, wird hiedurch nicht vorgeschrieben,
05   z. B. daß man von einem lebenden Menschen immer in einer Reihe
06   von Voreltern aufwärts steigen müsse, ohne ein erstes Paar zu erwarten,
07   oder in der Reihe der Weltkörper, ohne eine äußerste Sonne zuzulassen;
08   sondern es wird nur der Fortschritt von Erscheinungen zu Erscheinungen
09   geboten, sollten diese auch keine wirkliche Wahrnehmung (wenn sie dem
10   Grade nach für unser Bewußtsein zu schwach ist, um Erfahrung zu werden)
11   abgeben, weil sie dem ungeachtet doch zur möglichen Erfahrung gehören.


12   Aller Anfang ist in der Zeit und alle Gränze des Ausgedehnten im
13   Raume. Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt. Mithin sind
14   nur Erscheinungen in der Welt bedingterweise, die Welt aber selbst
15   weder bedingt, noch auf unbedingte Art begränzt.


16   Eben um deswillen und da die Welt niemals ganz und selbst die
17   Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht als Weltreihe
18   ganz gegeben werden kann, ist der Begriff von der Weltgröße [op 551]
19   nur durch den Regressus und nicht vor demselben in einer collectiven Anschauung
20   gegeben. Jener besteht aber immer nur im Bestimmen der
21   Größe und giebt also keinen bestimmten Begriff, also auch keinen Begriff
22   von einer Größe, die in Ansehung eines gewissen Maßes unendlich
23   wäre, geht also nicht ins Unendliche (gleichsam gegebene), sondern in unbestimmte
24   Weite, um eine Größe (der Erfahrung) zu geben, die allererst
25   durch diesen Regressus wirklich wird.


26   2.
27   Auflösung der kosmologischen Idee
28   von der
29   Totalität der Theilung eines gegebenen Ganzen
30   in der Anschauung.


31   Wenn ich ein Ganzes, das in der Anschauung gegeben ist, theile, so
32   gehe ich von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit.
33   Die Theilung der Theile ( subdivisio oder decompositio ) ist ein Regressus
34   in der Reihe dieser Bedingungen. Die absolute Totalität dieser Reihe


[seite 358]


01   würde nur alsdann gegeben sein, wenn der Regressus bis zu einfachen
02   Theilen gelangen könnte. Sind aber alle Theile in einer continuirlich
03   fortgehenden Decomposition immer wiederum theilbar, so geht die Theilung,
04   d. i. der Regressus, von dem Bedingten zu seinen Bedingungen in
05   infinitum : weil die Bedingungen (die Theile) in dem Bedingten selbst enthalten [op 552]
06   sind und, da dieses in einer zwischen seinen Gränzen eingeschlossenen
07   Anschauung ganz gegeben ist, insgesammt auch mit gegeben sind. Der
08   Regressus darf also nicht bloß ein Rückgang in indefinitum genannt werden,
09   wie es die vorige kosmologische Idee allein erlaubte, da ich vom Bedingten
10   zu seinen Bedingungen, die außer demselben, mithin nicht dadurch
11   zugleich mit gegeben waren, sondern die im empirischen Regressus allererst
12   hinzu kamen, fortgehen sollte. Diesem ungeachtet ist es doch keinesweges
13   erlaubt, von einem solchen Ganzen, das ins Unendliche theilbar ist,
14   zu sagen: es bestehe aus unendlich viel Theilen. Denn obgleich alle
15   Theile in der Anschauung des Ganzen enthalten sind, so ist doch darin
16   nicht die ganze Theilung enthalten, welche nur in der fortgehenden
17   Decomposition oder dem Regressus selbst besteht, der die Reihe allererst
18   wirklich macht. Da dieser Regressus nun unendlich ist, so sind zwar alle
19   Glieder (Theile), zu denen er gelangt, in dem gegebenen Ganzen als
20   Aggregate enthalten, aber nicht die ganze Reihe der Theilung, welche
21   successiv unendlich und niemals ganz ist, folglich keine unendliche Menge
22   und keine Zusammennehmung derselben in einem Ganzen darstellen kann.


23   Die allgemeine Erinnerung läßt sich zuerst sehr leicht auf den Raum
24   anwenden. Ein jeder in seinen Gränzen angeschaute Raum ist ein solches
25   Ganzes, dessen Theile bei aller Decomposition immer wiederum Räume
26   sind, und ist daher ins Unendliche theilbar.

[op 553]


27   Hieraus folgt auch ganz natürlich die zweite Anwendung, auf eine
28   in ihren Gränzen eingeschlossene äußere Erscheinung (Körper). Die Theilbarkeit
29   desselben gründet sich auf die Theilbarkeit des Raumes, der die
30   Möglichkeit des Körpers als eines ausgedehnten Ganzen ausmacht. Dieser
31   ist also ins Unendliche theilbar, ohne doch darum aus unendlich viel Theilen
32   zu bestehen.


33   Es scheint zwar: daß, da ein Körper als Substanz im Raume vorgestellt
34   werden muß, er, was das Gesetz der Theilbarkeit des Raumes betrifft,
35   hierin von diesem unterschieden sein werde; denn man kann es
36   allenfalls wohl zugeben: daß die Decomposition im letzteren niemals alle
37   Zusammensetzung wegschaffen könne, indem alsdann sogar aller Raum,


[seite 359]


01   der sonst nichts Selbstständiges hat, aufhören würde (welches unmöglich
02   ist); allein daß, wenn alle Zusammensetzung der Materie in Gedanken aufgehoben
03   würde, gar nichts übrig bleiben solle, scheint sich nicht mit dem
04   Begriffe einer Substanz vereinigen zu lassen, die eigentlich das Subject
05   aller Zusammensetzung sein sollte und in ihren Elementen übrig bleiben
06   müßte, wenn gleich die Verknüpfung derselben im Raume, dadurch sie
07   einen Körper ausmachen, aufgehoben wäre. Allein mit dem, was in der
08   Erscheinung Substanz heißt, ist es nicht so bewandt, als man es wohl
09   von einem Dinge an sich selbst durch reinen Verstandesbegriff denken
10   würde. Jenes ist nicht absolutes Subject, sondern beharrliches Bild der [op 554]
11   Sinnlichkeit und nichts als Anschauung, in der überall nichts Unbedingtes
12   angetroffen wird.


13   Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins Unendliche bei
14   der Subdivision einer Erscheinung als einer bloßen Erfüllung des Raumes
15   ohne allen Zweifel stattfindet: so kann sie doch nicht gelten, wenn wir sie
16   auch auf die Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen Ganzen schon
17   abgesonderten Theile, dadurch diese ein quantum discretum ausmachen,
18   erstrecken wollen. Annehmen, daß in jedem gegliederten (organisirten)
19   Ganzen ein jeder Theil wiederum gegliedert sei, und daß man auf solche
20   Art bei Zerlegung der Theile ins Unendliche immer neue Kunsttheile antreffe,
21   mit einem Worte, daß das Ganze ins Unendliche gegliedert sei, will
22   sich gar nicht denken lassen, obzwar wohl, daß die Theile der Materie
23   bei ihrer Decomposition ins Unendliche gegliedert werden könnten. Denn
24   die Unendlichkeit der Theilung einer gegebenen Erscheinung im Raume
25   gründet sich allein darauf, daß durch diese bloß die Theilbarkeit, d. i. eine
26   an sich schlechthin unbestimmte Menge von Theilen, gegeben ist, die Theile
27   selbst aber nur durch die Subdivision gegeben und bestimmt werden, kurz
28   daß das Ganze nicht an sich selbst schon eingetheilt ist. Daher die Theilung
29   eine Menge in demselben bestimmen kann, die so weit geht, als man
30   im Regressus der Theilung fortschreiten will. Dagegen wird bei einem [op 555]
31   ins Unendliche gegliederten organischen Körper das Ganze eben durch diesen
32   Begriff schon als eingetheilt vorgestellt und eine an sich bestimmte, aber
33   unendliche Menge der Theile vor allem Regressus der Theilung in ihm angetroffen;
34   wodurch man sich selbst widerspricht, indem diese unendliche Einwickelung
35   als eine niemals zu vollendende Reihe (unendlich) und gleichwohl
36   doch in einer Zusammennehmung als vollendet angesehen wird. Die
37   unendliche Theilung bezeichnet nur die Erscheinung als quantum continuum


[seite 360]


01   und ist von der Erfüllung des Raumes unzertrennlich, weil eben in
02   derselben der Grund der unendlichen Theilbarkeit liegt. So bald aber
03   etwas als quantum discretum angenommen wird, so ist die Menge der
04   Einheiten darin bestimmt, daher auch jederzeit einer Zahl gleich. Wie weit
05   also die Organisirung in einem gegliederten Körper gehen möge, kann
06   nur die Erfahrung ausmachen, und wenn sie gleich mit Gewißheit zu keinem
07   unorganischen Theile gelangte, so müssen solche doch wenigstens in
08   der möglichen Erfahrung liegen. Aber wie weit sich die transscendentale
09   Theilung einer Erscheinung überhaupt erstrecke, ist gar keine Sache der
10   Erfahrung, sondern ein Principium der Vernunft, den empirischen Regressus
11   in der Decomposition des Ausgedehnten der Natur dieser Erscheinung
12   gemäß niemals für schlechthin vollendet zu halten.

[op 556]


13   Schlußanmerkung
14   zur
15   Auflösung der mathematisch transscendentalen und
16   Vorerinnerung zur Auflösung der dynamisch
17   transscendentalen Ideen.


18   Als wir die Antinomie der reinen Vernunft durch alle transscendentale
19   Ideen in einer Tafel vorstellten, da wir den Grund dieses Widerstreits
20   und das einzige Mittel, ihn zu heben, anzeigten, welches darin bestand,
21   daß beide entgegengesetzte behauptungen für falsch erklärt wurden: so
22   haben wir allenthalben die bedingungen als zu ihrem Bedingten nach
23   Verhältnissen des Raumes und der Zeit gehörig vorgestellt, welches die
24   gewöhnliche Voraussetzung des gemeinen Menschenverstandes ist, worauf
25   denn auch jener Widerstreit gänzlich beruhte. In dieser Rücksicht waren
26   auch alle dialektische Vorstellungen der Totalität in der Reihe der Bedingungen
27   zu einem gegebenen Bedingten durch und durch von gleicher Art.
28   Es war immer eine Reihe, in welcher die Bedingung mit dem Bedingten
29   als Glieder derselben verknüpft und dadurch gleichartig waren, da denn
30   der Regressus niemals vollendet gedacht, oder, wenn dieses geschehen sollte,
31   ein an sich bedingtes Glied fälschlich als ein erstes, mithin als unbedingt,
32   angenommen werden müßte. Es wurde also zwar nicht allerwärts das [op 557]
33   Object, d. i. das Bedingte, aber doch die Reihe der Bedingungen zu demselben


[seite 361]


01   bloß ihrer Größe nach erwogen, und da bestand die Schwierigkeit,
02   die durch keinen Vergleich, sondern durch gänzliche Abschneidung des
03   Knotens allein gehoben werden konnte, darin, daß die Vernunft es dem
04   Verstande entweder zu lang oder zu kurz machte, so daß dieser ihrer
05   Idee niemals gleich kommen konnte.


06   Wir haben aber hiebei einen wesentlichen Unterschied übersehen, der
07   unter den Objecten, d. i. den Verstandesbegriffen, herrscht, welche die Vernunft
08   zu Ideen zu erheben trachtet, da nämlich nach unserer obigen Tafel
09   der Kategorien zwei derselben mathematische, die zwei übrigen aber
10   eine dynamische Synthesis der Erscheinungen bedeuten. Bis hieher
11   konnte dieses auch gar wohl geschehen, indem wir, so wie wir in der allgemeinen
12   Vorstellung aller transscendentalen Ideen immer nur unter Bedingungen
13   in der Erscheinung blieben, eben so auch in den zwei mathematisch
14   transscendentalen keinen andern Gegenstand, als den in der
15   Erscheinung hatten. Jetzt aber, da wir zu dynamischen Begriffen des
16   Verstandes, so fern sie der Vernunftidee anpassen sollen, fortgehen, wird
17   jene Unterscheidung wichtig und eröffnet uns eine ganz neue Aussicht in
18   Ansehung des Streithandels, darin die Vernunft verflochten ist; und welcher,
19   da er vorher als auf beiderseitige falsche Voraussetzungen gebauet [op 558]
20   abgewiesen worden, jetzt, da vielleicht in der dynamischen Antinomie
21   eine solche Voraussetzung stattfindet, die mit der Prätension der Vernunft
22   zusammen bestehen kann, aus diesem Gesichtspunkte und, da der Richter
23   den Mangel der Rechtsgründe, die man beiderseits verkannt hatte, ergänzt,
24   zu beider Theile Genugthuung verglichen werden kann, welches sich bei
25   dem Streite in der mathematischen Antinomie nicht thun ließ.


26   Die Reihen der Bedingungen sind freilich in so fern alle gleichartig,
27   als man lediglich auf die Erstreckung derselben sieht: ob sie der Idee
28   angemessen sind, oder ob diese für jene zu groß oder zu klein sind. Allein
29   der Verstandesbegriff, der diesen Ideen zum Grunde liegt, enthält entweder
30   lediglich eine Synthesis des Gleichartigen (welches bei jeder Größe in
31   der Zusammensetzung sowohl als Theilung derselben vorausgesetzt wird),
32   oder auch des Ungleichartigen, welches in der dynamischen Synthesis
33   der Causalverbindung sowohl, als der des nothwendigen mit dem Zufälligen
34   wenigstens zugelassen werden kann.


35   Daher kommt es, daß in der mathematischen Verknüpfung der Reihen
36   der Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hinein kommen
37   kann, d. i. eine solche, die selbst ein Theil der Reihe ist; da hingegen die


[seite 362]


01   dynamische Reihe sinnlicher Bedingungen doch noch eine ungleichartige
02   Bedingung zuläßt, die nicht ein Theil der Reihe ist, sondern als bloß intelligibel [op 559]
03   außer der Reihe liegt, wodurch denn der Vernunft ein Genüge
04   gethan und das Unbedingte den Erscheinungen vorgesetzt wird, ohne
05   die Reihe der letzteren, als jederzeit bedingt, dadurch zu verwirren und den
06   Verstandesgrundsätzen zuwider abzubrechen.


07   Dadurch nun, daß die dynamischen Ideen eine Bedingung der Erscheinungen
08   außer der Reihe derselben, d. i. eine solche, die selbst nicht
09   Erscheinung ist, zulassen, geschieht etwas, was von dem Erfolg der mathematischen
10   Antinomie gänzlich unterschieden ist. Diese nämlich verursachte,
11   daß beide dialektische Gegenbehauptungen für falsch erklärt werden mußten.
12   Dagegen das durchgängig Bedingte der dynamischen Reihen, welches von
13   ihnen als Erscheinungen unzertrennlich ist, mit der zwar empirisch unbedingten,
14   aber auch nichtsinnlichen Bedingung verknüpft, dem Verstande
15   einerseits und der Vernunft andererseits*) Genüge leisten, und,
16   indem die dialektischen Argumente, welche unbedingte Totalität in bloßen
17   Erscheinungen auf eine oder andere Art suchten, wegfallen, dagegen die [op 560]
18   Vernunftsätze in der auf solche Weise berichtigten Bedeutung alle beide
19   wahr sein können; welches bei den kosmologischen Ideen, die blos mathematisch
20   unbedingte Einheit betreffen, niemals stattfinden kann, weil bei
21   ihnen keine Bedingung der Reihe der Erscheinungen angetroffen wird,
22   als die auch selbst Erscheinung ist und als solche mit ein Glied der Reihe
23   ausmacht.


24   3.
25   Auflösung der kosmologischen Ideen
26   von der
27   Totalität der Ableitung der Weltbegebenheiten aus ihren
28   Ursachen.


29   Man kann sich nur zweierlei Causalität in Ansehung dessen, was
30   geschieht, denken, entweder nach der Natur, oder aus Freiheit. Die



31   *) Denn der Verstand erlaubt unter Erscheinungen keine Bedingung, die
32   selbst empirisch unbedingt wäre. Ließe sich aber eine intelligibele Bedingung, die
33   also nicht in die Reihe der Erscheinungen als ein Glied mit gehörte, zu einem Bedingten
34   (in der Erscheinung) gedenken, ohne doch dadurch die Reihe empirischer
35   Bedingungen im mindesten zu unterbrechen: so könnte eine solche als empirisch'


35   unbedingt zugelassen werden, so daß dadurch dem empirischen continuirlichen Regressus
36   nirgend Abbruch geschähe.


[seite 363]


01   erste ist die Verknüpfung eines Zustandes mit einem vorigen in der Sinnenwelt,
02   worauf jener nach einer Regel folgt. Da nun die Causalität
03   der Erscheinungen auf Zeitbedingungen beruht, und der vorige Zustand,
04   wenn er jederzeit gewesen wäre, auch keine Wirkung, die allererst in der
05   Zeit entspringt, hervorgebracht hätte: so ist die Causalität der Ursache
06   dessen, was geschieht oder entsteht, auch entstanden und Bedarf nach dem
07   Verstandesgrundsatze selbst wiederum eine Ursache.

[op 561]


08   Dagegen verstehe ich unter Freiheit im kosmologischen Verstande das
09   Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Causalität also
10   nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache steht,
11   welche sie der Zeit nach bestimmte. Die Freiheit ist in dieser Bedeutung
12   eine reine transscendentale Idee, die erstlich nichts von der Erfahrung
13   Entlehntes enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner Erfahrung
14   bestimmt gegeben werden kann, weil es ein allgemeines Gesetz selbst der
15   Möglichkeit aller Erfahrung ist, daß alles, was geschieht, eine Ursache,
16   mithin auch die Causalität der Ursache, die selbst geschehen oder entstanden,
17   wiederum eine Ursache haben müsse; wodurch denn das ganze
18   Feld der Erfahrung, so weit es sich erstrecken mag, in einem Inbegriff
19   bloßer Natur verwandelt wird. Da aber auf solche Weise keine absolute
20   Totalität der Bedingungen im Causalverhältnisse heraus zu bekommen ist,
21   so schafft sich die Vernunft die Idee von einer Spontaneität, die von selbst
22   anheben könne zu handeln, ohne daß eine andere Ursache vorangeschickt
23   werden dürfe, sie wiederum nach dem Gesetze der Causalverknüpfung zur
24   Handlung zu bestimmen.


25   Es ist überaus merkwürdig, daß auf diese transscendentale Idee
26   der Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und jene in
27   dieser das eigentliche Moment der Schwierigkeiten ausmache, welche die [op 562]
28   Frage über ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben. Die Freiheit
29   im praktischen Verstande ist die Unabhängigkeit der Willkür von der
30   Nöthigung durch Antriebe der Sinnlichkeit. Denn eine Willkür ist
31   sinnlich, so fern sie pathologisch (durch Bewegursachen der Sinnlichkeit)
32   afficirt ist; sie heißt thierisch ( arbitrium brutum ), wenn sie pathologisch
33   necessitirt werden kann. Die menschliche Willkür ist zwar ein
34   arbitrium sensitivum , aber nicht brutum , sondern liberum , weil Sinnlichkeit


[seite 364]


01   ihre Handlung nicht nothwendig macht, sondern dem Menschen
02   ein Vermögen beiwohnt, sich unabhängig von der Nöthigung durch sinnliche
03   Antriebe von selbst zu bestimmen.


04   Man sieht leicht, daß, wenn alle Causalität in der Sinnenwelt blo
05   Natur wäre, so würde jede Begebenheit durch eine andere in der Zeit nach
06   nothwendigen Gesetzen bestimmt sein; und mithin, da die Erscheinungen,
07   so fern sie die Willkür bestimmen, jede Handlung als ihren natürlichen
08   Erfolg nothwendig machen müßten, so würde die Aufhebung der transscendentalen
09   Freiheit zugleich alle praktische Freiheit vertilgen. Denn
10   diese setzt voraus, daß, obgleich etwas nicht geschehen ist, es doch habe geschehen
11   sollen, und seine Ursache in der Erscheinung also nicht so bestimmend
12   war, daß nicht in unserer Willkür eine Causalität liege, unabhängig
13   von jenen Naturursachen und selbst wider ihre Gewalt und Einfluß etwas
14   hervorzubringen, was in der Zeitordnung nach empirischen Gesetzen bestimmt
15   ist, mithin eine Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen.

[op 563]


17   Es geschieht also hier, was überhaupt in dem Widerstreit einer sich
18   über die Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagenden Vernunft angetroffen
19   wird, daß die Aufgabe eigentlich nicht physiologisch, sondern
20   transscendental ist. Daher die Frage von der Möglichkeit der Freiheit
21   die Psychologie zwar anficht, aber, da sie auf dialektischen Argumenten
22   der bloß reinen Vernunft beruht, sammt ihrer Auflösung lediglich die
23   Transscendentalphilosophie beschäftigen muß. Um nun diese, welche eine
24   befriedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann, dazu in Stand zu
25   setzen, muß ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser Aufgabe durch eine Bemerkung
26   näher zu bestimmen suchen.


27   Wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, mithin Raum und
28   Zeit Formen des Daseins der Dinge an sich selbst: so würden die Bedingungen
29   mit dem Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben
30   Reihe gehören und daraus auch in gegenwärtigem Falle die Antinomie
31   entspringen, die allen transscendentalen Ideen gemein ist, daß diese Reihe
32   unvermeidlich für den Verstand zu groß oder zu klein ausfallen müßte.
33   Die dynamischen Vernunftbegriffe aber, mit denen wir uns in dieser und
34   der folgenden Nummer beschäftigen, haben dieses Besondere: daß, da sie
35   es nicht mit einem Gegenstande, als Größe betrachtet, sondern nur mit
36   seinem Dasein zu thun haben, man auch von der Größe der Reihe der [op 564]
37   Bedingungen abstrahiren kann, und es bei ihnen bloß auf das dynamische


[seite 365]


01   Verhältniß der Bedingung zum Bedingten ankommt, so daß wir in der
02   Frage über Natur und Freiheit schon die Schwierigkeit antreffen, ob Freiheit
03   überall nur möglich sei, und ob, wenn sie es ist, sie mit der Allgemeinheit
04   des Naturgesetzes der Causalität zusammen bestehen könne; mithin ob
05   es ein richtig disjunctiver Satz sei, daß eine jede Wirkung in der Welt
06   entweder aus Natur, oder aus Freiheit entspringen müsse, oder ob nicht
07   vielmehr beides in verschiedener Beziehung bei einer und derselben Begebenheit
08   zugleich stattfinden könne. Die Richtigkeit jenes Grundsatzes
09   von dem durchgängigen Zusammenhange aller Begebenheiten der Sinnenwelt
10   nach unwandelbaren Naturgesetzen steht schon als ein Grundsatz der
11   transscendentalen Analytik fest und leidet keinen Abbruch. Es ist also nur
12   die Frage: ob dem ungeachtet in Ansehung eben derselben Wirkung, die
13   nach der Natur bestimmt ist, auch Freiheit stattfinden könne, oder diese
14   durch jene unverletzliche Regel völlig ausgeschlossen sei. Und hier zeigt die
15   zwar gemeine, aber betrügliche Voraussetzung der absoluten Realität
16   der Erscheinungen sogleich ihren nachtheiligen Einfluß, die Vernunft zu
17   verwirren. Denn sind Erscheinungen Dinge an sich selbst, so ist Freiheit
18   nicht zu retten. Alsdann ist Natur die vollständige und an sich hinreichend
19   bestimmende Ursache jeder Begebenheit, und die Bedingung derselben ist
20   jederzeit nur in der Reihe der Erscheinungen enthalten, die sammt ihrer [op 565]
21   Wirkung unter dem Naturgesetze nothwendig sind. Wenn dagegen Erscheinungen
22   für nichts mehr gelten, als sie in der That sind, nämlich nicht
23   für Dinge an sich, sondern bloße Vorstellungen, die nach empirischen Gesetzen
24   zusammenhängen, so müssen sie selbst noch Gründe haben, die nicht
25   Erscheinungen sind. Eine solche intelligibele Ursache aber wird in Ansehung
26   ihrer Causalität nicht durch Erscheinungen bestimmt, obzwar ihre
27   Wirkungen erscheinen und sie durch andere Erscheinungen bestimmt werden
28   können. Sie ist also sammt ihrer Causalität außer der Reihe, dagegen
29   ihre Wirkungen in der Reihe der empirischen Bedingungen angetroffen
30   werden. Die Wirkung kann also in Ansehung ihrer intelligibelen Ursache
31   als frei und doch zugleich in Ansehung der Erscheinungen als Erfolg aus
32   denselben nach der Nothwendigkeit der Natur angesehen werden; eine Unterscheidung,
33   die, wenn sie im Allgemeinen und ganz abstract vorgetragen
34   wird, äußerst subtil und dunkel scheinen muß, die sich aber in der Anwendung
35   aufklären wird. Hier habe ich nur die Anmerkung machen wollen:
36   daß, da der durchgängige Zusammenhang aller Erscheinungen in einem
37   Context der Natur ein unnachlaßliches Gesetz ist, dieses alle Freiheit nothwendig


[seite 366]


01   umstürzen müßte, wenn man der Realität der Erscheinungen hartnäckig
02   anhängen wollte. Daher auch diejenigen, welche hierin der gemeinen
03   Meinung folgen, niemals dahin haben gelangen können, Natur und
04   Freiheit mit einander zu vereinigen.

[op 566]


05   Möglichkeit der Causalität durch Freiheit
06   in Vereinigung mit dem allgemeinen Gesetze der
07   Naturnothwendigkeit.


08   Ich nenne dasjenige an einem Gegenstande der Sinne, was selbst
09   nicht Erscheinung ist, intelligibel. Wenn demnach dasjenige, was in
10   der Sinnenwelt als Erscheinung angesehen werden muß, an sich selbst auch
11   ein Vermögen hat, welches kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung ist,
12   wodurch es aber doch die Ursache von Erscheinungen sein kann: so kann
13   man die Causalität dieses Wesens auf zwei Seiten betrachten, als intelligibel
14   nach ihrer Handlung als eines Dinges an sich selbst, und als
15   sensibel nach den Wirkungen derselben als einer Erscheinung in der
16   Sinnenwelt. Wir würden uns demnach von dem Vermögen eines solchen
17   Subjects einen empirischen, imgleichen auch einen intellectuellen Begriff
18   seiner Causalität machen, welche bei einer und derselben Wirkung zusammen
19   stattfinden. Eine solche doppelte Seite, das Vermögen eines Gegenstandes
20   der Sinne sich zu denken, widerspricht keinem von den Begriffen,
21   die wir uns von Erscheinungen und von einer möglichen Erfahrung zu
22   machen haben. Denn da diesen, weil sie an sich keine Dinge sind, ein
23   transscendentaler Gegenstand zum Grunde liegen muß, der sie als bloße
24   Vorstellungen bestimmt, so hindert nichts, daß wir diesem transscendentalen [op 567]
25   Gegenstande außer der Eigenschaft, dadurch er erscheint, nicht auch
26   eine Causalität beilegen sollten, die nicht Erscheinung ist, obgleich ihre
27   Wirkung dennoch in der Erscheinung angetroffen wird. Es muß aber
28   eine jede wirkende Ursache einen Charakter haben, d. i. ein Gesetz ihrer
29   Causalität, ohne welches sie gar nicht Ursache sein würde. Und da würden
30   wir an einem Subjecte der Sinnenwelt erstlich einen empirischen Charakter
31   haben, wodurch seine Handlungen als Erscheinungen durch und
32   durch mit anderen Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange
33   ständen und von ihnen als ihren Bedingungen abgeleitet
34   werden könnten und also mit diesen in Verbindung Glieder einer einzigen
35   Reihe der Naturordnung ausmachten. Zweitens würde man ihm noch


[seite 367]


01   einen intelligibelen Charakter einräumen müssen, dadurch es zwar
02   die Ursache jener Handlungen als Erscheinungen ist, der aber selbst unter
03   keinen Bedingungen der Sinnlichkeit steht und selbst nicht Erscheinung ist.
04   Man könnte auch den ersteren den Charakter eines solchen Dinges in der
05   Erscheinung, den zweiten den Charakter des Dinges an sich selbst nennen.


06   Dieses handelnde Subject würde nun nach seinem intelligibelen Charakter
07   unter keinen Zeitbedingungen stehen, denn die Zeit ist nur die Bedingung
08   der Erscheinungen, nicht aber der Dinge an sich selbst. In ihm [op 568]
09   würde keine Handlung entstehen, oder vergehen, mithin würde es
10   auch nicht dem Gesetze aller Zeitbestimmung, alles Veränderlichen unterworfen
11   sein: daß alles, was geschieht, in den Erscheinungen (des
12   vorigen Zustandes) seine Ursache antreffe. Mit einem Worte, die Causalität
13   desselben, so fern sie intellectuell ist, stände gar nicht in der Reihe
14   empirischer Bedingungen, welche die Begebenheit in der Sinnenwelt nothwendig
15   machen. Dieser intelligibele Charakter könnte zwar niemals unmittelbar
16   gekannt werden, weil wir nichts wahrnehmen können, als so fern
17   es erscheint; aber er würde doch dem empirischen Charakter gemäß gedacht
18   werden müssen, so wie wir überhaupt einen transscendentalen Gegenstand
19   den Erscheinungen in Gedanken zum Grunde legen müssen, ob wir zwar
20   von ihm, was er an sich selbst sei, nichts wissen.


21   Nach seinem empirischen Charakter würde also dieses Subject als Erscheinung
22   allen Gesetzen der Bestimmung nach der Causalverbindung unterworfen
23   sein; und es wäre so fern nichts, als ein Theil der Sinnenwelt,
24   dessen Wirkungen, so wie jede andere Erscheinung aus der Natur unausbleiblich
25   abflössen. So wie äußere Erscheinungen in dasselbe einflössen,
26   wie sein empirischer Charakter, d. i. das Gesetz seiner Causalität, durch
27   Erfahrung erkannt wäre, müßten sich alle seine Handlungen nach Naturgesetzen
28   erklären lassen, und alle Requisite zu einer vollkommenen und nothwendigen
29   Bestimmung derselben müßten in einer möglichen Erfahrung
30   angetroffen werden.

[op 569]


31   Nach dem intelligibelen Charakter desselben aber (ob wir zwar davon
32   nichts als bloß den allgemeinen Begriff desselben haben können) würde
33   dasselbe Subject dennoch von allem Einflusse der Sinnlichkeit und Bestimmung
34   durch Erscheinungen freigesprochen werden müssen; und da in ihm,
35   so fern es Noumenon ist, nichts geschieht, keine Veränderung, welche
36   dynamische Zeitbestimmung erheischt, mithin keine Verknüpfung mit Erscheinungen
37   als Ursachen angetroffen wird, so würde dieses thätige Wesen


[seite 368]


01   so fern in seinen Handlungen von aller Naturnothwendigkeit, als die lediglich
02   in der Sinnenwelt angetroffen wird, unabhängig und frei sein. Man
03   würde von ihm ganz richtig sagen, daß es seine Wirkungen in der Sinnenwelt
04   von selbst anfange, ohne daß die Handlung in ihm selbst anfängt;
05   und dieses würde gültig sein, ohne daß die Wirkungen in der Sinnenwelt
06   darum von selbst anfangen dürfen, weil sie in derselben jederzeit durch
07   empirische Bedingungen in der vorigen Zeit, aber doch nur vermittelst des
08   empirischen Charakters (der bloß die Erscheinung des intelligibelen ist)
09   vorher bestimmt und nur als eine Fortsetzung der Reihe der Naturursachen
10   möglich sind. So würde denn Freiheit und Natur, jedes in seiner vollständigen
11   Bedeutung, bei eben denselben Handlungen, nachdem man sie
12   mit ihrer intelligibelen oder sensibelen Ursache vergleicht, zugleich und
13   ohne allen Widerstreit angetroffen werden.

[op 570]


14   Erläuterung
15   der kosmologischen Idee einer Freiheit
16   in Verbindung mit der allgemeinen Naturnothwendigkeit.


17   Ich habe gut gefunden, zuerst den Schattenriß der Auflösung unseres
18   transscendentalen Problems zu entwerfen, damit man den Gang der Vernunft
19   in Auflösung desselben dadurch besser übersehen möge. Jetzt wollen
20   wir die Momente ihrer Entscheidung, auf die es eigentlich ankommt, auseinander
21   setzen und jedes besonders in Erwägung ziehen.
22   Das Naturgesetz, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, da
23   die Causalität dieser Ursache, d. i. die Handlung, da sie in der Zeit
24   vorhergeht und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst
25   nicht immer gewesen sein kann, sondern geschehen sein muß, auch ihre
26   Ursache unter den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird, und
27   daß folglich alle Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch bestimmt
28   sind: dieses Gesetz, durch welches Erscheinungen allererst eine Natur ausmachen
29   und Gegenstände einer Erfahrung abgeben können, ist ein Verstandesgesetz,
30   von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt ist abzugehen
31   oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen; weil man sie sonst
32   außerhalb aller möglichen Erfahrung setzen, dadurch aber von allen Gegenständen [op 571]
33   möglicher Erfahrung unterscheiden, und sie zum bloßen Gedankendinge
34   und einem Hirngespinst machen würde.


[seite 369]


01   Ob es aber gleich hiebei lediglich nach einer Kette von Ursachen aussieht,
02   die im Regressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute Totalität
03   verstattet, so hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht auf; denn
04   sie ist schon in der allgemeinen Beurtheilung der Antinomie der Vernunft,
05   wenn sie in der Reihe der Erscheinungen aufs Unbedingte ausgeht, gehoben
06   worden. Wenn wir der Täuschung des transscendentalen Realismus
07   nachgeben wollen, so bleibt weder Natur, noch Freiheit übrig. Hier ist
08   nur die Frage: ob, wenn man in der ganzen Reihe aller Begebenheiten
09   lauter Naturnothwendigkeit anerkennt, es doch möglich sei, eben dieselbe,
10   die einerseits bloße Naturwirkung ist, doch andererseits als Wirkung aus
11   Freiheit anzusehen, oder ob zwischen diesen zwei Arten von Causalität ein
12   gerader Widerspruch angetroffen werde.


13   Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein,
14   welches eine Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte. Jede Handlung
15   als Erscheinung, so fern sie eine Begebenheit hervorbringt, ist selbst
16   Begebenheit oder Eräugniß, welche einen andern Zustand voraussetzt,
17   darin die Ursache angetroffen werde; und so ist alles, was geschieht, nur
18   eine Fortsetzung der Reihe, und kein Anfang, der sich von selbst zutrüge, [op 572]
19   in derselben möglich. Also sind alle Handlungen der Naturursachen in
20   der Zeitfolge selbst wiederum Wirkungen, die ihre Ursachen eben so wohl
21   in der Zeitreihe voraussetzen. Eine ursprüngliche Handlung, wodurch
22   etwas geschieht, was vorher nicht war, ist von der Causalverknüpfung der
23   Erscheinungen nicht zu erwarten.


24   Ist es denn aber auch nothwendig, daß, wenn die Wirkungen Erscheinungen
25   sind, die Causalität ihrer Ursache, die (nämlich Ursache) selbst
26   auch Erscheinung ist, lediglich empirisch sein müsse? Und ist es nicht vielmehr
27   möglich, daß, obgleich zu jeder Wirkung in der Erscheinung eine
28   Verknüpfung mit ihrer Ursache nach Gesetzen der empirischen Causalität
29   allerdings erfordert wird, dennoch diese empirische Causalität selbst, ohne
30   ihren Zusammenhang mit den Naturursachen im mindesten zu unterbrechen,
31   doch eine Wirkung einer nichtempirischen, sondern intelligibelen Causalität
32   sein könne? D. i. einer in Ansehung der Erscheinungen ursprünglichen
33   Handlung einer Ursache, die also in so fern nicht Erscheinung, sondern
34   diesem Vermögen nach intelligibel ist, ob sie gleich übrigens gänzlich als
35   ein Glied der Naturkette mit zu der Sinnenwelt gezählt werden muß.


36   Wir bedürfen des Satzes der Causalität der Erscheinungen unter einander,
37   um von Naturbegebenheiten Naturbedingungen, d. i. Ursachen in


[seite 370]


01   der Erscheinung zu suchen und angeben zu können. Wenn dieses eingeräumt
02   und durch keine Ausnahme geschwächt wird, so hat der Verstand, [op 573]
03   der bei seinem empirischen Gebrauche in allen Eräugnissen nichts als
04   Natur sieht und dazu auch berechtigt ist, alles, was er fordern kann, und
05   die physischen Erklärungen gehen ihren ungehinderten Gang fort. Nun
06   thut ihm das nicht den mindesten Abbruch, gesetzt daß es übrigens auch
07   bloß erdichtet sein sollte, wenn man annimmt, daß unter den Naturursachen
08   es auch welche gebe, die ein Vermögen haben, welches nur intelligibel
09   ist, indem die Bestimmung desselben zur Handlung niemals auf empirischen
10   Bedingungen, sondern auf bloßen Gründen des Verstandes beruht,
11   so doch, daß die Handlung in der Erscheinung von dieser Ursache allen
12   Gesetzen der empirischen Causalität gemäß sei. Denn auf diese Art würde
13   das handelnde Subject als causa phaenomenon mit der Natur in unzertrennter
14   Abhängigkeit aller ihrer Handlungen verkettet sein, und nur das
15   phaenomenon dieses Subjects (mit aller Causalität desselben in der Erscheinung)
16   würde gewisse Bedingungen enthalten, die, wenn man von dem
17   empirischen Gegenstande zu dem transscendentalen aufsteigen will, als
18   bloß intelligibel müßten angesehen werden. Denn wenn wir nur in dem,
19   was unter den Erscheinungen die Ursache sein mag, der Naturregel folgen:
20   so können wir darüber unbekümmert sein, was in dem transscendentalen
21   Subject, welches uns empirisch unbekannt ist, für ein Grund von diesen
22   Erscheinungen und deren Zusammenhange gedacht werde. Dieser intelligibele
23   Grund ficht gar nicht die empirischen Fragen an, sondern betrifft [op 574]
24   etwa bloß das Denken im reinen Verstande; und obgleich die Wirkungen
25   dieses Denkens und Handelns des reinen Verstandes in den Erscheinungen
26   angetroffen werden, so müssen diese doch nichts desto minder aus ihrer
27   Ursache in der Erscheinung nach Naturgesetzen vollkommen erklärt werden
28   können, indem man den bloß empirischen Charakter derselben als den
29   obersten Erklärungsgrund befolgt und den intelligibelen Charakter, der
30   die transscendentale Ursache von jenem ist, gänzlich als unbekannt vorbeigeht,
31   außer so fern er nur durch den empirischen als das sinnliche Zeichen
32   desselben angegeben wird. Laßt uns dieses auf Erfahrung anwenden.
33   Der Mensch ist eine von den Erscheinungen der Sinnenwelt und in so
34   fern auch eine der Naturursachen, deren Causalität unter empirischen Gesetzen
35   stehen muß. Als eine solche muß er demnach auch einen empirischen
36   Charakter haben, so wie alle andere Naturdinge. Wir bemerken denselben
37   durch Kräfte und Vermögen, die er in seinen Wirkungen äußert. Bei der


[seite 371]


01   leblosen oder bloß thierisch belebten Natur finden wir keinen Grund, irgend
02   ein Vermögen uns anders als bloß sinnlich bedingt zu denken. Allein der
03   Mensch, der die ganze Natur sonst lediglich nur durch Sinne kennt, erkennt
04   sich selbst auch durch bloße Apperception und zwar in Handlungen und
05   inneren Bestimmungen, die er gar nicht zum Eindrucke der Sinne zählen
06   kann, und ist sich selbst freilich eines Theils Phänomen, anderen Theils
07   aber, nämlich in Ansehung gewisser Vermögen, ein bloß intelligibeler Gegenstand, [op 575]
08   weil die Handlung desselben gar nicht zur Receptivität der Sinnlichkeit
09   gezählt werden kann. Wir nennen diese Vermögen Verstand und
10   Vernunft; vornehmlich wird die letztere ganz eigentlich und vorzüglicher
11   Weise von allen empirisch bedingten Kräften unterschieden, da sie ihre Gegenstände
12   bloß nach Ideen erwägt und den Verstand darnach bestimmt,
13   der denn von seinen (zwar auch reinen) Begriffen einen empirischen Gebrauch
14   macht.


15   Daß diese Vernunft nun Causalität habe, wenigstens wir uns eine
16   dergleichen an ihr vorstellen, ist aus den Imperativen klar, welche wir
17   in allem Praktischen den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben. Das
18   Sollen drückt eine Art von Nothwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen
19   aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Verstand
20   kann von dieser nur erkennen, was da ist oder gewesen ist oder sein wird.
21   Es ist unmöglich, daß etwas darin anders sein soll, als es in allen diesen
22   Zeitverhältnissen in der That ist; ja das Sollen, wenn man bloß den Lauf
23   der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung. Wir können
24   gar nicht fragen, was in der Natur geschehen soll; eben so wenig als, was
25   für Eigenschaften ein Cirkel haben soll; sondern was darin geschieht, oder
26   welche Eigenschaften der letztere hat.


27   Dieses Sollen nun drückt eine mögliche Handlung aus, davon der
28   Grund nichts anders als ein bloßer Begriff ist, da hingegen von einer [op 576]
29   bloßen Naturhandlung der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muß.
30   Nun muß die Handlung allerdings unter Naturbedingungen möglich sein,
31   wenn auf sie das Sollen gerichtet ist; aber diese Naturbedingungen betreffen
32   nicht die Bestimmung der Willkür selbst, sondern nur die Wirkung
33   und den Erfolg derselben in der Erscheinung. Es mögen noch so viel Naturgründe
34   sein, die mich zum Wollen antreiben, noch so viel sinnliche
35   Anreize, so können sie nicht das Sollen hervorbringen, sondern nur ein
36   noch lange nicht nothwendiges, sondern jederzeit bedingtes Wollen, dem
37   dagegen das Sollen, das die Vernunft ausspricht, Maß und Ziel, ja Verbot


[seite 372]


01   und Ansehen entgegen setzt. Es mag ein Gegenstand der bloßen Sinnlichkeit
02   (das Angenehme) oder auch der reinen Vernunft (das Gute) sein:
03   so giebt die Vernunft nicht demjenigen Grunde, der empirisch gegeben ist,
04   nach und folgt nicht der Ordnung der Dinge, so wie sie sich in der Erscheinung
05   darstellen; sondern macht sich mit völliger Spontaneität eine
06   eigene Ordnung nach Ideen, in die sie die empirischen Bedingungen hinein
07   paßt, und nach denen sie sogar Handlungen für nothwendig erklärt,
08   die doch nicht geschehen sind und vielleicht nicht geschehen werden, von
09   allen aber gleichwohl voraussetzt, daß die Vernunft in Beziehung auf sie
10   Causalität haben könne; denn ohne das würde sie nicht von ihren Ideen
11   Wirkungen in der Erfahrung erwarten.


12   Nun laßt uns hiebei stehen bleiben und es wenigstens als möglich [op 577]
13   annehmen: die Vernunft habe wirklich Causalität in Ansehung der Erscheinungen;
14   so muß sie, so sehr sie auch Vernunft ist, dennoch einen empirischen
15   Charakter von sich zeigen, weil jede Ursache eine Regel voraussetzt,
16   darnach gewisse Erscheinungen als Wirkungen folgen, und jede Regel
17   eine Gleichförmigkeit der Wirkungen erfordert, die den Begriff der Ursache
18   (als eines Vermögens) gründet, welchen wir, so fern er aus bloßen Erscheinungen
19   erhellen muß, seinen empirischen Charakter heißen können,
20   der beständig ist, indessen die Wirkungen nach Verschiedenheit der begleitenden
21   und zum Theil einschränkenden Bedingungen in veränderlichen
22   Gestalten erscheinen.


23   So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter seiner Willkür,
24   welcher nichts anders ist, als eine gewisse Causalität seiner Vernunft,
25   so fern diese an ihren Wirkungen in der Erscheinung eine Regel zeigt, darnach
26   man die Vernunftgründe und die Handlungen derselben nach ihrer
27   Art und ihren Graden abnehmen und die subjectiven Principien seiner
28   Willkür beurtheilen kann. Weil dieser empirische Charakter selbst aus den
29   Erscheinungen als Wirkung und aus der Regel derselben, welche Erfahrung
30   an die Hand giebt, gezogen werden muß: so sind alle Handlungen
31   des Menschen in der Erscheinung aus seinem empirischen Charakter und [op 578]
32   den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Natur bestimmt;
33   und wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis auf den Grund erforschen
34   könnten, so würde es keine einzige menschliche Handlung geben,
35   die wir nicht mit Gewißheit vorhersagen und aus ihren vorhergehenden
36   Bedingungen als nothwendig erkennen könnten. In Ansehung dieses
37   empirischen Charakters giebt es also keine Freiheit, und nach diesem


[seite 373]


01   können wir doch allein den Menschen betrachten, wenn wir lediglich beobachten
02   und, wie es in der Anthropologie geschieht, von seinen Handlungen
03   die bewegenden Ursachen physiologisch erforschen wollen.


04   Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die
05   Vernunft erwägen und zwar nicht die speculative, um jene ihrem Ursprunge
06   nach zu erklären, sondern ganz allein, so fern Vernunft die Ursache ist,
07   sie selbst zu erzeugen; mit einem Worte, vergleichen wir sie mit dieser
08   in praktischer Absicht, so finden wir eine ganz andere Regel und Ordnung,
09   als die Naturordnung ist. Denn da sollte vielleicht alles das
10   nicht geschehen sein, was doch nach dem Naturlaufe geschehen ist und
11   nach seinen empirischen Gründen unausbleiblich geschehen mußte. Bisweilen
12   aber finden wir, oder glauben wenigstens zu finden, daß die Ideen
13   der Vernunft wirklich Causalität in Ansehung der Handlungen des Menschen
14   als Erscheinungen bewiesen haben, und daß sie darum geschehen sind,
15   nicht weil sie durch empirische Ursachen, nein, sondern weil sie durch
16   Gründe der Vernunft bestimmt waren.

[op 579]


17   Gesetzt nun, man könnte sagen, die Vernunft habe Causalität in Ansehung
18   der Erscheinung; könnte da wohl die Handlung derselben frei
19   heißen, da sie im empirischen Charakter derselben (der Sinnesart) ganz
20   genau bestimmt und nothwendig ist? Dieser ist wiederum im intelligibelen
21   Charakter (der Denkungsart) bestimmt. Die letztere kennen wir aber
22   nicht, sondern bezeichnen sie durch Erscheinungen, welche eigentlich nur die
23   Sinnesart (empirischen Charakter) unmittelbar zu erkennen geben*). Die
24   Handlung nun, so fern sie der Denkungsart als ihrer Ursache beizumessen
25   ist, erfolgt dennoch daraus gar nicht nach empirischen Gesetzen, d. i. so, da
26   die Bedingungen der reinen Vernunft, sondern nur so, daß deren Wirkungen
27   in der Erscheinung des inneren Sinnes vorhergehen. Die reine
28   Vernunft, als ein bloß intelligibeles Vermögen, ist der Zeitform und
29   mithin auch den Bedingungen der Zeitfolge nicht unterworfen. Die Causalität
30   der Vernunft im intelligibelen Charakter entsteht nicht, oder



31   *) Die eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld) bleibt
32   uns daher, selbst die unseres eigenen Verhaltens, gänzlich verborgen. Unsere Zurechnungen
33   können nur auf den empirischen Charakter bezogen werden. Wie viel
34   aber davon reine Wirkung der Freiheit, wie viel der bloßen Natur und dem unverschuldeten
35   Fehler des Temperaments oder dessen glücklicher Beschaffenheit
36   ( merito fortunae ) zuzuschreiben sei, kann niemand ergründen und daher auch nicht
37   nach völliger Gerechtigkeit richten.


[seite 374]


01   hebt nicht etwa zu einer gewissen Zeit an, um eine Wirkung hervorzubringen. [op 580]
02   Denn sonst würde sie selbst dem Naturgesetz der Erscheinungen, so
03   fern es Causalreihen der Zeit nach bestimmt, unterworfen sein; und
04   die Causalität wäre alsdann Natur und nicht Freiheit. Also werden wir
05   sagen können: wenn Vernunft Causalität in Ansehung der Erscheinungen
06   haben kann, so ist sie ein Vermögen, durch welches die sinnliche Bedingung
07   einer empirischen Reihe von Wirkungen zuerst anfängt. Denn die
08   Bedingung, die in der Vernunft liegt, ist nicht sinnlich und fängt also
09   selbst nicht an. Demnach findet alsdann dasjenige statt, was wir in allen
10   empirischen Reihen vermißten: daß die Bedingung einer successiven
11   Reihe von Begebenheiten selbst empirisch unbedingt sein konnte. Denn
12   hier ist die Bedingung außer der Reihe der Erscheinungen (im Intelligibelen)
13   und mithin keiner sinnlichen Bedingung und keiner Zeitbestimmung
14   durch vorhergehende Ursache unterworfen.


15   Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in einer andern Beziehung
16   auch zur Reihe der Erscheinungen. Der Mensch ist selbst Erscheinung.
17   Seine Willkür hat einen empirischen Charakter, der die (empirische) Ursache
18   aller seiner Handlungen ist. Es ist keine der Bedingungen, die den
19   Menschen diesem Charakter gemäß bestimmen, welche nicht in der Reihe
20   der Naturwirkungen enthalten wäre und dem Gesetze derselben gehorchte,
21   nach welchem gar keine empirisch unbedingte Causalität von dem, was in
22   der Zeit geschieht, angetroffen wird. Daher kann keine gegebene Handlung [op 581]
23   (weil sie nur als Erscheinung wahrgenommen werden kann) schlechthin
24   von selbst anfangen. Aber von der Vernunft kann man nicht sagen,
25   daß vor demjenigen Zustande, daran sie die Willkür bestimmt, ein anderer
26   vorhergehe, darin dieser Zustand selbst bestimmt wird. Denn da Vernunft
27   selbst keine Erscheinung und gar keinen Bedingungen der Sinnlichkeit
28   unterworfen ist, so findet in ihr selbst in Betreff ihrer Causalität keine
29   Zeitfolge statt, und auf sie kann also das dynamische Gesetz der Natur,
30   was die Zeitfolge nach Regeln bestimmt, nicht angewandt werden.


31   Die Vernunft ist also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen
32   Handlungen, unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist im empirischen
33   Charakter des Menschen vorher bestimmt, ehe noch als sie geschieht.
34   In Ansehung des intelligibelen Charakters, wovon jener nur das sinnliche
35   Schema ist, gilt kein Vorher oder Nachher; und jede Handlung unangesehen
36   des Zeitverhältnisses, darin sie mit anderen Erscheinungen steht,
37   ist die unmittelbare Wirkung des intelligibelen Charakters der reinen Vernunft,


[seite 375]


01   welche mithin frei handelt, ohne in der Kette der Naturursachen
02   durch äußere oder innere, aber der Zeit nach vorhergehende Gründe dynamisch
03   bestimmt zu sein; und diese ihre Freiheit kann man nicht allein negativ
04   als Unabhängigkeit von empirischen Bedingungen ansehen (denn
05   dadurch würde das Vernunftvermögen aufhören, eine Ursache der Erscheinungen [op 582]
06   zu sein), sondern auch positiv durch ein Vermögen bezeichnen,
07   eine Reihe von Begebenheiten von selbst anzufangen, so daß in ihr selbst
08   nichts anfängt, sondern sie als unbedingte Bedingung jeder willkürlichen
09   Handlung über sich keine der Zeit nach vorhergehende Bedingungen verstattet,
10   indessen daß doch ihre Wirkung in der Reihe der Erscheinungen
11   anfängt, aber darin niemals einen schlechthin ersten Anfang ausmachen
12   kann.


13   Um das regulative Princip der Vernunft durch ein Beispiel aus dem
14   empirischen Gebrauch desselben zu erläutern, nicht um es zu bestätigen
15   (denn dergleichen Beweise sind zu transscendentalen Behauptungen untauglich),
16   so nehme man eine willkürliche Handlung, z. E. eine boshafte
17   Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in die Gesellschaft
18   gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen nach, woraus sie
19   entstanden, untersucht und darauf beurtheilt, wie sie sammt ihren Folgen
20   ihm zugerechnet werden könne. In der ersten Absicht geht man seinen
21   empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben durch, die man in der
22   schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum Theil auch in der Bösartigkeit
23   eines für Beschämung unempfindlichen Naturells aufsucht, zum Theil
24   auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt; wobei man denn die veranlassenden
25   Gelegenheitsursachen nicht aus der Acht läßt. In allem diesem
26   verfährt man, wie überhaupt in Untersuchung der Reihe bestimmender [op 583]
27   Ursachen zu einer gegebenen Naturwirkung. Ob man nun gleich die Handlung
28   dadurch bestimmt zu sein glaubt: so tadelt man nichts destoweniger
29   den Thäter und zwar nicht wegen seines unglücklichen Naturells, nicht
30   wegen der auf ihn einfließenden Umstände, ja sogar nicht wegen seines
31   vorhergeführten Lebenswandels; denn man setzt voraus, man könne es
32   gänzlich bei Seite setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die verflossene
33   Reihe von Bedingungen als ungeschehen, diese That aber als gänzlich unbedingt
34   in Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der Thäter
35   damit eine Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe. Dieser Tadel gründet
36   sich auf ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache ansieht,
37   welche das Verhalten des Menschen unangesehen aller genannten empirischen


[seite 376]


01   Bedingungen anders habe bestimmen können und sollen. Und zwar
02   sieht man die Causalität der Vernunft nicht etwa bloß wie Concurrenz,
03   sondern an sich selbst als vollständig an, wenn gleich die sinnlichen Triebfedern
04   gar nicht dafür, sondern wohl gar dawider wären; die Handlung
05   wird seinem intelligibelen Charakter beigemessen, er hat jetzt, in dem
06   Augenblicke, da er lügt, gänzlich Schuld; mithin war die Vernunft unerachtet
07   aller empirischen Bedingungen der That völlig frei, und ihrer Unterlassung
08   ist diese gänzlich beizumessen.


09   Man sieht diesem zurechnenden Urtheile es leicht an, daß man dabei
10   in Gedanken habe, die Vernunft werde durch alle jene Sinnlichkeit gar
11   nicht afficirt; sie verändere sich nicht (wenn gleich ihre Erscheinungen, [op 584]
12   nämlich die Art, wie sie sich in ihren Wirkungen zeigt, sich verändern); in
13   ihr gehe kein Zustand vorher, der den folgenden bestimme; mithin gehöre
14   sie gar nicht in die Reihe der sinnlichen Bedingungen, welche die Erscheinungen
15   nach Naturgesetzen nothwendig machen. Sie, die Vernunft, ist
16   allen Handlungen des Menschen in allen Zeitumständen gegenwärtig und
17   einerlei, selbst aber ist sie nicht in der Zeit und geräth etwa in einen neuen
18   Zustand, darin sie vorher nicht war; sie ist bestimmend, aber nicht bestimmbar
19   in Ansehung desselben. Daher kann man nicht fragen: warum
20   hat sich nicht die Vernunft anders bestimmt? sondern nur: warum hat
21   sie die Erscheinungen durch ihre Causalität nicht anders bestimmt?
22   Darauf aber ist keine Antwort möglich. Denn ein anderer intelligibeler
23   Charakter würde einen andern empirischen gegeben haben; und wenn wir
24   sagen, daß unerachtet seines ganzen bis dahin geführten Lebenswandels
25   der Thäter die Lüge doch hätte unterlassen können, so bedeutet dieses nur,
26   daß sie unmittelbar unter der Macht der Vernunft stehe, und die Vernunft
27   in ihrer Causalität keinen Bedingungen der Erscheinung und des Zeitlaufs
28   unterworfen ist, der Unterschied der Zeit auch zwar einen Hauptunterschied
29   der Erscheinungen respective gegen einander, da diese aber
30   keine Sachen, mithin auch nicht Ursachen an sich selbst sind, keinen Unterschied
31   der Handlung in Beziehung auf die Vernunft machen könne.

[op 585]


32   Wir können also mit der Beurtheilung freier Handlungen in Ansehung
33   ihrer Causalität nur bis an die intelligibele Ursache, aber nicht über
34   dieselbe hinaus kommen; wir können erkennen, daß sie frei, d. i. von der
35   Sinnlichkeit unabhängig bestimmt, und auf solche Art die sinnlich unbedingte
36   Bedingung der Erscheinungen sein könne. Warum aber der intelligibele
37   Charakter gerade diese Erscheinungen und diesen empirischen Charakter


[seite 377]


01   unter vorliegenden Umständen gebe, das überschreitet so weit alles
02   Vermögen unserer Vernunft es zu beantworten, ja alle Befugniß derselben
03   nur zu fragen, als ob man früge: woher der transscendentale Gegenstand
04   unserer äußeren sinnlichen Anschauung gerade nur Anschauung im Raume
05   und nicht irgend eine andere gebe. Allein die Aufgabe, die wir aufzulösen
06   hatten, verbindet uns hiezu gar nicht, denn sie war nur diese: ob Freiheit
07   der Naturnothwendigkeit in einer und derselben Handlung widerstreite,
08   und dieses haben wir hinreichend beantwortet, da wir zeigten, daß, da bei
09   jener eine Beziehung auf eine ganz andere Art von Bedingungen möglich
10   ist als bei dieser, das Gesetz der letzteren die erstere nicht afficire, mithin
11   beide von einander unabhängig und durch einander ungestört stattfinden
12   können.


13   Man muß wohl bemerken: daß wir hiedurch nicht die Wirklichkeit [op 586]
14   der Freiheit als eines der Vermögen, welche die Ursache von den Erscheinungen
15   unserer Sinnenwelt enthalten, haben darthun wollen. Denn
16   außer daß dieses gar keine transscendentale Betrachtung, die bloß mit
17   Begriffen zu thun hat, gewesen sein würde, so könnte es auch nicht gelingen,
18   indem wir aus der Erfahrung niemals auf etwas, was gar nicht nach
19   Erfahrungsgesetzen gedacht werden muß, schließen können. Ferner haben
20   wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit beweisen wollen;
21   denn dieses wäre auch nicht gelungen, weil wir überhaupt von keinem Realgrunde
22   und keiner Causalität aus bloßen Begriffen a priori die Möglichkeit
23   erkennen können. Die Freiheit wird hier nur als transscendentale
24   Idee behandelt, wodurch die Vernunft die Reihe der Bedingungen in der
25   Erscheinung durch das Sinnlichunbedingte schlechthin anzuheben denkt,
26   dabei sich aber in eine Antinomie mit ihren eigenen Gesetzen, welche sie
27   dem empirischen Gebrauche des Verstandes vorschreibt, verwickelt. Da
28   nun diese Antinomie auf einem bloßen Scheine beruhe, und daß Natur der
29   Causalität aus Freiheit wenigstens nicht widerstreite, das war das
30   einzige, was wir leisten konnten, und woran es uns auch einzig und
31   allein gelegen war.


[seite 378]

[op 587]


01   4.
02   Auflösung der kosmologischen Idee
03   von der
04   Totalität der Abhängigkeit der Erscheinungen
05   ihrem Dasein nach überhaupt.


06   In der vorigen Nummer betrachteten wir die Veränderungen der Sinnenwelt
07   in ihrer dynamischen Reihe, da eine jede unter einer andern als
08   ihrer Ursache steht. Jetzt dient uns diese Reihe der Zustände nur zur
09   Leitung, um zu einem Dasein zu gelangen, das die höchste Bedingung
10   alles Veränderlichen sein könne, nämlich dem nothwendigen Wesen.
11   Es ist hier nicht um die unbedingte Causalität, sondern die unbedingte
12   Existenz der Substanz selbst zu thun. Also ist die Reihe, welche wir vor
13   uns haben, eigentlich nur die von Begriffen und nicht von Anschauungen,
14   in so fern die eine die Bedingung der andern ist.


15   Man sieht aber leicht: daß, da alles in dem Inbegriffe der Erscheinungen
16   veränderlich, mithin im Dasein bedingt ist, es überall in der Reihe
17   des abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben könne, dessen Existenz
18   schlechthin nothwendig wäre, und daß also, wenn Erscheinungen
19   Dinge an sich selbst wären, eben darum aber ihre Bedingung mit dem
20   Bedingten jederzeit zu einer und derselben Reihe der Anschauungen gehörte, [op 588]
21   ein nothwendiges Wesen als Bedingung des Daseins der Erscheinungen
22   der Sinnenwelt niemals stattfinden könnte.


23   Es hat aber der dynamische Regressus dieses Eigenthümliche und Unterscheidende
24   von dem mathematischen an sich: daß, da dieser es eigentlich
25   nur mit der Zusammensetzung der Theile zu einem Ganzen, oder der Zerfällung
26   eines Ganzen in seine Theile zu thun hat, die Bedingungen dieser
27   Reihe immer als Theile derselben, mithin als gleichartig, folglich als Erscheinungen
28   angesehen werden müssen; anstatt daß in jenem Regressus,
29   da es nicht um die Möglichkeit eines unbedingten Ganzen aus gegebenen
30   Theilen, oder eines unbedingten Theils zu einem gegebenen Ganzen, sondern
31   um die Ableitung eines Zustandes von seiner Ursache, oder des zufälligen
32   Daseins der Substanz selbst von der nothwendigen zu thun ist,
33   die Bedingung nicht eben nothwendig mit dem Bedingten eine empirische
34   Reihe ausmachen dürfe.


[seite 379]


01   Also bleibt uns bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie noch
02   ein Ausweg offen, da nämlich alle beide einander widerstreitende Sätze in
03   verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können, so daß alle Dinge der
04   Sinnenwelt durchaus zufällig sind, mithin auch immer nur empirisch
05   bedingte Existenz haben, gleichwohl von der ganzen Reihe auch eine nichtempirische
06   Bedingung, d. i. ein unbedingt nothwendiges Wesen, stattfinde.
07   Denn dieses würde, als intelligibele Bedingung, gar nicht zur Reihe als [op 589]
08   ein Glied derselben (nicht einmal als das oberste Glied) gehören und auch
09   kein Glied der Reihe empirisch unbedingt machen, sondern die ganze Sinnenwelt
10   in ihrem durch alle Glieder gehenden empirisch bedingten Dasein
11   lassen. Darin würde sich also diese Art, ein unbedingtes Dasein den Erscheinungen
12   zum Grunde zu legen, von der empirisch unbedingten Causalität
13   (der Freiheit) im vorigen Artikel unterscheiden, daß bei der Freiheit
14   das Ding selbst als Ursache ( substantia phaenomenon ) dennoch in die
15   Reihe der Bedingungen gehörte, und nur seine Causalität als intelligibel
16   gedacht wurde, hier aber das nothwendige Wesen ganz außer der
17   Reihe der Sinnenwelt (als ens extramundanum ) und bloß intelligibel
18   gedacht werden müßte, wodurch allein es verhütet werden kann, daß es
19   nicht selbst dem Gesetze der Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erscheinungen
20   unterworfen werde.


21   Das regulative Princip der Vernunft ist also in Ansehung dieser
22   unserer Aufgabe: daß alles in der Sinnenwelt empirisch bedingte Existenz
23   habe, und daß es überall in ihr in Ansehung keiner Eigenschaft eine unbedingte
24   Nothwendigkeit gebe; daß kein Glied der Reihe von Bedingungen
25   sei, davon man nicht immer die empirische Bedingung in einer möglichen
26   Erfahrung erwarten und, so weit man kann, suchen müsse, und nichts uns
27   berechtige, irgend ein Dasein von einer Bedingung außerhalb der empirischen
28   Reihe abzuleiten, oder auch es als in der Reihe selbst für schlechterdings
29   unabhängig und selbstständig zu halten, gleichwohl aber dadurch [op 590]
30   gar nicht in Abrede zu ziehen, daß nicht die ganze Reihe in irgend einem
31   intelligibelen Wesen (welches darum von aller empirischen Bedingung frei
32   ist und vielmehr den Grund der Möglichkeit aller dieser Erscheinungen
33   enthält) gegründet sein könne.


34   Es ist aber hiebei gar nicht die Meinung, das unbedingt nothwendige
35   Dasein eines Wesens zu beweisen, oder auch nur die Möglichkeit einer
36   bloß intelligibelen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der Sinnenwelt
37   hierauf zu gründen; sondern nur eben so, wie wir die Vernunft einschränken,


[seite 380]


01   daß sie nicht den Faden der empirischen Bedingungen verlasse
02   und sich in transscendente und keiner Darstellung in concreto fähige
03   Erklärungsgründe verlaufe, also auch andererseits das Gesetz des bloß empirischen
04   Verstandesgebrauchs dahin einzuschränken, daß es nicht über die
05   Möglichkeit der Dinge überhaupt entscheide und das Intelligibele, ob es
06   gleich von uns zur Erklärung der Erscheinungen nicht zu gebrauchen ist,
07   darum nicht für unmöglich erkläre. Es wird also dadurch nur gezeigt,
08   daß die durchgängige Zufälligkeit aller Naturdinge und aller ihrer (empirischen)
09   Bedingungen ganz wohl mit der willkürlichen Voraussetzung
10   einer nothwendigen, obzwar bloß intelligibelen Bedingung zusammen
11   bestehen könne, also kein wahrer Widerspruch zwischen diesen Behauptungen
12   anzutreffen sei, mithin sie beiderseits wahr sein können. Es mag
13   immer ein solches schlechthin nothwendiges Verstandeswesen an sich unmöglich [op 591]
14   sein, so kann dieses doch aus der allgemeinen Zufälligkeit und
15   Abhängigkeit alles dessen, was zur Sinnenwelt gehört, imgleichen aus dem
16   Princip, bei keinem einzigen Gliede derselben, so fern es zufällig ist, aufzuhören
17   und sich auf eine Ursache außer der Welt zu berufen, keinesweges
18   geschlossen werden. Die Vernunft geht ihren Gang im empirischen und
19   ihren besondern Gang im transscendentalen Gebrauche.


20   Die Sinnenwelt enthält nichts als Erscheinungen, diese aber sind
21   bloße Vorstellungen, die immer wiederum sinnlich bedingt sind; und da
22   wir hier niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben, so
23   ist nicht zu verwundern, daß wir niemals berechtigt sind, von einem Gliede
24   der empirischen Reihen, welches es auch sei, einen Sprung außer dem Zusammenhange
25   der Sinnlichkeit zu thun, gleich als wenn es Dinge an sich
26   selbst wären, die außer ihrem transscendentalen Grunde existirten, und
27   die man verlassen könnte, um die Ursache ihres Daseins außer ihnen zu
28   suchen; welches bei zufälligen Dingen allerdings endlich Geschehen müßte,
29   aber nicht bei bloßen Vorstellungen von Dingen, deren Zufälligkeit
30   selbst nur Phänomen ist und auf keinen andern Regressus als denjenigen,
31   der die Phänomena bestimmt, d. i. der empirisch ist, führen kann. Sich
32   aber einen intelligibelen Grund der Erscheinungen, d. i. der Sinnenwelt,
33   und denselben befreit von der Zufälligkeit der letzteren denken, ist weder
34   dem uneingeschränkten empirischen Regressus in der Reihe der Erscheinungen, [op 592]
35   noch der durchgängigen Zufälligkeit derselben entgegen. Das ist
36   aber auch das Einzige, was wir zu Hebung der scheinbaren Antinomie zu
37   leisten hatten, und was sich nur auf diese Weise thun ließ. Denn ist die


[seite 381]


01   jedesmalige Bedingung zu jedem Bedingten (dem Dasein nach) sinnlich und
02   eben darum zur Reihe gehörig, so ist sie selbst wiederum bedingt (wie die
03   Antithesis der vierten Antinomie es ausweiset). Es mußte also entweder
04   ein Widerstreit mit der Vernunft, die das Unbedingte fordert, bleiben,
05   oder dieses außer der Reihe, in dem Intelligibelen gesetzt werden, dessen
06   Nothwendigkeit keine empirische Bedingung erfordert noch verstattet und
07   also respective auf Erscheinungen unbedingt nothwendig ist.


08   Der empirische Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Bedingungen
09   des Daseins in der Sinnenwelt) wird durch die Einräumung eines
10   bloß intelligibelen Wesens nicht afficirt, sondern geht nach dem Princip
11   der durchgängigen Zufälligkeit von empirischen Bedingungen zu höheren,
12   die immer eben sowohl empirisch sind. Eben so wenig schließt aber auch
13   dieser regulative Grundsatz die Annehmung einer intelligibelen Ursache,
14   die nicht in der Reihe ist, aus, wenn es um den reinen Gebrauch der Vernunft
15   (in Ansehung der Zwecke) zu thun ist. Denn da bedeutet jene nur
16   den für uns bloß transscendentalen und unbekannten Grund der Möglichkeit
17   der sinnlichen Reihe überhaupt, dessen von allen Bedingungen der
18   letzteren unabhängiges und in Ansehung dieser unbedingt nothwendiges
19   Dasein der unbegrenzten Zufälligkeit der ersteren und darum auch dem [op 593]
20   nirgend geendigten Regressus in der Reihe empirischer Bedingungen gar
21   nicht entgegen ist.


22   Schlußanmerkung
23   zur ganzen Antinomie der reinen Vernunft.


24   So lange wir mit unseren Vernunftbegriffen bloß die Totalität der
25   Bedingungen in der Sinnenwelt, und was in Ansehung ihrer der Vernunft
26   zu Diensten geschehen kann, zum Gegenstande haben: so sind unsere
27   Ideen zwar transscendental, aber doch kosmologisch. So bald wir aber
28   das Unbedingte (um das es doch eigentlich zu thun ist) in demjenigen
29   setzen, was ganz außerhalb der Sinnenwelt, mithin außer aller möglichen
30   Erfahrung ist, so werden die Ideen transscendent: sie dienen nicht
31   bloß zur Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs (die immer eine
32   nie auszuführende, aber dennoch zu befolgende Idee bleibt), sondern sie
33   trennen sich davon gänzlich und machen sich selbst Gegenstände, deren Stoff
34   nicht aus Erfahrung genommen, deren objective Realität auch nicht auf
35   der Vollendung der empirischen Reihe, sondern auf reinen Begriffen a priori


[seite 382]


01   beruht. Dergleichen transscendente Ideen haben einen bloß intelligibelen
02   Gegenstand, welchen als ein transscendentales Object, von dem man übrigens
03   nichts weiß, zuzulassen, allerdings erlaubt ist, wozu aber, um es als
04   ein durch seine unterscheidende und innere Prädicate bestimmbares Ding [op 594]
05   zu denken, wir weder Gründe der Möglichkeit (als unabhängig von allen
06   Erfahrungsbegriffen), noch die mindeste Rechtfertigung, einen solchen Gegenstand
07   anzunehmen, auf unserer Seite haben, und welches daher ein
08   bloßes Gedankending ist. Gleichwohl dringt uns unter allen kosmologischen
09   Ideen diejenige, so die vierte Antinomie veranlaßte, diesen Schritt
10   zu wagen. Denn das in sich selbst ganz und gar nicht gegründete, sondern
11   stets bedingte Dasein der Erscheinungen fordert uns auf: uns nach
12   etwas von allen Erscheinungen Unterschiedenem, mithin einem intelligibelen
13   Gegenstande umzusehen, bei welchem diese Zufälligkeit aufhöre.
14   Weil aber, wenn wir uns einmal die Erlaubniß genommen haben, außer
15   dem Felde der gesammten Sinnlichkeit eine für sich bestehende Wirklichkeit
16   anzunehmen, Erscheinungen nur als zufällige Vorstellungsarten intelligibeler
17   Gegenstände von solchen Wesen, die selbst Intelligenzen sind, anzusehen
18   sind: so bleibt uns nichts anders übrig als die Analogie, nach der
19   wir die Erfahrungsbegriffe nutzen, um uns von intelligibelen Dingen, von
20   denen wir an sich nicht die mindeste Kenntniß haben, doch irgend einigen
21   Begriff zu machen. weil wir das Zufällige nicht anders als durch Erfahrung
22   kennen lernen, hier aber von Dingen, die gar nicht Gegenstände
23   der Erfahrung sein sollen, die Rede ist, so werden wir ihre Kenntniß aus
24   dem, was an sich nothwendig ist, aus reinen Begriffen von Dingen überhaupt,
25   ableiten müssen. Daher nöthigt uns der erste Schritt, den wir [op 595]
26   außer der Sinnenwelt thun, unsere neue Kenntnisse von der Untersuchung
27   des schlechthin nothwendigen Wesens anzufangen und von den Begriffen
28   desselben die Begriffe von allen Dingen, so fern sie bloß intelligibel sind,
29   abzuleiten; und diesen Versuch wollen wir in dem folgenden Hauptstücke
30   anstellen.


[seite 383]


01   Des
02   Zweiten Buchs der transscendentalen Dialektik
03   Drittes Hauptstück.
04   Das Ideal der reinen Vernunft.


05   Erster Abschnitt.
06   Von dem Ideal überhaupt.


07   Wir haben oben gesehen, daß durch reine Verstandesbegriffe
08   ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit gar keine Gegenstände können
09   vorgestellt werden, weil die Bedingungen der objectiven Realität derselben
10   fehlen, und nichts als die bloße Form des Denkens in ihnen angetroffen
11   wird. Gleichwohl können sie in concreto dargestellt werden, wenn man
12   sie auf Erscheinungen anwendet; denn an ihnen haben sie eigentlich den
13   Stoff zum Erfahrungsbegriffe, der nichts als ein Verstandesbegriff in
14   concreto ist. Ideen aber sind noch weiter von der objectiven Realität
15   entfernt als Kategorien; denn es kann keine Erscheinung gefunden
16   werden, an der sie sich in concreto vorstellen ließen. Sie enthalten eine [op 596]
17   gewisse Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische Erkenntni
18   zulangt, und die Vernunft hat dabei nur eine systematische Einheit im
19   Sinne, welcher sie die empirisch mögliche Einheit zu nähern sucht, ohne sie
20   jemals völlig zu erreichen.


21   Aber noch weiter als die Idee scheint dasjenige von der objectiven
22   Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne, und worunter ich die
23   Idee nicht bloß in concreto , sondern in individuo , d. i. als ein einzelnes,
24   durch die Idee allein bestimmbares oder gar bestimmtes Ding, verstehe.


25   Die Menschheit in ihrer ganzen Vollkommenheit enthält nicht allein
26   die Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen Eigenschaften,
27   welche unseren Begriff von derselben ausmachen, bis zur vollständigen
28   Congruenz mit ihren Zwecken, welches unsere Idee der vollkommenen
29   Menschheit sein würde, sondern auch alles, was außer diesem Begriffe zu
30   der durchgängigen Bestimmung der Idee gehört; denn von allen entgegengesetzten
31   Prädicaten kann sich doch nur ein einziges zu der Idee des vollkommensten
32   Menschen schicken. Was uns ein Ideal ist, war dem PlatoPI
33   eine Idee des göttlichen Verstandes, ein einzelner Gegenstand in der


[seite 384]


01   reinen Anschauung desselben, das Vollkommenste einer jeden Art möglicher
02   Wesen und der Urgrund aller Nachbilder in der Erscheinung.

[op 597]


03   Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gestehen, daß die
04   menschliche Vernunft nicht allein Ideen, sondern auch Ideale enthalte, die
05   zwar nicht wie die Platonischen schöpferische, aber doch praktische Kraft
06   (als regulative Principien) haben und der Möglichkeit der Vollkommenheit
07   gewisser Handlungen zum Grunde liegen. Moralische Begriffe sind
08   nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas Empirisches (Lust
09   oder Unlust) zum Grunde liegt. Gleichwohl können sie in Ansehung des
10   Princips, wodurch die Vernunft der an sich gesetzlosen Freiheit Schranken
11   setzt, (also wenn man bloß auf ihre Form Acht hat) gar wohl zum Beispiele
12   reiner Vernunftbegriffe dienen. Tugend und mit ihr menschliche
13   Weisheit in ihrer ganzen Reinigkeit sind Ideen. Aber der Weise (des
14   Stoikers) ist ein Ideal, d. i. ein Mensch, der bloß in Gedanken existirt,
15   der aber mit der Idee der Weisheit völlig congruirt. So wie die Idee die
16   Regel giebt, so dient das Ideal in solchem Falle zum Urbilde der durchgängigen
17   Bestimmung des Nachbildes; und wir haben kein anderes Richtma
18   unserer Handlungen, als das Verhalten dieses göttlichen Menschen
19   in uns, womit wir uns vergleichen, beurtheilen und dadurch uns bessern,
20   obgleich es niemals erreichen können. Diese Ideale, ob man ihnen gleich
21   nicht objective Realität (Existenz) zugestehen möchte, sind doch um deswillen
22   nicht für Hirngespinnste anzusehen, sondern geben ein unentbehrliches [op 598]
23   Richtmaß der Vernunft ab, die des Begriffs von dem, was in seiner
24   Art ganz vollständig ist, bedarf, um darnach den Grad und die Mängel
25   des Unvollständigen zu schätzen und abzumessen. Das Ideal aber in einem
26   Beispiele, d. i. in der Erscheinung, realisiren wollen, wie etwa den Weisen
27   in einem Roman, ist unthunlich und hat überdem etwas Widersinnisches
28   und wenig Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche
29   der Vollständigkeit in der Idee continuirlich Abbruch thun, alle Illusion
30   in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee
31   liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen.


32   So ist es mit dem Ideale der Vernunft bewandt, welches jederzeit
33   auf bestimmten Begriffen beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der
34   Befolgung oder Beurtheilung, dienen muß. Ganz anders verhält es sich
35   mit den Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber sich niemand erklären
36   und einen verständlichen Begriff geben kann, gleichsam Monogrammen,
37   die nur einzelne, obzwar nach keiner angeblichen Regel bestimmte Züge


[seite 385]


01   sind, welche mehr eine im Mittel verschiedener Erfahrungen gleichsam
02   schwebende Zeichnung, als ein bestimmtes Bild ausmachen, dergleichen
03   Maler und Physiognomen in ihrem Kopfe zu haben vorgeben, und die ein
04   nicht mitzutheilendes Schattenbild ihrer Producte oder auch Beurtheilungen
05   sein sollen. Sie können, obzwar nur uneigentlich, Ideale der Sinnlichkeit
06   genannt werden, weil sie das nicht erreichbare Muster möglicher [op 599]
07   empirischer Anschauungen sein sollen und gleichwohl keine der Erklärung
08   und Prüfung fähige Regel abgeben.


09   Die Absicht der Vernunft mit ihrem Ideale ist dagegen die durchgängige
10   Bestimmung nach Regeln a priori; daher sie sich einen Gegenstand
11   denkt, der nach Principien durchgängig bestimmbar sein soll, obgleich
12   dazu die hinreichenden Bedingungen in der Erfahrung mangeln
13   und der Begriff selbst also transscendent ist.


14   Des dritten Hauptstücks
15   Zweiter Abschnitt.
16   Von dem transscendentalen Ideal


17   ( Prototypon transscendentale ).


18   Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, was in ihm selbst nicht
19   enthalten ist, unbestimmt und steht unter dem Grundsatze der Bestimmbarkeit:
20   daß nur eines von jeden zwei einander contradictorisch entgegengesetzten
21   Prädicaten ihm zukommen könne, welcher auf dem Satze des
22   Widerspruchs beruht und daher ein bloß logisches Princip ist, das von
23   allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt und nichts als die logische Form
24   derselben vor Augen hat.


25   Ein jedes Ding aber seiner Möglichkeit nach steht noch unter dem
26   Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von [op 600]
27   allen möglichen Prädicaten der Dinge, so fern sie mit ihren Gegentheilen
28   verglichen werden, eines zukommen muß. Dieses beruht nicht blo
29   auf dem Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet außer dem Verhältni
30   zweier einander widerstreitenden Prädicate jedes Ding noch im Verhältni
31   auf die gesammte Möglichkeit, als den Inbegriff aller Prädicate
32   der Dinge überhaupt, und indem es solche als Bedingung a priori
33   voraussetzt, so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es von dem Antheil, den


[seite 386]


01   es an jener gesammten Möglichkeit hat, seine eigene Möglichkeit ableite*).
02   Das Principium der durchgängigen Bestimmung betrifft also den Inhalt
03   und nicht bloß die logische Form. Es ist der Grundsatz der Synthesis aller
04   Prädicate, die den vollständigen Begriff von einem Dinge machen sollen,
05   und nicht bloß der analytischen Vorstellung durch eines zweier entgegengesetzten [op 601]
06   Prädicate, und enthält eine transscendentale Voraussetzung, nämlich
07   die der Materie zu aller Möglichkeit, welche a priori die Data zur
08   besonderen Möglichkeit jedes Dinges enthalten soll.


09   Der Satz: alles Existirende ist durchgängig bestimmt, bedeutet
10   nicht allein, daß von jedem Paare einander entgegengesetzter gegebenen,
11   sondern auch von allen möglichen Prädicaten ihm immer eines
12   zukomme; es werden durch diesen Satz nicht bloß Prädicate unter einander
13   logisch, sondern das Ding selbst mit dem Inbegriffe aller möglichen Prädicate
14   transscendental verglichen. Er will so viel sagen als: um ein Ding
15   vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen und es dadurch,
16   es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die durchgängige Bestimmung
17   ist folglich ein Begriff, den wir niemals in concreto seiner Totalität
18   nach darstellen können, und gründet sich also auf einer Idee, welche
19   lediglich in der Vernunft ihren Sitz hat, die dem Verstande die Regel seines
20   vollständigen Gebrauchs vorschreibt.


21   Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit,
22   so fern er als Bedingung der durchgängigen Bestimmung eines jeden Dinges
23   zum Grunde liegt, in Ansehung der Prädicate, die denselben ausmachen
24   mögen, selbst noch unbestimmt ist, und wir dadurch nichts weiter als einen
25   Inbegriff aller möglichen Prädicate überhaupt denken, so finden wir doch
26   bei näherer Untersuchung, daß diese Idee als Urbegriff eine Menge von [op 602]
27   Prädicaten ausstoße, die als abgeleitet durch andere schon gegeben sind,
28   oder neben einander nicht stehen können, und daß sie sich bis zu einem



29   *) Es wird also durch diesen Grundsatz jedes Ding auf ein gemeinschaftliches
30   Correlatum, nämlich die gesammte Möglichkeit, bezogen, welche, wenn sie (d. i. der Stoff
31   zu allen möglichen Prädicaten) in der Idee eines einzigen Dinges angetroffen würde,
32   eine Affinität alles Möglichen durch die Identität des Grundes der durchgängigen Bestimmungen
33   desselben beweisen würde. Die Bestimmbarkeit eines jeden Begriffs
34   ist der Allgemeinheit ( Universalitas ) des Grundsatzes der Ausschließung eines Mittleren
35   zwischen zwei entgegengesetzten Prädicaten, die Bestimmung aber eines Dinges
36   der Allheit ( Universitas ) oder dem Inbegriffe aller möglichen Prädicate untergeordnet.


[seite 387]


01   durchgängig a priori bestimmten Begriffe läutere und dadurch der Begriff
02   von einem einzelnen Gegenstande werde, der durch die bloße Idee durchgängig
03   bestimmt ist, mithin ein Ideal der reinen Vernunft genannt
04   werden muß.


05   Wenn wir alle mögliche Prädicate nicht bloß logisch, sondern transscendental,
06   d. i. nach ihrem Inhalte, der an ihnen a priori gedacht werden
07   kann, erwägen, so finden wir, daß durch einige derselben ein Sein, durch
08   andere ein bloßes Nichtsein vorgestellt wird. Die logische Verneinung, die
09   lediglich durch das Wörtchen Nicht angezeigt wird, hängt eigentlich niemals
10   einem Begriffe, sondern nur dem Verhältnisse desselben zu einem
11   andern im Urtheile an und kann also dazu bei weitem nicht hinreichend
12   sein, einen Begriff in Ansehung seines Inhalts zu bezeichnen. Der Ausdruck
13   Nichtsterblich kann gar nicht zu erkennen geben, daß dadurch ein
14   bloßes Nichtsein am Gegenstande vorgestellt werde, sondern läßt allen
15   Inhalt unberührt. Eine transscendentale Verneinung bedeutet dagegen
16   das Nichtsein an sich selbst, dem die transscendentale Bejahung entgegengesetzt
17   wird, welche ein Etwas ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein
18   Sein ausdrückt und daher Realität (Sachheit) genannt wird, weil durch
19   sie allein, und so weit sie reicht, Gegenstände Etwas (Dinge) sind, die [op 603]
20   entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet und,
21   wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges vorgestellt wird.


22   Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne da
23   er die entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der Blindgeborne
24   kann sich nicht die mindeste Vorstellung von Finsterniß machen,
25   weil er keine vom Lichte hat; der Wilde nicht von Armuth, weil er den
26   Wohlstand nicht kennt.*) Der Unwissende hat keinen Begriff von seiner
27   Unwissenheit, weil er keinen von der Wissenschaft hat, u. s. w.. Es sind also
28   auch alle Begriffe der Negationen abgeleitet, und die Realitäten enthalten
29   die Data und so zu sagen die Materie oder den transscendentalen Inhalt
30   zu der Möglichkeit und durchgängigen Bestimmung aller Dinge.


31   Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein



32   *) Die Beobachtungen und Berechnungen der Sternkundigen haben uns viel
33   Bewundernswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste ist wohl, daß sie uns den Abgrund
34   der Unwissenheit aufgedeckt haben, den die menschliche Vernunft ohne diese Kenntnisse
35   sich niemals so groß hätte vorstellen können, und worüber das Nachdenken eine
36   große Veränderung in der Bestimmung der Endabsichten unseres Vernunftgebrauchs
37   hervorbringen muß.


[seite 388]


01   transscendentales Substratum zum Grunde gelegt wird, welches gleichsam
02   den ganzen Vorrath des Stoffes, daher alle mögliche Prädicate der Dinge
03   genommen werden können, enthält, so ist dieses Substratum nichts anders, [op 604]
04   als die Idee von einem all der Realität ( omnitudo realitatis ). Alle wahre
05   Verneinungen sind alsdann nichts als Schranken, welches sie nicht genannt
06   werden könnten, wenn nicht das unbeschränkte (das all) zum Grunde läge.


07   Es ist aber auch durch diesen allbesitz der Realität der Begriff eines
08   Dinges an sich selbst als durchgängig bestimmt vorgestellt, und der
09   Begriff eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen Wesens, weil
10   von allen möglichen entgegengesetzten Prädicaten eines, nämlich das, was
11   zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung angetroffen wird. Also
12   ist es ein transscendentales Ideal, welches der durchgängigen Bestimmung,
13   die nothwendig bei allem, was existirt, angetroffen wird, zum Grunde
14   liegt und die oberste und vollständige materiale Bedingung seiner Möglichkeit
15   ausmacht, auf welcher alles Denken der Gegenstände überhaupt
16   ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden muß. Es ist aber auch das einzige
17   eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vernunft fähig ist, weil nur
18   in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge
19   durch sich selbst durchgängig bestimmt und als die Vorstellung von einem
20   Individuum erkannt wird.


21   Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht
22   auf einem disjunctiven Vernunftschlusse, in welchem der Obersatz eine
23   logische Eintheilung (die Theilung der Sphäre eines allgemeinen Begriffs) [op 605]
24   enthält, der Untersatz diese Sphäre bis auf einen Theil einschränkt und der
25   Schlußsatz den Begriff durch diesen bestimmt. Der allgemeine Begriff
26   einer Realität überhaupt kann a priori nicht eingetheilt werden, weil man
27   ohne Erfahrung keine bestimmte Arten von Realität kennt, die unter jener
28   Gattung enthalten wären. Also ist der transscendentale Obersatz der durchgängigen
29   Bestimmung aller Dinge nichts anders, als die Vorstellung des
30   Inbegriffs aller Realität, nicht bloß ein Begriff, der alle Prädicate ihrem
31   transscendentalen Inhalte nach unter sich, sondern der sie in sich begreift;
32   und die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht
33   auf der Einschränkung dieses All der Realität, indem einiges derselben
34   dem Dinge beigelegt, das übrige aber ausgeschlossen wird, welches mit
35   dem Entweder und Oder des disjunctiven Obersatzes und der Bestimmung


[seite 389]


01   des Gegenstandes durch eins der Glieder dieser Theilung im Untersatze
02   übereinkommt. Demnach ist der Gebrauch der Vernunft, durch den
03   sie das transscendentale Ideal zum Grunde ihrer Bestimmung aller möglichen
04   Dinge legt, demjenigen analogisch, nach welchem sie in disjunctiven
05   Vernunftschlüssen verfährt; welches der Satz war, den ich oben zum Grunde
06   der systematischen Eintheilung aller transscendentalen Ideen legte, nach
07   welchem sie den drei Arten von Vernunftschlüssen parallel und correspondirend
08   erzeugt werden.


09   Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht,
10   nämlich sich lediglich die nothwendige durchgängige Bestimmung der Dinge [op 606]
11   vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem ideale gemä
12   ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von einer unbedingten
13   Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d. i. die
14   des Eingeschränkten, abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das Urbild ( Prototypon )
15   aller Dinge, welche insgesammt als mangelhafte Copeien ( ectypa )
16   den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen und, indem sie demselben
17   mehr oder weniger nahe kommen, dennoch jederzeit unendlich weit daran
18   fehlen, es zu erreichen.


19   So wird denn alle Möglichkeit der Dinge (der Synthesis des Mannigfaltigen
20   ihrem Inhalte nach) als abgeleitet und nur allein die desjenigen,
21   was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich angesehen.
22   Denn alle Verneinungen (welche doch die einzigen Prädicate sind, wodurch
23   sich alles andere vom realsten Wesen unterscheiden läßt) sind bloße Einschränkungen
24   einer größeren und endlich der höchsten Realität, mithin setzen
25   sie diese voraus und sind dem Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet. Alle
26   Mannigfaltigkeit der Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den Begriff
27   der höchsten Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist, einzuschränken,
28   so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den unendlichen
29   Raum einzuschränken, möglich sind. Daher wird der bloß in der Vernunft
30   befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen ( ens originarium ),
31   so fern es keines über sich hat, das höchste Wesen ( ens summum ), und [op 607]
32   so fern alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen aller Wesen ( ens
33   entium ) genannt. Alles dieses aber bedeutet nicht das objective Verhältni
34   eines wirklichen Gegenstandes zu andern Dingen, sondern der Idee
35   zu Begriffen und läßt uns wegen der Existenz eines Wesens von so ausnehmendem
36   Vorzuge in völliger Unwissenheit.


37   Weil man auch nicht sagen kann, daß ein Urwesen aus viel abgeleiteten


[seite 390]


01   Wesen bestehe, indem ein jedes derselben jenes voraussetzt, mithin es
02   nicht ausmachen kann, so wird das Ideal des Urwesens auch als einfach
03   gedacht werden müssen.


04   Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen wird
05   daher, genau zu reden, auch nicht als eine Einschränkung seiner höchsten
06   Realität und gleichsam als eine Theilung derselben angesehen werden
07   können; denn alsdann würde das Urwesen als ein bloßes Aggregat
08   von abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem vorigen unmöglich
09   ist, ob wir es gleich anfänglich, im ersten rohen Schattenrisse, so
10   vorstellten. Vielmehr würde der Möglichkeit aller Dinge die höchste Realität
11   als ein Grund und nicht als Inbegriff zum Grunde liegen und
12   die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der Einschränkung des Urwesens
13   selbst, sondern seiner vollständigen Folge beruhen, zu welcher denn auch
14   unsere ganze Sinnlichkeit sammt aller Realität in der Erscheinung gehören
15   würde, die zu der Idee des höchsten Wesens als ein Ingredienz nicht gehören
16   kann.

[op 608]


17   Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasiren, so
18   ferner nachgehen, so werden wir das Urwesen durch den bloßen Begriff
19   der höchsten Realität als ein einiges, einfaches, allgenugsames, ewiges etc.,
20   mit einem Worte, es in seiner unbedingten Vollständigkeit durch alle Prädicamente
21   bestimmen können. Der Begriff eines solchen Wesens ist der
22   von Gott, in transscendentalem Verstande gedacht; und so ist das Ideal
23   der reinen Vernunft der Gegenstand einer transscendentalen Theologie,
24   so wie ich es auch oben angeführt habe.


25   Indessen würde dieser Gebrauch der transscendentalen Idee doch schon
26   die Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. Denn die
27   Vernunft legte sie nur als den Begriff von aller Realität der durchgängigen
28   Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu verlangen,
29   daß alle diese Realität objectiv gegeben sei und selbst ein Ding ausmache.
30   Dieses letztere ist eine bloße Erdichtung, durch welche wir das Mannigfaltige
31   unserer Idee in einem Ideale als einem besonderen Wesen zusammenfassen
32   und realisiren, wozu wir keine Befugniß haben, sogar nicht einmal,
33   die Möglichkeit einer solchen Hypothese geradezu anzunehmen; wie denn
34   auch alle Folgerungen, die aus einem solchen Ideale abfließen, die durchgängige
35   Bestimmung der Dinge überhaupt, als zu deren Behuf die Idee
36   allein nöthig war, nichts angehen und darauf nicht den mindesten Einflu
37   haben.


[seite 391]

[op 609]


01   Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik
02   zu beschreiben, man muß auch die Quellen derselben zu entdecken suchen,
03   um diesen Schein selbst wie ein Phänomen des Verstandes erklären zu
04   können; denn das Ideal, wovon wir reden, ist auf einer natürlichen und
05   nicht bloß willkürlichen Idee gegründet. Daher frage ich: wie kommt die
06   Vernunft dazu, alle Möglichkeit der Dinge als abgeleitet von einer einzigen,
07   die zum Grunde liegt, nämlich der der höchsten Realität, anzusehen
08   und diese sodann als in einem besondern Urwesen enthalten vorauszusetzen?


10   Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transscendentalen
11   Analytik von selbst dar. Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne
12   ist ein Verhältniß derselben zu unserm Denken, worin etwas (nämlich die
13   empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was die
14   Materie ausmacht, die Realität in der Erscheinung (was der Empfindung
15   entspricht), gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht und
16   mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden könnte. Nun kann ein
17   Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er mit
18   allen Prädicaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe bejahend
19   oder verneinend vorgestellt wird. Weil aber darin dasjenige, was das
20   Ding selbst (in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das Reale, gegeben
21   sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht werden könnte; dasjenige [op 610]
22   aber, worin das Reale aller Erscheinungen gegeben ist, die einige allbefassende
23   Erfahrung ist: so muß die Materie zur Möglichkeit aller Gegenstände
24   der Sinne als in einem Inbegriffe gegeben vorausgesetzt werden,
25   auf dessen Einschränkung allein alle Möglichkeit empirischer Gegenstände,
26   ihr Unterschied von einander und ihre durchgängige Bestimmung beruhen
27   kann. Nun können uns in der That keine andere Gegenstände als die der
28   Sinne und nirgend als in dem Context einer möglichen Erfahrung gegeben
29   werden, folglich ist nichts für uns ein Gegenstand, wenn es nicht
30   den Inbegriff aller empirischen Realität als Bedingung seiner Möglichkeit
31   voraussetzt. Nach einer natürlichen Illusion sehen wir nun das für
32   einen Grundsatz an, der von allen Dingen überhaupt gelten müsse, welcher
33   eigentlich nur von denen gilt, die als Gegenstände unserer Sinne gegeben
34   werden. Folglich werden wir das empirische Princip unserer Begriffe der
35   Möglichkeit der Dinge als Erscheinungen durch Weglassung dieser Einschränkung
36   für ein transscendentales Princip der Möglichkeit der Dinge
37   überhaupt halten.


[seite 392]


01   Daß wir aber hernach diese Idee vom Inbegriffe aller Realität hypostasiren,
02   kommt daher: weil wir die distributive Einheit des Erfahrungsgebrauchs
03   des Verstandes in die collective Einheit eines Erfahrungsganzen
04   dialektisch verwandeln und an diesem Ganzen der Erscheinung uns
05   ein einzelnes Ding denken, was alle empirische Realität in sich enthält, [op 611]
06   welches denn vermittelst der schon gedachten transscendentalen Subreption
07   mit dem Begriffe eines Dinges verwechselt wird, was an der Spitze der
08   Möglichkeit aller Dinge steht, zu deren durchgängiger Bestimmung es die
09   realen Bedingungen hergiebt.*)


10   Des dritten Hauptstücks
11   Dritter Abschnitt.
12   Von den Beweisgründen der speculativen Vernunft, auf das
13   Dasein eines höchsten Wesens zu schließen.


14   Ungeachtet dieses dringenden Bedürfnisses der Vernunft, etwas vorauszusetzen,
15   was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung seiner
16   Begriffe vollständig zum Grunde liegen könne, so bemerkt sie doch das
17   Idealische und bloß Gedichtete einer solchen Voraussetzung viel zu leicht, [op 612]
18   als daß sie dadurch allein überredet werden sollte, ein bloßes Selbstgeschöpf
19   ihres Denkens sofort für ein wirkliches Wesen anzunehmen, wenn
20   sie nicht wodurch anders gedrungen würde, irgendwo ihren Ruhestand in
21   dem Regressus vom Bedingten, das gegeben ist, zum Unbedingten zu suchen,
22   das zwar an sich und seinem bloßen Begriff nach nicht als wirklich gegeben
23   ist, welches aber allein die Reihe der zu ihren Gründen hinausgeführten
24   Bedingungen vollenden kann. Dieses ist nun der natürliche Gang, den
25   jede menschliche Vernunft, selbst die gemeinste, nimmt, obgleich nicht eine



26   *) Dieses Ideal des allerrealsten Wesens wird also, ob es zwar eine bloße
27   Vorstellung ist, zuerst realisirt, d. i. zum Object gemacht, darauf hypostasirt,
28   endlich durch einen natürlichen Fortschritt der Vernunft zur Vollendung der Einheit
29   sogar personificirt, wie wir bald anführen werden; weil die regulative Einheit
30   der Erfahrung nicht auf den Erscheinungen selbst (der Sinnlichkeit allein), sondern
31   auf der Verknüpfung ihres Mannigfaltigen durch den Verstand (in einer Apperception)
32   beruht, mithin die Einheit der höchsten Realität und die durchgängige Bestimmbarkeit
33   (Möglichkeit) aller Dinge in einem höchsten Verstande, mithin in einer
34   Intelligenz zu liegen scheint.


[seite 393]


01   jede in demselben aushält. Sie fängt nicht von Begriffen, sondern von
02   der gemeinen Erfahrung an und legt also etwas Existirendes zum Grunde.
03   Dieser Boden aber sinkt, wenn er nicht auf dem unbeweglichen Felsen des
04   Absolutnothwendigen ruht. Dieser selber aber schwebt ohne Stütze, wenn
05   noch außer und unter ihm leerer Raum ist, und er nicht selbst alles erfüllt
06   und dadurch keinen Platz zum Warum mehr übrig läßt, d. i. der Realität
07   nach unendlich ist.


08   Wenn etwas, was es auch sei, existirt, so muß auch eingeräumt werden,
09   daß irgend etwas nothwendigerweise existire. Denn das Zufällige
10   existirt nur unter der Bedingung eines anderen als seiner Ursache,
11   und von dieser gilt der Schluß fernerhin bis zu einer Ursache, die nicht
12   zufällig und eben darum ohne Bedingung nothwendigerweise da ist. Das
13   ist das Argument, worauf die Vernunft ihren Fortschritt zum Urwesen
14   gründet.

[op 613]


15   Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, das
16   sich zu einem solchen Vorzuge der Existenz als die unbedingte Nothwendigkeit
17   schicke, nicht sowohl um alsdann von dem Begriffe desselben a priori
18   auf sein Dasein zu schließen (denn getrauete sie sich dieses, so dürfte sie
19   überhaupt nur unter bloßen Begriffen forschen und hätte nicht nöthig, ein
20   gegebenes Dasein zum Grunde zu legen), sondern nur um unter allen
21   Begriffen möglicher Dinge denjenigen zu finden, der nichts der absoluten
22   Nothwendigkeit Widerstreitendes in sich hat. Denn daß doch irgend etwas
23   schlechthin nothwendig existiren müsse, hält sie nach dem ersteren Schlusse
24   schon für ausgemacht. Wenn sie nun alles wegschaffen kann, was sich mit
25   dieser Nothwendigkeit nicht verträgt, außer einem: so ist dieses das schlechthin
26   nothwendige Wesen, man mag nun die Nothwendigkeit desselben begreifen,
27   d. i. aus seinem Begriffe allein ableiten können, oder nicht.
28   Nun scheint dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum
29   in sich enthält, das in keinem Stücke und in keiner Absicht defect ist, welches
30   allerwärts als Bedingung hinreicht, eben darum das zur absoluten
31   Nothwendigkeit schickliche Wesen zu sein, weil es bei dem Selbstbesitz aller
32   Bedingungen zu allem Möglichen selbst keiner Bedingung bedarf, ja derselben
33   nicht einmal fähig ist, folglich wenigstens in einem Stücke dem Begriffe
34   der unbedingten Nothwendigkeit ein Genüge thut, darin es kein [op 614]
35   anderer Begriff ihm gleichthun kann, der, weil er mangelhaft und der Ergänzung
36   bedürftig ist, kein solches Merkmal der Unabhängigkeit von allen
37   ferneren Bedingungen an sich zeigt. Es ist wahr, daß hieraus noch nicht


[seite 394]


01   sicher gefolgert werden könne, daß, was nicht die höchste und in aller Absicht
02   vollständige Bedingung in sich enthält, darum selbst seiner Existenz
03   nach bedingt sein müsse; aber es hat denn doch das einzige Merkzeichen
04   des unbedingten Daseins nicht an sich, dessen die Vernunft mächtig ist,
05   um durch einen Begriff a priori irgend ein Wesen als unbedingt zu erkennen.


07   Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität würde sich also
08   unter allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt
09   nothwendigen Wesens am besten schicken, und wenn er diesem auch nicht
10   völlig genugthut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen uns genöthigt,
11   uns an ihn zu halten; weil wir die Existenz eines nothwendigen
12   Wesens nicht in den Wind schlagen dürfen, geben wir sie aber zu, doch in
13   dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts finden können, was auf einen
14   solchen Vorzug im Dasein einen gegründetern Anspruch machen könnte.


15   So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaffen.
16   Zuerst überzeugt sie sich vom Dasein irgend eines nothwendigen Wesens.
17   In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie den Begriff [op 615]
18   des Unabhängigen von aller Bedingung und findet ihn in dem, was selbst
19   die zureichende Bedingung zu allem andern ist, d. i. in demjenigen, was
20   alle Realität enthält. Das All aber ohne Schranken ist absolute Einheit
21   und führt den Begriff eines einigen, nämlich des höchsten Wesens bei sich;
22   und so schließt sie, daß das höchste Wesen als Urgrund aller Dinge schlechthin
23   nothwendiger Weise da sei.


24   Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten werden,
25   wenn von Entschließungen die Rede ist, nämlich wenn einmal das
26   Dasein irgend eines nothwendigen Wesens zugegeben wird, und man darin
27   übereinkommt, daß man seine Partei ergreifen müsse, worin man dasselbe
28   setzen wolle; denn alsdann kann man nicht schicklicher wählen, oder
29   man hat vielmehr keine Wahl, sondern ist genöthigt, der absoluten Einheit
30   der vollständigen Realität als dem Urquelle der Möglichkeit seine Stimme
31   zu geben. Wenn uns aber nichts treibt, uns zu entschließen, und wir lieber
32   diese ganze Sache dahin gestellt sein ließen, bis wir durch das volle Gewicht
33   der Beweisgründe zum Beifalle gezwungen würden, d. i. wenn es
34   bloß um Beurtheilung zu thun ist, wie viel wir von dieser Aufgabe
35   wissen, und was wir uns nur zu wissen schmeicheln: dann erscheint obiger
36   Schluß bei weitem nicht in so vortheilhafter Gestalt und bedarf Gunst, um
37   den Mangel seiner Rechtsansprüche zu ersetzen.


[seite 395]


01   Denn wenn wir alles so gut sein lassen, wie es hier vor uns liegt: [op 616]
02   daß nämlich erstlich von irgend einer gegebenen Existenz (allenfalls auch
03   bloß meiner eigenen) ein richtiger Schluß auf die Existenz eines unbedingt
04   nothwendigen Wesens stattfinde; zweitens daß ich ein Wesen, welches
05   alle Realität, mithin auch alle Bedingung enthält, als schlechthin
06   unbedingt Ansehen müsse, folglich der Begriff des Dinges, welches sich zur
07   absoluten Nothwendigkeit schickt, hiedurch gefunden sei: so kann daraus
08   doch gar nicht geschlossen werden, daß der Begriff eines eingeschränkten
09   Wesens, das nicht die höchste Realität hat, darum der absoluten Nothwendigkeit
10   widerspreche. Denn ob ich gleich in seinem Begriffe nicht das Unbedingte
11   antreffe, was das All der Bedingungen schon bei sich führt, so
12   kann daraus doch gar nicht gefolgert werden, daß sein Dasein eben darum
13   bedingt sein müsse; so wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht
14   sagen kann: wo eine gewisse Bedingung (nämlich hier der Vollständigkeit
15   nach Begriffen) nicht ist, da ist auch das Bedingte nicht. Es wird uns
16   vielmehr unbenommen bleiben, alle übrige eingeschränkte Wesen eben so
17   wohl für unbedingt nothwendig gelten zu lassen, ob wir gleich ihre Nothwendigkeit
18   aus dem allgemeinen Begriffe, den wir von ihnen haben, nicht
19   schließen können. Auf diese Weise aber hätte dieses Argument uns nicht
20   den mindesten Begriff von Eigenschaften eines nothwendigen Wesens verschafft
21   und überall gar nichts geleistet.


22   Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit und ein [op 617]
23   Ansehen, das ihm wegen dieser objectiven Unzulänglichkeit noch nicht sofort
24   genommen werden kann. Denn setzet, es gebe Verbindlichkeiten, die
25   in der Idee der Vernunft ganz richtig, aber ohne alle Realität der Anwendung
26   auf uns selbst, d. i. ohne Triebfedern, sein würden, wo nicht ein
27   höchstes Wesen vorausgesetzt würde, das den praktischen Gesetzen Wirkung
28   und Nachdruck geben könnte: so würden wir auch eine Verbindlichkeit
29   haben, den Begriffen zu folgen, die, wenn sie gleich nicht objectiv zulänglich
30   sein möchten, doch nach dem Maße unserer Vernunft überwiegend
31   sind, und in Vergleichung mit denen wir doch nichts Besseres und Überführenderes
32   erkennen. Die Pflicht zu wählen würde hier die Unschlüssigkeit
33   der Speculation durch einen praktischen Zusatz aus dem Gleichgewichte
34   bringen, ja die Vernunft würde bei ihr selbst, als dem nachsehendsten
35   Richter, keine Rechtfertigung finden, wenn sie unter dringenden Bewegursachen,
36   obzwar nur mangelhafter Einsicht, diesen Gründen ihres Urtheils,
37   über die wir doch wenigstens keine bessere kennen, nicht gefolgt wäre.


[seite 396]


01   Dieses Argument, ob es gleich in der That transscendental ist, indem
02   es auf der inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht, ist doch so einfältig
03   und natürlich, daß es dem gemeinsten Menschensinne angemessen ist,
04   so bald dieser nur einmal darauf geführt wird. Man sieht Dinge sich verändern,
05   entstehen und vergehen; sie müssen also, oder wenigstens ihr Zustand,
06   eine Ursache haben. Von jeder Ursache aber, die jemals in der Erfahrung [op 618]
07   gegeben werden mag, läßt sich eben dieses wiederum fragen.
08   Wohin sollen wir nun die oberste Causalität billiger verlegen als dahin,
09   wo auch die höchste Causalität ist, d. i. in dasjenige Wesen, was zu jeder
10   möglichen Wirkung die Zulänglichkeit in sich selbst ursprünglich enthält,
11   dessen Begriff auch durch den einzigen Zug einer allbefassenden Vollkommenheit
12   sehr leicht zu Stande kommt. Diese höchste Ursache halten wir
13   denn für schlechthin nothwendig, weil wir es schlechterdings nothwendig
14   finden, bis zu ihr hinaufzusteigen, und keinen Grund, über sie noch weiter
15   hinaus zu gehen. Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste
16   Vielgötterei doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu
17   nicht Nachdenken und tiefe Speculation, sondern nur ein nach und nach
18   verständlich gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes geführt
19   hat.


20   Es sind nur drei Beweisarten vom Dasein Gottes
21   aus speculativer Vernunft möglich.


22   Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder
23   von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen
24   Beschaffenheit unserer Sinnenwelt an und steigen von ihr nach
25   Gesetzen der Causalität bis zur höchsten Ursache außer der Welt hinauf;
26   oder sie legen nur unbestimmte Erfahrung, d. i. irgend ein Dasein, empirisch
27   zum Grunde; oder sie abstrahiren endlich von aller Erfahrung und
28   schließen gänzlich a priori aus bloßen Begriffen auf das Dasein einer [op 619]
29   höchsten Ursache. Der erste Beweis ist der physikotheologische, der
30   zweite der kosmologische, der dritte der ontologische Beweis. Mehr
31   giebt es ihrer nicht, und mehr kann es auch nicht geben.


32   Ich werde darthun: daß die Vernunft auf dem einen Wege (dem empirischen)
33   so wenig, als auf dem anderen (dem transscendentalen) etwas
34   ausrichte, und daß sie vergeblich ihre Flügel ausspanne, um über die
35   Sinnenwelt durch die bloße Macht der Speculation hinaus zu kommen.
36   Was aber die Ordnung betrifft, in welcher diese Beweisarten der Prüfung
37   vorgelegt werden müssen, so wird sie gerade die umgekehrte von derjenigen


[seite 397]


01   sein, welche die sich nach und nach erweiternde Vernunft nimmt, und in
02   der wir sie auch zuerst gestellt haben. Denn es wird sich zeigen: daß, obgleich
03   Erfahrung den ersten Anlaß dazu giebt, dennoch bloß der transscendentale
04   Begriff die Vernunft in dieser ihrer Bestrebung leite und
05   in allen solchen Versuchen das Ziel ausstecke, das sie sich vorgesetzt hat.
06   Ich werde also von der Prüfung des transscendentalen Beweises anfangen
07   und nachher sehen, was der Zusatz des Empirischen zur Vergrößerung
08   seiner Beweiskraft thun könne.

[op 620]


09   Des dritten Hauptstücks
10   Vierter Abschnitt.
11   Von der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises
12   vom Dasein Gottes.


13   Man sieht aus dem bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolut
14   nothwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d. i. eine bloße Idee, sei,
15   deren objective Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange
16   nicht bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse, obzwar unerreichbare
17   Vollständigkeit Anweisung giebt und eigentlich mehr dazu dient, den Verstand
18   zu begrenzen, als ihn auf neue Gegenstände zu erweitern. Es findet
19   sich hier nun das Befremdliche und Widersinnische, daß der Schluß von
20   einem gegebenen Dasein überhaupt auf irgend ein schlechthin nothwendiges
21   Dasein dringend und richtig zu sein scheint, und wir gleichwohl alle
22   Bedingungen des Verstandes, sich einen Begriff von einer solchen Nothwendigkeit
23   zu machen, gänzlich wider uns haben.


24   Man hat zu aller Zeit von dem absolut nothwendigen Wesen geredet
25   und sich nicht sowohl Mühe gegeben, zu verstehen, ob und wie man sich
26   ein Ding von dieser Art auch nur denken könne, als vielmehr dessen Dasein
27   zu beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe ganz
28   leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich ist; aber [op 621]
29   man wird hiedurch um nichts klüger in Ansehung der Bedingungen, die
30   es unmöglich machen, das Nichtsein eines Dinges als schlechterdings undenklich
31   anzusehen, und die eigentlich dasjenige sind, was man wissen will,
32   nämlich ob wir uns durch diesen Begriff überall etwas denken, oder nicht.
33   Denn alle Bedingungen, die der Verstand jederzeit bedarf, um etwas als


[seite 398]


01   nothwendig anzusehen, vermittelst des Worts: Unbedingt wegwerfen,
02   macht mir noch lange nicht verständlich, ob ich alsdann durch einen Begriff
03   eines Unbedingtnothwendigen noch etwas, oder vielleicht gar nichts
04   denke.


05   Noch mehr: diesen auf das bloße Gerathewohl gewagten und endlich
06   ganz geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge
07   Beispiele zu erklären geglaubt, so daß alle weitere Nachfrage wegen seiner
08   Verständlichkeit ganz unnöthig geschienen. Ein jeder Satz der Geometrie,
09   z. B. daß ein Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin nothwendig; und
10   so redete man von einem Gegenstande, der ganz außerhalb der Sphäre
11   unseres Verstandes liegt, als ob man ganz wohl Verstände, was man mit
12   dem Begriffe von ihm sagen wolle.


13   Alle vorgegebene Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urtheilen,
14   aber nicht von Dingen und deren Dasein hergenommen. Die unbedingte
15   Nothwendigkeit der Urtheile aber ist nicht eine absolute Nothwendigkeit
16   der Sachen. Denn die absolute Nothwendigkeit des Urtheils ist nur eine [op 622]
17   bedingte Nothwendigkeit der Sache, oder des Prädicats im Urtheile. Der
18   vorige Satz sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings nothwendig sind,
19   sondern, unter der Bedingung, daß ein Triangel da ist (gegeben ist), sind
20   auch drei Winkel (in ihm) nothwendiger Weise da. Gleichwohl hat diese
21   logische Nothwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion bewiesen, daß,
22   indem man sich einen Begriff a priori von einem Dinge gemacht hatte,
23   der so gestellt war, daß man seiner Meinung nach das Dasein mit in seinen
24   Umfang begriff, man daraus glaubte sicher schließen zu können, daß, weil
25   dem Object dieses Begriffs das Dasein nothwendig zukommt, d. i. unter
26   der Bedingung, daß ich dieses Ding als gegeben (existirend) setze, auch
27   sein Dasein nothwendig (nach der Regel der Identität) gesetzt werde, und
28   dieses Wesen daher selbst schlechterdings nothwendig sei, weil sein Dasein
29   in einem nach Belieben angenommenen Begriffe und unter der Bedingung,
30   daß ich den Gegenstand desselben setze, mit gedacht wird.


31   Wenn ich das Prädicat in einem identischen Urtheile aufhebe und
32   behalte das Subject, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich:
33   jenes kommt diesem nothwendiger Weise zu. Hebe ich aber das Subject
34   zusammt dem Prädicate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es ist
35   nichts mehr, welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel
36   setzen und doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend, aber
37   den Triangel sammt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch.


[seite 399]

[op 623]
01   Gerade eben so ist es mit dem Begriffe eines absolut nothwendigen Wesens
02   bewandt. Wenn ihr das Dasein desselben aufhebt, so hebt ihr das Ding
03   selbst mit allen seinen Prädicaten auf; wo soll alsdann der Widerspruch
04   herkommen? Äußerlich ist nichts, dem widersprochen würde, denn das
05   Ding soll nicht äußerlich nothwendig sein; innerlich auch nichts, denn ihr
06   habt durch Aufhebung des Dinges selbst alles Innere zugleich aufgehoben.
07   Gott ist allmächtig; das ist ein nothwendiges Urtheil. Die Allmacht kann
08   nicht aufgehoben werden, wenn ihr eine Gottheit, d. i. ein unendliches
09   Wesen, setzt, mit dessen Begriff jener identisch ist. Wenn ihr aber sagt:
10   Gott ist nicht, so ist weder die Allmacht, noch irgend ein anderes seiner
11   Prädicate gegeben; denn sie sind alle zusammt dem Subjecte aufgehoben,
12   und es zeigt sich in diesem Gedanken nicht der mindeste Widerspruch.


13   Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädicat eines Urtheils
14   zusammt dem Subjecte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen
15   könne, das Prädicat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt
16   euch keine Ausflucht übrig als, ihr müßt sagen: es giebt Subjecte, die gar
17   nicht aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde
18   aber eben so viel sagen als: es giebt schlechterdings nothwendige Subjecte;
19   eine Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt habe, und
20   deren Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet. Denn ich kann mir nicht den
21   geringsten Begriff von einem Dinge machen, welches, wenn es mit allen [op 624]
22   seinen Prädicaten aufgehoben würde, einen Widerspruch zurück ließe; und
23   ohne den Widerspruch habe ich durch bloße reine Begriffe a priori kein
24   Merkmal der Unmöglichkeit.


25   Wider alle diese allgemeine Schlüsse (deren sich kein Mensch weigern
26   kann) fordert ihr mich durch einen Fall auf, den ihr als einen Beweis
27   durch die That aufstellet: daß es doch einen und zwar nur diesen Einen
28   Begriff gebe, da das Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes in
29   sich selbst widersprechend sei; und dieses ist der Begriff des allerrealsten
30   Wesens. Es hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid berechtigt, ein solches
31   Wesen als möglich anzunehmen (welches ich für jetzt einwillige, obgleich der
32   sich nicht widersprechende Begriff noch lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes
33   beweiset)*). Nun ist unter aller Realität auch das Dasein mit



34   *) Der Begriff ist allemal möglich, wenn er sich nicht widerspricht. Das
35   ist das logische Merkmal der Möglichkeit, und dadurch wird sein Gegenstand vom
36   nihil negativum unterschieden. Allein er kann nichts destoweniger ein leerer Begriff'


32   sein, wenn die objective Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird,
33   nicht besonders dargethan wird; welches aber jederzeit, wie oben gezeigt worden,
34   auf Principien möglicher Erfahrung und nicht auf dem Grundsatze der Analysis
35   (dem Satze des Widerspruchs) beruht. Das ist eine Warnung, von der Möglichkeit
36   der Begriffe (logische) nicht sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu
37   schließen.


[seite 400]


01   begriffen: also liegt das Dasein in dem Begriffe von einem Möglichen. [op 625]
02   Wird dieses Ding nun aufgehoben, so wird die innere Möglichkeit des
03   Dinges aufgehoben, welches widersprechend ist.


04   Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr
05   in den Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach
06   denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff
07   seiner Existenz hinein brachtet. Räumt man euch dieses ein, so habt ihr
08   dem Scheine nach gewonnen Spiel, in der That aber nichts gesagt; denn
09   ihr habt eine bloße Tautologie begangen. Ich frage euch, ist der Satz:
10   dieses oder jenes Ding (welches ich euch als möglich einräume, es
11   mag sein, welches es wolle) existirt; ist, sage ich, dieser Satz ein analytischer
12   oder synthetischer Satz? Wenn er das erstere ist, so thut ihr durch
13   das Dasein des Dinges zu eurem Gedanken von dem Dinge nichts hinzu;
14   aber alsdann müßte entweder der Gedanke, der in euch ist, das Ding
15   selber sein, oder ihr habt ein Dasein als zur Möglichkeit gehörig vorausgesetzt
16   und alsdann das Dasein dem Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit
17   geschlossen, welches nichts als eine elende Tautologie ist. Das
18   Wort: Realität, welches im Begriffe des Dinges anders klingt, als Existenz
19   im Begriffe des Prädicats, macht es nicht aus. Denn wenn ihr
20   auch alles Setzen (unbestimmt, was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr
21   das Ding schon mit allen seinen prädicaten im Begriffe des Subjects [op 626]
22   gesetzt und als wirklich angenommen, und im Prädicate wiederholt ihr es
23   nur. Gesteht ihr dagegen, wie es billigermaßen jeder Vernünftige gestehen
24   muß, daß ein jeder Existenzialsatz synthetisch sei: wie wollet ihr denn behaupten,
25   daß das Prädicat der Existenz sich ohne Widerspruch nicht aufheben
26   lasse? Da dieser Vorzug nur den analytischen, als deren Charakter
27   eben darauf beruht, eigenthümlich zukommt.


28   Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argutation ohne allen Umschweif
29   durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz zu nichte
30   zu machen, wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion in Verwechselung
31   eines logischen Prädicats mit einem realen (d. i. der Bestimmung


[seite 401]


01   eines Dinges) beinahe alle Belehrung Ausschlage. Zum logischen Prädicate
02   kann alles dienen, was man will, sogar das Subject kann von sich
03   selbst prädicirt werden; den die Logik abstrahirt von allem Inhalte.
04   Aber die Bestimmung ist ein Prädicat, welches über den Begriff des
05   Subjects hinzukommt und ihn vergrößert. Sie muß also nicht in ihm
06   schon enthalten sein.


07   Sein ist offenbar kein reales Prädicat, d. i. ein Begriff von irgend
08   etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist
09   bloß die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst.
10   Im logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urtheils. Der
11   Satz: Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objecte
12   haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist noch nicht ein Prädicat [op 627]
13   obenein, sondern nur das, was das Prädicat beziehungsweise aufs
14   Subject setzt. Nehme ich nun das Subject (Gott) mit allen seinen Prädicaten
15   (worunter auch die Allmacht gehört) zusammen und sage: Gott ist,
16   oder es ist ein Gott, so setze ich kein neues Prädicat zum Begriffe von
17   Gott, sondern nur das Subject an sich selbst mit allen seinen Prädicaten
18   und zwar den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff. Beide
19   müssen genau einerlei enthalten, und es kann daher zu dem Begriffe, der
20   bloß die Möglichkeit ausdrückt, darum daß ich dessen Gegenstand als
21   schlechthin gegeben (durch den Ausdruck: er ist) denke, nichts weiter hinzukommen.
22   Und so enthält das Wirkliche nichts mehr als das bloß Mögliche.
23   Hundert wirkliche Thaler enthalten nicht das Mindeste mehr, als
24   hundert mögliche. Denn da diese den Begriff, jene aber den Gegenstand
25   und dessen Position an sich selbst bedeuten, so würde, im Fall dieser mehr
26   enthielte als jener, mein Begriff nicht den ganzen Gegenstand ausdrücken
27   und also auch nicht der angemessene Begriff von ihm sein. Aber in meinem
28   Vermögenszustande ist mehr bei hundert wirklichen Thalern, als bei
29   dem bloßen Begriffe derselben (d. i. ihrer Möglichkeit). Denn der Gegenstand
30   ist bei der Wirklichkeit nicht bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten,
31   sondern kommt zu meinem Begriffe (der eine Bestimmung meines
32   Zustandes ist) synthetisch hinzu, ohne daß durch dieses Sein außerhalb
33   meinem Begriffe diese gedachte hundert Thaler selbst im mindesten vermehrt
34   werden.

[op 628]


35   Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädicate ich will,
36   (selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, da
37   ich noch hinzusetze: dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge


[seite 402]


01   hinzu. Denn sonst würde nicht eben dasselbe, sondern mehr existiren, als
02   ich im Begriffe gedacht hatte, und ich könnte nicht sagen, daß gerade der
03   Gegenstand meines Begriffs existire. Denke ich mir auch sogar in einem
04   Dinge alle Realität außer einer, so kommt dadurch, daß ich sage: ein
05   solches mangelhaftes Ding existirt, die fehlende Realität nicht hinzu; sondern
06   es existirt gerade mit demselben Mangel behaftet, als ich es gedacht
07   habe, sonst würde etwas anderes, als ich dachte, existiren. Denke ich mir
08   nun ein Wesen als die höchste Realität (ohne Mangel), so bleibt noch
09   immer die Frage, ob es existire, oder nicht. Denn obgleich an meinem
10   Begriffe von dem möglichen realen Inhalte eines Dinges überhaupt nichts
11   fehlt, so fehlt doch noch etwas an dem Verhältnisse zu meinem ganzen
12   Zustande des Denkens, nämlich daß die Erkenntniß jenes Objects auch
13   a posteriori möglich sei. Und hier zeigt sich auch die Ursache der hiebei
14   obwaltenden Schwierigkeit. Wäre von einem Gegenstande der Sinne die
15   Rede, so würde ich die Existenz des Dinges mit dem bloßen Begriffe des
16   Dinges nicht verwechseln können. Denn durch den Begriff wird der Gegenstand
17   nur mit den allgemeinen Bedingungen einer möglichen empirischen
18   Erkenntniß überhaupt als einstimmig, durch die Existenz aber [op 629]
19   als in dem Context der gesammten Erfahrung enthalten gedacht; da denn
20   durch die Verknüpfung mit dem Inhalte der gesammten Erfahrung der
21   Begriff vom Gegenstande nicht im mindesten vermehrt wird, unser Denken
22   aber durch denselben eine mögliche Wahrnehmung mehr bekommt. Wollen
23   wir dagegen die Existenz durch die reine Kategorie allein denken, so ist
24   kein Wunder, daß wir kein Merkmal angeben können, sie von der bloßen
25   Möglichkeit zu unterscheiden.


26   Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und
27   wie viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die
28   Existenz zu ertheilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch
29   den Zusammenhang mit irgend einer meiner Wahrnehmungen nach empirischen
30   Gesetzen; aber für Objecte des reinen Denkens ist ganz und gar
31   kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori erkannt
32   werden müßte; unser Bewußtsein aller Existenz aber (es sei durch Wahrnehmung
33   unmittelbar, oder durch Schlüsse, die etwas mit der Wahrnehmung
34   verknüpfen) gehört ganz und gar zur Einheit der Erfahrung; und
35   eine Existenz außer diesem Felde kann zwar nicht schlechterdings für unmöglich
36   erklärt werden, sie ist aber eine Voraussetzung, die wir durch
37   nichts rechtfertigen können.


[seite 403]


01   Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr
02   nützliche Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz unfähig,
03   um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntniß in Ansehung dessen, [op 630]
04   was existirt, zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel, daß sie uns
05   in Ansehung der Möglichkeit eines mehreren belehrte. Das analytische
06   Merkmal der Möglichkeit, das darin besteht, daß bloße Positionen (Realitäten)
07   keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm zwar nicht gestritten werden;
08   da aber die Verknüpfung aller realen Eigenschaften in einem Dinge
09   eine Synthesis ist, über deren Möglichkeit wir a priori nicht urtheilen
10   können, weil uns die Realitäten specifisch nicht gegeben sind, und, wenn
11   dieses auch geschähe, überall gar kein Urtheil darin stattfindet, weil das
12   Merkmal der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung
13   gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee
14   nicht gehören kann: so hat der berühmte LeibnizPI bei weitem das nicht
15   geleistet, wessen er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen idealischen
16   Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen.


17   Es ist also an dem so berühmten ontologischen (cartesianischen) Beweise
18   vom Dasein eines höchsten Wesens aus Begriffen alle Mühe und
19   Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl eben so wenig aus bloßen
20   Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen,
21   wenn er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Cassenbestande einige
22   Nullen anhängen wollte.

[op 631]


23   Des dritten Hauptstücks
24   Fünfter Abschnitt.
25   Von der Unmöglichkeit eines kosmologischen Beweises
26   vom Dasein Gottes.


27   Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des
28   Schulwitzes, aus einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein des
29   ihr entsprechenden Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen. In der
30   That würde man es nie auf diesem Wege versucht haben, wäre nicht das
31   Bedürfniß unserer Vernunft, zur Existenz überhaupt irgend etwas Nothwendiges
32   (bei dem man im Aufsteigen stehen bleiben könne) anzunehmen,


[seite 404]


01   vorhergegangen, und wäre nicht die Vernunft, da diese Nothwendigkeit
02   unbedingt und a priori gewiß sein muß, gezwungen worden, einen Begriff
03   zu suchen, der wo möglich einer solchen Forderung ein Genüge thäte und
04   ein Dasein völlig a priori zu erkennen gäbe. Diesen glaubte man nun
05   in der Idee eines allerrealsten Wesens zu finden, und so wurde diese nur
06   zur bestimmteren Kenntniß desjenigen, wovon man schon anderweitig
07   überzeugt oder überredet war, es müsse existiren, nämlich des nothwendigen
08   Wesens gebraucht. Indeß verhehlte man diesen natürlichen Gang der
09   Vernunft, und anstatt bei diesem Begriffe zu endigen, versuchte man von
10   ihm anzufangen, um die Nothwendigkeit des Daseins aus ihm abzuleiten, [op 632]
11   die er doch nur zu ergänzen bestimmt war. Hieraus entsprang nun der verunglückte
12   ontologische Beweis, der weder für den natürlichen und gesunden
13   Verstand, noch für die schulgerechte Prüfung etwas Genugthuendes
14   bei sich führt.


15   Der kosmologische Beweis, den wir jetzt untersuchen wollen, behält
16   die Verknüpfung der absoluten Nothwendigkeit mit der höchsten Realität
17   bei; aber anstatt wie der vorige von der höchsten Realität auf die Nothwendigkeit
18   im Dasein zu schließen, schließt er vielmehr von der zum voraus
19   gegebenen unbedingten Nothwendigkeit irgend eines Wesens auf dessen
20   unbegränzte Realität und bringt so fern alles wenigstens in das Geleis
21   einer, ich weiß nicht ob vernünftigen oder vernünftelnden, wenigstens natürlichen
22   Schlußart, welche nicht allein für den gemeinen, sondern auch
23   den speculativen Verstand die meiste Überredung bei sich führt; wie sie
24   denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen der natürlichen Theologie die
25   ersten Grundlinien zieht, denen man jederzeit nachgegangen ist und ferner
26   nachgehen wird, man mag sie nun durch noch so viel Laubwerk und
27   Schnörkel verzieren und verstecken, als man immer will. Diesen Beweis,
28   den LeibnizPI auch den a contingentia mundi nannte, wollen wir jetzt vor
29   Augen stellen und der Prüfung unterwerfen.


30   Er lautet also: Wenn etwas existirt, so muß auch ein schlechterdings
31   nothwendiges Wesen existiren. Nun existire zum mindesten ich selbst:
32   also existirt ein absolut nothwendiges Wesen. Der Untersatz enthält eine [op 633]
33   Erfahrung, der Obersatz die Schlußfolge aus einer Erfahrung überhaupt
34   auf das Dasein des Nothwendigen*). Also hebt der Beweis eigentlich



35   *) Diese Schlußfolge ist zu bekannt, als daß es nöthig wäre, sie hier weitläuftig
36   vorzutragen. Sie beruht auf dem vermeintlich transscendentalen Naturgesetz'


33   der Causalität: daß alles Zufällige seine Ursache habe, die, wenn sie
34   wiederum zufällig ist, eben sowohl eine Ursache haben muß, bis die Reihe der
35   einander untergeordneten Ursachen sich bei einer schlechthin nothwendigen Ursache
36   endigen muß, ohne welche sie keine Vollständigkeit haben würde.


[seite 405]


01   von der Erfahrung an, mithin ist er nicht gänzlich a priori geführt oder
02   ontologisch; und weil der Gegenstand aller möglichen Erfahrung Welt
03   heißt, so wird er darum der kosmologische Beweis genannt. Da er
04   auch von aller besondern Eigenschaft der Gegenstände der Erfahrung, dadurch
05   sich diese Welt von jeder möglichen unterscheiden mag, abstrahirt:
06   so wird er schon in seiner Benennung auch vom physikotheologischen Beweise
07   unterschieden, welcher Beobachtungen der besonderen Beschaffenheit
08   dieser unserer Sinnenwelt zu Beweisgründen braucht.


09   Nun schließt der Beweis weiter: das nothwendige Wesen kann nur auf
10   eine einzige Art, d. i. in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten Prädicate
11   nur durch eines derselben, bestimmt werden, folglich muß es durch
12   seinen Begriff durchgängig bestimmt sein. Nun ist nur ein einziger Begriff
13   von einem Dinge möglich, der dasselbe a priori durchgängig bestimmt,
14   nämlich der des entis realissimi . Also ist der Begriff des allerrealsten [op 634]
15   Wesens der einzige, dadurch ein nothwendiges Wesen gedacht werden kann,
16   d. i. es existirt ein höchstes Wesen nothwendiger Weise.


17   In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde
18   Grundsätze zusammen, daß die speculative Vernunft hier alle ihre dialektische
19   Kunst aufgeboten zu haben scheint, um den größtmöglichen transscendentalen
20   Schein zu Stande zu bringen. Wir wollen ihre Prüfung indessen
21   eine Weile bei Seite setzen, um nur eine List derselben offenbar zu
22   machen, mit welcher sie ein altes Argument in verkleideter Gestalt für ein
23   neues aufstellt und sich auf zweier Zeugen Einstimmung beruft, nämlich
24   einen reinen Vernunftzeugen und einen anderen von empirischer Beglaubigung,
25   da es doch nur der erstere allein ist, welcher bloß seinen Anzug
26   und Stimme verändert, um für einen zweiten gehalten zu werden. Um
27   seinen Grund recht sicher zu legen, fußt sich dieser Beweis auf Erfahrung
28   und giebt sich dadurch das Ansehen, als sei er vom ontologischen Beweise
29   unterschieden, der auf lauter reine Begriffe a priori sein ganzes Vertrauen
30   setzt. Dieser Erfahrung aber bedient sich der kosmologische Beweis nur,
31   um einen einzigen Schritt zu thun, nämlich zum Dasein eines nothwendigen
32   Wesens überhaupt. Was dieses für Eigenschaften habe, kann der


[seite 406]


01   empirische Beweisgrund nicht lehren, sondern da nimmt die Vernunft
02   gänzlich von ihm Abschied und forscht hinter lauter Begriffen: was nämlich [op 635]
03   ein absolut nothwendiges Wesen überhaupt für Eigenschaften haben
04   müsse, d. i. welches unter allen möglichen Dingen die erforderlichen Bedingungen
05   ( requisita ) zu einer absoluten Nothwendigkeit in sich enthalte.
06   Nun glaubt sie im Begriffe eines allerrealsten Wesens einzig und allein
07   diese Requisite anzutreffen und schließt sodann: das ist das schlechterdings
08   nothwendige Wesen. Es ist aber klar, daß man hiebei voraussetzt, der
09   Begriff eines Wesens von der höchsten Realität thue dem Begriffe der
10   absoluten Nothwendigkeit im Dasein völlig genug, d. i. es lasse sich aus
11   jener auf diese schließen; ein Satz, den das ontologische Argument behauptete,
12   welches man also im kosmologischen Beweise annimmt und zum
13   Grunde legt, da man es doch hatte vermeiden wollen. Denn die absolute
14   Nothwendigkeit ist ein Dasein aus bloßen Begriffen. Sage ich nun: der
15   Begriff des entis realissimi ist ein solcher Begriff und zwar der einzige, der
16   zu dem nothwendigen Dasein passend und ihm adäquat ist, so muß ich auch
17   einräumen, daß aus ihm das letztere geschlossen werden könne. Es ist also
18   eigentlich nur der ontologische Beweis aus lauter Begriffen, der in dem
19   sogenannten kosmologischen alle Beweiskraft enthält; und die angebliche
20   Erfahrung ist ganz müßig, vielleicht um uns nur auf den Begriff der absoluten
21   Nothwendigkeit zu führen, nicht aber um diese an irgend einem
22   bestimmten Dinge darzuthun. Denn sobald wir dieses zur Absicht haben,
23   müssen wir sofort alle Erfahrung verlassen und unter reinen Begriffen [op 636]
24   suchen, welcher von ihnen wohl die Bedingungen der Möglichkeit eines
25   absolut nothwendigen Wesens enthalte. Ist aber auf solche Weise nur die
26   Möglichkeit eines solchen Wesens eingesehen, so ist auch sein Dasein dargethan;
27   denn es heißt so viel als: unter allem Möglichen ist Eines, das
28   absolute Nothwendigkeit bei sich führt, d. i. dieses Wesen existirt schlechterdings
29   nothwendig.


30   Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten, wenn
31   man sie auf schulgerechte Art vor Augen stellt. Hier ist eine solche Darstellung.


33   Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthin nothwendige Wesen
34   ist zugleich das allerrealste Wesen (als welches der nervus probandi des
35   kosmologischen Beweises ist), so muß er sich wie alle bejahende Urtheile
36   wenigstens per accidens umkehren lassen; also: einige allerrealste Wesen
37   sind zugleich schlechthin nothwendige Wesen. Nun ist aber ein ens realissimum


[seite 407]


01   von einem anderen in keinem Stücke unterschieden, und was also
02   von einigen unter diesem Begriffe enthaltenen gilt, das gilt auch von
03   allen. Mithin werde ich's (in diesem Falle) auch schlechthin umkehren
04   können, d. i. ein jedes allerrealste Wesen ist ein nothwendiges Wesen.
05   Weil nun dieser Satz bloß aus seinen Begriffen a priori bestimmt ist, so
06   muß der bloße Begriff des realsten Wesens auch die absolute Nothwendigkeit
07   desselben bei sich führen; welches eben der ontologische Beweis behauptete [op 637]
08   und der kosmologische nicht anerkennen wollte, gleichwohl aber
09   seinen Schlüssen, obzwar versteckter Weise, unterlegte.


10   So ist denn der zweite Weg, den die speculative Vernunft nimmt,
11   um das Dasein des höchsten Wesens zu beweisen, nicht allein mit dem
12   ersten gleich trüglich, sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich, daß er
13   eine ignoratio elenchi begeht, indem er uns verheißt, einen neuen Fußsteig
14   zu führen, aber nach einem kleinen Umschweif uns wiederum auf den
15   alten zurückbringt, den wir seinetwegen verlassen hatten.


16   Ich habe kurz vorher gesagt, daß in diesem kosmologischen Argumente
17   sich ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte,
18   welches die transscendentale Kritik leicht entdecken und zerstören kann.
19   Ich will sie jetzt nur anführen und es dem schon geübten Leser überlassen,
20   den trüglichen Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie aufzuheben.


21   Da befindet sich denn z. B. 1) der transscendentale Grundsatz, vom
22   Zufälligen auf eine Ursache zu schließen, welcher nur in der Sinnenwelt
23   von Bedeutung ist, außerhalb derselben aber auch nicht einmal einen Sinn
24   hat. Denn der bloß intellectuelle Begriff des Zufälligen kann gar keinen
25   synthetischen Satz, wie den der Causalität hervorbringen, und der Grundsatz
26   der letzteren hat gar keine Bedeutung und kein Merkmal seines Gebrauchs,
27   als nur in der Sinnenwelt; hier aber sollte er gerade dazu dienen, [op 638]
28   um über die Sinnenwelt hinaus zu kommen. 2) Der Grundsatz, von der
29   Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe über einander gegebener Ursachen
30   in der Sinnenwelt auf eine erste Ursache zu schließen, wozu uns die Principien
31   des Vernunftgebrauchs selbst in der Erfahrung nicht berechtigen,
32   viel weniger diesen Grundsatz über dieselbe (wohin diese Kette gar nicht
33   verlängert werden kann) ausdehnen können. 3) Die falsche Selbstbefriedigung
34   der Vernunft in Ansehung der Vollendung dieser Reihe, dadurch da
35   man endlich alle Bedingung, ohne welche doch kein Begriff einer Nothwendigkeit
36   statt finden kann, wegschafft und, da man alsdann nichts weiter begreifen
37   kann, dieses für eine Vollendung seines Begriffs annimmt. 4) Die


[seite 408]


01   Verwechselung der logischen Möglichkeit eines Begriffs von aller vereinigten
02   Realität (ohne inneren Widerspruch) mit der transscendentalen, welche
03   ein Principium der Thunlichkeit einer solchen Synthesis bedarf, das aber
04   wiederum nur auf das Feld möglicher Erfahrungen gehen kann, u. s. w.


05   Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielt bloß darauf ab,
06   um dem Beweise des Daseins eines nothwendigen Wesens a priori durch
07   bloße Begriffe auszuweichen, der ontologisch geführt werden müßte, wozu
08   wir uns aber gänzlich unvermögend fühlen. In dieser Absicht schließen wir
09   aus einem zum Grunde gelegten wirklichen Dasein (einer Erfahrung überhaupt),
10   so gut es sich will thun lassen, auf irgend eine schlechterdings nothwendige
11   Bedingung desselben. Wir haben alsdann dieser ihre Möglichkeit [op 639]
12   nicht nöthig zu erklären. Denn wenn bewiesen ist, daß sie dasei, so ist die
13   Frage wegen ihrer Möglichkeit ganz unnöthig. Wollen wir nun dieses
14   nothwendige Wesen nach seiner Beschaffenheit näher bestimmen, so suchen
15   wir nicht dasjenige, was hinreichend ist, aus seinem Begriffe die Nothwendigkeit
16   des Daseins zu begreifen; denn könnten wir dieses, so hätten
17   wir keine empirische Voraussetzung nöthig; nein, wir suchen nur die negative
18   Bedingung ( conditio sine qua non ), ohne welche ein Wesen nicht absolut
19   nothwendig sein würde. Nun würde das in aller andern Art von
20   Schlüssen aus einer gegebenen Folge auf ihren Grund wohl angehen; es
21   trifft sich aber hier unglücklicher Weise, daß die Bedingung, die man zur
22   absoluten Nothwendigkeit fordert, nur in einem einzigen Wesen angetroffen
23   werden kann, welches daher in seinem Begriffe alles, was zur absoluten
24   Nothwendigkeit erforderlich ist, enthalten müßte und also einen Schlu
25   a priori auf dieselbe möglich macht; d. i. ich müßte auch umgekehrt schließen
26   können: welchem Dinge dieser Begriff (der höchsten Realität) zukommt,
27   das ist schlechterdings nothwendig; und kann ich so nicht schließen (wie
28   ich denn dieses gestehen muß, wenn ich den ontologischen Beweis vermeiden
29   will), so bin ich auch auf meinem neuen Wege verunglückt und befinde
30   mich wiederum da, von wo ich ausging. Der Begriff des höchsten Wesens
31   thut wohl allen Fragen a priori ein Genüge, die wegen der inneren Bestimmungen
32   eines Dinges können aufgeworfen werden, und ist darum [op 640]
33   auch ein Ideal ohne Gleichen, weil der allgemeine Begriff dasselbe zugleich
34   als ein Individuum unter allen möglichen Dingen auszeichnet. Er thut
35   aber der Frage wegen seines eigenen Daseins gar kein Genüge, als warum
36   es doch eigentlich nur zu thun war, und man konnte auf die Erkundigung
37   dessen, der das Dasein eines nothwendigen Wesens annahm und wissen


[seite 409]


01   wollte, welches denn unter allen Dingen dafür angesehen werden müsse,
02   nicht antworten: Dies hier ist das nothwendige Wesen.


03   Es mag wohl erlaubt sein, das Dasein eines Wesens von der höchsten
04   Zulänglichkeit als Ursache zu allen möglichen Wirkungen anzunehmen,
05   um der Vernunft die Einheit der Erklärungsgründe, welche sie sucht, zu
06   erleichtern. Allein sich so viel herauszunehmen, daß man sogar sage: ein
07   solches Wesen existirt nothwendig, ist nicht mehr die bescheidene
08   Äußerung einer erlaubten Hypothese, sondern die dreiste Anmaßung einer
09   apodiktischen Gewißheit; denn was man als schlechterdings nothwendig zu
10   erkennen vorgiebt, davon muß auch die Erkenntniß absolute Nothwendigkeit
11   bei sich führen.


12   Die ganze Aufgabe des transscendentalen Ideals kommt darauf an:
13   entweder zu der absoluten Nothwendigkeit einen Begriff, oder zu dem Begriffe
14   von irgend einem Dinge die absolute Nothwendigkeit desselben zu
15   finden. Kann man das eine, so muß man auch das andere können; denn
16   als schlechthin nothwendig erkennt die Vernunft nur dasjenige, was aus [op 641]
17   seinem Begriffe nothwendig ist. Aber beides übersteigt gänzlich alle äußerste
18   Bestrebungen, unseren Verstand über diesen Punkt zu befriedigen, aber
19   auch alle Versuche, ihn wegen dieses seines Unvermögens zu beruhigen.


20   Die unbedingte Nothwendigkeit, die wir als den letzten Träger aller
21   Dinge so unentbehrlich bedürfen, ist der wahre Abgrund für die menschliche
22   Vernunft. Selbst die Ewigkeit, so schauderhaft erhaben sie auch ein
23   Haller schildern mag, macht lange den schwindelichten Eindruck nicht auf
24   das Gemüth; denn sie mißt nur die Dauer der Dinge, aber trägt sie
25   nicht. Man kann sich des Gedanken nicht erwehren, man kann ihn aber
26   auch nicht ertragen, daß ein Wesen, welches wir uns auch als das höchste
27   unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst sage: Ich bin von
28   Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts ohne das, was bloß durch
29   meinen Willen etwas ist; aber woher bin ich denn? Hier sinkt alles
30   unter uns, und die größte Vollkommenheit, wie die kleinste schwebt ohne
31   Haltung bloß vor der speculativen Vernunft, der es nichts kostet, die eine
32   so wie die andere ohne die mindeste Hinderniß verschwinden zu lassen.


33   Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen
34   äußern, bleiben für uns unerforschlich; denn wir können ihnen durch Beobachtung
35   nicht weit genug nachspüren. Das den Erscheinungen zum
36   Grunde liegende transscendentale Object und mit demselben der Grund, [op 642]
37   warum unsere Sinnlichkeit diese vielmehr als andere oberste Bedingungen


[seite 410]


01   habe, sind und bleiben für uns unerforschlich, obzwar die Sache selbst
02   übrigens gegeben, aber nur nicht eingesehen ist. Ein Ideal der reinen
03   Vernunft kann aber nicht unerforschlich heißen, weil es weiter keine
04   Beglaubigung seiner Realität aufzuweisen hat, als das Bedürfniß der
05   Vernunft, vermittelst desselben alle synthetische Einheit zu vollenden. Da
06   es also nicht einmal als denkbarer Gegenstand gegeben ist, so ist es auch
07   nicht als ein solcher unerforschlich; vielmehr muß es als bloße Idee in der
08   Natur der Vernunft seinen Sitz und seine Auflösung finden und also erforscht
09   werden können; denn eben darin besteht Vernunft, daß wir von
10   allen unseren Begriffen, Meinungen und Behauptungen, es sei aus objectiven,
11   oder, wenn sie ein bloßer Schein sind, aus subjectiven Gründen,
12   Rechenschaft geben können.


13   Entdeckung und Erklärung des dialektischen Scheins
14   in allen transscendentalen Beweisen vom Dasein eines
15   nothwendigen Wesens.


16   Beide bisher geführte Beweise waren transscendental, d. i. unabhängig
17   von empirischen Principien, versucht. Denn obgleich der kosmologische
18   eine Erfahrung überhaupt zum Grunde legt, so ist er doch nicht aus
19   irgend einer besonderen Beschaffenheit derselben, sondern aus reinen Vernunftprincipien
20   in Beziehung auf eine durchs empirische Bewußtsein [op 643]
21   überhaupt gegebene Existenz geführt und verläßt sogar diese Anleitung,
22   um sich auf lauter reine Begriffe zu stützen. Was ist nun in diesen transscendentalen
23   Beweisen die Ursache des dialektischen, aber natürlichen
24   Scheins, welcher die Begriffe der Nothwendigkeit und höchsten Realität
25   verknüpft und dasjenige, was doch nur Idee sein kann, realisirt und
26   hypostasirt? Was ist die Ursache der Unvermeidlichkeit, etwas als an sich
27   nothwendig unter den existirenden Dingen anzunehmen und doch zugleich
28   vor dem Dasein eines solchen Wesens als einem Abgrunde zurückzubeben;
29   und wie fängt man es an, daß sich die Vernunft hierüber selbst verstehe
30   und aus dem schwankenden Zustande eines schüchternen und immer
31   wiederum zurückgenommenen Beifalls zur ruhigen Einsicht gelange?


32   Es ist etwas überaus Merkwürdiges, daß, wenn man voraussetzt,
33   etwas existire, man der Folgerung nicht Umgang haben kann, daß auch
34   irgend etwas nothwendigerweise existire. Auf diesem ganz natürlichen
35   (obzwar darum noch nicht sicheren) Schlusse beruhte das kosmologische Argument.


[seite 411]


01   Dagegen mag ich einen Begriff von einem Dinge annehmen,
02   welchen ich will, so finde ich, daß sein Dasein niemals von mir als
03   schlechterdings nothwendig vorgestellt werden könne, und daß mich nichts
04   hindere, es mag existiren, was da wolle, das Nichtsein desselben zu denken;
05   mithin ich zwar zu dem Existirenden überhaupt etwas Nothwendiges annehmen
06   müsse, kein einziges Ding aber selbst als an sich nothwendig [op 644]
07   denken könne. Das heißt: ich kann das Zurückgehen zu den Bedingungen
08   des Existirens niemals vollenden, ohne ein nothwendiges Wesen anzunehmen;
09   ich kann aber von demselben niemals anfangen.


10   Wenn ich zu existirenden Dingen überhaupt etwas Nothwendiges
11   denken muß, kein Ding aber an sich selbst als nothwendig zu denken befugt
12   bin, so folgt daraus unvermeidlich, daß Nothwendigkeit und Zufälligkeit
13   nicht die Dinge selbst angehen und treffen müsse, weil sonst ein Widerspruch
14   vorgehen würde; mithin keiner dieser beiden Grundsätze objectiv
15   sei, sondern sie allenfalls nur subjective Principien der Vernunft sein
16   können, nämlich einerseits zu allem, was als existirend gegeben ist, etwas
17   zu suchen, das nothwendig ist, d. i. niemals anderswo als bei einer a priori
18   vollendeten Erklärung aufzuhören, andererseits aber auch diese Vollendung
19   niemals zu hoffen, d. i. nichts Empirisches als unbedingt anzunehmen,
20   und sich dadurch fernerer Ableitung zu überheben. In solcher Bedeutung
21   können beide Grundsätze als bloß heuristisch und regulativ, die nichts
22   als das formale Interesse der Vernunft besorgen, ganz wohl bei einander
23   bestehen. Denn der eine sagt: ihr sollt so über die Natur philosophiren,
24   als ob es zu allem, was zur Existenz gehört, einen nothwendigen ersten
25   Grund gebe, lediglich um systematische Einheit in eure Erkenntniß zu
26   bringen, indem ihr einer solchen Idee, nämlich einem eingebildeten obersten [op 645]
27   Grunde, nachgeht; der andere aber warnt euch, keine einzige Bestimmung,
28   die die Existenz der Dinge betrifft, für einen solchen obersten Grund,
29   d. i. als absolut nothwendig, anzunehmen, sondern euch noch immer den
30   Weg zur ferneren Ableitung offen zu erhalten und sie daher jederzeit noch
31   als bedingt zu behandeln. Wenn aber von uns alles, was an den Dingen
32   wahrgenommen wird, als bedingt nothwendig betrachtet werden muß: so
33   kann auch kein Ding (das empirisch gegeben sein mag) als absolut nothwendig
34   angesehen werden.


35   Es folgt aber hieraus, daß ihr das Absolutnothwendige außerhalb
36   der Welt annehmen müßt: weil es nur zu einem Princip der größtmöglichen
37   Einheit der Erscheinungen als deren oberster Grund dienen soll


[seite 412]


01   und ihr in der Welt niemals dahin gelangen könnt, weil die zweite Regel
02   euch gebietet, alle empirische Ursachen der Einheit jederzeit als abgeleitet
03   anzusehen.


04   Die Philosophen des Alterthums sahen alle Form der Natur als zufällig,
05   die Materie aber nach dem Urtheile der gemeinen Vernunft als
06   ursprünglich und nothwendig an. Würden sie aber die Materie nicht als
07   Substratum der Erscheinungen respectiv, sondern an sich selbst ihrem
08   Dasein nach betrachtet haben, so wäre die Idee der absoluten Nothwendigkeit
09   sogleich verschwunden. Denn es ist nichts, was die Vernunft an dieses
10   Dasein schlechthin bindet, sondern sie kann solches jederzeit und ohne
11   Widerstreit in Gedanken aufheben; in Gedanken aber lag auch allein die [op 646]
12   absolute Nothwendigkeit. Es mußte also bei dieser Überredung ein gewisses
13   regulatives Princip zum Grunde liegen. In der That ist auch Ausdehnung
14   und Undurchdringlichkeit (die zusammen den Begriff von Materie
15   ausmachen) das oberste empirische Principium der Einheit der Erscheinungen
16   und hat, so fern als es empirisch unbedingt ist, eine Eigenschaft
17   des regulativen Princips an sich. Gleichwohl, da jede Bestimmung der
18   Materie, welche das Reale derselben ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit
19   eine Wirkung (Handlung) ist, die ihre Ursache haben mu
20   und daher immer noch abgeleitet ist, so schickt sich die Materie doch nicht
21   zur Idee eines nothwendigen Wesens als eines Princips aller abgeleiteten
22   Einheit: weil jede ihrer realen Eigenschaften, als abgeleitet, nur bedingt
23   nothwendig ist und also an sich aufgehoben werden kann, hiemit aber das
24   ganze Dasein der Materie aufgehoben werden würde, wenn dieses aber
25   nicht geschähe, wir den höchsten Grund der Einheit empirisch erreicht haben
26   würden, welches durch das zweite regulative Princip verboten wird. So
27   folgt, daß die Materie und überhaupt, was zur Welt gehörig ist, zu der
28   Idee eines nothwendigen Urwesens als eines bloßen Princips der größten
29   empirischen Einheit nicht schicklich sei, sondern daß es außerhalb der Welt
30   gesetzt werden müsse; da wir denn die Erscheinungen der Welt und ihr
31   Dasein immer getrost von anderen ableiten können, als ob es kein nothwendiges
32   Wesen gäbe, und dennoch zu der Vollständigkeit der Ableitung [op 647]
33   unaufhörlich streben können, als ob ein solches als ein oberster Grund
34   vorausgesetzt wäre.


35   Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts
36   anders, als ein regulatives Princip der Vernunft, alle Verbindung
37   in der Welt so anzusehen, als ob sie aus einer allgenugsamen nothwendigen


[seite 413]


01   Ursache entspränge, um darauf die Regel einer systematischen und
02   nach allgemeinen Gesetzen nothwendigen Einheit in der Erklärung derselben
03   zu gründen, und ist nicht eine Behauptung einer an sich nothwendigen
04   Existenz. Es ist aber zugleich unvermeidlich, sich vermittelst einer transscendentalen
05   Subreption dieses formale Princip als constitutiv vorzustellen
06   und sich diese Einheit hypostatisch zu denken. Denn so wie der Raum, weil
07   er alle Gestalten, die lediglich verschiedene Einschränkungen desselben sind,
08   ursprünglich möglich macht, ob er gleich nur ein Principium der Sinnlichkeit
09   ist, dennoch eben darum für ein schlechterdings nothwendiges für sich
10   bestehendes Etwas und einen a priori an sich selbst gegebenen Gegenstand
11   gehalten wird: so geht es auch ganz natürlich zu, daß, da die systematische
12   Einheit der Natur auf keinerlei Weise zum Princip des empirischen Gebrauchs
13   unserer Vernunft aufgestellt werden kann, als so fern wir die Idee
14   eines allerrealsten Wesens als der obersten Ursache zum Grunde legen, diese
15   Idee dadurch als ein wirklicher Gegenstand und dieser wiederum, weil er
16   die oberste Bedingung ist, als nothwendig vorgestellt, mithin ein regulatives [op 648]
17   Princip in ein constitutives verwandelt werde; welche Unterschiebung
18   sich dadurch offenbart, daß, wenn ich nun dieses oberste Wesen,
19   welches respectiv auf die Welt schlechthin (unbedingt) nothwendig war,
20   als Ding für sich betrachte, diese Nothwendigkeit keines Begriffs fähig ist
21   und also nur als formale Bedingung des Denkens, nicht aber als materiale
22   und hypostatische Bedingung des Daseins in meiner Vernunft anzutreffen
23   gewesen sein müsse.


24   Des dritten Hauptstücks
25   Sechster Abschnitt.
26   Von der Unmöglichkeit des physikotheologischen Beweises.


27   Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt, noch die Erfahrung
28   von irgend einem Dasein überhaupt das, was gefordert wird,
29   leisten kann, so bleibt noch ein Mittel übrig: zu versuchen, ob nicht eine
30   bestimmte Erfahrung, mithin die der Dinge der gegenwärtigen Welt,
31   ihre Beschaffenheit und Anordnung, einen Beweisgrund abgebe, der uns
32   sicher zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten Wesens verhelfen
33   könne. Einen solchen Beweis würden wir den physikotheologischen


[seite 414]


01   nennen. Sollte dieser auch unmöglich sein, so ist überall kein genugthuender
02   Beweis aus bloß speculativer Vernunft für das Dasein eines Wesens,
03   welches unserer transscendentalen Idee entspräche, möglich.

[op 649]


04   Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen, daß der
05   Bescheid auf diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden
06   könne. Denn wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee
07   angemessen sein sollte? Darin besteht eben das Eigenthümliche der
08   letzteren, daß ihr niemals irgend eine Erfahrung congruiren könne. Die
09   transscendentale Idee von einem nothwendigen allgenugsamen Urwesen
10   ist so überschwenglich groß, so hoch über alles Empirische, das jederzeit
11   bedingt ist, erhaben, daß man theils niemals Stoff genug in der Erfahrung
12   auftreiben kann, um einen solchen Begriff zu füllen, theils immer
13   unter dem Bedingten herumtappt und stets vergeblich nach dem Unbedingten,
14   wovon uns kein Gesetz irgend einer empirischen Synthesis ein
15   Beispiel oder dazu die mindeste Leitung giebt, suchen wird.


16   Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen,
17   so würde es selbst ein Glied der Reihe derselben sein und eben so, wie die
18   niederen Glieder, denen es vorgesetzt ist, noch fernere Untersuchung wegen
19   seines noch höheren Grundes erfordern. Will man es dagegen von dieser
20   Kette trennen und als ein bloß intelligibeles Wesen nicht in der Reihe der
21   Naturursachen mitbegreifen: welche Brücke kann die Vernunft alsdann
22   wohl schlagen, um zu demselben zu gelangen, da alle Gesetze des Überganges
23   von Wirkungen zu Ursachen, ja alle Synthesis und Erweiterung
24   unserer Erkenntniß überhaupt auf nichts anderes als mögliche Erfahrung, [op 650]
25   mithin bloß auf Gegenstände der Sinnenwelt gestellt sind und nur in
26   Ansehung ihrer eine Bedeutung haben können?


27   Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so unermeßlichen Schauplatz
28   von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man
29   mag diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten
30   Theilung desselben verfolgen, daß selbst nach den Kenntnissen, welche unser
31   schwacher Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache über so viele
32   und unabsehlich große Wunder ihren nachdruck, alle Zahlen ihre Kraft
33   zu messen und selbst unsere Gedanken alle Begrenzung vermissen, so da
34   sich unser Urtheil vom Ganzen in ein sprachloses, aber desto beredteres
35   Erstaunen auflösen muß. Allerwärts sehen wir eine Kette von Wirkungen
36   und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, Regelmäßigkeit im Entstehen
37   oder Vergehen; und indem nichts von selbst in den Zustand getreten ist,


[seite 415]


01   darin es sich befindet, so weiset es immer weiter hin nach einem anderen
02   Dinge als seiner Ursache, welche gerade eben dieselbe weitere Nachfrage
03   nothwendig macht, so daß auf solche Weise das ganze All im Abgrunde
04   des Nichts versinken müßte, nähme man nicht etwas an, das außerhalb
05   diesem unendlichen Zufälligen, für sich selbst ursprünglich und unabhängig
06   bestehend, dasselbe hielte und als die Ursache seines Ursprungs ihm zugleich
07   seine Fortdauer sicherte. Diese höchste Ursache (in Ansehung aller
08   Dinge der Welt), wie groß soll man sie sich denken? Die Welt kennen [op 651]
09   wir nicht ihrem ganzen Inhalte nach, noch weniger wissen wir ihre Größe
10   durch die Vergleichung mit allem, was möglich ist, zu schätzen. Was hindert
11   uns aber, daß, da wir einmal in Absicht auf Causalität ein äußerstes
12   und oberstes Wesen bedürfen, wir es nicht zugleich dem Grade der Vollkommenheit
13   nach über alles andere Mögliche setzen sollten? welches
14   wir leicht, obzwar freilich nur durch den zarten Umriß eines abstracten
15   Begriffs, bewerkstelligen können, wenn wir uns in ihm als einer einigen
16   Substanz alle mögliche Vollkommenheit vereinigt vorstellen; welcher Begriff
17   der Forderung unserer Vernunft in der Ersparung der Principien
18   günstig, in sich selbst keinen Widersprüchen unterworfen und selbst der
19   Erweiterung des Vernunftgebrauchs mitten in der Erfahrung durch die
20   Leitung, welche eine solche Idee auf Ordnung und Zweckmäßigkeit giebt,
21   zuträglich, nirgend aber einer Erfahrung auf entschiedene Art zuwider
22   ist.


23   Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden.
24   Er ist der älteste, klärste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten
25   angemessene. Er belebt das Studium der Natur, so wie er selbst von
26   diesem sein Dasein hat und dadurch immer neue Kraft bekommt. Er bringt
27   Zwecke und Absichten dahin, wo sie unsere Beobachtung nicht von selbst
28   entdeckt hätte, und erweitert unsere Naturkenntnisse durch den Leitfaden
29   einer besonderen Einheit, deren Princip außer der Natur ist. Diese [op 652]
30   Kenntnisse wirken aber wieder auf ihre Ursache, nämlich die veranlassende
31   Idee, zurück und vermehren den Glauben an einen höchsten Urheber bis
32   zu einer unwiderstehlichen Überzeugung.


33   Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein,
34   dem Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft,
35   die durch so mächtige und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar
36   nur empirische Beweisgründe unablässig gehoben wird, kann durch keine
37   Zweifel subtiler, abgezogener Speculation so niedergedrückt werden, da


[seite 416]


01   sie nicht aus jeder grüblerischen Unentschlossenheit, gleich als aus einem
02   Traume, durch einen Blick, den sie auf die Wunder der Natur und der
03   Majestät des Weltbaues wirft, gerissen werden sollte, um sich von Größe
04   zu Größe bis zur allerhöchsten, vom Bedingten zur Bedingung bis zum
05   obersten und unbedingten Urheber zu erheben.


06   Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit
07   dieses Verfahrens nichts einzuwenden, sondern es vielmehr zu empfehlen
08   und aufzumuntern haben, so können wir darum doch die Ansprüche nicht
09   billigen, welche diese Beweisart auf apodiktische Gewißheit und auf einen
10   gar keiner Gunst oder fremden Unterstützung bedürftigen Beifall machen
11   möchte; und es kann der guten Sache keinesweges schaden, die dogmatische
12   Sprache eines hohnsprechenden Vernünftlers auf den Ton der Mäßigung
13   und Bescheidenheit eines zur Beruhigung hinreichenden, obgleich [op 653]
14   eben nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens herabzustimmen.
15   Ich behaupte demnach, daß der physikotheologische Beweis das
16   Dasein eines höchsten Wesens niemals allein darthun könne, sondern es
17   jederzeit dem ontologischen (welchem er nur zur Introduction dient) überlassen
18   müsse, diesen Mangel zu ergänzen, mithin dieser immer noch den
19   einzig möglichen Beweisgrund (wofern überall nur ein speculativer
20   Beweis stattfindet) enthalte, den keine menschliche Vernunft vorbeigehen
21   kann.


22   Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen Beweises sind
23   folgende: 1) In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen einer
24   Anordnung nach bestimmter Absicht, mit großer Weisheit ausgeführt
25   und in einem Ganzen von unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit des Inhalts
26   sowohl, als auch unbegrenzter Größe des Umfangs. 2) Den Dingen der
27   Welt ist diese zweckmäßige Anordnung ganz fremd und hängt ihnen nur
28   zufällig an, d. i. die Natur verschiedener Dinge konnte von selbst durch so
29   vielerlei sich vereinigende Mittel zu bestimmten Endabsichten nicht zusammenstimmen,
30   wären sie nicht durch ein anordnendes vernünftiges
31   Princip nach zum Grunde liegenden Ideen dazu ganz eigentlich gewählt
32   und angelegt worden. 3) Es existirt also eine erhabene und weise Ursache
33   (oder mehrere), die nicht bloß als blindwirkende allvermögende Natur
34   durch Fruchtbarkeit, sondern als Intelligenz durch Freiheit die Ursache
35   der Welt sein muß. 4) Die Einheit derselben läßt sich aus der Einheit
36   der wechselseitigen Beziehung der Theile der Welt als Glieder von [op 654]
37   einem künstlichen Bauwerk an demjenigen, wohin unsere Beobachtung


[seite 417]


01   reicht, mit Gewißheit, weiterhin aber nach allen Grundsätzen der Analogie
02   mit Wahrscheinlichkeit schließen.


03   Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu chicaniren,
04   da sie aus der Analogie einiger Naturproducte mit demjenigen, was
05   menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur Gewalt thut und sie
06   nöthigt, nicht nach ihren Zwecken zu verfahren, sondern sich in die unsrigen
07   zu schmiegen, (der Ähnlichkeit derselben mit Häusern, Schiffen, Uhren)
08   schließt, es werde eben eine solche Causalität, nämlich Verstand und Wille,
09   bei ihr zum Grunde liegen, wenn sie die innere Möglichkeit der freiwirkenden
10   Natur (die alle Kunst und vielleicht selbst sogar die Vernunft zuerst
11   möglich macht) noch von einer anderen, obgleich übermenschlichen
12   Kunst ableitet, welche Schlußart vielleicht die schärfste transscendentale
13   Kritik nicht aushalten dürfte: muß man doch gestehen, daß, wenn wir einmal
14   eine Ursache nennen sollen, wir hier nicht sicherer als nach der Analogie
15   mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen sind, wovon
16   uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind, verfahren können.
17   Die Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten können, wenn sie
18   von der Causalität, die sie kennt, zu dunkeln und unerweislichen Erklärungsgründen,
19   die sie nicht kennt, übergehen wollte.


20   Nach diesem Schlusse müßte die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit [op 655]
21   so vieler Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form, aber nicht
22   der Materie, d. i. der Substanz in der Welt, beweisen; denn zu dem letzteren
23   würde noch erfordert werden, daß bewiesen werden könnte, die Dinge
24   der Welt wären an sich selbst zu dergleichen Ordnung und Einstimmung
25   nach allgemeinen Gesetzen untauglich, wenn sie nicht, selbst ihrer Substanz
26   nach, das Product einer höchsten Weisheit wären; wozu aber ganz
27   andere Beweisgründe, als die von der Analogie mit menschlicher Kunst
28   erfordert werden würden. Der Beweis könnte also höchstens einen Weltbaumeister,
29   der durch die Tauglichkeit des Stoffs, den er bearbeitet,
30   immer sehr eingeschränkt wäre, aber nicht einen Weltschöpfer, dessen
31   Idee alles unterworfen ist, darthun, welches zu der großen Absicht, die
32   man vor Augen hat, nämlich ein allgenugsames Urwesen zu beweisen, bei
33   weitem nicht hinreichend ist. Wollten wir die Zufälligkeit der Materie
34   selbst beweisen, so müßten wir zu einem transscendentalen Argumente unsere
35   Zuflucht nehmen, welches aber hier eben hat vermieden werden sollen.


36   Der Schluß geht also von der in der Welt so durchgängig zu beobachtenden
37   Ordnung und Zweckmäßigkeit, als einer durchaus zufälligen Einrichtung,


[seite 418]


01   auf das Dasein einer ihr proportionirten Ursache. Der Begriff
02   dieser Ursache aber muß uns etwas ganz Bestimmtes von ihr zu
03   erkennen geben, und er kann also kein anderer sein, als der von einem [op 656]
04   Wesen, das alle Macht, Weisheit etc., mit einem Worte alle Vollkommenheit
05   als ein allgenugsames Wesen besitzt. Denn die Prädicate von sehr
06   großer, von erstaunlicher, von unermeßlicher Macht und Trefflichkeit
07   geben gar keinen bestimmten Begriff und sagen eigentlich nicht, was das
08   Ding an sich selbst sei, sondern sind nur Verhältnißvorstellungen von der
09   Größe des Gegenstandes, den der Beobachter (der Welt) mit sich selbst
10   und seiner Fassungskraft vergleicht, und die gleich hochureisend ausfallen,
11   man mag den Gegenstand vergrößern, oder das beobachtende Subject in
12   Verhältniß auf ihn kleiner machen. Wo es auf Größe (der Vollkommenheit)
13   eines Dinges überhaupt ankommt, da giebt es keinen bestimmten
14   Begriff als den, so die ganze mögliche Vollkommenheit begreift, und nur
15   das All ( omnitudo ) der Realität ist im Begriffe durchgängig bestimmt.


16   Nun will ich nicht hoffen, daß sich jemand unterwinden sollte, das
17   Verhältniß der von ihm beobachteten Weltgröße (nach Umfang sowohl als
18   Inhalt) zur Allmacht, der Weltordnung zur höchsten Weisheit, der Welteinheit
19   zur absoluten Einheit des Urhebers etc. einzusehen. Also kann die
20   Physikotheologie keinen bestimmten Begriff von der obersten Weltursache
21   geben und daher zu einem Princip der Theologie, welches wiederum die
22   Grundlage der Religion ausmachen soll, nicht hinreichend sein.


23   Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen Weg
24   ganz und gar unmöglich. Nun thut man ihn doch aber im physischtheologischen [op 657]
25   Beweise. Welches Mittels bedient man sich also wohl, über eine
26   so weite Kluft zu kommen?


27   Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der
28   Macht etc. des Welturhebers gelangt ist und nicht weiter kommen kann, so
29   verläßt man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte
30   Argument und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit
31   der Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser Zufälligkeit
32   allein geht man nun lediglich durch transscendentale Begriffe
33   zum Dasein eines Schlechthinnothwendigen und von dem Begriffe der
34   absoluten Nothwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig bestimmten
35   oder bestimmenden Begriff desselben, nämlich einer allbefassenden Realität.
36   Also blieb der physischtheologische Beweis in seiner Unternehmung
37   stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich zu dem kosmologischen Beweise


[seite 419]


01   über, und da dieser nur ein versteckter ontologischer Beweis ist, so
02   vollführte er seine Absicht wirklich bloß durch reine Vernunft, ob er gleich
03   anfänglich alle Verwandtschaft mit dieser abgeleugnet und alles auf einleuchtende
04   Beweise aus Erfahrung ausgesetzt hatte.


05   Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache, gegen die transscendentale
06   Beweisart so spröde zu thun und auf sie mit dem Eigendünkel
07   hellsehender Naturkenner als auf das Spinnengewebe finsterer Grübler
08   herabzusehen. Denn wenn sie sich nur selbst prüfen wollten, so würden
09   sie finden, daß, nachdem sie eine gute Strecke auf dem Boden der Natur [op 658]
10   und Erfahrung fortgegangen sind und sich gleichwohl immer noch eben so
11   weit von dem Gegenstande sehen, der ihrer Vernunft entgegen scheint, sie
12   plötzlich diesen Boden verlassen und ins Reich bloßer Möglichkeiten übergehen,
13   wo sie auf den Flügeln der Ideen demjenigen nahe zu kommen
14   hoffen, was sich aller ihrer empirischen Nachsuchung entzogen hatte. Nachdem
15   sie endlich durch einen so mächtigen Sprung festen Fuß gefaßt zu
16   haben vermeinen, so verbreiten sie den nunmehr bestimmten Begriff (in
17   dessen Besitz sie, ohne zu wissen wie, gekommen sind) über das ganze Feld
18   der Schöpfung und erläutern das Ideal, welches lediglich ein Product der
19   reinen Vernunft war, obzwar kümmerlich genug und weit unter der Würde
20   seines Gegenstandes, durch Erfahrung, ohne doch gestehen zu wollen, da
21   sie zu dieser Kenntniß oder Voraussetzung durch einen andern Fußsteig
22   als den der Erfahrung gelangt sind.


23   So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der kosmologische,
24   diesem aber der ontologische Beweis vom Dasein eines einigen Urwesens
25   als höchsten Wesens zum Grunde, und da außer diesen drei Wegen keiner
26   mehr der speculativen Vernunft offen ist, so ist der ontologische Beweis
27   aus lauter reinen Vernunftbegriffen der einzige mögliche, wenn überall
28   nur ein Beweis von einem so weit über allen empirischen Verstandesgebrauch
29   erhabenen Satze möglich ist.


[seite 420]

[op 659]


01   Des dritten Hauptstücks
02   Siebenter Abschnitt.
03   Kritik aller Theologie aus speculativen Principien
04   der Vernunft.


05   Wenn ich unter Theologie die Erkenntniß des Urwesens verstehe, so
06   ist sie entweder die aus bloßer Vernunft ( theologia rationalis ) oder aus
07   Offenbarung ( revelata ). Die erstere denkt sich nun ihren Gegenstand
08   entweder bloß durch reine Vernunft vermittelst lauter transscendentaler
09   Begriffe ( ens originarium, realissimum, ens entium ) und heißt die transscendentale
10   Theologie, oder durch einen Begriff, den sie aus der Natur
11   (unserer Seele) entlehnt, als die höchste Intelligenz und müßte die natürliche
12   Theologie heißen. Der, so allein eine transscendentale Theologie
13   einräumt, wird Deist, der, so auch eine natürliche Theologie annimmt,
14   Theist genannt. Der erstere giebt zu, daß wir allenfalls das Dasein
15   eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen können, wovon aber unser
16   Begriff bloß transscendental sei, nämlich nur als von einem Wesen, das
17   alle Realität hat, die man aber nicht näher bestimmen kann. Der zweite
18   behauptet, die Vernunft sei im Stande, den Gegenstand nach der Analogie
19   mit der Natur näher zu bestimmen, nämlich als ein Wesen, das durch
20   Verstand und Freiheit den Urgrund aller anderen Dinge in sich enthalte.
21   Jener stellt sich also unter demselben bloß eine Weltursache (ob durch [op 660]
22   die Nothwendigkeit seiner Natur, oder durch Freiheit, bleibt unentschieden),
23   dieser einen Welturheber vor.


24   Die transscendentale Theologie ist entweder diejenige, welche das
25   Dasein des Urwesens von einer Erfahrung überhaupt (ohne über die Welt,
26   wozu sie gehört, etwas näher zu bestimmen) abzuleiten gedenkt, und heißt
27   Kosmotheologie, oder glaubt durch bloße Begriffe ohne Beihülfe der
28   mindesten Erfahrung sein Dasein zu erkennen und wird Ontotheologie
29   genannt.


30   Die natürliche Theologie schließt auf die Eigenschaften und das
31   Dasein eines Welturhebers aus der Beschaffenheit, der Ordnung und
32   Einheit, die in dieser Welt angetroffen wird, in welcher zweierlei Causalität
33   und deren Regel angenommen werden muß, nämlich Natur und Freiheit.


[seite 421]


01   Daher steigt sie von dieser Welt zur höchsten Intelligenz auf, entweder
02   als dem Princip aller natürlichen, oder aller sittlichen Ordnung
03   und Vollkommenheit. Im ersteren Falle heißt sie Physikotheologie,
04   im letzten Moraltheologie *).


05   Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende
06   ewige Natur als die Wurzel der Dinge, sondern ein höchstes [op 661]
07   Wesen, das durch Verstand und Freiheit der Urheber der Dinge sein soll,
08   zu verstehen gewohnt ist, und auch dieser Begriff allein uns interessirt, so
09   könnte man nach der Strenge dem Deisten allen Glauben an Gott absprechen
10   und ihm lediglich die Behauptung eines Urwesens oder obersten
11   Ursache übrig lassen. Indessen da niemand darum, weil er etwas sich
12   nicht zu behaupten getrauet, beschuldigt werden darf, er wolle es gar
13   leugnen, so ist es gelinder und billiger, zu sagen: der Deist glaube einen
14   Gott, der Theist aber einen lebendigen Gott ( summam intelligentiam ).
15   Jetzt wollen wir die möglichen Quellen aller dieser Versuche der
16   Vernunft aufsuchen.


17   Ich begnüge mich hier, die theoretische Erkenntniß durch eine solche
18   zu erklären, wodurch ich erkenne, was da ist, die praktische aber, dadurch
19   ich mir vorstelle, was dasein soll. Diesemnach ist der theoretische Gebrauch
20   der Vernunft derjenige, durch den ich a priori (als nothwendig)
21   erkenne, daß etwas sei; der praktische aber, durch den a priori erkannt
22   wird, was geschehen solle. Wenn nun entweder, daß etwas sei oder ge/schehen
23   solle, ungezweifelt gewiß, aber doch nur bedingt ist: so kann doch
24   entweder eine gewisse bestimmte Bedingung dazu schlechthin nothwendig
25   sein, oder sie kann nur als beliebig und zufällig vorausgesetzt werden. Im
26   ersteren Falle wird die Bedingung postulirt ( per thesin ), im zweiten supponirt
27   ( per hypothesin ). Da es praktische Gesetze giebt, die schlechthin [op 662]
28   nothwendig sind (die moralische), so muß, wenn diese irgend ein Dasein
29   als die Bedingung der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft nothwendig
30   voraussetzen, dieses Dasein postulirt werden, darum weil das Bedingte,
31   von welchem der Schluß auf diese bestimmte Bedingung geht, selbst



32   *) Nicht theologische Moral; denn die enthält sittliche Gesetze, welche das
33   Dasein eines höchsten Weltregierers voraussetzen, da hingegen die Moraltheologie
34   eine Überzeugung vom Dasein eines höchsten Wesens ist, welche sich auf sittliche
35   Gesetze gründet.


[seite 422]


01   a priori als schlechterdings nothwendig erkannt wird. Wir werden künftig
02   von den moralischen Gesetzen zeigen, daß sie das Dasein eines höchsten
03   Wesens nicht bloß voraussetzen, sondern auch, da sie in anderweitiger Betrachtung
04   schlechterdings nothwendig sind, es mit Recht, aber freilich nur
05   praktisch postuliren; jetzt setzen wir diese Schlußart noch bei Seite.


06   Da, wenn bloß von dem, was da ist (nicht, was sein soll), die Rede
07   ist, das Bedingte, welches uns in der Erfahrung gegeben wird, jederzeit
08   auch als zufällig gedacht wird, so kann die zu ihm gehörige Bedingung
09   daraus nicht als schlechthin nothwendig erkannt werden, sondern dient nur
10   als eine respectiv nothwendige oder vielmehr nöthige, an sich selbst aber
11   und a priori willkürliche Voraussetzung zum Vernunfterkenntniß des Bedingten.
12   Soll also die absolute Nothwendigkeit eines Dinges im theoretischen
13   Erkenntnisse erkannt werden, so könnte dieses allein aus Begriffen
14   a priori geschehen, niemals aber als einer Ursache in Beziehung auf ein
15   Dasein, das durch Erfahrung gegeben ist.


16   Eine theoretische Erkenntniß ist speculativ, wenn sie auf einen Gegenstand
17   oder solche Begriffe von einem Gegenstande geht, wozu man in [op 663]
18   keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird der Naturerkenntniß entgegengesetzt,
19   welche auf keine andere Gegenstände oder Prädicate derselben
20   geht, als die in einer möglichen Erfahrung gegeben werden können.
21   Der Grundsatz, von dem, was geschieht, (dem empirisch Zufälligen) als
22   Wirkung auf eine Ursache zu schließen, ist ein Princip der Naturerkenntniß,
23   aber nicht der speculativen. Denn wenn man von ihm als einem
24   Grundsatze, der die Bedingung möglicher Erfahrung überhaupt enthält,
25   abstrahirt und, indem man alles Empirische wegläßt, ihn vom Zufälligen
26   überhaupt aussagen will, so bleibt nicht die mindeste Rechtfertigung eines
27   solchen synthetischen Satzes übrig, um daraus zu ersehen, wie ich von
28   etwas, was da ist, zu etwas davon ganz Verschiedenem (genannt Ursache)
29   übergehen könne; ja der Begriff einer Ursache verliert eben so wie des Zufälligen
30   in solchem bloß speculativen Gebrauche alle Bedeutung, deren objective
31   Realität sich in concreto begreiflich machen lasse.


32   Wenn man nun vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ursache
33   schließt, so gehört dieses nicht zum natürlichen, sondern zum speculativen
34   Vernunftgebrauch: weil jener nicht die Dinge selbst (Substanzen),
35   sondern nur das, was geschieht, also ihre Zustände, als empirisch
36   zufällig auf irgend eine Ursache bezieht; daß die Substanz selbst (die
37   Materie) dem Dasein nach zufällig sei, würde ein bloß speculatives Vernunfterkenntni


[seite 423]

[op 664]
01   sein müssen. Wenn aber auch nur von der Form der
02   Welt, der Art ihrer Verbindung und dem Wechsel derselben die Rede wäre,
03   ich wollte aber daraus auf eine Ursache schließen, die von der Welt gänzlich
04   unterschieden ist: so würde dieses wiederum ein Urtheil der blo
05   speculativen Vernunft sein, weil der Gegenstand hier gar kein Object einer
06   möglichen Erfahrung ist. Aber alsdann würde der Grundsatz der Causalität,
07   der nur innerhalb dem Felde der Erfahrungen gilt und außer demselben
08   ohne Gebrauch, ja selbst ohne Bedeutung ist, von seiner Bestimmung
09   gänzlich abgebracht.


10   Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß speculativen Gebrauchs
11   der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer
12   inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind, daß aber die Principien
13   ihres Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie führen; folglich,
14   wenn man nicht moralische Gesetze zum Grunde legt oder zum Leitfaden
15   braucht, es überall keine Theologie der Vernunft geben könne. Denn alle
16   synthetische Grundsätze des Verstandes sind von immanentem Gebrauch;
17   zu der Erkenntniß eines höchsten Wesens aber wird ein transscendenter
18   Gebrauch derselben erfordert, wozu unser Verstand gar nicht ausgerüstet
19   ist. Soll das empirisch gültige Gesetz der Causalität zu dem Urwesen
20   führen, so müßte dieses in die Kette der Gegenstände der Erfahrung mitgehören;
21   alsdann wäre es aber wie alle Erscheinungen selbst wiederum [op 665]
22   bedingt. Erlaubte man aber auch den Sprung über die Grenze der Erfahrung
23   hinaus vermittelst des dynamischen Gesetzes der Beziehung der
24   Wirkungen auf ihre Ursachen: welchen Begriff kann uns dieses Verfahren
25   verschaffen? Bei weitem keinen Begriff von einem höchsten Wesen, weil
26   uns Erfahrung niemals die größte aller möglichen Wirkungen (als welche
27   das Zeugniß von ihrer Ursache ablegen soll) darreicht. Soll es uns erlaubt
28   sein, bloß um in unserer Vernunft nichts Leeres übrig zu lassen, diesen
29   Mangel der völligen Bestimmung durch eine bloße Idee der höchsten Vollkommenheit
30   und ursprünglichen Nothwendigkeit auszufüllen: so kann
31   dieses zwar aus Gunst eingeräumt, aber nicht aus dem Rechte eines unwiderstehlichen
32   Beweises gefordert werden. Der physischtheologische Beweis
33   könnte also vielleicht wohl anderen Beweisen (wenn solche zu haben
34   sind) Nachdruck geben, indem er Speculation mit Anschauung verknüpft:
35   für sich selbst aber bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntni
36   vor und giebt ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung, als da
37   er allein das Geschäfte vollenden könnte.


[seite 424]


01   Man sieht also hieraus wohl, daß transscendentale Fragen nur transscendentale
02   Antworten, d. i. aus lauter Begriffen a priori ohne die mindeste
03   empirische Beimischung, erlauben. Die Frage ist hier aber offenbar
04   synthetisch und verlangt eine Erweiterung unserer Erkenntniß über alle
05   Grenzen der Erfahrung hinaus, nämlich zu dem Dasein eines Wesens, [op 666]
06   das unserer bloßen Idee entsprechen soll, der niemals irgend eine Erfahrung
07   gleichkommen kann. Nun ist nach unseren obigen Beweisen alle
08   synthetische Erkenntniß a priori nur dadurch möglich, daß sie die formalen
09   Bedingungen einer möglichen Erfahrung ausdrückt, und alle Grundsätze
10   sind also nur von immanenter Gültigkeit, d. i. sie beziehen sich lediglich
11   auf Gegenstände empirischer Erkenntniß oder Erscheinungen. Also wird
12   auch durch transscendentales Verfahren in Absicht auf die Theologie einer
13   bloß speculativen Vernunft nichts ausgerichtet.


14   Wollte man aber lieber alle obige Beweise der Analytik in Zweifel
15   ziehen, als sich die Überredung von dem Gewichte der so lange gebrauchten
16   Beweisgründe rauben lassen: so kann man sich doch nicht weigern, der
17   Aufforderung ein Genüge zu thun, wenn ich verlange, man solle sich wenigstens
18   darüber rechtfertigen, wie und vermittelst welcher Erleuchtung
19   man sich denn getraue, alle mögliche Erfahrung durch die Macht bloßer
20   Ideen zu überfliegen. Mit neuen Beweisen oder ausgebesserter Arbeit
21   alter Beweise würde ich bitten mich zu verschonen. Denn ob man zwar
22   hierin eben nicht viel zu wählen hat, indem endlich doch alle bloß speculative
23   Beweise auf einen einzigen, nämlich den ontologischen, hinauslaufen,
24   und ich also eben nicht fürchten darf, sonderlich durch die Fruchtbarkeit der
25   dogmatischen Verfechter jener sinnenfreien Vernunft belästigt zu werden;
26   obgleich ich überdem auch, ohne mich darum sehr streitbar zu dünken, die [op 667]
27   Ausforderung nicht ausschlagen will, in jedem Versuche dieser Art den Fehlschlu
28   aufzudecken und dadurch seine Anmaßung zu vereiteln: so wird daher
29   doch die Hoffnung besseren Glücks bei denen, welche einmal dogmatischer
30   Überredungen gewohnt sind, niemals völlig aufgehoben; und ich halte mich
31   daher an der einzigen billigen Forderung, daß man sich allgemein und
32   aus der Natur des menschlichen Verstandes sammt allen übrigen Erkenntnißquellen
33   darüber rechtfertige, wie man es anfangen wolle, sein Erkenntni
34   ganz und gar a priori zu erweitern und bis dahin zu erstrecken, wo
35   keine mögliche Erfahrung und mithin kein Mittel hinreicht, irgend einem


[seite 425]


01   von uns selbst ausgedachten Begriffe seine objective Realität zu versichern.
02   Wie der Verstand auch zu diesem Begriffe gelangt sein mag, so kann doch
03   das Dasein des Gegenstandes desselben nicht analytisch in demselben gefunden
04   werden, weil eben darin die Erkenntniß der Existenz des Objects
05   besteht, daß dieses außer dem Gedanken an sich selbst gesetzt ist. Es ist
06   aber gänzlich unmöglich, aus einem Begriffe von selbst hinaus zu gehen
07   und, ohne daß man der empirischen Verknüpfung folgt (wodurch aber jederzeit
08   nur Erscheinungen gegeben werden), zu Entdeckung neuer Gegenstände
09   und überschwenglicher Wesen zu gelangen.


10   Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß speculativen Gebrauche
11   zu dieser so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist, nämlich zum
12   Dasein eines obersten Wesens zu gelangen: so hat sie doch darin sehr [op 668]
13   großen Nutzen, die Erkenntniß desselben, im Fall sie anders woher geschöpft
14   werden könnte, zu berichtigen, mit sich selbst und jeder intelligibelen
15   Absicht einstimmig zu machen und von allem, was dem Begriffe eines
16   Urwesens zuwider sein möchte, und aller Beimischung empirischer Einschränkungen
17   zu reinigen.


18   Die transscendentale Theologie bleibt demnach aller ihrer Unzulänglichkeit
19   ungeachtet dennoch von wichtigem negativen Gebrauche und ist eine
20   beständige Censur unserer Vernunft, wenn sie bloß mit reinen Ideen zu
21   thun hat, die eben darum kein anderes als transscendentales Richtma
22   zulassen. Denn wenn einmal in anderweitiger, vielleicht praktischer Beziehung
23   die Voraussetzung eines höchsten und allgenugsamen Wesens
24   als oberster Intelligenz ihre Gültigkeit ohne Widerrede behauptete: so
25   wäre es von der größten Wichtigkeit, diesen Begriff auf seiner transscendentalen
26   Seite als den Begriff eines nothwendigen und allerrealsten Wesens
27   genau zu bestimmen und, was der höchsten Realität zuwider ist, was
28   zur bloßen Erscheinung (dem Anthropomorphism im weiteren Verstande)
29   gehört, wegzuschaffen und zugleich alle entgegengesetzte Behauptungen, sie
30   mögen nun atheistisch oder deistisch oder anthropomorphistisch
31   sein, aus dem Wege zu räumen; welches in einer solchen kritischen Behandlung
32   sehr leicht ist, indem dieselben Gründe, durch welche das Unvermögen
33   der menschlichen Vernunft in Ansehung der Behauptung des [op 669]
34   Daseins eines dergleichen Wesens vor Augen gelegt wird, nothwendig auch
35   zureichen, um die Untauglichkeit einer jeden Gegenbehauptung zu beweisen.
36   Denn wo will jemand durch reine Speculation der Vernunft die
37   Einsicht hernehmen, daß es kein höchstes Wesen als Urgrund von Allem


[seite 426]


01   gebe, oder daß ihm keine von den Eigenschaften zukomme, welche wir ihren
02   Folgen nach als analogisch mit den dynamischen Realitäten eines denkenden
03   Wesens uns vorstellen, oder daß sie in dem letzteren Falle auch allen
04   Einschränkungen unterworfen sein müßten, welche die Sinnlichkeit den
05   Intelligenzen, die wir durch Erfahrung kennen, unvermeidlich auferlegt.


06   Das höchste Wesen bleibt also für den bloß speculativen Gebrauch
07   der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff
08   welcher die ganze menschliche Erkenntniß schließt und krönt, dessen objective
09   Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt
10   werden kann; und wenn es eine Moraltheologie geben sollte, die diesen
11   Mangel ergänzen kann, so beweiset alsdann die vorher nur problematische
12   transscendentale Theologie ihre Unentbehrlichkeit durch Bestimmung ihres
13   Begriffs und unaufhörliche Censur einer durch Sinnlichkeit oft genug getäuschten
14   und mit ihren eigenen Ideen nicht immer einstimmigen Vernunft.
15   Die Nothwendigkeit, die Unendlichkeit, die Einheit, das Dasein
16   außer der Welt (nicht als Weltseele), die Ewigkeit ohne Bedingungen der [op 670]
17   Zeit, die Allgegenwart ohne Bedingungen des Raumes, die Allmacht etc.
18   sind lauter transscendentale Prädicate, und daher kann der gereinigte
19   Begriff derselben, den eine jede Theologie so sehr nöthig hat, bloß aus der
20   transscendentalen gezogen werden.


21   Anhang
22   zur transscendentalen Dialektik.


23   Von dem regulativen Gebrauch der Ideen der
24   reinen Vernunft.


25   Der Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt
26   nicht allein, was wir schon in der transscendentalen Analytik bewiesen,
27   nämlich daß alle unsere Schlüsse, die uns über das Feld möglicher
28   Erfahrung hinausführen wollen, trüglich und grundlos sind; sondern er
29   lehrt uns zugleich dieses Besondere: daß die menschliche Vernunft dabei
30   einen natürlichen Hang habe, diese Grenze zu überschreiten, daß transscendentale
31   Ideen ihr eben so natürlich seien, als dem Verstande die Kategorien,
32   obgleich mit dem Unterschiede, daß, so wie die letztern zur Wahrheit,
33   d. i. der Übereinstimmung unserer Begriffe mit dem Objecte, führen,


[seite 427]


01   die erstern einen bloßen, aber unwiderstehlichen Schein bewirken, dessen
02   Täuschung man kaum durch die schärfste Kritik abhalten kann.


03   Alles, was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist, muß zweckmäßig
04   und mit dem richtigen Gebrauche derselben einstimmig sein, wenn [op 671]
05   wir nur einen gewissen Mißverstand verhüten und die eigentliche Richtung
06   derselben ausfindig machen können. Also werden die transscendentalen
07   Ideen allem Vermuthen nach ihren guten und folglich immanenten
08   Gebrauch haben, obgleich, wenn ihre Bedeutung verkannt und sie für Begriffe
09   von wirklichen Dingen genommen werden, sie transscendent in der
10   Anwendung und eben darum trüglich sein können. Denn nicht die Idee
11   an sich selbst, sondern bloß ihr Gebrauch kann entweder in Ansehung der
12   gesammten möglichen Erfahrung überfliegend (transscendent), oder
13   einheimisch (immanent) sein, nachdem man sie entweder geradezu auf
14   einen ihr vermeintlich entsprechenden Gegenstand, oder nur auf den Verstandesgebrauch
15   überhaupt in Ansehung der Gegenstände, mit welchen er
16   zu thun hat, richtet; und alle Fehler der Subreption sind jederzeit einem
17   Mangel der Urtheilskraft, niemals aber dem Verstande oder der Vernunft
18   zuzuschreiben.


19   Die Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf einen Gegenstand,
20   sondern lediglich auf den Verstand und vermittelst desselben auf ihren
21   eigenen empirischen Gebrauch, schafft also keine Begriffe (von Objecten),
22   sondern ordnet sie nur und giebt ihnen diejenige Einheit, welche sie in
23   ihrer größtmöglichen Ausbreitung haben können, d. i. in Beziehung auf
24   die Totalität der Reihen, als auf welche der Verstand gar nicht sieht, sondern
25   nur auf diejenige Verknüpfung, dadurch allerwärts Reihen der
26   Bedingungen nach Begriffen zu Stande kommen. Die Vernunft hat [op 672]
27   also eigentlich nur den Verstand und dessen zweckmäßige Anstellung zum
28   Gegenstande; und wie dieser das Mannigfaltige im Object durch Begriffe
29   vereinigt, so vereinigt jene ihrerseits das Mannigfaltige der Begriffe durch
30   Ideen, indem sie eine gewisse collective Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen
31   setzt, welche sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt
32   sind.


33   Ich behaupte demnach: die transscendentalen Ideen sind niemals
34   von constitutivem Gebrauche, so daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände
35   gegeben würden, und in dem Falle, daß man sie so versteht, sind es blo


[seite 428]


01   vernünftelnde (dialektische) Begriffe. Dagegen aber haben sie einen vortrefflichen
02   und unentbehrlich nothwendigen regulativen Gebrauch, nämlich
03   den Verstand zu einem gewissen Ziele zu richten, in Aussicht auf welches
04   die Richtungslinien aller seiner Regeln in einen Punkt zusammenlaufen,
05   der, ob er zwar nur eine Idee ( focus imaginarius ), d. i. ein Punkt, ist,
06   aus welchem die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, indem er
07   ganz außerhalb den Grenzen möglicher Erfahrung liegt, dennoch dazu
08   dient, ihnen die größte Einheit neben der größten Ausbreitung zu verschaffen.
09   Nun entspringt uns zwar hieraus die Täuschung, als wenn diese
10   Richtungslinien von einem Gegenstande selbst, der außer dem Felde empirisch
11   möglicher Erkenntniß läge, ausgeschlossen wären (so wie die Objecte
12   hinter der Spiegelfläche gesehen werden); allein diese Illusion (welche [op 673]
13   man doch hindern kann, daß sie nicht betrügt) ist gleichwohl unentbehrlich
14   nothwendig, wenn wir außer den Gegenständen, die uns vor Augen sind,
15   auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im Rücken
16   liegen, d. i. wenn wir in unserem Falle den Verstand über jede gegebene
17   Erfahrung (den Theil der gesammten möglichen Erfahrung) hinaus, mithin
18   auch zur größtmöglichen und äußersten Erweiterung abrichten wollen.


19   Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange,
20   so finden wir, daß dasjenige, was Vernunft ganz eigenthümlich
21   darüber verfügt und zu Stande zu bringen sucht, das Systematische
22   der Erkenntniß sei, d. i. der Zusammenhang derselben aus einem Princip.
23   Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die von
24   der Form eines Ganzen der Erkenntniß, welches vor der bestimmten Erkenntni
25   der Theile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem Theile
26   seine Stelle und Verhältniß zu den übrigen a priori zu bestimmen. Diese
27   Idee postulirt demnach vollständige Einheit der Verstandeserkenntniß,
28   wodurch diese nicht bloß ein zufälliges Aggregat, sondern ein nach nothwendigen
29   Gesetzen zusammenhängendes System wird. Man kann eigentlich
30   nicht sagen, daß diese Idee ein Begriff vom Objecte sei, sondern von
31   der durchgängigen Einheit dieser Begriffe, so fern dieselbe dem Verstande
32   zur Regel dient. Dergleichen Vernunftbegriffe werden nicht aus der
33   Natur geschöpft, vielmehr befragen wir die Natur nach diesen Ideen und [op 674]
34   halten unsere Erkenntniß für mangelhaft, so lange sie denselben nicht adäquat
35   ist. Man gesteht, daß sich schwerlich reine Erde, reines Wasser,
36   reine Luft etc. finde. Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch nöthig
37   (die also, was die völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ihren


[seite 429]


01   Ursprung haben), um den Antheil, den jede dieser Naturursachen an der
02   Erscheinung hat, gehörig zu bestimmen; und so bringt man alle Materien
03   auf die Erden (gleichsam die bloße Last), salze und brennliche Wesen
04   (als die Kraft), endlich auf Wasser und Luft als Vehikeln (gleichsam Maschinen,
05   vermittelst deren die vorigen wirken), um nach der Idee eines
06   Mechanismus die chemischen Wirkungen der Materien unter einander zu
07   erklären. Denn wiewohl man sich nicht wirklich so ausdrückt, so ist doch
08   ein solcher Einfluß der Vernunft auf die Eintheilungen der Naturforscher
09   sehr leicht zu entdecken.


10   Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Besondere aus dem Allgemeinen
11   abzuleiten, so ist entweder das Allgemeine schon an sich gewi
12   und gegeben, und alsdann erfordert es nur Urtheilskraft zur Subsumtion,
13   und das Besondere wird dadurch nothwendig bestimmt. Dieses will
14   ich den apodiktischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das Allgemeine
15   wird nur problematisch angenommen und ist eine bloße Idee;
16   das Besondere ist gewiß, aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge
17   ist noch ein Problem: so werden mehrere besondere Fälle, die insgesammt
18   gewiß sind, an der Regel versucht, ob sie daraus fließen; und in diesem [op 675]
19   Falle, wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebende besondere Fälle
20   daraus abfolgen, wird auf die Allgemeinheit der Regel, aus dieser aber
21   nachher auf alle Fälle, die auch an sich nicht gegeben sind, geschlossen.
22   Diesen will ich den hypothetischen Gebrauch der Vernunft nennen.


23   Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus zum Grunde gelegten
24   Ideen als problematischen Begriffen ist eigentlich nicht constitutiv,
25   nämlich nicht so beschaffen, daß dadurch, wenn man nach aller Strenge
26   urtheilen will, die Wahrheit der allgemeinen Regel, die als Hypothese
27   angenommen worden, folge; denn wie will man alle mögliche Folgen
28   wissen, die, indem sie aus demselben angenommenen Grundsatze folgen,
29   seine Allgemeinheit beweisen? Sondern er ist nur regulativ, um dadurch,
30   so weit als es möglich ist, Einheit in die besonderen Erkenntnisse zu bringen
31   und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu nähern.


32   Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische
33   Einheit der Verstandeserkenntnisse, diese aber ist der Probirstein der
34   Wahrheit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische Einheit (als bloße
35   Idee) lediglich nur projectirte Einheit, die man an sich nicht als gegeben,
36   sondern nur als Problem ansehen muß; welche aber dazu dient, zu
37   dem mannigfaltigen und besonderen Verstandesgebrauche ein Principium


[seite 430]


01   zu finden und diesen dadurch auch über die Fälle, die nicht gegeben sind,
02   zu leiten und zusammenhängend zu machen.

[op 676]


03   Man sieht aber hieraus nur, daß die systematische oder Vernunfteinheit
04   der mannigfaltigen Verstandeserkenntniß ein logisches Princip
05   sei, um da, wo der Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt, ihm durch
06   Ideen fortzuhelfen und zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit
07   unter einem Princip (systematische) und dadurch Zusammenhang
08   zu verschaffen, so weit als es sich thun läßt. Ob aber die Beschaffenheit
09   der Gegenstände oder die Natur des Verstandes, der sie als solche erkennt,
10   an sich zur systematischen Einheit bestimmt sei, und ob man diese a priori
11   auch ohne Rücksicht auf ein solches Interesse der Vernunft in gewisser
12   Maße postuliren und also sagen könne: alle mögliche Verstandeserkenntnisse
13   (darunter die empirischen) haben Vernunfteinheit und stehen unter
14   gemeinschaftlichen Principien, woraus sie unerachtet ihrer Verschiedenheit
15   abgeleitet werden können: das würde ein transscendentaler Grundsatz
16   der Vernunft sein, welcher die systematische Einheit nicht bloß subjectiv
17   und logisch=, als Methode, sondern objectiv nothwendig machen
18   würde.


19   Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunftgebrauchs erläutern.
20   Unter die verschiedenen Arten von Einheit nach Begriffen des Verstandes
21   gehört auch die der Causalität einer Substanz, welche Kraft genannt wird.
22   Die verschiedenen Erscheinungen eben derselben Substanz zeigen beim
23   ersten Anblicke so viel Ungleichartigkeit, daß man daher anfänglich beinahe
24   so vielerlei Kräfte derselben annehmen muß, als Wirkungen sich hervorthun, [op 677]
25   wie in dem menschlichen Gemüthe die Empfindung, Bewußtsein,
26   Einbildung, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, Lust, Begierde u. s. w.
27   Anfänglich gebietet eine logische Maxime diese anscheinende Verschiedenheit
28   so viel als möglich dadurch zu verringern, daß man durch Vergleichung
29   die versteckte Identität entdecke und nachsehe, ob nicht Einbildung,
30   mit Bewußtsein verbunden, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, vielleicht
31   gar Verstand und Vernunft sei. Die Idee einer Grundkraft, von
32   welcher aber die Logik gar nicht ausmittelt, ob es dergleichen gebe, ist
33   wenigstens das Problem einer systematischen Vorstellung der Mannigfaltigkeit
34   von Kräften. Das logische Vernunftprincip erfordert diese Einheit
35   so weit als möglich zu Stande zu bringen, und je mehr die Erscheinungen
36   der einen und anderen Kraft unter sich identisch gefunden werden,
37   desto wahrscheinlicher wird es, daß sie nichts als verschiedene Äußerungen


[seite 431]


01   einer und derselben Kraft sind, welche (comparativ) ihre Grundkraft
02   heißen kann. Eben so verfährt man mit den übrigen.


03   Die comparativen Grundkräfte müssen wiederum unter einander verglichen
04   werden, um sie dadurch, daß man ihre Einhelligkeit entdeckt, einer
05   einzigen radicalen, d. i. absoluten, Grundkraft nahe zu bringen. Diese
06   Vernunfteinheit aber ist bloß hypothetisch. Man behauptet nicht, daß eine
07   solche in der That angetroffen werden müsse, sondern daß man sie zu
08   Gunsten der Vernunft, nämlich zu Errichtung gewisser Principien, für die [op 678]
09   mancherlei Regeln, die die Erfahrung an die Hand geben mag, suchen
10   und, wo es sich thun läßt, auf solche Weise systematische Einheit ins Erkenntni
11   bringen müsse.


12   Es zeigt sich aber, wenn man auf den transscendentalen Gebrauch
13   des Verstandes Acht hat, daß diese Idee einer Grundkraft überhaupt nicht
14   bloß als Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sei, sondern
15   objective Realität vorgebe, dadurch die systematische Einheit der mancherlei
16   Kräfte einer Substanz postulirt und ein apodiktisches Vernunftprincip
17   errichtet wird. Denn ohne daß wir einmal die Einhelligkeit der mancherlei
18   Kräfte versucht haben, ja selbst wenn es uns nach allen Versuchen mißlingt,
19   sie zu entdecken, setzen wir doch voraus: es werde eine solche anzutreffen
20   sein; und dieses nicht allein, wie in dem angeführten Falle wegen
21   der Einheit der Substanz; sondern wo sogar viele, obzwar in gewissem
22   Grade gleichartige, angetroffen werden, wie an der Materie überhaupt,
23   setzt die Vernunft systematische Einheit mannigfaltiger Kräfte voraus, da
24   besondere Naturgesetze unter allgemeineren stehen, und die Ersparung der
25   Principien nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der Vernunft, sondern
26   inneres Gesetz der Natur wird.


27   In der That ist auch nicht abzusehen, wie ein logisches Princip der
28   Vernunfteinheit der Regeln stattfinden könne, wenn nicht ein transscendentales
29   vorausgesetzt würde, durch welches eine solche systematische Einheit, [op 679]
30   als den Objecten selbst anhängend, a priori als nothwendig angenommen
31   wird. Denn mit welcher Befugniß kann die Vernunft im logischen
32   Gebrauche verlangen, die Mannigfaltigkeit der Kräfte, welche uns die
33   Natur zu erkennen giebt, als eine bloß versteckte Einheit zu behandeln und
34   sie aus irgend einer Grundkraft, so viel an ihr ist, abzuleiten, wenn es ihr
35   freistände zuzugeben, daß es eben so wohl möglich sei, alle Kräfte wären
36   ungleichartig, und die systematische Einheit ihrer Ableitung der Natur
37   nicht gemäß? Denn alsdann würde sie gerade wider ihre Bestimmung


[seite 432]


01   verfahren, indem sie sich eine Idee zum Ziele setzte, die der Natureinrichtung
02   ganz widerspräche. Auch kann man nicht sagen, sie habe zuvor von
03   der zufälligen Beschaffenheit der Natur diese Einheit nach Principien der
04   Vernunft abgenommen. Denn das Gesetz der Vernunft, sie zu suchen, ist
05   nothwendig, weil wir ohne dasselbe gar keine Vernunft, ohne diese aber
06   keinen zusammenhängenden Verstandesgebrauch und in dessen Ermangelung
07   kein zureichendes Merkmal empirischer Wahrheit haben würden, und
08   wir also in Ansehung des letzteren die systematische Einheit der Natur
09   durchaus als objectiv gültig und nothwendig voraussetzen müssen.


10   Wir finden diese transscendentale Voraussetzung auch auf eine bewundernswürdige
11   Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt,
12   wiewohl sie solche darin nicht immer erkannt, oder sich selbst gestanden
13   haben. Daß alle Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die Identität der [op 680]
14   Art nicht ausschließen; daß die mancherlei Arten nur als verschiedentliche
15   Bestimmungen von wenigen Gattungen, diese aber von noch höheren
16   Geschlechtern etc. behandelt werden müssen; daß also eine gewisse systematische
17   Einheit aller möglichen empirischen Begriffe, so fern sie von
18   höheren und allgemeineren abgeleitet werden können, gesucht werden
19   müsse: ist eine Schulregel oder logisches Princip, ohne welches kein Gebrauch
20   der Vernunft stattfände, weil wir nur so fern vom Allgemeinen
21   aufs Besondere schließen können, als allgemeine Eigenschaften der Dinge
22   zum Grunde gelegt werden, unter denen die besonderen stehen.
23   Daß aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen
24   werde, setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus: da
25   man die Anfänge (Principien) nicht ohne Noth vervielfältigen müsse
26   ( entia praeter necessitatem non esse multiplicanda ). Dadurch wird gesagt,
27   daß die Natur der Dinge selbst zur Vernunfteinheit Stoff darbiete,
28   und die anscheinende unendliche Verschiedenheit dürfe uns nicht abhalten,
29   hinter ihr Einheit der Grundeigenschaften zu vermuthen, von welchen die
30   Mannigfaltigkeit nur durch mehrere Bestimmung abgeleitet werden kann.
31   Dieser Einheit, ob sie gleich eine bloße Idee ist, ist man zu allen Zeiten
32   so eifrig nachgegangen, daß man eher Ursache gefunden, die Begierde
33   nach ihr zu mäßigen, als sie aufzumuntern. Es war schon viel, daß die
34   Scheidekünstler alle Salze auf zwei Hauptgattungen, saure und laugenhafte,
35   zurückführen konnten, sie versuchen sogar auch diesen Unterschied [op 681]
36   bloß als eine Varietät oder verschiedene Äußerung eines und desselben
37   Grundstoffs anzusehen. Die mancherlei Arten von Erden (den Stoff der


[seite 433]


01   Steine und sogar der Metalle) hat man nach und nach auf drei, endlich
02   auf zwei zu bringen gesucht; allein damit noch nicht zufrieden, können sie
03   sich des Gedankens nicht entschlagen, hinter diesen Varietäten dennoch
04   eine einzige Gattung, ja wohl gar zu diesen und den Salzen ein gemeinschaftliches
05   Princip zu vermuthen. Man möchte vielleicht glauben, dieses
06   sei ein bloß ökonomischer Handgriff der Vernunft, um sich so viel als möglich
07   Mühe zu ersparen, und ein hypothetischer Versuch, der, wenn er gelingt,
08   dem vorausgesetzten Erklärungsgrunde eben durch diese Einheit Wahrscheinlichkeit
09   giebt. Allein eine solche selbstsüchtige Absicht ist sehr leicht
10   von der Idee zu unterscheiden, nach welcher jedermann voraussetzt, diese
11   Vernunfteinheit sei der Natur selbst angemessen, und daß die Vernunft
12   hier nicht bettele, sondern gebiete, obgleich ohne die Grenzen dieser Einheit
13   bestimmen zu können.


14   Wäre unter den Erscheinungen, die sich uns darbieten, eine so große
15   Verschiedenheit, ich will nicht sagen der Form (denn darin mögen sie einander
16   ähnlich sein), sondern dem Inhalte, d. i. der Mannigfaltigkeit existirender
17   Wesen nach, daß auch der allerschärfste menschliche Verstand durch
18   Vergleichung der einen mit der anderen nicht die mindeste Ähnlichkeit
19   ausfindig machen könnte (ein Fall, der sich wohl denken läßt), so würde
20   das logische Gesetz der Gattungen ganz und gar nicht stattfinden; und es [op 682]
21   würde selbst kein Begriff von Gattung oder irgend ein allgemeiner Begriff,
22   ja sogar kein Verstand stattfinden, als der es lediglich mit solchen
23   zu thun hat. Das logische Princip der Gattungen setzt also ein transscendentales
24   voraus, wenn es auf Natur (darunter ich hier nur Gegenstände,
25   die uns gegeben werden, verstehe) angewandt werden soll. Nach
26   demselben wird in dem Mannigfaltigen einer möglichen Erfahrung nothwendig
27   Gleichartigkeit vorausgesetzt (ob wir gleich ihren Grad a priori
28   nicht bestimmen können), weil ohne dieselbe keine empirische Begriffe, mithin
29   keine Erfahrung möglich wäre.


30   Dem logischen Princip der Gattungen, welches Identität postulirt,
31   steht ein anderes, nämlich das der Arten, entgegen, welches Mannigfaltigkeit
32   und Verschiedenheiten der Dinge unerachtet ihrer Übereinstimmung
33   unter derselben Gattung bedarf und es dem Verstande zur Vorschrift
34   macht, auf diese nicht weniger als auf jene aufmerksam zu sein.
35   Dieser Grundsatz (der Scharfsinnigkeit oder des Unterscheidungsvermögens)
36   schränkt den Leichtsinn des ersteren (des Witzes) sehr ein, und die
37   Vernunft zeigt hier ein doppeltes, einander widerstreitendes Interesse,


[seite 434]


01   einerseits das Interesse des Umfanges (der Allgemeinheit) in Ansehung
02   der Gattungen, andererseits des Inhalts (der Bestimmtheit) in Absicht
03   auf die Mannigfaltigkeit der Arten, weil der Verstand im ersteren Falle
04   zwar viel unter seinen Begriffen, im zweiten aber desto mehr in denselben [op 683]
05   denkt. Auch äußert sich dieses an der sehr verschiedenen Denkungsart
06   der Naturforscher, deren einige (die vorzüglich speculativ sind), der
07   Ungleichartigkeit gleichsam feind, immer auf die Einheit der Gattung
08   hinaussehen, die anderen (vorzüglich empirische Köpfe) die Natur unaufhörlich
09   in so viel Mannigfaltigkeit zu spalten suchen, daß man beinahe
10   die Hoffnung aufgeben müßte, ihre Erscheinungen nach allgemeinen Principien
11   zu beurtheilen.


12   Dieser letzteren Denkungsart liegt offenbar auch ein logisches Princip
13   zum Grunde, welches die systematische Vollständigkeit aller Erkenntnisse
14   zur Absicht hat, wenn ich, von der Gattung anhebend, zu dem Mannigfaltigen,
15   das darunter enthalten sein mag, herabsteige und auf solche
16   Weise dem System Ausbreitung, wie im ersteren Falle, da ich zur Gattung
17   aufsteige, Einfalt zu verschaffen suche. Denn aus der Sphäre des Begriffs,
18   der eine Gattung bezeichnet, ist eben so wenig wie aus dem Raume, den
19   Materie einnehmen kann, zu ersehen, wie weit die Theilung derselben gehen
20   könne. Daher jede Gattung verschiedene Arten, diese aber verschiedene
21   Unterarten erfordert; und da keine der letzteren stattfindet, die nicht
22   immer wiederum eine Sphäre (Umfang als conceptus communis ) hätte
23   so verlangt die Vernunft in ihrer ganzen Erweiterung, daß keine Art als
24   die unterste an sich selbst angesehen werde, weil, da sie doch immer ein
25   Begriff ist, der nur das, was verschiedenen Dingen gemein ist, in sich enthält, [op 684]
26   dieser nicht durchgängig bestimmt, mithin auch nicht zunächst auf
27   ein Individuum bezogen sein könne, folglich jederzeit andere Begriffe, d. i.
28   Unterarten, unter sich enthalten müsse. Dieses Gesetz der Specification
29   könnte so ausgedrückt werden: entium varietates non temere esse minuendas .


31   Man sieht aber leicht, daß auch dieses logische Gesetz ohne Sinn und
32   Anwendung sein würde, läge nicht ein transscendentales Gesetz der
33   Specification zum Grunde, welches zwar freilich nicht von den Dingen,
34   die unsere Gegenstände werden können, eine wirkliche Unendlichkeit
35   in Ansehung der Verschiedenheiten fordert, denn dazu giebt das logische
36   Princip, als welches lediglich die Unbestimmtheit der logischen Sphäre
37   in Ansehung der möglichen Eintheilung behauptet, keinen Anlaß; aber


[seite 435]


01   dennoch dem Verstande auferlegt, unter jeder Art, die uns vorkommt, Unterarten
02   und zu jeder Verschiedenheit kleinere Verschiedenheiten zu suchen.
03   Denn würde es keine niedere Begriffe geben, so gäbe es auch keine höhere.
04   Nun erkennt der Verstand alles nur durch Begriffe: folglich, so weit er in
05   der Eintheilung reicht, niemals durch bloße Anschauung, sondern immer
06   wiederum durch niedere Begriffe. Die Erkenntniß der Erscheinungen in
07   ihrer durchgängigen Bestimmung (welche nur durch Verstand möglich ist)
08   fordert eine unaufhörlich fortzusetzende Specification seiner Begriffe und
09   einen Fortgang zu immer noch bleibenden Verschiedenheiten, wovon in
10   dem Begriffe der Art und noch mehr dem der Gattung abstrahirt worden.

[op 685]


11   Auch kann dieses Gesetz der Specification nicht von der Erfahrung
12   entlehnt sein; denn diese kann keine so weit gehende Eröffnungen geben.
13   Die empirische Specification bleibt in der Unterscheidung des Mannigfaltigen
14   bald stehen, wenn sie nicht durch das schon vorhergehende transscendentale
15   Gesetz der Specification als ein Princip der Vernunft geleitet
16   worden, solche zu suchen und sie noch immer zu vermuthen, wenn sie sich
17   gleich nicht den Sinnen offenbart. Daß absorbirende Erden noch verschiedener
18   Art (Kalk= und muriatische Erden) sind, bedurfte zur Entdeckung
19   eine zuvorkommende Regel der Vernunft, welche dem Verstande es zur
20   Aufgabe machte, die Verschiedenheit zu suchen, indem sie die Natur so
21   reichhaltig voraussetzte, sie zu vermuthen. Denn wir haben eben sowohl
22   nur unter Voraussetzung der Verschiedenheiten in der Natur Verstand,
23   als unter der Bedingung, daß ihre Objecte Gleichartigkeit an sich haben,
24   weil eben die Mannigfaltigkeit desjenigen, was unter einem Begriff zusammengefaßt
25   werden kann, den Gebrauch dieses Begriffs und die Beschäftigung
26   des Verstandes ausmacht.


27   Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld: 1. durch ein
28   Princip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren Gattungen;
29   2. durch einen Grundsatz der Varietät des Gleichartigen unter
30   niederen Arten; und um die systematische Einheit zu vollenden, fügt sie
31   3. noch ein Gesetz der Affinität aller Begriffe hinzu, welches einen continuirlichen [op 686]
32   Übergang von einer jeden Art zu jeder anderen durch stufenartiges
33   Wachsthum der Verschiedenheit gebietet. Wir können sie die Principien
34   der Homogenität, der Specification und der Continuität
35   der Formen nennen. Das letztere entspringt dadurch, daß man die zwei
36   ersteren vereinigt, nachdem man sowohl im Aufsteigen zu höheren Gattungen,
37   als im Herabsteigen zu niederen Arten den systematischen Zusammenhang


[seite 436]


01   in der Idee vollendet hat; denn alsdann sind alle Mannigfaltigkeiten
02   unter einander verwandt, weil sie insgesammt durch alle Grade der erweiterten
03   Bestimmung von einer einzigen, obersten Gattung abstammen.


04   Man kann sich die systematische Einheit unter den drei logischen Principien
05   auf folgende Art sinnlich machen. Man kann einen jeden Begriff
06   als einen Punkt ansehen, der als der Standpunkt eines Zuschauers seinen
07   Horizont hat, d. i. eine Menge von Dingen, die aus demselben können
08   vorgestellt und gleichsam überschauet werden. Innerhalb diesem Horizonte
09   muß eine Menge von Punkten ins Unendliche angegeben werden können,
10   deren jeder wiederum seinen engeren Gesichtskreis hat; d. i. jede Art enthält
11   Unterarten nach dem Princip der Specification, und der logische Horizont
12   besteht nur aus kleineren Horizonten (Unterarten), nicht aber aus
13   Punkten, die keinen Umfang haben (Individuen). Aber zu verschiedenen
14   Horizonten, d. i. Gattungen, die aus eben so viel Begriffen bestimmt werden,
15   läßt sich ein gemeinschaftlicher Horizont, daraus man sie insgesammt [op 687]
16   als aus einem Mittelpunkte überschauet, gezogen denken, welcher die höhere
17   Gattung ist, bis endlich die höchste Gattung der allgemeine und wahre
18   Horizont ist, der aus dem Standpunkte des höchsten Begriffs bestimmt
19   wird und alle Mannigfaltigkeit als Gattungen, Arten und Unterarten
20   unter sich befaßt.


21   Zu diesem höchsten Standpunkte führt mich das Gesetz der Homogenität,
22   zu allen niedrigen und deren größten Varietät das Gesetz der
23   Specification. Da aber auf solche Weise in dem ganzen Umfange aller
24   möglichen Begriffe nichts Leeres ist, und außer demselben nichts angetroffen
25   werden kann, so entspringt aus der Voraussetzung jenes allgemeinen
26   Gesichtskreises und der durchgängigen Eintheilung desselben der
27   Grundsatz: non datur vacuum formarum , d. i. es giebt nicht verschiedene
28   ursprüngliche und erste Gattungen, die gleichsam isolirt und von einander
29   (durch einen leeren Zwischenraum) getrennt wären, sondern alle mannigfaltige
30   Gattungen sind nur Abtheilungen einer einzigen, obersten und
31   allgemeinen Gattung; und aus diesem Grundsatze dessen unmittelbare
32   Folge: datur continuum formarum , d. i. alle Verschiedenheiten der
33   Arten grenzen an einander und erlauben keinen Übergang zu einander
34   durch einen Sprung, sondern nur durch alle kleinere Grade des Unterschiedes,
35   dadurch man von einer zu der anderen gelangen kann; mit einem
36   Worte, es giebt keine Arten oder Unterarten, die einander (im Begriffe der
37   Vernunft) die nächsten wären, sondern es sind noch immer Zwischenarten


[seite 437]

[op 688]
01   möglich, deren Unterschied von der ersten und zweiten kleiner ist, als dieser
02   ihr Unterschied von einander.


03   Das erste Gesetz also verhütet die Ausschweifung in die Mannigfaltigkeit
04   verschiedener ursprünglichen Gattungen und empfiehlt die Gleichartigkeit;
05   das zweite schränkt dagegen diese Neigung zur Einhelligkeit
06   wiederum ein und gebietet Unterscheidung der Unterarten, bevor man sich
07   mit seinem allgemeinen Begriffe zu den Individuen wende. Das dritte
08   vereinigt jene beide, indem es bei der höchsten Mannigfaltigkeit dennoch
09   die Gleichartigkeit durch den stufenartigen Übergang von einer Species
10   zur anderen vorschreibt, welches eine Art von Verwandtschaft der verschiedenen
11   Zweige anzeigt, in so fern sie insgesammt aus einem Stamme entsprossen
12   sind.


13   Dieses logische Gesetz des continui specierum (formarum logicarum)
14   setzt aber ein transscendentales voraus ( lex continui in natura ), ohne
15   welches der Gebrauch des Verstandes durch jene Vorschrift nur irre geleitet
16   werden würde, indem er vielleicht einen der Natur gerade entgegengesetzten
17   Weg nehmen würde. Es muß also dieses Gesetz auf reinen
18   transscendentalen und nicht empirischen Gründen beruhen. Denn in dem
19   letzteren Falle würde es später kommen als die Systeme; es hat aber
20   eigentlich das Systematische der Naturerkenntniß zuerst hervorgebracht.
21   Es sind hinter diesen Gesetzen auch nicht etwa Absichten auf eine mit
22   ihnen als bloßen Versuchen anzustellende Probe verborgen, obwohl freilich [op 689]
23   dieser Zusammenhang, wo er zutrifft, einen mächtigen Grund abgiebt,
24   die hypothetisch ausgedachte Einheit für gegründet zu halten, und sie also
25   auch in dieser Absicht ihren Nutzen haben; sondern man sieht es ihnen
26   deutlich an, daß sie die Sparsamkeit der Grundursachen, die Mannigfaltigkeit
27   der Wirkungen und eine daher rührende Verwandtschaft der
28   Glieder der Natur an sich selbst für vernunftmäßig und der Natur angemessen
29   urtheilen, und diese Grundsätze also direct und nicht bloß als
30   Handgriffe der Methode ihre Empfehlung bei sich führen.


31   Man sieht aber leicht, daß diese Continuität der Formen eine bloße
32   Idee sei, der ein congruirender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht
33   aufgewiesen werden kann: nicht allein um deswillen, weil die Species
34   in der Natur wirklich abgetheilt sind und daher an sich ein quantum discretum
35   ausmachen müssen, und, wenn der stufenartige Fortgang in der
36   Verwandtschaft derselben continuirlich wäre, sie auch eine wahre Unendlichkeit
37   der Zwischenglieder, die innerhalb zweier gegebenen Arten lägen,


[seite 438]


01   enthalten müßte, welches unmöglich ist; sondern auch, weil wir von
02   diesem Gesetz gar keinen bestimmten empirischen Gebrauch machen können,
03   indem dadurch nicht das geringste Merkmal der Affinität angezeigt wird,
04   nach welchem und wie weit wir die Gradfolge ihrer Verschiedenheit zu
05   suchen, sondern nichts weiter als eine allgemeine Anzeige, daß wir sie zu
06   suchen haben.

[op 690]


07   Wenn wir die jetzt angeführten Principien ihrer Ordnung nach versetzen,
08   um sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen, so würden
09   die Principien der systematischen Einheit etwa so stehen: Mannigfaltigkeit,
10   Verwandtschaft und Einheit, jede derselben aber als
11   Idee im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit genommen. Die Vernunft
12   setzt die Verstandeserkenntnisse voraus, die zunächst auf Erfahrung angewandt
13   werden, und sucht ihre Einheit nach Ideen, die viel weiter geht,
14   als Erfahrung reichen kann. Die Verwandtschaft des Mannigfaltigen unbeschadet
15   seiner Verschiedenheit unter einem Princip der Einheit betrifft
16   nicht bloß die Dinge, sondern weit mehr noch die bloßen Eigenschaften
17   und Kräfte der Dinge. Daher, wenn uns z. B. durch eine (noch nicht
18   völlig berichtigte) Erfahrung der Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben
19   ist, und wir finden Verschiedenheiten: so vermuthen wir sie in demjenigen,
20   was den Cirkel nach einem beständigen Gesetze durch alle unendliche
21   Zwischengrade zu einem dieser abweichenden Umläufe abändern kann, d. i.
22   die Bewegungen der Planeten, die nicht Cirkel sind, werden etwa dessen
23   Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen, und fallen auf die Ellipse.
24   Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit ihrer Bahnen, da
25   sie (soweit Beobachtung reicht) nicht einmal im Kreise zurückkehren, allein
26   wir rathen auf einen parabolischen Lauf, der doch mit der Ellipsis verwandt
27   ist und, wenn die lange Achse der letzteren sehr weit gestreckt ist, in [op 691]
28   allen unseren Beobachtungen von ihr nicht unterschieden werden kann.
29   So kommen wir nach Anleitung jener Principien auf Einheit der Gattungen
30   dieser Bahnen in ihrer Gestalt, dadurch aber weiter auf Einheit
31   der Ursache aller Gesetze ihrer Bewegung (die Gravitation); von da wir
32   nachher unsere Eroberungen ausdehnen und auch alle Varietäten und
33   scheinbare Abweichungen von jenen Regeln aus demselben Princip zu erklären
34   suchen, endlich gar mehr hinzufügen, als Erfahrung jemals bestätigen
35   kann, nämlich uns nach den Regeln der Verwandtschaft selbst hyperbolische
36   Kometenbahnen zu denken, in welchen diese Körper ganz und
37   gar unsere Sonnenwelt verlassen und, indem sie von Sonne zu Sonne


[seite 439]


01   gehen, die entfernteren Theile eines für uns unbegrenzten Weltsystems,
02   das durch eine und dieselbe bewegende Kraft zusammenhängt, in ihrem
03   Laufe vereinigen.


04   Was bei diesen Principien merkwürdig ist und uns auch allein beschäftigt,
05   ist dieses: daß sie transscendental zu sein scheinen, und, ob sie
06   gleich bloße Ideen zur Befolgung des empirischen Gebrauchs der Vernunft
07   enthalten, denen der letztere nur gleichsam asymptotisch, d. i. bloß annähernd,
08   folgen kann, ohne sie jemals zu erreichen, sie gleichwohl als synthetische
09   Sätze a priori objective, aber unbestimmte Gültigkeit haben und
10   zur Regel möglicher Erfahrung dienen, auch wirklich in Bearbeitung derselben
11   als heuristische Grundsätze mit gutem Glücke gebraucht werden, ohne [op 692]
12   daß man doch eine transscendentale Deduction derselben zu Stande bringen
13   kann, welches, wie oben bewiesen worden, in Ansehung der Ideen
14   jederzeit unmöglich ist.


15   Wir haben in der transscendentalen Analytik unter den Grundsätzen
16   des Verstandes die dynamische, als bloß regulative Principien der Anschauung,
17   von den mathematischen, die in Ansehung der letzteren
18   constitutiv sind, unterschieden. Diesem ungeachtet sind gedachte dynamische
19   Gesetze allerdings constitutiv in Ansehung der Erfahrung, indem
20   sie die Begriffe, ohne welche keine Erfahrung stattfindet, a priori möglich
21   machen. Principien der reinen Vernunft können dagegen nicht einmal
22   in Ansehung der empirischen Begriffe constitutiv sein, weil ihnen
23   kein correspondirendes Schema der Sinnlichkeit gegeben werden kann, und
24   sie also keinen Gegenstand in concreto haben können. Wenn ich nun von
25   einem solchen empirischen Gebrauch derselben als constitutiver Grundsätze
26   abgehe, wie will ich ihnen dennoch einen regulativen Gebrauch und mit
27   demselben einige objective Gültigkeit sichern, und was kann derselbe für
28   Bedeutung haben?


29   Der Verstand macht für die Vernunft eben so einen Gegenstand aus,
30   als die Sinnlichkeit für den Verstand. Die Einheit aller möglichen empirischen
31   Verstandeshandlungen systematisch zu machen, ist ein Geschäfte
32   der Vernunft, so wie der Verstand das Mannigfaltige der Erscheinungen
33   durch Begriffe verknüpft und unter empirische Gesetze bringt. Die Verstandeshandlungen
34   aber ohne Schemate der Sinnlichkeit sind unbestimmt; [op 693]
35   eben so ist die Vernunfteinheit auch in Ansehung der Bedingungen,
36   unter denen, und des Grades, wie weit der Verstand seine Begriffe
37   systematisch verbinden soll, an sich selbst unbestimmt. Allein obgleich


[seite 440]


01   für die durchgängige systematische Einheit aller Verstandesbegriffe kein
02   Schema in der Anschauung ausfindig gemacht werden kann, so kann
03   und muß doch ein Analogon eines solchen Schema gegeben werden, welches
04   die Idee des Maximum der Abtheilung und der Vereinigung der
05   Verstandeserkenntniß in einem Princip ist. Denn das Größte und Absolutvollständige
06   läßt sich bestimmt gedenken, weil alle restringirende Bedingungen,
07   welche unbestimmte Mannigfaltigkeit geben, weggelassen werden.
08   Also ist die Idee der Vernunft ein Analogon von einem Schema
09   der Sinnlichkeit, aber mit dem Unterschiede, daß die Anwendung der Verstandesbegriffe
10   auf das Schema der Vernunft nicht eben so eine Erkenntni
11   des Gegenstandes selbst ist (wie bei der Anwendung der Kategorien
12   auf ihre sinnliche Schemate), sondern nur eine Regel oder Princip der
13   systematischen Einheit alles Verstandesgebrauchs. Da nun jeder Grundsatz,
14   der dem Verstande durchgängige Einheit seines Gebrauchs a priori
15   festsetzt, auch, obzwar nur indirect, von dem Gegenstande der Erfahrung
16   gilt: so werden die Grundsätze der reinen Vernunft auch in Ansehung
17   dieses letzteren objective Realität haben; allein nicht um etwas an ihnen
18   zu bestimmen, sondern nur um das Verfahren anzuzeigen, nach welchem [op 694]
19   der empirische und bestimmte Erfahrungsgebrauch des Verstandes
20   mit sich selbst durchgängig zusammenstimmend werden kann, dadurch
21   daß er mit dem Princip der durchgängigen Einheit so viel als möglich
22   in Zusammenhang gebracht und davon abgeleitet wird.


23   Ich nenne alle subjective Grundsätze, die nicht von der Beschaffenheit
24   des Objects, sondern dem Interesse der Vernunft in Ansehung einer gewissen
25   möglichen Vollkommenheit der Erkenntniß dieses Objects hergenommen
26   sind, Maximen der Vernunft. So giebt es Maximen der speculativen
27   Vernunft, die lediglich auf dem speculativen Interesse derselben
28   beruhen, ob es zwar scheinen mag, sie wären objective Principien.


29   Wenn bloß regulative Grundsätze als constitutiv betrachtet werden,
30   so können sie als objective Principien widerstreitend sein; betrachtet man
31   sie aber bloß als Maximen, so ist kein wahrer Widerstreit, sondern blo
32   ein verschiedenes Interesse der Vernunft, welches die Trennung der Denkungsart
33   verursacht. In der That hat die Vernunft nur ein einiges Interesse,
34   und der Streit ihrer Maximen ist nur eine Verschiedenheit und
35   wechselseitige Einschränkung der Methoden, diesem Interesse ein Genüge
36   zu thun.


37   Auf solche Weise vermag bei diesem Vernünftler mehr das Interesse


[seite 441]


01   der Mannigfaltigkeit (nach dem Princip der Specification), bei jenem
02   aber das Interesse der Einheit (nach dem Princip der Aggregation). [op 695]
03   Ein jeder derselben glaubt sein Urtheil aus der Einsicht des Objects zu
04   haben und gründet es doch lediglich auf der größeren oder kleineren Anhänglichkeit
05   an einen von beiden Grundsätzen, deren keine auf objectiven
06   Gründen beruht, sondern nur auf dem Vernunftinteresse, und die daher
07   besser Maximen als Principien genannt werden könnten. Wenn ich einsehende
08   Männer mit einander wegen der Charakteristik der Menschen, der
09   Thiere oder Pflanzen, ja selbst der Körper des Mineralreichs im Streite
10   sehe, da die einen z. B. besondere und in der Abstammung gegründete
11   Volkscharaktere, oder auch entschiedene und erbliche Unterschiede der Familien,
12   Racen u. s. w. annehmen, andere dagegen ihren Sinn darauf
13   setzen, daß die Natur in diesem Stücke ganz und gar einerlei Anlagen gemacht
14   habe, und aller Unterschied nur auf äußeren Zufälligkeiten beruhe:
15   so darf ich nur die Beschaffenheit des Gegenstandes in Betrachtung ziehen,
16   um zu begreifen, daß er für beide viel zu tief verborgen liege, als daß sie
17   aus Einsicht in die Natur des Objects sprechen könnten. Es ist nichts
18   anderes als das zwiefache Interesse der Vernunft, davon dieser Theil das
19   eine, jener das andere zu Herzen nimmt oder auch affectirt, mithin die
20   Verschiedenheit der Maximen der Naturmannigfaltigkeit oder der Natureinheit,
21   welche sich gar wohl vereinigen lassen, aber, solange sie für objective
22   Einsichten gehalten werden, nicht allein Streit, sondern auch Hindernisse
23   veranlassen, welche die Wahrheit lange aufhalten, bis ein Mittel [op 696]
24   gefunden wird, das streitige Interesse zu vereinigen und die Vernunft
25   hierüber zufrieden zu stellen.


26   Eben so ist es mit der Behauptung oder Anfechtung des so berufenen,
27   von LeibnizPI in Gang gebrachten und durch Bonnet trefflich aufgestutzten
28   Gesetzes der continuirlichen Stufenleiter der Geschöpfe bewandt,
29   welche nichts als eine Befolgung des auf dem Interesse der Vernunft beruhenden
30   Grundsatzes der Affinität ist; denn Beobachtung und Einsicht
31   in die Einrichtung der Natur konnte es gar nicht als objective Behauptung
32   an die Hand geben. Die Sprossen einer solchen Leiter, so wie sie
33   uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit aus einander, und unsere
34   vermeintlich kleine Unterschiede sind gemeiniglich in der Natur selbst
35   so weite Klüfte, daß auf solche Beobachtungen (vornehmlich bei einer
36   großen Mannigfaltigkeit von Dingen, da es immer leicht sein muß, gewisse
37   Ähnlichkeiten und Annäherungen zu finden) als Absichten der Natur


[seite 442]


01   gar nichts zu rechnen ist. Dagegen ist die Methode, nach einem solchen
02   Princip Ordnung in der Natur aufzusuchen, und die Maxime, eine solche,
03   obzwar unbestimmt, wo oder wie weit, in einer Natur überhaupt als gegründet
04   anzusehen, allerdings ein rechtmäßiges und treffliches regulatives
05   Princip der Vernunft, welches aber als ein solches viel weiter geht, als
06   daß Erfahrung oder Beobachtung ihr gleichkommen könnte, doch ohne
07   etwas zu bestimmen, sondern ihr nur zur systematischen Einheit den Weg
08   vorzuzeichnen.

[op 697]


09   Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik
10   der menschlichen Vernunft.


11   Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst
12   dialektisch sein, sondern ihr bloßer Mißbrauch muß es allein machen, da
13   uns von ihnen ein trüglicher Schein entspringt; denn sie sind uns durch
14   die Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste Gerichtshof
15   aller Rechte und Ansprüche unserer Speculation kann unmöglich selbst ursprüngliche
16   Täuschungen und Blendwerke enthalten. Vermuthlich werden
17   sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in der Naturanlage unserer
18   Vernunft haben. Der Pöbel der Vernünftler schreit aber wie gewöhnlich
19   über Ungereimtheit und Widersprüche und schmäht auf die Regierung,
20   in deren innerste Plane er nicht zu dringen vermag, deren wohlthätigen
21   Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar die Cultur verdanken
22   sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu tadeln und zu verurtheilen.


23   Man kann sich eines Begriffes a priori mit keiner Sicherheit bedienen,
24   ohne seine transscendentale Deduction zu Stande gebracht zu
25   haben. Die Ideen der reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduction
26   von der Art, als die Kategorien; sollen sie aber im mindesten einige,
27   wenn auch nur unbestimmte, objective Gültigkeit haben und nicht blo [op 698]
28   leere Gedankendinge ( entia rationis ratiocinantis ) vorstellen, so mu
29   durchaus eine Deduction derselben möglich sein, gesetzt daß sie auch von
30   derjenigen weit abwiche, die man mit den Kategorien vornehmen kann.
31   Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der reinen Vernunft,
32   und dieses wollen wir jetzt übernehmen.


33   Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein
34   Gegenstand schlechthin, oder nur als ein Gegenstand in der Idee
35   gegeben wird. In dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin, den


[seite 443]


01   Gegenstand zu bestimmen; im zweiten ist es wirklich nur ein Schema, dem
02   direct kein Gegenstand, auch nicht einmal hypothetisch zugegeben wird,
03   sondern welches nur dazu dient, um andere Gegenstände vermittelst der
04   Beziehung auf diese Idee nach ihrer systematischen Einheit, mithin indirect
05   uns vorzustellen. So sage ich, der Begriff einer höchsten Intelligenz
06   ist eine bloße Idee, d. i. seine objective Realität soll nicht darin bestehen,
07   daß er sich geradezu auf einen Gegenstand bezieht (denn in solcher Bedeutung
08   würden wir seine objective Gültigkeit nicht rechtfertigen können),
09   sondern er ist nur ein nach Bedingungen der größten Vernunfteinheit geordnetes
10   Schema von dem Begriffe eines Dinges überhaupt, welches nur
11   dazu dient, um die größte systematische Einheit im empirischen Gebrauche
12   unserer Vernunft zu erhalten, indem man den Gegenstand der Erfahrung
13   gleichsam von dem eingebildeten Gegenstande dieser Idee als seinem
14   Grunde oder Ursache ableitet. Alsdann heißt es z. B.: die Dinge der [op 699]
15   Welt müssen so betrachtet werden, als ob sie von einer höchsten Intelligenz
16   ihr Dasein hätten. Auf solche Weise ist die Idee eigentlich nur ein heuristischer
17   und nicht ostensiver Begriff und zeigt an, nicht wie ein Gegenstand
18   beschaffen ist, sondern wie wir unter der Leitung desselben die Beschaffenheit
19   und Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung überhaupt
20   suchen sollen. Wenn man nun zeigen kann, daß, obgleich die dreierlei
21   transscendentalen Ideen (psychologische, kosmologische und theologische)
22   direct auf keinen ihnen correspondirenden Gegenstand und dessen
23   Bestimmung bezogen werden, dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs
24   der Vernunft unter Voraussetzung eines solchen Gegenstandes
25   in der Idee auf systematische Einheit führen und die Erfahrungserkenntni
26   jederzeit erweitern, niemals aber derselben zuwider sein können: so ist
27   es eine nothwendige Maxime der Vernunft, nach dergleichen Ideen zu
28   Verfahren. Und dieses ist die transscendentale Deduction aller Ideen der
29   speculativen Vernunft, nicht als constitutiver Principien der Erweiterung
30   unserer Erkenntniß über mehr Gegenstände, als Erfahrung geben
31   kann, sondern als regulativer Principien der systematischen Einheit des
32   Mannigfaltigen der empirischen Erkenntniß überhaupt, welche dadurch in
33   ihren eigenen Grenzen mehr angebauet und berichtigt wird, als es ohne
34   solche Ideen, durch den bloßen Gebrauch der Verstandesgrundsätze, geschehen
35   könnte.


[seite 444]

[op 700]
01   Ich will dieses deutlicher machen. Wir wollen den genannten Ideen
02   als Principien zu Folge erstlich (in der Psychologie) alle Erscheinungen,
03   Handlungen und Empfänglichkeit unseres Gemüths an dem Leitfaden der
04   inneren Erfahrung so verknüpfen, als ob dasselbe eine einfache Substanz
05   wäre, die mit persönlicher Identität beharrlich (wenigstens im Leben)
06   existirt, indessen daß ihre Zustände, zu welchen die des Körpers nur als
07   äußere Bedingungen gehören, continuirlich wechseln. Wir müssen zweitens
08   (in der Kosmologie) die Bedingungen der inneren sowohl als
09   der äußeren Naturerscheinungen in einer solchen nirgend zu vollendenden
10   Untersuchung verfolgen, als ob dieselbe an sich unendlich und ohne ein
11   erstes oder oberstes Glied sei, obgleich wir darum außerhalb aller Erscheinungen
12   die bloß intelligibelen ersten Gründe derselben nicht leugnen,
13   aber sie doch niemals in den Zusammenhang der Naturerklärungen bringen
14   dürfen, weil wir sie gar nicht kennen. Endlich und drittens müssen wir
15   (in Ansehung der Theologie) alles, was nur immer in den Zusammenhang
16   der möglichen Erfahrung gehören mag, so betrachten, als ob diese
17   eine absolute, aber durch und durch abhängige und immer noch innerhalb
18   der Sinnenwelt bedingte Einheit ausmache, doch aber zugleich, als ob
19   der Inbegriff aller Erscheinungen (die Sinnenwelt selbst) einen einzigen
20   obersten und allgenugsamen Grund außer ihrem Umfange habe, nämlich
21   eine gleichsam selbstständige, ursprüngliche und schöpferische Vernunft, in [op 701]
22   Beziehung auf welche wir allen empirischen Gebrauch unserer Vernunft
23   in seiner größten Erweiterung so richten, als ob die Gegenstände selbst
24   aus jenem Urbilde aller Vernunft entsprungen wären. Das heißt: nicht
25   von einer einfachen, denkenden Substanz die innern Erscheinungen der
26   Seele, sondern nach der Idee eines einfachen Wesens jene von einander
27   ableiten; nicht von einer höchsten Intelligenz die Weltordnung und systematische
28   Einheit derselben ableiten, sondern von der Idee einer höchstweisen
29   Ursache die Regel hernehmen, nach welcher die Vernunft bei der
30   Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen in der Welt zu ihrer eigenen
31   Befriedigung am besten zu brauchen sei.


32   Nun ist nicht das Mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als
33   objectiv und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische,
34   wo die Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zu Stande
35   bringen will (die psychologische und theologische enthalten dergleichen gar
36   nicht). Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht; wie sollte uns daher
37   jemand ihre objective Realität streiten können, da er von ihrer Möglichkeit


[seite 445]


01   eben so wenig weiß, um sie zu verneinen, als wir, um sie zu bejahen!
02   Gleichwohl ists, um etwas anzunehmen, noch nicht genug, daß keine positive
03   Hinderniß dawider ist; und es kann uns nicht erlaubt sein, Gedankenwesen,
04   welche alle unsere Begriffe übersteigen, obgleich keinem widersprechen,
05   auf den bloßen Credit der ihr Geschäfte gern vollendenden speculativen [op 702]
06   Vernunft als wirkliche und bestimmte Gegenstände einzuführen.
07   Also sollen sie an sich selbst nicht angenommen werden, sondern nur ihre
08   Realität als eines Schema des regulativen Princips der systematischen
09   Einheit aller Naturerkenntniß gelten, mithin sollen sie nur als Analoga
10   von wirklichen Dingen, aber nicht als solche an sich selbst zum Grunde gelegt
11   werden. Wir heben von dem Gegenstande der Idee die Bedingungen
12   auf, welche unseren Verstandesbegriff einschränken, die aber es auch allein
13   möglich machen, daß wir von irgend einem Dinge einen bestimmten Begriff
14   haben können. Und nun denken wir uns ein Etwas, wovon wir,
15   was es an sich selbst sei, gar keinen Begriff haben, aber wovon wir uns
16   doch ein Verhältniß zu dem Inbegriffe der Erscheinungen denken, das
17   demjenigen analogisch ist, welches die Erscheinungen unter einander haben.


18   Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, so erweitern
19   wir eigentlich nicht unsere Erkenntniß über die Objecte möglicher Erfahrung,
20   sondern nur die empirische Einheit der letzteren durch die systematische
21   Einheit, wozu uns die Idee das Schema giebt, welche mithin nicht
22   als constitutives, sondern bloß als regulatives Princip gilt. Denn da
23   wir ein der Idee correspondirendes Ding, ein Etwas oder wirkliches Wesen,
24   setzen, dadurch ist nicht gesagt, wir wollten unsere Erkenntniß der
25   Dinge mit transscendenten Begriffen erweitern; denn dieses Wesen wird
26   nur in der Idee und nicht an sich selbst zum Grunde gelegt, mithin nur [op 703]
27   um die systematische Einheit auszudrücken, die uns zur Richtschnur des
28   empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen soll, ohne doch etwas darüber
29   auszumachen, was der Grund dieser Einheit oder die innere Eigenschaft
30   eines solchen Wesens sei, auf welchem als Ursache sie beruhe.


31   So ist der transscendentale und einzige bestimmte Begriff, den uns
32   die bloß speculative Vernunft von Gott giebt, im genauesten Verstande
33   deistisch: d. i. die Vernunft giebt nicht einmal die objective Gültigkeit
34   eines solchen Begriffs, sondern nur die Idee von Etwas an die Hand,
35   worauf alle empirische Realität ihre höchste und nothwendige Einheit
36   gründet, und welches wir uns nicht anders, als nach der Analogie einer
37   wirklichen Substanz, welche nach Vernunftgesetzen die Ursache aller Dinge


[seite 446]


01   sei, denken können, wofern wir es ja unternehmen, es überall als einen
02   besonderen Gegenstand zu denken, und nicht lieber, mit der bloßen Idee
03   des regulativen Princips der Vernunft zufrieden, die Vollendung aller
04   Bedingungen des Denkens, als überschwenglich für den menschlichen Verstand
05   bei Seite setzen wollen; welches aber mit der Absicht einer vollkommenen
06   systematischen Einheit in unserem Erkenntniß, der wenigstens die
07   Vernunft keine Schranken setzt, nicht zusammen bestehen kann.


08   Daher geschiehts nun, daß, wenn ich ein göttliches Wesen annehme,
09   ich zwar weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit,
10   noch der Nothwendigkeit seines Daseins den mindesten Begriff habe, [op 704]
11   aber alsdann doch allen anderen Fragen, die das Zufällige betreffen, ein
12   Genüge thun kann und der Vernunft die vollkommenste Befriedigung in
13   Ansehung der nachzuforschenden größten Einheit in ihrem empirischen
14   Gebrauche, aber nicht in Ansehung dieser Voraussetzung selbst verschaffen
15   kann; welches beweiset, daß ihr speculatives Interesse, und nicht ihre Einsicht
16   sie berechtige, von einem Punkte, der so weit über ihrer Sphäre
17   liegt, auszugehen, um daraus ihre Gegenstände in einem vollständigen
18   Ganzen zu betrachten.


19   Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart bei einer und
20   derselben Voraussetzung, der ziemlich subtil, aber gleichwohl in der Transscendentalphilosophie
21   von großer Wichtigkeit ist. Ich kann genugsamen
22   Grund haben, etwas relativ anzunehmen ( suppositio relativa ), ohne doch
23   befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen ( suppositio absoluta ). Diese
24   Unterscheidung trifft zu, wenn es bloß um ein regulatives Princip zu
25   thun ist, wovon wir zwar die Nothwendigkeit an sich selbst, aber nicht den
26   Quell derselben erkennen, und dazu wir einen obersten Grund bloß in der
27   Absicht annehmen, um desto bestimmter die Allgemeinheit des Princips
28   zu denken, als z. B. wenn ich mir ein Wesen als existirend denke, das
29   einer bloßen und zwar transscendentalen Idee correspondirt. Denn da
30   kann ich das Dasein dieses Dinges niemals an sich selbst annehmen, weil [op 705]
31   keine Begriffe, dadurch ich mir irgend einen Gegenstand bestimmt denken
32   kann, dazu gelangen, und die Bedingungen der objectiven Gültigkeit
33   meiner Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind. Die Begriffe
34   der Realität, der Substanz, der Causalität, selbst die der Nothwendigkeit
35   im Dasein haben außer dem Gebrauche, da sie die empirische Erkenntni
36   eines Gegenstandes möglich machen, gar keine Bedeutung, die irgend ein
37   Object bestimmte. Sie können also zwar zur Erklärung der Möglichkeit


[seite 447]


01   der Dinge in der Sinnenwelt, aber nicht der Möglichkeit eines Weltganzen
02   selbst gebraucht werden, weil dieser Erklärungsgrund außerhalb der
03   Welt und mithin kein Gegenstand einer möglichen Erfahrung sein müßte.
04   Nun kann ich gleichwohl ein solches unbegreifliches Wesen, den Gegenstand
05   einer bloßen Idee, relativ auf die Sinnenwelt, obgleich nicht an sich
06   selbst, annehmen. Denn wenn dem größtmöglichen empirischen Gebrauche
07   meiner Vernunft eine Idee (der systematisch vollständigen Einheit, von
08   der ich bald bestimmter reden werde) zum Grunde liegt, die an sich selbst
09   niemals adäquat in der Erfahrung kann dargestellt werden, ob sie gleich,
10   um die empirische Einheit dem höchstmöglichen Grade zu nähern, unumgänglich
11   nothwendig ist: so werde ich nicht allein befugt, sondern auch genöthigt
12   sein, diese Idee zu realisieren, d. i. ihr einen wirklichen Gegenstand
13   zu setzen, aber nur als ein Etwas überhaupt, das ich an sich selbst garnicht
14   kenne, und dem ich nur als einem Grunde jener systematischen Einheit in [op 706]
15   Beziehung auf diese letztere solche Eigenschaften gebe, als den Verstandesbegriffen
16   im empirischen Gebrauche analogisch sind. Ich werde mir also
17   nach der Analogie der Realitäten in der Welt, der Substanzen, der Causalität
18   und der Nothwendigkeit, ein Wesen denken, das alles dieses in der
19   höchsten Vollkommenheit besitzt, und, indem diese Idee bloß auf meiner
20   Vernunft beruht, dieses Wesen als selbstständige Vernunft, was durch
21   Ideen der größten Harmonie und Einheit Ursache vom Weltganzen ist,
22   denken können, so daß ich alle die Idee einschränkende Bedingungen weglasse,
23   lediglich um unter dem Schutze eines solchen Urgrundes systematische
24   Einheit des Mannigfaltigen im Weltganzen und vermittelst derselben den
25   größtmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem
26   ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anordnungen einer höchsten
27   Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Nachbild ist. Ich denke
28   mir alsdann dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die eigentlich
29   nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber auch jene
30   transscendentale Voraussetzung zu keinem andern als relativen Gebrauch
31   habe, nämlich daß sie das Substratum der größtmöglichen Erfahrungseinheit
32   abgeben solle, so darf ich ein Wesen, das ich von der Welt unterscheide,
33   ganz wohl durch Eigenschaften denken, die lediglich zur Sinnenwelt
34   gehören. Denn ich verlange keinesweges und bin auch nicht befugt
35   es zu verlangen, diesen Gegenstand meiner Idee nach dem, was er an sich [op 707]
36   sein mag, zu erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die
37   Begriffe von Realität, Substanz, Causalität, ja sogar der Nothwendigkeit


[seite 448]


01   im Dasein verlieren alle Bedeutung und sind leere Titel zu Begriffen
02   ohne allen Inhalt, wenn ich mich außer dem Felde der Sinne damit hinauswage.
03   Ich denke mir nur die Relation eines mir an sich ganz unbekannten
04   Wesens zur größten systematischen Einheit des Weltganzen, lediglich
05   um es zum Schema des regulativen Princips des größtmöglichen empirischen
06   Gebrauchs meiner Vernunft zu machen.


07   Werfen wir unseren Blick nun auf den transscendentalen Gegenstand
08   unserer Idee, so sehen wir, daß wir seine Wirklichkeit nach den Begriffen
09   von Realität, Substanz, Causalität etc. an sich selbst nicht voraussetzen
10   können, weil diese Begriffe auf etwas, das von der Sinnenwelt ganz
11   unterschieden ist, nicht die mindeste Anwendung haben. Also ist die
12   Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen als oberster Ursache
13   bloß relativ, zu Behuf der systematischen Einheit der Sinnenwelt gedacht
14   und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir, was es an sich sei, keinen
15   Begriff haben. Hierdurch erklärt sich auch, woher wir zwar in Beziehung
16   auf das, was existirend den Sinnen gegeben ist, der Idee eines an sich
17   nothwendigen Urwesens bedürfen, niemals aber von diesem und seiner
18   absoluten Nothwendigkeit den mindesten Begriff haben können.


19   Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transscendentalen [op 708]
20   Dialektik deutlich vor Augen stellen und die Endabsicht der Ideen der reinen
21   Vernunft, die nur durch Mißverstand und Unbehutsamkeit dialektisch
22   werden, genau bestimmen. Die reine Vernunft ist in der That mit nichts
23   als sich selbst beschäftigt und kann auch kein anderes Geschäfte haben,
24   weil ihr nicht die Gegenstände zur Einheit des Erfahrungsbegriffs, sondern
25   die Verstandeserkenntnisse zur Einheit des Vernunftbegriffs, d. i.
26   des Zusammenhanges in einem Princip, gegeben werden. Die Vernunfteinheit
27   ist die Einheit des Systems, und diese systematische Einheit dient
28   der Vernunft nicht objectiv zu einem Grundsatze, um sie über die Gegenstände,
29   sondern subjectiv als Maxime, um sie über alles mögliche empirische
30   Erkenntniß der Gegenstände zu verbreiten. Gleichwohl befördert
31   der systematische Zusammenhang, den die Vernunft dem empirischen Verstandesgebrauche
32   geben kann, nicht allein dessen Ausbreitung, sondern
33   bewährt auch zugleich die Richtigkeit desselben; und das Principium einer
34   solchen systematischen Einheit ist auch objectiv, aber auf unbestimmte Art
35   ( Principium vagum ): nicht als constitutives Princip, um etwas in Ansehung
36   seines directen Gegenstandes zu bestimmen, sondern um als blo
37   regulativer Grundsatz und Maxime den empirischen Gebrauch der Vernunft


[seite 449]


01   durch Eröffnung neuer Wege, die der Verstand nicht kennt, ins Unendliche
02   (Unbestimmte) zu befördern und zu befestigen, ohne dabei jemals
03   den Gesetzen des empirischen Gebrauchs im Mindesten zuwider zu sein.

[op 709]


04   Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders
05   denken, als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand giebt, der aber
06   durch keine Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung giebt niemals
07   ein Beispiel vollkommener systematischer Einheit. Dieses Vernunftwesen
08   ( ens rationis ratiocinatae ) ist nun zwar eine bloße Idee und wird
09   also nicht schlechthin und an sich selbst als etwas Wirkliches angenommen,
10   sondern nur problematisch zum Grunde gelegt (weil wir es durch keine
11   Verstandesbegriffe erreichen können), um alle Verknüpfung der Dinge der
12   Sinnenwelt so anzusehen, als ob sie in diesem Vernunftwesen ihren
13   Grund hätten, lediglich aber in der Absicht, um darauf die systematische
14   Einheit zu gründen, die der Vernunft unentbehrlich, der empirischen Verstandeserkenntni
15   aber auf alle Weise beförderlich und ihr gleichwohl niemals
16   hinderlich sein kann.


17   Man verkennt sogleich die Bedeutung dieser Idee, wenn man sie
18   für die Behauptung oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen
19   Sache hält, welcher man den Grund der systematischen Weltverfassung
20   zuzuschreiben gedächte; vielmehr läßt man es gänzlich unausgemacht, was
21   der unseren Begriffen sich entziehende Grund derselben an sich für Beschaffenheit
22   habe, und setzt sich nur eine Idee zum Gesichtspunkte, aus
23   welchem einzig und allein man jene der Vernunft so wesentliche und dem [op 710]
24   Verstande so heilsame Einheit verbreiten kann; mit einem Worte: dieses
25   transscendentale Ding ist bloß das Schema jenes regulativen Princips,
26   wodurch die Vernunft, so viel an ihr ist, systematische Einheit über alle
27   Erfahrung verbreitet.


28   Das erste Object einer solchen Idee bin ich selbst, bloß als denkende
29   Natur (Seele) betrachtet. Will ich die Eigenschaften, mit denen ein denkend
30   Wesen an sich existirt, aufsuchen, so muß ich die Erfahrung befragen,
31   und selbst von allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand anwenden,
32   als in so fern das Schema derselben in der sinnlichen Anschauung
33   gegeben ist. Hiemit gelange ich aber niemals zu einer systematischen Einheit
34   aller Erscheinungen des inneren Sinnes. Statt des Erfahrungsbegriffs
35   also (von dem, was die Seele wirklich ist), der uns nicht weit
36   führen kann, nimmt die Vernunft den Begriff der empirischen Einheit
37   alles Denkens und macht dadurch, daß sie diese Einheit unbedingt und


[seite 450]


01   ursprünglich denkt, aus demselben einen Vernunftbegriff (Idee) von einer
02   einfachen Substanz, die, an sich selbst unwandelbar (persönlich identisch),
03   mit andern wirklichen Dingen außer ihr in Gemeinschaft stehe; mit einem
04   Worte: von einer einfachen selbstständigen Intelligenz. Hiebei aber hat sie
05   nichts anders vor Augen, als Principien der systematischen Einheit in Erklärung
06   der Erscheinungen der Seele, nämlich alle Bestimmungen als in
07   einem einigen Subjecte, alle Kräfte, so viel möglich, als abgeleitet von
08   einer einigen Grundkraft, allen Wechsel als gehörig zu den Zuständen [op 711]
09   eines und desselben beharrlichen Wesens zu betrachten und alle Erscheinungen
10   im Raume als von den Handlungen des Denkens ganz unterschieden
11   vorzustellen. Jene Einfachheit der Substanz etc. sollte nur das
12   Schema zu diesem regulativen Princip sein und wird nicht vorausgesetzt,
13   als sei sie der wirkliche Grund der Seeleneigenschaften. Denn diese können
14   auch auf ganz anderen Gründen beruhen, die wir garnicht kennen; wie
15   wir denn die Seele auch durch diese angenommene Prädicate eigentlich
16   nicht an sich selbst erkennen könnten, wenn wir sie gleich von ihr schlechthin
17   wollten gelten lassen, indem sie eine bloße Idee ausmachen, die in
18   concreto gar nicht vorgestellt werden kann. Aus einer solchen psychologischen
19   Idee kann nun nichts andres als Vortheil entspringen, wenn man
20   sich nur hütet, sie für etwas mehr als bloße Idee, d. i. bloß relativisch auf
21   den systematischen Vernunftgebrauch in Ansehung der Erscheinungen
22   unserer Seele, gelten zu lassen. Denn da mengen sich keine empirische
23   Gesetze körperlicher Erscheinungen, die ganz von anderer Art sind, in die
24   Erklärungen dessen, was bloß vor den inneren Sinn gehört: da werden
25   keine windige Hypothesen von Erzeugung, Zerstörung und Palingenesie
26   der Seelen etc. zugelassen; also wird die Betrachtung dieses Gegenstandes
27   des inneren Sinnes ganz rein und unvermengt mit ungleichartigen
28   Eigenschaften angestellt, überdem die Vernunftuntersuchung darauf gerichtet,
29   die Erklärungsgründe in diesem Subjecte, so weit es möglich ist, [op 712]
30   auf ein einziges Princip hinaus zu führen; welches alles durch ein solches
31   Schema, als ob es ein wirkliches Wesen wäre, am besten, ja sogar einzig
32   und allein bewirkt wird. Die psychologische Idee kann auch nichts andres
33   als das Schema eines regulativen Begriffs bedeuten. Denn wollte ich
34   auch nur fragen, ob die Seele nicht an sich geistiger Natur sei, so hätte
35   diese Frage gar keinen Sinn. Denn durch einen solchen Begriff nehme


[seite 451]


01   ich nicht bloß die körperliche Natur, sondern überhaupt alle Natur Weg,
02   d. i. alle Prädicate irgend einer möglichen Erfahrung, mithin alle Bedingungen,
03   zu einem solchen Begriffe einen Gegenstand zu denken, als
04   welches doch einzig und allein es macht, daß man sagt, er habe einen
05   Sinn.


06   Die zweite regulative Idee der bloß speculativen Vernunft ist der
07   Weltbegriff überhaupt. Denn Natur ist eigentlich nur das einzige gegebene
08   Object, in Ansehung dessen die Vernunft regulative Principien bedarf.
09   Diese Natur ist zwiefach, entweder die denkende, oder die körperliche
10   Natur. Allein zu der letzteren, um sie ihrer inneren Möglichkeit nach
11   zu denken, d. i. die Anwendung der Kategorien auf dieselbe zu bestimmen,
12   bedürfen wir keiner Idee, d. i. einer die Erfahrung übersteigenden
13   Vorstellung; es ist auch keine in Ansehung derselben möglich, weil wir
14   darin bloß durch sinnliche Anschauung geleitet werden, und nicht wie in
15   dem psychologischen Grundbegriffe (Ich), welcher eine gewisse Form des
16   Denkens, nämlich die Einheit desselben a priori, enthält. Also bleibt uns [op 713]
17   für die reine Vernunft nichts übrig, als Natur überhaupt und die Vollständigkeit
18   der Bedingungen in derselben nach irgend einem Princip. Die
19   absolute Totalität der Reihen dieser Bedingungen in der Ableitung ihrer
20   Glieder ist eine Idee, die zwar im empirischen Gebrauche der Vernunft
21   niemals völlig zu Stande kommen kann, aber doch zur Regel dient, wie
22   wir in Ansehung derselben verfahren sollen: nämlich in der Erklärung
23   gegebener Erscheinungen (im Zurückgehen oder Aufsteigen) so, als ob die
24   Reihe an sich unendlich wäre, d. i. in indefinitum ; aber wo die Vernunft
25   selbst als bestimmende Ursache betrachtet wird (in der Freiheit), also bei
26   praktischen Principien, als ob wir nicht ein Object der Sinne, sondern
27   des reinen Verstandes vor uns hätten, wo die Bedingungen nicht mehr
28   in der Reihe der Erscheinungen, sondern außer derselben gesetzt werden
29   können, und die Reihe der Zustände angesehen werden kann, als ob sie
30   schlechthin (durch eine intelligibele Ursache) angefangen würde; welches
31   alles beweiset, daß die kosmologischen Ideen nichts als regulative Principien
32   und weit davon entfernt sind, gleichsam constitutiv eine wirkliche
33   Totalität solcher Reihen zu setzen. Das übrige kann man an seinen Orte
34   unter der Antinomie der reinen Vernunft suchen.


35   Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative Supposition
36   eines Wesens enthält, als der einigen und allgenugsamen Ursache
37   aller kosmologischen Reihen, ist der Vernunftbegriff von Gott. Den Gegenstand


[seite 452]

[op 714]
01   dieser Idee haben wir nicht den mindesten Grund schlechthin anzunehmen
02   (an sich zu supponiren); denn was kann uns wohl dazu
03   vermögen, oder auch nur berechtigen, ein Wesen von der höchsten Vollkommenheit
04   und als seiner Natur nach schlechthin nothwendig aus dessen
05   bloßem Begriffe an sich selbst zu glauben oder zu behaupten, wäre es nicht
06   die Welt, in Beziehung auf welche diese Supposition allein nothwendig
07   sein kann; und da zeigt es sich klar, daß die Idee desselben, so wie alle
08   speculative Ideen, nichts weiter sagen wolle, als daß die Vernunft gebiete,
09   alle Verknüpfung der Welt nach Principien einer systematischen Einheit
10   zu betrachten, mithin als ob sie insgesammt aus einem einzigen allbefassenden
11   Wesen als oberster und allgenugsamer Ursache entsprungen
12   wären. Hieraus ist klar, daß die Vernunft hiebei nichts als ihre eigene
13   formale Regel in Erweiterung ihres empirischen Gebrauchs zur Absicht
14   haben könne, niemals aber eine Erweiterung über alle Grenzen des empirischen
15   Gebrauchs, folglich unter dieser Idee kein constitutives Princip
16   ihres auf mögliche Erfahrung gerichteten Gebrauchs verborgen liege.


17   Die höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen beruht,
18   ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das speculative
19   Interesse der Vernunft macht es nothwendig, alle Anordnung in der Welt
20   so anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft entsprossen [op 715]
21   wäre. Ein solches Princip eröffnet nämlich unserer auf das Feld
22   der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz neue Aussichten, nach teleologischen
23   Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen und dadurch zu der
24   größten systematischen Einheit derselben zu gelangen. Die Voraussetzung
25   einer obersten Intelligenz als der alleinigen Ursache des Weltganzen, aber
26   freilich bloß in der Idee kann also jederzeit der Vernunft nutzen und dabei
27   doch niemals schaden. Denn wenn wir in Ansehung der Figur der
28   Erde (der runden, doch etwas abgeplatteten)*), der Gebirge und Meere etc.
29   lauter weise Absichten eines Urhebers zum voraus annehmen, so können



30   *) Der Vortheil, den eine kugelichte Erdgestalt schafft, ist bekannt genug; aber
31   wenige wissen, daß ihre Abplattung als eines Sphäroids es allein verhindert, da
32   nicht die Hervorragungen des festen Landes oder auch kleinerer, vielleicht durch
33   Erdbeben aufgeworfener Berge die Achse der Erde continuirlich und in nicht eben
34   langer Zeit ansehnlich verrücken, wäre nicht die Aufschwellung der Erde unter der
35   Linie ein so gewaltiger Berg, den der Schwung jedes andern Berges niemals merklich
36   aus seiner Lage in Ansehung der Achse bringen kann. Und doch erklärt man diese
37   weise Anstalt ohne Bedenken aus dem Gleichgewicht der ehmals flüssigen Erdmasse.


[seite 453]


01   wir auf diesem Wege eine Menge von Entdeckungen machen. Bleiben wir
02   nur bei dieser Voraussetzung als einem bloß regulativen Princip, so
03   kann selbst der Irrthum uns nicht schaden. Denn es kann allenfalls daraus
04   nichts weiter folgen, als daß, wo wir einen teleologischen Zusammenhang
05   ( nexus finalis ) erwarteten, ein bloß mechanischer oder physischer [op 716]
06   ( nexus effectivus ) angetroffen werde, wodurch wir in einem solchen Falle
07   nur eine Einheit mehr vermissen, aber nicht die Vernunfteinheit in ihrem
08   empirischen Gebrauche verderben. Aber sogar dieser Querstrich kann das
09   Gesetz selbst in allgemeiner und teleologischer Absicht überhaupt nicht
10   treffen. Denn obzwar ein Zergliederer eines Irrthumes überführt werden
11   kann, wenn er irgend ein Gliedmaß eines thierischen Körpers auf
12   einen Zweck bezieht, von welchem man deutlich zeigen kann, daß er daraus
13   nicht erfolge: so ist es doch gänzlich unmöglich, in einem Falle zu
14   beweisen, daß eine Natureinrichtung, es mag sein welche es wolle,
15   ganz und gar keinen Zweck habe. Daher erweitert auch die Physiologie
16   (der Ärzte) ihre sehr eingeschränkte empirische Kenntniß von den Zwecken
17   des Gliederbaues eines organischen Körpers durch einen Grundsatz, welchen
18   bloß reine Vernunft eingab, so weit, daß man darin ganz dreist und
19   zugleich mit aller Verständigen Einstimmung annimmt, es habe alles an
20   dem Thiere seinen Nutzen und gute Absicht; welche Voraussetzung, wenn
21   sie constitutiv sein sollte, viel weiter geht, als uns bisherige Beobachtung
22   berechtigen kann; woraus denn zu ersehen ist, daß sie nichts als ein regulatives
23   Princip der Vernunft sei, um zur höchsten systematischen Einheit
24   vermittelst der Idee der zweckmäßigen Causalität der obersten Weltursache,
25   und als ob diese als höchste Intelligenz nach der weisesten Absicht die Ursache
26   von allem sei, zu gelangen.

[op 717]


27   Gehen wir aber von dieser Restriction der Idee auf den bloß regulativen
28   Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise irre
29   geführt, indem sie alsdann den Boden der Erfahrung, der doch die Merkzeichen
30   ihres Ganges enthalten muß, verläßt und sich über denselben zu
31   dem Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über dessen Höhe sie
32   nothwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem Standpunkte desselben
33   von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch gänzlich abgeschnitten
34   sieht.


35   Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Idee eines


[seite 454]


01   höchsten Wesens nicht bloß regulativ, sondern (welches der Natur einer
02   Idee zuwider ist) constitutiv braucht, ist die faule Vernunft ( ignava
03   ratio )*). Man kann jeden Grundsatz so nennen, welcher macht, daß man [op 718]
04   seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet ansieht,
05   und die Vernunft sich also zur Ruhe begiebt, als ob sie ihr Geschäfte völlig
06   ausgerichtet habe. Daher selbst die psychologische Idee, wenn sie als ein
07   constitutives Princip für die Erklärung der Erscheinungen unserer Seele
08   und hernach gar zur Erweiterung unserer Erkenntniß dieses Subjects noch
09   über alle Erfahrung hinaus (ihren Zustand nach dem Tode) gebraucht
10   wird, es der Vernunft zwar sehr bequem macht, aber auch allen Naturgebrauch
11   derselben nach der Leitung der Erfahrungen ganz verdirbt und zu
12   Grunde richtet. So erklärt der dogmatische Spiritualist die durch allen
13   Wechsel der Zustände unverändert bestehende Einheit der Person aus der
14   Einheit der denkenden Substanz, die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen
15   glaubt, das Interesse, was wir an Dingen nehmen, die sich allererst
16   nach unserem Tode zutragen sollen, aus dem Bewußtsein der immateriellen
17   Natur unseres denkenden Subjects etc. und überhebt sich aller Naturuntersuchung
18   der Ursache dieser unserer inneren Erscheinungen aus
19   physischen Erklärungsgründen, indem er gleichsam durch den Machtspruch
20   einer transscendenten Vernunft die immanenten Erkenntnißquellen der
21   Erfahrung zum Behuf seiner Gemächlichkeit, aber mit Einbuße aller Einsicht
22   vorbeigeht. Noch deutlicher fällt diese nachtheilige Folge bei dem
23   Dogmatism unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und dem darauf [op 719]
24   fälschlich gegründeten theologischen System der Natur (Physikotheologie)
25   in die Augen. Denn da dienen alle sich in der Natur zeigende, oft nur
26   von uns selbst dazu gemachte Zwecke dazu, es uns in der Erforschung der
27   Ursachen recht bequem zu machen, nämlich anstatt sie in den allgemeinen
28   Gesetzen des Mechanismus der Materie zu suchen, sich geradezu auf den
29   unerforschlichen Rathschluß der höchsten Weisheit zu berufen und die Vernunftbemühung
30   alsdann für vollendet anzusehen, wenn man sich ihres
31   Gebrauchs überhebt, der doch nirgend einen Leitfaden findet, als wo ihn


32   *)So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete: Wenn
33   es dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser Krankheit genesen, so wird
34   es geschehen, du magst einen Arzt brauchen, oder nicht. Cicero sagt, daß diese
35   Art zu schließen ihren Namen daher habe, daß, wenn man ihr folgt, gar kein Gebrauch
36   der Vernunft im Leben übrig bleibe. Dieses ist die Ursache, warum ich
37   das sophistische Argument der reinen Vernunft mit demselben Namen belege.


[seite 455]


01   uns die Ordnung der Natur und die Reihe der Veränderungen nach ihren
02   inneren und allgemeinen Gesetzen an die Hand giebt. Dieser Fehler kann
03   vermieden werden, wenn wir nicht bloß einige Naturstücke, als z. B. die
04   Vertheilung des festen Landes, das Bauwerk desselben und die Beschaffenheit
05   und Lage der Gebirge, oder wohl gar nur die Organisation im Gewächs
06   und Thierreiche aus dem Gesichtspunkte der Zwecke betrachten,
07   sondern diese systematische Einheit der Natur in Beziehung auf die Idee
08   einer höchsten Intelligenz ganz allgemein machen. Denn alsdann legen
09   wir eine Zweckmäßigkeit nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum Grunde,
10   von denen keine besondere Einrichtung ausgenommen, sondern nur mehr
11   oder weniger kenntlich für uns ausgezeichnet worden, und haben ein regulatives
12   Princip der systematischen Einheit einer teleologischen Verknüpfung,
13   die wir aber nicht zum voraus bestimmen, sondern nur in Erwartung [op 720]
14   derselben die physischmechanische Verknüpfung nach allgemeinen
15   Gesetzen verfolgen dürfen. Denn so allein kann das Princip der zweckmäßigen
16   Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der Erfahrung jederzeit
17   erweitern, ohne ihm in irgend einem Falle Abbruch zu thun.


18   Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Princips
19   der systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft
20   ( perversa ratio , hysteron proteron rationis ). Die Idee der systematischen
21   Einheit sollte nur dazu dienen, um als regulatives Princip sie in der Verbindung
22   der Dinge nach allgemeinen Naturgesetzen zu suchen und, so weit
23   sich etwas davon auf dem empirischen Wege antreffen läßt, um so viel auch
24   zu glauben, daß man sich der Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert
25   habe, ob man sie freilich niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man
26   die Sache um und fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Princips
27   der zweckmäßigen Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, den
28   Begriff einer solchen höchsten Intelligenz, weil er an sich gänzlich unerforschlich
29   ist, anthropomorphistisch bestimmt und dann der Natur Zwecke
30   gewaltsam und dictatorisch aufdringt, anstatt sie wie billig auf dem Wege
31   der physischen Nachforschung zu suchen: so daß nicht allein Teleologie, die
32   bloß dazu dienen sollte, um die Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu [op 721]
33   ergänzen, nun vielmehr dahin wirkt, sie aufzuheben, sondern die Vernunft
34   sich noch dazu selbst um ihren Zweck bringt, nämlich das Dasein einer solchen
35   intelligenten obersten Ursache nach diesem aus der Natur zu beweisen.
36   Denn wenn man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur a priori,
37   d. i. als zum Wesen derselben gehörig, voraussetzen kann, wie will man


[seite 456]


01   denn angewiesen sein, sie zu suchen und auf der Stufenleiter derselben sich
02   der höchsten Vollkommenheit eines Urhebers als einer schlechterdings nothwendigen
03   mithin a priori erkennbaren Vollkommenheit zu nähern? Das
04   regulative Princip verlangt, die systematische Einheit als Natureinheit,
05   welche nicht bloß empirisch erkannt, sondern a priori, obzwar noch unbestimmt,
06   vorausgesetzt wird, schlechterdings, mithin als aus dem Wesen der
07   Dinge folgend vorauszusetzen. Lege ich aber zuvor ein höchstes ordnendes
08   Wesen zum Grunde, so wird die Natureinheit in der That aufgehoben.
09   Denn sie ist der Natur der Dinge ganz fremd und zufällig und kann auch
10   nicht aus allgemeinen Gesetzen derselben erkannt werden. Daher entspringt
11   ein fehlerhafter Cirkel im Beweisen, da man das voraussetzt, was eigentlich
12   hat bewiesen werden sollen.


13   Das regulative Princip der systematischen Einheit der Natur für ein
14   constitutives nehmen und, was nur in der Idee zum Grunde des einhelligen
15   Gebrauchs der Vernunft gelegt wird, als Ursache hypostatisch [op 722]
16   voraussetzen, heißt nur die Vernunft verwirren. Die Naturforschung geht
17   ihren Gang ganz allein an der Kette der Naturursachen nach allgemeinen
18   Gesetzen derselben, zwar nach der Idee eines Urhebers, aber nicht um die
19   Zweckmäßigkeit, der sie allerwärts nachgeht, von demselben abzuleiten,
20   sondern sein Dasein aus dieser Zweckmäßigkeit, die in den Wesen der Naturdinge
21   gesucht wird, wo möglich auch in den Wesen aller Dinge überhaupt,
22   mithin als schlechthin nothwendig zu erkennen. Das letztere mag
23   nun gelingen oder nicht, so bleibt die Idee immer richtig und eben sowohl
24   auch deren Gebrauch, wenn er auf die Bedingungen eines bloß regulativen
25   Princips restringirt worden.


26   Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit (schlechthin betrachtet).
27   Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge, welche den ganzen
28   Gegenstand der Erfahrung, d. i. aller unserer objectivgültigen Erkenntniß,
29   ausmachen, mithin in allgemeinen und nothwendigen Naturgesetzen finden,
30   wie wollen wir daraus gerade auf die Idee einer höchsten und schlechthin
31   nothwendigen Vollkommenheit eines Urwesens schließen, welches der Ursprung
32   aller Causalität ist? Die größte systematische, folglich auch die
33   zweckmäßige Einheit ist die Schule und selbst die Grundlage der Möglichkeit
34   des größten Gebrauchs der Menschenvernunft. Die Idee derselben [op 723]
35   ist also mit dem Wesen unserer Vernunft unzertrennlich verbunden. Eben
36   dieselbe Idee ist also für uns gesetzgebend, und so ist es sehr natürlich, eine
37   ihr correspondirende gesetzgebende Vernunft ( intellectus archetypus )


[seite 457]


01   anzunehmen, von der alle systematische Einheit der Natur als dem Gegenstande
02   unserer Vernunft abzuleiten sei.


03   Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt:
04   daß alle Fragen, welche die reine Vernunft aufwirft, schlechterdings
05   beantwortlich sein müssen, und daß die Entschuldigung mit den Schranken
06   unserer Erkenntniß, die in vielen Naturfragen ebenso unvermeidlich als
07   billig ist, hier nicht gestattet werden könne, weil uns hier nicht von der
08   Natur der Dinge, sondern allein durch die Natur der Vernunft und lediglich
09   über ihre innere Einrichtung die Fragen vorgelegt werden. Jetzt können
10   wir diese dem ersten Anscheine nach kühne Behauptung in Ansehung der
11   zwei Fragen, wobei die reine Vernunft ihr größtes Interesse hat, bestätigen
12   und dadurch unsere Betrachtung über die Dialektik derselben zur gänzlichen
13   Vollendung bringen.


14   Frägt man denn also (in Absicht auf eine transscendentale Theologie)*) [op 724]
15   erstlich: ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe, was den
16   Grund der Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen
17   Gesetzen enthalte, so ist die Antwort: ohne Zweifel. Denn die Welt ist
18   eine Summe von Erscheinungen, es muß also irgend ein transscendentaler,
19   d. i. bloß dem reinen Verstande denkbarer, Grund derselben sein. Ist zweitens
20   die Frage, ob dieses Wesen Substanz, von der größten Realität, nothwendig
21   etc. sei: so antworte ich, daß diese Frage gar keine Bedeutung
22   habe. Denn alle Kategorien, durch welche ich mir einen Begriff
23   von einem solchen Gegenstande zu machen versuche, sind von keinem anderen
24   als empirischen Gebrauche und haben gar keinen Sinn, wenn sie
25   nicht auf Objecte möglicher Erfahrung, d. i. auf die Sinnenwelt, angewandt
26   werden. Außer diesem Felde sind sie bloß Titel zu Begriffen, die
27   man einräumen, dadurch man aber auch nichts verstehen kann. Ist endlich
28   drittens die Frage, ob wir nicht wenigstens dieses von der Welt
29   unterschiedene Wesen nach einer Analogie mit den Gegenständen der Erfahrung
30   denken dürfen: so ist die Antwort: allerdings, aber nur als [op 725]
31   Gegenstand in der Idee und nicht in der Realität, nämlich nur so fern er



32   *) Dasjenige, was ich schon vorher von der psychologischen Idee und deren
33   eigentlichen Bestimmung als Princips zum bloß regulativen Vernunftgebrauch gesagt
34   habe, überhebt mich der Weitläuftigkeit, die transscendentale Illusion, nach
35   der jene systematische Einheit aller Mannigfaltigkeit des inneren Sinnes hypostatisch
36   vorgestellt wird, noch besonders zu erörtern. Das Verfahren hiebei ist demjenigen
37   sehr ähnlich, welches die Kritik in Ansehung des theologischen Ideals beobachtet.


[seite 458]


01   ein uns unbekanntes Substratum der systematischen Einheit, Ordnung
02   und Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung ist, welche sich die Vernunft zum
03   regulativen Princip ihrer Naturforschung machen muß. Noch mehr, wir
04   können in dieser Idee gewisse Anthropomorphismen, die dem gedachten regulativen
05   Princip beförderlich sind, ungescheut und ungetadelt erlauben.
06   Denn es ist immer nur eine Idee, die gar nicht direct auf ein von der Welt
07   unterschiedenes Wesen, sondern auf das regulative Princip der systematischen
08   Einheit der Welt, aber nur vermittelst eines Schema derselben,
09   nämlich einer obersten Intelligenz, die nach weisen Absichten Urheber derselben
10   sei, bezogen wird. Was dieser Urgrund der Welteinheit an sich selbst
11   sei, hat dadurch nicht gedacht werden sollen, sondern wie wir ihn, oder vielmehr
12   seine Idee relativ auf den systematischen Gebrauch der Vernunft in
13   Ansehung der Dinge der Welt brauchen sollen.


14   Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren zu
15   fragen) einen einigen, weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen?
16   Ohne allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen
17   solchen voraussetzen. Aber alsdann erweitern wir doch unsere Erkenntni
18   über das Feld möglicher Erfahrung? Keinesweges. Denn wir haben [op 726]
19   nur ein Etwas vorausgesetzt, wovon wir gar keinen Begriff haben, was
20   es an sich selbst sei (einen bloß transscendentalen Gegenstand); aber in
21   Beziehung auf die systematische und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues,
22   welche wir, wenn wir die Natur studiren, voraussetzen müssen, haben wir
23   jenes uns unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer Intelligenz
24   (ein empirischer Begriff) gedacht, d. i. es in Ansehung der Zwecke
25   und der Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade mit den
26   Eigenschaften begabt, die nach den Bedingungen unserer Vernunft den
27   Grund einer solchen systematischen Einheit enthalten können. Diese Idee
28   ist also respectiv auf den Weltgebrauch unserer Vernunft ganz gegründet.
29   Wollten wir ihr aber schlechthin objective Gültigkeit ertheilen,
30   so würden wir vergessen, daß es lediglich ein Wesen in der Idee sei, das
31   wir denken; und indem wir alsdann von einem durch die Weltbetrachtung
32   gar nicht bestimmbaren Grunde anfingen, würden wir dadurch außer
33   Stand gesetzt, dieses Princip dem empirischen Vernunftgebrauch angemessen
34   anzuwenden.


35   Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von
36   dem Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der vernünftigen
37   Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch eigentlich


[seite 459]


01   diese Idee von der Vernunft zum Grunde gelegt. Allein darf ich nun [op 727]
02   zweckähnliche Anordnungen als Absichten ansehen, indem ich sie vom göttlichen
03   Willen, obzwar vermittelst besonderer dazu in der Welt darauf gestellten
04   Anlagen, ableite? Ja, das könnt ihr auch thun, aber so, daß es
05   euch gleich viel gelten muß, ob jemand sage, die göttliche Weisheit hat alles
06   so zu ihren obersten Zwecken geordnet, oder die Idee der höchsten Weisheit
07   ist ein Regulativ in der Nachforschung der Natur und ein Princip der systematischen
08   und zweckmäßigen Einheit derselben nach allgemeinen Naturgesetzen,
09   auch selbst da, wo wir jene nicht gewahr werden; d. i. es mu
10   euch da, wo ihr sie wahrnehmt, völlig einerlei sein, zu sagen: Gott hat es
11   weislich so gewollt, oder die Natur hat es also weislich geordnet. Denn
12   die größte systematische und zweckmäßige Einheit, welche eure Vernunft
13   aller Naturforschung als regulatives Princip zum Grunde zu legen verlangte,
14   war eben das, was euch berechtigte, die Idee einer höchsten Intelligenz
15   als ein Schema des regulativen Princips zum Grunde zu legen;
16   und so viel ihr nun nach demselben Zweckmäßigkeit in der Welt antrefft,
17   so viel habt ihr Bestätigung der Rechtmäßigkeit eurer Idee; da aber gedachtes
18   Princip nichts andres zur Absicht hatte, als nothwendige und
19   größtmögliche Natureinheit zu suchen, so werden wir diese zwar, so weit
20   als wir sie erreichen, der Idee eines höchsten Wesens zu danken haben,
21   können aber die allgemeinen Gesetze der Natur, als in Absicht auf welche
22   die Idee nur zum Grunde gelegt wurde, ohne mit uns selbst in Widerspruch [op 728]
23   zu gerathen, nicht vorbei gehen, um die Zweckmäßigkeit der Natur als
24   zufällig und hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen, weil wir nicht
25   berechtigt waren, ein Wesen über die Natur von den gedachten Eigenschaften
26   anzunehmen, sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu
27   legen, um nach der Analogie einer Causalbestimmung die Erscheinungen
28   als systematisch unter einander verknüpft anzusehen.


29   Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in der Idee
30   nicht allein nach einem subtileren Anthropomorphism (ohne welchen sich
31   gar nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, das
32   Verstand, Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße
33   Begierde und Willen hat etc., zu denken, sondern demselben unendliche Vollkommenheit
34   beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu wir durch
35   empirische Kenntniß der Weltordnung berechtigt sein können. Denn das
36   regulative Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir die Natur so
37   studiren sollen, als ob allenthalben ins Unendliche systematische und zweckmäßige


[seite 460]


01   Einheit bei der größtmöglichen Mannigfaltigkeit angetroffen
02   würde. Denn wiewohl wir nur wenig von dieser Weltvollkommenheit ausspähen
03   oder erreichen werden, so gehört es doch zur Gesetzgebung unserer
04   Vernunft, sie allerwärts zu suchen und zu vermuthen; und es muß uns
05   jederzeit vortheilhaft sein, niemals aber kann es nachtheilig werden, nach [op 729]
06   diesem Princip die Naturbetrachtung anzustellen. Es ist aber unter dieser
07   Vorstellung der zum Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers auch
08   klar: daß ich nicht das Dasein und die Kenntniß eines solchen Wesens,
09   sondern nur die Idee desselben zum Grunde lege und also eigentlich nichts
10   von diesem Wesen, sondern bloß von der Idee desselben, d. i. von der Natur
11   der Dinge der Welt, nach einer solchen Idee ableite. Auch scheint ein
12   gewisses, obzwar unentwickeltes Bewußtsein des ächten Gebrauchs dieses
13   unseren Vernunftbegriffs die bescheidene und billige Sprache der Philosophen
14   aller Zeiten veranlaßt zu haben, da sie von der Weisheit und Vorsorge
15   der Natur und der göttlichen Weisheit als gleichbedeutenden Ausdrücken
16   reden, ja den ersten Ausdruck, so lange es um bloß speculative
17   Vernunft zu thun ist, vorziehen, weil er die Anmaßung einer größeren
18   Behauptung, als die ist, wozu wir befugt sind, zurück hält und zugleich
19   die Vernunft auf ihr eigenthümliches Feld, die Natur, zurück weiset.


20   So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts geringeres
21   als Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung zu versprechen
22   schien, wenn wir sie Recht verstehen, nichts als regulative Principien,
23   die zwar größere Einheit gebieten, als der empirische Verstandesgebrauch
24   erreichen kann, aber eben dadurch, daß sie das Ziel der Annäherung [op 730]
25   desselben so weit hinausrücken, die Zusammenstimmung desselben
26   mit sich selbst durch systematische Einheit zum höchsten Grade bringen,
27   wenn man sie aber mißversteht und sie für constitutive Principien transscendenter
28   Erkenntnisse hält, durch einen zwar glänzenden, aber trüglichen
29   Schein Überredung und eingebildetes Wissen, hiemit aber ewige Widersprüche
30   und Streitigkeiten hervorbringen.


31   So fängt denn alle menschliche Erkenntniß mit Anschauungen an,
32   geht von da zu Begriffen und endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung
33   aller drei Elemente Erkenntnißquellen a priori hat, die beim ersten Anblicke
34   die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen, so überzeugt doch eine


[seite 461]


01   vollendete Kritik, daß alle Vernunft im speculativen Gebrauche mit diesen
02   Elementen niemals über das Feld möglicher Erfahrung hinaus kommen
03   könne, und daß die eigentliche Bestimmung dieses obersten Erkenntnißvermögens
04   sei, sich aller Methoden und der Grundsätze derselben nur zu
05   bedienen, um der Natur nach allen möglichen Principien der Einheit, worunter
06   die der Zwecke die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen,
07   niemals aber ihre Grenze zu überfliegen, außerhalb welcher für uns
08   nichts als leerer Raum ist. Zwar hat uns die kritische Untersuchung aller [op 731]
09   Sätze, welche unsere Erkenntniß über die wirkliche Erfahrung hinaus erweitern
10   können, in der transscendentalen Analytik hinreichend überzeugt,
11   daß sie niemals zu etwas mehr, als einer möglichen Erfahrung leiten
12   können; und wenn man nicht selbst gegen die klärsten abstracten und allgemeinen
13   Lehrsätze mißtrauisch wäre, wenn nicht reizende und scheinbare
14   Aussichten uns lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen, so hätten wir
15   allerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen Zeugen, die eine
16   transscendente Vernunft zum Behuf ihrer Anmaßungen auftreten läßt,
17   überhoben sein können; denn wir wußten es schon zum voraus mit völliger
18   Gewißheit, daß alles vorgeben derselben zwar vielleicht ehrlich gemeint,
19   aber schlechterdings nichtig sein müsse, weil es eine Kundschaft betraf,
20   die kein Mensch jemals bekommen kann. Allein weil doch des Redens
21   kein Ende wird, wenn man nicht hinter die wahre Ursache des Scheins
22   kommt, wodurch selbst der Vernünftigste hintergangen werden kann, und
23   die Auflösung aller unserer transscendenten Erkenntniß in ihre Elemente
24   (als ein Studium unserer inneren Natur) an sich selbst keinen geringen
25   Werth hat, dem Philosophen aber sogar Pflicht ist, so war es nicht allein
26   nöthig, diese ganze, obzwar eitele Bearbeitung der speculativen Vernunft
27   bis zu ihren ersten Quellen ausführlich nachzusuchen; sondern da der dialektische [op 732]
28   Schein hier nicht allein dem Urtheile nach täuschend, sondern auch
29   dem Interesse nach, das man hier am Urtheile nimmt, anlockend und jederzeit
30   natürlich ist und so in alle Zukunft bleiben wird, so war es rathsam,
31   gleichsam die Acten dieses Processes ausführlich abzufassen und sie im
32   Archive der menschlichen Vernunft zu Verhütung künftiger Irrungen ähnlicher
33   Art niederzulegen.


[seite 463]


01   2.
02   Transscendentale Methodenlehre.


[seite 465]


Einleitung

[op 735]


01   Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntniß der reinen und speculativen
02   Vernunft wie ein Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in uns
03   haben, so kann ich sagen: wir haben in der transscendentalen Elementarlehre
04   den Bauzeug überschlagen und bestimmt, zu welchem Gebäude, von
05   welcher Höhe und Festigkeit er zulange. Freilich fand es sich, daß, ob wir
06   zwar einen Thurm im Sinne hatten, der bis an den Himmel reichen sollte,
07   der Vorrath der Materialien doch nur zu einem Wohnhause zureichte, welches
08   zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig
09   und hoch genug war, sie zu übersehen; daß aber jene kühne Unternehmung
10   aus Mangel an Stoff fehlschlagen mußte, ohne einmal auf die Sprachverwirrung
11   zu rechnen, welche die Arbeiter über den Plan unvermeidlich
12   entzweien und sie in alle Welt zerstreuen mußte, um sich, ein jeder nach
13   seinem Entwurfe, besonders anzubauen. Jetzt ist es uns nicht sowohl um
14   die Materialien, als vielmehr um den Plan zu thun und, indem wir gewarnt
15   sind, es nicht auf einen beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht
16   unser ganzes Vermögen übersteigen könnte, zu wagen, gleichwohl doch von
17   der Errichtung eines festen Wohnsitzes nicht wohl abstehen können, den
18   Anschlag zu einem Gebäude in Verhältniß auf den Vorrath, der uns gegeben
19   und zugleich unserem Bedürfniß angemessen ist, zu machen.


20   Ich verstehe also unter der transscendentalen Methodenlehre die Bestimmung [op 736]
21   der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der
22   reinen Vernunft. Wir werden es in dieser Absicht mit einer Disciplin,
23   einem Kanon, einer Architektonik, endlich einer Geschichte der reinen
24   Vernunft zu thun haben und dasjenige in transscendentaler Absicht leisten,
25   was unter dem Namen einer praktischen Logik in Ansehung des Gebrauchs
26   des Verstandes überhaupt in den Schulen gesucht, aber schlecht


[seite 466]


01   geleistet wird, weil, da die allgemeine Logik auf keine besondere Art der
02   Verstandeserkenntniß (z. B. nicht auf die reine), auch nicht auf gewisse
03   Gegenstände eingeschränkt ist, sie, ohne Kenntnisse aus anderen Wissenschaften
04   zu borgen, nichts mehr thun kann, als Titel zu möglichen Methoden
05   und technische Ausdrücke, deren man sich in Ansehung des Systematischen
06   in allerlei Wissenschaften bedient, vorzutragen, die den Lehrling
07   zum voraus mit Namen bekannt machen, deren Bedeutung und Gebrauch
08   er künftig allererst soll kennen lernen.


09   Der transscendentalen Methodenlehre
10   Erstes Hauptstück.
11   Die Disciplin der reinen Vernunft.


12   Die negativen Urtheile, die es nicht bloß der logischen Form, sondern
13   auch dem Inhalte nach sind, stehen bei der Wißbegierde der Menschen in
14   keiner sonderlichen Achtung; man sieht sie wohl gar als neidische Feinde [op 737]
15   unseres unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnißtriebes an, und
16   es bedarf beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung, und noch mehr,
17   um ihnen Gunst und Hochschätzung zu verschaffen.


18   Man kann zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken,
19   in Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntniß überhaupt, ob sie durch
20   ein Urtheil erweitert oder beschränkt wird, haben die verneinenden das
21   eigenthümliche Geschäfte, lediglich den Irrthum abzuhalten. Daher
22   auch negative Sätze, welche eine falsche Erkenntniß abhalten sollen, wo
23   doch niemals ein Irrthum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer,
24   d. i. ihrem Zwecke gar nicht angemessen, und eben darum oft lächerlich
25   sind; wie der Satz jenes Schulredners, daß Alexander ohne Kriegsheer
26   keine Länder hätte erobern können.


27   Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntniß sehr enge, der
28   Anreiz zum Urtheilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr betrüglich
29   und der Nachtheil aus dem Irrthum erheblich ist, da hat das negative
30   der Unterweisung, welches bloß dazu dient, um uns vor Irrthümern zu
31   verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manche positive Belehrung, dadurch
32   unser Erkenntniß Zuwachs bekommen könnte. Man nennt den Zwang,
33   wodurch der beständige Hang von gewissen Regeln abzuweichen eingeschränkt


[seite 467]


01   und endlich vertilgt wird, die Disciplin. Sie ist von der Cultur
02   unterschieden, welche bloß eine Fertigkeit verschaffen soll, ohne eine andere,
03   schon vorhandene dagegen aufzuheben. Zu der Bildung eines Talents, [op 738]
04   welches schon für sich selbst einen Antrieb zur Äußerung hat, wird
05   also die Disciplin einen negativen*), die Cultur aber und Doctrin einen
06   positiven Beitrag leisten.


07   Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine
08   freie und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und
09   Witz) in mancher Absicht einer Disciplin bedürfen, wird jedermann leicht
10   zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt, allen anderen
11   Bestrebungen ihre Disciplin vorzuschreiben, selbst noch eine solche nöthig
12   habe, das mag allerdings befremdlich scheinen; und in der That ist sie
13   auch einer solchen Demüthigung eben darum bisher entgangen, weil bei
14   der Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande, womit sie auftritt, niemand
15   auf den Verdacht eines leichtsinnigen Spiels mit Einbildungen
16   statt Begriffen und Worten statt Sachen leichtlich gerathen konnte.


17   Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil [op 739]
18   ihre Grundsätze am Probirstein der Erfahrung einer continuirlichen Prüfung
19   unterworfen werden; imgleichen auch nicht in der Mathematik, wo
20   ihre Begriffe an der reinen Anschauung sofort in concreto dargestellt werden
21   müssen, und jedes Ungegründete und Willkürliche dadurch alsbald
22   offenbar wird. Wo aber weder empirische noch reine Anschauung die Vernunft
23   in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in ihrem transscendentalen
24   Gebrauche nach bloßen Begriffen, da bedarf sie so sehr einer
25   Disciplin, die ihren Hang zur Erweiterung über die engen Grenzen möglicher
26   Erfahrung bändige und sie von Ausschweifung und Irrthum abhalte,
27   daß auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft bloß mit diesem
28   negativen Nutzen zu thun hat. Einzelnen Verirrungen kann durch Censur



29   *) Ich Weiß wohl, daß man in der Schulsprache den Namen der Disciplin
30   mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein es giebt dagegen
31   so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck als Zucht von dem zweiten
32   als Belehrung sorgfältig unterschieden wird, und die Natur der Dinge erheischt
33   es auch selbst, für diesen Unterschied die einzigen schicklichen Ausdrücke aufzubewahren,
34   daß ich wünsche, man möge niemals erlauben, jenes Wort in anderer als
35   negativer Bedeutung zu brauchen.


[seite 468]


01   und den Ursachen derselben durch Kritik abgeholfen werden. Wo aber, wie
02   in der reinen Vernunft, ein ganzes System von Täuschungen und Blendwerken
03   angetroffen wird, die unter sich wohl verbunden und unter gemeinschaftlichen
04   Principien vereinigt sind, da scheint eine ganz eigene und
05   zwar negative Gesetzgebung erforderlich zu sein, welche unter dem Namen
06   einer Disciplin aus der Natur der Vernunft und der Gegenstände ihres
07   reinen Gebrauchs gleichsam ein System der Vorsicht und Selbstprüfung
08   errichte, vor welchem kein falscher vernünftelnder Schein bestehen kann,
09   sondern sich sofort unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung verrathen
10   muß.

[op 740]


11   Es ist aber wohl zu merken: daß ich in diesem zweiten Haupttheile
12   der transscendentalen Kritik die Disciplin der reinen Vernunft nicht auf
13   den Inhalt, sondern bloß auf die Methode der Erkenntniß aus reiner Vernunft
14   richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre geschehen. Es
15   hat aber der Vernunftgebrauch so viel Ähnliches, auf welchen Gegenstand
16   er auch angewandt werden mag, und ist doch, so fern er transscendental
17   sein soll, zugleich von allem anderen so wesentlich unterschieden, daß ohne
18   die warnende Negativlehre einer besonders darauf gestellten Disciplin die
19   Irrthümer nicht zu verhüten sind, die aus einer unschicklichen Befolgung
20   solcher Methoden, die zwar sonst der Vernunft, aber nur nicht hier anpassen,
21   nothwendig entspringen müssen.


22   Des ersten Hauptstücks
23   Erster Abschnitt.
24   Die Disciplin der reinen Vernunft im dogmatischen
25   Gebrauche.


26   Die Mathematik giebt das glänzendste Beispiel einer sich ohne Beihülfe
27   der Erfahrung von selbst glücklich erweiternden reinen Vernunft.
28   Beispiele sind ansteckend, vornehmlich für dasselbe Vermögen, welches sich
29   natürlicherweise schmeichelt, eben dasselbe Glück in anderen Fällen zu
30   haben, welches ihm in einem Falle zu Theil worden. Daher hofft reine [op 741]
31   Vernunft im transscendentalen Gebrauche sich eben so glücklich und gründlich


[seite 469]


01   erweitern zu können, als es ihr im mathematischen gelungen ist, wenn
02   sie vornehmlich dieselbe Methode dort anwendet, die hier von so augenscheinlichem
03   Nutzen gewesen ist. Es liegt uns also viel daran, zu wissen:
04   ob die Methode, zur apodiktischen Gewißheit zu gelangen, die man in der
05   letzteren Wissenschaft mathematisch nennt, mit derjenigen einerlei sei, womit
06   man eben dieselbe Gewißheit in der Philosophie sucht, und die daselbst
07   dogmatisch genannt werden müßte.


08   Die philosophische Erkenntniß ist die Vernunfterkenntniß aus
09   Begriffen, die mathematische aus der Construction der Begriffe.
10   Einen Begriff aber construiren, heißt: die ihm correspondirende Anschauung
11   a priori darstellen. Zur Construction eines Begriffs wird also
12   eine nichtempirische Anschauung erfordert, die folglich, als Anschauung,
13   ein einzelnes Object ist, aber nichts destoweniger als die Construction
14   eines Begriffs (einer allgemeinen Vorstellung) Allgemeingültigkeit für alle
15   mögliche Anschauungen, die unter denselben Begriff gehören, in der Vorstellung
16   ausdrücken muß. So construire ich einen Triangel, indem ich
17   den diesem Begriffe entsprechenden Gegenstand entweder durch bloße Einbildung
18   in der reinen, oder nach derselben auch auf dem Papier in der
19   empirischen Anschauung, beidemal aber völlig a priori, ohne das Muster
20   dazu aus irgend einer Erfahrung geborgt zu haben, darstelle. Die einzelne [op 742]
21   hingezeichnete Figur ist empirisch und dient gleichwohl, den Begriff unbeschadet
22   seiner Allgemeinheit auszudrücken, weil bei dieser empirischen Anschauung
23   immer nur auf die Handlung der Construktion des Begriffs,
24   welchem viele Bestimmungen, z. E. der Größe, der Seiten und der Winkel,
25   ganz gleichgültig sind, gesehen und also von diesen Verschiedenheiten, die
26   den Begriff des Triangels nicht verändern, abstrahirt wird.


27   Die philosophische Erkenntniß betrachtet also das Besondere nur im
28   Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
29   Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so daß,
30   wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der Construction
31   bestimmt ist, eben so der Gegenstand des Begriffs, dem dieses
32   Einzelne nur als sein Schema correspondirt, allgemein bestimmt gedacht
33   werden muß.


34   In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden
35   Arten der Vernunfterkenntniß und beruht nicht auf dem Unterschiede ihrer
36   Materie oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von Mathematik
37   dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener sagten, sie


[seite 470]


01   habe bloß die Qualität, diese aber nur die Quantität zum Object,
02   haben die Wirkung für die Ursache genommen. Die Form der mathematischen
03   Erkenntniß ist die Ursache, daß diese lediglich auf quanta gehen
04   kann. Denn nur der Begriff von Größen läßt sich construiren, d. i. a priori [op 743]
05   in der Anschauung darlegen, Qualitäten aber lassen sich in keiner anderen
06   als empirischen Anschauung darstellen. Daher kann eine Vernunfterkenntni
07   derselben nur durch Begriffe möglich sein. So kann niemand eine dem
08   Begriff der Realität correspondirende Anschauung anders woher, als aus
09   der Erfahrung nehmen, niemals aber a priori aus sich selbst und vor dem
10   empirischen Bewußtsein derselben theilhaftig werden. Die konische Gestalt
11   wird man ohne alle empirische Beihülfe, bloß nach dem Begriffe anschauend
12   machen können, aber die Farbe dieses Kegels wird in einer oder
13   anderer Erfahrung zuvor gegeben sein müssen. Den Begriff einer Ursache
14   überhaupt kann ich auf keine Weise in der Anschauung darstellen, als an
15   einem Beispiele, das mir Erfahrung an die Hand giebt, u. s. w. Übrigens
16   handelt die Philosophie eben sowohl von Größen, als die Mathematik, z. B.
17   von der Totalität, der Unendlichkeit u. s. w. Die Mathematik beschäftigt
18   sich auch mit dem Unterschiede der Linien und Flächen als Räumen von
19   verschiedener Qualität, mit der Continuität der Ausdehnung als einer
20   Qualität derselben. Aber obgleich sie in solchen Fällen einen gemeinschaftlichen
21   Gegenstand haben, so ist die Art, ihn durch die Vernunft zu behandeln,
22   doch ganz anders in der philosophischen, als mathematischen Betrachtung.
23   Jene hält sich bloß an allgemeinen Begriffen, diese kann mit
24   dem bloßen Begriffe nichts ausrichten, sondern eilt sogleich zur Anschauung,
25   in welcher sie den Begriff in concreto betrachtet, aber doch nicht empirisch, [op 744]
26   sondern bloß in einer solchen, die sie a priori darstellt, d. i. construirt
27   hat, und in welcher dasjenige, was aus den allgemeinen Bedingungen
28   der Construction folgt, auch von dem Objecte des construirten Begriffs
29   allgemein gelten muß.


30   Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels und lasse
31   ihn nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner
32   Winkel zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff
33   von einer Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und an ihr
34   den Begriff von eben so viel Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe nachdenken,
35   so lange er will, er wird nichts Neues herausbringen. Er kann
36   den Begriff der geraden Linie oder eines Winkels oder der Zahl drei zergliedern
37   und deutlich machen, aber nicht auf andere Eigenschaften kommen,


[seite 471]


01   die in diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein der Geometer nehme diese
02   Frage vor. Er fängt sofort davon an, einen Triangel zu construiren.
03   Weil er weiß, daß zwei rechte Winkel zusammen gerade so viel austragen,
04   als alle berührende Winkel, die aus einem Punkte auf einer geraden
05   Linie gezogen werden können, zusammen, so verlängert er eine Seite seines
06   Triangels und bekommt zwei berührende Winkel, die zwei rechten zusammen
07   gleich sind. Nun teilt er den äußeren von diesen Winkeln, indem
08   er eine Linie mit der gegenüberstehenden Seite des Triangels parallel
09   zieht, und sieht, daß hier ein äußerer berührender Winkel entspringe, der
10   einem inneren gleich ist, u. s. w. Er gelangt auf solche Weise durch eine [op 745]
11   Kette von Schlüssen, immer von der Anschauung geleitet, zur völlig einleuchtenden
12   und zugleich allgemeinen Auflösung der Frage.


13   Die Mathematik aber construirt nicht bloß Größen ( quanta ), wie in
14   der Geometrie, sondern auch die bloße Größe ( quantitatem ), wie in der
15   Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes,
16   der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich abstrahirt.
17   Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller Constructionen
18   von Größen überhaupt (Zahlen) als der Addition, Subtraction
19   u. s. w., Ausziehung der Wurzel; und nachdem sie den allgemeinen Begriff
20   der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen derselben auch bezeichnet
21   hat, so stellt sie alle Behandlung, die durch die Größe erzeugt und
22   verändert wird, nach gewissen allgemeinen Regeln in der Anschauung
23   dar; wo eine Größe durch die andere dividirt werden soll, setzt sie beider
24   ihre Charaktere nach der bezeichnenden Form der Division zusammen
25   u. s. w. und gelangt also vermittelst einer symbolischen Construction eben
26   so gut, wie die Geometrie nach einer ostensiven oder geometrischen (der
27   Gegenstände selbst) dahin, wohin die discursive Erkenntniß vermittelst
28   bloßer Begriffe niemals gelangen könnte.


29   Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein, darin sich
30   zwei Vernunftkünstler befinden, deren der eine seinen Weg nach Begriffen,
31   der andere nach Anschauungen nimmt, die er a priori den Begriffen gemä [op 746]
32   darstellt? Nach den oben vorgetragenen transscendentalen Grundlehren
33   ist diese Ursache klar. Es kommt hier nicht auf analytische Sätze
34   an, die durch bloße Zergliederung der Begriffe erzeugt werden können
35   (hierin würde der Philosoph ohne Zweifel den Vortheil über seinen Nebenbuhler
36   haben), sondern auf synthetische und zwar solche, die a priori
37   sollen erkannt werden. Denn ich soll nicht auf dasjenige sehen, was ich


[seite 472]


01   in meinem Begriffe vom Triangel wirklich denke (dieses ist nichts weiter
02   als die bloße Definition); vielmehr soll ich über ihn zu Eigenschaften, die
03   in diesem Begriffe nicht liegen, aber doch zu ihm gehören, hinausgehen.
04   Nun ist dieses nicht anders möglich, als daß ich meinen Gegenstand nach
05   den Bedingungen entweder der empirischen Anschauung, oder der reinen
06   Anschauung bestimme. Das erstere würde nur einen empirischen Satz
07   (durch Messen seiner Winkel), der keine Allgemeinheit, noch weniger Nothwendigkeit
08   enthielte, abgeben, und von dergleichen ist gar nicht die Rede.
09   Das zweite Verfahren aber ist die mathematische und zwar hier die geometrische
10   Construction, vermittelst deren ich in einer reinen Anschauung
11   eben so wie in der empirischen das Mannigfaltige, was zu dem Schema
12   eines Triangels überhaupt, mithin zu seinem Begriffe gehört, hinzusetze,
13   wodurch allerdings allgemeine synthetische Sätze construirt werden
14   müssen.


15   Ich würde also umsonst über den Triangel philosophiren, d. i. discursiv [op 747]
16   nachdenken, ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen, als auf
17   die bloße Definition, von der ich aber billig anfangen müßte. Es giebt
18   zwar eine transscendentale Synthesis aus lauter Begriffen, die wiederum
19   allein dem Philosophen gelingt, die aber niemals mehr als ein Ding überhaupt
20   betrifft, unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung zur möglichen
21   Erfahrung gehören könne. Aber in den mathematischen Aufgaben
22   ist hievon und überhaupt von der Existenz gar nicht die Frage, sondern
23   von den Eigenschaften der Gegenstände an sich selbst, lediglich so fern diese
24   mit dem Begriffe derselben verbunden sind.


25   Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht,
26   welcher große Unterschied zwischen dem discursiven Vernunftgebrauch
27   nach Begriffen und dem intuitiven durch die Construction der Begriffe
28   anzutreffen sei. Nun frägts sich natürlicher Weise, was die Ursache
29   sei, die einen solchen zwiefachen Vernunftgebrauch nothwendig macht, und
30   an welchen Bedingungen man erkennen könne, ob nur der erste, oder auch
31   der zweite stattfinde.


32   Alle unsere Erkenntniß bezieht sich doch zuletzt auf mögliche Anschauungen;
33   denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben. Nun enthält
34   ein Begriff a priori (ein nicht empirischer Begriff) entweder schon
35   eine reine Anschauung in sich, und alsdann kann er construirt werden;


[seite 473]


01   oder nichts als die Synthesis möglicher Anschauungen, die a priori nicht [op 748]
02   gegeben sind, und alsdann kann man wohl durch ihn synthetisch und
03   a priori urtheilen, aber nur discursiv, nach Begriffen, und niemals intuitiv,
04   durch die Construction des Begriffes.


05   Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben, als die bloße
06   Form der Erscheinungen, Raum und Zeit; und ein Begriff von diesen
07   als quantis läßt sich entweder zugleich mit der Qualität derselben (ihre
08   Gestalt), oder auch bloß ihre Quantität (die bloße Synthesis des gleichartig
09   Mannigfaltigen) durch Zahl a priori in der Anschauung darstellen,
10   d. i. construiren. Die Materie aber der Erscheinungen, wodurch uns
11   Dinge im Raume und der Zeit gegeben werden, kann nur in der Wahrnehmung,
12   mithin a posteriori vorgestellt werden. Der einzige Begriff,
13   der a priori diesen empirischen Gehalt der Erscheinungen vorstellt, ist der
14   Begriff des Dinges überhaupt, und die synthetische Erkenntniß von
15   demselben a priori kann nichts weiter, als die bloße Regel der Synthesis
16   desjenigen, was die Wahrnehmung a posteriori geben mag, niemals aber
17   die Anschauung des realen Gegenstandes a priori liefern, weil diese nothwendig
18   empirisch sein muß.


19   Synthetische Sätze, die auf Dinge überhaupt, deren Anschauung
20   sich a priori gar nicht geben läßt, gehen, sind transscendental. Demnach
21   lassen sich transscendentale Sätze niemals durch Construction der Begriffe,
22   sondern nur nach Begriffen a priori geben. Sie enthalten bloß die Regel,
23   nach der eine gewisse synthetische Einheit desjenigen, was nicht a priori [op 749]
24   anschaulich vorgestellt werden kann (der Wahrnehmungen), empirisch gesucht
25   werden soll. Sie können aber keinen einzigen ihrer Begriffe a priori
26   in irgend einem Falle darstellen, sondern thun dieses nur a posteriori,
27   vermittelst der Erfahrung, die nach jenen synthetischen Grundsätzen allererst
28   möglich wird.


29   Wenn man von einem Begriffe synthetisch urtheilen soll, so muß man
30   aus diesem Begriffe hinausgehen und zwar zur Anschauung, in welcher
31   er gegeben ist. Denn bliebe man bei dem stehen, was im Begriffe enthalten
32   ist, so wäre das Urtheil bloß analytisch und eine Erklärung des
33   Gedanken nach demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist. Ich kann
34   aber von dem Begriffe zu der ihm correspondirenden reinen oder empirischen
35   Anschauung gehen, um ihn in derselben in concreto zu erwägen und,


[seite 474]


01   was dem Gegenstande desselben zukommt, a priori oder a posteriori zu erkennen.
02   Das erstere ist die rationale und mathematische Erkenntniß durch
03   die Construction des Begriffs, das zweite die bloße empirische (mechanische)
04   Erkenntniß, die niemals nothwendige und apodiktische Sätze geben
05   kann. So könnte ich meinen empirischen Begriff vom Golde zergliedern,
06   ohne dadurch etwas weiter zu gewinnen, als alles, was ich bei diesem
07   Worte wirklich denke, herzählen zu können, wodurch in meinem Erkenntni
08   zwar eine logische Verbesserung vorgeht, aber keine Vermehrung oder
09   Zusatz erworben wird. Ich nehme aber die Materie, welche unter diesem
10   Namen vorkommt, und stelle mit ihr Wahrnehmungen an, welche mir verschiedene [op 750]
11   synthetische, aber empirische Sätze an die Hand geben werden.
12   Den mathematischen Begriff eines Triangels würde ich construiren, d. i.
13   a priori in der Anschauung geben, und auf diesem Wege eine synthetische,
14   aber rationale Erkenntniß bekommen. Aber wenn mir der transscendentale
15   Begriff einer Realität, Substanz, Kraft etc. gegeben ist, so bezeichnet
16   er weder eine empirische, noch reine Anschauung, sondern lediglich die
17   Synthesis der empirischen Anschauungen (die also a priori nicht gegeben
18   werden können); und es kann also aus ihm, weil die Synthesis nicht
19   a priori zu der Anschauung, die ihm correspondirt, hinausgehen kann, auch
20   kein bestimmender synthetischer Satz, sondern nur ein Grundsatz der Synthesis*)
21   möglicher empirischer Anschauungen entspringen. Also ist ein
22   transscendentaler Satz ein synthetisches Vernunfterkenntniß nach bloßen
23   Begriffen und mithin discursiv, indem dadurch alle synthetische Einheit
24   der empirischen Erkenntniß allererst möglich, keine Anschauung aber dadurch
25   a priori gegeben wird.

[op 751]


26   So giebt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, der unerachtet
27   der Allgemeinheit der Erkenntniß und ihrer Erzeugung a priori, welche
28   sie gemein haben, dennoch im Fortgange sehr verschieden ist, und zwar
29   darum, weil in der Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände gegeben



30   *) Vermittelst des Begriffs der Ursache gehe ich wirklich aus dem empirischen
31   Begriffe von einer Begebenheit (da etwas geschieht) heraus, aber nicht zu der Anschauung,
32   die den Begriff der Ursache in concreto darstellt, sondern zu den Zeitbedingungen
33   überhaupt, die in der Erfahrung dem Begriffe der Ursache gemäß gefunden
34   werden möchten. Ich verfahre also bloß nach Begriffen und kann nicht
35   durch Construction der Begriffe verfahren, weil der Begriff eine Regel der Synthesis
36   der Wahrnehmungen ist, die keine reine Anschauungen sind und sich also a priori
37   nicht geben lassen.


[seite 475]


01   werden, zwei Stücke sind: die Form der Anschauung (Raum und
02   Zeit), die völlig a priori erkannt und bestimmt werden kann, und die Materie
03   (das Physische) oder der Gehalt, welcher ein Etwas bedeutet, das im
04   Raume und der Zeit angetroffen wird, mithin ein Dasein enthält und der
05   Empfindung correspondirt. In Ansehung des letzteren, welches niemals
06   anders auf bestimmte Art, als empirisch gegeben werden kann, können
07   wir nichts a priori haben, als unbestimmte Begriffe der Synthesis möglicher
08   Empfindungen, so fern sie zur Einheit der Apperception (in einer
09   möglichen Erfahrung) gehören. In Ansehung der erstern können wir unsere
10   Begriffe in der Anschauung a priori bestimmen, indem wir uns im
11   Raume und der Zeit die Gegenstände selbst durch gleichförmige Synthesis
12   schaffen, indem wir sie bloß als Quanta betrachten. Jener heißt der Vernunftgebrauch
13   nach Begriffen, in dem wir nichts weiter thun können, als
14   Erscheinungen dem realen Inhalte nach unter Begriffe zu bringen, welche
15   darauf nicht anders als empirisch, d. i. a posteriori (aber jenen Begriffen
16   als Regeln einer empirischen Synthesis gemäß), können bestimmt werden; [op 752]
17   dieser ist der Vernunftgebrauch durch Construction der Begriffe, in dem
18   diese, da sie schon auf eine Anschauung a priori gehen, auch eben darum
19   a priori und ohne alle empirische data in der reinen Anschauung bestimmt
20   gegeben werden können. Alles was da ist (ein Ding im Raum oder der
21   Zeit), zu erwägen, ob und wie fern es ein Quantum ist oder nicht, da
22   ein Dasein in demselben oder Mangel vorgestellt werden müsse, wie fern
23   dieses Etwas (welches Raum oder Zeit erfüllt) ein erstes Substratum
24   oder bloße Bestimmung sei, eine Beziehung seines Daseins auf etwas Anderes
25   als Ursache oder Wirkung habe und endlich isolirt oder in wechselseitiger
26   Abhängigkeit mit andern in Ansehung des Daseins stehe, die
27   Möglichkeit dieses Daseins, die Wirklichkeit und Nothwendigkeit, oder die
28   Gegentheile derselben zu erwägen: dieses alles gehört zum Vernunfterkenntni
29   aus Begriffen, welches philosophisch genannt wird. Aber
30   im Raume eine Anschauung a priori zu bestimmen (Gestalt), die Zeit zu
31   theilen (Dauer), oder bloß das Allgemeine der Synthesis von Einem und
32   Demselben in der Zeit und dem Raume und die daraus entspringende
33   Größe einer Anschauung überhaupt (Zahl) zu erkennen, das ist ein Vernunftgeschäfte
34   durch Construction der Begriffe und heißt mathematisch.


36   Das große Glück, welches die Vernunft vermittelst der Mathematik
37   macht, bringt ganz natürlicher Weise die Vermuthung zuwege, daß es,


[seite 476]


01   wo nicht ihr selbst, doch ihrer Methode auch außer dem Felde der Größen [op 753]
02   gelingen werde, indem sie alle ihre Begriffe auf Anschauungen bringt, die
03   sie a priori geben kann, und wodurch sie, so zu reden, Meister über die
04   Natur wird: da hingegen reine Philosophie mit discursiven Begriffen
05   a priori in der Natur herum pfuscht, ohne die Realität derselben a priori
06   anschauend und eben dadurch beglaubigt machen zu können. Auch scheint
07   es den Meistern in dieser Kunst an dieser Zuversicht zu sich selbst und dem
08   gemeinen Wesen an großen Erwartungen von ihrer Geschicklichkeit, wenn
09   sie sich einmal hiemit befassen sollten, gar nicht zu fehlen. Denn da sie
10   kaum jemals über ihre Mathematik philosophirt haben (ein schweres Geschäfte!),
11   so kommt ihnen der specifische Unterschied des einen Vernunftgebrauchs
12   von dem andern gar nicht in Sinn und Gedanken. Gangbare
13   und empirisch gebrauchte Regeln, die sie von der gemeinen Vernunft
14   borgen, gelten ihnen dann statt Axiomen. Wo ihnen die Begriffe von
15   Raum und Zeit, womit sie sich (als den einzigen ursprünglichen Quantis )
16   beschäftigen, herkommen mögen, daran ist ihnen gar nichts gelegen; und
17   eben so scheint es ihnen unnütz zu sein, den Ursprung reiner Verstandesbegriffe
18   und hiemit auch den Umfang ihrer Gültigkeit zu erforschen, sondern
19   nur sich ihrer zu bedienen. In allem diesem thun sie ganz recht,
20   wenn sie nur ihre angewiesene Grenze, nämlich die der Natur, nicht überschreiten.
21   So aber geraten sie unvermerkt von dem Felde der Sinnlichkeit
22   auf den unsicheren Boden reiner und selbst transscendentaler Begriffe,
23   wo der Grund ( instabilis tellus, innabilis unda ) ihnen weder zu stehen, [op 754]
24   noch zu schwimmen erlaubt, und sich nur flüchtige Schritte thun lassen,
25   von denen die Zeit nicht die mindeste Spur aufbehält, da hingegen ihr
26   Gang in der Mathematik eine Heeresstraße macht, welche noch die späteste
27   Nachkommenschaft mit Zuversicht betreten kann.


28   Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben, die Grenzen der reinen
29   Vernunft im transscendentalen Gebrauche genau und mit Gewißheit zu
30   bestimmen, diese Art der Bestrebung aber das Besondere an sich hat, unerachtet
31   der nachdrücklichsten und klärsten Warnungen sich noch immer
32   durch Hoffnung hinhalten zu lassen, ehe man den Anschlag gänzlich aufgiebt,
33   über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die reizenden Gegenden
34   des Intellectuellen zu gelangen: so ist es nothwendig, noch gleichsam den
35   letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung wegzunehmen und zu zeigen,
36   daß die Befolgung der mathematischen Methode in dieser Art Erkenntni
37   nicht den mindesten Vortheil schaffen könne, es müßte denn der sein, die


[seite 477]


01   Blößen ihrer selbst desto deutlicher aufzudecken: daß Meßkunst und Philosophie
02   zwei ganz verschiedene Dinge seien, ob sie sich zwar in der Naturwissenschaft
03   einander die Hand bieten, mithin das Verfahren des einen
04   niemals von dem andern nachgeahmt werden könne.


05   Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen, Axiomen,
06   Demonstrationen. Ich werde mich damit begnügen, zu zeigen: daß keines
07   dieser Stücke in dem Sinne, darin sie der Mathematiker nimmt, von der [op 755]
08   Philosophie könne geleistet, noch nachgeahmt werden; daß der Meßkünstler
09   nach seiner Methode in der Philosophie nichts als Kartengebäude zu
10   Stande bringe, der Philosoph nach der seinigen in dem Antheil der Mathematik
11   nur ein Geschwätz erregen könne, wiewohl eben darin Philosophie
12   besteht, seine Grenzen zu kennen, und selbst der Mathematiker, wenn
13   das Talent desselben nicht etwa schon von der Natur begrenzt und auf
14   sein Fach eingeschränkt ist, die Warnungen der Philosophie nicht ausschlagen,
15   noch sich über sie wegsetzen kann.


16   1. Von den Definitionen. Definiren soll, wie es der Ausdruck


17   selbst giebt, eigentlich nur so viel bedeuten, als den ausführlichen Begriff
18   eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen*).
19   Nach einer solchen Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht definirt,
20   sondern nur explicirt werden. Denn da wir an ihm nur einige
21   Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der Sinne haben, so ist es
22   niemals sicher, ob man unter dem Worte, das denselben Gegenstand bezeichnet, [op 756]
23   nicht einmal mehr, das anderemal weniger Merkmale desselben
24   denke. So kann der eine im Begriffe vom Golde sich außer dem Gewichte,
25   der Farbe, der Zähigkeit noch die Eigenschaft, daß es nicht rostet,
26   denken, der andere davon vielleicht nichts wissen. Man bedient sich gewisser
27   Merkmale nur so lange, als sie zum Unterscheiden hinreichend sind;
28   neue Bemerkungen dagegen nehmen welche weg und setzen einige hinzu,
29   der Begriff steht also niemals zwischen sicheren Grenzen. Und wozu sollte
30   es auch dienen, einen solchen Begriff zu definiren, da, wenn z. B. von dem
31   Wasser und dessen Eigenschaften die Rede ist, man sich bei dem nicht aufhalten



32   *) Ausführlichkeit bedeutet die Klarheit und Zulänglichkeit der Merkmale;
33   Grenzen die Präcision, daß deren nicht mehr sind, als zum ausführlichen Begriffe
34   gehören; ursprünglich aber, daß diese Grenzbestimmung nicht irgend woher
35   abgeleitet sei und also noch eines Beweises bedürfe, welches die vermeintliche
36   Erklärung unfähig machen würde, an der Spitze aller Urtheile über einen Gegenstand
37   zu stehen.


[seite 478]


01   wird, was man bei dem Worte Wasser denkt, sondern zu Versuchen
02   schreitet, und das Wort mit den wenigen Merkmalen, die ihm anhängen,
03   nur eine Bezeichnung und nicht einen Begriff der Sache ausmachen
04   soll, mithin die angebliche Definition nichts anders als Wortbestimmung
05   ist. Zweitens kann auch, genau zu reden, kein a priori gegebener Begriff
06   definirt werden, z. B. Substanz, Ursache, Recht, Billigkeit etc.. Denn ich
07   kann niemals sicher sein, daß die deutliche Vorstellung eines (noch verworren)
08   gegebenen Begriffs ausführlich entwickelt worden, als wenn ich
09   weiß, daß dieselbe dem Gegenstande adäquat sei. Da der Begriff desselben
10   aber, so wie er gegeben ist, viel dunkele Vorstellungen enthalten
11   kann, die wir in der Zergliederung übergehen, ob wir sie zwar in der Anwendung
12   jederzeit brauchen: so ist die Ausführlichkeit der Zergliederung [op 757]
13   meines Begriffs immer zweifelhaft und kann nur durch vielfältig zutreffende
14   Beispiele vermuthlich, niemals aber apodiktisch gewiß gemacht
15   werden. Anstatt des Ausdrucks Definition würde ich lieber den
16   der Exposition brauchen, der immer noch behutsam bleibt, und bei dem
17   der Kritiker sie auf einen gewissen Grad gelten lassen und doch wegen der
18   Ausführlichkeit noch Bedenken tragen kann. Da also weder empirisch,
19   noch a priori gegebene Begriffe definirt werden können, so bleiben keine
20   andere als willkürlich gedachte übrig, an denen man dieses Kunststück versuchen
21   kann. Meinen Begriff kann ich in solchem Falle jederzeit definiren;
22   denn ich muß doch wissen, was ich habe denken wollen, da ich ihn selbst
23   vorsetzlich gemacht habe, und er mir weder durch die Natur des Verstandes,
24   noch durch die Erfahrung gegeben worden, aber ich kann nicht sagen,
25   daß ich dadurch einen wahren Gegenstand definirt habe. Denn wenn der
26   Begriff auf empirischen Bedingungen beruht, z. B. eine Schiffsuhr, so
27   wird der Gegenstand und dessen Möglichkeit durch diesen willkürlichen
28   Begriff noch nicht gegeben; ich weiß daraus nicht einmal, ob er überall
29   einen Gegenstand habe, und meine Erklärung kann besser eine Declaration
30   (meines Projects) als Definition eines Gegenstandes heißen. Also
31   blieben keine andere Begriffe übrig, die zum Definiren taugen, als solche,
32   die eine willkürliche Synthesis enthalten, welche a priori construirt werden
33   kann, mithin hat nur die Mathematik Definitionen. Denn den Gegenstand,
34   den sie denkt, stellt sie auch a priori in der Anschauung dar, und dieser [op 758]
35   kann sicher nicht mehr noch weniger enthalten als der Begriff, weil
36   durch die Erklärung der Begriff von dem Gegenstande ursprünglich, d. i.
37   ohne die Erklärung irgend wovon abzuleiten, gegeben wurde. Die deutsche


[seite 479]


01   Sprache hat für die Ausdrücke der Exposition, Explication,
02   Declaration und Definition nichts mehr als das eine Wort Erklärung;
03   und daher müssen wir schon von der Strenge der Forderung, da
04   wir nämlich den philosophischen Erklärungen den Ehrennamen der Definition
05   verweigerten, etwas ablassen und wollen diese ganze Anmerkung
06   darauf einschränken, daß philosophische Definitionen nur als Expositionen
07   gegebener, mathematische aber als Constructionen ursprünglich gemachter
08   Begriffe, jene nur analytisch durch Zergliederung (deren Vollständigkeit
09   nicht apodiktisch gewiß ist), diese synthetisch zu Stande gebracht werden
10   und also den Begriff selbst machen, dagegen die ersteren ihn nur erklären.
11   Hieraus folgt:


12   a) daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachthun
13   müsse, die Definitionen voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen Versuche.
14   Denn da sie Zergliederungen gegebener Begriffe sind, so gehen
15   diese Begriffe, obzwar nur noch verworren, voran, und die unvollständige
16   Exposition geht vor der vollständigen, so daß wir aus einigen Merkmalen,
17   die wir aus einer noch unvollendeten Zergliederung gezogen haben, manches
18   vorher schließen können, ehe wir zur vollständigen Exposition, d. i. [op 759]
19   zur Definition, gelangt sind; mit einem Worte, daß in der Philosophie
20   die Definition, als abgemessene Deutlichkeit, das Werk eher schließen als
21   anfangen müsse*). Dagegen haben wir in der Mathematik gar keinen
22   Begriff vor der Definition, als durch welche der Begriff allererst gegeben
23   wird, sie muß also und kann auch jederzeit davon anfangen.


24   b) Mathematische Definitionen können niemals irren. Denn weil



25   *) Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen, vornehmlich solchen,
26   die zwar wirklich Elemente zur Definition, aber noch nicht vollständig enthalten.
27   Würde man nun eher gar nichts mit einem Begriffe anfangen können, als bis man
28   ihn definirt hätte, so würde es gar schlecht mit allem Philosophiren stehen. Da
29   aber, so weit die Elemente (der Zergliederung) reichen, immer ein guter und sicherer
30   Gebrauch davon zu machen ist, so können auch mangelhafte Definitionen, d. i.
31   Sätze, die eigentlich noch nicht Definitionen, aber übrigens wahr und also Annäherungen
32   zu ihnen sind, sehr nützlich gebraucht werden. In der Mathematik gehört die Definition
33   ad esse , in der Philosophie ad melius esse . Es ist schön, aber oft sehr
34   schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die Juristen eine Definition zu ihrem Begriffe
35   vom Recht.


[seite 480]


01   der Begriff durch die Definition zuerst gegeben wird, so enthält er gerade
02   nur das, was die Definition durch ihn gedacht haben will. Aber obgleich
03   dem Inhalte nach nichts Unrichtiges darin vorkommen kann, so kann doch
04   bisweilen, obzwar nur selten, in der Form (der Einkleidung) gefehlt werden,
05   nämlich in Ansehung der Präcision. So hat die gemeine Erklärung der
06   Kreislinie, daß sie eine krumme Linie sei, deren alle Punkte von einem [op 760]
07   einigen (dem Mittelpunkte) gleich weit abstehen, den Fehler, daß die Bestimmung
08   krumm unnöthiger Weise eingeflossen ist. Denn es muß einen
09   besonderen Lehrsatz geben, der aus der Definition gefolgert wird und leicht
10   bewiesen werden kann: daß eine jede Linie, deren alle Punkte von einem
11   einigen gleich weit abstehen, krumm (kein Theil von ihr gerade) sei. Analytische
12   Definitionen können dagegen auf vielfältige Art irren, entweder
13   indem sie Merkmale hineinbringen, die wirklich nicht im Begriffe lagen,
14   oder an der Ausführlichkeit ermangeln, die das Wesentliche einer Definition
15   ausmacht, weil man der Vollständigkeit seiner Zergliederung nicht
16   so völlig gewiß sein kann. Um deswillen läßt sich die Methode der Mathematik
17   im Definiren in der Philosophie nicht nachahmen.


18   2. von den Axiomen.Diese sind synthetische Grundsätze a priori, so


19   fern sie unmittelbar gewiß sind. Nun läßt sich nicht ein Begriff mit dem
20   anderen synthetisch und doch unmittelbar verbinden, weil, damit wir über
21   einen Begriff hinausgehen können, ein drittes, vermittelndes Erkenntni
22   nöthig ist. Da nun Philosophie bloß die Vernunfterkenntniß nach Begriffen
23   ist, so wird in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein, der den Namen eines
24   Axioms verdiene. Die Mathematik dagegen ist der Axiomen fähig, weil
25   sie vermittelst der Construction der Begriffe in der Anschauung des Gegenstandes
26   die Prädicate desselben a priori und unmittelbar verknüpfen kann, [op 761]
27   z. B. daß drei Punkte jederzeit in einer Ebene liegen. Dagegen kann ein
28   synthetischer Grundsatz bloß aus Begriffen niemals unmittelbar gewi
29   sein, z. B. der Satz: alles, was geschieht, hat seine Ursache; da ich mich
30   nach einem Dritten herumsehen muß, nämlich der Bedingung der Zeitbestimmung
31   in einer Erfahrung, und nicht direct, unmittelbar aus den Begriffen
32   allein, einen solchen Grundsatz erkennen konnte. Discursive Grundsätze
33   sind also ganz etwas anderes als intuitive, d. i. Axiomen. Jene erfordern
34   jederzeit noch eine Deduction, deren die letztern ganz und gar
35   entbehren können; und da diese eben um desselben Grundes willen evident


[seite 481]


01   sind, welches die philosophischen Grundsätze bei aller ihrer Gewißheit
02   doch niemals vorgeben können, so fehlt unendlich viel daran, daß irgend
03   ein synthetischer Satz der reinen und transscendentalen Vernunft so augenscheinlich
04   sei (wie man sich trotzig auszudrücken pflegt), als der Satz: da
05   zweimal zwei vier geben. Ich habe zwar in der Analytik bei der Tafel
06   der Grundsätze des reinen Verstandes auch gewisser Axiomen der Anschauung
07   gedacht; allein der daselbst angeführte Grundsatz war selbst kein
08   Axiom, sondern diente nur dazu, das Principium der Möglichkeit der
09   Axiomen überhaupt anzugeben, und ist selbst nur ein Grundsatz aus Begriffen.
10   Denn sogar die Möglichkeit der Mathematik muß in der Transscendentalphilosophie
11   gezeigt werden. Die Philosophie hat also keine
12   Axiomen und darf niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten, [op 762]
13   sondern muß sich dazu bequemen, ihre Befugniß wegen derselben durch
14   gründliche Deduction zu rechtfertigen.


15   3. Von den Demonstrationen.Nur ein apodiktischer Beweis, so fern


16   er intuitiv ist, kann Demonstration heißen. Erfahrung lehrt uns wohl,
17   was dasei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könne. Daher können
18   empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus
19   Begriffen a priori (im discursiven Erkenntnisse) kann aber niemals anschauende
20   Gewißheit, d. i. Evidenz, entspringen, so sehr auch sonst das
21   Urtheil apodiktisch gewiß sein mag. Nur die Mathematik enthält also
22   Demonstrationen, weil sie nicht aus Begriffen, sondern der Construction
23   derselben, d. i. der Anschauung, die den Begriffen entsprechend a priori
24   gegeben werden kann, ihre Erkenntniß ableitet. Selbst das Verfahren der
25   Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie durch Reduction die Wahrheit
26   zusammt dem Beweise hervorbringt, ist zwar keine geometrische, aber
27   doch charakteristische Construction, in welcher man an den Zeichen die Begriffe,
28   vornehmlich von dem Verhältnisse der Größen, in der Anschauung
29   darlegt und, ohne einmal auf das Heuristische zu sehen, alle Schlüsse vor
30   Fehlern dadurch sichert, daß jeder derselben vor Augen gestellt wird. Da
31   hingegen das philosophische Erkenntniß dieses Vortheils entbehren muß,
32   indem es das Allgemeine jederzeit in abstracto (durch Begriffe) betrachten
33   muß, indessen daß Mathematik das Allgemeine in concreto (in der einzelnen [op 763]
34   Anschauung) und doch durch reine Vorstellung a priori erwägen
35   kann, wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die erstern daher
36   lieber akroamatische (discursive) Beweise nennen, weil sie sich nur
37   durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führen lassen, als Demonstrationen,


[seite 482]


01   welche, wie der Ausdruck es schon anzeigt, in der Anschauung
02   des Gegenstandes fortgehen.


03   Aus allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur der Philosophie
04   gar nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit
05   einem dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern
06   der Mathematik auszuschmücken, in deren Orden sie doch nicht gehört, ob
07   sie zwar auf schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle Ursache
08   hat. Jene sind eitele Anmaßungen, die niemals gelingen können, vielmehr
09   ihre Absicht rückgängig machen müssen, die Blendwerke einer ihre
10   Grenzen verkennenden Vernunft zu entdecken und vermittelst hinreichender
11   Aufklärung unserer Begriffe den Eigendünkel der Speculation auf das
12   bescheidene, aber gründliche Selbsterkenntniß zurückzuführen. Die Vernunft
13   wird also in ihren transscendentalen Versuchen nicht so zuversichtlich
14   vor sich hinsehen können, gleich als wenn der Weg, den sie zurückgelegt
15   hat, so ganz gerade zum Ziele führe, und auf ihre zum Grunde gelegte
16   Prämissen nicht so muthig rechnen können, daß es nicht nöthig wäre,
17   öfters zurück zu sehen und Acht zu haben, ob sich nicht etwa im Fortgange [op 764]
18   der Schlüsse Fehler entdecken, die in den Principien übersehen worden und
19   es nöthig machen, sie entweder mehr zu bestimmen, oder ganz abzüandern.


20   Ich theile alle apodiktische Sätze (sie mögen nun erweislich oder auch
21   unmittelbar gewiß sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein direct
22   synthetischer Satz aus Begriffen ist ein Dogma; hingegen ein dergleichen
23   Satz durch Construction der Begriffe ist ein Mathema. Analytische
24   Urtheile lehren uns eigentlich nichts mehr vom Gegenstande, als was
25   der Begriff, den wir von ihm haben, schon in sich enthält, weil sie die Erkenntni
26   über den Begriff des Subjects nicht erweitern, sondern diesen
27   nur erläutern. Sie können daher nicht füglich Dogmen heißen (welches
28   Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen könnte). Aber unter
29   den gedachten zwei Arten synthetischer Sätze a priori können nach dem
30   gewöhnlichen Redegebrauch nur die zum philosophischen Erkenntnisse gehörige
31   diesen Namen führen, und man würde schwerlich die Sätze der Rechenkunst
32   oder Geometrie Dogmata nennen. Also bestätigt dieser Gebrauch
33   die Erklärung, die wir gaben, daß nur Urtheile aus Begriffen und
34   nicht die aus der Construction der Begriffe dogmatisch heißen können.
35   Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß speculativen


[seite 483]


01   Gebrauche nicht ein einziges direct synthetisches Urtheil aus Begriffen.
02   Denn durch Ideen ist sie, wie wir gezeigt haben, gar keiner synthetischer [op 765]
03   Urtheile, die objective Gültigkeit hätten, fähig; durch Verstandesbegriffe
04   aber errichtet sie zwar sichere Grundsätze, aber gar nicht direct aus Begriffen,
05   sondern immer nur indirect durch Beziehung dieser Begriffe auf
06   etwas ganz Zufälliges, nämlich mögliche Erfahrung; da sie denn,
07   wenn diese (etwas als Gegenstand möglicher Erfahrungen) vorausgesetzt
08   wird, allerdings apodiktisch gewiß sind, an sich selbst aber (direct) a priori
09   gar nicht einmal erkannt werden können. So kann niemand den Satz:
10   alles, was geschieht, hat seine Ursache, aus diesen gegebenen Begriffen
11   allein gründlich einsehen. Daher ist er kein Dogma, ob er gleich in einem
12   anderen Gesichtspunkte, nämlich dem einzigen Felde seines möglichen Gebrauchs,
13   d. i. der Erfahrung, ganz wohl und apodiktisch bewiesen werden
14   kann. Er heißt aber Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewiesen
15   werden muß, darum weil er die besondere Eigenschaft hat, daß er seinen
16   Beweisgrund, nämlich Erfahrung, selbst zuerst möglich macht und bei
17   dieser immer vorausgesetzt werden muß.


18   Giebt es nun im speculativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem
19   Inhalte nach gar keine Dogmate, so ist alle dogmatische Methode, sie
20   mag nun dem Mathematiker abgeborgt sein, oder eine eigenthümliche
21   Manier werden sollen, für sich unschicklich. Denn sie verbirgt nur die
22   Fehler und Irrthümer und täuscht die Philosophie, deren eigentliche Absicht
23   ist, alle Schritte der Vernunft in ihrem klärsten Lichte sehen zu lassen.
24   Gleichwohl kann die Methode immer systematisch sein. Denn unsere [op 766]
25   Vernunft (subjectiv) ist selbst ein System, aber in ihrem reinen Gebrauche,
26   vermittelst bloßer Begriffe, nur ein System der Nachforschung nach Grundsätzen
27   der Einheit, zu welcher Erfahrung allein den Stoff hergeben kann.
28   Von der eigenthümlichen Methode einer Transscendentalphilosophie läßt
29   sich aber hier nichts sagen, da wir es nur mit einer Kritik unserer Vermögensumstände
30   zu thun haben, ob wir überall bauen, und wie hoch wir
31   wohl unser Gebäude aus dem Stoffe, den wir haben (den reinen Begriffen
32   a priori), aufführen können.


[seite 484]


01   Des ersten Hauptstücks
02   Zweiter Abschnitt.
03   Die Disciplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres
04   polemischen Gebrauchs.


05   Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik
06   unterwerfen und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch
07   thun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachtheiligen Verdacht auf
08   sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtig in Ansehung des Nutzens, nichts
09   so heilig, das sich dieser prüfenden und musternden Durchsuchung, die
10   kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte. Auf dieser Freiheit beruht
11   sogar die Existenz der Vernunft, die kein dictatorisches Ansehen hat,
12   sondern deren Ausspruch jederzeit nichts als die Einstimmung freier Bürger [op 767]
13   ist, deren jeglicher seine Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto ohne Zurückhalten
14   muß äußern können.


15   Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern
16   kann, so hat sie doch nicht jederzeit Ursache, sie zu scheuen. Aber die
17   reine Vernunft in ihrem dogmatischen (nicht mathematischen) Gebrauche
18   ist sich nicht so sehr der genauesten Beobachtung ihrer obersten Gesetze bewußt,
19   daß sie nicht mit Blödigkeit, ja mit gänzlicher Ablegung alles angemaßten
20   dogmatischen Ansehens vor dem kritischen Auge einer höheren
21   und richterlichen Vernunft erscheinen müßte.


22   Ganz anders ist es bewandt, wenn sie es nicht mit der Censur des
23   Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu thun hat und sich
24   dagegen bloß vertheidigen soll. Denn da diese eben sowohl dogmatisch sein
25   wollen, obzwar im Verneinen, als jene im Bejahen: so findet eine Rechtfertigung
26   kat' anθrωpon statt, die wider alle Beeinträchtigung sichert und
27   einen titulirten Besitz verschafft, der keine fremde Anmaßungen scheuen
28   darf, ob er gleich selbst kat' alηθeian nicht hinreichend bewiesen werden
29   kann.


30   Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich
31   nun die Vertheidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen
32   derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihre Behauptungen
33   nicht vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur, daß niemand das [op 768]
34   Gegentheil jemals mit apodiktischer Gewißheit (ja auch nur mit größerem
35   Scheine) behaupten könne. Denn wir sind alsdann doch nicht bittweise


[seite 485]


01   in unserem Besitz, wenn wir einen, obzwar nicht hinreichenden Titel derselben
02   vor uns haben, und es völlig gewiß ist, daß niemand die Unrechtmäßigkeit
03   dieses Besitzes jemals beweisen könne.


04   Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes, daß es überhaupt
05   eine Antithetik der reinen Vernunft geben und diese, die doch den obersten
06   Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mit sich selbst in Streit gerathen
07   soll. Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare Antithetik derselben
08   vor uns; aber es zeigte sich, daß sie auf einem Mißverstande beruhte,
09   da man nämlich dem gemeinen Vorurtheile gemäß Erscheinungen
10   für Sachen an sich selbst nahm und dann eine absolute Vollständigkeit
11   ihrer Synthesis auf eine oder andere Art (die aber auf beiderlei Art gleich
12   unmöglich war) verlangte, welches aber von Erscheinungen gar nicht erwartet
13   werden kann. Es war also damals kein wirklicher Widerspruch
14   der Vernunft mit ihr selbst bei den Sätzen: die Reihe an sich gegebener
15   Erscheinungen hat einen absolut ersten Anfang, und: diese Reihe
16   ist schlechthin und an sich selbst ohne allen Anfang; denn beide Sätze
17   bestehen gar wohl zusammen, weil Erscheinungen nach ihrem Dasein
18   (als Erscheinungen) an sich selbst gar nichts, d. i. etwas Widersprechendes,
19   sind, und also deren Voraussetzung natürlicher Weise widersprechende
20   Folgerungen nach sich ziehen muß.

[op 769]


21   Ein solcher Mißverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch
22   der Streit der Vernunft beigelegt werden, wenn etwa theistisch behauptet
23   würde: es ist ein höchstes Wesen, und dagegen atheistisch: es ist
24   kein höchstes Wesen; oder in der Psychologie: alles, was denkt, ist
25   von absoluter beharrlicher Einheit und also von aller vergänglichen materiellen
26   Einheit unterschieden, welchem ein anderer entgegensetzte: die Seele
27   ist nicht immaterielle Einheit und kann von der Vergänglichkeit nicht ausgenommen
28   werden. Denn der Gegenstand der Frage ist hier von allem
29   Fremdartigen, das seiner Natur widerspricht, frei, und der Verstand hat
30   es nur mit Sachen an sich selbst und nicht mit Erscheinungen zu thun.
31   Es würde also hier freilich ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein, wenn
32   nur die reine Vernunft auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte,
33   was dem Grunde einer Behauptung nahe käme; denn was die Kritik der
34   Beweisgründe des dogmatisch Bejahenden betrifft, die kann man ihm sehr
35   wohl einräumen, ohne darum diese Sätze aufzugeben, die doch wenigstens


[seite 486]


01   das Interesse der Vernunft für sich haben, darauf sich der Gegner gar
02   nicht berufen kann.


03   Ich bin zwar nicht der Meinung, welche vortreffliche und nachdenkende
04   Männer (z. B. Sulzer) so oft geäußert haben, da sie die Schwäche
05   der bisherigen Beweise fühlten: daß man hoffen könne, man werde dereinst
06   noch evidente Demonstrationen der zwei Cardinalsätze unserer reinen [op 770]
07   Vernunft: es ist ein Gott, es ist ein künftiges Leben, erfinden. Vielmehr
08   bin ich gewiß, daß dieses niemals geschehen werde. Denn wo will die
09   Vernunft den Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die sich nicht
10   auf Gegenstände der Erfahrung und deren innere Möglichkeit beziehen,
11   hernehmen? Aber es ist auch apodiktisch gewiß, daß niemals irgend ein
12   Mensch auftreten werde, der das Gegentheil mit dem mindesten Scheine,
13   geschweige dogmatisch behaupten könne. Denn weil er dieses doch blo
14   durch reine Vernunft darthun könnte, so müßte er es unternehmen, zu beweisen:
15   daß ein höchstes Wesen, daß das in uns denkende Subject als
16   reine Intelligenz unmöglich sei. Wo will er aber die Kenntnisse hernehmen,
17   die ihn, von Dingen über alle mögliche Erfahrung hinaus so
18   synthetisch zu urtheilen, berechtigen? Wir können also darüber ganz unbekümmert
19   sein, daß uns jemand das Gegentheil einstens beweisen werde,
20   daß wir darum eben nicht nöthig haben, auf schulgerechte Beweise zu
21   Sinnen, sondern immerhin diejenigen Sätze annehmen können, welche mit
22   dem speculativen Interesse unserer Vernunft im empirischen Gebrauch
23   ganz wohl zusammenhängen und überdem es mit dem praktischen Interesse
24   zu vereinigen die einzigen Mittel sind. Für den Gegner (der hier
25   nicht bloß als Kritiker betrachtet werden muß) haben wir unser non liquet
26   in Bereitschaft, welches ihn unfehlbar verwirren muß, indessen daß wir
27   die Retorsion desselben auf uns nicht weigern, indem wir die subjective [op 771]
28   Maxime der Vernunft beständig im Rückhalte haben, die dem Gegner
29   nothwendig fehlt, und unter deren Schutz wir alle seine Luftstreiche mit
30   Ruhe und gleichgültigkeit Ansehen können.


31   Auf solche Weise giebt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen
32   Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der
33   reinen Theologie und Psychologie zu suchen sein; dieser Boden aber trägt
34   keinen Kämpfer in seiner ganzen rüstung und mit Waffen, die zu fürchten
35   wären. Er kann nur mit Spott oder Großsprecherei auftreten, welches
36   als ein Kinderspiel belacht werden kann. Das ist eine tröstende Bemerkung,
37   die der Vernunft wieder Muth giebt; denn worauf wollte sie


[seite 487]


01   sich sonst verlassen, wenn sie, die allein alle Irrungen abzuthun berufen
02   ist, in sich selbst zerrüttet wäre, ohne Frieden und ruhigen Besitz hoffen
03   zu können?


04   Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgend einer Absicht gut.
05   Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren eigenen
06   Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer vollständigen
07   Sammlung von Heilmitteln (Officin) nicht fehlen. Die Einwürfe
08   wider die Überredungen und den Eigendünkel unserer bloß speculativen
09   Vernunft sind selbst durch die Natur dieser Vernunft aufgegeben und
10   müssen also ihre gute Bestimmung und Absicht haben, die man nicht in
11   den Wind schlagen muß. Wozu hat uns die Vorsehung manche Gegenstände,
12   ob sie gleich mit unserem höchsten Interesse zusammenhängen, so [op 772]
13   hoch gestellt, daß uns fast nur vergönnt ist, sie in einer undeutlichen und
14   von uns selbst bezweifelten Wahrnehmung anzutreffen, dadurch ausspähende
15   Blicke mehr gereizt als befriedigt werden? Ob es nützlich sei, in
16   Ansehung solcher Aussichten dreiste Bestimmungen zu wagen, ist wenigstens
17   zweifelhaft, vielleicht gar schädlich. Allemal aber und ohne allen
18   Zweifel ist es nützlich, die forschende sowohl als prüfende Vernunft in
19   völlige Freiheit zu versetzen, damit sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen
20   könne, welches eben so wohl dadurch befördert wird, daß sie ihren
21   Einsichten Schranken setzt, als daß sie solche erweitert, und welches allemal
22   leidet, wenn sich fremde Hände einmengen, um sie wider ihren natürlichen
23   Gang nach erzwungenen Absichten zu lenken.


24   Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft zeigen, und bekämpfet
25   ihn bloß mit Waffen der Vernunft. Übrigens seid wegen der guten Sache
26   (des praktischen Interesse) außer Sorgen, denn die kommt im bloß speculativen
27   Streite niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt alsdann nichts,
28   als eine gewisse Antinomie der Vernunft, die, da sie auf ihrer Natur beruht,
29   nothwendig angehört und geprüft werden muß. Er cultivirt dieselbe
30   durch Betrachtung ihres Gegenstandes auf zwei Seiten und berichtigt ihr
31   Urtheil dadurch, daß er solches einschränkt. Das, was hiebei streitig wird,
32   ist nicht die Sache, sondern der Ton. Denn es bleibt euch noch genug
33   übrig, um die vor der schärfsten Vernunft gerechtfertigte Sprache eines [op 773]
34   festen Glaubens zu sprechen, wenn ihr gleich die des Wissens habt aufgeben
35   müssen.


[seite 488]


01   Wenn man den kaltblütigen, zum Gleichgewichte des Urtheils eigentlich
02   geschaffenen David HumePI fragen sollte: was bewog euch, durch mühsam
03   ergrübelte Bedenklichkeiten die für den Menschen so tröstliche und
04   nützliche Überredung, daß ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und zum
05   bestimmten Begriff eines höchsten Wesens zulange, zu untergraben?, so
06   würde er antworten: nichts als die Absicht, die Vernunft in ihrer Selbsterkenntniß
07   weiter zu bringen und zugleich ein gewisser Unwille über den
08   Zwang, den man der Vernunft anthun will, indem man mit ihr gro
09   thut und sie zugleich hindert, ein freimüthiges Geständniß ihrer Schwächen
10   abzulegen, die ihr bei der Prüfung ihrer selbst offenbar werden. Fragt
11   ihr dagegen den den Grundsätzen des empirischen Vernunftgebrauchs allein
12   ergebenen und aller transscendenten Speculation abgeneigten Priestley,
13   was er für Bewegungsgründe gehabt habe, unserer Seele Freiheit
14   und Unsterblichkeit (die Hoffnung des künftigen Lebens ist bei ihm nur
15   die Erwartung eines Wunders der Wiedererweckung), zwei solche Grundpfeiler
16   aller Religion, niederzureißen, er, der selbst ein frommer und eifriger
17   Lehrer der Religion ist: so würde er nichts andres antworten können
18   als: das Interesse der Vernunft, welche dadurch verliert, daß man gewisse
19   Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur, den einzigen, die [op 774]
20   wir genau kennen und bestimmen können, entziehen will. Es würde unbillig
21   scheinen, den letzteren, der seine paradoxe Behauptung mit der Religionsabsicht
22   zu vereinigen weiß, zu verschreien und einem wohldenkenden
23   Manne wehe zu thun, weil er sich nicht zurechte finden kann, so bald er
24   sich aus dem Felde der Naturlehre verloren hatte. Aber diese Gunst mu
25   dem nicht minder gutgesinnten und seinem sittlichen Charakter nach untadelhaften
26   HumePI eben so wohl zu Statten kommen, der seine abgezogene
27   Speculation darum nicht verlassen kann, weil er mit Recht dafür hält,
28   daß ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der Naturwissenschaft,
29   im Felde reiner Ideen liege.


30   Was ist nun hiebei zu thun, vornehmlich in Ansehung der Gefahr,
31   die daraus dem gemeinen Besten zu drohen scheint? Nichts ist natürlicher,
32   nichts billiger als die Entschließung, die ihr deshalb zu nehmen habt.
33   Laßt diese Leute nur machen; wenn sie Talent, wenn sie Tiefe und neue
34   Nachforschung, mit einem Worte, wenn sie nur Vernunft zeigen, so gewinnt
35   jederzeit die Vernunft. Wenn ihr andere Mittel ergreift, als die
36   einer zwangslosen Vernunft, wenn ihr über Hochverrat schreiet, das gemeine
37   Wesen, das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht versteht,


[seite 489]


01   gleichsam als zum Feuerlöschen zusammen ruft, so macht ihr euch lächerlich.
02   Denn es ist die Rede gar nicht davon, was dem gemeinen Besten
03   hierunter vortheilhaft oder nachtheilig sei, sondern nur, wie weit die Vernunft [op 775]
04   es wohl in ihrer von allem Interesse abstrahirenden Speculation
05   bringen könne, und ob man auf diese überhaupt etwas rechnen, oder sie
06   lieber gegen das Praktische gar aufgeben müsse. Anstatt also mit dem
07   Schwerte drein zu schlagen, so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der
08   Kritik diesem Streite geruhig zu, der für die Kämpfenden mühsam, für
09   euch unterhaltend und bei einem gewiß unblutigen Ausgange für eure
10   Einsichten ersprießlich ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes,
11   von der Vernunft Aufklärung zu erwarten und ihr doch vorher vorzuschreiben,
12   auf welche Seite sie nothwendig ausfallen müsse. Überdem wird
13   Vernunft schon von selbst durch Vernunft so wohl gebändigt und in
14   Schranken gehalten, daß ihr gar nicht nöthig habt, Scharwachen aufzubieten,
15   um demjenigen Theile, dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich
16   scheint, bürgerlichen Widerstand entgegen zu setzen. In dieser Dialektik
17   giebts keinen Sieg, über den ihr besorgt zu sein Ursache hättet.


18   Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es wäre
19   zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher Erlaubni
20   wäre geführt worden. Denn um desto früher wäre eine reife Kritik zu
21   Stande gekommen, bei deren Erscheinung alle diese Streithändel von selbst
22   wegfallen müssen, indem die Streitenden ihre Verblendung und Vorurtheile,
23   welche sie veruneinigt haben, einsehen lernen.


24   Es giebt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am [op 776]
25   Ende doch wie alles, was von der Natur kommt, eine Anlage zu guten
26   Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung, seine wahre Gesinnungen
27   zu verhehlen und gewisse angenommene, die man für gut und rühmlich
28   hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen
29   Hang, sowohl sich zu verhehlen, als auch einen ihnen vortheilhaften Schein
30   anzunehmen, sich nicht bloß civilisirt, sondern nach und nach in gewisser
31   Maße moralisirt, weil keiner durch die Schminke der Anständigkeit,
32   Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte, also an vermeintlich ächten
33   Beispielen des Guten, die er um sich sah, eine Schule der Besserung
34   für sich selbst fand. Allein diese Anlage, sich besser zu stellen, als man ist,
35   und Gesinnungen zu äußern, die man nicht hat, dient nur gleichsam provisorisch
36   dazu, um den Menschen aus der Rohigkeit zu bringen und ihn
37   zuerst wenigstens die Manier des Guten, das er kennt, annehmen zu


[seite 490]


01   lassen; denn nachher, wenn die ächten Grundsätze einmal entwickelt und
02   in die Denkungsart übergegangen sind, so muß jene Falschheit nach und
03   nach kräftig bekämpft werden, weil sie sonst das Herz verdirbt und gute
04   Gesinnungen unter dem Wucherkraute des schönen Scheins nicht aufkommen
05   läßt.


06   Es thut mir leid, eben dieselbe Unlauterkeit, Verstellung und Heuchelei
07   sogar in den Äußerungen der speculativen Denkungsart wahrzunehmen,
08   worin doch Menschen, das Geständniß ihrer Gedanken billigermaßen
09   offen und unverhohlen zu entdecken, weit weniger Hindernisse und [op 777]
10   gar keinen Vortheil haben. Denn was kann den Einsichten nachtheiliger
11   sein, als sogar bloße Gedanken verfälscht einander mitzutheilen, Zweifel,
12   die wir wider unsere eigene Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder Beweisgründen,
13   die uns selbst nicht genugthun, einen Anstrich von Evidenz
14   zu geben? So lange indessen bloß die Privateitelkeit diese geheimen Ränke
15   anstiftet (welches in speculativen Urtheilen, die kein besonderes Interesse
16   haben und nicht leicht einer apodiktischen Gewißheit fähig sind, gemeiniglich
17   der Fall ist), so widersteht denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher
18   Genehmigung, und die Sachen kommen zuletzt dahin, wo die
19   lauterste Gesinnung und Aufrichtigkeit, obgleich weit früher, sie hingebracht
20   haben würde. Wo aber das gemeine Wesen dafür hält, daß spitzfindige
21   Vernünftler mit nichts minderem umgehen, als die Grundfeste
22   der öffentlichen Wohlfahrt wankend zu machen, da scheint es nicht allein
23   der Klugheit gemäß, sondern auch erlaubt und wohl gar rühmlich, der
24   guten Sache eher durch Scheingründe zu Hülfe zu kommen, als den
25   vermeintlichen Gegnern derselben auch nur den Vortheil zu lassen,
26   unsern Ton zur Mäßigung einer bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen
27   und uns zu nöthigen, den Mangel der speculativen und apodiktischen
28   Gewißheit zu gestehen. Indessen sollte ich denken, daß sich mit der
29   Absicht, eine gute Sache zu behaupten, in der Welt wohl nichts übler als
30   Hinterlist, Verstellung und Betrug vereinigen lasse. Daß es in der Abwiegung [op 778]
31   der Vernunftgründe einer bloßen Speculation alles ehrlich zugehen
32   müsse, ist wohl das Wenigste, was man fordern kann. Könnte man
33   aber auch nur auf dieses Wenige sicher rechnen, so wäre der Streit der
34   speculativen Vernunft über die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit
35   (der Seele) und der Freiheit entweder längst entschieden, oder


[seite 491]


01   würde sehr bald zu Ende gebracht werden. So steht öfters die Lauterkeit
02   der Gesinnung im umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sache
03   selbst, und diese hat vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner als
04   Vertheidiger.


05   Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht
06   vertheidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist es nun entschieden, da
07   nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht auf dasjenige sieht,
08   was geschieht, sondern was billig geschehen sollte, es eigentlich gar keine
09   Polemik der reinen Vernunft geben müsse. Denn wie können zwei Personen
10   einen Streit über eine Sache führen, deren Realität keiner von beiden
11   in einer wirklichen, oder auch nur möglichen Erfahrung darstellen
12   kann, über deren Idee er allein brütet, um aus ihr etwas mehr als Idee,
13   nämlich die Wirklichkeit des Gegenstandes selbst, herauszubringen? Durch
14   welches Mittel wollen sie aus dem Streite herauskommen, da keiner von
15   beiden seine Sache geradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur
16   die seines Gegners angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das [op 779]
17   Schicksal aller Behauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die
18   Bedingungen aller möglichen Erfahrung hinausgehen, außerhalb welchen
19   kein Document der Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich aber gleichwohl
20   der Verstandesgesetze, die bloß zum empirischen Gebrauch bestimmt
21   sind, ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken thun läßt,
22   bedienen müssen, sie dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich gegenseitig
23   die Blöße ihres Gegners zu Nutze machen können.


24   Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof
25   für alle Streitigkeiten derselben ansehen; denn sie ist in die letzteren,
26   als welche auf Objecte unmittelbar gehen, nicht mit verwickelt, sondern
27   ist dazu gesetzt, die Rechtsame der Vernunft überhaupt nach den Grundsätzen
28   ihrer ersten Institution zu bestimmen und zu beurtheilen.


29   Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur und
30   kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen
31   oder sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, welche alle Entscheidungen
32   aus den Grundregeln ihrer eigenen Einsetzung hernimmt, deren
33   Ansehen keiner bezweifeln kann, verschafft uns die Ruhe eines gesetzlichen
34   Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeit nicht anders führen sollen,
35   als durch Proceß. Was die Händel in dem ersten Zustande endigt, ist
36   ein Sieg, dessen sich beide Theile rühmen, auf den mehrentheils ein nur [op 780]
37   unsicherer Friede folgt, den die Obrigkeit stiftet, welche sich ins Mittel


[seite 492]


01   legt, im zweiten aber die Sentenz, die, weil sie hier die Quelle der
02   Streitigkeiten selbst trifft, einen ewigen Frieden gewähren muß. Auch
03   nöthigen die endlosen Streitigkeiten einer bloß dogmatischen Vernunft,
04   endlich in irgend einer Kritik dieser Vernunft selbst und in einer Gesetzgebung,
05   die sich auf sie gründet, Ruhe zu suchen; so wie Hobbes behauptet:
06   der Stand der Natur sei ein Stand des Unrechts und der Gewaltthätigkeit,
07   und man müsse ihn nothwendig verlassen, um sich dem gesetzlichen
08   Zwange zu unterwerfen, der allein unsere Freiheit dahin einschränkt,
09   daß sie mit jedes anderen Freiheit und eben dadurch mit dem gemeinen
10   Besten zusammen bestehen könne.


11   Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine Zweifel,
12   die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurtheilung
13   auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger
14   verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der
15   menschlichen Vernunft, welche keinen anderen Richter erkennt, als selbst
16   wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme
17   hat; und da von dieser alle Besserung, deren unser Zustand fähig ist, herkommen
18   muß, so ist ein solches Recht heilig und darf nicht geschmälert
19   werden. Auch ist es sehr unweise, gewisse gewagte Behauptungen oder
20   vermessene Angriffe auf die, welche schon die Beistimmung des größten
21   und besten Theils des gemeinen Wesens auf ihrer Seite haben, für gefährlich [op 781]
22   auszuschreien; denn das heißt, ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie
23   garnicht haben sollten. Wenn ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopf die
24   Freiheit des menschlichen Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens
25   und das Dasein Gottes wegdemonstrirt haben solle, so bin ich begierig, das
26   Buch zu lesen, denn ich erwarte von seinem Talent, daß er meine Einsichten
27   weiterbringen werde. Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiß,
28   daß er nichts von allem diesem wird geleistet haben; nicht darum weil ich
29   etwa schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze zu sein
30   glaubte, sondern weil mich die transscendentale Kritik, die mir den ganzen
31   Vorrath unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt hat, daß, so
32   wie sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz unzulänglich
33   ist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über diese Fragen etwas
34   verneinend behaupten zu können. Denn wo will der angebliche Freigeist
35   seine Kenntniß hernehmen, daß es z. B. kein höchstes Wesen gebe?
36   Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher Erfahrung und darum
37   auch außer den Grenzen aller menschlichen Einsicht. Den dogmatischen


[seite 493]


01   Vertheidiger der guten Sache gegen diesen Feind würde ich gar nicht lesen,
02   weil ich zum voraus weiß, daß er nur darum die Scheingründe des anderen
03   angreifen werde, um seinen eigenen Eingang zu verschaffen, überdem ein
04   alltägiger Schein doch nicht so viel Stoff zu neuen Bemerkungen giebt,
05   als ein befremdlicher und sinnreich ausgedachter. Hingegen würde der [op 782]
06   nach seiner Art auch dogmatische Religionsgegner meiner Kritik gewünschte
07   Beschäftigung und Anlaß zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätze
08   geben, ohne daß seinetwegen im mindesten etwas zu befürchten wäre.


09   Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anvertrauet
10   ist, soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt und von der
11   frühen Kenntniß so gefährlicher Sätze abgehalten werden, ehe ihre Urtheilskraft
12   gereift, oder vielmehr die Lehre, welche man in ihnen gründen
13   will, fest gewurzelt ist, um aller Überredung zum Gegentheil, woher sie
14   auch kommen möge, kräftig zu widerstehen?


15   Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen
16   Vernunft bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch,
17   d. i. so beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht einließe und mit Beweisgründen
18   zu entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete, so wäre freilich
19   nichts rathsamer vor der Hand, aber zugleich nichts eiteler und
20   fruchtloser auf die Dauer, als die Vernunft der Jugend eine Zeit lang
21   unter Vormundschaft zu setzen und wenigstens so lange vor Verführung
22   zu bewahren. Wenn aber in der Folge entweder Neugierde, oder der
23   Modeton des Zeitalters ihr dergleichen Schriften in die Hände spielen:
24   wird alsdann jene jugendliche Überredung noch Stich halten? Derjenige,
25   der nichts als dogmatische Waffen mitbringt, um den Angriffen
26   seines Gegners zu widerstehen, und die verborgene Dialektik, die nicht [op 783]
27   minder in seinem eigenen Busen, als in dem des Gegentheils liegt, nicht
28   zu entwickeln weiß, sieht Scheingründe, die den Vorzug der Neuigkeit
29   haben, gegen Scheingründe, welche dergleichen nicht mehr haben, sondern
30   vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten Leichtgläubigkeit der
31   Jugend erregen, auftreten. Er glaubt nicht besser zeigen zu können, da
32   er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sich über jene wohlgemeinte
33   Warnungen wegsetzt; und, dogmatisch gewohnt, trinkt er das Gift, das
34   seine Grundsätze dogmatisch verdirbt, in langen Zügen in sich.


35   Gerade das Gegentheil von dem, was man hier anräth, muß in der
36   akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unter der Voraussetzung
37   eines gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen Vernunft.


[seite 494]


01   Denn um die Principien derselben so früh als möglich in Ausübung zu
02   bringen und ihre Zulänglichkeit bei dem größten dialektischen Scheine
03   zu zeigen, ist es durchaus nöthig, die für den Dogmatiker so furchtbaren
04   Angriffe wider seine, obzwar noch schwache, aber durch Kritik aufgeklärte
05   Vernunft zu richten und ihn den Versuch machen zu lassen, die grundlosen
06   Behauptungen des Gegners Stück für Stück an jenen Grundsätzen zu
07   prüfen. Es kann ihm gar nicht schwer werden, sie in lauter Dunst aufzulösen,
08   und so fühlt er frühzeitig seine eigene Kraft, sich wider dergleichen
09   schädliche Blendwerke, die für ihn zuletzt allen Schein verlieren müssen, [op 784]
10   völlig zu sichern. Ob nun zwar eben dieselbe Streiche, die das Gebäude
11   des Feindes niederschlagen, auch seinem eigenen speculativen Bauwerke,
12   wenn er etwa dergleichen zu errichten gedächte, eben so verderblich sein
13   müssen: so ist er darüber doch gänzlich unbekümmert, indem er es gar
14   nicht bedarf, darin zu wohnen, sondern noch eine Aussicht in das praktische
15   Feld vor sich hat, wo er mit Grunde einen festeren Boden hoffen kann,
16   um darauf sein vernünftiges und heilsames System zu errichten.


17   So giebts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen
18   Vernunft. Beide Theile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten
19   herumbalgen, denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre dogmatischen
20   Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten ließe.
21   Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen wie die
22   Helden in Walhalla in einem Augenblicke wiederum zusammen, um sich
23   aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können.


24   Es giebt aber auch keinen zulässigen sceptischen Gebrauch der reinen
25   Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren
26   Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft wider sich selbst zu verhetzen,
27   ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichen und alsdann ihrem hitzigsten
28   Gefechte ruhig und spöttisch zuzusehen, sieht aus einem dogmatischen
29   Gesichtspunkte nicht wohl aus, sondern hat das Ansehen einer schadenfrohen
30   und hämischen Gemüthsart an sich. Wenn man indessen die unbezwingliche
31   Verblendung und das Großthun der Vernünftler, die sich
32   durch keine Kritik will mäßigen lassen, ansieht, so ist doch wirklich kein
33   anderer Rath, als der Großsprecherei auf einer Seite eine andere, welche
34   auf eben dieselben Rechte fußt, entgegen zu setzen, damit die Vernunft [op 785]
35   durch den Widerstand eines Feindes wenigstens nur stutzig gemacht werde,
36   um in ihre Anmaßungen einigen Zweifel zu setzen und der Kritik Gehör
37   zu geben. Allein es bei diesen Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen und


[seite 495]


01   es darauf auszusetzen, die Überzeugung und das Geständniß seiner Unwissenheit
02   nicht bloß als ein Heilmittel wider den dogmatischen Eigendünkel,
03   sondern zugleich als die Art, den Streit der Vernunft mit sich
04   selbst zu beendigen, empfehlen zu wollen, ist ein ganz vergeblicher Anschlag
05   und kann keinesweges dazu tauglich sein, der Vernunft einen Ruhestand
06   zu verschaffen, sondern ist höchstens nur ein Mittel, sie aus ihrem süßen
07   dogmatischen Traume zu erwecken, um ihren Zustand in sorgfältigere
08   Prüfung zu ziehen. Da indessen diese sceptische Manier, sich aus einem verdrießlichen
09   Handel der Vernunft zu ziehen, gleichsam der kurze Weg zu
10   sein scheint, zu einer beharrlichen philosophischen Ruhe zu gelangen, wenigstens
11   die Heeresstraße, welche diejenigen gern einschlagen, die sich in einer
12   spöttischen Verachtung aller Nachforschungen dieser Art ein philosophisches
13   Ansehen zu geben meinen, so finde ich es nöthig, diese Denkungsart in
14   ihrem eigenthümlichen Lichte darzustellen.

[op 786]


15   Von der Unmöglichkeit einer sceptischen Befriedigung
16   der mit sich selbst veruneinigten reinen Vernunft.


17   Das Bewußtsein meiner Unwissenheit (wenn diese nicht zugleich als
18   nothwendig erkannt wird), statt daß es meine Untersuchungen endigen
19   sollte, ist vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken. Alle Unwissenheit
20   ist entweder die der Sachen, oder der Bestimmung und Grenzen
21   meiner Erkenntniß. Wenn die Unwissenheit nun zufällig ist, so muß sie
22   mich antreiben, im ersteren Falle den Sachen (Gegenständen) dogmatisch,
23   im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntniß kritisch
24   nachzuforschen. Daß aber meine Unwissenheit schlechthin nothwendig sei
25   und mich daher von aller weiteren Nachforschung freispreche, läßt sich nicht
26   empirisch, aus Beobachtung, sondern allein kritisch, durch Ergründung
27   der ersten Quellen unserer Erkenntniß, ausmachen. Also kann die
28   Grenzbestimmung unserer Vernunft nur nach Gründen a priori geschehen;
29   die Einschränkung derselben aber, welche eine, obgleich nur unbestimmte
30   Erkenntniß einer nie völlig zu hebenden Unwissenheit ist, kann auch a posteriori,
31   durch das, was uns bei allem Wissen immer noch zu wissen übrig
32   bleibt, erkannt werden. Jene durch Kritik der Vernunft selbst allein mögliche
33   Erkenntniß seiner Unwissenheit ist also Wissenschaft, diese ist nichts [op 787]
34   als Wahrnehmung, von der man nicht sagen kann, wie weit der Schlu
35   als selbiger reichen möge. Wenn ich mir die Erdfläche (dem sinnlichen


[seite 496]


01   Scheine gemäß) als einen Teller vorstelle, so kann ich nicht wissen, wie
02   weit sie sich erstrecke. Aber das lehrt mich die Erfahrung: daß, wohin ich
03   nur komme, ich immer einen Raum um mich sehe, dahin ich weiter fortgehen
04   könnte; mithin erkenne ich Schranken meiner jedesmal wirklichen
05   Erdkunde, aber nicht die Grenzen aller möglichen Erdbeschreibung. Bin
06   ich aber doch soweit gekommen, zu wissen, daß die Erde eine Kugel und
07   ihre Fläche eine Kugelfläche sei, so kann ich auch aus einem kleinen Theil
08   derselben, z. B. der Größe eines Grades, den Durchmesser und durch diesen
09   die völlige Begrenzung der Erde, d. i. ihre Oberfläche, bestimmt und
10   nach Principien a priori erkennen; und ob ich gleich in Ansehung der Gegenstände,
11   die diese Fläche enthalten mag, unwissend bin, so bin ich es
12   doch nicht in Ansehung des Umfanges, den sie enthält, der Größe und
13   Schranken derselben.


14   Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntni
15   scheint uns eine ebene Fläche zu sein, die ihren scheinbaren Horizont hat,
16   nämlich das, was den ganzen Umfang derselben befaßt, und ist von uns der
17   Vernunftbegriff der unbedingten Totalität genannt worden. Empirisch
18   denselben zu erreichen, ist unmöglich, und nach einem gewissen Princip ihn [op 788]
19   a priori zu bestimmen, dazu sind alle Versuche vergeblich gewesen. Indessen
20   gehen doch alle Fragen unserer reinen Vernunft auf das, was
21   außerhalb diesem Horizonte, oder allenfalls auch in seiner Grenzlinie liegen
22   möge.


23   Der berühmte David HumePI war einer dieser Geographen der
24   menschlichen Vernunft, welcher jene Fragen insgesammt dadurch hinreichend
25   abgefertigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb dem Horizont
26   derselben verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Er hielt sich vornehmlich
27   bei dem Grundsatze der Causalität auf und bemerkte von ihm
28   ganz richtig, daß man seine Wahrheit (ja nicht einmal die objective Gültigkeit
29   des Begriffs einer wirkenden Ursache überhaupt) auf gar keine
30   Einsicht, d. i. Erkenntniß a priori, fuße, daß daher auch nicht im mindesten
31   die Nothwendigkeit dieses Gesetzes, sondern eine bloße allgemeine
32   Brauchbarkeit desselben in dem Laufe der Erfahrung und eine daher entspringende
33   subjective Nothwendigkeit, die er Gewohnheit nennt, sein ganzes
34   Ansehen ausmache. Aus dem Unvermögen unserer Vernunft nun,
35   von diesem Grundsatze einen über alle Erfahrung hinausgehenden Gebrauch
36   zu machen, schloß er die Nichtigkeit aller Anmaßungen der Vernunft
37   überhaupt, über das Empirische hinauszugehen.


[seite 497]


01   Man kann ein Verfahren dieser Art, die Facta der Vernunft der
02   Prüfung und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, die Censur der
03   Vernunft nennen. Es ist außer Zweifel, daß diese Censur unausbleiblich [op 789]
04   auf Zweifel gegen allen transscendenten Gebrauch der Grundsätze führe.
05   Allein dies ist nur der zweite Schritt, der noch lange nicht das Werk vollendet.
06   Der erste Schritt in Sachen der reinen Vernunft, der das Kindesalter
07   derselben auszeichnet, ist dogmatisch. Der eben genannte zweite
08   Schritt ist sceptisch und zeugt von Vorsichtigkeit der durch Erfahrung
09   gewitzigten Urtheilskraft. Nun ist aber noch ein dritter Schritt nöthig,
10   der nur der gereiften und männlichen Urtheilskraft zukommt, welche feste
11   und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen zum Grunde hat: nämlich
12   nicht die Facta der Vernunft, sondern die Vernunft selbst nach ihrem
13   ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen Erkenntnissen a priori der
14   Schätzung zu unterwerfen; welches nicht die Censur, sondern Kritik der
15   Vernunft ist, wodurch nicht bloß Schranken, sondern die bestimmten
16   Grenzen derselben, nicht bloß Unwissenheit an einem oder anderen Theil,
17   sondern in Ansehung aller möglichen Fragen von einer gewissen Art und
18   zwar nicht etwa nur vermuthet, sondern aus Principien bewiesen wird.
19   So ist der Scepticism ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft, da sie
20   sich über ihre dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der
21   Gegend machen kann, wo sie sich befindet, um ihren Weg fernerhin mit
22   mehrerer Sicherheit wählen zu können, aber nicht ein Wohnplatz zum beständigen
23   Aufenthalte; denn dieser kann nur in einer völligen Gewißheit
24   angetroffen werden, es sei nun der Erkenntniß der Gegenstände selbst, [op 790]
25   oder der Grenzen, innerhalb denen alle unsere Erkenntniß von Gegenständen
26   eingeschlossen ist.


27   Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete
28   Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt erkennt, sondern muß vielmehr
29   mit einer Sphäre verglichen werden, deren Halbmesser sich aus der
30   Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der Natur synthetischer
31   Sätze a priori) finden, daraus aber auch der Inhalt und die Begrenzung
32   derselben mit Sicherheit angeben läßt. Außer dieser Sphäre (Feld der
33   Erfahrung) ist nichts für sie Object; ja selbst Fragen über dergleichen
34   vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjective Principien einer durchgängigen


[seite 498]


01   Bestimmung der Verhältnisse, welche unter den Verstandesbegriffen
02   innerhalb dieser Sphäre vorkommen können.


03   Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntniß a priori, wie
04   dieses die Verstandesgrundsätze, welche die Erfahrung anticipiren, darthun.
05   Kann jemand nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht begreiflich
06   machen, so mag er zwar anfangs zweifeln, ob sie uns auch wirklich a priori
07   beiwohnen; er kann dieses aber noch nicht für eine Unmöglichkeit derselben
08   durch bloße Kräfte des Verstandes und alle Schritte, die die Vernunft
09   nach der Richtschnur derselben thut, für nichtig ausgeben. Er kann nur
10   sagen: wenn wir ihren Ursprung und Ächtheit einsähen, so würden wir
11   den Umfang und die Grenzen unserer Vernunft bestimmen können; ehe [op 791]
12   aber dieses geschehen ist, sind alle Behauptungen der letzten blindlings
13   gewagt. Und auf solche Weise wäre ein durchgängiger Zweifel an aller
14   dogmatischen Philosophie, die ohne Kritik der Vernunft selbst ihren Gang
15   geht, ganz wohl gegründet; allein darum könnte doch der Vernunft nicht
16   ein solcher Fortgang, wenn er durch bessere Grundlegung vorbereitet und
17   gesichert würde, gänzlich abgesprochen werden. Denn einmal liegen alle
18   Begriffe, ja alle Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, nicht etwa
19   in der Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft und
20   müssen daher können aufgelöset und ihrer Gültigkeit oder Richtigkeit nach
21   begriffen werden. Wir sind auch nicht berechtigt, diese Aufgaben, als läge
22   ihre Auflösung wirklich in der Natur der Dinge, doch unter dem Vorwande
23   unseres Unvermögens abzuweisen und uns ihrer weiteren Nachforschung
24   zu weigern, da die Vernunft in ihrem Schooße allein diese Ideen
25   selbst erzeugt hat, von deren Gültigkeit oder dialektischem Scheine sie also
26   Rechenschaft zu geben gehalten ist.


27   Alles sceptische Polemisiren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker
28   gekehrt, der, ohne ein Mißtrauen auf seine ursprüngliche objective Principien
29   zu setzen, d. i. ohne Kritik, gravitätisch seinen Gang fortsetzt, bloß um
30   ihm das Concept zu verrücken und ihn zur Selbsterkenntniß zu bringen.
31   An sich macht sie in Ansehung dessen, was wir wissen und was wir dagegen
32   nicht wissen können, ganz und gar nichts aus. Alle fehlgeschlagene [op 792]
33   dogmatische Versuche der Vernunft sind Facta , die der Censur zu unterwerfen
34   immer nützlich ist. Dieses aber kann nichts über die Erwartungen
35   der Vernunft entscheiden, einen besseren Erfolg ihrer künftigen Bemühungen
36   zu hoffen und darauf Ansprüche zu machen; die bloße Censur kann


[seite 499]


01   also die Streitigkeit über die rechtsame der menschlichen Vernunft niemals
02   zu Ende bringen.


03   Da HumePI vielleicht der geistreichste unter allen Sceptikern und ohne
04   Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist, den das sceptische
05   Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen Vernunftprüfung
06   haben kann, so verlohnt es sich wohl der Mühe, den Gang seiner Schlüsse
07   und die Verirrungen eines so einsehenden und schätzbaren MannesPI, die
08   doch auf der Spur der Wahrheit angefangen haben, so weit es zu meiner
09   Absicht schicklich ist, vorstellig zu machen.


10   HumePI hatte es vielleicht in Gedanken, wiewohl er es niemals völlig
11   entwickelte, daß wir in Urtheilen von gewisser Art über unsern Begriff
12   vom Gegenstande hinausgehen. Ich habe diese Art von Urtheilen synthetisch
13   genannt. Wie ich aus meinem Begriffe, den ich bis dahin habe,
14   vermittelst der Erfahrung hinausgehen könne, ist keiner Bedenklichkeit
15   unterworfen. Erfahrung ist selbst eine solche Synthesis der Wahrnehmungen,
16   welche meinen Begriff, den ich vermittelst einer Wahrnehmung habe,
17   durch andere, hinzukommende vermehrt. Allein wir glauben auch a priori [op 793]
18   aus unserem Begriffe hinausgehen und unser Erkenntniß erweitern zu
19   können. Dieses versuchen wir entweder durch den reinen Verstand in Ansehung
20   desjenigen, was wenigstens ein Object der Erfahrung sein
21   kann, oder sogar durch reine Vernunft in Ansehung solcher Eigenschaften
22   der Dinge, oder auch wohl des Daseins solcher Gegenstände, die in der
23   Erfahrung niemals vorkommen können. Unser SceptikerPI unterschied diese
24   beiden Arten der Urtheile nicht, wie er es doch hätte thun sollen, und hielt
25   geradezu diese Vermehrung der Begriffe aus sich selbst und so zu sagen
26   die Selbstgebärung unseres Verstandes (samt der Vernunft), ohne
27   durch Erfahrung geschwängert zu sein, für unmöglich, mithin alle vermeintliche
28   Principien derselben a priori für eingebildet und fand, daß sie
29   nichts als eine aus Erfahrung und deren Gesetzen entspringende Gewohnheit,
30   mithin bloß empirische, d. i. an sich zufällige, Regeln seien, denen
31   wir eine vermeinte Nothwendigkeit und Allgemeinheit beimessen. Er bezog
32   sich aber zu Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein
33   anerkannten Grundsatz von dem Verhältniß der Ursache zur Wirkung.
34   Denn da uns kein Verstandesvermögen von dem Begriffe eines
35   Dinges zu dem Dasein von etwas anderem, was dadurch allgemein und
36   nothwendig gegeben sei, führen kann: so glaubte er daraus folgern zu
37   können, daß wir ohne Erfahrung nichts haben, was unsern Begriff vermehren


[seite 500]


01   und uns zu einem solchen a priori sich selbst erweiternden Urtheile
02   berechtigen könnte. Daß das Sonnenlicht, welches das Wachs beleuchtet, [op 794]
03   es zugleich schmelze, indessen es den Thon härtet, könne kein Verstand aus
04   Begriffen, die wir vorher von diesen Dingen hatten, errathen, viel weniger
05   gesetzmäßig schließen, und nur Erfahrung könne uns ein solches Gesetz
06   lehren. Dagegen haben wir in der transscendentalen Logik gesehen: daß,
07   ob wir zwar niemals unmittelbar über den Inhalt des Begriffs, der
08   uns gegeben ist, hinausgehen können, wir doch völlig a priori, aber in
09   Beziehung auf ein drittes, nämlich mögliche Erfahrung, also doch a priori,
10   das Gesetz der Verknüpfung mit andern Dingen erkennen können.
11   Wenn also vorher festgewesenes Wachs schmilzt, so kann ich a priori erkennen,
12   daß etwas vorausgegangen sein müsse (z. B. Sonnenwärme), worauf
13   dieses nach einem beständigen Gesetze gefolgt ist, ob ich zwar ohne
14   Erfahrung aus der Wirkung weder die Ursache, noch aus der Ursache die
15   Wirkung a priori und ohne Belehrung der Erfahrung bestimmt erkennen
16   könnte. Er schloß also fälschlich aus der Zufälligkeit unserer Bestimmung
17   nach dem Gesetze auf die Zufälligkeit des Gesetzes selbst, und das Herausgehen
18   aus dem Begriffe eines Dinges auf mögliche Erfahrung (welches
19   a priori geschieht und die objective Realität desselben ausmacht) verwechselte
20   er mit der Synthesis der Gegenstände wirklicher Erfahrung,
21   welche freilich jederzeit empirisch ist; dadurch machte er aber aus einem
22   Princip der Affinität, welches im Verstande seinen Sitz hat und nothwendige
23   Verknüpfung aussagt, eine Regel der Association, die bloß in der [op 795]
24   nachbildenden Einbildungskraft angetroffen wird und nur zufällige, gar
25   nicht objective Verbindungen darstellen kann.


26   Die sceptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen
27   MannesPI entsprangen vornehmlich aus einem Mangel, den er doch mit
28   allen Dogmatikern gemein hatte, nämlich daß er nicht alle Arten der
29   Synthesis des Verstandes a priori systematisch übersah. Denn da würde
30   er, ohne der übrigen hier Erwähnung zu thun, z. B. den Grundsatz
31   der Beharrlichkeit als einen solchen gefunden haben, der eben sowohl
32   als der der Causalität die Erfahrung anticipirt. Dadurch würde er auch
33   dem a priori sich erweiternden Verstande und der reinen Vernunft bestimmte
34   Grenzen haben vorzeichnen können. Da er aber unsern Verstand
35   nur einschränkt, ohne ihn zu begrenzen, und zwar ein allgemeines
36   Mißtrauen, aber keine bestimmte Kenntniß der uns unvermeidlichen Unwissenheit
37   zu Stande bringt; da er einige Grundsätze des Verstandes


[seite 501]


01   unter Censur bringt, ohne diesen Verstand in Ansehung seines ganzen
02   Vermögens auf die Probirwage der Kritik zu bringen, und, indem er ihm
03   dasjenige abspricht, was er wirklich nicht leisten kann, weiter geht und
04   ihm alles Vermögen, sich a priori zu erweitern, bestreitet, unerachtet er
05   dieses ganze Vermögen nicht zur Schätzung gezogen: so widerfährt ihm
06   das, was jederzeit den Scepticism niederschlägt, nämlich daß er selbst bezweifelt
07   wird, indem seine Einwürfe nur auf Factis , welche zufällig sind, [op 796]
08   nicht aber auf Principien beruhen, die eine nothwendige Entsagung auf
09   das Recht dogmatischer Behauptungen bewirken könnten.


10   Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes
11   und den dialektischen Anmaßungen der Vernunft, wider welche doch hauptsächlich
12   seine Angriffe gerichtet sind, keinen Unterschied kennt: so fühlt die
13   Vernunft, deren ganz eigenthümlicher Schwung hiebei nicht im mindesten
14   gestört, sondern nur gehindert worden, den Raum zu ihrer Ausbreitung
15   nicht verschlossen und kann von ihren Versuchen, unerachtet sie hie oder
16   da gezwackt wird, niemals gänzlich abgebracht werden. Denn wider Angriffe
17   rüstet man sich zur Gegenwehr und setzt noch um desto steifer seinen
18   Kopf drauf, um seine Forderungen durchzusetzen. Ein völliger Überschlag
19   aber seines ganzen Vermögens und die daraus entspringende Überzeugung
20   der Gewißheit eines kleinen Besitzes bei der Eitelkeit höherer Ansprüche
21   hebt allen Streit auf und bewegt, sich an einem eingeschränkten, aber unstrittigen
22   Eigenthume friedfertig zu begnügen.


23   Wider den unkritischen Dogmatiker, der die Sphäre seines Verstandes
24   nicht gemessen, mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntniß nicht
25   nach Principien bestimmt hat, der also nicht schon zum voraus weiß, wie
26   viel er kann, sondern es durch bloße Versuche ausfindig zu machen denkt,
27   sind diese sceptische Angriffe nicht allein gefährlich, sondern ihm sogar verderblich. [op 797]
28   Denn wenn er auf einer einzigen Behauptung betroffen wird,
29   die er nicht rechtfertigen, deren Schein er aber auch nicht aus Principien
30   entwickeln kann, so fällt der Verdacht auf alle, so überredend sie auch sonst
31   immer sein mögen.


32   Und so ist der Sceptiker der Zuchtmeister des dogmatischen Vernünftlers
33   auf eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft selbst.
34   Wenn er dahin gelangt ist, so hat er weiter keine Anfechtung zu fürchten;
35   denn er unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem, was gänzlich außerhalb
36   demselben liegt, worauf er keine Ansprüche macht und darüber auch
37   nicht in Streitigkeiten verwickelt werden kann. So ist das sceptische Verfahren


[seite 502]


01   zwar an sich selbst für die Vernunftfragen nicht befriedigend,
02   aber doch vorübend, um ihre Vorsichtigkeit zu erwecken und auf gründliche
03   Mittel zu weisen, die sie in ihren rechtmäßigen Besitzen sichern können.


04   Des ersten Hauptstücks
05   Dritter Abschnitt.
06   Die Disciplin der reinen Vernunft in Ansehung der
07   Hypothesen.


08   Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich soviel wissen,
09   daß wir in ihrem reinen und speculativen Gebrauche in der That gar
10   nichts wissen können: sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu Hypothesen
11   eröffnen, da es wenigstens vergönnt ist, zu dichten und zu meinen,
12   wenn gleich nicht zu behaupten?

[op 798]


13   Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen, sondern unter der
14   strengen Aufsicht der Vernunft dichten soll, so muß immer vorher etwas
15   völlig gewiß und nicht erdichtet oder bloße Meinung sein, und das ist die
16   Möglichkeit des Gegenstandes selbst. Alsdann ist es wohl erlaubt, wegen
17   der Wirklichkeit desselben zur Meinung seine Zuflucht zu nehmen, die
18   aber, um nicht grundlos zu sein, mit dem, was wirklich gegeben und folglich
19   gewiß ist, als Erklärungsgrund in Verknüpfung gebracht werden
20   muß und alsdann Hypothese heißt.


21   Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung
22   a priori nicht den mindesten Begriff machen können, und die Kategorie
23   des reinen Verstandes nicht dazu dient, dergleichen zu erdenken, sondern
24   nur, wo sie in der Erfahrung angetroffen wird, zu verstehen: so können
25   wir nicht einen einzigen Gegenstand nach einer neuen und empirisch nicht
26   anzugebenden Beschaffenheit diesen Kategorien gemäß ursprünglich aussinnen
27   und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde legen; denn dieses
28   hieße, der Vernunft leere Hirngespinnste statt der Begriffe von Sachen
29   unterzulegen. So ist es nicht erlaubt, sich irgend neue ursprüngliche
30   Kräfte zu erdenken, z. B. einen Verstand, der vermögend sei, seinen Gegenstand
31   ohne Sinne anzuschauen, oder eine Ausdehnungskraft ohne alle
32   Berührung, oder eine neue Art Substanzen, z. B. die ohne Undurchdringlichkeit
33   im Raume gegenwärtig wäre, folglich auch keine Gemeinschaft


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[op 799]
01   der Substanzen, die von aller derjenigen unterschieden ist, welche Erfahrung
02   an die Hand giebt, keine Gegenwart anders als im Raume, keine
03   Dauer als bloß in der Zeit. Mit einem Worte: es ist unserer Vernunft
04   nur möglich, die Bedingungen möglicher Erfahrung als Bedingungen
05   der Möglichkeit der Sachen zu brauchen, keinesweges aber, ganz unabhängig
06   von diesen sich selbst welche gleichsam zu schaffen, weil dergleichen
07   Begriffe, obzwar ohne Widerspruch, dennoch auch ohne Gegenstand sein
08   würden.


09   Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen und haben freilich
10   keinen Gegenstand in irgend einer Erfahrung, aber bezeichnen darum
11   doch nicht gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände.
12   Sie sind bloß problematisch gedacht, um in Beziehung auf sie
13   (als heuristische Fictionen) regulative Principien des systematischen Verstandesgebrauchs
14   im Felde der Erfahrung zu gründen. Geht man davon
15   ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit nicht erweislich ist,
16   und die daher auch nicht der Erklärung wirklicher Erscheinungen durch
17   eine Hypothese zum Grunde gelegt werden können. Die Seele sich als
18   einfach denken, ist ganz wohl erlaubt, um nach dieser Idee eine vollständige
19   und nothwendige Einheit aller Gemüthskräfte, ob man sie gleich
20   nicht in concreto einsehen kann, zum Princip unserer Beurtheilung ihrer
21   inneren Erscheinungen zu legen. Aber die Seele als einfache Substanz
22   anzunehmen (ein transscendenter Begriff) wäre ein Satz, der nicht allein [op 800]
23   unerweislich (wie es mehrere physische Hypothesen sind), sondern auch
24   ganz willkürlich und blindlings gewagt sein würde, weil das Einfache in
25   ganz und gar keiner Erfahrung vorkommen kann, und, wenn man unter
26   Substanz hier das beharrliche Object der sinnlichen Anschauung versteht,
27   die Möglichkeit einer einfachen Erscheinung gar nicht einzusehen ist.
28   Bloß intelligibele Wesen oder bloß intelligibele Eigenschaften der Dinge
29   der Sinnenwelt lassen sich mit keiner gegründeten Befugniß der Vernunft
30   als Meinung annehmen, obzwar (weil man von ihrer Möglichkeit oder
31   Unmöglichkeit keine Begriffe hat) auch durch keine vermeinte bessere Einsicht
32   dogmatisch ableugnen.


33   Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine andere Dinge
34   und Erklärungsgründe als die, so nach schon bekannten Gesetzen der Erscheinungen
35   mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden, angeführt
36   werden. Eine transscendentale Hypothese, bei der eine bloße Idee
37   der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde daher


[seite 504]


01   gar keine Erklärung sein, indem das, was man aus bekannten empirischen
02   Principien nicht hinreichend versteht, durch etwas erklärt werden
03   würde, davon man gar nichts versteht. Auch würde das Princip einer
04   solchen Hypothese eigentlich nur zur Befriedigung der Vernunft und nicht
05   zur Beförderung des Verstandesgebrauchs in Ansehung der Gegenstände
06   dienen. Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muß wiederum aus [op 801]
07   Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und hier sind selbst
08   die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind, erträglicher als eine
09   hyperphysische, d. i. die Berufung auf einen göttlichen Urheber, den man
10   zu diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre ein Princip der faulen
11   Vernunft ( ignava ratio ), alle Ursachen, deren objective Realität, wenigstens
12   der Möglichkeit nach, man noch durch fortgesetzte Erfahrung kann
13   kennen lernen, auf einmal vorbeizugehen, um in einer bloßen Idee,
14   die der Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen. Was aber die absolute Totalität
15   des Erklärungsgrundes in der Reihe derselben betrifft, so kann
16   das keine Hinderniß in Ansehung der Weltobjecte machen, weil, da diese
17   nichts als Erscheinungen sind, an ihnen niemals etwas Vollendetes in der
18   Synthesis der Reihen von Bedingungen gehofft werden kann.


19   Transscendentale Hypothesen des speculativen Gebrauchs der Vernunft
20   und eine Freiheit, zur Ersetzung des Mangels an physischen Erklärungsgründen
21   sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann gar nicht
22   gestattet werden, theils weil die Vernunft dadurch gar nicht weiter gebracht
23   wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres Gebrauchs abschneidet,
24   theils weil diese Licenz sie zuletzt um alle Früchte der Bearbeitung ihres
25   eigenthümlichen Bodens, nämlich der Erfahrung, bringen müßte. Denn
26   wenn uns die Naturerklärung hier oder da schwer wird, so haben wir beständig
27   einen transscendenten Erklärungsgrund bei der Hand, der uns [op 802]
28   jener Untersuchung überhebt, und unsere Nachforschung schließt nicht durch
29   Einsicht, sondern durch gänzliche Unbegreiflichkeit eines Princips, welches
30   so schon zum voraus ausgedacht war, daß es den Begriff des absolut Ersten
31   enthalten mußte.


32   Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer Hypothese
33   ist die Zulänglichkeit derselben, um daraus a priori die Folgen,
34   welche gegeben sind, zu bestimmen. Wenn man zu diesem Zwecke hülfleistende
35   Hypothesen herbeizurufen genöthigt ist, so geben sie den Verdacht


[seite 505]


01   einer bloßen Erdichtung, weil jede derselben an sich dieselbe Rechtfertigung
02   bedarf, welche der zum Grunde gelegte Gedanke nöthig hatte,
03   und daher keinen tüchtigen Zeugen abgeben kann. Wenn unter Voraussetzung
04   einer unbeschränkt vollkommenen Ursache zwar an Erklärungsgründen
05   aller Zweckmäßigkeit, Ordnung und Größe, die sich in der Welt
06   finden, kein Mangel ist, so bedarf jene doch bei den wenigstens nach unseren
07   Begriffen sich zeigenden Abweichungen und Übeln noch neuer Hypothesen,
08   um gegen diese als Einwürfe gerettet zu werden. Wenn die einfache
09   Selbstständigkeit der menschlichen Seele, die zum Grunde ihrer Erscheinungen
10   gelegt worden, durch die Schwierigkeiten ihrer den Abänderungen
11   einer Materie (dem Wachsthum und Abnahme) ähnlichen Phänomene angefochten
12   wird, so müssen neue Hypothesen zu Hülfe gerufen werden, die
13   zwar nicht ohne Schein, aber doch ohne alle Beglaubigung sind, außer derjenigen,
14   welche ihnen die zum Hauptgrunde angenommene Meinung giebt, [op 803]
15   der sie gleichwohl das Wort reden sollen.


16   Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen
17   (unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens) nicht
18   als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmate gelten sollen, so ist
19   alsdann von ihnen gar nicht die Rede. In solchem Falle aber sehe man
20   sich ja vor, daß der Beweis die apodiktische Gewißheit einer Demonstration
21   habe. Denn die Wirklichkeit solcher Ideen bloß wahrscheinlich
22   machen zu wollen, ist ein ungereimter Vorsatz, eben so als wenn man einen
23   Satz der Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen gedächte. Die von
24   aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles nur a priori und als
25   nothwendig, oder gar nicht erkennen; daher ist ihr Urtheil niemals Meinung,
26   sondern entweder Enthaltung von allem Urtheile, oder apodiktische
27   Gewißheit. Meinungen und wahrscheinliche Urtheile von dem, was Dingen
28   zukommt, können nur als Erklärungsgründe dessen, was wirklich gegeben
29   ist, oder Folgen nach empirischen Gesetzen von dem, was als wirklich
30   zum Grunde liegt, mithin nur in der Reihe der Gegenstände der Erfahrung
31   vorkommen. Außer diesem Felde ist Meinen so viel, als mit Gedanken
32   Spielen, es müßte denn sein, daß man von einem unsicheren Wege
33   des Urtheils bloß die Meinung hätte, vielleicht auf ihm die Wahrheit zu
34   finden.

[op 804]


35   Ob aber gleich bei bloß speculativen Fragen der reinen Vernunft
36   keine Hypothesen stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie
37   dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu vertheidigen, d. i. zwar


[seite 506]


01   nicht im dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche. Ich verstehe
02   aber unter Vertheidigung nicht die Vermehrung der Beweisgründe seiner
03   Behauptung, sondern die bloße Vereitelung der Scheineinsichten des Gegners,
04   welche unserem behaupteten Satze Abbruch thun sollen. nun haben
05   aber alle synthetische Sätze aus reiner Vernunft das Eigenthümliche an
06   sich: daß, wenn der, welcher die Realität gewisser Ideen behauptet, gleich
07   niemals so viel weiß, um diesen seinen Satz gewiß zu machen, auf der
08   andern Seite der Gegner eben so wenig wissen kann, um das Widerspiel
09   zu behaupten. Diese Gleichheit des Looses der menschlichen Vernunft begünstigt
10   nun zwar im speculativen Erkenntnisse keinen von beiden, und
11   da ist auch der rechte Kampfplatz nimmer beizulegender Fehden. Es wird
12   sich aber in der Folge zeigen, daß doch in Ansehung des praktischen
13   Gebrauchs die Vernunft ein Recht habe, etwas anzunehmen, was sie
14   auf keine Weise im Felde der bloßen Speculation ohne hinreichende Beweisgründe
15   vorauszusetzen befugt wäre, weil alle solche Voraussetzungen
16   der Vollkommenheit der Speculation Abbruch thun, um welche sich aber
17   das praktische Interesse gar nicht bekümmert. Dort ist sie also im Besitze,
18   dessen Rechtmäßigkeit sie nicht beweisen darf, und wovon sie in der That [op 805]
19   den Beweis auch nicht führen könnte. Der Gegner soll also beweisen. Da
20   dieser aber eben so wenig etwas von dem bezweifelten Gegenstande weiß,
21   um dessen Nichtsein darzuthun, als der erstere, der dessen Wirklichkeit behauptet:
22   so zeigt sich hier ein Vortheil auf der Seite desjenigen, der etwas
23   als praktisch nothwendige Voraussetzung behauptet ( melior est conditio
24   possidentis ). Es steht ihm nämlich frei, sich gleichsam aus Nothwehr
25   eben derselben Mittel für seine gute Sache, als der Gegner wider dieselbe,
26   d. i. der Hypothesen, zu bedienen, die gar nicht dazu dienen sollen, um den
27   Beweis derselben zu verstärken, sondern nur, zu zeigen, daß der Gegner
28   viel zu wenig von dem Gegenstande des Streits verstehe, als daß er sich
29   eines Vortheils der speculativen Einsicht in Ansehung unserer schmeicheln
30   könne.


31   Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen
32   erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, sondern nur es zu
33   vertheidigen. Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst
34   suchen. Denn speculative Vernunft in ihrem transscendentalen Gebrauche
35   ist an sich dialektisch. Die Einwürfe, die zu fürchten sein möchten, liegen
36   in uns selbst. Wir müssen sie gleich alten, aber niemals verjährenden
37   Ansprüchen hervorsuchen, um einen ewigen Frieden auf deren Vernichtigung


[seite 507]


01   zu gründen. Äußere Ruhe ist nur scheinbar. Der Keim der Anfechtungen,
02   der in der Natur der Menschenvernunft liegt, muß ausgerottet [op 806]
03   werden; wie können wir ihn aber ausrotten, wenn wir ihm nicht Freiheit,
04   ja selbst Nahrung geben, Kraut auszuschießen, um sich dadurch zu entdecken,
05   und es nachher mit der Wurzel zu vertilgen? Sinnet demnach selbst
06   auf Einwürfe, auf die noch kein Gegner gefallen ist, und leihet ihm sogar
07   Waffen, oder räumt ihm den günstigsten Platz ein, den er sich nur wünschen
08   kann! Es ist hiebei gar nichts zu fürchten, wohl aber zu hoffen,
09   nämlich daß ihr euch einen in alle Zukunft niemals mehr anzufechtenden
10   Besitz verschaffen werdet.


11   Zu eurer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen
12   der reinen Vernunft, welche, obzwar nur bleierne Waffen (weil sie durch
13   kein Erfahrungsgesetz gestählt sind), dennoch immer so viel vermögen als
14   die, deren sich irgend ein Gegner wider euch bedienen mag. Wenn euch
15   also wider die (in irgend einer anderen, nicht speculativen Rücksicht) angenommene
16   immaterielle und keiner körperlichen Umwandlung unterworfene
17   Natur der Seele die Schwierigkeit aufstößt, daß gleichwohl die Erfahrung
18   sowohl die Erhebung, als Zerrüttung unserer Geisteskräfte bloß als verschiedene
19   Modification unserer Organen zu beweisen scheine: so könnt ihr
20   die Kraft dieses Beweises dadurch schwächen, daß ihr annehmt, unser Körper
21   sei nichts als die Fundamentalerscheinung, worauf als Bedingung
22   sich in dem jetzigen Zustande (im Leben) das ganze Vermögen der Sinnlichkeit
23   und hiemit alles Denken bezieht. Die Trennung vom Körper sei
24   das Ende dieses sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntnißkraft und der Anfang [op 807]
25   des intellectuellen. Der Körper wäre also nicht die Ursache des
26   Denkens, sondern eine bloß restringirende Bedingung desselben, mithin
27   zwar als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto mehr
28   auch als Hinderniß des reinen und spirituellen Lebens anzusehen, und die
29   Abhängigkeit des ersteren von der körperlichen Beschaffenheit bewiese nichts
30   für die Abhängigkeit des ganzen Lebens von dem Zustande unserer Organen.
31   Ihr könnt aber noch weiter gehen und wohl gar neue, entweder
32   nicht aufgeworfene, oder nicht weit genug getriebene Zweifel ausfindig
33   machen.


34   Die Zufälligkeit der Zeugungen, die bei Menschen so wie beim vernunftlosen
35   Geschöpfe von der Gelegenheit, überdem aber auch oft vom
36   Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Einfällen, oft sogar
37   vom Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeit wider die Meinung


[seite 508]


01   der auf Ewigkeiten sich erstreckenden Fortdauer eines Geschöpfs, dessen
02   Leben unter so unerheblichen und unserer Freiheit so ganz und gar überlassenen
03   Umständen zuerst angefangen hat. Was die Fortdauer der ganzen
04   Gattung (hier auf Erden) betrifft, so hat diese Schwierigkeit in Ansehung
05   derselben wenig auf sich, weil der Zufall im Einzelnen nichts desto
06   weniger einer Regel im Ganzen unterworfen ist; aber in Ansehung eines
07   jeden Individuum eine so mächtige Wirkung von so geringfügigen Ursachen
08   zu erwarten, scheint allerdings bedenklich. Hiewider könnt ihr aber
09   eine transscendentale Hypothese aufbieten: daß alles Leben eigentlich nur [op 808]
10   intelligibel sei, den Zeitveränderungen gar nicht unterworfen, und weder
11   durch Geburt angefangen habe, noch durch den Tod geendigt werde; da
12   dieses Leben nichts als eine bloße Erscheinung, d. i. eine sinnliche Vorstellung
13   von dem reinen geistigen Leben, und die ganze Sinnenwelt ein
14   bloßes Bild sei, welches unserer jetzigen Erkenntnißart vorschwebt und
15   wie ein Traum an sich keine objective Realität habe; daß, wenn wir die
16   Sachen und uns selbst anschauen sollen, wie sie sind, wir uns in einer
17   Welt geistiger Naturen sehen würden, mit welcher unsere einzig wahre
18   Gemeinschaft weder durch Geburt angefangen habe, noch durch den Leibestod
19   (als bloße Erscheinungen) aufhören werde, u. s. w.


20   Ob wir nun gleich von allem diesem, was wir hier wider den Angriff
21   hypothetisch vorschützen, nicht das mindeste Wissen, noch im Ernste
22   behaupten, sondern alles nicht einmal Vernunftidee, sondern bloß zur Gegenwehr
23   ausgedachter Begriff ist, so verfahren wir doch hiebei ganz
24   vernunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alle Möglichkeit erschöpft
25   zu haben meint, indem er den Mangel ihrer empirischen Bedingungen für
26   einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des von uns geglaubten fälschlich
27   ausgiebt, nur zeigen: daß er eben so wenig durch bloße Erfahrungsgesetze
28   das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst umspannen, als wir
29   außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend etwas auf gegründete
30   Art erwerben können. Der solche hypothetische Gegenmittel wider [op 809]
31   die Anmaßungen des dreist verneinenden Gegners vorkehrt, muß nicht dafür
32   gehalten werden, als wolle er sie sich als seine wahre Meinungen eigen
33   machen. Er verläßt sie, sobald er den dogmatischen Eigendünkel des Gegners
34   abgefertigt hat. Denn so bescheiden und gemäßigt es auch anzusehen
35   ist, wenn jemand sich in Ansehung fremder Behauptungen bloß weigernd
36   und verneinend verhält, so ist doch jederzeit, sobald er diese seine Einwürfe
37   als Beweise des Gegentheils geltend machen will, der Anspruch nicht weniger


[seite 509]


01   stolz und eingebildet, als ob er die bejahende Partei und deren Behauptung
02   ergriffen hätte.


03   Man sieht also hieraus, daß im speculativen Gebrauche der Vernunft
04   Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur
05   relativ auf entgegengesetzte transscendente Anmaßungen haben. Denn
06   die Ausdehnung der Principien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit
07   der Dinge überhaupt ist eben sowohl transscendent, als die Behauptung
08   der objectiven Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände nirgend
09   als außerhalb der Grenze aller möglichen Erfahrung finden können. Was
10   reine Vernunft assertorisch urtheilt, muß (wie alles, was Vernunft erkennt)
11   nothwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie in der That
12   gar keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind nur problematische
13   Urtheile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich freilich durch [op 810]
14   nichts bewiesen werden können, und sind also reine Privatmeinungen,
15   können aber doch nicht füglich (selbst zur inneren Beruhigung) gegen sich
16   regende Scrupel entbehrt werden. In dieser Qualität aber muß man sie
17   erhalten und ja sorgfältig verhüten, daß sie nicht als an sich selbst beglaubigt
18   und von einiger absoluten Gültigkeit auftreten und die Vernunft
19   unter Erdichtungen und Blendwerken ersäufen.


20   Des ersten Hauptstücks
21   Vierter Abschnitt.
22   Die Disciplin der reinen Vernunft in Ansehung
23   ihrer Beweise.


24   Die Beweise transscendentaler und synthetischer Sätze haben das
25   Eigenthümliche unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntniß a priori
26   an sich, daß die Vernunft bei jenen vermittelst ihrer Begriffe sich nicht
27   geradezu an den Gegenstand wenden darf, sondern zuvor die objective
28   Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der Synthesis derselben a priori
29   darthun muß. Dieses ist nicht etwa bloß eine nöthige Regel der Behutsamkeit,
30   sondern betrifft das Wesen und die Möglichkeit der Beweise selbst.
31   Wenn ich über den Begriff von einem Gegenstande a priori hinausgehen
32   soll, so ist dieses ohne einen besonderen und außerhalb diesem Begriffe


[seite 510]


01   befindlichen Leitfaden unmöglich. In der Mathematik ist es die Anschauung
02   a priori, die meine Synthesis leitet, und da können alle Schlüsse unmittelbar [op 811]
03   an der reinen Anschauung geführt werden. Im transscendentalen
04   Erkenntniß, so lange es bloß mit Begriffen des Verstandes zu thun
05   hat, ist diese Richtschnur die mögliche Erfahrung. Der Beweis zeigt nämlich
06   nicht, daß der gegebene Begriff (z. B. von dem, was geschieht) geradezu
07   auf einen anderen Begriff (den einer Ursache) führe; denn dergleichen
08   Übergang wäre ein Sprung, der sich gar nicht verantworten ließe; sondern
09   er zeigt, daß die Erfahrung selbst, mithin das Object der Erfahrung ohne
10   eine solche Verknüpfung unmöglich wäre. Also mußte der Beweis zugleich
11   die Möglichkeit anzeigen, synthetisch und a priori zu einer gewissen Erkenntni
12   von Dingen zu gelangen, die in dem Begriffe von ihnen nicht
13   enthalten war. Ohne diese Aufmerksamkeit laufen die Beweise wie Wasser,
14   welche ihre Ufer durchbrechen, wild und querfeldein dahin, wo der Hang
15   der verborgenen Association sie zufälliger Weise hinleitet. Der Schein
16   der Überzeugung, welcher auf subjectiven Ursachen der Association beruht
17   und für die Einsicht einer natürlichen Affinität gehalten wird, kann der
18   Bedenklichkeit gar nicht die Wage halten, die sich billigermaßen über dergleichen
19   gewagte Schritte einfinden muß. Daher sind auch alle Versuche,
20   den Satz des zureichenden Grundes zu beweisen, nach dem allgemeinen
21   Geständnisse der Kenner vergeblich gewesen; und ehe die transscendentale
22   Kritik auftrat, hat man lieber, da man diesen Grundsatz doch nicht verlassen
23   konnte, sich trotzig auf den gesunden Menschenverstand berufen (eine [op 812]
24   Zuflucht, die jederzeit beweiset, daß die Sache der Vernunft verzweifelt
25   ist), als neue dogmatische Beweise versuchen wollen.


26   Ist aber der Satz, über den ein Beweis geführt werden soll, eine Behauptung
27   der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer Ideen
28   über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müßte derselbe noch viel
29   mehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der Synthesis (wenn er
30   anders möglich wäre) als eine nothwendige Bedingung seiner Beweiskraft
31   in sich enthalten. So scheinbar daher auch der vermeintliche Beweis
32   der einfachen Natur unserer denkenden Substanz aus der Einheit der
33   Apperception sein mag, so steht ihm doch die Bedenklichkeit unabweislich
34   entgegen: daß, da die absolute Einfachheit doch kein Begriff ist, der unmittelbar
35   auf eine Wahrnehmung bezogen werden kann, sondern als Idee
36   bloß geschlossen werden muß, gar nicht einzusehen ist, wie mich das bloße
37   Bewußtsein, welches in allem Denken enthalten ist, oder wenigstens sein


[seite 511]


01   kann, ob es zwar so fern eine einfache Vorstellung ist, zu dem Bewußtsein
02   und der Kenntniß eines Dinges überführen solle, in welchem das Denken
03   allein enthalten sein kann. Denn wenn ich mir die Kraft meines Körpers
04   in Bewegung vorstelle, so ist er so fern für mich absolute Einheit, und
05   meine Vorstellung von ihm ist einfach; daher kann ich diese auch durch
06   die Bewegung eines Punkts ausdrücken, weil sein Volumen hiebei nichts
07   thut und ohne Verminderung der Kraft so klein, wie man will, und also [op 813]
08   auch als in einem Punkte befindlich gedacht werden kann. Hieraus werde
09   ich aber doch nicht schließen: daß, wenn mir nichts als die bewegende
10   Kraft eines Körpers gegeben ist, der Körper als einfache Substanz gedacht
11   werden könne, darum weil seine Vorstellung von aller Größe des
12   Raumesinhalts abstrahirt und also einfach ist. Hiedurch nun, daß das
13   Einfache in der Abstraction vom Einfachen im Object ganz unterschieden
14   ist, und daß das Ich, welches im ersteren Verstande gar keine Mannigfaltigkeit
15   in sich faßt, im zweiten, da es die Seele selbst bedeutet, ein sehr
16   complexer Begriff sein kann, nämlich sehr vieles unter sich zu enthalten
17   und zu bezeichnen, entdecke ich einen Paralogism. Allein um diesen vorher
18   zu ahnden (denn ohne eine solche vorläufige Vermuthung würde man
19   gar keinen Verdacht gegen den Beweis fassen), ist durchaus nöthig, ein
20   immerwährendes Kriterium der Möglichkeit solcher synthetischen Sätze,
21   die mehr beweisen sollen, als Erfahrung geben kann, bei Hand zu haben,
22   welches darin besteht: daß der Beweis nicht geradezu auf das verlangte
23   Prädicat, sondern nur vermittelst eines Princips der Möglichkeit, unseren
24   gegebenen Begriff a priori bis zu Ideen zu erweitern und diese zu realisiren,
25   geführt werde. Wenn diese Behutsamkeit immer gebraucht wird,
26   wenn man, ehe der Beweis noch versucht wird, zuvor weislich bei sich zu
27   Rathe geht, wie und mit welchem Grunde der Hoffnung man wohl eine
28   solche Erweiterung durch reine Vernunft erwarten könne, und woher man [op 814]
29   in dergleichen Falle diese Einsichten, die nicht aus Begriffen entwickelt
30   und auch nicht in Beziehung auf mögliche Erfahrung anticipirt werden
31   können, denn hernehmen wolle: so kann man sich viel schwere und dennoch
32   fruchtlose Bemühungen ersparen, indem man der Vernunft nichts zumuthet,
33   was offenbar über ihr Vermögen geht, oder vielmehr sie, die bei
34   Anwandlungen ihrer speculativen Erweiterungssucht sich nicht gerne einschränken
35   läßt, der Disciplin der Enthaltsamkeit unterwirft.


36   Die erste Regel ist also diese: keine transscendentale Beweise zu versuchen,
37   ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu haben, woher


[seite 512]


01   man die Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie zu errichten gedenkt,
02   und mit welchem Rechte man von ihnen den guten Erfolg der
03   Schlüsse erwarten könne. Sind es Grundsätze des Verstandes (z. B. der
04   Causalität), so ist es umsonst, vermittelst ihrer zu Ideen der reinen Vernunft
05   zu gelangen; denn jene gelten nur für Gegenstände möglicher Erfahrung.
06   Sollen es Grundsätze aus reiner Vernunft sein, so ist wiederum
07   alle Mühe umsonst. Denn die Vernunft hat deren zwar, aber als objective
08   Grundsätze sind sie insgesammt dialektisch und können allenfalls nur
09   wie regulative Principien des systematisch zusammenhängenden Erfahrungsgebrauchs
10   gültig sein. Sind aber dergleichen angebliche Beweise
11   schon vorhanden: so setzet der trüglichen Überzeugung das non liquet eurer [op 815]
12   gereiften Urtheilskraft entgegen; und ob ihr gleich das Blendwerk derselben
13   noch nicht durchdringen könnt, so habt ihr doch völliges Recht, die Deduction
14   der darin gebrauchten Grundsätze zu verlangen, welche, wenn sie
15   aus bloßer Vernunft entsprungen sein sollen, euch niemals geschafft werden
16   kann. Und so habt ihr nicht einmal nöthig, euch mit der Entwickelung
17   und Widerlegung eines jeden grundlosen Scheins zu befassen, sondern
18   könnt alle an Kunstgriffen unerschöpfliche Dialektik am Gerichtshofe einer
19   kritischen Vernunft, welche Gesetze verlangt, in ganzen Haufen auf einmal
20   abweisen.


21   Die zweite Eigenthümlichkeit transscendentaler Beweise ist diese:
22   daß zu jedem transscendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden
23   werden könne. Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung,
24   die einem Begriffe correspondirt, es sei nun eine reine Anschauung, wie
25   in der Mathematik, oder empirische, wie in der Naturwissenschaft, schließen:
26   so giebt mir die zum Grunde gelegte Anschauung mannigfaltigen
27   Stoff zu synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr als eine Art verknüpfen
28   und, indem ich von mehr als einem Punkte ausgehen darf, durch verschiedene
29   Wege zu demselben Satze gelangen kann.


30   Nun geht aber ein jeder transscendentale Satz bloß von Einem Begriffe
31   aus und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des Gegenstandes
32   nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein einziger [op 816]
33   sein, weil außer diesem Begriffe nichts weiter ist, wodurch der Gegenstand
34   bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter als die Bestimmung
35   eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe, der auch nur
36   ein einziger ist, enthalten kann. Wir hatten z. B. in der transscendentalen
37   Analytik den Grundsatz: alles, was geschieht, hat eine Ursache, aus


[seite 513]


01   der einzigen Bedingung der objectiven Möglichkeit eines Begriffs von dem,
02   was überhaupt geschieht, gezogen: daß die Bestimmung einer Begebenheit
03   in der Zeit, mithin diese (Begebenheit) als zur Erfahrung gehörig,
04   ohne unter einer solchen dynamischen Regel zu stehen, unmöglich wäre.
05   Dieses ist nun auch der einzig mögliche Beweisgrund; denn dadurch nur,
06   daß dem Begriffe vermittelst des Gesetzes der Causalität ein Gegenstand
07   bestimmt wird, hat die vorgestellte Begebenheit objective Gültigkeit, d. i.
08   Wahrheit. Man hat zwar noch andere Beweise von diesem Grundsatze,
09   z. B. aus der Zufälligkeit, versucht; allein wenn dieser beim Lichte betrachtet
10   wird, so kann man kein Kennzeichen der Zufälligkeit auffinden
11   als das Geschehen, d. i. das Dasein, vor welchem ein Nichtsein des Gegenstandes
12   vorhergeht, und kommt also immer wiederum auf den nämlichen
13   Beweisgrund zurück. Wenn der Satz bewiesen werden soll: alles,
14   was denkt, ist einfach, so hält man sich nicht bei dem Mannigfaltigen des
15   Denkens auf, sondern beharrt bloß bei dem Begriffe des Ich, welcher einfach
16   ist und worauf alles Denken bezogen wird. Eben so ist es mit dem
17   transscendentalen Beweise vom Dasein Gottes bewandt, welcher lediglich [op 817]
18   auf der Reciprocabilität der Begriffe vom realsten und nothwendigen Wesen
19   beruht und nirgends anders gesucht werden kann.


20   Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der Vernunftbehauptungen
21   sehr ins Kleine gebracht. Wo Vernunft ihr Geschäfte durch
22   bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis möglich, wenn überall
23   nur irgend einer möglich ist. Daher wenn man schon den Dogmatiker
24   mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man sicher glauben, daß er
25   gar keinen habe. Denn hätte er einen, der (wie es in Sachen der reinen
26   Vernunft sein muß) apodiktisch bewiese, wozu bedürfte er der übrigen?
27   Seine Absicht ist nur wie die von jenem Parlamentsadvocaten: das eine
28   Argument ist für diesen, das andere für jenen, nämlich um sich die
29   Schwäche seiner Richter zu Nutze zu machen, die, ohne sich tief einzulassen
30   und um von dem Geschäfte bald loszukommen, das Erste Beste, was ihnen
31   eben auffällt, ergreifen und darnach entscheiden.


32   Die dritte eigenthümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in
33   Ansehung transscendentaler Beweise einer Disciplin unterworfen wird,
34   ist: daß ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv
35   sein müssen. Der directe oder ostensive Beweis ist in aller Art der Erkenntni
36   derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit zugleich
37   Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische dagegen


[seite 514]


01   kann zwar Gewißheit, aber nicht Begreiflichkeit der Wahrheit in Ansehung
02   des Zusammenhanges mit den Gründen ihrer Möglichkeit hervorbringen. [op 818]
03   Daher sind die letzteren mehr eine Nothhülfe, als ein Verfahren,
04   welches allen Absichten der Vernunft ein Genüge thut. Doch haben diese
05   einen Vorzug der Evidenz vor den directen Beweisen darin: daß der Widerspruch
06   allemal mehr Klarheit in der Vorstellung bei sich führt, als die
07   beste Verknüpfung und sich dadurch dem Anschaulichen einer Demonstration
08   mehr nähert.


09   Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in verschiedenen
10   Wissenschaften ist wohl diese. Wenn die Gründe, von denen
11   eine gewisse Erkenntniß abgeleitet werden soll, zu mannigfaltig oder zu
12   tief verborgen liegen: so versucht man, ob sie nicht durch die Folgen zu
13   erreichen sei. Nun wäre der modus ponens , auf die Wahrheit einer Erkenntni
14   aus der Wahrheit ihrer Folgen zu schließen, nur alsdann erlaubt,
15   wenn alle möglichen Folgen daraus wahr sind; denn alsdann ist zu diesen
16   nur ein einziger Grund möglich, der also auch der wahre ist. Dieses
17   Verfahren aber ist unthunlich, weil es über unsere Kräfte geht, alle mögliche
18   Folgen von irgend einem angenommenen Satze einzusehen; doch bedient
19   man sich dieser Art zu schließen, obzwar freilich mit einer gewissen
20   Nachsicht, wenn es darum zu thun ist, um etwas bloß als Hypothese zu
21   beweisen, indem man den Schluß nach der Analogie einräumt: daß, wenn
22   so viele Folgen, als man nur immer versucht hat, mit einem angenommenen
23   Grunde wohl zusammenstimmen, alle übrige mögliche auch darauf [op 819]
24   einstimmen werden. Um deswillen kann durch diesen Weg niemals eine
25   Hypothese in demonstrirte Wahrheit verwandelt werden. Der modus tollens
26   der Vernunftschlüsse, die von den Folgen auf die Gründe schließen,
27   beweiset nicht allein ganz strenge, sondern auch überaus leicht. Denn
28   wenn auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden
29   kann, so ist dieser Satz falsch. Anstatt nun die ganze Reihe der Gründe
30   in einem ostensiven Beweise durchzulaufen, die auf die Wahrheit einer Erkenntni
31   vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre Möglichkeit führen
32   kann, darf man nur unter den aus dem Gegentheil derselben fließenden
33   Folgen eine einzige falsch finden, so ist dieses Gegentheil auch falsch, mithin
34   die Erkenntniß, welche man zu beweisen hatte, wahr.


35   Die apagogische Beweisart kann aber nur in den Wissenschaften erlaubt
36   sein, wo es unmöglich ist, das Subjective unserer Vorstellungen dem
37   Objectiven, nämlich der Erkenntniß desjenigen, was am Gegenstande ist,


[seite 515]


01   unterzuschieben. Wo dieses letztere aber herrschend ist, da muß es sich
02   häufig zutragen, daß das Gegentheil eines gewissen Satzes entweder blo
03   den subjectiven Bedingungen des Denkens widerspricht, aber nicht dem
04   Gegenstande, oder daß beide Sätze nur unter einer subjectiven Bedingung,
05   die fälschlich für objectiv gehalten, einander widersprechen und, da die Bedingung
06   falsch ist, alle beide falsch sein können, ohne daß von der Falschheit
07   des einen auf die Wahrheit des andern geschlossen werden kann.

[op 820]


08   In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich; daher haben sie
09   daselbst auch ihren eigentlichen Platz. In der Naturwissenschaft, weil sich
10   daselbst alles auf empirische Anschauungen gründet, kann jene Erschleichung
11   durch viel verglichene Beobachtungen zwar mehrentheils verhütet
12   werden; aber diese Beweisart ist daselbst doch mehrentheils unerheblich.
13   Aber die transscendentalen Versuche der reinen Vernunft werden insgesammt
14   innerhalb dem eigentlichen Medium des dialektischen Scheins angestellt,
15   d. i. des Subjectiven, welches sich der Vernunft in ihren Prämissen
16   als objectiv anbietet, oder gar aufdringt. Hier nun kann es, was
17   synthetische Sätze betrifft, gar nicht erlaubt werden, seine Behauptungen
18   dadurch zu rechtfertigen, daß man das Gegentheil widerlegt. Denn entweder
19   diese Widerlegung ist nichts andres als die bloße Vorstellung des
20   Widerstreits der entgegengesetzten Meinung mit den subjectiven Bedingungen
21   der Begreiflichkeit durch unsere Vernunft, welches gar nichts dazu
22   thut, um die Sache selbst darum zu verwerfen (so wie z. B. die unbedingte
23   Nothwendigkeit im Dasein eines Wesens schlechterdings von uns nicht begriffen
24   werden kann und sich daher subjectiv jedem speculativen Beweise
25   eines nothwendigen obersten Wesens mit Recht, der Möglichkeit eines solchen
26   Urwesens aber an sich selbst mit Unrecht widersetzt); oder beide, sowohl
27   der behauptende als der verneinende Theil, legen, durch den transscendentalen
28   Schein betrogen, einen unmöglichen Begriff vom Gegenstande [op 821]
29   zum Grunde, und da gilt die Regel: non entis nulla sunt praedicata ,
30   d. i. sowohl was man bejahend, als was man verneinend von dem Gegenstande
31   behauptete, ist beides unrichtig, und man kann nicht apagogisch
32   durch die Widerlegung des Gegentheils zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen.
33   So zum Beispiel, wenn vorausgesetzt wird, daß die Sinnenwelt
34   an sich selbst ihrer Totalität nach gegeben sei, so ist es falsch, daß sie
35   entweder unendlich dem Raume nach, oder endlich und begrenzt sein
36   müsse, darum weil beides falsch ist. Denn Erscheinungen (als bloße Vorstellungen),
37   die doch an sich selbst (als Objecte) gegeben wären, sind


[seite 516]


01   etwas Unmögliches, und die Unendlichkeit dieses eingebildeten Ganzen
02   würde zwar unbedingt sein, widerspräche aber (weil alles an Erscheinungen
03   bedingt ist) der unbedingten Größenbestimmung, die doch im Begriffe
04   vorausgesetzt wird.


05   Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk, womit
06   die Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler
07   jederzeit hingehalten worden: sie ist gleichsam der Champion, der die Ehre
08   und das unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch beweisen
09   will, daß er sich mit jedermann zu raufen anheischig macht, der es bezweifeln
10   wollte; obgleich durch solche Großsprecherei nichts in der Sache, sondern
11   nur der respectiven Stärke der Gegner ausgemacht wird und zwar
12   auch nur auf der Seite desjenigen, der sich angreifend verhält. Die Zuschauer, [op 822]
13   indem sie sehen, daß ein jeder in seiner Reihe bald Sieger ist,
14   bald unterliegt, nehmen oftmals daraus Anlaß, das Object des Streits
15   selbst sceptisch zu bezweifeln. Aber sie haben nicht Ursache dazu, und es
16   ist genug, ihnen zuzurufen: non defensoribus istis tempus eget . Ein
17   jeder muß seine Sache vermittelst eines durch transscendentale Deduction
18   der Beweisgründe geführten rechtlichen Beweises, d. i. direct, führen, damit
19   man sehe, was seine Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben.
20   Denn fußt sich sein Gegner auf subjective Gründe, so ist er freilich
21   leicht zu widerlegen, aber ohne Vortheil für den Dogmatiker, der gemeiniglich
22   eben so den subjectiven Ursachen des Urtheils anhängt und gleichergestalt
23   von seinem Gegner in die Enge getrieben werden kann. Verfahren
24   aber beide Theile bloß direct, so werden sie entweder die Schwierigkeit,
25   ja Unmöglichkeit, den Titel ihrer Behauptungen auszufinden, von
26   selbst bemerken und sich zuletzt nur auf Verjährung berufen können, oder
27   die Kritik wird den dogmatischen Schein leicht entdecken und die reine
28   Vernunft nöthigen, ihre zu hoch getriebene Anmaßungen im speculativen
29   Gebrauch aufzugeben und sich innerhalb die Grenzen ihres eigenthümlichen
30   Bodens, nämlich praktischer Grundsätze, zurückzuziehen.


[seite 517]

[op 823]


01   Der transscendentalen Methodenlehre
02   Zweites Hauptstück.
03   Der Kanon der reinen Vernunft.


04   Es ist demüthigend für die menschliche Vernunft, daß sie in ihrem
05   reinen Gebrauche nichts ausrichtet und sogar noch einer Disciplin bedarf,
06   um ihre Ausschweifungen zu bändigen und die Blendwerke, die ihr daherkommen,
07   zu verhüten. Allein andererseits erhebt es sie wiederum und
08   giebt ihr ein Zutrauen zu sich selbst, daß sie diese Disciplin selbst ausüben
09   kann und muß, ohne eine andere Censur über sich zu gestatten, imgleichen
10   daß die Grenzen, die sie ihrem speculativen Gebrauche zu setzen genöthigt
11   ist, zugleich die vernünftelnde Anmaßungen jedes gegners einschränken,
12   und mithin alles, was ihr noch von ihren vorher übertriebenen Forderungen
13   übrig bleiben möchte, gegen alle Angriffe sicher stellen könne. Der
14   größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft
15   ist also wohl nur negativ: da sie nämlich nicht als Organon zur Erweiterung,
16   sondern als Disciplin zur Grenzbestimmung dient und, anstatt
17   Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrthümer zu verhüten.


18   Indessen muß es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen
19   geben, welche ins Gebiet der reinen Vernunft gehören, und die [op 824]
20   vielleicht nur durch Mißverstand zu Irrthümern Anlaß geben, in der That
21   aber das Ziel der Beeiferung der Vernunft ausmachen. Denn welcher
22   Ursache sollte sonst wohl die nicht zu dämpfende Begierde, durchaus über
23   die Grenze der Erfahrung hinaus irgendwo festen Fuß zu fassen, zuzuschreiben
24   sein? Sie ahndet Gegenstände, die ein großes Interesse für sie
25   bei sich führen. Sie tritt den Weg der bloßen Speculation an, um sich
26   ihnen zu nähern; aber diese fliehen vor ihr. Vermuthlich wird auf dem
27   einzigen Wege, der ihr noch übrig ist, nämlich dem des praktischen Gebrauchs,
28   besseres Glück für sie zu hoffen sein.


29   Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori
30   des richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnißvermögen überhaupt. So ist
31   die allgemeine Logik in ihrem analytischen Theile ein Kanon für Verstand
32   und Vernunft überhaupt, aber nur der Form nach, denn sie abstrahirt
33   von allem Inhalte. So war die transscendentale Analytik der Kanon
34   des reinen Verstandes; denn der ist allein wahrer synthetischer Erkenntnisse
35   a priori fähig. Wo aber kein richtiger Gebrauch einer Erkenntnißkraft


[seite 518]


01   möglich ist, da giebt es keinen Kanon. Nun ist alle synthetische Erkenntni
02   der reinen Vernunft in ihrem speculativen Gebrauche nach
03   allen bisher geführten Beweisen gänzlich unmöglich. Also giebt es gar
04   keinen Kanon des speculativen Gebrauchs derselben (denn dieser ist durch
05   und durch dialektisch), sondern alle transscendentale Logik ist in dieser Absicht [op 825]
06   nichts als Disciplin. Folglich wenn es überall einen richtigen Gebrauch
07   der reinen Vernunft giebt, in welchem Fall es auch einen Kanon
08   derselben geben muß, so wird dieser nicht den speculativen, sondern
09   den praktischen Vernunftgebrauch betreffen, den wir also jetzt untersuchen
10   wollen.


11   Des Kanons der reinen Vernunft
12   Erster Abschnitt.
13   Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs
14   unserer Vernunft.


15   Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über
16   den Erfahrungsgebrauch hinaus zu gehen, sich in einem reinen Gebrauche
17   und vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntni
18   hinaus zu wagen und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in
19   einem für sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden. Ist
20   nun diese Bestrebung bloß auf ihr speculatives, oder vielmehr einzig und
21   allein auf ihr praktisches Interesse gegründet?


22   Ich will das Glück, welches die reine Vernunft in speculativer Absicht
23   macht, jetzt bei Seite setzen und frage nur nach den Aufgaben, deren
24   Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht, sie mag diesen nun erreichen oder
25   nicht, und in Ansehung dessen alle andere bloß den Werth der Mittel haben. [op 826]
26   Diese höchste Zwecke werden nach der Natur der Vernunft wiederum
27   Einheit haben müssen, um dasjenige Interesse der Menschheit, welches
28   keinem höheren untergeordnet ist, vereinigt zu befördern.


29   Die Endabsicht, worauf die Speculation der Vernunft im transscendentalen
30   Gebrauche zuletzt hinausläuft, betrifft drei Gegenstände: die
31   Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes.
32   In Ansehung aller drei ist das bloß speculative Interesse der Vernunft
33   nur sehr gering, und in Absicht auf dasselbe würde wohl schwerlich eine


[seite 519]


01   ermüdende, mit unaufhörlichen Hindernissen ringende Arbeit transscendentaler
02   Nachforschung übernommen werden, weil man von allen Entdeckungen,
03   die hierüber zu machen sein möchten, doch keinen Gebrauch machen
04   kann, der in concreto , d. i. in der Naturforschung, seinen Nutzen bewiese.
05   Der Wille mag auch frei sein, so kann dieses doch nur die intelligibele
06   Ursache unseres Wollens angehen. Denn was die Phänomene der Äußerungen
07   desselben, d. i. die Handlungen, betrifft, so müssen wir nach einer
08   unverletzlichen Grundmaxime, ohne welche wir keine Vernunft in empirischem
09   Gebrauche ausüben können, sie niemals anders als alle übrige Erscheinungen
10   der Natur, nämlich nach unwandelbaren Gesetzen derselben,
11   erklären. Es mag zweitens auch die geistige Natur der Seele (und mit
12   derselben ihre Unsterblichkeit) eingesehen werden können, so kann darauf
13   doch weder in Ansehung der Erscheinungen dieses Lebens als einen Erklärungsgrund, [op 827]
14   noch auf die besondere Beschaffenheit des künftigen Zustandes
15   Rechnung gemacht werden, weil unser Begriff einer unkörperlichen
16   Natur bloß negativ ist und unsere Erkenntniß nicht im mindesten erweitert,
17   noch einigen tauglichen Stoff zu Folgerungen darbietet, als etwa zu
18   solchen, die nur für Erdichtungen gelten können, die aber von der Philosophie
19   nicht gestattet werden. Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten
20   Intelligenz bewiesen wäre: so würden wir uns zwar daraus das
21   Zweckmäßige in der Welteinrichtung und Ordnung im Allgemeinen begreiflich
22   machen, keinesweges aber befugt sein, irgend eine besondere Anstalt
23   und Ordnung daraus abzuleiten, oder, wo sie nicht wahrgenommen
24   wird, darauf kühnlich zu schließen; indem es eine nothwendige Regel des
25   speculativen Gebrauchs der Vernunft ist, Naturursachen nicht vorbeizugehen
26   und das, wovon wir uns durch Erfahrung belehren können, aufzugeben,
27   um etwas, was wir kennen, von demjenigen abzuleiten, was alle
28   unsere Kenntniß gänzlich übersteigt. Mit einem Worte, diese drei Sätze
29   bleiben für die speculative Vernunft jederzeit transscendent und haben
30   gar keinen immanenten, d. i. für Gegenstände der Erfahrung zulässigen,
31   mithin für uns auf einige Art nützlichen Gebrauch, sondern sind, an sich
32   betrachtet, ganz müßige und dabei noch äußerst schwere Anstrengungen
33   unserer Vernunft.


34   Wenn demnach diese drei Cardinalsätze uns zum Wissen gar nicht
35   nöthig sind und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen [op 828]
36   werden: so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische angehen
37   müssen.


[seite 520]


01   Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist. Wenn die Bedingungen
02   der Ausübung unserer freien Willkür aber empirisch sind, so kann
03   die Vernunft dabei keinen anderen als regulativen Gebrauch haben und
04   nur die Einheit empirischer Gesetze zu bewirken dienen; wie z. B. in der
05   Lehre der Klugheit die Vereinigung aller Zwecke, die uns von unseren
06   Neigungen aufgegeben sind, in den einigen, die Glückseligkeit und die
07   Zusammenstimmung der Mittel, um dazu zu gelangen, das ganze Geschäfte
08   der Vernunft ausmacht, die um deswillen keine andere als pragmatische
09   Gesetze des freien Verhaltens zu Erreichung der uns von den
10   Sinnen empfohlenen Zwecke und also keine reine Gesetze, völlig a priori
11   bestimmt, liefern kann. Dagegen würden reine praktische Gesetze, deren
12   Zweck durch die Vernunft völlig a priori gegeben ist, und die nicht empirisch
13   bedingt, sondern schlechthin gebieten, Producte der reinen Vernunft
14   sein. Dergleichen aber sind die moralischen Gesetze; mithin gehören diese
15   allein zum praktischen Gebrauche der reinen Vernunft und erlauben einen
16   Kanon.


17   Die ganze Zurüstung also der Vernunft in der Bearbeitung, die
18   man reine Philosophie nennen kann, ist in der That nur auf die drei gedachten
19   Probleme gerichtet. Diese selber aber haben wiederum ihre entferntere
20   Absicht, nämlich was zu thun sei, wenn der Wille frei, wenn [op 829]
21   ein Gott und eine künftige Welt ist. Da dieses nun unser Verhalten in
22   Beziehung auf den höchsten Zweck betrifft, so ist die letzte Absicht der weislich
23   uns versorgenden Natur bei der Einrichtung unserer Vernunft eigentlich
24   nur aufs Moralische gestellt.


25   Es ist aber Behutsamkeit nöthig, um, da wir unser Augenmerk auf
26   einen Gegenstand werfen, der der transscendentalen Philosophie fremd*)
27   ist, nicht in Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu
28   verletzen, andererseits auch, um, indem man von seinem neuen Stoffe zu
29   wenig sagt, es an Deutlichkeit oder Überzeugung nicht fehlen zu lassen.
30   Ich hoffe beides dadurch zu leisten, daß ich mich so nahe als möglich am



31   *) Alle praktische Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens oder Mißfallens,
32   d. i. der Lust und Unlust, mithin wenigstens indirect auf Gegenstände unseres
33   Gefühls. Da dieses aber keine Vorstellungskraft der Dinge ist, sondern außer
34   der gesammten Erkenntnißkraft liegt, so gehören die Elemente unserer Urtheile, so
35   fern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der praktischen, nicht in den Inbegriff
36   der Transscendentalphilosophie, welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a priori
37   zu thun hat.


[seite 521]


01   Transscendentalen halte und das, was etwa hiebei psychologisch, d. i. empirisch,
02   sein möchte, gänzlich bei Seite setze.


03   Und da ist denn zuerst anzumerken, daß ich mich für jetzt des Begriffs
04   der Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde und den in
05   transscendentaler Bedeutung, welcher nicht als ein Erklärungsgrund der [op 830]
06   Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann, sondern selbst ein Problem
07   für die Vernunft ist, hier als oben abgethan bei Seite setze. Eine
08   Willkür nämlich ist bloß thierisch ( arbitrium brutum ), die nicht anders
09   als durch sinnliche Antriebe, d. i. pathologisch, bestimmt werden kann.
10   Diejenige aber, welche unabhängig von sinnlichen Antrieben, mithin durch
11   Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt werden, bestimmt
12   werden kann, heißt die freie Willkür ( arbitrium liberum ), und alles,
13   was mit dieser, es sei als Grund oder Folge, zusammenhängt, wird praktisch
14   genannt. Die praktische Freiheit kann durch Erfahrung bewiesen
15   werden. Denn nicht bloß das, was reizt, d. i. die Sinne unmittelbar
16   afficirt, bestimmt die menschliche Willkür, sondern wir haben ein Vermögen,
17   durch Vorstellungen von dem, was selbst auf entferntere Art
18   nützlich oder schädlich ist, die Eindrücke auf unser sinnliches Begehrungsvermögen
19   zu überwinden; diese Überlegungen aber von dem, was in Ansehung
20   unseres ganzen Zustandes begehrungswerth, d. i. gut und nützlich,
21   ist, beruhen auf der Vernunft. Diese giebt daher auch Gesetze, welche
22   Imperativen, d. i. objective Gesetze der Freiheit, sind, und welche sagen,
23   was geschehen soll, ob es gleich vielleicht nie geschieht, und sich
24   darin von Naturgesetzen, die nur von dem handeln, was geschieht,
25   unterscheiden, weshalb sie auch praktische Gesetze genannt werden. [op 831]
26   Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen, dadurch sie Gesetze


27   vorschreibt, nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei,
28   und das, was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt, in Ansehung
29   höherer und entfernterer wirkenden Ursachen nicht wiederum Natur
30   sein möge, das geht uns im Praktischen, da wir nur die Vernunft um die
31   Vorschrift des Verhaltens zunächst befragen, nichts an, sondern ist eine
32   bloß speculative Frage, die wir, so lange als unsere Absicht aufs Thun
33   oder Lassen gerichtet ist, bei Seite setzen können. Wir erkennen also die
34   praktische Freiheit durch Erfahrung als eine von den Naturursachen, nämlich
35   eine Causalität der Vernunft in Bestimmung des Willens, indessen


[seite 522]


01   daß die transscendentale Freiheit eine Unabhängigkeit dieser Vernunft
02   selbst (in Ansehung ihrer Causalität, eine Reihe von Erscheinungen anzufangen)
03   von allen bestimmenden Ursachen der Sinnenwelt fordert und so
04   fern dem Naturgesetze, mithin aller möglichen Erfahrung zuwider zu sein
05   scheint und also ein Problem bleibt. Allein für die Vernunft im praktischen
06   Gebrauche gehört dieses Problem nicht, also haben wir es in einem
07   Kanon der reinen Vernunft nur mit zwei Fragen zu thun, die das praktische
08   Interesse der reinen Vernunft angehen, und in Ansehung deren ein
09   Kanon ihres Gebrauchs möglich sein muß, nämlich: ist ein Gott? Ist ein
10   künftiges Leben? Die Frage wegen der transscendentalen Freiheit betrifft
11   bloß das speculative Wissen, welche wir als ganz gleichgültig bei [op 832]
12   Seite setzen können, wenn es um das Praktische zu thun ist, und worüber
13   in der Antinomie der reinen Vernunft schon hinreichende Erörterung zu
14   finden ist.


15   Des Kanons der reinen Vernunft
16   Zweiter Abschnitt.
17   Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem
18   Bestimmungsgrunde des letzten Zwecks der reinen Vernunft.


19   Die Vernunft führte uns in ihrem speculativen Gebrauche durch das
20   Feld der Erfahrungen und, weil daselbst für sie niemals völlige Befriedigung
21   anzutreffen ist, von da zu speculativen Ideen, die uns aber am Ende
22   wiederum auf Erfahrung zurückführten, und also ihre Absicht auf eine
23   zwar nützliche, aber unserer Erwartung gar nicht gemäße Art erfüllten.
24   Nun bleibt uns noch ein Versuch übrig: ob nämlich auch reine Vernunft
25   im praktischen Gebrauche anzutreffen sei, ob sie in demselben zu den Ideen
26   führe, welche die höchsten Zwecke der reinen Vernunft, die wir eben angeführt
27   haben, erreichen, und diese also aus dem Gesichtspunkte ihres praktischen
28   Interesse nicht dasjenige gewähren könne, was sie uns in Ansehung
29   des speculativen ganz und gar abschlägt.


30   Alles Interesse meiner Vernunft (das speculative sowohl, als das
31   praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen:

[op 833]


32   1. Was kann ich wissen?
33   2. Was soll ich thun?
34   3. Was darf ich hoffen?


[seite 523]


01   Die erste Frage ist bloß speculativ. Wir haben (wie ich mir schmeichele)
02   alle mögliche Beantwortungen derselben erschöpft und endlich diejenige
03   gefunden, mit welcher sich die Vernunft zwar befriedigen muß und,
04   wenn sie nicht aufs Praktische sieht, auch Ursache hat zufrieden zu sein,
05   sind aber von den zwei großen Zwecken, worauf diese ganze Bestrebung der
06   reinen Vernunft eigentlich gerichtet war, eben so weit entfernt geblieben,
07   als ob wir uns aus Gemächlichkeit dieser Arbeit gleich anfangs verweigert
08   hätten. Wenn es also um Wissen zu thun ist, so ist wenigstens so viel
09   sicher und ausgemacht, daß uns dieses in Ansehung jener zwei Aufgaben
10   niemals zu Theil werden könne.


11   Die zweite Frage ist bloß praktisch. Sie kann als eine solche zwar
12   der reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann doch nicht transscendental,
13   sondern moralisch, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht
14   beschäftigen.


15   Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun thue, was ich soll, was darf
16   ich alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich, so daß das Praktische
17   nur als ein Leitfaden zu Beantwortung der theoretischen und, wenn
18   diese hoch geht, speculativen Frage führt. Denn alles Hoffen geht auf
19   Glückseligkeit und ist in Absicht auf das Praktische und das Sittengesetz
20   eben dasselbe, was das Wissen und das Naturgesetz in Ansehung der theoretischen [op 834]
21   Erkenntniß der Dinge ist. Jenes läuft zuletzt auf den Schlu
22   hinaus, daß etwas sei (was den letzten möglichen Zweck bestimmt), weil
23   etwas geschehen soll; dieses, daß etwas sei (was als oberste Ursache
24   wirkt), weil etwas geschieht.


25   Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen (sowohl
26   extensive der Mannigfaltigkeit derselben, als intensive dem Grade und
27   auch protensive der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus dem Bewegungsgrunde
28   der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch (Klugheitsregel);
29   dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum Bewegungsgrunde nichts
30   anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu sein, moralisch (Sittengesetz).
31   Das erstere räth, was zu thun sei, wenn wir der Glückseligkeit
32   wollen theilhaftig, das zweite gebietet, wie wir uns verhalten sollen, um
33   nur der Glückseligkeit würdig zu werden. Das erstere gründet sich auf
34   empirische Principien; denn anders als vermittelst der Erfahrung kann
35   ich weder wissen, welche Neigungen dasind, die befriedigt werden wollen,


[seite 524]


01   noch welches die Naturursachen sind, die ihre Befriedigung bewirken
02   können. Das zweite abstrahirt von Neigungen und Naturmitteln sie zu
03   befriedigen und betrachtet nur die Freiheit eines vernünftigen Wesens
04   überhaupt und die nothwendigen Bedingungen, unter denen sie allein mit
05   der Austheilung der Glückseligkeit nach Principien zusammenstimmt, und
06   kann also wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen
07   und a priori erkannt werden.

[op 835]


08   Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische Gesetze gebe, die völlig
09   a priori (ohne Rücksicht auf empirische Bewegungsgründe, d. i. Glückseligkeit)
10   das Thun und Lassen, d. i. den Gebrauch der Freiheit eines vernünftigen
11   Wesens überhaupt, bestimmen, und daß diese Gesetze schlechterdings
12   (nicht bloß hypothetisch, unter Voraussetzung anderer empirischen
13   Zwecke) gebieten und also in aller Absicht nothwendig seien. Diesen
14   Satz kann ich mit Recht voraussetzen, nicht allein indem ich mich auf die
15   Beweise der aufgeklärtesten Moralisten, sondern auf das sittliche Urtheil
16   eines jeden Menschen berufe, wenn er sich ein dergleichen Gesetz deutlich
17   denken will.


18   Die reine Vernunft enthält also zwar nicht in ihrem speculativen,
19   aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen, Gebrauche
20   Principien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher
21   Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte des
22   Menschen anzutreffen sein könnten. Denn da sie gebietet, daß solche geschehen
23   sollen, so müssen sie auch geschehen können, und es muß also eine
24   besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die moralische, möglich
25   sein, indessen daß die systematische Natureinheit nach speculativen
26   Principien der Vernunft nicht bewiesen werden konnte, weil die Vernunft
27   zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt, aber nicht in Ansehung
28   der gesammten Natur Causalität hat, und moralische Vernunftprincipien
29   zwar freie Handlungen, aber nicht Naturgesetze hervorbringen können. [op 836]
30   Demnach haben die Principien der reinen Vernunft in ihrem praktischen,
31   namentlich aber dem moralischen Gebrauche objective Realität.


32   Ich nenne die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre
33   (wie sie es denn nach der Freiheit der vernünftigen Wesen sein kann
34   und nach den nothwendigen Gesetzen der Sittlichkeit sein soll), eine
35   moralische Welt. Diese wird so fern bloß als intelligibele Welt gedacht,
36   weil darin von allen Bedingungen (Zwecken) und selbst von allen
37   Hindernissen der Moralität in derselben (Schwäche oder Unlauterkeit der


[seite 525]


01   menschlichen Natur) abstrahirt wird. So fern ist sie als eine bloße, aber
02   doch praktische Idee, die wirklich ihren Einfluß auf die Sinnenwelt haben
03   kann und soll, um sie dieser Idee so viel als möglich gemäß zu machen.
04   Die Idee einer moralischen Welt hat daher objective Realität, nicht als
05   wenn sie auf einen Gegenstand einer intelligibelen Anschauung ginge
06   (dergleichen wir uns gar nicht denken können), sondern auf die Sinnenwelt,
07   aber als einen Gegenstand der reinen Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche
08   und ein corpus mysticum der vernünftigen Wesen in ihr, so fern
09   deren freie Willkür unter moralischen Gesetzen sowohl mit sich selbst, als
10   mit jedes anderen Freiheit durchgängige systematische Einheit an sich hat.


11   Das war die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen
12   Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Thue das, wodurch [op 837]
13   du würdig wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun:
14   wie, wenn ich mich nun so verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig
15   sei, darf ich auch hoffen, ihrer dadurch theilhaftig werden zu können?
16   Es kommt bei der Beantwortung derselben darauf an, ob die Principien
17   der reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch
18   diese Hoffnung nothwendigerweise damit verknüpfen.


19   Ich sage demnach: daß eben sowohl, als die moralischen Principien
20   nach der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche nothwendig sind,
21   eben so nothwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen
22   Gebrauch anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben
23   Maße zu hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten
24   würdig gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem
25   der Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen Vernunft
26   verbunden sei.


27   Nun läßt sich in einer intelligibelen, d. i. der moralischen, Welt, in
28   deren Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit (der Neigungen)
29   abstrahiren, ein solches System der mit der Moralität verbundenen proportionirten
30   Glückseligkeit auch als nothwendig denken, weil die durch sittliche
31   Gesetze theils bewegte, theils restringirte Freiheit selbst die Ursache
32   der allgemeinen Glückseligkeit, die vernünftigen Wesen also selbst unter
33   der Leitung solcher Principien Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer
34   dauerhaften Wohlfahrt sein würden. Aber dieses System der sich selbst [op 838]
35   lohnenden Moralität ist nur eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung


[seite 526]


01   beruht, daß jedermann thue, was er soll, d. i. alle Handlungen
02   vernünftiger Wesen so geschehen, als ob sie aus einem obersten Willen,
03   der alle Privatwillkür in sich oder unter sich befaßt, entsprängen. Da
04   aber die Verbindlichkeit aus dem moralischen Gesetze für jedes besonderen
05   Gebrauch der Freiheit gültig bleibt, wenn gleich andere diesem Gesetze
06   sich nicht gemäß verhielten, so ist weder aus der Natur der Dinge der
07   Welt, noch der Causalität der Handlungen selbst und ihrem Verhältnisse
08   zur Sittlichkeit bestimmt, wie sich ihre Folgen zur Glückseligkeit verhalten
09   werden; und die angeführte nothwendige Verknüpfung der Hoffnung,
10   glücklich zu sein, mit dem unablässigen Bestreben, sich der Glückseligkeit
11   würdig zu machen, kann durch die Vernunft nicht erkannt werden, wenn
12   man bloß Natur zum Grunde legt, sondern darf nur gehofft werden, wenn
13   eine höchste Vernunft, die nach moralischen Gesetzen gebietet, zugleich
14   als Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird.


15   Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch
16   vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache
17   aller Glückseligkeit in der Welt ist, so fern sie mit der Sittlichkeit (als der
18   Würdigkeit glücklich zu sein) in genauem Verhältnisse steht, das Ideal
19   des höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in dem Ideal
20   des höchsten ursprünglichen Guts den Grund der praktisch nothwendigen [op 839]
21   Verknüpfung beider Elemente des höchsten abgeleiteten Guts, nämlich
22   einer intelligibelen, d. i. moralischen, Welt antreffen. Da wir uns nun
23   nothwendiger Weise durch die Vernunft als zu einer solchen Welt gehörig
24   vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts als eine Welt von Erscheinungen
25   darstellen, so werden wir jene als eine Folge unseres Verhaltens
26   in der Sinnenwelt und, da uns diese eine solche Verknüpfung nicht
27   darbietet, als eine für uns künftige Welt annehmen müssen. Gott also
28   und ein künftiges Leben sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine
29   Vernunft auferlegt, nach Principien eben derselben Vernunft nicht zu
30   trennende Voraussetzungen.


31   Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die
32   Glückseligkeit, außer sofern sie der Moralität genau angemessen ausgetheilt
33   ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligibelen Welt unter einem
34   weisen Urheber und Regierer. Einem solchen sammt dem Leben in einer
35   solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht sich die Vernunft
36   genöthigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze als leere Hirngespinste
37   anzusehen, weil der nothwendige Erfolg derselben, den dieselbe


[seite 527]


01   Vernunft mit ihnen verknüpft, ohne jene Voraussetzung wegfallen müßte.
02   Daher auch jedermann die moralischen Gesetze als Gebote ansieht, welches
03   sie aber nicht sein könnten, wenn sie nicht a priori angemessene Folgen
04   mit ihrer Regel verknüpften und also Verheißungen und Drohungen [op 840]
05   bei sich führten. Dieses können sie aber auch nicht thun, wo sie
06   nicht in einem nothwendigen Wesen als dem höchsten Gut liegen, welches
07   eine solche zweckmäßige Einheit allein möglich machen kann.


08   LeibnizPI nannte die Welt, so fern man darin nur auf die vernünftigen
09   Wesen und ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen unter der Regierung
10   des höchsten Guts Acht hat, das Reich der Gnaden und Unterschied
11   es vom Reiche der Natur, da sie zwar unter moralischen Gesetzen
12   stehen, aber keine andere Erfolge ihres Verhaltens erwarten, als nach dem
13   Laufe der Natur unserer Sinnenwelt. Sich also im Reiche der Gnaden
14   zu sehen, wo alle Glückseligkeit auf uns wartet, außer so fern wir unsern
15   Antheil an derselben durch die Unwürdigkeit, glücklich zu sein, nicht selbst
16   einschränken, ist eine praktisch nothwendige Idee der Vernunft.


17   Praktische Gesetze, so fern sie zugleich subjective Gründe der Handlungen,
18   d. i. subjective Grundsätze, werden, heißen Maximen. Die Beurtheilung
19   der Sittlichkeit ihrer Reinigkeit und Folgen nach geschieht
20   nach Ideen, die Befolgung ihrer Gesetze nach Maximen.


21   Es ist nothwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen
22   untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses geschehe,
23   wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches eine
24   bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem Verhalten
25   nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau entsprechenden Ausgang, [op 841]
26   es sei in diesem, oder einem anderen Leben, bestimmt. Ohne also
27   einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt sind
28   die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und
29   der Bewunderung, aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung,
30   weil sie nicht den ganzen Zweck, der einem jeden vernünftigen
31   Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt
32   und nothwendig ist, erfüllen.


33   Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das vollständige
34   Gut. Sie billigt solche nicht (so sehr als auch Neigung dieselbe
35   wünschen mag), wofern sie nicht mit der Würdigkeit, glücklich zu sein, d. i.
36   dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist. Sittlichkeit allein und mit ihr
37   die bloße Würdigkeit, glücklich zu sein, ist aber auch noch lange nicht das


[seite 528]


01   vollständige Gut. Um dieses zu vollenden, muß der, so sich als der Glückseligkeit
02   nicht unwerth verhalten hatte, hoffen können, ihrer theilhaftig zu
03   werden. Selbst die von aller Privatabsicht freie Vernunft, wenn sie, ohne
04   dabei ein eigenes Interesse in Betracht zu ziehen, sich in die Stelle eines
05   Wesens setzte, das alle Glückseligkeit andern auszutheilen hätte, kann nicht
06   anders urtheilen; denn in der praktischen Idee sind beide Stücke wesentlich
07   verbunden, obzwar so, daß die moralische Gesinnung als Bedingung den
08   Antheil an Glückseligkeit und nicht umgekehrt die Aussicht auf Glückseligkeit
09   die moralische Gesinnung zuerst möglich mache. Denn im letzteren [op 842]
10   Falle wäre sie nicht moralisch und also auch nicht der ganzen Glückseligkeit
11   würdig, die vor der Vernunft keine andere Einschränkung erkennt als
12   die, welche von unserem eigenen unsittlichen Verhalten herrührt.


13   Glückseligkeit also in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der
14   vernünftigen Wesen, dadurch sie derselben würdig sind, macht allein das
15   höchste Gut einer Welt aus, darin wir uns nach den Vorschriften der reinen,
16   aber praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen, und welche freilich
17   nur eine intelligibele Welt ist, da die Sinnenwelt uns von der Natur
18   der Dinge dergleichen systematische Einheit der Zwecke nicht verheißt, deren
19   Realität auch auf nichts andres gegründet werden kann, als auf die
20   Voraussetzung eines höchsten ursprünglichen Guts, da selbstständige Vernunft,
21   mit aller Zulänglichkeit einer obersten Ursache ausgerüstet, nach
22   der vollkommensten Zweckmäßigkeit die allgemeine, obgleich in der Sinnenwelt
23   uns sehr verborgene Ordnung der Dinge gründet, erhält und vollführt.


25   Diese Moraltheologie hat nun den eigenthümlichen Vorzug vor der
26   speculativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen, allervollkommensten
27   und vernünftigen Urwesens führt, worauf uns speculative
28   Theologie nicht einmal aus objectiven Gründen hinweiset, geschweige
29   uns davon überzeugen konnte. Denn wir finden weder in der
30   transscendentalen, noch natürlichen Theologie, so weit uns auch Vernunft
31   darin führen mag, einigen bedeutenden Grund, nur ein einiges Wesen [op 843]
32   anzunehmen, welches wir allen Naturursachen vorsetzen, und von dem wir
33   zugleich diese in allen Stücken abhängend zu machen hinreichende Ursache
34   hätten. Dagegen wenn wir aus dem Gesichtspunkte der sittlichen Einheit
35   als einem nothwendigen Weltgesetze die Ursache erwägen, die diesem allein
36   den angemessenen Effect, mithin auch für uns verbindende Kraft geben
37   kann, so muß es ein einiger oberster Wille sein, der alle diese Gesetze in


[seite 529]


01   sich befaßt. Denn wie wollten wir unter verschiedenen Willen vollkommene
02   Einheit der Zwecke finden? Dieser Wille muß allgewaltig sein, damit die
03   ganze Natur und deren Beziehung auf Sittlichkeit in der Welt ihm unterworfen
04   sei; allwissend, damit er das Innerste der Gesinnungen und deren
05   moralischen Werth erkenne; allgegenwärtig, damit er unmittelbar allem
06   Bedürfnisse, welches das höchste Weltbeste erfordert, nahe sei; ewig, damit
07   in keiner Zeit diese Übereinstimmung der Natur und Freiheit ermangele,
08   u. s. w.


09   Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der Intelligenzen,
10   welche, obzwar als bloße Natur nur Sinnenwelt, als ein System
11   der Freiheit aber intelligibele, d. i. moralische, Welt ( regnum gratiae )
12   genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf die zweckmäßige Einheit
13   aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen, nach allgemeinen
14   Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen und nothwendigen
15   Sittengesetzen und vereinigt die praktische Vernunft mit der speculativen. [op 844]
16   Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen vorgestellt werden, wenn
17   sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne welchen wir uns selbst der
18   Vernunft unwürdig halten würden, nämlich dem moralischen, als welcher
19   durchaus auf der Idee des höchsten Guts beruht, zusammenstimmen soll.
20   Dadurch bekommt alle Naturforschung eine Richtung nach der Form eines
21   Systems der Zwecke und wird in ihrer höchsten Ausbreitung Physikotheologie.
22   Diese aber, da sie doch von sittlicher Ordnung, als einer in dem
23   Wesen der Freiheit gegründeten und nicht durch äußere Gebote zufällig
24   gestifteten Einheit, anhob, bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe,
25   die a priori mit der inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft
26   sein müssen und dadurch auf eine transscendentale Theologie,
27   die sich das Ideal der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem
28   Princip der systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und
29   nothwendigen Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der absoluten
30   Nothwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben.


31   Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande
32   machen selbst in Ansehung der Erfahrung, wenn wir uns nicht Zwecke
33   vorsetzen? Die höchsten Zwecke aber sind die der Moralität, und diese
34   kann uns nur reine Vernunft zu erkennen geben. Mit diesen nun versehen
35   und an dem Leitfaden derselben können wir von der Kenntniß der
36   Natur selbst keinen zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der Erkenntni [op 845]
37   machen, wo die Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat;


[seite 530]


01   denn ohne diese hätten wir sogar selbst keine Vernunft, weil wir keine
02   Schule für dieselbe haben würden, und keine Cultur durch Gegenstände,
03   welche den Stoff zu solchen Begriffen darböten. Jene zweckmäßige Einheit
04   ist aber nothwendig und in dem Wesen der Willkür selbst gegründet,
05   diese also, welche die Bedingung der Anwendung derselben in concreto
06   enthält, muß es auch sein, und so würde die transscendentale Steigerung
07   unserer Vernunfterkenntniß nicht die Ursache, sondern bloß die Wirkung
08   von der praktischen Zweckmäßigkeit sein, die uns die reine Vernunft auferlegt.


10   Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft:
11   daß, ehe die moralischen Begriffe genugsam gereinigt, bestimmt und die
12   systematische Einheit der Zwecke nach denselben und zwar aus nothwendigen
13   Principien eingesehen waren, die Kenntniß der Natur und selbst ein
14   ansehnlicher Grad der Cultur der Vernunft in manchen anderen Wissenschaften
15   theils nur rohe und umherschweifende Begriffe von der Gottheit
16   hervorbringen konnte, theils eine zu bewundernde Gleichgültigkeit überhaupt
17   in Ansehung dieser Frage übrig ließ. Eine größere Bearbeitung
18   sittlicher Ideen, die durch das äußerst reine Sittengesetz unserer Religion
19   nothwendig gemacht wurde, schärfte die Vernunft auf den Gegenstand
20   durch das Interesse, das sie an demselben zu nehmen nöthigte; und ohne
21   daß weder erweiterte Naturkenntnisse, noch richtige und zuverlässige transscendentale [op 846]
22   Einsichten (dergleichen zu aller Zeit gemangelt haben) dazu
23   beitrugen, brachten sie einen Begriff vom göttlichen Wesen zu Stande, den
24   wir jetzt für den richtigen halten, nicht weil uns speculative Vernunft von
25   dessen Richtigkeit überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Vernunftprincipien
26   vollkommen zusammenstimmt. Und so hat am Ende doch immer
27   nur reine Vernunft, aber nur in ihrem praktischen Gebrauche das
28   Verdienst, ein Erkenntniß, das die bloße Speculation nur wähnen, aber
29   nicht geltend machen kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen und dadurch
30   zwar nicht zu einem demonstrirten Dogma, aber doch zu einer
31   schlechterdings nothwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten
32   Zwecken zu machen.


33   Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat,
34   nämlich den Begriff eines einigen Urwesens als des höchsten Guts, so
35   darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirische
36   Bedingungen seiner Anwendung erhoben und zur unmittelbaren
37   Kenntniß neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe


[seite 531]


01   auszugehen und die moralischen Gesetze selbst von ihm abzuleiten. Denn
02   diese waren es eben, deren innere praktische Nothwendigkeit uns zu der
03   Voraussetzung einer selbstständigen Ursache oder eines weisen Weltregierers
04   führte, um jenen Gesetzen Effect zu geben; und daher können wir sie
05   nicht nach diesem wiederum als zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet [op 847]
06   ansehen, insonderheit von einem solchen Willen, von dem wir gar keinen
07   Begriff haben würden, wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet
08   hätten. Wir werden, so weit praktische Vernunft uns zu führen das Recht
09   hat, Handlungen nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote
10   Gottes sind, sondern sie darum als göttliche Gebote ansehen, weil wir
11   dazu innerlich verbindlich sind. Wir werden die Freiheit unter der zweckmäßigen
12   Einheit nach Principien der Vernunft studiren und nur so fern
13   Glauben dem göttlichen Willen gemäß zu sein, als wir das Sittengesetz,
14   welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen selbst lehrt,
15   heilig halten, und ihm dadurch allein zu dienen glauben, daß wir das
16   Weltbeste an uns und an andern befördern. Die Moraltheologie ist also
17   nur von immanentem Gebrauche, nämlich unsere Bestimmung hier in der
18   Welt zu erfüllen, indem wir in das System aller Zwecke passen, und nicht
19   schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer moralisch gesetzgebenden
20   Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen, um ihn unmittelbar
21   an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen, welches einen
22   transscendenten Gebrauch geben würde, aber eben so wie der der bloßen
23   Speculation die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und vereiteln muß.

[op 848]


24   Des Kanons der reinen Vernunft
25   Dritter Abschnitt.
26   Vom Meinen, Wissen und Glauben.


27   Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande,
28   die auf objectiven Gründen beruhen mag, aber auch subjective Ursachen
29   im Gemüthe dessen, der da urtheilt, erfordert. Wenn es für jedermann
30   gültig ist, so fern er nur Vernunft hat, so ist der Grund desselben objectiv
31   hinreichend, und das Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung.


[seite 532]


01   Hat es nur in der besonderen Beschaffenheit des Subjects seinen Grund,
02   so wird es Überredung genannt.


03   Überredung ist ein bloßer Schein, weil der Grund des Urtheils, welcher
04   lediglich im Subjecte liegt, für objectiv gehalten wird. Daher hat ein
05   solches Urtheil auch nur Privatgültigkeit, und das Fürwahrhalten läßt
06   sich nicht mittheilen. Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung mit
07   dem Objecte, in Ansehung dessen folglich die Urtheile eines jeden Verstandes
08   einstimmig sein müssen ( consentientia uni tertio consentiunt inter
09   se ). Der Probirstein des Fürwahrhaltens, ob es Überzeugung oder
10   bloße Überredung sei, ist also äußerlich die Möglichkeit, dasselbe mitzutheilen,
11   und das Fürwahrhalten für jedes Menschen Vernunft gültig zu
12   befinden; denn alsdann ist wenigstens eine Vermuthung, der Grund der [op 849]
13   Einstimmung aller Urtheile ungeachtet der Verschiedenheit der Subjecte
14   unter einander werde auf dem gemeinschaftlichen Grunde, nämlich dem
15   Objecte, beruhen, mit welchem sie daher alle zusammenstimmen und dadurch
16   die Wahrheit des Urtheils beweisen werden.


17   Überredung demnach kann von der Überzeugung subjectiv zwar nicht
18   unterschieden werden, wenn das Subject das Fürwahrhalten bloß als Erscheinung
19   seines eigenen Gemüths vor Augen hat; der Versuch aber, den
20   man mit den Gründen desselben, die für uns gültig sind, an anderer Verstand
21   macht, ob sie auf fremde Vernunft eben dieselbe Wirkung thun, als
22   auf die unsrige, ist doch ein, obzwar nur subjectives Mittel, zwar nicht
23   Überzeugung zu bewirken, aber doch die bloße Privatgültigkeit des Urtheils,
24   d. i. etwas in ihm, was bloße Überredung ist, zu entdecken.


25   Kann man überdem die subjectiven Ursachen des Urtheils, welche
26   wir für objective Gründe desselben nehmen, entwickeln und mithin das
27   trügliche Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüthe erklären,
28   ohne dazu die Beschaffenheit des Objects nöthig zu haben: so entblößen
29   wir den Schein und werden dadurch nicht mehr hintergangen, obgleich
30   immer noch in gewissem Grade versucht, wenn die subjective Ursache des
31   Scheins unserer Natur anhängt.


32   Ich kann nichts behaupten, d. i. als ein für jedermann nothwendig [op 850]
33   gültiges Urtheil aussprechen, als was Überzeugung wirkt. Überredung
34   kann ich für mich behalten, wenn ich mich dabei wohl befinde, kann
35   sie aber und soll sie außer mir nicht geltend machen wollen.


36   Das Fürwahrhalten oder die subjective Gültigkeit des Urtheils in
37   Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objectiv gilt) hat folgende


[seite 533]


01   drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein mit Bewußtsein
02   sowohl subjectiv, als objectiv unzureichendes Fürwahrhalten.
03   Ist das letztere nur subjectiv zureichend und wird zugleich für objectiv unzureichend
04   gehalten, so heißt es Glauben. Endlich heißt das sowohl
05   subjectiv als objectiv zureichende Fürwahrhalten das Wissen. Die subjective
06   Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die objective
07   Gewißheit (für jedermann). Ich werde mich bei der Erläuterung so
08   faßlicher Begriffe nicht aufhalten.


09   Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens
10   etwas zu wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urtheil
11   eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht vollständig,
12   doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz einer solchen
13   Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn wenn ich in Ansehung dessen
14   auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel der Einbildung
15   ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit. In Urtheilen aus reiner
16   Vernunft ist es gar nicht erlaubt, zu meinen. Denn weil sie nicht auf [op 851]
17   Erfahrungsgründe gestützt werden, sondern alles a priori erkannt werden
18   soll, wo alles nothwendig ist, so erfordert das Princip der Verknüpfung
19   Allgemeinheit und Nothwendigkeit, mithin völlige Gewißheit, widrigenfalls
20   gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen wird. Daher ist es ungereimt,
21   in der reinen Mathematik zu meinen; man muß wissen, oder sich
22   alles Urtheilens enthalten. Eben so ist es mit den Grundsätzen der Sittlichkeit
23   bewandt, da man nicht auf bloße Meinung, daß etwas erlaubt
24   sei, eine Handlung wagen darf, sondern dieses wissen muß.


25   Im transscendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen
26   freilich zu wenig, aber Wissen auch zu viel. In bloß speculativer Absicht
27   können wir also hier gar nicht urtheilen: weil subjective Gründe des Fürwahrhaltens
28   wie die, so das Glauben bewirken können, bei speculativen
29   Fragen keinen Beifall verdienen, da sie sich frei von aller empirischen
30   Beihülfe nicht halten, noch in gleichem Maße andern mittheilen lassen.


31   Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch
32   unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische
33   Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit, oder der Sittlichkeit,
34   die erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber zu schlechthin
35   nothwendigen Zwecken.


36   Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist, so sind die Bedingungen der
37   Erreichung desselben hypothetisch nothwendig. Diese Nothwendigkeit ist


[seite 534]

[op 852]
01   subjectiv, aber doch nur comparativ zureichend, wenn ich gar keine andere
02   Bedingungen weiß, unter denen der Zweck zu erreichen wäre; aber sie ist
03   schlechthin und für jedermann zureichend, wenn ich gewiß weiß, daß niemand
04   andere Bedingungen kennen könne, die auf den vorgesetzten Zweck
05   führen. Im ersten Falle ist meine Voraussetzung und das Fürwahrhalten
06   gewisser Bedingungen ein bloß zufälliger, im zweiten Falle aber
07   ein nothwendiger Glaube. Der Arzt muß bei einem Kranken, der in Gefahr
08   ist, etwas thun, kennt aber die Krankheit nicht. Er sieht auf die Erscheinungen
09   und urtheilt, weil er nichts Besseres weiß, es sei die Schwindsucht.
10   Sein Glaube ist selbst in seinem eigenen Urtheile bloß zufällig,
11   ein anderer möchte es vielleicht besser treffen. Ich nenne dergleichen zufälligen
12   Glauben, der aber dem wirklichen Gebrauche der Mittel zu gewissen
13   Handlungen zum Grunde liegt, den pragmatischen Glauben.


14   Der gewöhnliche Probirstein, ob etwas bloße Überredung, oder wenigstens
15   subjective Überzeugung, d. i. festes Glauben, sei, was jemand
16   behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so zuversichtlichem
17   und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis des Irrthums
18   gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn stutzig.
19   Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf einen Dukaten
20   an Werth geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn besitze. Denn [op 853]
21   den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehnen wird er allererst inne, was
22   er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl möglich sei, er habe
23   sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt, man solle worauf das
24   Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet unser triumphirendes
25   Urtheil gar sehr, wir werden überaus schüchtern und entdecken so allererst,
26   daß unser Glaube so weit nicht zulange. So hat der pragmatische Glaube
27   nur einen Grad, der nach Verschiedenheit des Interesse, das dabei im
28   Spiele ist, groß oder auch klein sein kann.


29   Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Object gar nichts
30   unternehmen können, also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist, wir
31   doch in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und uns einbilden
32   können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben vermeinen,
33   wenn es ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache auszumachen, so giebt
34   es in bloß theoretischen Urtheilen ein Analogon von praktischen, auf
35   deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und den wir den doctrinalen
36   Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre durch irgend
37   eine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das Meinige darauf


[seite 535]


01   verwetten, daß es wenigstens in irgend einem von den Planeten, die
02   wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht bloß Meinung,
03   sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich schon viele Vortheile
04   des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner anderer Welten gebe.

[op 854]


05   Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Dasein Gottes zum
06   doctrinalen Glauben gehöre. Denn ob ich gleich in Ansehung der theoretischen
07   Weltkenntniß nichts zu verfügen habe, was diesen Gedanken als
08   Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt nothwendig
09   voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft mich so zu
10   bedienen, als ob alles bloß Natur sei: so ist doch die zweckmäßige Einheit
11   eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft auf Natur, da
12   ich, da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele darbietet, sie
13   gar nicht vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit aber kenne ich keine andere
14   Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der Naturforschung machte, als
15   wenn ich voraussetze, daß eine höchste Intelligenz alles nach den weisesten
16   Zwecken so geordnet habe. Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen,
17   aber doch nicht unerheblichen Absicht, nämlich um eine Leitung
18   in der Nachforschung der Natur zu haben, einen weisen Welturheber vorauszusetzen.


19   Der Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die
20   Brauchbarkeit dieser Voraussetzung, und nichts kann auf entscheidende
21   Art dawider angeführt werden, daß ich viel zu wenig sage, wenn ich mein
22   Fürwahrhalten bloß ein Meinen nennen wollte; sondern es kann selbst in
23   diesem theoretischen Verhältnisse gesagt werden, daß ich festiglich einen
24   Gott glaube; aber alsdann ist dieser Glaube in strenger Bedeutung dennoch
25   nicht praktisch, sondern muß ein doctrinaler Glaube genannt werden, [op 855]
26   den die Theologie der Natur (Physikotheologie) nothwendig allerwärts
27   bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in Rücksicht auf die
28   vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur und die derselben so
29   schlecht angemessene Kürze des Lebens kann eben sowohl genugsamer
30   Grund zu einem doctrinalen Glauben des künftigen Lebens der menschlichen
31   Seele angetroffen werden.
32   Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der
33   Bescheidenheit in objectiver Absicht, aber doch zugleich der Festigkeit des
34   Zutrauens in subjectiver. Wenn ich das bloß theoretische Fürwahrhalten
35   hier auch nur Hypothese nennen wollte, die ich anzunehmen berechtigt
36   wäre, so würde ich mich dadurch schon anheischig machen, mehr von
37   der Beschaffenheit einer Weltursache und einer andern Welt Begriff zu


[seite 536]


01   haben, als ich wirklich aufzeigen kann; denn was ich auch nur als Hypothese
02   annehme, davon muß ich wenigstens seinen Eigenschaften nach so
03   viel kennen, daß ich nicht seinen Begriff, sondern nur sein Dasein
04   erdichten darf. Das Wort Glauben aber geht nur auf die Leitung, die mir
05   eine Idee giebt, und den subjectiven Einfluß auf die Beförderung meiner
06   Vernunfthandlungen, die mich an derselben festhält, ob ich gleich von ihr
07   nicht im Stande bin in speculativer Absicht Rechenschaft zu geben.


08   Aber der bloß doctrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich; man
09   wird oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Speculation vorfinden, aus [op 856]
10   demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum zurück
11   kehrt.
12   Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn
13   da ist es schlechterdings nothwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich
14   daß ich dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist
15   hier unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung nach
16   aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gesammten
17   Zwecken zusammenhängt und dadurch praktische Gültigkeit habe,
18   nämlich daß ein Gott und eine künftige Welt sei; ich weiß auch ganz gewiß,
19   daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf dieselbe Einheit
20   der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führen. Da aber also die sittliche
21   Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie denn die Vernunft gebietet,
22   daß sie es sein soll), so werde ich unausbleiblich ein Dasein Gottes und
23   ein künftiges Leben glauben und bin sicher, daß diesen Glauben nichts
24   wankend machen könne, weil dadurch meine sittliche Grundsätze selbst umgestürzt
25   werden würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen
26   eigenen Augen verabscheuungswürdig zu sein.
27   Auf solche Weise bleibt uns nach Vereitelung aller ehrsüchtigen Absichten


28   einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus herumschweifenden
29   Vernunft noch genug übrig, daß wir damit in praktischer Absicht zufrieden
30   zu sein Ursache haben. Zwar wird freilich sich niemand rühmen können: [op 857]
31   er wisse, daß ein Gott und daß ein künftig Leben sei; denn wenn er das
32   weiß, so ist er gerade der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen
33   (wenn es einen Gegenstand der bloßen Vernunft betrifft) kann man mittheilen,
34   und ich würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung
35   mein Wissen in so bewundrungswürdigem Maße ausgedehnt zu sehen.
36   Nein, die Überzeugung ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit,
37   und da sie auf subjectiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht,


[seite 537]


01   so muß ich nicht einmal sagen: es ist moralisch gewiß, daß ein Gott sei etc.,
02   sondern: ich bin moralisch gewiß etc.. Das heißt: der Glaube an einen
03   Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so verwebt,
04   daß, so wenig ich Gefahr laufe, die letztere einzubüßen, eben so wenig
05   besorge ich, daß mir der erste jemals entrissen werden könne.


06   Das einzige Bedenkliche, das sich hiebei findet, ist, daß sich dieser
07   Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet.
08   Gehn wir davon ab und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher Gesetze
09   gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die Vernunft aufwirft,
10   bloß eine Aufgabe für die Speculation und kann alsdann zwar
11   noch mit starken Gründen aus der Analogie, aber nicht mit solchen, denen
12   sich die hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte, unterstützt werden*). [op 858]
13   Es ist aber kein Mensch bei diesen Fragen frei von allem Interesse. Denn
14   ob er gleich von dem moralischen durch den Mangel guter Gesinnungen
15   getrennt sein möchte: so bleibt doch auch in diesem Falle genug übrig,
16   um zu machen, daß er ein göttliches Dasein und eine Zukunft fürchte.
17   Denn hiezu wird nichts mehr erfordert, als daß er wenigstens keine
18   Gewißheit vorschützen könne, daß kein solches Wesen und kein künftig
19   Leben anzutreffen sei, wozu, weil es durch bloße Vernunft, mithin apodiktisch
20   bewiesen werden müßte, er die Unmöglichkeit von beiden darzuthun
21   haben würde, welches gewiß kein vernünftiger Mensch übernehmen kann.
22   Das würde ein negativer Glaube sein, der zwar nicht Moralität und
23   gute Gesinnungen, aber doch das Analogon derselben bewirken, nämlich
24   den Ausbruch der bösen mächtig zurückhalten könnte.


25   Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet,
26   indem sie über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet?
27   nichts mehr als zwei Glaubensartikel? So viel hätte auch wohl der gemeine



28   *) Das menschliche Gemüth nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem vernünftigen
29   Wesen nothwendig geschieht) ein natürliches Interesse an der Moralität,
30   ob es gleich nicht ungetheilt und praktisch überwiegend ist. Befestigt und vergrößert
31   dieses Interesse, und ihr werdet die Vernunft sehr gelehrig und selbst aufgeklärter
32   finden, um mit dem praktischen auch das speculative Interesse zu vereinigen. Sorget
33   ihr aber nicht dafür, daß ihr vorher wenigstens auf dem halben Wege gute Menschen
34   macht, so werdet ihr auch niemals aus ihnen aufrichtig gläubige Menschen machen.


[seite 538]

[op 859]
01   Verstand, ohne darüber die Philosophen zu Rathe zu ziehen, ausrichten
02   können!


03   Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die
04   mühsame Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe; gesetzt,
05   es sollte auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden; denn
06   davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber
07   verlangt ihr denn, daß ein Erkenntniß, welches alle Menschen angeht, den
08   gemeinen Verstand übersteigen und euch nur von Philosophen entdeckt
09   werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste Bestätigung von der
10   Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es das, was man anfangs
11   nicht vorhersehen konnte, entdeckt, nämlich daß die Natur in dem, was Menschen
12   ohne Unterschied angelegen ist, keiner parteiischen Austheilung ihrer
13   Gaben zu beschuldigen sei, und die höchste Philosophie in Ansehung der
14   wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne,
15   als die Leitung, welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen
16   lassen.

[op 860]


17   Der transscendentalen Methodenlehre
18   Drittes Hauptstück.
19   Die Architektonik der reinen Vernunft.


20   Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil
21   die systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntniß allererst
22   zur Wissenschaft, d. i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System,
23   macht, so ist Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer Erkenntni
24   überhaupt, und sie gehört also nothwendig zur Methodenlehre.


25   Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt
26   keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem
27   sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern
28   können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit der mannigfaltigen
29   Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff von
30   der Form eines Ganzen, so fern durch denselben der Umfang des Mannigfaltigen
31   sowohl, als die Stelle der Theile untereinander a priori bestimmt


[seite 539]


01   wird. Der scientifische Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die
02   Form des Ganzen, das mit demselben congruirt. Die Einheit des Zwecks,
03   worauf sich alle Theile und in der Idee desselben auch unter einander beziehen,
04   macht, daß ein jeder Theil bei der Kenntniß der übrigen vermißt [op 861]
05   werden kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe
06   der Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmte Grenzen habe, stattfindet.
07   Das Ganze ist also gegliedert ( articulatio ) und nicht gehäuft
08   ( coacervatio ); es kann zwar innerlich ( per intussusceptionem ), aber nicht
09   äußerlich ( per appositionem ) wachsen, wie ein thierischer Körper, dessen
10   Wachsthum kein Glied hinzusetzt, sondern ohne Veränderung der Proportion
11   ein jedes zu seinen Zwecken stärker und tüchtiger macht.


12   Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d. i. eine a priori
13   aus dem Princip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und
14   Ordnung der Theile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d. i.
15   aus dem Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich
16   darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kann), entworfen
17   wird, giebt technische, dasjenige aber, was nur zu Folge einer
18   Idee entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgiebt und nicht empirisch
19   erwartet), gründet architektonische Einheit. Nicht technisch wegen
20   der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des zufälligen Gebrauchs
21   der Erkenntniß in concreto zu allerlei beliebigen äußeren Zwecken, sondern
22   architektonisch um der Verwandtschaft willen und der Ableitung von
23   einem einigen obersten und inneren Zwecke, der das ganze allererst möglich
24   macht, kann dasjenige entspringen, was wir Wissenschaft nennen,
25   dessen Schema den Umriß ( monogramma ) und die Eintheilung des Ganzen [op 862]
26   in Glieder der Idee gemäß, d. i. a priori, enthalten und dieses von
27   allen anderen sicher und nach Principien unterscheiden muß.


28   Niemand versucht es, eine Wissenschaft zu Stande zu bringen, ohne
29   daß ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein in der Ausarbeitung derselben
30   entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu Anfange
31   von seiner Wissenschaft giebt, sehr selten seiner Idee; denn diese
32   liegt wie ein Keim in der Vernunft, in welchem alle Theile noch sehr eingewickelt
33   und kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar verborgen
34   liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch alle aus dem
35   Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesse ausgedacht werden,
36   nicht nach der Beschreibung, die der Urheber derselben davon giebt, sondern
37   nach der Idee, welche man aus der natürlichen Einheit der Theile,


[seite 540]


01   die er zusammengebracht hat, in der Vernunft selbst gegründet findet, erklären
02   und bestimmen. Denn da wird sich finden, daß der Urheber und
03   oft noch seine spätesten Nachfolger um eine Idee herumirren, die sie sich
04   selbst nicht haben deutlich machen und daher den eigenthümlichen Inhalt,
05   die Articulation (systematische Einheit) und Grenzen der Wissenschaft nicht
06   bestimmen können.


07   Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach Anweisung
08   einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele dahin
09   sich beziehende Erkenntnisse als Bauzeug gesammlet, ja gar lange Zeiten [op 863]
10   hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, es uns dann allererst möglich
11   ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken und ein Ganzes nach den
12   Zwecken der Vernunft architektonisch zu entwerfen. Die Systeme scheinen
13   wie Gewürme durch eine generatio aequivoca aus dem bloßen Zusammenflu
14   von aufgesammleten Begriffen anfangs verstümmelt, mit der Zeit
15   vollständig gebildet worden zu sein, ob sie gleich alle insgesammt ihr
16   Schema als den ursprünglichen Keim in der sich bloß auswickelnden Vernunft
17   hatten und darum nicht allein ein jedes für sich nach einer Idee gegliedert,
18   sondern noch dazu alle unter einander in einem System menschlicher
19   Erkenntniß wiederum als Glieder eines Ganzen zweckmäßig vereinigt
20   sind und eine Architektonik alles menschlichen Wissens erlauben, die
21   jetziger Zeit, da schon so viel Stoff gesammlet ist, oder aus Ruinen eingefallener
22   alter Gebäude genommen werden kann, nicht allein möglich,
23   sondern nicht einmal so gar schwer sein würde. Wir begnügen uns hier
24   mit der Vollendung unseres Geschäftes, nämlich lediglich die Architektonik
25   aller Erkenntniß aus reiner Vernunft zu entwerfen, und fangen
26   nur von dem Punkte an, wo sich die allgemeine Wurzel unserer Erkenntnißkraft
27   theilt und zwei Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich
28   verstehe hier aber unter Vernunft das ganze obere Erkenntnißvermögen
29   und setze also das Rationale dem Empirischen entgegen.


30   Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntniß, objectiv betrachtet abstrahire, [op 864]
31   so ist alles Erkenntniß subjectiv entweder historisch oder rational.
32   Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis , die rationale aber cognitio
33   ex principiis . Eine Erkenntniß mag ursprünglich gegeben sein, woher sie
34   wolle, so ist sie doch bei dem, der sie besitzt, historisch, wenn er nur in dem
35   Grade und so viel erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden; es mag
36   dieses ihm nur durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder auch
37   Belehrung (allgemeiner Erkenntnisse) gegeben sein. Daher hat der, welcher


[seite 541]


01   ein System der Philosophie, z. B. das Wolffische, eigentlich gelernt hat,
02   ob er gleich alle Grundsätze, Erklärungen und Beweise zusammt der Eintheilung
03   des ganzen Lehrgebäudes im Kopf hätte und alles an den Fingern
04   abzählen könnte, doch keine andere als vollständige historische
05   Erkenntniß der Wolffischen Philosophie; er weiß und urtheilt nur so
06   viel, als ihm gegeben war. Streitet ihm eine Definition, so weiß er nicht,
07   wo er eine andere hernehmen soll. Er bildete sich nach fremder Vernunft,
08   aber das nachbildende Vermögen ist nicht das erzeugende, d. i. das Erkenntni
09   entsprang bei ihm nicht aus Vernunft, und ob es gleich objectiv
10   allerdings ein Vernunfterkenntniß war, so ist es doch subjectiv bloß historisch.
11   Er hat gut gefaßt und behalten, d. i. gelernt, und ist ein Gipsabdruck
12   von einem lebenden Menschen. Vernunfterkenntnisse, die es objectiv
13   sind (d. i. anfangs nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen
14   können), dürfen nur dann allein auch subjectiv diesen Namen [op 865]
15   führen, wenn sie aus allgemeinen Quellen der Vernunft, woraus auch die
16   Kritik, ja selbst die Verwerfung des Gelernten entspringen kann, d. i. aus
17   Principien, geschöpft worden.


18   Alle Vernunfterkenntniß ist nun entweder die aus Begriffen, oder
19   aus der Construction der Begriffe; die erstere heißt philosophisch, die
20   zweite mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich schon
21   im ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkenntniß demnach kann objectiv
22   philosophisch sein und ist doch subjectiv historisch, wie bei den meisten
23   Lehrlingen und bei allen, die über die Schule niemals hinaussehen und
24   zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch sonderbar, daß das mathematische
25   Erkenntniß, so wie man es erlernt hat, doch auch subjectiv für
26   Vernunfterkenntniß gelten kann, und ein solcher Unterschied bei ihm nicht
27   so wie bei dem philosophischen stattfindet. Die Ursache ist, weil die Erkenntnißquellen,
28   aus denen der Lehrer allein schöpfen kann, nirgend anders
29   als in den wesentlichen und ächten Principien der Vernunft liegen
30   und mithin von dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa
31   gestritten werden können; und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der
32   Vernunft hier nur in concreto , obzwar dennoch a priori, nämlich an der
33   reinen und eben deswegen fehlerfreien Anschauung, geschieht und alle
34   Täuschung und Irrthum ausschließt. Man kann also unter allen Vernunftwissenschaften
35   (a priori) nur allein Mathematik, niemals aber Philosophie


[seite 542]


01   (es sei denn historisch), sondern, was die Vernunft betrifft, höchstens
02   nur philosophiren lernen.

[op 866]


03   Das System aller philosophischen Erkenntniß ist nur Philosophie.
04   Man muß sie objectiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurtheilung
05   aller Versuche zu philosophiren versteht, welche jede subjective
06   Philosophie zu beurtheilen dienen soll, deren Gebäude oft so mannigfaltig
07   und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie eine bloße Idee
08   von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in concreto gegeben ist,
09   welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu nähern sucht, so lange bis
10   der einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entdeckt wird,
11   und das bisher verfehlte Nachbild, so weit als es Menschen vergönnt ist,
12   dem Urbilde gleich zu machen gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie
13   lernen; denn wo ist sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie
14   sich erkennen? Man kann nur philosophiren lernen, d. i. das Talent der
15   Vernunft in der Befolgung ihrer allgemeinen Principien an gewissen vorhandenen
16   Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft,
17   jene selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder
18   zu verwerfen.


19   Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff,
20   nämlich von einem System der Erkenntniß, die nur als Wissenschaft
21   gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses
22   Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntniß zum Zwecke
23   zu haben. Es giebt aber noch einen Weltbegriff ( conceptus cosmicus ),
24   der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich wenn [op 867]
25   man ihn gleichsam personificirte und in dem Ideal des Philosophen sich
26   als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist Philosophie die Wissenschaft
27   von der Beziehung aller Erkenntniß auf die wesentlichen Zwecke der
28   menschlichen Vernunft ( teleologia rationis humanae ), und der Philosoph
29   ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen
30   Vernunft. In solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig, sich selbst einen
31   Philosophen zu nennen und sich anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der
32   Idee liegt, gleichgekommen zu sein.


33   Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortrefflich
34   die ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse, die zweiten besonders
35   im philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen, doch nur
36   Vernunftkünstler. Es giebt noch einen Lehrer im Ideal, der alle diese ansetzt,
37   sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke der menschlichen


[seite 543]


01   Vernunft zu befördern. Diesen allein müßten wir den Philosophen
02   nennen; aber da er selbst doch nirgend, die Idee aber seiner Gesetzgebung
03   allenthalben in jeder Menschenvernunft angetroffen wird, so wollen wir
04   uns lediglich an der letzteren halten und näher bestimmen, was Philosophie [op 868]
05   nach diesem Weltbegriffe*) für systematische Einheit aus dem Standpunkte
06   der Zwecke vorschreibe.


07   Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bei
08   vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger sein
09   kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne Zwecke, die
10   zu jenem als Mittel nothwendig gehören. Der erstere ist kein anderer,
11   als die ganze Bestimmung des Menschen, und die Philosophie über dieselbe
12   heißt Moral. Um dieses Vorzugs willen, den die Moralphilosophie
13   vor aller anderen Vernunftbewerbung hat, verstand man auch bei den Alten
14   unter dem Namen des Philosophen jederzeit zugleich und vorzüglich
15   den Moralisten; und selbst macht der äußere Schein der Selbstbeherrschung
16   durch Vernunft, daß man jemanden noch jetzt bei seinem eingeschränkten
17   Wissen nach einer gewissen Analogie Philosoph nennt.


18   Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun
19   zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz,
20   als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt
21   aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie der
22   Natur geht auf alles, was da ist, die der Sitten nur auf das, was da
23   sein soll.


24   Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntniß aus reiner Vernunft,
25   oder Vernunfterkenntniß aus empirischen Principien. Die erstere heißt
26   reine, die zweite empirische Philosophie.

[op 869]


27   Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik
28   (Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen
29   Erkenntniß a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das
30   System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl als
31   *) Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann nothwendig
32   interessirt; mithin bestimme ich die Absicht einer Wissenschaft nach Schulbegriffen,
33   wenn sie nur als eine von den Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen
34   Zwecken angesehen wird.


[seite 544]


01   scheinbare) philosophische Erkenntniß aus reiner Vernunft im systematischen
02   Zusammenhange, und heißt Metaphysik; wiewohl dieser Name
03   auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Kritik gegeben werden
04   kann, um sowohl die Untersuchung alles dessen, was jemals a priori
05   erkannt werden kann, als auch die Darstellung desjenigen, was ein System
06   reiner philosophischen Erkenntnisse dieser Art ausmacht, von allem
07   empirischen aber, imgleichen dem mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden
08   ist, zusammenzufassen.


09   Die Metaphysik theilt sich in die des speculativen und praktischen
10   Gebrauchs der reinen Vernunft und ist also entweder Metaphysik der
11   Natur, oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reine Vernunftprincipien
12   aus bloßen Begriffen (mithin mit Ausschließung der
13   Mathematik) von dem theoretischen Erkenntnisse aller Dinge; diese die
14   Principien, welche das thun und lassen a priori bestimmen und nothwendig
15   machen. Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der
16   Handlungen, die völlig a priori, aus Principien, abgeleitet werden kann.
17   Daher ist die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral, in welcher [op 870]
18   keine Anthropologie (keine empirische Bedingung) zum Grunde gelegt
19   wird. Die Metaphysik der speculativen Vernunft ist nun das, was man
20   im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; so fern aber reine
21   Sittenlehre doch gleichwohl zu dem besonderen Stamme menschlicher und
22   zwar philosophischer Erkenntniß aus reiner Vernunft gehört, so wollen
23   wir ihr jene Benennung erhalten, obgleich wir sie, als zu unserm Zwecke
24   jetzt nicht gehörig, hier bei Seite setzen.


25   Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer Gattung
26   und Ursprunge nach von andern unterschieden sind, zu isoliren und
27   sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit andern, mit welchen sie im Gebrauche
28   gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch zusammenfließen. Was
29   Chemiker beim Scheiden der Materien, was Mathematiker in ihrer reinen
30   Größenlehre thun, das liegt noch weit mehr den Philosophen ob, damit er
31   den Antheil, den eine besondere Art der Erkenntniß am herumschweifenden
32   Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen Werth und Einfluß sicher bestimmen
33   könne. Daher hat die menschliche Vernunft seitdem, daß sie gedacht,
34   oder vielmehr nachgedacht hat, niemals einer Metaphysik entbehren,
35   aber gleichwohl sie nicht genugsam geläutert von allem Fremdartigen darstellen
36   können. Die Idee einer solchen Wissenschaft ist eben so alt, als
37   speculative Menschenvernunft; und welche Vernunft speculirt nicht, es mag


[seite 545]


01   nun auf scholastische, oder populäre Art geschehen? Man muß indessen [op 871]
02   gestehen, daß die Unterscheidung der zwei Elemente unserer Erkenntniß,
03   deren die einen völlig a priori in unserer Gewalt sind, die anderen nur
04   a posteriori aus der Erfahrung genommen werden können, selbst bei Denkern
05   von Gewerbe nur sehr undeutlich blieb und daher niemals die Grenzbestimmung
06   einer besondern Art von Erkenntniß, mithin nicht die ächte
07   Idee einer Wissenschaft, die so lange und so sehr die menschliche Vernunft
08   beschäftigt hat, zu Stande bringen konnte. Wenn man sagte: Metaphysik
09   ist die Wissenschaft von den ersten Principien der menschlichen Erkenntniß,
10   so bemerkte man dadurch nicht eine ganz besondere Art, sondern nur einen
11   Rang in Ansehung der Allgemeinheit, dadurch sie also vom Empirischen
12   nicht kenntlich unterschieden werden konnte; denn auch unter empirischen
13   Principien sind einige allgemeiner und darum höher als andere; und in
14   der Reihe einer solchen Unterordnung (da man das, was völlig a priori,
15   von dem, was nur a posteriori erkannt wird, nicht unterscheidet): wo soll
16   man den Abschnitt machen, der den ersten Theil und die obersten Glieder
17   von dem letzten und den untergeordneten unterschiede? Was würde man
18   dazu sagen, wenn die Zeitrechnung die Epochen der Welt nur so bezeichnen
19   könnte, daß sie sie in die ersten Jahrhunderte und in die darauf folgenden
20   eintheilte? Gehört das fünfte, das zehnte etc. Jahrhundert auch
21   zu den ersten? würde man fragen; eben so frage ich: Gehört der Begriff
22   des Ausgedehnten zur Metaphysik? Ihr antwortet: Ja! Ei, aber auch [op 872]
23   der des Körpers? Ja! Und der des flüssigen Körpers? Ihr werdet stutzig,
24   denn wenn es so weiter fortgeht, so wird alles in die Metaphysik gehören.
25   Hieraus sieht man, daß der bloße Grad der Unterordnung (das
26   Besondere unter dem Allgemeinen) keine Grenzen einer Wissenschaft bestimmen
27   könne, sondern in unserem Falle die gänzliche Ungleichartigkeit
28   und Verschiedenheit des Ursprungs. Was aber die Grundidee der Metaphysik
29   noch auf einer anderen Seite verdunkelte, war, daß sie als Erkenntni
30   a priori mit der Mathematik eine gewisse Gleichartigkeit zeigt, die
31   zwar, was den Ursprung a priori betrifft, sie einander verwandt macht;
32   was aber die Erkenntnißart aus Begriffen bei jener in Vergleichung mit
33   der Art, bloß durch Construction der Begriffe a priori zu urtheilen, bei
34   dieser, mithin den Unterschied einer philosophischen Erkenntniß von der
35   mathematischen anlangt: so zeigt sich eine so entschiedene Ungleichartigkeit,
36   die man zwar jederzeit gleichsam fühlte, niemals aber auf deutliche
37   Kriterien bringen konnte. Dadurch ist es nun geschehen, daß, da Philosophen


[seite 546]


01   selbst in der Entwickelung der Idee ihrer Wissenschaft fehlten, die
02   Bearbeitung derselben keinen bestimmten Zweck und keine sichere Richtschnur
03   haben konnte, und sie bei einem so willkürlich gemachten Entwurfe,
04   unwissend in dem Wege, den sie zu nehmen hätten, und jederzeit unter sich
05   streitig über die Entdeckungen, die ein jeder auf dem seinigen gemacht
06   haben wollte, ihre Wissenschaft zuerst bei andern und endlich sogar bei
07   sich selbst in Verachtung brachten.

[op 873]


08   Alles reine Erkenntniß a priori macht also Vermöge des besonderen
09   Erkenntnißvermögens, darin es allein seinen Sitz haben kann, eine besondere
10   Einheit aus, und Metaphysik ist diejenige Philosophie, welche jene
11   Erkenntniß in dieser systematischen Einheit darstellen soll. Der speculative
12   Theil derselben, der sich diesen Namen vorzüglich zugeeignet hat, nämlich
13   die, welche wir Metaphysik der Natur nennen, und alles, so fern es
14   ist (nicht das, was sein soll), aus Begriffen a priori erwägt, wird nun
15   auf folgende Art eingetheilt.


16   Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der
17   Transscendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft.
18   Die erstere betrachtet nur den Verstand und Vernunft selbst in
19   einem System aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände
20   überhaupt beziehen, ohne Objecte anzunehmen, die gegeben wären
21   ( Ontologia ); die zweite betrachtet Natur, d. i. den Inbegriff gegebener
22   Gegenstände (sie mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer andern
23   Art von Anschauung gegeben sein), und ist also Physiologie (obgleich
24   nur rationalis ). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft in dieser
25   rationalen Naturbetrachtung entweder physisch oder hyperphysisch, oder
26   besser, entweder immanent oder transscendent. Der erstere geht auf
27   die Natur, so weit als ihre Erkenntniß in der Erfahrung ( in concreto )
28   kann angewandt werden, der zweite auf diejenige Verknüpfung der Gegenstände [op 874]
29   der Erfahrung, welche alle Erfahrung übersteigt. Diese transscendente
30   Physiologie hat daher entweder eine innere Verknüpfung
31   oder äußere, die aber beide über mögliche Erfahrung hinausgehen, zu
32   ihrem Gegenstande; jene ist die Physiologie der gesammten Natur, d. i.
33   die transscendentale Welterkenntniß, diese des Zusammenhanges
34   der gesammten Natur mit einem Wesen über der Natur, d. i. die transscendentale
35   Gotteserkenntniß.


36   Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff
37   aller Gegenstände der Sinne, mithin so wie sie uns gegeben ist, aber


[seite 547]


01   nur nach Bedingungen a priori, unter denen sie uns überhaupt gegeben
02   werden kann. Es sind aber nur zweierlei Gegenstände derselben: 1. Die
03   der äußeren Sinne, mithin der Inbegriff derselben, die körperliche Na/tur.
04   2. Der Gegenstand des inneren Sinnes, die Seele, und nach den
05   Grundbegriffen derselben überhaupt die denkende Natur. Die Metaphysik
06   der körperlichen Natur heißt Physik, aber, weil sie nur die Principien
07   ihrer Erkenntniß a priori enthalten soll, rationale Physik. Die
08   Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie, und aus der eben
09   angeführten Ursache ist hier nur die rationale Erkenntniß derselben
10   zu verstehen.


11   Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Haupttheilen:
12   1. Der Ontologie. 2. Der rationalen Physiologie. 3. Der
13   rationalen Kosmologie. 4. Der rationalen Theologie. Der
14   zweite Theil, nämlich die Naturlehre der reinen Vernunft, enthält zwei [op 875]
15   Abtheilungen, die physica rationalis *) und psychologia rationalis .


16   Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt
17   diese Abtheilung selbst vor; sie ist also architektonisch, ihren wesentlichen
18   Zwecken gemäß, und nicht bloß technisch, nach zufällig wahrgenommenen
19   Verwandtschaften und gleichsam auf gut Glück angestellt, eben
20   darum aber auch unwandelbar und legislatorisch. Es finden sich aber hiebei
21   einige Punkte, die Bedenklichkeit erregen und die Überzeugung von
22   der Gesetzmäßigkeit derselben schwächen könnten.


23   Zuerst, wie kann ich eine Erkenntniß a priori, mithin Metaphysik
24   von Gegenständen erwarten, so fern sie unseren Sinnen, mithin a posteriori
25   gegeben sind? und wie ist es möglich, nach Principien a priori die [op 876]
26   Natur der Dinge zu erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu
27   gelangen? Die Antwort ist: wir nehmen aus der Erfahrung nichts weiter,



28   *) Man denke ja nicht, daß ich hierunter dasjenige verstehe, was man gemeiniglich
29   physica generalis nennt und mehr Mathematik, als Philosophie der Natur
30   ist. Denn die Metaphysik der Natur sondert sich gänzlich von der Mathematik ab,
31   hat auch bei weitem nicht so viel erweiternde Einsichten anzubieten als diese, ist
32   aber doch sehr wichtig in Ansehung der Kritik des auf die Natur anzuwendenden
33   reinen Verstandeserkenntnisses überhaupt; in Ermangelung deren selbst Mathematiker,
34   indem sie gewissen gemeinen, in der That doch metaphysischen Begriffen anhängen,
35   die Naturlehre unvermerkt mit Hypothesen belästigt haben, welche bei einer
36   Kritik dieser Principien verschwinden, ohne dadurch doch dem Gebrauche der Mathematik
37   in diesem Felde (der ganz unentbehrlich ist) im mindesten Abbruch zu thun.


[seite 548]


01   als was nöthig ist, uns ein Object theils des äußeren, theils des inneren
02   Sinnes zu geben. Jenes geschieht durch den bloßen Begriff Materie
03   (undurchdringliche leblose Ausdehnung), dieses durch den Begriff eines
04   denkenden Wesens (in der empirischen inneren Vorstellung: Ich denke).
05   Übrigens müßten wir in der ganzen Metaphysik dieser Gegenstände uns
06   aller empirischen Principien gänzlich enthalten, die über den Begriff noch
07   irgend eine Erfahrung hinzusetzen möchten, um etwas über diese Gegenstände
08   daraus zu urtheilen.


09   Zweitens: wo bleibt denn die empirische Psychologie, welche von
10   jeher ihren Platz in der Metaphysik behauptet hat, und von welcher man
11   in unseren Zeiten so große Dinge zu Aufklärung derselben erwartet
12   hat, nachdem man die Hoffnung aufgab, etwas Taugliches a priori auszurichten?
13   Ich antworte: sie kommt dahin, wo die eigentliche (empirische)
14   Naturlehre hingestellt werden muß, nämlich auf die Seite der angewandten
15   Philosophie, zu welcher die reine Philosophie die Principien
16   a priori enthält, die also mit jener zwar verbunden, aber nicht vermischt
17   werden muß. Also muß empirische Psychologie aus der Metaphysik gänzlich
18   verbannt sein, und ist schon durch die Idee derselben davon gänzlich
19   ausgeschlossen. Gleichwohl wird man ihr nach dem Schulgebrauch doch [op 877]
20   noch immer (obzwar nur als Episode) ein Plätzchen darin verstatten
21   müssen und zwar aus ökonomischen Bewegursachen, weil sie noch nicht so
22   reich ist, daß sie allein ein Studium ausmachen, und doch zu wichtig, als
23   daß man sie ganz ausstoßen, oder anderwärts anheften sollte, wo sie
24   noch weniger Verwandtschaft, als in der Metaphysik antreffen dürfte. Es
25   ist also bloß ein so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige
26   Zeit einen Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie
27   (dem Pendant zu der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung
28   wird beziehen können.


29   Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, welche, da man ihr
30   anfänglich mehr zumuthete, als billigerweise verlangt werden kann, und
31   sich eine zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte, zuletzt in allgemeine
32   Verachtung gefallen ist, da man sich in seiner Hoffnung betrogen
33   fand. Aus dem ganzen Verlauf unserer Kritik wird man sich hinlänglich
34   überzeugt haben: daß, wenn gleich Metaphysik nicht die Grundfeste der
35   Religion sein kann, so müsse sie doch jederzeit als die Schutzwehr derselben


[seite 549]


01   stehen bleiben, und daß die menschliche Vernunft, welche schon durch die
02   Richtung ihrer Natur dialektisch ist, einer solchen Wissenschaft niemals
03   entbehren könne, die sie zügelt und durch ein scientifisches und völlig einleuchtendes
04   Selbsterkenntniß die Verwüstungen abhält, welche eine gesetzlose
05   speculative Vernunft sonst ganz unfehlbar in Moral sowohl als Religion
06   anrichten würde. Man kann also sicher sein, so spröde oder geringschätzend [op 878]
07   auch diejenige thun, die eine Wissenschaft nicht nach ihrer Natur,
08   sondern allein aus ihren zufälligen Wirkungen zu beurtheilen wissen, man
09   werde jederzeit zu ihr wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten zurückkehren,
10   weil die Vernunft, da es hier wesentliche Zwecke betrifft, rastlos
11   entweder auf gründliche Einsicht oder Zerstörung schon vorhandener guten
12   Einsichten arbeiten muß.


13   Metaphysik also sowohl der Natur, als der Sitten, vornehmlich die
14   Kritik der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend
15   (propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus, was
16   wir im ächten Verstande Philosophie nennen können. Diese bezieht alles
17   auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, der,
18   wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwächst und keine Verirrungen
19   verstattet. Mathematik, Naturwissenschaft, selbst die empirische Kenntni
20   des Menschen haben einen hohen Werth als Mittel größtentheils zu zufälligen,
21   am Ende aber doch zu nothwendigen und wesentlichen Zwecken
22   der Menschheit, aber alsdann nur durch Vermittelung einer Vernunfterkenntni
23   aus bloßen Begriffen, die, man mag sie benennen, wie man
24   will, eigentlich nichts als Metaphysik ist.


25   Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Cultur der [op 879]
26   menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren Einflu
27   als Wissenschaft auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite setzt. Denn
28   sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und obersten Maximen,
29   die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften und dem Gebrauche
30   aller zum Grunde liegen müssen. Daß sie als bloße Speculation mehr
31   dazu dient, Irrthümer abzuhalten, als Erkenntniß zu erweitern, thut
32   ihrem Werthe keinen Abbruch, sondern giebt ihr vielmehr Würde und
33   Ansehen durch das Censoramt, welches die allgemeine Ordnung und Eintracht,
34   ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens sichert
35   und dessen muthige und fruchtbare Bearbeitungen abhält, sich nicht von
36   dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu entfernen.


[seite 550]

[op 880]


01   Der transscendentalen Methodenlehre
02   Viertes Hauptstück.
03   Die Geschichte der reinen Vernunft.


04   Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im
05   System übrig bleibt und künftig ausgefüllt werden muß. Ich begnüge
06   mich, aus einem bloß transscendentalen Gesichtspunkte, nämlich der Natur
07   der reinen Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der bisherigen
08   Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem Auge
09   zwar Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt.
10   Es ist merkwürdig genug, ob es gleich natürlicherweise nicht anders


11   zugehen konnte, daß die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon
12   anfingen, wo wir jetzt lieber endigen möchten, nämlich zuerst die Erkenntni
13   Gottes und die Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit einer andern
14   Welt zu studiren. Was auch die alten Gebräuche, die noch von dem
15   rohen Zustande der Völker übrig waren, für grobe Religionsbegriffe eingeführt
16   haben mochten, so hinderte dieses doch nicht den aufgeklärtern
17   Theil, sich freien Nachforschungen über diesen Gegenstand zu widmen, und
18   man sah leicht ein, daß es keine gründliche und zuverlässigere Art geben
19   könne, der unsichtbaren Macht, die die Welt regiert, zu gefallen, um wenigstens [op 881]
20   in einer andern Welt glücklich zu sein, als den guten Lebenswandel.
21   Daher waren Theologie und Moral die zwei Triebfedern, oder besser Beziehungspunkte
22   zu allen abgezogenen Vernunftforschungen, denen man
23   sich nachher jederzeit gewidmet hat. Die erstere war indessen eigentlich das,
24   was die bloß speculative Vernunft nach und nach in das Geschäfte zog,
25   welches in der Folge unter dem Namen der Metaphysik so berühmt geworden.


27   Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden, auf welche diese oder jene
28   Veränderung der Metaphysik traf, sondern nur die Verschiedenheit der
29   Idee, welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlaßte, in einem
30   flüchtigen Abrisse darstellen. Und da finde ich eine dreifache Absicht, in
31   welcher die namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne des Streits gestiftet
32   worden.


33   1. In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse
34   waren einige bloß Sensual=, andere bloß Intellectualphilosophen.


[seite 551]


01   EpikurPI kann der vornehmste Philosoph der Sinnlichkeit,
02   PlatoPI des Intellectuellen genannt werden. Dieser Unterschied der Schulen
03   aber, so subtil er auch ist, hatte schon in den frühesten Zeiten angefangen
04   und hat sich lange ununterbrochen erhalten. Die von der ersteren
05   behaupteten, in den Gegenständen der Sinne sei allein Wirklichkeit, alles
06   übrige sei Einbildung; die von der zweiten sagten dagegen: in den Sinnen [op 882]
07   ist nichts als Schein, nur der Verstand erkennt das Wahre. Darum
08   stritten aber die ersteren den Verstandesbegriffen doch eben nicht Realität
09   ab, sie war aber bei ihnen nur logisch, bei den andern aber mystisch.
10   Jene räumten intellectuelle Begriffe ein, aber nahmen bloß sensibele
11   Gegenstände an. Diese verlangten, daß die wahren Gegenstände
12   bloß intelligibel wären, und behaupteten eine Anschauung durch den
13   von keinen Sinnen begleiteten und ihrer Meinung nach nur verwirrten
14   reinen Verstand.


15   2. In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse, ob
16   sie aus der Erfahrung abgeleitet, oder unabhängig von ihr in der Vernunft
17   ihre Quelle haben. AristotelesPI kann als das Haupt der Empiristen,
18   PlatoPI aber der Noologisten angesehen werden. LockePI, der in neueren
19   Zeiten dem ersteren, und LeibnizPI, der dem letzteren (obzwar in einer genugsamen
20   Entfernung von dessen mystischem Systeme) folgte, haben es
21   gleichwohl in diesem Streite noch zu keiner Entscheidung bringen können.
22   Wenigstens verfuhr EpikurPI seinerseits viel consequenter nach seinem Sensualsystem
23   (denn er ging mit seinen Schlüssen niemals über die Grenze
24   der Erfahrung hinaus), als AristotelesPI und LockePI (vornehmlich aber der
25   letztere), der, nachdem er alle Begriffe und Grundsätze von der Erfahrung
26   abgeleitet hatte, so weit im Gebrauch derselben geht, daß er behauptet,
27   man könne das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele (obzwar [op 883]
28   beide Gegenstände ganz außer den Grenzen möglicher Erfahrung liegen)
29   eben so evident beweisen, als irgend einen mathematischen Lehrsatz.


30   3. In Ansehung der Methode. Wenn man etwas Methode
31   nennen soll, so muß es ein Verfahren nach Grundsätzen sein. Nun kann
32   man die jetzt in diesem Fache der Nachforschung herrschende Methode in
33   die naturalistische und scientifische eintheilen. Der Naturalist der
34   reinen Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze: daß durch gemeine Vernunft
35   ohne Wissenschaft (welche er die gesunde Vernunft nennt) sich in
36   Ansehung der erhabensten Fragen, die die Aufgabe der Metaphysik ausmachen,
37   mehr ausrichten lasse, als durch Speculation. Er behauptet also,


[seite 552]


01   daß man die Größe und Weite des Mondes sicherer nach dem Augenmaße,
02   als durch mathematische Umschweife bestimmen könne. Es ist bloße Misologie,
03   auf Grundsätze gebracht, und, welches das Ungereimteste ist, die
04   Vernachlässigung aller künstlichen Mittel, als eine eigene Methode angerühmt,
05   seine Erkenntniß zu erweitern. Denn was die Naturalisten aus
06   Mangel mehrerer Einsicht betrifft, so kann man ihnen mit Grunde nichts
07   zur Last legen. Sie folgen der gemeinen Vernunft, ohne sich ihrer Unwissenheit
08   als einer Methode zu rühmen, die das Geheimniß enthalten
09   solle, die Wahrheit aus DemokritsPI tiefem Brunnen herauszuholen.
10   Quod sapio, satis est mihi, non ego curo esse quod Arcesilas aerumnosique
11   Solones , Pers., ist ihr Wahlspruch, bei dem sie vergnügt und beifallswürdig [op 884]
12   leben können, ohne sich um die Wissenschaft zu bekümmern,
13   noch deren Geschäfte zu verwirren.


14   Was nun die Beobachter einer scientifischen Methode betrifft, so
15   haben sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder sceptisch, in allen
16   Fällen aber doch die Verbindlichkeit, systematisch zu verfahren. Wenn
17   ich hier in Ansehung der ersteren den berühmten Wolff, bei der zweiten
18   David HumePI nenne, so kann ich die übrigen meiner jetzigen Absicht nach
19   ungenannt lassen. Der kritische Weg ist allein noch offen. Wenn der
20   Leser diesen in meiner Gesellschaft durchzuwandern Gefälligkeit und Geduld
21   gehabt hat, so mag er jetzt urtheilen, ob nicht, wenn es ihm beliebt,
22   das Seinige dazu beizutragen, um diesen Fußsteig zur Heeresstraße zu
23   machen, dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht leisten konnten, noch vor
24   Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden möge: nämlich die menschliche
25   Vernunft in dem, was ihre Wißbegierde jederzeit, bisher aber vergeblich
26   beschäftigt hat, zur völligen Befriedigung zu bringen.