[seite 001]
[seite 002]
01 Baco de Verulamio.
02 Instauratio magna. praefatio.
03 De nobis ipsis silemus: De re autem, quae agitur, petimus: ut homines
04 eam non opinionem, sed opus esse cogitent; ac pro certo habeant, non sectae
05 nos alicuius, aut placiti, sed utilitatis et amplitudinis humanae fundamenta moliri.
06 Deinde ut suis commodis aequi - in commune consulant - et ipsi in partem
07 veniant. praeterea ut bene sperent, neque instaurationem nostram ut quiddam
08 infinitum et ultra mortale fingant, et animo concipiant; cum revera sit infiniti
09 erroris finis et terminus legitimus.
[seite 003]
[seite 005]
02 Den Wachsthum der Wissenschaften an seinem Theile befördern,
03 heißt an Ew. Excellenz eigenem Interesse arbeiten; denn dieses ist mit
04 jenen nicht bloß durch den erhabenen Posten eines Beschützers, sondern
05 durch das viel vertrautere Verhältniß eines Liebhabers und erleuchteten
06 Kenners innigst verbunden. Deswegen bediene ich mich auch des einigen
07 Mittels, das gewissermaßen in meinem Vermögen ist, meine Dankbarkeit
08 für das gnädige Zutrauen zu bezeigen, womit Ew. Excellenz mich
09 beehren, als könne ich zu dieser Absicht etwas beitragen.
10 Demselben gnädigen Augenmerke, dessen Ew. Excellenz die erste
11 Auflage dieses Werks gewürdigt haben, widme ich nun auch diese zweite
12 und hiemit zugleich alle übrige Angelegenheit meiner literärischen Bestimmung
13 und bin mit der tiefsten Verehrung
|
|
|
[seite 007]
02 Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäfte gehören,
03 den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das läßt sich
04 bald aus dem Erfolg beurtheilen. Wenn sie nach viel gemachten Anstalten
05 und Zurüstungen, so bald es zum Zweck kommt, in Stecken geräth, oder,
06 um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgehen und einen andern Weg
07 einschlagen muß; imgleichen wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen
08 Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden
09 soll, einhellig zu machen: so kann man immer überzeugt sein, daß ein solches
10 Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft
11 eingeschlagen, sondern ein bloßes Herumtappen sei, und es ist schon ein
12 Verdienst um die Vernunft, diesen Weg wo möglich ausfindig zu machen,
13 sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem
14 ohne Überlegung vorher genommenen Zwecke enthalten war.
15 Daß die Logik diesen sicheren Gang schon von den ältesten Zeiten her
16 gegangen sei, läßt sich daraus ersehen, daß sie seit dem AristotelesPI keinen
17 Schritt rückwärts hat thun dürfen, wenn man ihr nicht etwa die Wegschaffung
18 einiger entbehrlichen Subtilitäten oder deutlichere Bestimmung
19 des Vorgetragenen als Verbesserungen anrechnen will, welches aber mehr
20 zur Eleganz, als zur Sicherheit der Wissenschaft gehört. Merkwürdig ist
21 noch an ihr, daß sie auch bis jetzt keinen Schritt vorwärts hat thun können
22 und also allem Ansehen nach geschlossen und vollendet zu sein scheint. Denn
23 wenn einige Neuere sie dadurch zu erweitern dachten, daß sie theils psychologische
[seite 008]
14 Daß es der Logik so gut gelungen ist, diesen Vortheil hat sie blo
15 ihrer Eingeschränktheit zu verdanken, dadurch sie berechtigt, ja verbunden
16 ist, von allen Objecten der Erkenntniß und ihrem Unterschiede zu abstrahiren,
17 und in ihr also der Verstand es mit nichts weiter, als sich selbst
18 und seiner Form zu thun hat. Weit schwerer mußte es natürlicher Weise
19 für die Vernunft sein, den sicheren Weg der Wissenschaft einzuschlagen,
20 wenn sie nicht bloß mit sich selbst, sondern auch mit Objecten zu schaffen
21 hat; daher jene auch als Propädeutik gleichsam nur den Vorhof der
22 Wissenschaften ausmacht, und wenn von Kenntnissen die Rede ist, man
23 zwar eine Logik zu Beurtheilung derselben voraussetzt, aber die Erwerbung
24 derselben in eigentlich und objectiv so genannten Wissenschaften
25 suchen muß.
26 So fern in diesen nun Vernunft sein soll, so muß darin etwas a priori
27 erkannt werden, und ihre Erkenntniß kann auf zweierlei Art auf ihren
28 Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff (der anderweitig [op x]
29 gegeben werden muß) bloß zu bestimmen, oder ihn auch wirklich
30 zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische Erkenntni
31 der Vernunft. Von beiden muß der reine Theil, so viel oder
32 so wenig er auch enthalten mag, nämlich derjenige, darin Vernunft gänzlich
33 a priori ihr Object bestimmt, vorher allein vorgetragen werden und
34 dasjenige, was aus anderen Quellen kommt, damit nicht vermengt werden;
35 denn es giebt übele Wirthschaft wenn man blindlings ausgiebt, was einkommt,
36 ohne nachher, wenn jene in Stecken geräth, unterscheiden zu können,
[seite 009]
03 Mathematik und Physik sind die beiden theoretischen Erkenntnisse
04 der Vernunft, welche ihre Objecte a priori bestimmen sollen, die erstere
05 ganz rein, die zweite wenigstens zum Theil rein, dann aber auch nach
06 Maßgabe anderer Erkenntnißquellen als der der Vernunft.
07 Die Mathematik ist von den frühesten Zeiten her, wohin die Geschichte
08 der menschlichen Vernunft reicht, in dem bewundernswürdigen Volke
09 der Griechen den sichern Weg einer Wissenschaft gegangen. Allein man
10 darf nicht denken, daß es ihr so leicht geworden, wie der Logik, wo die
11 Vernunft es nur mit sich selbst zu thun hat, jenen königlichen Weg zu [op xi]
12 treffen, oder vielmehr sich selbst zu bahnen; vielmehr glaube ich, daß es
13 lange mit ihr (vornehmlich noch unter den Ägyptern) beim Herumtappen
14 geblieben ist, und diese Umänderung einer Revolution zuzuschreiben sei,
15 die der glückliche Einfall eines einzigen Mannes in einem Versuche zu
16 Stande brachte, von welchem an die Bahn, die man nehmen mußte, nicht
17 mehr zu verfehlen war, und der sichere Gang einer Wissenschaft für alle
18 Zeiten und in unendliche Weiten eingeschlagen und vorgezeichnet war.
19 Die Geschichte dieser Revolution der Denkart, welche viel wichtiger war
20 als die Entdeckung des Weges um das berühmte Vorgebirge, und des
21 Glücklichen, der sie zu Stande brachte, ist uns nicht aufbehalten. Doch
22 beweiset die Sage, welche Diogenes der Laertier uns überliefert, der
23 von den kleinsten und nach dem gemeinen Urtheil gar nicht einmal eines
24 Beweises benöthigten Elementen der geometrischen Demonstrationen den
25 angeblichen Erfinder nennt, daß das Andenken der Veränderung, die
26 durch die erste Spur der Entdeckung dieses neuen Weges bewirkt wurde,
27 den Mathematikern äußerst wichtig geschienen haben müsse und dadurch
28 unvergeßlich geworden sei. Dem ersten, der den gleichschenklichten
29 Triangel demonstrirte, (er mag nun Thales oder wie man will geheißen [op xii]
30 haben) dem ging ein Licht auf; denn er fand, daß er nicht dem,
31 was er in der Figur sah, oder auch dem bloßen Begriffe derselben nachspüren
32 und gleichsam davon ihre Eigenschaften ablernen, sondern durch
33 das, was er nach Begriffen selbst a priori hineindachte und darstellte,
34 (durch Construction) hervorbringen müsse, und daß er, um sicher etwas
35 a priori zu wissen, der Sache nichts beilegen müsse, als was aus dem nothwendig
36 folgte, was er seinem Begriffe gemäß selbst in sie gelegt hat.
[seite 010]
01 Mit der Naturwissenschaft ging es weit langsamer zu, bis sie den
02 Heeresweg der Wissenschaft traf; denn es sind nur etwa anderthalb Jahrhunderte,
03 daß der Vorschlag des Sinnreichen Baco von Verulam diese
04 Entdeckung theils veranlaßte, theils, da man bereits auf der Spur derselben
05 war, mehr belebte, welche eben sowohl nur durch eine schnell vorgegangene
06 Revolution der Denkart erklärt werden kann. Ich will hier
07 nur die Naturwissenschaft, so fern sie auf empirische Principien gegründet
08 ist, in Erwägung ziehen.
09 Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst
10 gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht,
11 was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht
12 hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk [op xiii]
13 und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog
14 und wiedergab:*) so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen,
15 daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe
16 hervorbringt, daß sie mit Principien ihrer Urtheile nach beständigen
17 Gesetzen vorangehen und die Natur nöthigen müsse auf ihre Fragen zu
18 antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln
19 lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen
20 Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem nothwendigen Gesetze
21 zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft
22 muß mit ihren Principien, nach denen allein übereinstimmende Erscheinungen
23 für Gesetze gelten können, in einer Hand und mit dem Experiment,
24 das sie nach jenen ausdachte, in der anderen an die Natur gehen, zwar
25 um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers,
26 der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten
27 Richters, der die Zeugen nöthigt auf die Fragen zu antworten, die er
28 ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so vortheilhafte Revolution [op xix]
29 ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die
30 Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß dasjenige in ihr zu suchen
31 (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für
32 sich selbst nichts wissen würde. Hiedurch ist die Naturwissenschaft allererst
33 in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel
34 Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war.
35 *) Ich folge hier nicht genau dem Faden der Geschichte der Experimentalmethode,
36 deren erste Anfänge auch nicht wohl bekannt sind.
[seite 011]
01 Der Metaphysik, einer ganz isolirten speculativen Vernunfterkenntniß,
02 die sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt und zwar
03 durch bloße Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben
04 auf Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll,
05 ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, daß sie den sichern
06 Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte, ob sie gleich älter
07 ist als alle übrige und bleiben würde, wenn gleich die übrigen insgesammt
08 in dem Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen
09 werden sollten. Denn in ihr geräth die Vernunft continuirlich in Stecken,
10 selbst wenn sie diejenigen Gesetze, welche die gemeinste Erfahrung bestätigt,
11 (wie sie sich anmaßt) a priori einsehen will. In ihr muß man unzählige
12 mal den Weg zurück thun, weil man findet, daß er dahin nicht
13 führt, wo man hin will, und was die Einhelligkeit ihrer Anhänger in Behauptungen [op xv]
14 betrifft, so ist sie noch so weit davon entfernt, daß sie vielmehr
15 ein Kampfplatz ist, der ganz eigentlich dazu bestimmt zu sein scheint,
16 seine Kräfte im Spielgefechte zu üben, auf dem noch niemals irgend ein
17 Fechter sich auch den kleinsten Platz hat erkämpfen und auf seinen Sieg
18 einen dauerhaften Besitz gründen können. Es ist also kein Zweifel, da
19 ihr Verfahren bisher ein bloßes Herumtappen, und was das Schlimmste
20 ist, unter bloßen Begriffen gewesen sei.
21 Woran liegt es nun, daß hier noch kein sicherer Weg der Wissenschaft
22 hat gefunden werden können? Ist er etwa unmöglich? Woher hat denn
23 die Natur unsere Vernunft mit der rastlosen Bestrebung heimgesucht, ihm
24 als einer ihrer wichtigsten Angelegenheiten nachzuspüren? Noch mehr, wie
25 wenig haben wir Ursache, Vertrauen in unsere Vernunft zu setzen, wenn
26 sie uns in einem der wichtigsten Stücke unserer Wißbegierde nicht blo
27 verläßt, sondern durch Vorspiegelungen hinhält und am Ende betrügt!
28 Oder ist er bisher nur verfehlt, welche Anzeige können wir benutzen, um
29 bei erneuertem Nachsuchen zu hoffen, daß wir glücklicher sein werden, als
30 andere vor uns gewesen sind?
31 Ich sollte meinen, die Beispiele der Mathematik und Naturwissenschaft, [op xvi]
32 die durch eine auf einmal zu Stande gebrachte Revolution das geworden
33 sind, was sie jetzt sind, wären merkwürdig genug, um dem wesentlichen
34 Stücke der Umänderung der Denkart, die ihnen so vorteilhaft geworden
35 ist, nachzusinnen und ihnen, so viel ihre Analogie, als Vernunfterkenntnisse,
36 mit der Metaphysik verstattet, hierin wenigstens zum Versuche
37 nachzuahmen. Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntniß müsse
[seite 012]
[seite 013]
04 Dieser Versuch gelingt nach Wunsch und verspricht der Metaphysik
05 in ihrem ersten Theile, da sie sich nämlich mit Begriffen a priori beschäftigt,
06 davon die correspondirenden Gegenstände in der Erfahrung jenen [op xix]
07 angemessen gegeben werden können, den sicheren Gang einer Wissenschaft.
08 Denn man kann nach dieser Veränderung der Denkart die Möglichkeit
09 einer Erkenntniß a priori ganz wohl erklären und, was noch mehr ist, die
10 Gesetze, welche a priori der Natur, als dem Inbegriffe der Gegenstände
11 der Erfahrung, zum Grunde liegen, mit ihren genugthuenden Beweisen
12 versehen, welches beides nach der bisherigen Verfahrungsart unmöglich
13 war. Aber es ergiebt sich aus dieser Deduction unseres Vermögens a priori
14 zu erkennen im ersten Theile der Metaphysik ein befremdliches und dem
15 ganzen Zwecke derselben, der den zweiten Theil beschäftigt, dem Anscheine
16 nach sehr nachtheiliges Resultat, nämlich daß wir mit ihm nie über die
17 Grenze möglicher Erfahrung hinauskommen können, welches doch gerade
18 die wesentlichste Angelegenheit dieser Wissenschaft ist. Aber hierin liegt [op xx]
19 eben das Experiment einer Gegenprobe der Wahrheit des Resultats jener
20 ersten Würdigung unserer Vernunfterkenntniß a priori, daß sie nämlich
21 nur auf Erscheinungen gehe, die Sache an sich selbst dagegen zwar als
22 für sich wirklich, aber von uns unerkannt liegen lasse. Denn das, was
23 uns nothwendig über die Grenze der Erfahrung und aller Erscheinungen
24 *) Diese dem Naturforscher nachgeahmte Methode besteht also darin: die Elemente
25 der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein Experiment
26 bestätigen oder widerlegen läßt. Nun läßt sich zur Prüfung der Sätze der
27 reinen Vernunft, vornehmlich wenn sie über alle Grenze möglicher Erfahrung hinaus
28 gewagt werden, kein Experiment mit ihren Objecten machen (wie in der
29 Naturwissenschaft): also wird es nur mit Begriffen und Grundsätzen, die wir
30 a priori annehmen, thunlich sein, indem man sie nämlich so einrichtet, daß dieselben
31 Gegenstände einerseits als Gegenstände der Sinne und des Verstandes für
32 die Erfahrung, andererseits aber doch als Gegenstände, die man bloß denkt,
33 allenfalls für die isolirte und über Erfahrungsgrenze hinausstrebende Vernunft, mithin
34 von zwei verschiedenen Seiten betrachtet werden können. Findet es sich nun,
35 daß, wenn man die Dinge aus jenem doppelten Gesichtspunkte betrachtet, Einstimmung
36 mit dem Princip der reinen Vernunft stattfinde, bei einerlei Gesichtspunkte
37 aber ein unvermeidlicher Widerstreit der Vernunft mit sich selbst entspringe,
38 so entscheidet das Experiment für die Richtigkeit jener Unterscheidung.
[seite 014]
26 *) Dieses Experiment der reinen Vernunft hat mit dem der Chemiker, welches
27 sie mannigmal den Versuch der Reduction, im Allgemeinen aber das synthetische
28 Verfahren nennen, viel Ähnliches. Die Analysis des Metaphysikers
29 schied die reine Erkenntniß a priori in zwei sehr ungleichartige Elemente, nämlich
30 die der Dinge als Erscheinungen und dann der Dinge an sich selbst. Die Dialektik
31 verbindet beide wiederum zur Einhelligkeit mit der nothwendigen Vernunftidee
32 des Unbedingten und findet, daß diese Einhelligkeit niemals anders, als durch
33 jene Unterscheidung herauskomme, welche also die wahre ist.
34 **) So verschafften die Centralgesetze der Bewegungen der Himmelskörper dem,
35 was Copernicus anfänglich nur als Hypothese annahm, ausgemachte Gewißheit
36 und bewiesen zugleich die unsichtbare den Weltbau verbindende Kraft (der Newtonischen
37 Anziehung), welche auf immer unentdeckt geblieben wäre, wenn der
38 erstere es nicht gewagt hätte, auf eine widersinnische, aber doch wahre Art die beobachteten'
31 Bewegungen nicht in den Gegenständen des Himmels, sondern in ihrem
32 Zuschauer zu suchen. Ich stelle in dieser Vorrede die in der Kritik vorgetragene
33 jener Hypothese analogische Umänderung der Denkart auch nur als Hypothese auf,
34 ob sie gleich in der Abhandlung selbst aus der Beschaffenheit unserer Vorstellungen
35 vom Raum und Zeit und den Elementarbegriffen des Verstandes nicht hypothetisch,
36 sondern apodiktisch bewiesen wird, um nur die ersten Versuche einer solchen Umänderung,
37 welche allemal hypothetisch sind, bemerklich zu machen.
[seite 015]
[seite 016]
03 Aber was ist denn das, wird man fragen, für ein Schatz, den wir der
04 Nachkommenschaft mit einer solchen durch Kritik geläuterten, dadurch aber
05 auch in einen beharrlichen Zustand gebrachten Metaphysik zu hinterlassen
06 gedenken? Man wird bei einer flüchtigen Übersicht dieses Werks wahrzunehmen
07 glauben, daß der Nutzen davon doch nur negativ sei, uns nämlich
08 mit der speculativen Vernunft niemals über die Erfahrungsgrenze
09 hinaus zu wagen, und das ist auch in der That ihr erster Nutzen. Dieser
10 aber wird alsbald positiv, wenn man inne wird, daß die Grundsätze,
11 mit denen sich speculative Vernunft über ihre Grenze hinauswagt, in der
12 That nicht Erweiterung, sondern, wenn man sie näher betrachtet, Verengung
13 unseres Vernunftgebrauchs zum unausbleiblichen Erfolg haben,
14 indem sie wirklich die Grenzen der Sinnlichkeit, zu der sie eigentlich gehören, [op xxv]
15 über alles zu erweitern und so den reinen (praktischen) Vernunftgebrauch
16 gar zu verdrängen drohen. Daher ist eine Kritik, welche die
17 erstere einschränkt, so fern zwar negativ, aber, indem sie dadurch zugleich
18 ein Hinderniß, welches den letzteren Gebrauch einschränkt, oder gar zu vernichten
19 droht, aufhebt, in der That von positivem und sehr wichtigem
20 Nutzen, so bald man überzeugt wird, daß es einen schlechterdings nothwendigen
21 praktischen Gebrauch der reinen Vernunft (den moralischen)
22 gebe, in welchem sie sich unvermeidlich über die Grenzen der Sinnlichkeit
23 erweitert, dazu sie zwar von der speculativen keiner Beihülfe bedarf, dennoch
24 aber wider ihre Gegenwirkung gesichert sein muß, um nicht in Widerspruch
25 mit sich selbst zu gerathen. Diesem Dienste der Kritik den positiven
26 Nutzen abzusprechen, wäre eben so viel als sagen, daß Polizei keinen
27 positiven Nutzen schaffe, weil ihr Hauptgeschäfte doch nur ist, der Gewaltthätigkeit,
28 welche Bürger von Bürgern zu besorgen haben, einen Riegel
29 vorzuschieben, damit ein jeder seine Angelegenheit ruhig und sicher treiben
30 könne. Daß Raum und Zeit nur Formen der sinnlichen Anschauung, also
31 nur Bedingungen der Existenz der Dinge als Erscheinungen sind, da
32 wir ferner keine Verstandesbegriffe, mithin auch gar keine Elemente zur [op xxvi]
33 Erkenntniß der Dinge haben, als so fern diesen Begriffen correspondirende
34 Anschauung gegeben werden kann, folglich wir von keinem Gegenstande
35 als Dinge an sich selbst, sondern nur so fern es Object der sinnlichen Anschauung
36 ist, d. i. als Erscheinung, Erkenntniß haben können, wird im
37 analytischen Theile der Kritik bewiesen; woraus denn freilich die Einschränkung
[seite 017]
29 *) Einen Gegenstand erkennen, dazu wird erfordert, daß ich seine Möglichkeit
30 (es sei nach dem Zeugniß der Erfahrung aus seiner Wirklichkeit, oder a priori
31 durch Vernunft) beweisen könne. Aber denken kann ich, was ich will, wenn ich
32 mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriff nur ein möglicher Gedanke
33 ist, ob ich zwar dafür nicht stehen kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten
34 diesem auch ein Object correspondire oder nicht. Um einem solchen Begriffe aber
35 objective Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die erstere war bloß die logische) beizulegen,
36 dazu wird etwas mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht
37 in theoretischen Erkenntnißquellen gesucht zu werden, es kann auch in praktischen
38 liegen.
[seite 018]
[seite 019]
31 Bei dieser wichtigen Veränderung im Felde der Wissenschaften und
32 dem Verluste, den speculative Vernunft an ihrem bisher eingebildeten [op xxxii]
33 Besitze erleiden muß, bleibt dennoch alles mit der allgemeinen menschlichen
34 Angelegenheit und dem Nutzen, den die Welt bisher aus den Lehren der
35 reinen Vernunft zog, in demselben vortheilhaften Zustande, als es jemals
36 war, und der Verlust trifft nur das Monopol der Schulen, keinesweges
37 aber das Interesse der Menschen. Ich frage den unbiegsamsten Dogmatiker,
[seite 020]
[seite 021]
24 Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Verfahren der Vernunft
25 in ihrem reinen Erkenntniß, als Wissenschaft, entgegengesetzt (denn diese
26 muß jederzeit dogmatisch, d. i. aus sicheren Principien a priori strenge
27 beweisend, sein), sondern dem Dogmatism, d. i. der Anmaßung, mit
28 einer reinen Erkenntniß aus Begriffen (der philosophischen) nach Principien,
29 so wie sie die Vernunft längst im Gebrauch hat, ohne Erkundigung
30 der Art und des Rechts, womit sie dazu gelangt ist, allein fortzukommen.
31 Dogmatism ist also das dogmatische Verfahren der reinen Vernunft ohne
32 vorangehende Kritik ihres eigenen Vermögens. Diese Entgegensetzung [op xxxvi]
33 soll daher nicht der geschwätzigen Seichtigkeit unter dem angemaßten
34 Namen der Popularität, oder wohl gar dem Scepticism, der mit
35 der ganzen Metaphysik kurzen Proceß macht, das Wort reden; vielmehr
36 ist die Kritik die nothwendige vorläufige Veranstaltung zur Beförderung
37 einer gründlichen Metaphysik als Wissenschaft, die nothwendig dogmatisch
[seite 022]
24 Was diese zweite Auflage betrifft, so habe ich wie billig die
25 Gelegenheit derselben nicht vorbeilassen wollen, um den Schwierigkeiten
26 und der Dunkelheit so viel möglich abzuhelfen, woraus manche Mißdeutungen
27 entsprungen sein mögen, welche scharfsinnigen Männern vielleicht
28 nicht ohne meine Schuld in der Beurtheilung dieses Buchs aufgestoßen
29 sind. In den Sätzen selbst und ihren Beweisgründen, imgleichen der Form
30 sowohl als der Vollständigkeit des Plans habe ich nichts zu ändern gefunden;
31 welches theils der langen Prüfung, der ich sie unterworfen hatte,
32 ehe ich es dem Publicum vorlegte, theils der Beschaffenheit der Sache
33 selbst, nämlich der Natur einer reinen speculativen Vernunft, beizumessen
34 ist, die einen wahren Gliederbau enthält, worin alles Organ ist, nämlich [op xxxviii]
35 Alles um Eines Willen und ein jedes Einzelne um aller willen, mithin
36 jede noch so kleine Gebrechlichkeit, sie sei ein Fehler (Irrthum) oder Mangel,
37 sich im Gebrauche unausbleiblich verrathen muß. In dieser Unveränderlichkeit
[seite 023]
19 *) Eigentliche Vermehrung, aber doch nur in der Beweisart könnte ich nur die
20 nennen, die ich durch eine neue Widerlegung des psychologischen Idealisms und
21 einen strengen (wie ich glaube, auch einzig möglichen) Beweis von der objectiven
22 Realität der äußeren Anschauung S. 274 gemacht habe. Der Idealism mag in
23 Ansehung der wesentlichen Zwecke der Metaphysik für noch so unschuldig gehalten
24 werden (das er in der That nicht ist), so bleibt es immer ein Skandal der Philosophie
25 und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von
26 denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unsern inneren Sinn
27 her haben) bloß auf Glauben annehmen zu müssen und, wenn es jemand einfällt
28 es zu bezweifeln, ihm keinen genugthünden Beweis entgegenstellen zu können. Weil
29 sich in den Ausdrücken des Beweises von der dritten Zeile bis zur sechsten einige
30 Dunkelheit findet, so bitte ich diesen Period so umzüandern: "Dieses Beharrliche
31 aber kann nicht eine Anschauung in mir sein. Denn alle Bestimmungsgründe
32 meines Daseins, die in mir angetroffen werden können,
33 sind Vorstellungen und bedürfen als solche selbst ein von ihnen unterschiedenes
34 Beharrliches, worauf in Beziehung der Wechsel derselben,
35 mithin mein Dasein in der Zeit, darin sie wechseln, bestimmt werden
36 könne." man wird gegen diesen Beweis vermuthlich sagen: ich bin mir doch nur
37 dessen, was in mir ist, d. i. meiner Vorstellung äußerer Dinge, unmittelbar bewußt;'
03 folglich bleibe es immer noch unausgemacht, ob etwas ihr Correspondirendes[op xl]
04 außer mir sei, oder nicht. Allein ich bin mir meines Daseins in der Zeit
05 (folglich auch der Bestimmbarkeit desselben in dieser) durch innere Erfahrung bewußt,
06 und dieses ist mehr, als bloß mich meiner Vorstellung bewußt zu sein, doch
07 aber einerlei mit dem empirischen Bewußtsein meines Daseins, welches nur
08 durch Beziehung auf etwas, was mit meiner Existenz verbunden außer mir ist,
09 bestimmbar ist. Dieses Bewußtsein meines Daseins in der Zeit ist also mit dem
10 Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir identisch verbunden, und es ist
11 also Erfahrung und nicht Erdichtung, Sinn und nicht Einbildungskraft, welches
12 das Äußere mit meinem inneren Sinn unzertrennlich verknüpft; denn der äußere
13 Sinn ist schon an sich Beziehung der Anschauung auf etwas Wirkliches außer mir,
14 und die Realität desselben zum Unterschiede von der Einbildung beruht nur darauf,
15 daß er mit der inneren Erfahrung selbst, als die Bedingung der Möglichkeit derselben,
16 unzertrennlich verbunden werde, welches hier geschieht. Wenn ich mit dem
17 intellectuellen Bewußtsein meines Daseins in der Vorstellung Ich bin, welche
18 alle meine Urtheile und Verstandeshandlungen begleitet, zugleich eine Bestimmung
19 meines Daseins durch intellectuelle Anschauung verbinden könnte, so wäre zu
20 derselben das Bewußtsein eines Verhältnisses zu etwas außer mir nicht nothwendig
21 gehörig. Nun aber jenes intellectuelle Bewußtsein zwar vorangeht, aber die innere
22 Anschauung, in der mein Dasein allein bestimmt werden kann, sinnlich und an Zeitbedingung
23 gebunden ist, diese Bestimmung aber, mithin die innere Erfahrung selbst,[op xli]
24 von etwas Beharrlichem, welches in mir nicht ist, folglich nur in etwas außer mir
25 wogegen ich mich in Relation betrachten muß, abhängt: so ist die Realität des
26 äußeren Sinnes mit der des innern zur Möglichkeit einer Erfahrung überhaupt nothwendig
27 verbunden: d. i. ich bin mir eben so sicher bewußt, daß es Dinge außer
28 mir gebe, die sich auf meinen Sinn beziehen, als ich mir bewußt bin, daß ich selbst
29 in der Zeit bestimmt existire. Welchen gegebenen Anschauungen nun aber wirklich
30 Objecte außer mir correspondiren, und die also zum äußeren Sinne gehören,
31 welchem sie und nicht der Einbildungskraft zuzuschreiben sind, muß nach den Regeln,
32 nach welchen Erfahrung überhaupt (selbst innere) von Einbildung unterschieden wird,
33 in jedem besondern Falle ausgemacht werden, wobei der Satz, daß es wirklich
34 äußere Erfahrung gebe, immer zum Grunde liegt. Man kann hiezu noch die Anmerkung
35 fügen: die Vorstellung von etwas Beharrlichem im Dasein ist nicht
36 einerlei mit der beharrlichen Vorstellung; denn diese kann sehr wandelbar und
37 wechselnd sein, wie alle unsere und selbst die Vorstellungen der Materie und bezieht
38 sich doch auf etwas Beharrliches, welches also ein von allen meinen Vorstellungen
39 unterschiedenes und äußeres Ding sein muß, dessen Existenz in der Bestimmung
40 meines eigenen Daseins nothwendig mit eingeschlossen wird und mit derselben nur
41 eine einzige Erfahrung ausmacht, die nicht einmal innerlich stattfinden würde, wenn
42 sie nicht (zum Theil) zugleich äußerlich wäre. Das Wie? Läßt sich hier eben so'
35 wenig weiter erklären, als wie wir überhaupt das Stehende in der Zeit denken,
36 dessen Zugleichsein mit dem Wechselnden den Begriff der Veränderung hervorbringt.
[seite 024]
[seite 025]
[seite 026]
[seite 027]
05 Daß alle unsere Erkenntniß mit der Erfahrung anfange, daran ist
06 gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnißvermögen sonst zur
07 Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere
08 Sinne rühren und theils von selbst Vorstellungen bewirken, theils unsere
09 Verstandesthätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu
10 verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke
11 zu einer Erkenntniß der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt?
12 Der Zeit nach geht also keine Erkenntniß in uns vor der Erfahrung
13 vorher, und mit dieser fängt alle an.
14 Wenn aber gleich alle unsere Erkenntniß mit der Erfahrung anhebt,
15 so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn
16 es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntniß ein Zusammengesetztes
17 aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und
18 dem, was unser eigenes Erkenntnißvermögen (durch sinnliche Eindrücke
19 bloß veranlaßt) aus sich selbst hergiebt, welchen Zusatz wir von jenem [op 2]
20 Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf
21 aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat.
[seite 028]
01 Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benöthigte
02 und nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein
03 dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne
04 unabhängiges Erkenntniß gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a priori,
05 und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori,
06 nämlich in der Erfahrung, haben.
07 Jener Ausdruck ist indessen noch nicht bestimmt genug, um den ganzen
08 Sinn der vorgelegten Frage angemessen zu bezeichnen. Denn man pflegt
09 wohl von mancher aus Erfahrungsquellen abgeleiteten Erkenntniß zu
10 sagen, daß wir ihrer a priori fähig oder theilhaftig sind, weil wir sie nicht
11 unmittelbar aus der Erfahrung, sondern aus einer allgemeinen Regel,
12 die wir gleichwohl selbst doch aus der Erfahrung entlehnt haben, ableiten.
13 So sagt man von jemand, der das Fundament seines Hauses untergrub:
14 er konnte es a priori wissen, daß es einfallen würde, d. i. er durfte nicht
15 auf die Erfahrung, daß es wirklich einfiele, warten. Allein gänzlich
16 a priori konnte er dieses doch auch nicht wissen. Denn daß die Körper
17 schwer sind und daher, wenn ihnen die Stütze entzogen wird, fallen, mußte
18 ihm doch zuvor durch Erfahrung bekannt werden.
19 Wir werden also im Verfolg unter Erkenntnissen a priori nicht solche [op 3]
20 verstehen, die von dieser oder jener, sondern die schlechterdings von
21 aller Erfahrung unabhängig stattfinden. Ihnen sind empirische Erkenntnisse
22 oder solche, die nur a posteriori, d. i. durch Erfahrung, möglich sind,
23 entgegengesetzt. Von den Erkenntnissen a priori heißen aber diejenigen
24 rein, denen gar nichts Empirisches beigemischt ist. So ist z. B. der
25 Satz: eine jede Veränderung hat ihre Ursache, ein Satz a priori, allein
26 nicht rein, weil Veränderung ein Begriff ist, der nur aus der Erfahrung
27 gezogen werden kann.
31 Es kommt hier auf ein Merkmal an, woran wir sicher ein reines Erkenntni
32 von empirischen unterscheiden können. Erfahrung lehrt uns
33 zwar, daß etwas so oder so beschaffen sei, aber nicht, daß es nicht anders
34 sein könne. Findet sich also erstlich ein Satz, der zugleich mit seiner
35 Nothwendigkeit gedacht wird, so ist er ein Urtheil a priori; ist er überdem
[seite 029]
23 Daß es nun dergleichen nothwendige und im strengsten Sinne allgemeine,
24 mithin reine Urtheile a priori im menschlichen Erkenntniß wirklich
25 gebe, ist leicht zu zeigen. Will man ein Beispiel aus Wissenschaften, so
26 darf man nur auf alle Sätze der Mathematik hinaussehen; will man ein [op 5]
27 solches aus dem gemeinsten Verstandesgebrauche, so kann der Satz, da
28 alle Veränderung eine Ursache haben müsse, dazu dienen; ja in dem letzteren
29 enthält selbst der Begriff einer Ursache so offenbar den Begriff einer
30 Nothwendigkeit der Verknüpfung mit einer Wirkung und einer strengen
31 Allgemeinheit der Regel, daß er gänzlich verloren gehen würde, wenn
32 man ihn, wie HumePI that, vor einer öftern Beigesellung dessen, was geschieht,
33 mit dem, was vorhergeht, und einer daraus entspringenden Gewohnheit
34 (mithin bloß subjectiven Nothwendigkeit), Vorstellungen zu verknüpfen,
35 ableiten wollte. Auch könnte man, ohne dergleichen Beispiele
36 zum Beweise der Wirklichkeit reiner Grundsätze a priori in unserem Erkenntnisse
37 zu bedürfen, dieser ihre Unentbehrlichkeit zur Möglichkeit der
[seite 030]
24 Was noch weit mehr sagen will, als alles vorige, ist dieses, da
25 gewisse Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen
26 und durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand
27 in der Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urtheile über
28 alle Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben.
29 Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die Sinnenwelt
30 hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden, noch Berichtigung
31 geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft, die wir der
[seite 031]
13 Nun scheint es zwar natürlich, daß, so bald man den Boden der Erfahrung
14 verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt,
15 ohne zu wissen woher, und auf dem Credit der Grundsätze, deren Ursprung
16 man nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung
17 desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein,
18 daß man also vielmehr die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben,
19 wie denn der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen
20 könne, und welchen Umfang, Gültigkeit und Werth sie haben mögen. In
21 der That ist auch nichts natürlicher, wenn man unter dem Worte natürlich [op 8]
22 das versteht, was billiger und vernünftiger Weise geschehen sollte;
23 versteht man aber darunter das, was gewöhnlicher Maßen geschieht, so
24 ist hinwiederum nichts natürlicher und begreiflicher, als daß diese Untersuchung
25 lange Zeit unterbleiben mußte. Denn ein Theil dieser Erkenntnisse,
26 als die mathematische, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit und
27 giebt dadurch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich
28 von ganz verschiedener Natur sein mögen. Überdem, wenn man über
29 den Kreis der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung
30 nicht widerlegt zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitern,
31 ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man
32 stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber kann
[seite 032]
[seite 033]
13 In allen Urtheilen, worin das Verhältniß eines Subjects zum Prädicat
14 gedacht wird (wenn ich nur die bejahende erwäge, denn auf die verneinende
15 ist nachher die Anwendung leicht), ist dieses Verhältniß auf
16 zweierlei Art möglich. Entweder das Prädicat B gehört zum Subject A
17 als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckter Weise) enthalten ist;
18 oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in
19 Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urtheil analytisch,
20 in dem andern synthetisch. Analytische Urtheile (die bejahende) sind
21 also diejenige, in welchen die Verknüpfung des Prädicats mit dem Subject
22 durch Identität, diejenige aber, in denen diese Verknüpfung ohne [op 11]
23 Identität gedacht wird, sollen synthetische Urtheile heißen. Die erstere
24 könnte man auch Erläuterungs=, die andere Erweiterungsurtheile
25 heißen, weil jene durch das Prädicat nichts zum Begriff des Subjects
26 hinzuthun, sondern diesen nur durch Zergliederung in seine Theilbegriffe
27 zerfällen, die in selbigem schon (obgleich verworren) gedacht waren: da
28 hingegen die letztere zu dem Begriffe des Subjects ein Prädicat hinzuthun,
29 welches in jenem gar nicht gedacht war und durch keine Zergliederung
[seite 034]
12 Erfahrungsurtheile als solche sind insgesammt synthetisch.
13 Denn es wäre ungereimt, ein analytisches Urtheil auf Erfahrung
14 zu gründen, weil ich aus meinem Begriffe gar nicht hinausgehen darf,
15 um das Urtheil abzufassen, und also kein Zeugniß der Erfahrung dazu
16 nöthig habe. Daß ein Körper ausgedehnt sei, ist ein Satz, der a priori [op 12]
17 feststeht, und kein Erfahrungsurtheil. Denn ehe ich zur Erfahrung gehe,
18 habe ich alle Bedingungen zu meinem Urtheile schon in dem Begriffe, aus
19 welchem ich das Prädicat nach dem Satze des Widerspruchs nur herausziehen
20 und dadurch zugleich der Nothwendigkeit des Urtheils bewußt
21 werden kann, welche mir Erfahrung nicht einmal lehren würde. Dagegen
22 ob ich schon in dem Begriff eines Körpers überhaupt das Prädicat
23 der Schwere gar nicht einschließe, so bezeichnet jener doch einen Gegenstand
24 der Erfahrung durch einen Theil derselben, zu welchem ich also
25 noch andere Theile eben derselben Erfahrung, als zu dem ersteren gehörten,
[seite 035]
14 Aber bei synthetischen Urtheilen a priori fehlt dieses Hülfsmittel ganz [op 13]
15 und gar. Wenn ich über den Begriff A hinausgehen soll, um einen
16 andern B als damit verbunden zu erkennen: was ist das, worauf ich mich
17 stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird, da ich hier den Vortheil
18 nicht habe, mich im Felde der Erfahrung darnach umzusehen? Man
19 nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem Begriff
20 von etwas, das geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor welchem eine Zeit
21 vorhergeht etc., und daraus lassen sich analytische Urtheile ziehen. Aber
22 der Begriff einer Ursache liegt ganz außer jenem Begriffe, und zeigt
23 etwas von dem, was geschieht, Verschiedenes an, ist also in dieser letzteren
24 Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von
25 dem, was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen
26 und den Begriff der Ursache, ob zwar in jenem nicht enthalten, dennoch
27 als dazu und sogar nothwendig gehörig zu erkennen? Was ist hier das
28 Unbekannte = x, worauf sich der Verstand stützt, wenn er außer dem
29 Begriff von A ein demselben fremdes Prädicat B aufzufinden glaubt,
[seite 036]
14 1. Mathematische Urtheile sind insgesammt synthetisch.
15 Dieser Satz scheint den Bemerkungen der Zergliederer der menschlichen
16 Vernunft bisher entgangen, ja allen ihren Vermuthungen gerade entgegengesetzt
17 zu sein, ob er gleich unwidersprechlich gewiß und in der Folge
18 sehr wichtig ist. Denn weil man fand, daß die Schlüsse der Mathematiker
19 alle nach dem Satze des Widerspruchs fortgehen (welches die Natur
20 einer jeden apodiktischen Gewißheit erfordert), so überredete man sich, da
21 auch die Grundsätze aus dem Satze des Widerspruchs erkannt würden,
22 worin sie sich irrten; denn ein synthetischer Satz kann allerdings nach
23 dem Satze des Widerspruchs eingesehen werden, aber nur so, daß ein anderer
24 synthetischer Satz vorausgesetzt wird, aus dem er gefolgert werden
25 kann, niemals aber an sich selbst.
26 Zuvörderst muß bemerkt werden: daß eigentliche mathematische Sätze
27 jederzeit Urtheile a priori und nicht empirisch sind, weil sie Nothwendigkeit
[seite 037]
06 Man sollte anfänglich zwar denken: daß der Satz 7+5 = 12 ein
07 bloß analytischer Satz sei, der aus dem Begriffe einer Summe von Sieben
08 und Fünf nach dem Satze des Widerspruches erfolge. Allein wenn man
09 es näher betrachtet, so findet man, daß der Begriff der Summe von 7 und
10 5 nichts weiter enthalte, als die Vereinigung beider Zahlen in eine einzige,
11 wodurch ganz und gar nicht gedacht wird, welches diese einzige Zahl
12 sei, die beide zusammenfaßt. Der Begriff von Zwölf ist keinesweges dadurch
13 schon gedacht, daß ich mir bloß jene Vereinigung von Sieben und
14 Fünf denke, und ich mag meinen Begriff von einer solchen möglichen
15 Summe noch so lange zergliedern, so werde ich doch darin die Zwölf
16 nicht antreffen. Man muß über diese Begriffe hinausgehen, indem man
17 die Anschauung zu Hülfe nimmt, die einem von beiden correspondirt, etwa
18 seine fünf Finger oder (wie Segner in seiner Arithmetik) fünf Punkte,
19 und so nach und nach die Einheiten der in der Anschauung gegebenen
20 Fünf zu dem Begriffe der Sieben hinzuthut. Denn ich nehme zuerst die
21 Zahl 7, und indem ich für den Begriff der 5 die Finger meiner Hand als
22 Anschauung zu Hülfe nehme, so thue ich die Einheiten, die ich vorher [op 16]
23 zusammennahm, um die Zahl 5 auszumachen, nun an jenem meinem
24 Bilde nach und nach zur Zahl 7 und sehe so die Zahl 12 entspringen.
25 Daß 5 zu 7 hinzugethan werden sollten, habe ich zwar in dem Begriff
26 einer Summe = 7+5 gedacht, aber nicht, daß diese Summe der Zahl
27 12 gleich sei. Der arithmetische Satz ist also jederzeit synthetisch, welches
28 man desto deutlicher inne wird, wenn man etwas größere Zahlen nimmt,
29 da es denn klar einleuchtet, daß, wir möchten unsere Begriffe drehen
30 und wenden, wie wir wollen, wir, ohne die Anschauung zu Hülfe zu nehmen,
31 vermittelst der bloßen Zergliederung unserer Begriffe, die Summe
32 niemals finden könnten.
[seite 038]
08 Einige wenige Grundsätze, welche die Geometer voraussetzen, sind
09 zwar wirklich analytisch und beruhen auf dem Satze des Widerspruchs;
10 sie dienen aber auch nur wie identische Sätze zur Kette der Methode und [op 17]
11 nicht als Principien, z. B. a = a , das Ganze ist sich selber gleich, oder
12 (a+b) größer als a , d. i. das Ganze ist größer als sein Theil. Und doch auch
13 diese selbst, ob sie gleich nach bloßen Begriffen gelten, werden in der
14 Mathematik nur darum zugelassen, weil sie in der Anschauung können dargestellt
15 werden. Was uns hier gemeiniglich glauben macht, als läge das
16 Prädicat solcher apodiktischen Urtheile schon in unserm Begriffe, und das
17 Urtheil sei also analytisch, ist bloß die Zweideutigkeit des Ausdrucks. Wir
18 sollen nämlich zu einem gegebenen Begriffe ein gewisses Prädicat hinzudenken,
19 und diese Nothwendigkeit haftet schon an den Begriffen. Aber die
20 Frage ist nicht, was wir zu dem gegebenen Begriffe hinzu denken sollen,
21 sondern was wir wirklich in ihm, obzwar nur dunkel, denken, und da
22 zeigt sich, daß das Prädicat jenen Begriffen zwar nothwendig, aber nicht
23 als im Begriffe selbst gedacht, sondern vermittelst einer Anschauung, die
24 zu dem Begriffe hinzukommen muß, anhänge.
25 2. Naturwissenschaft ( Physica ) enthält synthetische Urtheile
26 a priori als Principien in sich. Ich will nur ein paar Sätze zum
27 Beispiel anführen, als den Satz, daß in allen Veränderungen der körperlichen
28 Welt die Quantität der Materie unverändert bleibe, oder daß in
29 aller Mittheilung der Bewegung Wirkung und Gegenwirkung jederzeit
30 einander gleich sein müssen. An beiden ist nicht allein die Nothwendigkeit, [op 18]
31 mithin ihr Ursprung a priori, sondern auch, daß sie synthetische Sätze
32 sind, klar. Denn in dem Begriffe der Materie denke ich mir nicht die
[seite 039]
07 3. In der Metaphysik, wenn man sie auch nur für eine bisher
08 bloß versuchte, dennoch aber durch die Natur der menschlichen Vernunft
09 unentbehrliche Wissenschaft ansieht, sollen synthetische Erkenntnisse
10 a priori enthalten sein, und es ist ihr gar nicht darum zu thun, Begriffe,
11 die wir uns a priori von Dingen machen, bloß zu zergliedern und
12 dadurch analytisch zu erläutern, sondern wir wollen unsere Erkenntni
13 a priori erweitern, wozu wir uns solcher Grundsätze bedienen müssen, die
14 über den gegebenen Begriff etwas hinzuthun, was in ihm nicht enthalten
15 war, und durch synthetische Urtheile a priori wohl gar so weit hinausgehen,
16 daß uns die Erfahrung selbst nicht so weit folgen kann, z. B. in
17 dem Satze: die Welt muß einen ersten Anfang haben u. a. m.; und so
18 besteht Metaphysik wenigstens ihrem Zwecke nach aus lauter synthetischen
19 Sätzen a priori.
22 Man gewinnt dadurch schon sehr viel, wenn man eine Menge von
23 Untersuchungen unter die Formel einer einzigen Aufgabe bringen kann.
24 Denn dadurch erleichtert man sich nicht allein selbst sein eigenes Geschäfte,
25 indem man es sich genau bestimmt, sondern auch jedem anderen, der es
26 prüfen will, das Urtheil, ob wir unserem Vorhaben ein Gnüge gethan
27 haben oder nicht. Die eigentliche Aufgabe der reinen Vernunft ist
28 nun in der Frage enthalten: Wie sind synthetische Urtheile a priori
29 möglich?
30 Daß die Metaphysik bisher in einem so schwankenden Zustande der
31 Ungewißheit und Widersprüche geblieben ist, ist lediglich der Ursache zuzuschreiben,
32 daß man sich diese Aufgabe und vielleicht sogar den Unterschied
33 der analytischen und synthetischen Urtheile nicht früher in
34 Gedanken kommen ließ. Auf der Auflösung dieser Aufgabe, oder einem
35 genugthuenden Beweise, daß die Möglichkeit, die sie erklärt zu wissen
[seite 040]
17 In der Auflösung obiger Aufgabe ist zugleich die Möglichkeit des
18 reinen Vernunftgebrauchs in Gründung und Ausführung aller Wissenschaften,
19 die eine theoretische Erkenntniß a priori von Gegenständen enthalten,
20 mit begriffen, d. i. die Beantwortung der Fragen:
21 Wie ist reine Mathematik möglich?
22 Wie ist reine Naturwissenschaft möglich?
23 Von diesen Wissenschaften, da sie wirklich gegeben sind, läßt sich nun wohl
24 geziemend fragen: wie sie möglich sind; denn daß sie möglich sein müssen, [op 21]
25 wird durch ihre Wirklichkeit bewiesen.*) Was aber Metaphysik betrifft,
26 so muß ihr bisheriger schlechter Fortgang, und weil man von keiner einzigen
27 bisher vorgetragenen, was ihren wesentlichen Zweck angeht, sagen
28 kann, sie sei wirklich vorhanden, einen jeden mit Grunde an ihrer Möglichkeit
29 zweifeln lassen.
30 *) Von der reinen Naturwissenschaft könnte mancher dieses letztere noch bezweifeln.
31 Allein man darf nur die verschiedenen Sätze, die im Anfange der eigentlichen
32 (empirischen) Physik vorkommen, nachsehen, als den von der Beharrlichkeit
33 derselben Quantität Materie, von der Trägheit, der Gleichheit der Wirkung und
34 Gegenwirkung u. s. w.: so wird man bald überzeugt werden, daß sie eine Physicam
35 puram (oder rationalem ) ausmachen, die es wohl verdient, als eigene Wissenschaft
36 in ihrem engen oder weiten, aber doch ganzen Umfange abgesondert aufgestellt
37 zu werden.
[seite 041]
01 Nun ist aber diese Art von Erkenntniß in gewissem Sinne doch
02 auch als gegeben anzusehen, und Metaphysik ist, wenn gleich nicht als
03 Wissenschaft, doch als Naturanlage ( metaphysica naturalis ) wirklich.
04 Denn die menschliche Vernunft geht unaufhaltsam, ohne daß bloße Eitelkeit
05 des Vielwissens sie dazu bewegt, durch eigenes Bedürfniß getrieben, bis
06 zu solchen Fragen fort, die durch keinen Erfahrungsgebrauch der Vernunft
07 und daher entlehnte Principien beantwortet werden können; und so ist
08 wirklich in allen Menschen, so bald Vernunft sich in ihnen bis zur Speculation
09 erweitert, irgend eine Metaphysik zu aller Zeit gewesen und wird
10 auch immer darin bleiben. Und nun ist auch von dieser die Frage: Wie [op 22]
11 ist Metaphysik als Naturanlage möglich? d. i. wie entspringen
12 die Fragen, welche reine Vernunft sich aufwirft, und die sie, so gut als sie
13 kann, zu beantworten durch ihr eigenes Bedürfniß getrieben wird, aus
14 der Natur der allgemeinen Menschenvernunft?
15 Da sich aber bei allen bisherigen Versuchen, diese natürliche Fragen,
16 z. B. ob die Welt einen Anfang habe, oder von Ewigkeit her sei u. s. w.,
17 zu beantworten, jederzeit unvermeidliche Widersprüche gefunden haben, so
18 kann man es nicht bei der bloßen Naturanlage zur Metaphysik, d. i. dem
19 reinen Vernunftvermögen selbst, woraus zwar immer irgend eine Metaphysik
20 (es sei, welche es wolle) erwächst, bewenden lassen, sondern es mu
21 möglich sein, mit ihr es zur Gewißheit zu bringen, entweder im Wissen
22 oder Nicht=Wissen der Gegenstände, d. i. entweder der Entscheidung über
23 die Gegenstände ihrer Fragen, oder über das Vermögen und Unvermögen
24 der Vernunft in Ansehung ihrer etwas zu urtheilen, also entweder unsere
25 reine Vernunft mit Zuverlässigkeit zu erweitern, oder ihr bestimmte und
26 sichere Schranken zu setzen. Diese letzte Frage, die aus der obigen allgemeinen
27 Aufgabe fließt, würde mit Recht diese sein: Wie ist Metaphysik
28 als Wissenschaft möglich?
29 Die Kritik der Vernunft führt also zuletzt nothwendig zur Wissenschaft, [op 23]
30 der dogmatische Gebrauch derselben ohne Kritik dagegen auf grundlose
31 Behauptungen, denen man eben so scheinbare entgegensetzen kann,
32 mithin zum Scepticismus.
33 Auch kann diese Wissenschaft nicht von großer, abschreckender Weitläuftigkeit
34 sein, weil sie es nicht mit Objecten der Vernunft, deren
35 Mannigfaltigkeit unendlich ist, sondern es bloß mit sich selbst, mit Aufgaben,
36 die ganz aus ihrem Schooße entspringen und ihr nicht durch die
37 Natur der Dinge, die von ihr unterschieden sind, sondern durch ihre eigene
[seite 042]
06 Man kann also und muß alle bisher gemachte Versuche, eine Metaphysik
07 dogmatisch zu Stande zu bringen, als ungeschehen ansehen; denn
08 was in der einen oder der anderen Analytisches, nämlich bloße Zergliederung
09 der Begriffe, ist, die unserer Vernunft a priori beiwohnen, ist noch
10 gar nicht der Zweck, sondern nur eine Veranstaltung zu der eigentlichen
11 Metaphysik, nämlich seine Erkenntniß a priori synthetisch zu erweitern,
12 und ist zu diesem untauglich, weil sie bloß zeigt, was in diesen Begriffen
13 enthalten ist, nicht aber, wie wir a priori zu solchen Begriffen gelangen, [op 24]
14 um darnach auch ihren gültigen Gebrauch in Ansehung der Gegenstände
15 aller Erkenntniß überhaupt bestimmen zu können. Es gehört auch nur
16 wenig Selbstverleugnung dazu, alle diese Ansprüche aufzugeben, da die
17 nicht abzuleugnende und im dogmatischen Verfahren auch unvermeidliche
18 Widersprüche der Vernunft mit sich selbst jede bisherige Metaphysik schon
19 längst um ihr Ansehen gebracht haben. Mehr Standhaftigkeit wird dazu
20 nöthig sein, sich durch die Schwierigkeit innerlich und den Widerstand
21 äußerlich nicht abhalten zu lassen, eine der menschlichen Vernunft unentbehrliche
22 Wissenschaft, von der man wohl jeden hervorgeschossenen Stamm
23 abhauen, die Wurzel aber nicht ausrotten kann, durch eine andere, der bisherigen
24 ganz entgegengesetzte Behandlung endlich einmal zu einem gedeihlichen
25 und fruchtbaren Wuchse zu befördern.
29 Aus diesem allem ergiebt sich nun die Idee einer besondern Wissenschaft,
30 die Kritik der reinen Vernunft heißen kann. Denn Vernunft
[seite 043]
[seite 044]
24 Die Transscendental=Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft,
25 wozu die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch,
26 d. i. aus Principien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit
27 und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen.
28 Sie ist das System aller Principien der reinen Vernunft. Daß diese
29 Kritik nicht schon selbst Transscendental=Philosophie heißt, beruht lediglich
30 darauf, daß sie, um ein vollständig System zu sein, auch eine ausführliche
31 Analysis der ganzen menschlichen Erkenntniß a priori enthalten
32 müßte. Nun muß zwar unsere Kritik allerdings auch eine vollständige
33 Herzählung aller Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntni
[seite 045]
13 Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die Transscendental
14 Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee der
15 Transscendental=Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht selbst, weil
16 sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurtheilung
17 der synthetischen Erkenntniß a priori erforderlich ist.
18 Das vornehmste Augenmerk bei der Eintheilung einer solchen Wissenschaft
19 ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas
20 Empirisches in sich enthalten, oder daß die Erkenntniß a priori völlig rein
21 sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität und die Grundbegriffe
22 derselben Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie doch nicht in [op 29]
23 die Transscendental=Philosophie, weil sie die Begriffe der Lust und Unlust,
24 der Begierden und Neigungen etc., die insgesammt empirischen Ursprungs
25 sind, zwar selbst nicht zum Grunde ihrer Vorschriften legen, aber
26 doch im Begriffe der Pflicht als Hinderniß, das überwunden, oder als
27 Anreitz, der nicht zum Bewegungsgrunde gemacht werden soll, nothwendig
28 in die Abfassung des Systems der reinen Sittlichkeit mit hineinziehen
29 müssen. Daher ist die Transscendental=Philosophie eine Weltweisheit
30 der reinen, bloß speculativen Vernunft. Denn alles Praktische, so fern es
31 Triebfedern enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen Erkenntnißquellen
32 gehören.
[seite 046]
01 Wenn man nun die Eintheilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen
02 Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so mu
03 die, welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementarlehre, zweitens
04 eine Methodenlehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser Haupttheile
05 würde seine Unterabtheilung haben, deren Gründe sich gleichwohl
06 hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint zur Einleitung oder
07 Vorerinnerung nöthig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntni
08 gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten
09 Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand,
10 durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber
11 gedacht werden. Sofern nun die Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten [op 30]
12 sollte, welche die Bedingung ausmachen, unter der uns Gegenstände
13 gegeben werden, so würde sie zur Transscendental=Philosophie gehören.
14 Die transscendentale Sinnenlehre würde zum ersten Theile der
15 Elementar=Wissenschaft gehören müssen, weil die Bedingungen, worunter
16 allein die Gegenstände der menschlichen Erkenntniß gegeben werden, denjenigen
17 vorgehen, unter welchen selbige gedacht werden.
[seite 047]
[seite 049]
06 Auf welche Art und durch welche Mittel sich auch immer eine Erkenntni
07 auf Gegenstände beziehen mag, so ist doch diejenige, wodurch sie
08 sich auf dieselbe unmittelbar bezieht, und worauf alles Denken als Mittel
09 abzweckt, die Anschauung. Diese findet aber nur statt, sofern uns der
10 Gegenstand gegeben wird; dieses aber ist wiederum uns Menschen wenigstens
11 nur dadurch möglich, daß er das Gemüth auf gewisse Weise afficire.
12 Die Fähigkeit (Receptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir
13 von Gegenständen afficirt werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit.
14 Vermittelst der Sinnlichkeit also werden uns Gegenstände gegeben, und
15 sie allein liefert uns Anschauungen; durch den Verstand aber werden
16 sie gedacht, und von ihm entspringen Begriffe. Alles Denken aber
17 muß sich, es sei geradezu ( directe ), oder im Umschweife ( indirecte ), vermittelst
18 gewisser Merkmale zuletzt auf Anschauungen, mithin bei uns auf
19 Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben
20 werden kann.
[seite 050]
06 In der Erscheinung nenne ich das, was der Empfindung correspondirt,
07 die Materie derselben, dasjenige aber, welches macht, daß das
08 Mannigfaltige der Erscheinung in gewissen Verhältnissen geordnet werden
09 kann, nenne ich die Form der Erscheinung. Da das, worin sich die
10 Empfindungen allein ordnen und in gewisse Form gestellt werden können,
11 nicht selbst wiederum Empfindung sein kann, so ist uns zwar die Materie
12 aller Erscheinung nur a posteriori gegeben, die Form derselben aber mu
13 zu ihnen insgesammt im Gemüthe a priori bereit liegen und daher abgesondert
14 von aller Empfindung können betrachtet werden.
15 Ich nenne alle Vorstellungen rein (im transscendentalen Verstande),
16 in denen nichts, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird. Demnach
17 wird die reine Form sinnlicher Anschauungen überhaupt im Gemüthe
18 a priori angetroffen werden, worin alles Mannigfaltige der Erscheinungen
19 in gewissen Verhältnissen angeschauet wird. Diese reine Form der [op 35]
20 Sinnlichkeit wird auch selber reine Anschauung heißen. So, wenn ich
21 von der Vorstellung eines Körpers das, was der Verstand davon denkt,
22 als Substanz, Kraft, Theilbarkeit etc., imgleichen was davon zur Empfindung
23 gehört, als Undurchdringlichkeit, Härte, Farbe etc., absondere, so bleibt
24 mir aus dieser empirischen Anschauung noch etwas übrig, nämlich Ausdehnung
25 und Gestalt. Diese gehören zur reinen Anschauung, die a priori, auch
26 ohne einen wirklichen Gegenstand der Sinne oder Empfindung, als eine
27 bloße Form der Sinnlichkeit im Gemüthe stattfindet.
28 Eine Wissenschaft von allen Principien der Sinnlichkeit a priori
29 nenne ich die transscendentale Ästhetik.*) Es muß also eine solche
30 *) Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts Ästhetik bedienen,
31 um dadurch das zu bezeichnen, was andre Kritik des Geschmacks heißen. Es
32 liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vortreffliche Analyst Baumgarten
33 faßte, die kritische Beurtheilung des Schönen unter Vernunftprincipien zu
34 bringen und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Allein diese Bemühung
35 ist vergeblich. Denn gedachte Regeln oder Kriterien sind ihren vornehmsten Quellen'
22 nach bloß empirisch und können also niemals zu bestimmten Gesetzen a priori
23 dienen, wornach sich unser Geschmacksurtheil richten müßte; vielmehr macht das letztere
24 den eigentlichen Probirstein der Richtigkeit der ersteren aus. Um deswillen ist es
25 rathsam, diese Benennung entweder wiederum eingehen zu lassen und sie derjenigen
26 Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist (wodurch man auch der Sprache und
27 dem Sinne der Alten näher treten würde, bei denen die Eintheilung der Erkenntni
28 in aisθηta kai noηta sehr berühmt war), oder sich in die Benennung mit der speculativen
29 Philosophie zu theilen und die Ästhetik theils im transscendentalen Sinne,
30 theils in psychologischer Bedeutung zu nehmen.
[seite 051]
04 In der transscendentalen Ästhetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit
05 isoliren, dadurch daß wir alles absondern, was der Verstand
06 durch seine Begriffe dabei denkt, damit nichts als empirische Anschauung
07 übrig bleibe. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung
08 gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung und die
09 bloße Form der Erscheinungen übrig bleibe, welches das einzige ist, das
10 die Sinnlichkeit a priori liefern kann. Bei dieser Untersuchung wird sich
11 finden, daß es zwei reine Formen sinnlicher Anschauung als Principien
12 der Erkenntniß a priori gebe, nämlich Raum und Zeit, mit deren Erwägung
13 wir uns jetzt beschäftigen werden.
20 Vermittelst des äußeren Sinnes (einer Eigenschaft unsres Gemüths)
21 stellen wir uns Gegenstände als außer uns und diese insgesammt im
[seite 052]
20 1) Der Raum ist kein empirischer Begriff, der von äußeren Erfahrungen
21 abgezogen worden. Denn damit gewisse Empfindungen auf etwas
22 außer mir bezogen werden (d. i. auf etwas in einem andern Orte des
23 Raumes, als darin ich mich befinde), imgleichen damit ich sie als außer
24 und neben einander, mithin nicht bloß verschieden, sondern als in verschiedenen
25 Orten vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung des Raumes
26 schon zum Grunde liegen. Demnach kann die Vorstellung des Raumes
27 nicht aus den Verhältnissen der äußern Erscheinung durch Erfahrung erborgt
28 sein, sondern diese äußere Erfahrung ist selbst nur durch gedachte
29 Vorstellung allererst möglich.
30 2) Der Raum ist eine nothwendige Vorstellung a priori, die allen
31 äußeren Anschauungen zum Grunde liegt. Man kann sich niemals eine
32 Vorstellung davon machen, daß kein Raum sei, ob man sich gleich ganz [op 39]
33 wohl denken kann, daß keine Gegenstände darin angetroffen werden. Er
[seite 053]
05 3) Der Raum ist kein discursiver oder, wie man sagt, allgemeiner
06 Begriff von Verhältnissen der Dinge überhaupt, sondern eine reine Anschauung.
07 Denn erstlich kann man sich nur einen einigen Raum vorstellen,
08 und wenn man von vielen Räumen redet, so versteht man darunter
09 nur Theile eines und desselben alleinigen Raumes. Diese Theile können
10 auch nicht vor dem einigen allbefassenden Raume gleichsam als dessen
11 Bestandtheile (daraus seine Zusammensetzung möglich sei) vorhergehen,
12 sondern nur in ihm gedacht werden. Er ist wesentlich einig, das Mannigfaltige
13 in ihm, mithin auch der allgemeine Begriff von Räumen überhaupt
14 beruht lediglich auf Einschränkungen. Hieraus folgt, daß in Ansehung
15 seiner eine Anschauung a priori (die nicht empirisch ist) allen Begriffen
16 von demselben zum Grunde liegt. So werden auch alle geometrische
17 Grundsätze, z. E. daß in einem Triangel zwei Seiten zusammen
18 größer sind, als die dritte, niemals aus allgemeinen Begriffen von Linie
19 und Triangel, sondern aus der Anschauung und zwar a priori mit apodiktischer
20 Gewißheit abgeleitet.
21 4) Der Raum wird als eine unendliche gegebene Größe vorgestellt. [op 40]
22 Nun muß man zwar einen jeden Begriff als eine Vorstellung denken, die
23 in einer unendlichen Menge von verschiedenen möglichen Vorstellungen
24 (als ihr gemeinschaftliches Merkmal) enthalten ist, mithin diese unter sich
25 enthält: aber kein Begriff als ein solcher kann so gedacht werden, als ob
26 er eine unendliche Menge von Vorstellungen in sich enthielte. Gleichwohl
27 wird der Raum so gedacht (denn alle Theile des Raumes ins unendliche
28 sind zugleich). Also ist die ursprüngliche Vorstellung vom Raume Anschauung
29 a priori und nicht Begriff.
[seite 054]
03 Ich verstehe unter einer transscendentalen Erörterung die Erklärung
04 eines Begriffs als eines Princips, woraus die Möglichkeit anderer
05 synthetischer Erkenntnisse a priori eingesehen werden kann. Zu dieser
06 Absicht wird erfordert: 1) daß wirklich dergleichen Erkenntnisse aus dem
07 gegebenen Begriffe herfließen, 2) daß diese Erkenntnisse nur unter der
08 Voraussetzung einer gegebenen Erklärungsart dieses Begriffs möglich sind.
09 Geometrie ist eine Wissenschaft, welche die Eigenschaften des Raums
10 synthetisch und doch a priori bestimmt. Was muß die Vorstellung des
11 Raumes denn sein, damit eine solche Erkenntniß von ihm möglich sei? Er [op 41]
12 muß ursprünglich Anschauung sein; denn aus einem bloßen Begriffe lassen
13 sich keine Sätze, die über den Begriff hinausgehen, ziehen, welches doch in
14 der Geometrie geschieht (Einleitung 5 ). Aber diese Anschauung mu
15 a priori, d. i. vor aller Wahrnehmung eines Gegenstandes, in uns angetroffen
16 werden, mithin reine, nicht empirische Anschauung sein. Denn die
17 geometrischen Sätze sind insgesammt apodiktisch, d. i. mit dem Bewußtsein
18 ihrer Nothwendigkeit verbunden, z. B. der Raum hat nur drei Abmessungen;
19 dergleichen Sätze aber können nicht empirische oder Erfahrungsurtheile
20 sein, noch aus ihnen geschlossen werden (Einleit. 2 ).
21 Wie kann nun eine äußere Anschauung dem Gemüthe beiwohnen, die
22 vor den Objecten selbst vorhergeht, und in welcher der Begriff der letzteren
23 a priori bestimmt werden kann? Offenbar nicht anders, als sofern sie
24 bloß im Subjecte, als die formale Beschaffenheit desselben von Objecten
25 afficirt zu werden und dadurch unmittelbare Vorstellung derselben,
26 d. i. Anschauung, zu bekommen, ihren Sitz hat, also nur als Form des
27 äußeren Sinnes überhaupt.
28 Also macht allein unsere Erklärung die Möglichkeit der Geometrie
29 als einer synthetischen Erkenntniß a priori begreiflich. Eine jede
30 Erklärungsart, die dieses nicht liefert, wenn sie gleich dem Anscheine nach
31 mit ihr einige Ähnlichkeit hätte, kann an diesen Kennzeichen am sichersten
32 von ihr unterschieden werden.
[seite 055]
02 a) Der Raum stellt gar keine Eigenschaft irgend einiger Dinge an
03 sich, oder sie in ihrem Verhältniß auf einander vor, d. i. keine Bestimmung
04 derselben, die an Gegenständen selbst haftete, und welche bliebe, wenn man
05 auch von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung abstrahirte.
06 Denn weder absolute, noch relative Bestimmungen können vor dem Dasein
07 der Dinge, welchen sie zukommen, mithin nicht a priori angeschaut
08 werden.
09 b) Der Raum ist nichts anders, als nur die Form aller Erscheinungen
10 äußerer Sinne, d. i. die subjective Bedingung der Sinnlichkeit,
11 unter der allein uns äußere Anschauung möglich ist. Weil nun die Receptivität
12 des Subjects, von Gegenständen afficirt zu werden, nothwendiger
13 Weise vor allen Anschauungen dieser Objecte vorhergeht, so läßt sich
14 verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen Wahrnehmungen,
15 mithin a priori im Gemüthe gegeben sein könne, und wie sie
16 als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt werden
17 müssen, Principien der Verhältnisse derselben vor aller Erfahrung enthalten
18 könne.
19 Wir können demnach nur aus dem Standpunkte eines Menschen vom
20 Raum, von ausgedehnten Wesen etc. reden. Gehen wir von der subjectiven
21 Bedingung ab, unter welcher wir allein äußere Anschauung bekommen
22 können, so wie wir nämlich von den Gegenständen afficirt werden [op 43]
23 mögen, so bedeutet die Vorstellung vom Raume gar nichts. Dieses Prädicat
24 wird den Dingen nur in so fern beigelegt, als sie uns erscheinen,
25 d. i. Gegenstände der Sinnlichkeit sind. Die beständige Form dieser Receptivität,
26 welche wir Sinnlichkeit nennen, ist eine nothwendige Bedingung
27 aller Verhältnisse, darin Gegenstände als außer uns angeschauet werden,
28 und wenn man von diesen Gegenständen abstrahirt , eine reine Anschauung,
29 welche den Namen Raum führt. Weil wir die besonderen Bedingungen
30 der Sinnlichkeit nicht zu Bedingungen der Möglichkeit der Sachen,
31 sondern nur ihrer Erscheinungen machen können, so können wir wohl
32 sagen, daß der Raum alle Dinge befasse, die uns äußerlich erscheinen
33 mögen, aber nicht alle Dinge an sich selbst, sie mögen nun angeschaut
34 werden oder nicht, oder auch von welchem Subject man wolle. Denn wir
35 können von den Anschauungen anderer denkenden Wesen gar nicht urtheilen,
[seite 056]
20 Es giebt aber auch außer dem Raum keine andere subjective und auf
21 etwas Äußeres bezogene Vorstellung, die a priori objectiv heißen könnte.
22 Denn man kann von keiner derselben synthetische Sätze a priori, wie von
23 der Anschauung im Raume herleiten (§ 3). Daher ihnen, genau zu reden,
24 gar keine Idealität zukommt, ob sie gleich darin mit der Vorstellung des
25 Raumes übereinkommen, daß sie bloß zur subjectiven Beschaffenheit der
26 Sinnesart gehören, z. B. des Gesichts, Gehörs, Gefühls, durch die Empfindungen
27 der Farben, Töne und Wärme, die aber, weil sie bloß Empfindungen
28 und nicht Anschauungen sind, an sich kein Object, am wenigsten
29 a priori erkennen lassen.
30 Die Absicht dieser Anmerkung geht nur dahin: zu verhüten, daß man
31 die behauptete Idealität des Raumes nicht durch bei weitem unzulängliche
32 Beispiele zu erläutern sich einfallen lasse, da nämlich etwa Farben, Geschmack
33 etc. mit Recht nicht als Beschaffenheiten der Dinge, sondern bloß als
[seite 057]
21 Die Zeit ist 1) kein empirischer Begriff, der irgend von einer Erfahrung
22 abgezogen worden. Denn das Zugleichsein oder Aufeinanderfolgen
23 würde selbst nicht in die Wahrnehmung kommen, wenn die Vorstellung
24 der Zeit nicht a priori zum Grunde läge. Nur unter deren Voraussetzung
25 kann man sich vorstellen: daß einiges zu einer und derselben Zeit
26 (zugleich) oder in verschiedenen Zeiten (nach einander) sei.
27 2) Die Zeit ist eine nothwendige Vorstellung, die allen Anschauungen
28 zum Grunde liegt. Man kann in Ansehung der Erscheinungen überhaupt
29 die Zeit selbst nicht aufheben, ob man zwar ganz wohl die Erscheinungen
30 aus der Zeit wegnehmen kann. Die Zeit ist also a priori gegeben. In
[seite 058]
04 3) Auf diese Nothwendigkeit a priori gründet sich auch die Möglichkeit
05 apodiktischer Grundsätze von den Verhältnissen der Zeit oder Axiomen
06 von der Zeit überhaupt. Sie hat nur Eine Dimension: verschiedene Zeiten
07 sind nicht zugleich, sondern nach einander (so wie verschiedene Räume
08 nicht nach einander, sondern zugleich sind). Diese Grundsätze können aus
09 der Erfahrung nicht gezogen werden, denn diese würde weder Strenge Allgemeinheit,
10 noch apodiktische Gewißheit geben. Wir würden nur sagen
11 können: so lehrt es die gemeine Wahrnehmung; nicht aber: so muß es sich
12 verhalten. Diese Grundsätze gelten als Regeln, unter denen überhaupt
13 Erfahrungen möglich sind, und belehren uns vor derselben und nicht durch
14 dieselbe.
15 4) Die Zeit ist kein discursiver oder, wie man ihn nennt, allgemeiner
16 Begriff, sondern eine reine Form der sinnlichen Anschauung. Verschiedene
17 Zeiten sind nur Theile eben derselben Zeit. Die Vorstellung, die nur
18 durch einen einzigen Gegenstand gegeben werden kann, ist aber Anschauung.
19 Auch würde sich der Satz, daß verschiedene Zeiten nicht zugleich
20 sein können, aus einem allgemeinen Begriff nicht herleiten lassen. Der
21 Satz ist synthetisch und kann aus Begriffen allein nicht entspringen. Er
22 ist also in der Anschauung und Vorstellung der Zeit unmittelbar enthalten.
23 5) Die Unendlichkeit der Zeit bedeutet nichts weiter, als daß alle bestimmte [op 48]
24 Größe der Zeit nur durch Einschränkungen einer einigen zum
25 Grunde liegenden Zeit möglich sei. Daher muß die ursprüngliche Vorstellung
26 Zeit als uneingeschränkt gegeben sein. Wovon aber die Theile
27 selbst und jede Größe eines Gegenstandes nur durch Einschränkung bestimmt
28 vorgestellt werden können, da muß die ganze Vorstellung nicht
29 durch Begriffe gegeben sein (denn die enthalten nur Theilvorstellungen),
30 sondern es muß ihnen unmittelbare Anschauung zum Grunde liegen.
[seite 059]
03 Ich kann mich deshalb auf Nr. 3 berufen, wo ich, um kurz zu sein,
04 das, was eigentlich transscendental ist, unter die Artikel der metaphysischen
05 Erörterung gesetzt habe. Hier füge ich noch hinzu, daß der Begriff
06 der Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung (als Veränderung
07 des Orts) nur durch und in der Zeitvorstellung möglich ist; daß,
08 wenn diese Vorstellung nicht Anschauung (innere) a priori wäre, kein Begriff,
09 welcher es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung, d. i. einer
10 Verbindung contradictorisch entgegengesetzter Prädicate (z. B. das Sein
11 an einem Orte und das Nichtsein eben desselben Dinges an demselben
12 Orte) in einem und demselben Objecte, begreiflich machen könnte. Nur [op 49]
13 in der Zeit können beide contradictorisch=entgegengesetzte Bestimmungen
14 in einem Dinge, nämlich nach einander, anzutreffen sein. Also erklärt
15 unser Zeitbegriff die Möglichkeit so vieler synthetischer Erkenntniß a priori
16 als die allgemeine Bewegungslehre, die nicht wenig fruchtbar ist, darlegt.
19 a) Die Zeit ist nicht etwas, was für sich selbst bestände, oder den
20 Dingen als objective Bestimmung anhinge, mithin übrig bliebe, wenn
21 man von allen subjectiven Bedingungen der Anschauung derselben abstrahirt:
22 denn im ersten Fall würde sie etwas sein, was ohne wirklichen Gegenstand
23 dennoch wirklich wäre. Was aber das zweite betrifft, so könnte sie
24 als eine den Dingen selbst anhängende Bestimmung oder Ordnung nicht
25 vor den Gegenständen als ihre Bedingung vorhergehen und a priori durch
26 synthetische Sätze erkannt und angeschaut werden. Dieses letztere findet
27 dagegen sehr wohl statt, wenn die Zeit nichts als die subjective Bedingung
28 ist, unter der alle Anschauungen in uns stattfinden können. Denn da kann
29 diese Form der innern Anschauung vor den Gegenständen, mithin a priori
30 vorgestellt werden.
31 b) Die Zeit ist nichts anders als die Form des innern Sinnes, d. i.
32 des Anschauens unserer selbst und unseres innern Zustandes. Denn die
[seite 060]
13 c) Die Zeit ist die formale Bedingung a priori aller Erscheinungen
14 überhaupt. Der Raum als die reine Form aller äußeren Anschauung
15 ist als Bedingung a priori bloß auf äußere Erscheinungen eingeschränkt.
16 Dagegen weil alle Vorstellungen, sie mögen nun äußere Dinge zum Gegenstande
17 haben oder nicht, doch an sich selbst, als Bestimmungen des
18 Gemüths, zum innern Zustande gehören; dieser innere Zustand aber
19 unter der formalen Bedingung der innern Anschauung, mithin der Zeit
20 gehört: so ist die Zeit eine Bedingung a priori von aller Erscheinung überhaupt
21 und zwar die unmittelbare Bedingung der inneren (unserer Seelen) [op 51]
22 und eben dadurch mittelbar auch der äußern Erscheinungen. Wenn ich
23 a priori sagen kann: alle äußere Erscheinungen sind im Raume und nach
24 den Verhältnissen des Raumes a priori bestimmt, so kann ich aus dem
25 Princip des innern Sinnes ganz allgemein sagen: alle Erscheinungen
26 überhaupt, d. i. alle Gegenstände der Sinne, sind in der Zeit und stehen
27 nothwendiger Weise in Verhältnissen der Zeit.
28 Wenn wir von unsrer Art, uns selbst innerlich anzuschauen und vermittelst
29 dieser Anschauung auch alle äußere Anschauungen in der Vorstellungskraft
30 zu befassen, abstrahiren und mithin die Gegenstände nehmen,
31 so wie sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie ist
32 nur von objectiver Gültigkeit in Ansehung der Erscheinungen, weil dieses
33 schon Dinge sind, die wir als Gegenstände unsrer Sinne annehmen;
34 aber sie ist nicht mehr objectiv, wenn man von der Sinnlichkeit unsrer
35 Anschauung, mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns eigenthümlich
36 ist, abstrahirt und von Dingen überhaupt redet. Die Zeit ist also
37 lediglich eine subjective Bedingung unserer (menschlichen) Anschauung
[seite 061]
12 Unsere Behauptungen lehren demnach empirische Realität der
13 Zeit, d. i. objective Gültigkeit in Ansehung aller Gegenstände, die jemals
14 unsern Sinnen gegeben werden mögen. Und da unsere Anschauung jederzeit
15 sinnlich ist, so kann uns in der Erfahrung niemals ein Gegenstand
16 gegeben werden, der nicht unter die Bedingung der Zeit gehörte. Dagegen
17 bestreiten wir der Zeit allen Anspruch auf absolute Realität, da sie
18 nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksicht
19 zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge.
20 Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich zukommen, können
21 uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht also
22 die transscendentale Idealität der Zeit, nach welcher sie, wenn man
23 von den subjectiven Bedingungen der sinnlichen Anschauung abstrahirt,
24 gar nichts ist und den Gegenständen an sich selbst (ohne ihr Verhältni
25 auf unsere Anschauung) weder subsistirend noch inhärirend beigezählt [op 53]
26 werden kann. Doch ist diese Idealität eben so wenig wie die des Raumes
27 mit den Subreptionen der Empfindungen in Vergleichung zu stellen, weil
28 man doch dabei von der Erscheinung selbst, der diese Prädicate inhäriren,
29 voraussetzt, daß sie objective Realität habe, die hier gänzlich wegfällt,
30 außer sofern sie bloß empirisch ist, d. i. den Gegenstand selbst bloß als
31 Erscheinung ansieht: wovon die obige Anmerkung des ersteren Abschnitts
32 nachzusehen ist.
35 Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht,
36 aber die absolute und transscendentale bestreitet, habe ich von einsehenden
[seite 062]
24 Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht
25 wird und zwar von denen, die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität [op 55]
26 des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die
27 absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch darthun zu
28 können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die Wirklichkeit
29 äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist: dagegen
30 die des Gegenstandes unserer innern Sinnen (meiner selbst und meines
31 Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten ein
32 bloßer Schein sein, dieser aber ist ihrer Meinung nach unleugbar etwas
33 Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man ihre Wirklichkeit
34 *) Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das heißt
35 nur, wir sind uns ihrer als in einer Zeitfolge, d. i. nach der Form des innern
36 Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht etwas an sich selbst, auch keine den Dingen
37 objectiv anhängende Bestimmung.
[seite 063]
09 Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnißquellen, aus denen
10 a priori verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können,
11 wie vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom [op 56]
12 Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel giebt. Sie sind
13 nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen Anschauung
14 und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich. Aber
15 diese Erkenntnißquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (daß sie blo
16 Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich daß sie blo
17 auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen betrachtet werden,
18 nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene allein sind das Feld ihrer
19 Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht, weiter kein objectiver Gebrauch
20 derselben stattfindet. Diese Realität des Raumes und der Zeit läßt übrigens
21 die Sicherheit der Erfahrungserkenntniß unangetastet: denn wir
22 sind derselben eben so gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst,
23 oder nur unsrer Anschauung dieser Dinge nothwendiger Weise anhängen.
24 Dagegen die, so die absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten,
25 sie mögen sie nun als subsistirend oder nur inhärirend annehmen,
26 mit den Principien der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn entschließen
27 sie sich zum ersteren (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen
28 Naturforscher ist), so müssen sie zwei ewige und unendliche für
29 sich bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche dasind (ohne
30 daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu befassen.
31 Nehmen sie die zweite Partei (von der einige metaphysische Naturlehrer
32 sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der Erfahrung abstrahirte, [op 57]
33 obzwar in der Absonderung verworren vorgestellte, Verhältnisse der
34 Erscheinungen (neben oder nach einander): so müssen sie den mathematischen
35 Lehren a priori in Ansehung wirklicher Dinge (z. E. im Raume)
36 ihre Gültigkeit, wenigstens die apodiktische Gewißheit bestreiten, indem
37 diese a posteriori gar nicht stattfindet, und die Begriffe a priori von
[seite 064]
19 Daß schließlich die transscendentale Ästhetik nicht mehr als diese zwei
20 Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus klar, weil
21 alle andre zur Sinnlichkeit gehörige Begriffe, selbst der der Bewegung,
22 welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches voraussetzen. Denn
23 diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem voraus. Im Raum,
24 an sich selbst betrachtet, ist aber nichts Bewegliches: daher das Bewegliche
25 etwas sein muß, was im Raume nur durch Erfahrung gefunden
26 wird, mithin ein empirisches Datum. Eben so kann die transscendentale
27 Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung unter ihre Data a priori zählen:
28 denn die Zeit selbst verändert sich nicht, sondern etwas, das in der
29 Zeit ist. Also wird dazu die Wahrnehmung von irgend einem Dasein
30 und der Succession seiner Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert.
[seite 065]
05 1. Zuerst wird es nöthig sein, uns so deutlich als möglich zu erklären,
06 was in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkenntni
07 überhaupt unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben vorzubeugen.
09 Wir haben also sagen wollen: daß alle unsre Anschauung nichts als
10 die Vorstellung von Erscheinung sei; daß die Dinge, die wir anschauen,
11 nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch ihre Verhältnisse
12 so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns erscheinen, und daß, wenn wir
13 unser Subject oder auch nur die subjective Beschaffenheit der Sinne überhaupt
14 aufheben, alle die Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objecte im
15 Raum und Zeit, ja selbst Raum und Zeit verschwinden würden und als
16 Erscheinungen nicht an sich selbst, sondern nur in uns existiren können.
17 Was es für eine Bewandtniß mit den Gegenständen an sich und abgesondert
18 von aller dieser Receptivität unserer Sinnlichkeit haben möge,
19 bleibt uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts als unsere Art, sie
20 wahrzunehmen, die uns eigenthümlich ist, die auch nicht nothwendig jedem
21 Wesen, ob zwar jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir [op 60]
22 es lediglich zu thun. Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben,
23 Empfindung überhaupt die Materie. Jene können wir allein a priori, d. i.
24 vor aller wirklichen Wahrnehmung, erkennen, und sie heißt darum reine
25 Anschauung; diese aber ist das in unserm Erkenntniß, was da macht, da
26 es Erkenntniß a posteriori, d. i. empirische Anschauung, heißt. Jene hängen
27 unsrer Sinnlichkeit schlechthin nothwendig an, welcher Art auch unsere
28 Empfindungen sein mögen; diese können sehr verschieden sein. Wenn wir
29 diese unsre Anschauung auch zum höchsten Grade der Deutlichkeit bringen
30 könnten, so würden wir dadurch der Beschaffenheit der Gegenstände an
31 sich selbst nicht näher kommen. Denn wir würden auf allen Fall doch nur
32 unsre Art der Anschauung, d. i. unsere Sinnlichkeit, vollständig erkennen
33 und diese immer nur unter den dem Subject ursprünglich anhängenden
[seite 066]
05 Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene Vorstellung
06 der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen an sich
07 selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von Merkmalen
08 und Theilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein auseinander setzen,
09 ist eine Verfälschung des Begriffs von Sinnlichkeit und von Erscheinung,
10 welche die ganze Lehre derselben unnütz und leer macht. Der Unterschied [op 61]
11 einer undeutlichen von der deutlichen Vorstellung ist bloß logisch und betrifft
12 nicht den Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht,
13 dessen sich der gesunde Verstand bedient, eben dasselbe, was die subtilste
14 Speculation aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und praktischen
15 Gebrauche man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesem
16 Gedanken nicht bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der gemeine
17 Begriff sinnlich sei und eine bloße Erscheinung enthalte, denn das
18 Recht kann gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande
19 und stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die
20 ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines
21 Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich
22 selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas und die
23 Art, wie wir dadurch afficirt werden, und diese Receptivität unserer Erkenntnißfähigkeit
24 heißt Sinnlichkeit und bleibt von der Erkenntniß des
25 Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die Erscheinung) gleich bis auf
26 den Grund durchschauen möchte, dennoch himmelweit unterschieden.
27 Die LeibnizPI=Wolffische Philosophie hat daher allen Untersuchungen
28 über die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten
29 Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit
30 vom Intellectuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar transscendental [op 62]
31 ist und nicht bloß die Form der Deutlichkeit der Undeutlichkeit,
32 sondern den Ursprung und den Inhalt derselben betrifft, so daß wir durch
33 die erstere die Beschaffenheit der Dinge an sich selbst nicht bloß undeutlich,
34 sondern gar nicht erkennen, und, so bald wir unsre subjective Beschaffenheit
35 wegnehmen, das vorgestellte Object mit den Eigenschaften, die ihm
36 die sinnliche Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch
[seite 067]
03 Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der Anschauung
04 derselben wesentlich anhängt und für jeden menschlichen Sinn
05 überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälliger Weise zukommt,
06 indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt, sondern
07 nur auf eine besondre Stellung oder Organisation dieses oder jenes
08 Sinnes gültig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntniß eine solche,
09 die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite aber nur die Erscheinung
10 desselben. Dieser Unterschied ist aber nur empirisch. Bleibt man
11 dabei stehen (wie es gemeiniglich geschieht) und sieht jene empirische Anschauung
12 nicht wiederum (wie es geschehen sollte) als bloße Erscheinung
13 an, so daß darin gar nichts, was irgend eine Sache an sich selbst anginge,
14 anzutreffen ist, so ist unser transscendentaler Unterschied verloren, und
15 wir glauben alsdann doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich [op 63]
16 überall (in der Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer
17 Gegenstände mit nichts als Erscheinungen zu thun haben. So werden
18 wir zwar den Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnenregen
19 nennen, diesen Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig
20 ist, so fern wir den letztern Begriff nur physisch verstehen, als das, was
21 in der allgemeinen Erfahrung unter allen verschiedenen Lagen zu den
22 Sinnen doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen
23 wir aber dieses Empirische überhaupt und fragen, ohne uns an die Einstimmung
24 desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch dieses
25 einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen, denn die sind dann
26 schon als Erscheinungen empirische Objecte) vorstelle, so ist die Frage von
27 der Beziehung der Vorstellung auf den Gegenstand transscendental, und
28 nicht allein diese Tropfen sind bloße Erscheinungen, sondern selbst ihre
29 runde Gestalt, ja sogar der Raum, in welchem sie fallen, sind nichts an
30 sich selbst, sondern bloße Modificationen oder Grundlagen unserer sinnlichen
31 Anschauung, das transscendentale Object aber bleibt uns unbekannt.
33 Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transscendentalen Ästhetik
34 ist, daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe, sondern
35 so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie gefordert
36 werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit
37 völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgend einen Fall wählen, woran
[seite 068]
03 Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objectiv und Bedingungen
04 der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich erstlich:
05 daß von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze in großer Zahl,
06 vornehmlich vom Raum, vorkommen, welchen wir darum vorzüglich hier
07 zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der Geometrie synthetisch
08 a priori und mit apodiktischer Gewißheit erkannt werden, so frage ich:
09 woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf stützt sich unser Verstand,
10 um zu dergleichen schlechthin nothwendigen und allgemein gültigen Wahrheiten
11 zu gelangen? Es ist kein anderer Weg, als durch Begriffe oder
12 durch Anschauungen, beide aber als solche, die entweder a priori oder
13 a posteriori gegeben sind. Die letztern, nämlich empirische Begriffe, imgleichen
14 das, worauf sie sich gründen, die empirische Anschauung, können
15 keinen synthetischen Satz geben als nur einen solchen, der auch bloß empirisch,
16 d. i. ein Erfahrungssatz, ist, mithin niemals Nothwendigkeit und
17 absolute Allgemeinheit enthalten kann, dergleichen doch das charakteristische
18 aller Sätze der Geometrie ist. Was aber das erstere und einzige
19 Mittel sein würde, nämlich durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen
20 a priori zu dergleichen Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, daß aus
21 bloßen Begriffen gar keine synthetische Erkenntniß, sondern lediglich analytische [op 65]
22 erlangt werden kann. Nehmet nur den Satz, daß durch zwei
23 gerade Linien sich gar kein Raum einschließen lasse, mithin keine Figur
24 möglich sei, und versucht ihn aus dem Begriff von geraden Linien und
25 der Zahl zwei abzuleiten; oder auch, daß aus drei geraden Linien eine
26 Figur möglich sei, und versucht es eben so bloß aus diesen Begriffen. Alle
27 eure Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genöthigt, zur Anschauung
28 eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit thut.
29 Ihr gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung; von welcher Art
30 aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori oder eine empirische?
31 Wäre das letzte, so könnte niemals ein allgemein gültiger, noch weniger
32 ein apodiktischer Satz daraus werden: denn Erfahrung kann dergleichen
33 niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand a priori in der Anschauung
34 geben und auf diesen euren synthetischen Satz gründen. Läge
35 nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen; wäre diese subjective
[seite 069]
23 2. Zur Bestätigung dieser Theorie von der Idealität des äußeren
24 sowohl als inneren Sinnes, mithin aller Objecte der Sinne als bloßer
25 Erscheinungen kann vorzüglich die Bemerkung dienen: daß alles, was in
26 unserem Erkenntniß zur Anschauung gehört (also Gefühl der Lust und
27 Unlust und den Willen, die gar nicht Erkenntnisse sind, ausgenommen)
28 nichts als bloße Verhältnisse enthalte, der Örter in einer Anschauung [op 67]
29 (Ausdehnung), Veränderung der Örter (Bewegung) und Gesetze, nach
30 denen diese Veränderung bestimmt wird (bewegende Kräfte). Was aber
31 in dem Orte gegenwärtig sei, oder was es außer der Ortveränderung in
32 den Dingen selbst wirke, wird dadurch nicht gegeben. Nun wird durch
33 bloße Verhältnisse doch nicht eine Sache an sich erkannt: also ist wohl zu
34 urtheilen, daß, da uns durch den äußeren Sinn nichts als bloße Verhältnißvorstellungen
[seite 070]
[seite 071]
03 3. Wenn ich sage: im Raum und der Zeit stellt die Anschauung
04 sowohl der äußeren Objecte, als auch die Selbstanschauung des Gemüths
05 beides vor, so wie es unsere Sinne afficirt, d. i. wie es erscheint, so will
06 das nicht sagen, daß diese Gegenstände ein bloßer Schein wären. Denn
07 in der Erscheinung werden jederzeit die Objecte, ja selbst die Beschaffenheiten,
08 die wir ihnen beilegen, als etwas wirklich Gegebenes angesehen,
09 nur daß, so fern diese Beschaffenheit nur von der Anschauungsart des
10 Subjects in der Relation des gegebenen Gegenstandes zu ihm abhängt,
11 dieser Gegenstand als Erscheinung von ihm selber als Object an sich
12 unterschieden wird. So sage ich nicht, die Körper scheinen bloß außer
13 mir zu sein, oder meine Seele scheint nur in meinem Selbstbewußtsein
14 gegeben zu sein, wenn ich behaupte, daß die Qualität des Raums und der
15 Zeit, welcher als Bedingung ihres Daseins gemäß ich beide setze, in meiner
16 Anschauungsart und nicht in diesen Objecten an sich liege. Es wäre
17 meine eigene Schuld, wenn ich aus dem, was ich zur Erscheinung zählen [op 70]
18 sollte, bloßen Schein machte.)* Dieses geschieht aber nicht nach unserem
19 Princip der Idealität aller unserer sinnlichen Anschauungen; vielmehr
20 wenn man jenen Vorstellungsformen objective Realität beilegt, so
21 kann man nicht vermeiden, daß nicht alles dadurch in bloßen Schein verwandelt
22 werde. Denn wenn man den Raum und die Zeit als Beschaffenheiten
23 ansieht, die ihrer Möglichkeit nach in Sachen an sich angetroffen
24 werden müßten, und überdenkt die Ungereimtheiten, in die man sich alsdann
25 verwickelt, indem zwei unendliche Dinge, die nicht Substanzen, auch
26 *) Die Prädicate der Erscheinung können dem Objecte selbst beigelegt werden
27 in Verhältniß auf unseren Sinn, z. B. der Rose die rothe Farbe oder der Geruch;
28 aber der Schein kann niemals als Prädicat dem Gegenstande beigelegt werden, eben
29 darum weil er, was diesem nur in Verhältniß auf die Sinne oder überhaupt aufs
30 Subject zukommt, dem Object für sich beilegt, z. B. die zwei Henkel, die man anfänglich
31 dem Saturn beilegte. Was gar nicht am Objecte an sich selbst, jederzeit
32 aber im Verhältnisse desselben zum Subject anzutreffen und von der Vorstellung des
33 letzteren unzertrennlich ist, ist Erscheinung, und so werden die Prädicate des Raumes
34 und der Zeit mit Recht den Gegenständen der Sinne als solchen beigelegt, und hierin
35 ist kein Schein. Dagegen wenn ich der Rose an sich die Röthe, dem Saturn die
36 Henkel, oder allen äußeren Gegenständen die Ausdehnung an sich beilege, ohne auf
37 ein bestimmtes Verhältniß dieser Gegenstände zum Subject zu sehen und mein Urtheil
38 darauf einzuschränken, alsdann allererst entspringt der Schein.
[seite 072]
10 4. In der natürlichen Theologie, da man sich einen Gegenstand
11 denkt, der nicht allein für uns gar kein Gegenstand der Anschauung, sondern
12 der ihm selbst durchaus kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung
13 sein kann, ist man sorgfältig darauf bedacht, von aller seiner Anschauung
14 (denn dergleichen muß alles sein Erkenntniß sein und nicht denken, welches
15 jederzeit Schranken beweiset) die Bedingungen der Zeit und des
16 Raumes wegzuschaffen. Aber mit welchem Rechte kann man dieses thun,
17 wenn man beide vorher zu Formen der Dinge an sich selbst gemacht hat
18 und zwar solchen, die als Bedingungen der Existenz der Dinge a priori
19 übrig bleiben, wenn man gleich die Dinge selbst aufgehoben hätte: denn
20 als Bedingungen alles Daseins überhaupt müßten sie es auch vom Dasein
21 Gottes sein. Es bleibt nichts übrig, wenn man sie nicht zu objectiven [op 72]
22 Formen aller Dinge machen will, als daß man sie zu subjectiven Formen
23 unserer äußeren sowohl als inneren Anschauungsart macht, die darum
24 sinnlich heißt, weil sie nicht ursprünglich, d. i. eine solche, ist, durch
25 die selbst das Dasein des Objects der Anschauung gegeben wird (und die,
26 so viel wir einsehen, nur dem Urwesen zukommen kann), sondern von dem
27 Dasein des Objects abhängig, mithin nur dadurch, daß die Vorstellungsfähigkeit
28 des Subjects durch dasselbe afficirt wird, möglich ist.
29 Es ist auch nicht nöthig, daß wir die Anschauungsart in Raum und
30 Zeit auf die Sinnlichkeit des Menschen einschränken; es mag sein, da
31 alles endliche denkende Wesen hierin mit dem Menschen nothwendig übereinkommen
32 müsse (wiewohl wir dieses nicht entscheiden können), so hört
33 sie um dieser Allgemeingültigkeit Willen doch nicht auf Sinnlichkeit zu sein,
34 eben darum weil sie abgeleitet ( intuitus derivativus ), nicht ursprünglich
35 ( intuitus originarius ), mithin nicht intellectuelle Anschauung ist, als
36 welche aus dem eben angeführten Grunde allein dem Urwesen, niemals
37 aber einem seinem Dasein sowohl als seiner Anschauung nach (die sein
[seite 073]
06 Hier haben wir nun eines von den erforderlichen Stücken zur Auflösung
07 der allgemeinen Aufgabe der Transscendentalphilosophie: wie
08 sind synthetische Sätze a priori möglich?, nämlich reine Anschauungen
09 a priori, Raum und Zeit, in welchen wir, wenn wir im Urtheile a priori
10 über den gegebenen Begriff hinausgehen wollen, dasjenige antreffen,
11 was nicht im Begriffe, wohl aber in der Anschauung, die ihm entspricht,
12 a priori entdeckt werden und mit jenem synthetisch verbunden werden
13 kann, welche Urtheile aber aus diesem Grunde nie weiter, als auf Gegenstände
14 der Sinne reichen und nur für Objecte möglicher Erfahrung gelten
15 können.
[seite 074]
09 Unsre Erkenntniß entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüths,
10 deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Receptivität der
11 Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen
12 Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere
13 wird uns ein Gegenstand gegeben, durch die zweite wird dieser im Verhältni
14 auf jene Vorstellung (als bloße Bestimmung des Gemüths) gedacht.
15 Anschauung und Begriffe machen also die Elemente aller unserer
16 Erkenntniß aus, so daß weder Begriffe ohne ihnen auf einige Art correspondirende
17 Anschauung, noch Anschauung ohne Begriffe ein Erkenntni
18 abgeben können. beide sind entweder rein oder empirisch. Empirisch,
19 wenn Empfindung (die die wirkliche Gegenwart des Gegenstandes voraussetzt)
20 darin enthalten ist; rein aber, wenn der Vorstellung keine Empfindung
21 beigemischt ist. Man kann die letztere die Materie der sinnlichen
[seite 075]
05 Wollen wir die Receptivität unseres Gemüths, Vorstellungen zu
06 empfangen, so fern es auf irgend eine Weise afficirt wird, Sinnlichkeit
07 nennen: so ist dagegen das Vermögen, Vorstellungen selbst hervorzubringen,
08 oder die Spontaneität des Erkenntnisses der Verstand. Unsre
09 Natur bringt es so mit sich, daß die Anschauung niemals anders als
10 sinnlich sein kann, d. i. nur die Art enthält, wie wir von Gegenständen
11 afficirt werden. Dagegen ist das Vermögen, den Gegenstand sinnlicher
12 Anschauung zu denken, der Verstand. Keine dieser Eigenschaften ist der
13 andern vorzuziehen. Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben
14 und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt
15 sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so
16 nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand
17 in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich
18 zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen oder
19 Fähigkeiten können auch ihre Functionen nicht vertauschen. Der Verstand
20 vermag nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, [op 76]
21 daß sie sich vereinigen, kann Erkenntniß entspringen. Deswegen darf
22 man aber doch nicht ihren Antheil vermischen, sondern man hat große
23 Ursache, jedes von dem andern sorgfältig abzusondern und zu unterscheiden.
24 Daher unterscheiden wir die Wissenschaft der Regeln der Sinnlichkeit
25 überhaupt, d. i. Ästhetik, von der Wissenschaft der Verstandesregeln
26 überhaupt, d. i. der Logik.
27 Die Logik kann nun wiederum in zwiefacher Absicht unternommen
28 werden, entweder als Logik des allgemeinen, oder des besondern Verstandesgebrauchs.
29 Die erste enthält die schlechthin nothwendigen Regeln des
30 Denkens, ohne welche gar kein Gebrauch des Verstandes stattfindet, und
31 geht also auf diesen unangesehen der Verschiedenheit der Gegenstände, auf
32 welche er gerichtet sein mag. Die Logik des besondern Verstandesgebrauchs
33 enthält die Regeln, über eine gewisse Art von Gegenständen richtig zu
34 denken. Jene kann man die Elementarlogik nennen, diese aber das Organon
35 dieser oder jener Wissenschaft. Die letztere wird mehrentheils in den
36 Schulen als Propädeutik der Wissenschaften vorangeschickt, ob sie zwar
37 nach dem Gange der menschlichen Vernunft das Späteste ist, wozu sie
[seite 076]
06 Die allgemeine Logik ist nun entweder die reine, oder die angewandte
07 Logik. In der ersteren abstrahiren wir von allen empirischen Bedingungen,
08 unter denen unser Verstand ausgeübt wird, z. B. vom Einfluß der
09 Sinne, vom Spiele der Einbildung, den Gesetzen des Gedächtnisses, der
10 Macht der Gewohnheit, der Neigung etc., mithin auch den Quellen der
11 Vorurtheile, ja gar überhaupt von allen Ursachen, daraus uns gewisse
12 Erkenntnisse entspringen, oder untergeschoben werden mögen, weil sie blo
13 den Verstand unter gewissen Umständen seiner Anwendung betreffen, und,
14 um diese zu kennen, Erfahrung erfordert wird. Eine allgemeine, aber
15 reine Logik hat es also mit lauter Principien a priori zu thun und ist
16 ein Kanon des Verstandes und der Vernunft, aber nur in Ansehung
17 des Formalen ihres Gebrauchs, der Inhalt mag sein, welcher er wolle
18 (empirisch oder transscendental). Eine allgemeine Logik heißt aber
19 alsdann angewandt, wenn sie auf die Regeln des Gebrauchs des Verstandes
20 unter den subjectiven empirischen Bedingungen, die uns die Psychologie
21 lehrt, gerichtet ist. Sie hat also empirische Principien, ob sie zwar
22 in so fern allgemein ist, daß sie auf den Verstandesgebrauch ohne Unterschied
23 der Gegenstände geht. Um deswillen ist sie auch weder ein Kanon [op 78]
24 des Verstandes überhaupt, noch ein Organon besondrer Wissenschaften,
25 sondern lediglich ein Kathartikon des gemeinen Verstandes.
26 In der allgemeinen Logik muß also der Theil, der die reine Vernunftlehre
27 ausmachen soll, von demjenigen gänzlich abgesondert werden,
28 welcher die angewandte (obzwar noch immer allgemeine) Logik ausmacht.
29 Der erstere ist eigentlich nur allein Wissenschaft, obzwar kurz und trocken,
30 und wie es die schulgerechte Darstellung einer Elementarlehre des Verstandes
31 erfordert. In dieser müssen also die Logiker jederzeit zwei Regeln
32 vor Augen haben.
33 1) Als allgemeine Logik abstrahirt sie von allem Inhalt der Verstandeserkenntni
34 und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände und hat mit
35 nichts als der bloßen Form des Denkens zu thun.
36 2) Als reine Logik hat sie keine empirische Principien, mithin schöpft
37 sie nichts (wie man sich bisweilen überredet hat) aus der Psychologie, die
[seite 077]
03 Was ich die angewandte Logik nenne (wider die gemeine Bedeutung
04 dieses Worts, nach der sie gewisse Exercitien, dazu die reine Logik die Regel
05 giebt, enthalten soll), so ist sie eine Vorstellung des Verstandes und
06 der Regeln seines nothwendigen Gebrauchs in concreto , nämlich unter [op 79]
07 den zufälligen Bedingungen des Subjects, die diesen Gebrauch hindern
08 oder befördern können, und die insgesammt nur empirisch gegeben werden.
09 Sie handelt von der Aufmerksamkeit, deren Hinderniß und folgen, dem
10 Ursprunge des Irrthums, dem Zustande des Zweifels, des Scrupels, der
11 Überzeugung u. s. w.; und zu ihr verhält sich die allgemeine und reine
12 Logik wie die reine Moral, welche bloß die nothwendigen sittlichen Gesetze
13 eines freien Willens überhaupt enthält, zu der eigentlichen Tugendlehre,
14 welche diese Gesetze unter den Hindernissen der Gefühle, Neigungen und
15 Leidenschaften, denen die Menschen mehr oder weniger unterworfen sind,
16 erwägt, und welche niemals eine wahre und demonstrirte Wissenschaft abgeben
17 kann, weil sie eben sowohl als jene angewandte Logik empirische
18 und psychologische Principien bedarf.
21 Die allgemeine Logik abstrahirt, wie wir gewiesen, von allem Inhalt
22 der Erkenntniß, d. i. von aller Beziehung derselben auf das Object, und
23 betrachtet nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse auf einander,
24 d. i. die Form des Denkens überhaupt. Weil es nun aber sowohl
25 reine, als empirische Anschauungen giebt (wie die transscendentale Ästhetik
26 darthut), so könnte auch wohl ein Unterschied zwischen reinem und empirischem [op 80]
27 Denken der Gegenstände angetroffen werden. In diesem Falle
28 würde es eine Logik geben, in der man nicht von allem Inhalt der Erkenntni
29 abstrahirte; denn diejenige, welche bloß die Regeln des reinen
30 Denkens eines Gegenstandes enthielte, würde alle diejenigen Erkenntnisse
31 ausschließen, welche von empirischem Inhalte wären. Sie würde auch auf
32 den Ursprung unserer Erkenntnisse von Gegenständen gehen, so fern er
33 nicht den Gegenständen zugeschrieben werden kann, da hingegen die allgemeine
34 Logik mit diesem Ursprunge der Erkenntniß nichts zu thun hat
35 sondern die Vorstellungen, sie mögen uranfänglich a priori in uns selbst,
[seite 078]
05 Und hier mache ich eine Anmerkung, die ihren Einfluß auf alle nachfolgende
06 Betrachtungen erstreckt, und die man wohl vor Augen haben
07 muß, nämlich: daß nicht eine jede Erkenntniß a priori, sondern nur die,
08 dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen
09 oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden oder möglich sind,
10 transscendental (d. i. die Möglichkeit der Erkenntniß oder der Gebrauch [op 81]
11 derselben a priori) heißen müsse. Daher ist weder der Raum, noch irgend
12 eine geometrische Bestimmung desselben a priori eine transscendentale
13 Vorstellung, sondern nur die Erkenntniß, daß diese Vorstellungen gar
14 nicht empirischen Ursprungs sind, und die Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl
15 a priori auf Gegenstände der Erfahrung beziehen können, kann
16 transscendental heißen. Imgleichen würde der Gebrauch des Raumes
17 von Gegenständen überhaupt auch transscendental sein: aber ist er lediglich
18 auf Gegenstände der Sinne eingeschränkt, so heißt er empirisch. Der
19 Unterschied des Transscendentalen und Empirischen gehört also nur zur Kritik
20 der Erkenntnisse und betrifft nicht die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand.
22 In der Erwartung also, daß es vielleicht Begriffe geben könne, die
23 sich a priori auf Gegenstände beziehen mögen, nicht als reine oder sinnliche
24 Anschauungen, sondern bloß als Handlungen des reinen Denkens,
25 die mithin Begriffe, aber weder empirischen noch ästhetischen Ursprungs
26 sind, so machen wir uns zum voraus die Idee von einer Wissenschaft des
27 reinen Verstandes und Vernunfterkenntnisses, dadurch wir Gegenstände
28 völlig a priori denken. Eine solche Wissenschaft, welche den Ursprung, den
29 Umfang und die objective Gültigkeit solcher Erkenntnisse bestimmte, würde
30 transscendentale Logik heißen müssen, weil sie es bloß mit den Gesetzen
31 des Verstandes und der Vernunft zu thun hat, aber lediglich, sofern [op 82]
32 sie auf Gegenstände a priori bezogen wird und nicht wie die allgemeine
33 Logik auf die empirischen sowohl als reinen Vernunfterkenntnisse ohne
34 Unterschied.
[seite 079]
05 Die alte und berühmte Frage, womit man die Logiker in die Enge
06 zu treiben vermeinte und sie dahin zu bringen suchte, daß sie sich entweder
07 auf einer elenden Diallele mußten betreffen lassen, oder ihre Unwissenheit,
08 mithin die Eitelkeit ihrer ganzen Kunst bekennen sollten, ist diese: Was
09 ist Wahrheit? Die Namenerklärung der Wahrheit, daß sie nämlich die
10 Übereinstimmung der Erkenntniß mit ihrem Gegenstande sei, wird hier
11 geschenkt und vorausgesetzt; man verlangt aber zu wissen, welches das allgemeine
12 und sichere Kriterium der Wahrheit einer jeden Erkenntniß sei.
13 Es ist schon ein großer und nöthiger Beweis der Klugheit oder Einsicht,
14 zu wissen, was man vernünftiger Weise fragen solle. Denn wenn
15 die Frage an sich ungereimt ist und unnöthige Antworten verlangt, so hat
16 sie außer der Beschämung dessen, der sie aufwirft, bisweilen noch den
17 Nachtheil, den unbehutsamen Anhörer derselben zu ungereimten Antworten
18 zu verleiten und den belachenswerthen Anblick zu geben, daß einer [op 83]
19 (wie die Alten sagten) den Bock melkt, der andre ein Sieb unterhält.
20 Wenn Wahrheit in der Übereinstimmung einer Erkenntniß mit ihrem
21 Gegenstande besteht, so muß dadurch dieser Gegenstand von andern unterschieden
22 werden; denn eine Erkenntniß ist falsch, wenn sie mit dem Gegenstande,
23 worauf sie bezogen wird, nicht übereinstimmt, ob sie gleich etwas
24 enthält, was wohl von andern Gegenständen gelten könnte. Nun würde
25 ein allgemeines Kriterium der Wahrheit dasjenige sein, welches von allen
26 Erkenntnissen ohne Unterschied ihrer Gegenstände gültig wäre. Es ist aber
27 klar, daß, da man bei demselben von allem Inhalt der Erkenntniß (Beziehung
28 auf ihr Object) abstrahirt, und Wahrheit gerade diesen Inhalt
29 angeht, es ganz unmöglich und ungereimt sei, nach einem Merkmale der
30 Wahrheit dieses Inhalts der Erkenntnisse zu fragen, und daß also ein hinreichendes
31 und doch zugleich allgemeines Kennzeichen der Wahrheit unmöglich
32 angegeben werden könne. Da wir oben schon den Inhalt einer
33 Erkenntniß die Materie derselben genannt haben, so wird man sagen
34 müssen: von der Wahrheit der Erkenntniß der Materie nach läßt sich kein
35 allgemeines Kennzeichen verlangen, weil es in sich selbst widersprechend ist.
[seite 080]
01 Was aber das Erkenntniß der bloßen Form nach (mit Beiseitesetzung
02 alles Inhalts) betrifft, so ist eben so klar: daß eine Logik, so fern sie die [op 84]
03 allgemeinen und nothwendigen Regeln des Verstandes vorträgt, eben in
04 diesen Regeln Kriterien der Wahrheit darlegen müsse. Denn was diesen
05 widerspricht, ist falsch, weil der Verstand dabei seinen allgemeinen Regeln
06 des Denkens, mithin sich selbst widerstreitet. Diese Kriterien aber betreffen
07 nur die Form der Wahrheit, d. i. des Denkens überhaupt, und
08 sind so fern ganz richtig, aber nicht hinreichend. Denn obgleich eine Erkenntni
09 der logischen Form völlig gemäß sein möchte, d. i. sich selbst nicht
10 widerspräche: so kann sie doch noch immer dem Gegenstande widersprechen.
11 Also ist das bloß logische Kriterium der Wahrheit, nämlich die Übereinstimmung
12 einer Erkenntniß mit den allgemeinen und formalen Gesetzen
13 des Verstandes und der Vernunft, zwar die conditio sine qua non , mithin
14 die negative Bedingung aller Wahrheit: weiter aber kann die Logik
15 nicht gehen, und den Irrthum, der nicht die Form, sondern den Inhalt
16 trifft, kann die Logik durch keinen Probirstein entdecken.
17 Die allgemeine Logik löset nun das ganze formale Geschäfte des Verstandes
18 und der Vernunft in seine Elemente auf und stellt sie als Principien
19 aller logischen Beurtheilung unserer Erkenntniß dar. Dieser Theil
20 der Logik kann daher Analytik heißen und ist eben darum der wenigstens
21 negative Probirstein der Wahrheit, indem man zuvörderst alle Erkenntni
22 ihrer Form nach an diesen Regeln prüfen und schätzen muß, ehe man sie [op 85]
23 selbst ihrem Inhalt nach untersucht, um auszumachen, ob sie in Ansehung
24 des Gegenstandes positive Wahrheit enthalten. Weil aber die bloße Form
25 des Erkenntnisses, so sehr sie auch mit logischen Gesetzen übereinstimmen
26 mag, noch lange nicht hinreicht, materielle (objective) Wahrheit dem Erkenntnisse
27 darum auszumachen, so kann sich niemand bloß mit der Logik
28 wagen, über Gegenstände zu urtheilen und irgend etwas zu behaupten,
29 ohne von ihnen vorher gegründete Erkundigung außer der Logik eingezogen
30 zu haben, um hernach bloß die Benutzung und die Verknüpfung
31 derselben in einem zusammenhängenden Ganzen nach logischen Gesetzen
32 zu versuchen, noch besser aber, sie lediglich darnach zu prüfen. Gleichwohl
33 liegt so etwas Verleitendes in dem Besitze einer so scheinbaren Kunst,
34 allen unseren Erkenntnissen die Form des Verstandes zu geben, ob man
35 gleich in Ansehung des Inhalts derselben noch sehr leer und arm sein
36 mag, daß jene allgemeine Logik, die bloß ein Kanon zur Beurtheilung
37 ist, gleichsam wie ein Organon zur wirklichen Hervorbringung, wenigstens
[seite 081]
04 So verschieden auch die Bedeutung ist, in der die Alten dieser Benennung
05 einer Wissenschaft oder Kunst sich bedienten, so kann man doch
06 aus dem wirklichen Gebrauche derselben sicher abnehmen, daß sie bei ihnen [op 86]
07 nichts anders war, als die Logik des Scheins. Eine sophistische Kunst,
08 seiner Unwissenheit, ja auch seinen vorsetzlichen Blendwerken den Anstrich
09 der Wahrheit zu geben, daß man die Methode der Gründlichkeit, welche
10 die Logik überhaupt vorschreibt, nachahmte und ihre Topik zu Beschönigung
11 jedes leeren Vorgehens benutzte. Nun kann man es als eine sichere
12 und brauchbare Warnung anmerken: daß die allgemeine Logik, als Organon
13 betrachtet, jederzeit eine Logik des Scheins, d. i. dialektisch, sei.
14 Denn da sie uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntniß lehrt, sondern
15 nur bloß die formalen Bedingungen der Übereinstimmung mit dem
16 Verstande, welche übrigens in Ansehung der Gegenstände gänzlich gleichgültig
17 sind: so muß die Zumuthung, sich derselben als eines Werkzeugs
18 (Organon) zu gebrauchen, um seine Kenntnisse wenigstens dem Vorgeben
19 nach auszubreiten und zu erweitern, auf nichts als Geschwätzigkeit hinauslaufen,
20 alles, was man will, mit einigem Schein zu behaupten, oder
21 auch nach Belieben anzufechten.
22 Eine solche Unterweisung ist der Würde der Philosophie auf keine
23 Weise gemäß. Um deswillen hat man diese Benennung der Dialektik lieber
24 als eine Kritik des dialektischen Scheins der Logik beigezählt, und
25 als eine solche wollen wir sie auch hier verstanden wissen.
30 In einer transscendentalen Logik isoliren wir den Verstand (so wie
31 oben in der transscendentalen Ästhetik die Sinnlichkeit) und heben blo
32 den Theil des Denkens aus unserm Erkenntnisse heraus, der lediglich
33 seinen Ursprung in dem Verstande hat. Der Gebrauch dieser reinen Erkenntni
34 aber beruht darauf als ihrer Bedingung: daß uns Gegenstände
[seite 082]
[seite 083]
05 Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesammten Erkenntnisses
06 a priori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntniß. Es kommt hiebei
07 auf folgende Stücke an: 1. Daß die Begriffe reine und nicht empirische
08 Begriffe seien. 2. Daß sie nicht zur Anschauung und zur Sinnlichkeit,
09 sondern zum Denken und Verstande gehören. 3. Daß sie Elementarbegriffe
10 seien und von den abgeleiteten oder daraus zusammengesetzten wohl unterschieden
11 werden. 4. Daß ihre Tafel vollständig sei, und sie das ganze Feld
12 des reinen Verstandes gänzlich ausfüllen. Nun kann diese Vollständigkeit
13 einer Wissenschaft nicht auf den Überschlag eines bloß durch Versuche zu
14 Stande gebrachten Aggregats mit Zuverlässigkeit angenommen werden;
15 daher ist sie nur vermittelst einer Idee des Ganzen der Verstandeserkenntni
16 a priori und durch die daraus bestimmte Abtheilung der Begriffe,
17 welche sie ausmachen, mithin nur durch ihren Zusammenhang
18 in einem System möglich. Der reine Verstand sondert sich nicht allein
19 von allem Empirischen, sondern sogar von aller Sinnlichkeit völlig aus. [op 90]
20 Er ist also eine für sich selbst beständige, sich selbst gnugsame und durch
21 keine äußerlich hinzukommende Zusätze zu vermehrende Einheit. Daher
22 wird der Inbegriff seiner Erkenntniß ein unter einer Idee zu befassendes
23 und zu bestimmendes System ausmachen, dessen Vollständigkeit und Articulation
24 zugleich einen Probirstein der Richtigkeit und Ächtheit aller hineinpassenden
25 Erkenntnißstücke abgeben kann. Es besteht aber dieser ganze
26 Theil der transscendentalen Logik aus zwei Büchern, deren das eine die
27 Begriffe, das andere die Grundsätze des reinen Verstandes enthält.
32 Ich verstehe unter der Analytik der Begriffe nicht die Analysis derselben
33 oder das gewöhnliche Verfahren in philosophischen Untersuchungen,
[seite 084]
18 Wenn man ein Erkenntnißvermögen ins Spiel setzt, so thun sich nach
19 den mancherlei Anlässen verschiedene Begriffe hervor, die dieses Vermögen
20 kennbar machen und sich in einem mehr oder weniger ausführlichen Aufsatz
21 sammeln lassen, nachdem die Beobachtung derselben längere Zeit oder
22 mit größerer Scharfsinnigkeit angestellt worden. Wo diese Untersuchung
23 werde vollendet sein, läßt sich nach diesem gleichsam mechanischen Verfahren
24 niemals mit Sicherheit bestimmen. Auch entdecken sich die Begriffe,
25 die man nur so bei Gelegenheit auffindet, in keiner Ordnung und systematischen [op 92]
26 Einheit, sondern werden zuletzt nur nach Ähnlichkeiten gepaart
27 und nach der Größe ihres Inhalts, von den einfachen an zu den mehr zusammengesetzten,
28 in Reihen gestellt, die nichts weniger als systematisch,
29 obgleich auf gewisse Weise methodisch zu Stande gebracht werden.
30 Die Transscendentalphilosophie hat den Vortheil, aber auch die Verbindlichkeit,
31 ihre Begriffe nach einem Princip aufzusuchen, weil sie aus
32 dem Verstande als absoluter Einheit rein und unvermischt entspringen
33 und daher selbst nach einem Begriffe oder Idee unter sich zusammenhängen
[seite 085]
10 Der Verstand wurde oben bloß negativ erklärt: durch ein nichtsinnliches
11 Erkenntnißvermögen. Nun können wir unabhängig von der Sinnlichkeit
12 keiner Anschauung theilhaftig werden. Also ist der Verstand kein [op 93]
13 Vermögen der Anschauung. Es giebt aber außer der Anschauung keine
14 andere Art zu erkennen, als durch Begriffe. Also ist die Erkenntniß eines
15 jeden, wenigstens des menschlichen Verstandes eine Erkenntniß durch Begriffe,
16 nicht intuitiv, sondern discursiv. Alle Anschauungen als sinnlich
17 beruhen auf Affectionen, die Begriffe also auf Functionen. Ich verstehe
18 aber unter Function die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstellungen
19 unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen. Begriffe gründen sich also auf
20 der Spontaneität des Denkens, wie sinnliche Anschauungen auf der Receptivität
21 der Eindrücke. Von diesen Begriffen kann nun der Verstand keinen
22 andern Gebrauch machen, als daß er dadurch urtheilt. Da keine Vorstellung
23 unmittelbar auf den Gegenstand geht, als bloß die Anschauung,
24 so wird ein Begriff niemals auf einen Gegenstand unmittelbar, sondern
25 auf irgend eine andre Vorstellung von demselben (sie sei Anschauung oder
26 selbst schon Begriff) bezogen. Das Urtheil ist also die mittelbare Erkenntni
27 eines Gegenstandes, mithin die Vorstellung einer Vorstellung desselben.
28 In jedem Urtheil ist ein Begriff, der für viele gilt und unter
29 diesem Vielen auch eine gegebene Vorstellung begreift, welche letztere denn
30 auf den Gegenstand unmittelbar bezogen wird. So bezieht sich z. B. in
31 dem Urtheile: alle Körper sind theilbar, der Begriff des Theilbaren
[seite 086]
28 Wenn wir von allem Inhalte eines Urtheils überhaupt abstrahiren
29 und nur auf die bloße Verstandesform darin Acht geben, so finden wir,
30 daß die Function des Denkens in demselben unter vier Titel gebracht
31 werden könne, deren jeder drei Momente unter sich enthält. Sie können
32 füglich in folgender Tafel vorgestellt werden.
[seite 087]
|
|
||
|
|
|
|
|
|
16 Da diese Eintheilung in einigen, obgleich nicht wesentlichen Stücken
17 von der gewohnten Technik der Logiker abzuweichen scheint, so werden
18 folgende Verwahrungen wider den besorglichen Mißverstand nicht unnöthig
19 sein.
20 1. Die Logiker sagen mit Recht, daß man beim Gebrauch der Urtheile
21 in Vernunftschlüssen die einzelnen Urtheile gleich den allgemeinen
22 behandeln könne. Denn eben darum, weil sie gar keinen Umfang haben,
23 kann das Prädicat derselben nicht bloß auf einiges dessen, was unter dem
24 Begriff des Subjects enthalten ist, gezogen, von einigem aber ausgenommen
25 werden. Es gilt also von jenem Begriffe ohne Ausnahme, gleich
26 als wenn derselbe ein gemeingültiger Begriff wäre, der einen Umfang
27 hätte, von dessen ganzer Bedeutung das Prädicat gelte. Vergleichen wir
28 dagegen ein einzelnes Urtheil mit einem gemeingültigen bloß als Erkenntni
29 der Größe nach, so verhält sie sich zu diesem wie Einheit zur Unendlichkeit
30 und ist also an sich selbst davon wesentlich unterschieden. Also
31 wenn ich ein einzelnes Urtheil ( judicium singulare ) nicht bloß nach seiner
32 innern Gültigkeit, sondern auch als Erkenntniß überhaupt nach der Größe,
33 die es in Vergleichung mit andern Erkenntnissen hat, schätze, so ist es allerdings
34 von gemeingültigen Urtheilen ( judicia communia ) unterschieden
35 und verdient in einer vollständigen Tafel der Momente des Denkens überhaupt
[seite 088]
03 2. Eben so müssen in einer transscendentalen Logik unendliche Urtheile
04 von bejahenden noch unterschieden werden, wenn sie gleich in
05 der allgemeinen Logik jenen mit Recht beigezählt sind und kein besonderes
06 Glied der Eintheilung ausmachen. Diese nämlich abstrahirt von allem
07 Inhalt des Prädicats (ob es gleich verneinend ist) und sieht nur darauf,
08 ob dasselbe dem Subject beigelegt, oder ihm entgegengesetzt werde. Jene
09 aber betrachtet das Urtheil auch nach dem Werthe oder Inhalt dieser
10 logischen Bejahung vermittelst eines bloß verneinenden Prädicats, und
11 was diese in Ansehung des gesammten Erkenntnisses für einen Gewinn
12 verschafft. Hätte ich von der Seele gesagt, sie ist nicht sterblich, so hätte ich
13 durch ein verneinendes Urtheil wenigstens einen Irrthum abgehalten.
14 Nun habe ich durch den Satz: die Seele ist nichtsterblich, zwar der logischen
15 Form nach wirklich bejaht, indem ich die Seele in den unbeschränkten Umfang
16 der nichtsterbenden Wesen setze. Weil nun von dem ganzen Umfange
17 möglicher Wesen das Sterbliche einen Theil enthält, das Nichtsterbliche
18 aber den andern, so ist durch meinen Satz nichts anders gesagt, als da
19 die Seele eines von der unendlichen Menge Dinge sei, die übrig bleiben,
20 wenn ich das Sterbliche insgesammt wegnehme. Dadurch aber wird nur
21 die unendliche Sphäre alles Möglichen in so weit beschränkt, daß das [op 98]
22 Sterbliche davon abgetrennt und in dem übrigen Raum ihres Umfangs
23 die Seele gesetzt wird. Dieser Raum bleibt aber bei dieser Ausnahme
24 noch immer unendlich, und können noch mehrere Theile desselben weggenommen
25 werden, ohne daß darum der Begriff von der Seele im mindesten
26 wächst und bejahend bestimmt wird. Diese unendliche Urtheile also in Ansehung
27 des logischen Umfanges sind wirklich bloß beschränkend in Ansehung
28 des Inhalts der Erkenntniß überhaupt, und in so fern müssen sie
29 in der transscendentalen Tafel aller Momente des Denkens in den Urtheilen
30 nicht übergangen werden, weil die hierbei ausgeübte Function
31 des Verstandes vielleicht in dem Felde seiner reinen Erkenntniß a priori
32 wichtig sein kann.
33 3. Alle Verhältnisse des Denkens in Urtheilen sind die a) des Prädicats
34 zum Subject, b) des Grundes zur Folge, c) der eingetheilten Erkenntni
35 und der gesammleten Glieder der Eintheilung unter einander.
36 In der ersteren Art der Urtheile sind nur zwei Begriffe, in der zweiten
37 zwei Urtheile, in der dritten mehrere Urtheile im Verhältniß gegen einander
[seite 089]
26 4. Die Modalität der Urtheile ist eine ganz besondere Function derselben, [op 100]
27 die das Unterscheidende an sich hat, daß sie nichts zum Inhalte
28 des Urtheils beiträgt (denn außer Größe, Qualität und Verhältniß ist
29 nichts mehr, was den Inhalt eines Urtheils ausmachte), sondern nur den
30 Werth der Copula in Beziehung auf das Denken überhaupt angeht.
31 Problematische Urtheile sind solche, wo man das Bejahen oder Verneinen
32 als bloß möglich (beliebig) annimmt; assertorische, da es als
33 wirklich (wahr) betrachtet wird; apodiktische, in denen man es als
34 nothwendig ansieht.*) So sind die beiden Urtheile, deren Verhältni
35 *) Gleich als wenn das Denken im ersten Fall eine Function des Verstandes,
36 im zweiten der Urtheilskraft, im dritten der Vernunft wäre. Eine Bemerkung,
37 die erst in der Folge ihre Aufklärung erwartet.
[seite 090]
33 Die allgemeine Logik abstrahirt, wie mehrmals schon gesagt worden,
34 von allem Inhalt der Erkenntniß und erwartet, daß ihr anderwärts, woher
[seite 091]
14 Ich verstehe aber unter Synthesis in der allgemeinsten Bedeutung
15 die Handlung, verschiedene Vorstellungen zu einander hinzuzuthun und ihre
16 Mannigfaltigkeit in einer Erkenntniß zu begreifen. Eine solche Synthesis
17 ist rein, wenn das Mannigfaltige nicht empirisch, sondern a priori
18 gegeben ist (wie das im Raum und der Zeit). Vor aller Analysis unserer
19 Vorstellungen müssen diese zuvor gegeben sein, und es können keine Begriffe
20 dem Inhalte nach analytisch entspringen. Die Synthesis eines
21 Mannigfaltigen aber (es sei empirisch oder a priori gegeben) bringt zuerst
22 eine Erkenntniß hervor, die zwar anfänglich noch roh und verworren sein
23 kann und also der Analysis bedarf; allein die Synthesis ist doch dasjenige,
24 was eigentlich die Elemente zu Erkenntnissen sammlet und zu einem
25 gewissen Inhalte vereinigt; sie ist also das erste, worauf wir Acht zu geben
26 haben, wenn wir über den ersten Ursprung unserer Erkenntniß urtheilen
27 wollen.
28 Die Synthesis überhaupt ist, wie wir künftig sehen werden, die bloße
29 Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen
30 Function der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntniß haben
31 würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind. Allein diese
32 Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Function, die dem Verstande
33 zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntniß in eigentlicher
34 Bedeutung verschafft.
35 Die reine Synthesis, allgemein vorgestellt, giebt nun den
36 reinen Verstandesbegriff. Ich verstehe aber unter dieser Synthesis diejenige,
37 welche auf einem Grunde der synthetischen Einheit a priori beruht:
[seite 092]
05 Analytisch werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff
06 gebracht (ein Geschäfte, wovon die allgemeine Logik handelt). Aber nicht
07 die Vorstellungen, sondern die reine Synthesis der Vorstellungen auf
08 Begriffe zu bringen, lehrt die transsc. Logik. Das erste, was uns zum
09 Behuf der Erkenntniß aller Gegenstände a priori gegeben sein muß, ist
10 das Mannigfaltige der reinen Anschauung; die Synthesis dieses
11 Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft ist das zweite, giebt aber noch
12 keine Erkenntniß. Die Begriffe, welche dieser reinen Synthesis Einheit
13 geben und lediglich in der Vorstellung dieser nothwendigen synthetischen
14 Einheit bestehen, thun das dritte zum Erkenntnisse eines vorkommenden
15 Gegenstandes und beruhen auf dem Verstande.
16 Dieselbe Function, welche den verschiedenen Vorstellungen in einem
17 Urtheile Einheit giebt, die giebt auch der bloßen Synthesis verschiedener
18 Vorstellungen in einer Anschauung Einheit, welche, allgemein ausgedrückt,
19 der reine Verstandesbegriff heißt. Derselbe Verstand also und
20 zwar durch eben dieselben Handlungen, wodurch er in Begriffen vermittelst
21 der analytischen Einheit die logische Form eines Urtheils zu Stande
22 brachte, bringt auch vermittelst der synthetischen Einheit des Mannigfaltigen
23 in der Anschauung überhaupt in seine Vorstellungen einen transscendentalen
24 Inhalt, weswegen sie reine Verstandesbegriffe heißen, die
25 a priori auf Objecte gehen, welches die allgemeine Logik nicht leisten kann.
26 Auf solche Weise entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe,
27 welche a priori auf Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es
28 in der vorigen Tafel logische Functionen in allen möglichen Urtheilen gab:
29 denn der Verstand ist durch gedachte Functionen völlig erschöpft und sein
30 Vermögen dadurch gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese Begriffe nach
31 dem AristotelesPI Kategorien nennen, indem unsre Absicht uranfänglich
32 mit der seinigen zwar einerlei ist, ob sie sich gleich davon in der Ausführung
33 gar sehr entfernt.
[seite 093]
|
|
||
|
|
|
|
|
|
21 Dieses ist nun die Verzeichnung aller ursprünglich reinen Begriffe
22 der Synthesis, die der Verstand a priori in sich enthält, und um deren
23 willen er auch nur ein reiner Verstand ist, indem er durch sie allein etwas
24 bei dem Mannigfaltigen der Anschauung verstehen, d. i. ein Object derselben
25 denken kann. Diese Eintheilung ist systematisch aus einem gemeinschaftlichen
26 Princip, nämlich dem Vermögen zu urtheilen (welches eben
27 so viel ist, als das Vermögen zu denken) erzeugt und nicht rhapsodistisch
28 aus einer auf gut Glück unternommenen Aufsuchung reiner Begriffe entstanden,
29 von deren Vollzähligkeit man niemals gewiß sein kann, da sie [op 107]
30 nur durch Induction geschlossen wird, ohne zu gedenken, daß man noch
31 auf die letztere Art niemals einsieht, warum denn gerade diese und nicht
32 andre Begriffe dem reinen Verstande beiwohnen. Es war ein eines
33 scharfsinnigen Mannes würdiger Anschlag des AristotelesPI, diese Grundbegriffe
34 aufzusuchen. Da er aber kein Principium hatte, so raffte er sie
35 auf, wie sie ihm aufstießen, und trieb deren zuerst zehn auf, die er Kategorien
[seite 094]
09 Um der letztern willen ist also noch zu bemerken: daß die Kategorien,
10 als die wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes, auch ihre eben
11 so reine abgeleitete Begriffe haben, die in einem vollständigen System
12 der Transscendental=Philosophie keinesweges übergangen werden können,
13 mit deren bloßer Erwähnung aber ich in einem bloß kritischen Versuch zufrieden
14 sein kann.
15 Es sei mir erlaubt, diese reine, aber abgeleitete Verstandesbegriffe
16 die Prädicabilien des reinen Verstandes (im Gegensatz der Prädicamente)
17 zu nennen. Wenn man die ursprüngliche und primitive Begriffe
18 hat, so lassen sich die abgeleiteten und subalternen leicht hinzufügen und
19 der Stammbaum des reinen Verstandes völlig ausmalen. Da es mir
20 hier nicht um die Vollständigkeit des Systems, sondern nur der Principien
21 zu einem System zu thun ist, so verspare ich diese Ergänzung auf eine
22 andere Beschäftigung. Man kann aber diese Absicht ziemlich erreichen,
23 wenn man die ontologischen Lehrbücher zur Hand nimmt und z. B. der
24 Kategorie der Causalität die Prädicabilien der Kraft, der Handlung, des
25 Leidens, der der Gemeinschaft die der Gegenwart, des Widerstandes, den
26 Prädicamenten der Modalität die des Entstehens, Vergehens, der Veränderung
27 u. s. w. unterordnet. Die Kategorien, mit den modis der reinen
28 Sinnlichkeit oder auch unter einander verbunden, geben eine große Menge
29 abgeleiteter Begriffe a priori, die zu bemerken und wo möglich bis zur
30 Vollständigkeit zu verzeichnen eine nützliche und nicht unangenehme, hier
31 aber entbehrliche Bemühung sein würde.
32 Der Definitionen dieser Kategorien überhebe ich mich in dieser Abhandlung
33 geflissentlich, ob ich gleich im Besitz derselben sein möchte. Ich
34 werde diese Begriffe in der Folge bis auf den Grad zergliedern, welcher [op 109]
35 in Beziehung auf die Methodenlehre, die ich bearbeite, hinreichend ist.
36 In einem System der reinen Vernunft würde man sie mit Recht von mir
37 fordern können: aber hier würden sie nur den Hauptpunct der Untersuchung
[seite 095]
12 Über diese Tafel der Kategorien lassen sich artige Betrachtungen anstellen,
13 die vielleicht erhebliche Folgen in Ansehung der wissenschaftlichen
14 Form aller Vernunfterkenntnisse haben könnten. Denn daß diese Tafel im
15 theoretischen Theile der Philosophie ungemein dienlich, ja unentbehrlich
16 sei, den Plan zum Ganzen einer Wissenschaft, so fern sie auf Begriffen
17 a priori beruht, vollständig zu entwerfen und sie systematisch nach
18 bestimmten Principien abzutheilen: erhellt schon von selbst daraus,
19 daß gedachte Tafel alle Elementarbegriffe des Verstandes vollständig, ja [op 110]
20 selbst die Form eines Systems derselben im menschlichen Verstande enthält,
21 folglich auf alle Momente einer vorhabenden speculativen Wissenschaft,
22 ja sogar ihre Ordnung Anweisung giebt, wie ich denn auch davon
23 anderwärts *) eine Probe gegeben habe. Hier sind nun einige dieser Anmerkungen.
25 Die erste ist: daß sich diese Tafel, welche vier Classen von Verstandesbegriffen
26 enthält, zuerst in zwei Abtheilungen zerfällen lasse, deren
27 erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl als empirischen),
28 die zweite aber auf die Existenz dieser Gegenstände (entweder in
29 Beziehung auf einander oder auf den Verstand) gerichtet sind.
30 Die erste Classe würde ich die der mathematischen, die zweite der
31 dynamischen Kategorien nennen. Die erste Classe hat, wie man sieht,
32 keine Correlate, die allein in der zweiten Classe angetroffen werden.
33 *) Metaphys. Anfangsgr. der Naturwissensch.
[seite 096]
03 2te Anmerk. Daß allerwärts eine gleiche Zahl der Kategorien jeder
04 Classe, nämlich drei, sind, welches eben sowohl zum Nachdenken auffordert,
05 da sonst alle Eintheilung a priori durch Begriffe Dichotomie sein muß.
06 Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie allenthalben aus der
07 Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Classe entspringt.
08 So ist die Allheit (Totalität) nichts anders als die Vielheit, als
09 Einheit betrachtet, die Einschränkung nichts anders als Realität, mit
10 Negation verbunden, die Gemeinschaft ist die Causalität einer Substanz
11 in Bestimmung der andern wechselseitig, endlich die Nothwendigkeit
12 nichts anders als die Existenz, die durch die Möglichkeit selbst gegeben
13 ist. Man denke aber ja nicht, daß darum die dritte Categorie ein bloß abgeleiteter
14 und kein Stammbegriff des reinen Verstandes sei. Denn die
15 Verbindung der ersten und zweiten, um den dritten Begriff hervorzubringen,
16 erfordert einen besonderen Actus des Verstandes, der nicht mit
17 dem einerlei ist, der beim ersten und zweiten ausgeübt wird. So ist der
18 Begriff einer Zahl (die zur Kategorie der Allheit gehört) nicht immer
19 möglich, wo die Begriffe der Menge und der Einheit sind (z. B. in der
20 Vorstellung des Unendlichen), oder daraus, daß ich den Begriff einer Ursache
21 und den einer Substanz beide verbinde, noch nicht sofort der Einfluß,
22 d. i. wie eine Substanz Ursache von etwas in einer anderen Substanz
23 werden könne, zu verstehen. Daraus erhellt, daß dazu ein besonderer
24 Actus des Verstandes erforderlich sei, und so bei den übrigen.
25 3te Anmerk. Von einer einzigen Kategorie, nämlich der der Gemeinschaft,
26 die unter dem dritten Titel befindlich ist, ist die Übereinstimmung
27 mit der in der Tafel der logischen Functionen ihm correspondirenden [op 112]
28 Form eines disjunctiven Urtheils nicht so in die Augen fallend,
29 als bei den übrigen.
30 Um sich dieser Übereinstimmung zu versichern, muß man bemerken:
31 daß in allen disjunctiven Urtheilen die Sphäre (die Menge alles dessen,
32 was unter ihm enthalten ist) als ein Ganzes in Theile (die untergeordneten
33 Begriffe) getheilt vorgestellt wird, und, weil einer nicht unter dem
34 andern enthalten sein kann, sie als einander coordinirt, nicht subordinirt,
35 so daß sie einander nicht einseitig wie in einer Reihe,
36 sondern wechselseitig als in einem Aggregat bestimmen (wenn ein
[seite 097]
03 Nun wird eine ähnliche Verknüpfung in einem Ganzen der Dinge
04 gedacht, da nicht eines als Wirkung dem andern als Ursache seines Daseins
05 untergeordnet, sondern zugleich und wechselseitig als Ursache in
06 Ansehung der Bestimmung der andern beigeordnet wird (z. B. in einem
07 Körper, dessen Theile einander wechselseitig ziehen und auch widerstehen);
08 welches eine ganz andere Art der Verknüpfung ist, als die, so im bloßen
09 Verhältniß der Ursache zur Wirkung (des Grundes zur Folge) angetroffen
10 wird, in welchem die Folge nicht wechselseitig wiederum den Grund bestimmt
11 und darum mit diesem (wie der Weltschöpfer mit der Welt) nicht
12 ein Ganzes ausmacht. Dasselbe Verfahren des Verstandes, wenn er sich [op 113]
13 die Sphäre eines eingetheilten Begriffs vorstellt, beobachtet er auch, wenn
14 er ein Ding als theilbar denkt; und wie die Glieder der Eintheilung im
15 ersteren einander ausschließen und doch in einer Sphäre verbunden sind,
16 so stellt er sich die Theile des letzteren als solche, deren Existenz (als Substanzen)
17 jedem auch ausschließlich von den übrigen zukommt, doch als in
18 einem Ganzen verbunden vor.
20 Es findet sich aber in der Transscendentalphilosophie der Alten noch
21 ein Hauptstück vor, welches reine Verstandesbegriffe enthält, die, ob sie
22 gleich nicht unter die Kategorien gezählt werden, dennoch nach ihnen als
23 Begriffe a priori von Gegenständen gelten sollten, in welchem Falle sie
24 aber die Zahl der Kategorien vermehren würden, welches nicht sein kann.
25 Diese trägt der unter den Scholastikern so berufene Satz vor: quodlibet
26 ens est unum, verum, bonum. Ob nun zwar der Gebrauch dieses Princips
27 in Absicht auf die Folgerungen (die lauter tautologische Sätze gaben)
28 sehr kümmerlich ausfiel, so daß man es auch in neueren Zeiten beinahe
29 nur ehrenhalber in der Metaphysik aufzustellen pflegt, so verdient doch ein
30 Gedanke, der sich so lange Zeit erhalten hat, so leer er auch zu sein scheint,
31 immer eine Untersuchung seines Ursprungs und berechtigt zur Vermuthung,
32 daß er in irgend einer Verstandesregel seinen Grund habe, der nur, wie
33 es oft geschieht, falsch gedolmetscht worden. Diese vermeintlich transscendentale [op 114]
34 Prädicate der Dinge sind nichts anders als logische Erfordernisse
[seite 098]
[seite 099]
15 Die Rechtslehrer, wenn sie von Befugnissen und Anmaßungen reden,
16 unterscheiden in einem Rechtshandel die Frage über das, was Rechtens
17 ist ( quid iuris ), von der, die die Thatsache angeht ( quid facti ), und indem
18 sie von beiden Beweis fordern, so nennen sie den erstern, der die Befugni
19 oder auch den Rechtsanspruch darthun soll, die Deduction. Wir bedienen
20 uns einer Menge empirischer Begriffe ohne jemandes Widerrede
21 und halten uns auch ohne Deduction berechtigt, ihnen einen Sinn und
22 eingebildete Bedeutung zuzueignen, weil wir jederzeit die Erfahrung bei [op 117]
23 der Hand haben, ihre objective Realität zu beweisen. Es giebt indessen
24 auch usurpirte Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, die zwar mit fast
25 allgemeiner Nachsicht herumlaufen, aber doch bisweilen durch die Frage:
26 quid iuris , in Anspruch genommen werden; da man alsdann wegen der
27 Deduction derselben in nicht geringe Verlegenheit geräth, indem man
28 keinen deutlichen Rechtsgrund weder aus der Erfahrung, noch der Vernunft
29 anführen kann, dadurch die Befugniß ihres Gebrauchs deutlich würde.
30 Unter den mancherlei Begriffen aber, die das sehr vermischte Gewebe
31 der menschlichen Erkenntniß ausmachen, giebt es einige, die auch zum
32 reinen Gebrauch a priori (völlig unabhängig von aller Erfahrung) bestimmt
[seite 100]
11 Wir haben jetzt schon zweierlei Begriffe von ganz verschiedener Art,
12 die doch darin mit einander übereinkommen, daß sie beiderseits völlig
13 a priori sich auf Gegenstände beziehen, nämlich die Begriffe des Raumes
14 und der Zeit als Formen der Sinnlichkeit und die Kategorien als Begriffe
15 des Verstandes. Von ihnen eine empirische Deduction versuchen wollen,
16 würde ganz vergebliche Arbeit sein, weil eben darin das Unterscheidende
17 ihrer Natur liegt, daß sie sich auf ihre Gegenstände beziehen, ohne etwas
18 zu deren Vorstellung aus der Erfahrung entlehnt zu haben. Wenn also
19 eine Deduction derselben nöthig ist, so wird sie jederzeit transscendental
20 sein müssen.
21 Indessen kann man von diesen Begriffen, wie von allem Erkenntni
22 wo nicht das Principium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen
23 ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsuchen; wo alsdann die Eindrücke
24 der Sinne den ersten Anlaß geben, die ganze Erkenntnißkraft in Ansehung
25 ihrer zu eröffnen und Erfahrung zu Stande zu bringen, die zwei sehr ungleichartige
26 Elemente enthält, nämlich eine Materie zur Erkenntniß aus
27 den Sinnen und eine gewisse Form, sie zu ordnen, aus dem innern
28 Quell des reinen Anschauens und Denkens, die bei Gelegenheit der ersteren
29 zuerst in Ausübung gebracht werden und Begriffe hervorbringen. Ein
30 solches Nachspüren der ersten Bestrebungen unserer Erkenntnißkraft, um [op 119]
31 von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeinen Begriffen zu steigen, hat
32 ohne Zweifel seinen großen Nutzen, und man hat es dem berühmten LockePI
33 zu verdanken, daß er dazu zuerst den Weg eröffnet hat. Allein eine Deduction
34 der reinen Begriffe a priori kommt dadurch niemals zu Stande,
35 denn sie liegt ganz und gar nicht auf diesem Wege, weil in Ansehung
36 ihres künftigen Gebrauchs, der von der Erfahrung gänzlich unabhängig
37 sein soll, sie einen ganz andern Geburtsbrief, als den der Abstammung
[seite 101]
10 Ob nun aber gleich die einzige Art einer möglichen Deduction der
11 reinen Erkenntniß a priori, nämlich die auf dem transscendentalen Wege,
12 eingeräumt wird, so erhellt dadurch doch eben nicht, daß sie so unumgänglich
13 nothwendig sei. Wir haben oben die Begriffe des Raumes und der
14 Zeit vermittelst einer transscendentalen Deduction zu ihren Quellen verfolgt [op 120]
15 und ihre objective Gültigkeit a priori erklärt und bestimmt. Gleichwohl
16 geht die Geometrie ihren sichern Schritt durch lauter Erkenntnisse
17 a priori, ohne daß sie sich wegen der reinen und gesetzmäßigen Abkunft
18 ihres Grundbegriffs vom Raume von der Philosophie einen Beglaubigungsschein
19 erbitten darf. Allein der Gebrauch des Begriffs geht in
20 dieser Wissenschaft auch nur auf die äußere Sinnenwelt, von welcher der
21 Raum die reine Form ihrer Anschauung ist, in welcher also alle geometrische
22 Erkenntniß, weil sie sich auf Anschauung a priori gründet, unmittelbare
23 Evidenz hat, und die Gegenstände durch die Erkenntniß selbst
24 a priori (der Form nach) in der Anschauung gegeben werden. Dagegen
25 fängt mit den reinen Verstandesbegriffen das unumgängliche Bedürfni
26 an, nicht allein von ihnen selbst, sondern auch vom Raum die
27 transscendentale Deduction zu suchen, weil, da sie von Gegenständen nicht
28 durch Prädicate der Anschauung und der Sinnlichkeit, sondern des reinen
29 Denkens a priori reden, sie sich auf Gegenstände ohne alle Bedingungen
30 der Sinnlichkeit allgemein beziehen, und die, da sie nicht auf Erfahrung
31 gegründet sind, auch in der Anschauung a priori kein Object vorzeigen
32 können, worauf sie vor aller Erfahrung ihre Synthesis gründeten, und
33 daher nicht allein wegen der objectiven Gültigkeit und Schranken ihres
34 Gebrauchs Verdacht erregen, sondern auch jenen Begriff des Raumes [op 121]
35 zweideutig machen, dadurch daß sie ihn über die Bedingungen der sinnlichen
[seite 102]
15 Wir haben oben an den Begriffen des Raumes und der Zeit mit
16 leichter Mühe begreiflich machen können, wie diese als Erkenntnisse a priori
17 sich gleichwohl auf Gegenstände nothwendig beziehen müssen und eine
18 synthetische Erkenntniß derselben unabhängig von aller Erfahrung möglich
19 machten. Denn da nur vermittelst solcher reinen Formen der Sinnlichkeit
20 uns ein Gegenstand erscheinen, d. i. ein Object der empirischen
21 Anschauung sein kann, so sind Raum und Zeit reine Anschauungen, welche [op 122]
22 die Bedingung der Möglichkeit der Gegenstände als Erscheinungen a priori
23 enthalten, und die Synthesis in denselben hat objective Gültigkeit.
24 Die Kategorien des Verstandes dagegen stellen uns gar nicht die Bedingungen
25 vor, unter denen Gegenstände in der Anschauung gegeben
26 werden, mithin können uns allerdings Gegenstände erscheinen, ohne da
27 sie sich nothwendig auf Functionen des Verstandes beziehen müssen, und
28 dieser also die Bedingungen derselben a priori enthielte. Daher zeigt sich
29 hier eine Schwierigkeit, die wir im Felde der Sinnlichkeit nicht antrafen,
30 wie nämlich subjective Bedingungen des Denkens sollten objective
31 Gültigkeit haben, d. i. Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntniß der
32 Gegenstände abgeben: denn ohne Functionen des Verstandes können allerdings
33 Erscheinungen in der Anschauung gegeben werden. Ich nehme z. B.
34 den Begriff der Ursache, welcher eine besondere Art der Synthesis bedeutet,
35 da auf etwas A was ganz Verschiedenes B nach einer Regel gesetzt
36 wird. Es ist a priori nicht klar, warum Erscheinungen etwas dergleichen
37 enthalten sollten (denn Erfahrungen kann man nicht zum Beweise anführen,
[seite 103]
18 Gedächte man sich von der Mühsamkeit dieser Untersuchungen dadurch
19 loszuwickeln, daß man sagte: die Erfahrung böte unablässig Beispiele
20 einer solchen Regelmäßigkeit der Erscheinungen dar, die genugsam
21 Anlaß geben, den Begriff der Ursache davon abzusondern und dadurch
22 zugleich die objective Gültigkeit eines solchen Begriffs zu bewähren, so
23 bemerkt man nicht, daß auf diese Weise der Begriff der Ursache gar nicht
24 entspringen kann, sondern daß er entweder völlig a priori im Verstande [op 124]
25 müsse gegründet sein, oder als ein bloßes Hirngespinst gänzlich aufgegeben
26 werden müsse. Denn dieser Begriff erfordert durchaus, daß etwas A von
27 der Art sei, daß ein anderes B daraus notwendig und nach einer
28 schlechthin allgemeinen Regel folge. Erscheinungen geben gar wohl
29 Fälle an die Hand, aus denen eine Regel möglich ist, nach der etwas gewöhnlicher
30 maßen geschieht, aber niemals, daß der Erfolg nothwendig
31 sei: daher der Synthesis der Ursache und Wirkung auch eine Dignität anhängt,
32 die man gar nicht empirisch ausdrücken kann, nämlich daß die
33 Wirkung nicht bloß zu der Ursache hinzu komme, sondern durch dieselbe
34 gesetzt sei und aus ihr erfolge. Die strenge Allgemeinheit der Regel ist
35 auch gar keine Eigenschaft empirischer Regeln, die durch Induction keine
36 andere als comparative Allgemeinheit, d. i. ausgebreitete Brauchbarkeit,
37 bekommen können. Nun würde sich aber der Gebrauch der reinen Verstandesbegriffe
[seite 104]
06 Es sind nur zwei Fälle möglich, unter denen synthetische Vorstellung
07 und ihre Gegenstände zusammentreffen, sich auf einander nothwendiger
08 Weise beziehen und gleichsam einander begegnen können: entweder wenn [op 125]
09 der Gegenstand die Vorstellung, oder diese den Gegenstand allein möglich
10 macht. Ist das erstere, so ist diese Beziehung nur empirisch, und die Vorstellung
11 ist niemals a priori möglich. Und dies ist der Fall mit Erscheinung
12 in Ansehung dessen, was an ihnen zur Empfindung gehört. Ist
13 aber das zweite, weil Vorstellung an sich selbst (denn von deren Causalität
14 vermittelst des Willens ist hier gar nicht die Rede) ihren Gegenstand dem
15 Dasein nach nicht hervorbringt, so ist doch die Vorstellung in Ansehung
16 des Gegenstandes alsdann a priori bestimmend, wenn durch sie allein es
17 möglich ist, etwas als einen Gegenstand zu erkennen. Es sind aber
18 zwei Bedingungen, unter denen allein die Erkenntniß eines Gegenstandes
19 möglich ist, erstlich Anschauung, dadurch derselbe, aber nur als Erscheinung,
20 gegeben wird; zweitens Begriff, dadurch ein Gegenstand gedacht
21 wird, der dieser Anschauung entspricht. Es ist aber aus dem obigen klar,
22 daß die erste Bedingung, nämlich die, unter der allein Gegenstände angeschaut
23 werden können, in der That den Objecten der Form nach a priori
24 im Gemüth zum Grunde liege. Mit dieser formalen Bedingung der Sinnlichkeit
25 Stimmen also alle Erscheinungen nothwendig überein, weil sie nur
26 durch dieselbe erscheinen, d. i. empirisch angeschauet und gegeben werden
27 können. Nun frägt es sich, ob nicht auch Begriffe a priori vorausgehen,
28 als Bedingungen, unter denen allein etwas, wenn gleich nicht angeschauet,
29 dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht wird; denn alsdann ist alle [op 126]
30 empirische Erkenntniß der Gegenstände solchen Begriffen nothwendiger
31 Weise gemäß, weil ohne deren Voraussetzung nichts als Object der Erfahrung
32 möglich ist. Nun enthält aber alle Erfahrung außer der Anschauung
33 der Sinne, wodurch etwas gegeben wird, noch einen Begriff
34 von einem Gegenstande, der in der Anschauung gegeben wird oder erscheint:
35 demnach werden Begriffe von Gegenständen überhaupt als Bedingungen
[seite 105]
07 Die transscendentale Deduction aller Begriffe a priori hat also ein
08 Principium, worauf die ganze Nachforschung gerichtet werden muß, nämlich
09 dieses: daß sie als Bedingungen a priori der Möglichkeit der Erfahrung
10 erkannt werden müssen (es sei der Anschauung, die in ihr angetroffen
11 wird, oder des Denkens). Begriffe, die den objectiven Grund der
12 Möglichkeit der Erfahrung abgeben, sind eben darum nothwendig. Die
13 Entwickelung der Erfahrung aber, worin sie angetroffen werden, ist nicht
14 ihre Deduction (sondern Illustration), weil sie dabei doch nur zufällig [op 127]
15 sein würden. Ohne diese ursprüngliche Beziehung auf mögliche Erfahrung,
16 in welcher alle Gegenstände der Erkenntniß vorkommen, würde die Beziehung
17 derselben auf irgend ein Object gar nicht begriffen werden können.
18 Der berühmte LockePI hatte aus Ermangelung dieser Betrachtung,
19 und weil er reine Begriffe des Verstandes in der Erfahrung antraf, sie
20 auch von der Erfahrung abgeleitet und verfuhr doch so inconsequent,
21 daß er damit Versuche zu Erkenntnissen wagte, die weit über alle Erfahrungsgrenze
22 hinausgehen. David HumePI erkannte, um das letztere
23 thun zu können, sei es nothwendig, daß diese Begriffe ihren Ursprung
24 a priori haben müßten. Da er sich aber gar nicht erklären konnte, wie es
25 möglich sei, daß der Verstand Begriffe, die an sich im Verstande nicht verbunden
26 sind, doch als im Gegenstande nothwendig verbunden denken müsse,
27 und darauf nicht verfiel, daß vielleicht der Verstand durch diese Begriffe
28 selbst Urheber der Erfahrung, worin seine Gegenstände angetroffen werden,
29 sein könne: so leitete er sie, durch Noth gedrungen, von der Erfahrung ab
30 (nämlich von einer durch öftere Association in der Erfahrung entsprungenen
31 subjectiven Nothwendigkeit, welche zuletzt fälschlich für objectiv gehalten
32 wird, d. i. der Gewohnheit), verfuhr aber hernach sehr consequent
33 darin, daß er es für unmöglich erklärte, mit diesen Begriffen und den
34 Grundsätzen, die sie veranlassen, über die Erfahrungsgrenze hinauszugehen.
[seite 106]
06 Der erstePI dieser beiden berühmten Männer öffnete der Schwärmerei
07 Thür und Thor, weil die Vernunft, wenn sie einmal Befugnisse auf ihrer
08 Seite hat, sich nicht mehr durch unbestimmte Anpreisungen der Mäßigung
09 in Schranken halten läßt; der zweitePI ergab sich gänzlich dem Scepticism,
10 da er einmal eine so allgemeine für Vernunft gehaltene Täuschung unseres
11 Erkenntnißvermögens glaubte entdeckt zu haben. - Wir sind jetzt im Begriffe
12 einen Versuch zu machen, ob man nicht die menschliche Vernunft
13 zwischen diesen beiden Klippen glücklich durchbringen, ihr bestimmte
14 Grenzen anweisen und dennoch das ganze Feld ihrer zweckmäßigen Thätigkeit
15 für sie geöffnet erhalten könne.
16 Vorher will ich nur noch die Erklärung der Kategorien voranschicken.
17 Sie sind Begriffe von einem Gegenstande überhaupt, dadurch
18 dessen Anschauung in Ansehung einer der logischen Functionen zu Urtheilen
19 als bestimmt angesehen wird. So war die Function des kategorischen
20 Urtheils die des Verhältnisses des Subjects zum Prädicat,
21 z. B. alle Körper sind theilbar. Allein in Ansehung des bloß logischen
22 Gebrauchs des Verstandes blieb es unbestimmt, welchem von beiden Begriffen [op 129]
23 die Function des Subjects, und welchem die des Prädicats man
24 geben wolle. Denn man kann auch sagen: Einiges Theilbare ist ein
25 Körper. Durch die Kategorie der Substanz aber, wenn ich den Begriff
26 eines Körpers darunter bringe, wird es bestimmt: daß seine empirische
27 Anschauung in der Erfahrung immer nur als Subject, niemals als bloßes
28 Prädicat betrachtet werden müsse; und so in allen übrigen Kategorien.
[seite 107]
07 Das Mannigfaltige der Vorstellungen kann in einer Anschauung gegeben
08 werden, die bloß sinnlich, d. i. nichts als Empfänglichkeit ist, und
09 die Form dieser Anschauung kann a priori in unserm Vorstellungsvermögen
10 liegen, ohne doch etwas andres als die Art zu sein, wie das Subject
11 afficirt wird. Allein die Verbindung ( conjunctio ) eines Mannigfaltigen
12 überhaupt kann niemals durch Sinne in uns kommen und kann [op 130]
13 also auch nicht in der reinen Form der sinnlichen Anschauung zugleich mit
14 enthalten sein; denn sie ist ein Actus der Spontaneität der Vorstellungskraft,
15 und da man diese zum Unterschiede von der Sinnlichkeit Verstand
16 nennen muß, so ist alle Verbindung, wir mögen uns ihrer bewußt werden
17 oder nicht, es mag eine Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung
18 oder mancherlei Begriffe, und an der ersteren der sinnlichen oder nichtsinnlichen
19 Anschauung sein, eine Verstandeshandlung, die wir mit der allgemeinen
20 Benennung Synthesis belegen würden, um dadurch zugleich
21 bemerklich zu machen, daß wir uns nichts als im Object verbunden vorstellen
22 können, ohne es vorher selbst verbunden zu haben, und unter allen
23 Vorstellungen die Verbindung die einzige ist, die nicht durch Objecte gegeben,
24 sondern nur vom Subjecte selbst verrichtet werden kann, weil sie
25 ein Actus seiner Selbstthätigkeit ist. Man wird hier leicht gewahr, da
26 diese Handlung ursprünglich einig und für alle Verbindung gleichgeltend
27 sein müsse, und daß die Auflösung, Analysis, die ihr Gegentheil zu sein
28 scheint, sie doch jederzeit voraussetze; denn wo der Verstand vorher nichts
29 verbunden hat, da kann er auch nichts auflösen, weil es nur durch ihn
30 als verbunden der Vorstellungskraft hat gegeben werden können.
[seite 108]
01 Aber der Begriff der Verbindung führt außer dem Begriffe des
02 Mannigfaltigen und der Synthesis desselben noch den der Einheit desselben
03 bei sich. Verbindung ist Vorstellung der synthetischen Einheit des [op 131]
04 Mannigfaltigen.*) Die Vorstellung dieser Einheit kann also nicht aus
05 der Verbindung entstehen, sie macht vielmehr dadurch, daß sie zur Vorstellung
06 des Mannigfaltigen hinzukommt, den Begriff der Verbindung
07 allererst möglich. Diese Einheit, die a priori vor allen Begriffen der Verbindung
08 vorhergeht, ist nicht etwa jene Kategorie der Einheit (§ 10); denn
09 alle Kategorien gründen sich auf logische Functionen in Urtheilen, in
10 diesen aber ist schon Verbindung, mithin Einheit gegebener Begriffe gedacht.
11 Die Kategorie setzt also schon Verbindung voraus. Also müssen
12 wir diese Einheit (als qualitative, § 12) noch höher suchen, nämlich in
13 demjenigen, was selbst den Grund der Einheit verschiedener Begriffe in
14 Urtheilen, mithin der Möglichkeit des Verstandes sogar in seinem logischen
15 Gebrauche enthält.
19 Das: Ich denke, muß alle meine Vorstellungen begleiten können; [op 132]
20 denn sonst würde etwas in mir vorgestellt werden, was gar nicht gedacht
21 werden könnte, welches eben so viel heißt als: die Vorstellung würde entweder
22 unmöglich, oder wenigstens für mich nichts sein. Diejenige Vorstellung,
23 die vor allem Denken gegeben sein kann, heißt Anschauung.
24 Also hat alles Mannigfaltige der Anschauung eine nothwendige Beziehung
25 auf das: Ich denke, in demselben Subject, darin dieses Mannigfaltige
26 angetroffen wird. Diese Vorstellung aber ist ein Actus der Spontaneität,
27 d. i. sie kann nicht als zur Sinnlichkeit gehörig angesehen werden.
28 Ich nenne sie die reine Apperception, um sie von der empirischen
29 zu unterscheiden, oder auch die ursprüngliche Apperception, weil sie
30 dasjenige Selbstbewußtsein ist, was, in dem es die Vorstellung: Ich denke,
31 *) Ob die Vorstellungen selbst identisch sind, und also eine durch die andere
32 analytisch könne gedacht werden, das kommt hier nicht in Betrachtung. Das Bewußtsein
33 der einen ist, so fern vom Mannigfaltigen die Rede ist, vom Bewußtsein
34 der anderen doch immer zu unterscheiden, und auf die Synthesis dieses (möglichen)
35 Bewußtseins kommt es hier allein an.
[seite 109]
13 Nämlich diese durchgängige Identität der Apperception eines in der
14 Anschauung gegebenen Mannigfaltigen enthält eine Synthesis der Vorstellungen
15 und ist nur durch das Bewußtsein dieser Synthesis möglich.
16 Denn das empirische Bewußtsein, welches verschiedene Vorstellungen begleitet,
17 ist an sich zerstreut und ohne Beziehung auf die Identität des
18 Subjects. Diese Beziehung geschieht also dadurch noch nicht, daß ich jede
19 Vorstellung mit Bewußtsein begleite, sondern daß ich eine zu der andern
20 hinzusetze und mir der Synthesis derselben bewußt bin. Also nur dadurch,
21 daß ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen in einem
22 Bewußtsein verbinden kann, ist es möglich, daß ich mir die Identität
23 des Bewußtseins in diesen Vorstellungen selbst vorstelle, d. i. die
24 analytische Einheit der Apperception ist nur unter der Voraussetzung [op 134]
25 irgend einer synthetischen möglich.*) Der Gedanke: diese in der Anschauung
26 *) Die analytische Einheit des Bewußtseins hängt allen gemeinsamen Begriffen
27 als solchen an; z. B. wenn ich mir roth überhaupt denke, so Stelle ich mir dadurch
28 eine Beschaffenheit vor, die (als Merkmal) irgend woran angetroffen, oder mit anderen
29 Vorstellungen verbunden sein kann; also nur vermöge einer vorausgedachten möglichen
30 synthetischen Einheit kann ich mir die analytische vorstellen. Eine Vorstellung, die als
31 verschiedenen gemein gedacht werden soll, wird als zu solchen gehörig angesehen,
32 die außer ihr noch etwas Verschiedenes an sich haben; folglich muß sie in synthetischer
33 Einheit mit anderen (wenn gleich nur möglichen Vorstellungen) vorher gedacht
34 werden, ehe ich die analytische Einheit des Bewußtseins, welche sie zum conceptus
35 communis macht, an ihr denken kann. Und so ist die synthetische Einheit der Apperception
36 der höchste Punkt, an dem man allen Verstandesgebrauch, selbst die ganze Logik
37 und nach ihr die Transscendental=Philosophie heften muß, ja dieses Vermögen ist der
38 Verstand selbst.
[seite 110]
19 Dieser Grundsatz der nothwendigen Einheit der Apperception ist nun
20 zwar selbst identisch, mithin ein analytischer Satz, erklärt aber doch eine
21 Synthesis des in einer Anschauung gegebenen Mannigfaltigen als nothwendig,
22 ohne welche jene durchgängige Identität des Selbstbewußtseins
23 nicht gedacht werden kann. Denn durch das Ich als einfache Vorstellung
24 ist nichts Mannigfaltiges gegeben; in der Anschauung, die davon unterschieden
25 ist, kann es nur gegeben und durch Verbindung in einem Bewußtsein
26 gedacht werden. Ein Verstand, in welchem durch das Selbstbewußtsein
27 zugleich alles Mannigfaltige gegeben würde, würde anschauen;
28 der unsere kann nur denken und muß in den Sinnen die Anschauung
29 suchen. Ich bin mir also des identischen Selbst bewußt in Ansehung des
30 Mannigfaltigen der mir in einer Anschauung gegebenen Vorstellungen,
31 weil ich sie insgesammt meine Vorstellungen nenne, die eine ausmachen.
32 Das ist aber so viel, als daß ich mir einer nothwendigen Synthesis derselben
33 a priori bewußt bin, welche die ursprüngliche synthetische Einheit [op 136]
34 der Apperception heißt, unter der alle mir gegebene Vorstellungen stehen,
35 aber unter die sie auch durch eine Synthesis gebracht werden müssen.
[seite 111]
04 Der oberste Grundsatz der Möglichkeit aller Anschauung in Beziehung
05 auf die Sinnlichkeit war laut der transscendentalen Ästhetik: daß alles
06 Mannigfaltige derselben unter den formalen Bedingungen des Raums
07 und der Zeit stehe. Der oberste Grundsatz eben derselben in Beziehung
08 auf den Verstand ist: daß alles Mannigfaltige der Anschauung unter Bedingungen
09 der ursprünglich=synthetischen Einheit der Apperception stehe.*)
10 Unter dem ersteren stehen alle mannigfaltige Vorstellungen der Anschauung,
11 so fern sie uns gegeben werden, unter dem zweiten, so fern sie in [op 137]
12 einem Bewußtsein müssen verbunden werden können; denn ohne das
13 kann nichts dadurch gedacht oder erkannt werden, weil die gegebene Vorstellungen
14 den Actus der Apperception: Ich denke, nicht gemein haben
15 und dadurch nicht in einem Selbstbewußtsein zusammengefaßt sein würden.
16 Verstand ist, allgemein zu reden, das Vermögen der Erkenntnisse.
17 Diese bestehen in der bestimmten Beziehung gegebener Vorstellungen
18 auf ein Object. Object aber ist das, in dessen Begriff das Mannigfaltige
19 einer gegebenen Anschauung vereinigt ist. Nun erfordert aber
20 alle Vereinigung der Vorstellungen Einheit des Bewußtseins in der Synthesis
21 derselben. Folglich ist die Einheit des Bewußtseins dasjenige, was
22 allein die Beziehung der Vorstellungen auf einen Gegenstand, mithin ihre
23 objective Gültigkeit, folglich daß sie Erkenntnisse werden, ausmacht, und
24 worauf folglich selbst die Möglichkeit des Verstandes beruht.
25 Das erste reine Verstandeserkenntniß also, worauf sein ganzer übriger
26 Gebrauch sich gründet, welches auch zugleich von allen Bedingungen der
27 sinnlichen Anschauung ganz unabhängig ist, ist nun der Grundsatz der ursprünglichen
28 synthetischen Einheit der Apperception. So ist die bloße
29 Form der äußeren sinnlichen Anschauung, der Raum, noch gar keine Erkenntniß;
30 *) Der Raum und die Zeit und alle Theile derselben sind Anschauungen, mithin
31 einzelne Vorstellungen mit dem Mannigfaltigen, das sie in sich enthalten (siehe die
32 transsc. Ästhetik), mithin nicht bloße Begriffe, durch die eben dasselbe Bewußtsein als
33 in vielen Vorstellungen, sondern viel Vorstellungen als in einer und deren Bewußtsein
34 enthalten, mithin als zusammengesetzt, folglich die Einheit des Bewußtseins als
35 synthetisch, aber doch ursprünglich angetroffen wird. Diese Einzelheit derselben
36 ist wichtig in der Anwendung (siehe § 25).
[seite 112]
13 Dieser letztere Satz ist, wie gesagt, selbst analytisch, ob er zwar die
14 synthetische Einheit zur Bedingung alles Denkens macht; denn er sagt
15 nichts weiter, als daß alle meine Vorstellungen in irgend einer gegebenen
16 Anschauung unter der Bedingung stehen müssen, unter der ich sie allein
17 als meine Vorstellungen zu dem identischen Selbst rechnen und also als
18 in einer Apperception synthetisch verbunden durch den allgemeinen Ausdruck:
19 Ich denke, zusammenfassen kann.
20 Aber dieser Grundsatz ist doch nicht ein Princip für jeden überhaupt
21 möglichen Verstand, sondern nur für den, durch dessen reine Apperception
22 in der Vorstellung: Ich bin, noch gar nichts Mannigfaltiges gegeben ist.
23 Derjenige Verstand, durch dessen Selbstbewußtsein zugleich das Mannigfaltige [op 139]
24 der Anschauung gegeben würde, ein Verstand, durch dessen Vorstellung
25 zugleich die Objecte dieser Vorstellung existirten, würde einen
26 besondern Actus der Synthesis des Mannigfaltigen zu der Einheit des
27 Bewußtseins nicht bedürfen, deren der menschliche Verstand, der blo
28 denkt, nicht anschaut, bedarf. Aber für den menschlichen Verstand ist er
29 doch unvermeidlich der erste Grundsatz, so daß er sich sogar von einem
30 anderen möglichen Verstande, entweder einem solchen, der selbst anschauete,
31 oder, wenn gleich eine sinnliche Anschauung, aber doch von anderer Art
32 als die im Raume und der Zeit zum Grunde liegend besäße, sich nicht den
33 mindesten Begriff machen kann.
[seite 113]
03 Die transscendentale Einheit der Apperception ist diejenige,
04 durch welche alles in einer Anschauung gegebene Mannigfaltige in einen
05 Begriff vom Object vereinigt wird. Sie heißt darum objectiv und mu
06 von der subjectiven Einheit des Bewußtseins unterschieden werden,
07 die eine Bestimmung des inneren Sinnes ist, dadurch jenes Mannigfaltige
08 der Anschauung zu einer solchen Verbindung empirisch gegeben
09 wird. Ob ich mir des Mannigfaltigen als zugleich oder nach einander
10 empirisch bewußt sein könne, kommt auf Umstände oder empirische Bedingungen [op 140]
11 an; daher die empirische Einheit des Bewußtseins durch Association
12 der Vorstellungen selbst eine Erscheinung betrifft und ganz zufällig
13 ist. Dagegen steht die reine Form der Anschauung in der Zeit, bloß als
14 Anschauung überhaupt, die ein gegebenes Mannigfaltiges enthält, unter
15 der ursprünglichen Einheit des Bewußtseins lediglich durch die nothwendige
16 Beziehung des Mannigfaltigen der Anschauung zum einen: Ich
17 denke, also durch die reine Synthesis des Verstandes, welche a priori der
18 empirischen zum Grunde liegt. Jene Einheit ist allein objectiv gültig: die
19 empirische Einheit der Apperception, die wir hier nicht erwägen, und die
20 auch nur von der ersteren unter gegebenen Bedingungen in concreto abgeleitet
21 ist, hat nur subjective Gültigkeit. Einer verbindet die Vorstellung
22 eines gewissen Worts mit einer Sache, der andere mit einer anderen
23 Sache; und die Einheit des Bewußtseins in dem, was empirisch ist, ist in
24 Ansehung dessen, was gegeben ist, nicht nothwendig und allgemein geltend.
28 Ich habe mich niemals durch die Erklärung, welche die Logiker von
29 einem Urtheile überhaupt geben, befriedigen können: es ist, wie sie sagen,
30 die Vorstellung eines Verhältnisses zwischen zwei Begriffen. Ohne nun [op 141]
31 hier über das Fehlerhafte der Erklärung, daß sie allenfalls nur auf kategorische,
32 aber nicht hypothetische und disjunctive Urtheile paßt (als
33 welche letztere nicht ein Verhältniß von Begriffen, sondern selbst von Urtheilen
34 enthalten), mit ihnen zu zanken (unerachtet aus diesem Versehen
[seite 114]
03 Wenn ich aber die Beziehung gegebener Erkenntnisse in jedem Urtheile
04 genauer untersuche und sie als dem Verstande angehörige von dem
05 Verhältnisse nach Gesetzen der reproductiven Einbildungskraft (welches
06 nur subjective Gültigkeit hat) unterscheide, so finde ich, daß ein Urtheil
07 nichts andres sei, als die Art, gegebene Erkenntnisse zur objectiven
08 Einheit der Apperception zu bringen. Darauf zielt das Verhältnißwörtchen [op 142]
09 ist in denselben, um die objective Einheit gegebener Vorstellungen von
10 der subjectiven zu unterscheiden. Denn dieses bezeichnet die Beziehung
11 derselben auf die ursprüngliche Apperception und die nothwendige Einheit
12 derselben, wenn gleich das Urtheil selbst empirisch, mithin zufällig
13 ist, z. B. die Körper sind schwer. Damit ich zwar nicht sagen will, diese
14 Vorstellungen gehören in der empirischen Anschauung nothwendig zu
15 einander, sondern sie gehören vermöge der nothwendigen Einheit
16 der Apperception in der Synthesis der Anschauungen zu einander, d. i.
17 nach Principien der objectiven Bestimmung aller Vorstellungen, so fern
18 daraus Erkenntniß werden kann, welche Principien alle aus dem Grundsatze
19 der transscendentalen Einheit der Apperception abgeleitet sind. Dadurch
20 allein wird aus diesem Verhältnisse ein Urtheil, d. i. ein Verhältniß,
21 das objectiv gültig ist und sich von dem Verhältnisse eben
22 derselben Vorstellungen, worin bloß subjective Gültigkeit wäre, z. B. nach
23 Gesetzen der Association, hinreichend unterscheidet. Nach den letzteren
24 würde ich nur sagen können: wenn ich einen Körper trage, so fühle ich
25 einen Druck der Schwere; aber nicht: er, der Körper, ist schwer; welches so
26 viel sagen will als: diese beide Vorstellungen sind im Object, d. i. ohne
27 Unterschied des Zustandes des Subjects, verbunden und nicht bloß in der
28 Wahrnehmung (so oft sie auch wiederholt sein mag) beisammen.
29 *) Die weitläuftige Lehre von den vier syllogistischen Figuren betrifft nur die
30 kategorischen Vernunftschlüsse; und ob sie zwar nichts weiter ist, als eine Kunst, durch
31 Versteckung unmittelbarer Schlüsse ( consequentiae immediatae ) unter die Prämissen
32 eines reinen Vernunftschlusses den Schein mehrerer Schlußarten, als des in der ersten
33 Figur zu erschleichen, so würde sie doch dadurch allein kein sonderliches Glück gemacht
34 haben, wenn es ihr nicht gelungen wäre, die kategorischen Urtheile als die, worauf sich
35 alle andere müssen beziehen lassen, in ausschließliches Ansehen zu bringen, welches
36 aber nach § 9 falsch ist.
[seite 115]
05 Das Mannigfaltige in einer sinnlichen Anschauung Gegebene gehört
06 nothwendig unter die ursprüngliche synthetische Einheit der Apperception,
07 weil durch diese die Einheit der Anschauung allein möglich ist (§ 17).
08 Diejenige Handlung des Verstandes aber, durch die das Mannigfaltige
09 gegebener Vorstellungen (sie mögen Anschauungen oder Begriffe sein)
10 unter eine Apperception überhaupt gebracht wird, ist die logische Function
11 der Urtheile (§ 19). Also ist alles Mannigfaltige, so fern es in einer
12 empirischen Anschauung gegeben ist, in Ansehung einer der logischen
13 Functionen zu urtheilen bestimmt, durch die es nämlich zu einem Bewußtsein
14 überhaupt gebracht wird. Nun sind aber die Kategorien
15 nichts andres als eben diese Functionen zu urtheilen, so fern das Mannigfaltige
16 einer gegebenen Anschauung in Ansehung ihrer bestimmt ist (§ 10).
17 Also steht auch das Mannigfaltige in einer gegebenen Anschauung nothwendig
18 unter Kategorien.
21 Ein Mannigfaltiges, das in einer Anschauung, die ich die meinige
22 nenne, enthalten ist, wird durch die Synthesis des Verstandes als zur
23 nothwendigen Einheit des Selbstbewußtseins gehörig vorgestellt, und
24 dieses geschieht durch die Kategorie.*) Diese zeigt also an: daß das empirische
25 Bewußtsein eines gegebenen Mannigfaltigen einer Anschauung
26 eben sowohl unter einem reinen Selbstbewußtsein a priori, wie empirische
27 Anschauung unter einer reinen sinnlichen, die gleichfalls a priori statt
28 hat, stehe. - Im obigen Satze ist also der Anfang einer Deduction der
29 reinen Verstandesbegriffe gemacht, in welcher ich, da die Kategorien unabhängig
30 von Sinnlichkeit bloß im Verstande entspringen, noch von
31 *) Der Beweisgrund beruht auf der vorgestellten Einheit der Anschauung,
32 dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche jederzeit eine Synthesis des mannigfaltigen
33 zu einer Anschauung gegebenen in sich schließt und schon die Beziehung
34 dieses letzteren auf Einheit der Apperception enthält.
[seite 116]
10 Allein von einem Stücke konnte ich im obigen Beweise doch nicht abstrahiren,
11 nämlich davon, daß das Mannigfaltige für die Anschauung
12 noch vor der Synthesis des Verstandes und unabhängig von ihr gegeben
13 sein müsse; wie aber, bleibt hier unbestimmt. Denn wollte ich mir einen
14 Verstand denken, der selbst anschauete (wie etwa einen göttlichen, der nicht
15 gegebene Gegenstände sich vorstellte, sondern durch dessen Vorstellung die
16 Gegenstände selbst zugleich gegeben oder hervorgebracht würden), so würden
17 die Kategorien in Ansehung eines solchen Erkenntnisses gar keine Bedeutung
18 haben. Sie sind nur Regeln für einen Verstand, dessen ganzes
19 Vermögen im Denken besteht, d. i. in der Handlung, die Synthesis des
20 Mannigfaltigen, welches ihm anderweitig in der Anschauung gegeben
21 worden, zur Einheit der Apperception zu bringen, der also für sich gar
22 nichts erkennt, sondern nur den Stoff zum Erkenntniß, die Anschauung,
23 die ihm durchs Object gegeben werden muß, verbindet und ordnet. Von
24 der Eigenthümlichkeit unsers Verstandes aber, nur vermittelst der Kategorien [op 146]
25 und nur gerade durch diese Art und Zahl derselben Einheit der
26 Apperception a priori zu Stande zu bringen, läßt sich eben so wenig ferner
27 ein Grund angeben, als warum wir gerade diese und keine andere Functionen
28 zu Urtheilen haben, oder warum Zeit und Raum die einzigen
29 Formen unserer möglichen Anschauung sind.
34 Sich einen Gegenstand denken und einen Gegenstand erkennen,
35 ist also nicht einerlei. Zum Erkenntnisse gehören nämlich zwei Stücke:
[seite 117]
34 Der obige Satz ist von der größten Wichtigkeit; denn er bestimmt
35 ebenso wohl die Grenzen des Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe in
[seite 118]
19 Nimmt man also ein Object einer nicht=sinnlichen Anschauung
20 als gegeben an, so kann man es freilich durch alle die Prädicate vorstellen,
21 die schon in der Voraussetzung liegen, daß ihm nichts zur sinnlichen
22 Anschauung Gehöriges zukomme: also daß es nicht ausgedehnt oder
23 im Raume sei, daß die Dauer desselben keine Zeit sei, daß in ihm keine
24 Veränderung (Folge der Bestimmungen in der Zeit) angetroffen werde
25 u. s. w.. Allein das ist doch kein eigentliches Erkenntniß, wenn ich blo
26 anzeige, wie die Anschauung des Objects nicht sei, ohne sagen zu können,
27 was in ihr denn enthalten sei; denn alsdann habe ich gar nicht die Möglichkeit
28 eines Objects zu meinem reinen Verstandesbegriff vorgestellt, weil
29 ich keine Anschauung habe geben können, die ihm correspondirte, sondern
30 nur sagen konnte, daß die unsrige nicht für ihn gelte. Aber das Vornehmste
31 ist hier, daß auf ein solches Etwas auch nicht einmal eine einzige
32 Kategorie angewandt werden könnte; z. B. der Begriff einer Substanz,
33 d. i. von Etwas, das als Subject, niemals aber als bloßes Prädicat
34 existiren könne, wovon ich gar nicht weiß, ob es irgend ein Ding geben
35 könne, das dieser Gedankenbestimmung correspondirte, wenn nicht empirische
36 Anschauung mir den Fall der Anwendung gäbe. Doch mehr hievon
37 in der Folge.
[seite 119]
04 Die reinen Verstandesbegriffe beziehen sich durch den bloßen Verstand
05 auf Gegenstände der Anschauung überhaupt, unbestimmt ob sie die
06 unsrige oder irgend eine andere, doch sinnliche sei, sind aber eben darum
07 bloße Gedankenformen, wodurch noch kein bestimmter Gegenstand erkannt
08 wird. Die Synthesis oder Verbindung des Mannigfaltigen in denselben
09 bezog sich bloß auf die Einheit der Apperception und war dadurch
10 der Grund der Möglichkeit der Erkenntniß a priori, so fern sie auf dem
11 Verstande beruht, und mithin nicht allein transscendental, sondern auch
12 bloß rein intellectual. Weil in uns aber eine gewisse Form der sinnlichen
13 Anschauung a priori zum Grunde liegt, welche auf der Receptivität der
14 Vorstellungsfähigkeit (Sinnlichkeit) beruht, so kann der Verstand als
15 Spontaneität den inneren Sinn durch das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen
16 der synthetischen Einheit der Apperception gemäß bestimmen
17 und so synthetische Einheit der Apperception des Mannigfaltigen der
18 sinnlichen Anschauung a priori denken, als die Bedingung, unter
19 welcher alle Gegenstände unserer (der menschlichen) Anschauung nothwendiger
20 Weise stehen müssen, dadurch denn die Kategorien als bloße [op 151]
21 Gedankenformen objective Realität, d. i. Anwendung auf Gegenstände,
22 die uns in der Anschauung gegeben werden können, aber nur als Erscheinungen
23 bekommen; denn nur von diesen sind wir der Anschauung a priori
24 fähig.
25 Diese Synthesis des Mannigfaltigen der sinnlichen Anschauung,
26 die a priori möglich und nothwendig ist, kann figürlich ( synthesis speciosa )
27 genannt werden zum Unterschiede von derjenigen, welche in Ansehung
28 des Mannigfaltigen einer Anschauung überhaupt in der bloßen Kategorie
29 gedacht würde und Verstandesverbindung ( synthesis intellectualis ) heißt;
30 beide sind transscendental, nicht bloß weil sie selbst a priori vorgehen,
31 sondern auch die Möglichkeit anderer Erkenntniß a priori gründen.
32 Allein die figürliche Synthesis, wenn sie bloß auf die ursprünglich
33 synthetische Einheit der Apperception, d. i. diese transscendentale Einheit,
34 geht, welche in den Kategorien gedacht wird, muß zum Unterschiede von
35 der bloß intellectuellen Verbindung die transscendentale Synthesis
36 der Einbildungskraft heißen. Einbildungskraft ist das Vermögen,
[seite 120]
22 Hier ist nun der Ort, das Paradoxe, was jedermann bei der Exposition
23 der Form des inneren Sinnes (§ 6) auffallen mußte, verständlich
24 zu machen: nämlich wie dieser auch sogar uns selbst, nur wie wir uns erscheinen,
25 nicht wie wir an uns selbst sind, dem Bewußtsein darstelle, weil [op 153]
26 wir nämlich uns nur anschauen, wie wir innerlich afficirt werden, welches
27 widersprechend zu sein scheint, indem wir uns gegen uns selbst als
28 leidend verhalten müßten; daher man auch lieber den innern Sinn mit
29 dem Vermögen der Apperception (welche wir sorgfältig unterscheiden)
30 in den Systemen der Psychologie für einerlei auszugeben pflegt.
31 Das, was den inneren Sinn bestimmt, ist der Verstand und dessen
32 ursprüngliches Vermögen das Mannigfaltige der Anschauung zu verbinden,
33 d. i. unter eine Apperception (als worauf selbst seine Möglichkeit beruht)
34 zu bringen. Weil nun der Verstand in uns Menschen selbst kein
[seite 121]
23 Dieses nehmen wir auch jederzeit in uns wahr. Wir können uns
24 keine Linie denken, ohne sie in Gedanken zu ziehen, keinen Cirkel denken,
25 ohne ihn zu beschreiben, die drei Abmessungen des Raums gar nicht
26 vorstellen, ohne aus demselben Punkte drei Linien senkrecht auf einander
27 zu setzen, und selbst die Zeit nicht, ohne indem wir im Ziehen einer geraden
28 Linie (die die äußerlich figürliche Vorstellung der Zeit sein soll)
29 bloß auf die Handlung der Synthesis des Mannigfaltigen, dadurch wir
30 den inneren Sinn successiv bestimmen, und dadurch auf die Succession
31 dieser Bestimmung in demselben Acht haben. Bewegung als Handlung [op 155]
32 des Subjects (nicht als Bestimmung eines Objects)*), folglich die Synthesis
33 *) Bewegung eines Objects im Raume gehört nicht in eine reine Wissenschaft,
34 folglich auch nicht in die Geometrie, weil, daß etwas beweglich sei, nicht a priori,
35 sondern nur durch Erfahrung erkannt werden kann. Aber Bewegung als Beschreibung
36 eines Raumes ist ein reiner Actus der successiven Synthesis des Mannigfaltigen'
33 in der äußeren Anschauung überhaupt durch productive Einbildungskraft und gehört
34 nicht allein zur Geometrie, sondern sogar zur Transscendentalphilosophie.
[seite 122]
35 *) Ich sehe nicht, wie man so viel Schwierigkeit darin finden könne, daß der
36 innere Sinn von uns selbst afficirt werde. Jeder Actus der Aufmerksamkeit kann
37 uns ein Beispiel davon geben. Der Verstand bestimmt darin jederzeit den inneren'
24 Sinn der Verbindung, die er denkt, gemäß zur inneren Anschauung, die dem Mannigfaltigen
25 in der Synthesis des Verstandes correspondirt. Wie sehr das Gemüth gemeiniglich
26 hiedurch afficirt werde, wird ein jeder in sich wahrnehmen können.
[seite 123]
02 Dagegen bin ich mir meiner selbst in der transscendentalen Synthesis
03 des Mannigfaltigen der Vorstellungen überhaupt, mithin in der
04 synthetischen ursprünglichen Einheit der Apperception bewußt, nicht wie
05 ich mir erscheine, noch wie ich an mir selbst bin, sondern nur daß ich bin.
06 Diese Vorstellung ist ein Denken, nicht ein Anschauen. Da nun zum
07 Erkenntniß unserer selbst außer der Handlung des Denkens, die das
08 Mannigfaltige einer jeden möglichen Anschauung zur Einheit der Apperception
09 bringt, noch eine bestimmte Art der Anschauung, dadurch dieses
10 Mannigfaltige gegeben wird, erforderlich ist, so ist zwar mein eigenes
11 Dasein nicht Erscheinung (vielweniger bloßer Schein), aber die Bestimmung [op 158]
12 meines Daseins*) kann nur der Form des inneren Sinnes gemä
13 nach der besonderen Art, wie das Mannigfaltige, das ich verbinde, in der
14 inneren Anschauung gegeben wird, geschehen; und ich habe also demnach
15 keine Erkenntniß von mir, wie ich bin, sondern bloß, wie ich mir selbst
16 erscheine. Das Bewußtsein seiner selbst ist also noch lange nicht ein Erkenntni
17 seiner selbst unerachtet aller Kategorien, welche das Denken eines
18 Objects überhaupt durch Verbindung des Mannigfaltigen in einer
19 Apperception ausmachen. So wie zum Erkenntnisse eines von mir verschiedenen
20 Objects außer dem Denken eines Objects überhaupt (in der
21 Kategorie) ich doch noch einer Anschauung bedarf, dadurch ich jenen allgemeinen
22 Begriff bestimme, so bedarf ich auch zum Erkenntnisse meiner selbst
23 außer dem Bewußtsein oder außer dem, daß ich mich denke, noch einer
27 *) Das: Ich denke, drückt den Actus aus, mein Dasein zu bestimmen. Das
28 Dasein ist dadurch also schon gegeben, aber die Art, wie ich es bestimmen, d. i. das
29 mannigfaltige zu demselben Gehörige in mir setzen solle, ist dadurch noch nicht gegeben.
30 Dazu gehört Selbstanschauung, die eine a priori gegebene Form, d. i. die
31 Zeit, zum Grunde liegen hat, welche sinnlich und zur Receptivität des Bestimmbaren
32 gehörig ist. Habe ich nun nicht noch eine andere Selbstanschauung, die das
33 Bestimmende in mir, dessen Spontaneität ich mir nur bewußt bin, eben so vor
34 dem Actus des Bestimmens giebt, wie die Zeit das Bestimmbare, so kann ich
35 mein Dasein als eines selbstthätigen Wesens nicht bestimmen; sondern ich stelle mir
36 nur die Spontaneität meines Denkens, d. i. des Bestimmens, vor, und mein Dasein
37 bleibt immer nur sinnlich, d. i. als das Dasein einer Erscheinung, bestimmbar.
38 Doch macht diese Spontaneität, daß ich mich Intelligenz nenne.
[seite 124]
14 In der metaphysischen Deduction wurde der Ursprung der Kategorien
15 a priori überhaupt durch ihre völlige Zusammentreffung mit den
16 allgemeinen logischen Functionen des Denkens dargethan, in der transscendentalen
17 aber die Möglichkeit derselben als Erkenntnisse a priori
18 von Gegenständen einer Anschauung überhaupt (§ 20, 21) dargestellt.
19 Jetzt soll die Möglichkeit, durch Kategorien die Gegenstände, die nur
20 immer unseren Sinnen vorkommen mögen, und zwar nicht der
21 Form ihrer Anschauung, sondern den Gesetzen ihrer Verbindung nach
22 a priori zu erkennen, also der Natur gleichsam das Gesetz vorzuschreiben [op 160]
23 und sie sogar möglich zu machen, erklärt werden. Denn ohne diese ihre
24 Tauglichkeit würde nicht erhellen, wie alles, was unseren Sinnen nur vorkommen
25 mag, unter den Gesetzen stehen müsse, die a priori aus dem Verstande
26 allein entspringen.
27 Zuvörderst merke ich an, daß ich unter der Synthesis der Apprehension
28 die Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen
29 Anschauung verstehe, dadurch Wahrnehmung, d. i. empirisches Bewußtsein
30 derselben (als Erscheinung), möglich wird.
31 Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen Anschauung
32 a priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen
33 muß die Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung
34 jederzeit gemäß sein, weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen kann.
35 Aber Raum und Zeit sind nicht bloß als Formen der sinnlichen Anschauung,
[seite 125]
17 Wenn ich also z. B. die empirische Anschauung eines Hauses durch
18 Apprehension des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache, so
19 liegt mir die nothwendige Einheit des Raumes und der äußeren sinnlichen
20 Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne gleichsam seine
21 Gestalt dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen im Raume gemäß.
22 Eben dieselbe synthetische Einheit aber, wenn ich von der Form des
23 Raumes abstrahire, hat im Verstande ihren Sitz und ist die Kategorie
24 der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung überhaupt, d. i. die
25 *) Der Raum, als Gegenstand vorgestellt (wie man es wirklich in der Geometrie
26 bedarf), enthält mehr als bloße Form der Anschauung, nämlich Zusammenfassung
27 des Mannigfaltigen nach der Form der Sinnlichkeit Gegebenen in eine anschauliche
28 Vorstellung, so daß die Form der Anschauung bloß Mannigfaltiges,
29 die formale Anschauung aber Einheit der Vorstellung giebt. Diese Einheit hatte
30 ich in der Ästhetik bloß zur Sinnlichkeit gezählt, um nur zu bemerken, daß sie vor
31 allem Begriffe vorhergehe, ob sie zwar eine Synthesis, die nicht den Sinnen angehört,
32 durch welche aber alle Begriffe von Raum und Zeit zuerst möglich werden,
33 voraussetzt. Denn da durch sie (indem der Verstand die Sinnlichkeit bestimmt) der
34 Raum oder die Zeit als Anschauungen zuerst gegeben werden, so gehört die Einheit
35 dieser Anschauung a priori zum Raume und der Zeit und nicht zum Begriffe
36 des Verstandes (§ 24).
[seite 126]
03 Wenn ich (in einem anderen Beispiele) das Gefrieren des Wassers
04 wahrnehme, so apprehendire ich zwei Zustände (der Flüssigkeit und Festigkeit)
05 als solche, die in einer Relation der Zeit gegen einander stehen. Aber [op 163]
06 in der Zeit, die ich der Erscheinung als innere Anschauung zum
07 Grunde lege, Stelle ich mir nothwendig synthetische Einheit des Mannigfaltigen
08 vor, ohne die jene Relation nicht in einer Anschauung bestimmt
09 (in Ansehung der Zeitfolge) gegeben werden könnte. Nun ist aber diese
10 synthetische Einheit als Bedingung a priori, unter der ich das Mannigfaltige
11 einer Anschauung überhaupt verbinde, wenn ich von der beständigen
12 Form meiner innern Anschauung, der Zeit, abstrahire, die
13 Kategorie der Ursache, durch welche ich, wenn ich sie auf meine Sinnlichkeit
14 anwende, alles, was geschieht, in der Zeit überhaupt seiner
15 Relation nach bestimme. Also steht die Apprehension in einer solchen
16 Begebenheit, mithin diese selbst der möglichen Wahrnehmung nach unter
17 dem Begriffe des Verhältnisses der Wirkungen und Ursachen, und
18 so in allen andern Fällen.
19 Kategorien sind Begriffe, welche den Erscheinungen, mithin der
20 Natur als dem Inbegriffe aller Erscheinungen ( natura materialiter
21 spectata ) Gesetze a priori vorschreiben; und nun frägt sich, da sie nicht von
22 der Natur abgeleitet werden und sich nach ihr als ihrem Muster richten
23 (weil sie sonst bloß empirisch sein würden), wie es zu begreifen sei, da
24 die Natur sich nach ihnen richten müsse, d. i. wie sie die Verbindung des
25 Mannigfaltigen der Natur, ohne sie von dieser abzunehmen, a priori bestimmen
26 können. Hier ist die Auflösung dieses Räthsels.
27 Es ist um nichts befremdlicher, wie die Gesetze der Erscheinungen in
28 der Natur mit dem Verstande und seiner Form a priori, d. i. seinem Vermögen
29 das Mannigfaltige überhaupt zu verbinden, als wie die Erscheinungen
30 selbst mit der Form der sinnlichen Anschauung a priori übereinstimmen
31 *) Auf solche Weise wird bewiesen: daß die Synthesis der Apprehension,
32 welche empirisch ist, der Synthesis der Apperception, welche intellectuell und gänzlich
33 a priori in der Kategorie enthalten ist, nothwendig gemäß sein müsse. Es ist eine
34 und dieselbe Spontaneität, welche dort unter dem Namen der Einbildungskraft,
35 hier des Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung hineinbringt.
[seite 127]
33 Wir können uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Kategorien;
34 wir können keinen gedachten Gegenstand erkennen, ohne durch Anschauungen,
35 die jenen Begriffen entsprechen. Nun sind alle unsere Anschauungen
[seite 128]
05 Aber diese Erkenntniß, die bloß auf Gegenstände der Erfahrung eingeschränkt
06 ist, ist darum nicht alle von der Erfahrung entlehnt, sondern
07 was sowohl die reinen Anschauungen, als die reinen Verstandesbegriffe
08 betrifft, so sind sie Elemente der Erkenntniß, die in uns a priori angetroffen
09 werden. Nun sind nur zwei Wege, auf welchen eine nothwendige
10 Übereinstimmung der Erfahrung mit den Begriffen von ihren Gegenständen
11 gedacht werden kann: entweder die Erfahrung macht diese Begriffe, [op 167]
12 oder diese Begriffe machen die Erfahrung möglich. Das erstere
13 findet nicht in Ansehung der Kategorien (auch nicht der reinen sinnlichen
14 Anschauung statt; denn sie sind Begriffe a priori, mithin unabhängig von
15 der Erfahrung (die Behauptung eines empirischen Ursprungs wäre eine
16 Art von generatio aequivoca ). Folglich bleibt nur das zweite übrig
17 (gleichsam ein System der Epigenesis der reinen Vernunft): daß nämlich
18 die Kategorien von Seiten des Verstandes die Gründe der Möglichkeit
19 aller Erfahrung überhaupt enthalten. Wie sie aber die Erfahrung
20 möglich machen, und welche Grundsätze der Möglichkeit derselben sie in
21 ihrer Anwendung auf Erscheinungen an die Hand geben, wird das folgende
22 Hauptstück von dem transsc. Gebrauche der Urtheilskraft das
23 mehrere lehren.
24 Wollte jemand zwischen den zwei genannten einzigen Wegen noch
25 einen Mittelweg vorschlagen, nämlich daß sie weder selbstgedachte
26 erste Principien a priori unserer Erkenntniß, noch auch aus der Erfahrung
27 geschöpft, sondern subjective, uns mit unserer Existenz zugleich eingepflanzte
28 *) Damit man sich nicht voreiliger Weise an den besorglichen nachtheiligen
29 Folgen dieses Satzes stoße, will ich nur in Erinnerung bringen, daß die Kategorien
30 im Denken durch die Bedingungen unserer sinnlichen Anschauung nicht eingeschränkt
31 sind, sondern ein unbegrenztes Feld haben, und nur das Erkennen dessen, was
32 wir uns denken, das Bestimmen des Objects, Anschauung bedürfe; wo beim Mangel
33 der letzteren der Gedanke vom Objecte übrigens noch immer seine wahre und nützliche
34 Folgen auf den Vernunftgebrauch des Subjects haben kann, der sich aber,
35 weil er nicht immer auf die Bestimmung des Objects, mithin aufs Erkenntniß,
36 sondern auch auf die des Subjects und dessen Wollen gerichtet ist, hier noch nicht
37 vortragen läßt.
[seite 129]
24 Sie ist die Darstellung der reinen Verstandesbegriffe (und mit ihnen
25 aller theoretischen Erkenntniß a priori) als Principien der Möglichkeit der
26 Erfahrung, dieser aber als Bestimmung der Erscheinungen in Raum [op 169]
27 und Zeit überhaupt, - endlich dieser aus dem Princip der ursprünglichen
28 synthetischen Einheit der Apperception, als der Form des Verstandes
29 in Beziehung auf Raum und Zeit als ursprüngliche Formen der
30 Sinnlichkeit.
31 Nur bis hieher halte ich die Paragraphen=Abtheilung für nöthig,
32 weil wir es mit den Elementarbegriffen zu thun hatten. Nun wir den
[seite 130]
07 Die allgemeine Logik ist über einem Grundrisse erbauet, der ganz
08 genau mit der Eintheilung der oberen Erkenntnißvermögen zusammentrifft.
09 Diese sind: Verstand, Urtheilskraft und Vernunft. Jene
10 Doctrin handelt daher in ihrer Analytik von Begriffen, Urtheilen
11 und Schlüssen, gerade den Functionen und der Ordnung jener Gemüthskräfte
12 gemäß, die man unter der weitläuftigen Benennung des Verstandes
13 überhaupt begreift.
14 Da gedachte bloß formale Logik von allem Inhalte der Erkenntni
15 (ob sie rein oder empirisch sei) abstrahirt und sich bloß mit der Form des
16 Denkens (der discursiven Erkenntniß) überhaupt beschäftigt: so kann sie
17 in ihrem analytischen Teile auch den Kanon für die Vernunft mit befassen,
18 deren Form ihre sichere Vorschrift hat, die, ohne die besondere
19 Natur der dabei gebrauchten Erkenntniß in Betracht zu ziehen, a priori,
20 durch bloße Zergliederung der Vernunfthandlungen in ihre Momente, eingesehen
21 werden kann.
22 Die transscendentale Logik, da sie auf einem bestimmten Inhalt, nämlich
23 bloß der reinen Erkenntnisse a priori eingeschränkt ist, kann es ihr in
24 dieser Eintheilung nicht nachthun. Denn es zeigt sich: daß der transscendentale
25 Gebrauch der Vernunft gar nicht objectiv gültig sei,
26 mithin nicht zur Logik der Wahrheit, d. i. der Analytik, gehöre, sondern
27 als eine Logik des Scheins einen besondern Theil des scholastischen Lehrgebäudes
28 unter dem Namen der transscendentalen Dialektik erfordere.
29 Verstand und Urtheilskraft haben demnach ihren Kanon des objectiv
30 gültigen, mithin wahren Gebrauchs in der transscendentalen Logik und
31 gehören also in ihren analytischen Theil. Allein Vernunft in ihren Versuchen,
32 über Gegenstände a priori etwas auszumachen und das Erkenntni
[seite 131]
04 Die Analytik der Grundsätze wird demnach lediglich ein Kanon
05 für die Urtheilskraft sein, der sie lehrt, die Verstandesbegriffe, welche
06 die Bedingung zu Regeln a priori enthalten, auf Erscheinungen anzuwenden.
07 Aus dieser Ursache werde ich, indem ich die eigentlichen Grundsätze
08 des Verstandes zum Thema nehme, mich der Benennung einer
09 Doctrin der Urtheilskraft bedienen, wodurch dieses Geschäfte genauer
10 bezeichnet wird.
13 Wenn der Verstand überhaupt als das Vermögen der Regeln erklärt
14 wird, so ist Urtheilskraft das Vermögen unter Regeln zu subsumiren, d. i.
15 zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel ( casus datae legis )
16 stehe, oder nicht. Die allgemeine Logik enthält gar keine Vorschriften für
17 die Urtheilskraft und kann sie auch nicht enthalten. Denn da sie von
18 allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt: so bleibt ihr nichts übrig
19 als das Geschäfte, die bloße Form der Erkenntniß in Begriffen, Urtheilen [op 172]
20 und Schlüssen analytisch aus einander zu setzen und dadurch formale
21 Regeln alles Verstandesgebrauchs zu Stande zu bringen. Wollte sie nun
22 allgemein zeigen, wie man unter diese Regeln subsumiren, d. i. unterscheiden
23 sollte, ob etwas darunter stehe oder nicht, so könnte dieses nicht
24 anders, als wieder durch eine Regel geschehen. Diese aber erfordert eben
25 darum, weil sie eine Regel ist, aufs neue eine Unterweisung der Urtheilskraft;
26 und so zeigt sich, daß zwar der Verstand einer Belehrung und Ausrüstung
27 durch Regeln fähig, Urtheilskraft aber ein besonderes Talent sei,
28 welches gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein will. Daher ist diese
29 auch das Specifische des so genannten Mutterwitzes, dessen Mangel keine
30 Schule ersetzen kann; denn ob diese gleich einem eingeschränkten Verstande
31 Regeln vollauf, von fremder Einsicht entlehnt, darreichen und
32 gleichsam einpfropfen kann: so muß doch das Vermögen, sich ihrer richtig
33 zu bedienen, dem Lehrlinge selbst angehören, und keine Regel, die man
[seite 132]
21 Ob nun aber gleich die allgemeine Logik der Urtheilskraft keine
22 Vorschriften geben kann, so ist es doch mit der transscendentalen ganz
23 anders bewandt, so gar daß es scheint, die letztere habe es zu ihrem eigentlichen
24 Geschäfte, die Urtheilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes
25 durch bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern. Denn um dem
26 Verstande im Felde reiner Erkenntnisse a priori Erweiterung zu verschaffen,
27 mithin als Doctrin, scheint Philosophie gar nicht nöthig, oder
28 vielmehr übel angebracht zu sein, weil man nach allen bisherigen Versuchen
29 damit doch wenig oder gar kein Land gewonnen hat, sondern als
30 *) Der Mangel an Urtheilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt,
31 und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen. Ein stumpfer oder eingeschränkter
32 Kopf, dem es an nichts, als an gehörigem Grade des Verstandes und
33 eigenen Begriffen desselben mangelt, ist durch Erlernung sehr wohl, sogar bis zur
34 Gelehrsamkeit auszurüsten. Da es aber gemeiniglich alsdann auch an jener (der
35 secunda Petri ) zu fehlen pflegt, so ist es nichts Ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer
36 anzutreffen, die im Gebrauche ihrer Wissenschaft jenen nie zu bessernden Mangel
37 häufig blicken lassen.
[seite 133]
05 Es hat aber die Transscendental=Philosophie das Eigenthümliche:
06 daß sie außer der Regel (oder vielmehr der allgemeinen Bedingung zu
07 Regeln), die in dem reinen Begriffe des Verstandes gegeben wird, zugleich [op 175]
08 a priori den Fall anzeigen kann, worauf sie angewandt werden sollen. Die
09 Ursache von dem Vorzuge, den sie in diesem Stücke vor allen andern belehrenden
10 Wissenschaften hat (außer der Mathematik), liegt eben darin:
11 daß sie von Begriffen handelt, die sich auf ihre Gegenstände a priori beziehen
12 sollen, mithin kann ihre objective Gültigkeit nicht a posteriori dargethan
13 werden; denn das würde jene Dignität derselben ganz unberührt
14 lassen, sondern sie muß zugleich die Bedingungen, unter welchen Gegenstände
15 in Übereinstimmung mit jenen Begriffen gegeben werden können,
16 in allgemeinen, aber hinreichenden Kennzeichen darlegen, widrigenfalls
17 sie ohne allen Inhalt, mithin bloße logische Formen und nicht reine Verstandesbegriffe
18 sein würden.
19 Diese transscendentale Doctrin der Urtheilskraft wird nun
20 zwei Hauptstücke enthalten: das erste, welches von der sinnlichen Bedingung
21 handelt, unter welcher reine Verstandesbegriffe allein gebraucht
22 werden können, d. i. von dem Schematismus des reinen Verstandes; das
23 zweite aber von den synthetischen Urtheilen, welche aus reinen Verstandesbegriffen
24 unter diesen Bedingungen a priori herfließen und allen
25 übrigen Erkenntnissen a priori zum Grunde liegen, d. i. von den Grundsätzen
26 des reinen Verstandes.
32 In allen Subsumtionen eines Gegenstandes unter einen Begriff mu
33 die Vorstellung des ersteren mit der letztern gleichartig sein, d. i. der
[seite 134]
07 Nun sind aber reine Verstandesbegriffe in Vergleichung mit empirischen
08 (ja überhaupt sinnlichen) Anschauungen ganz ungleichartig und
09 können niemals in irgend einer Anschauung angetroffen werden. Wie ist
10 nun die Subsumtion der letzteren unter die erste, mithin die Anwendung
11 der Kategorie auf Erscheinungen möglich, da doch niemand sagen [op 177]
12 wird: diese, z. B. die Causalität, könne auch durch Sinne angeschauet
13 werden und sei in der Erscheinung enthalten? Diese so natürliche und erhebliche
14 Frage ist nun eigentlich die Ursache, welche eine transscendentale
15 Doctrin der Urtheilskraft nothwendig macht, um nämlich die Möglichkeit
16 zu zeigen, wie reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt
17 angewandt werden können. In allen anderen Wissenschaften, wo die Begriffe,
18 durch die der Gegenstand allgemein gedacht wird, von denen, die
19 diesen in concreto vorstellen, wie er gegeben wird, nicht so unterschieden
20 und heterogen sind, ist es unnöthig, wegen der Anwendung des ersteren
21 auf den letzten besondere Erörterung zu geben.
22 Nun ist es klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits mit der
23 Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit stehen mu
24 und die Anwendung der ersteren auf die letzte möglich macht. Diese vermittelnde
25 Vorstellung muß rein (ohne alles Empirische) und doch einerseits
26 intellectuell, andererseits sinnlich sein. Eine solche ist das
27 transscendentale Schema.
28 Der Verstandesbegriff enthält reine synthetische Einheit des Mannigfaltigen
29 überhaupt. Die Zeit, als die formale Bedingung des Mannigfaltigen
30 des inneren Sinnes, mithin der Verknüpfung aller Vorstellungen,
31 enthält ein Mannigfaltiges a priori in der reinen Anschauung. Nun ist
32 eine transscendentale Zeitbestimmung mit der Kategorie (die die Einheit
33 derselben ausmacht) so fern gleichartig, als sie allgemein ist und [op 178]
34 auf einer Regel a priori beruht. Sie ist aber andererseits mit der Erscheinung
35 so fern gleichartig, als die Zeit in jeder empirischen Vorstellung
36 des Mannigfaltigen enthalten ist. Daher wird eine Anwendung
37 der Kategorie auf Erscheinungen möglich sein vermittelst der transscendentalen
[seite 135]
03 Nach demjenigen, was in der Deduction der Kategorien gezeigt
04 worden, wird hoffentlich niemand im Zweifel stehen, sich über die Frage
05 zu entschließen: ob diese reine Verstandesbegriffe von bloß empirischem
06 oder auch von transscendentalem Gebrauche seien, d. i. ob sie lediglich als
07 Bedingungen einer möglichen Erfahrung sich a priori auf Erscheinungen
08 beziehen, oder ob sie als Bedingungen der Möglichkeit der Dinge überhaupt
09 auf Gegenstände an sich selbst (ohne einige Restriction auf unsre
10 Sinnlichkeit) erstreckt werden können. Denn da haben wir gesehen: da
11 Begriffe ganz unmöglich sind, noch irgend einige Bedeutung haben können,
12 wo nicht entweder ihnen selbst, oder wenigstens den Elementen, daraus
13 sie bestehen, ein Gegenstand gegeben ist, mithin auf Dinge an sich (ohne
14 Rücksicht, ob und wie sie uns gegeben werden mögen) gar nicht gehen
15 können; daß ferner die einzige Art, wie uns Gegenstände gegeben werden,
16 die Modification unserer Sinnlichkeit sei; endlich daß reine Begriffe a priori [op 179]
17 außer der Function des Verstandes in der Kategorie noch formale Bedingungen
18 der Sinnlichkeit (namentlich des innern Sinnes) a priori enthalten
19 müssen, welche die allgemeine Bedingung enthalten, unter der die
20 Kategorie allein auf irgend einen Gegenstand angewandt werden kann.
21 Wir wollen diese formale und reine Bedingung der Sinnlichkeit, auf
22 welche der Verstandesbegriff in seinem Gebrauch restringirt ist, das
23 Schema dieses Verstandesbegriffs und das Verfahren des Verstandes mit
24 diesen Schematen den Schematismus des reinen Verstandes nennen.
25 Das Schema ist an sich selbst jederzeit nur ein Product der Einbildungskraft;
26 aber indem die Synthesis der letzteren keine einzelne Anschauung,
27 sondern die Einheit in der Bestimmung der Sinnlichkeit allein
28 zur Absicht hat, so ist das Schema doch vom Bilde zu unterscheiden. So,
29 wenn ich fünf Punkte hinter einander setze: ..... , ist dieses ein Bild
30 von der Zahl fünf. Dagegen wenn ich eine Zahl überhaupt nur denke,
31 die nun fünf oder hundert sein kann, so ist dieses Denken mehr die Vorstellung
32 einer Methode, einem gewissen Begriffe gemäß eine Menge (z. E.
33 Tausend) in einem Bilde vorzustellen, als dieses Bild selbst, welches ich
34 im letztern Falle schwerlich würde übersehen und mit dem Begriff vergleichen
35 können. Diese Vorstellung nun von einem allgemeinen Verfahren [op 180]
36 der Einbildungskraft, einem Begriff sein Bild zu verschaffen, nenne ich
37 das Schema zu diesem Begriffe.
[seite 136]
01 In der That liegen unsern reinen sinnlichen Begriffen nicht Bilder
02 der Gegenstände, sondern Schemate zum Grunde. Dem Begriffe von einem
03 Triangel überhaupt würde gar kein Bild desselben jemals adäquat sein.
04 Denn es würde die Allgemeinheit des Begriffs nicht erreichen, welche
05 macht, daß dieser für alle, recht= oder schiefwinklichte etc., gilt, sondern
06 immer nur auf einen Theil dieser Sphäre eingeschränkt sein. Das Schema
07 des Triangels kann niemals anderswo als in Gedanken existiren und bedeutet
08 eine Regel der Synthesis der Einbildungskraft in Ansehung reiner
09 Gestalten im Raume. Noch viel weniger erreicht ein Gegenstand der Erfahrung
10 oder Bild desselben jemals den empirischen Begriff, sondern
11 dieser bezieht sich jederzeit unmittelbar auf das Schema der Einbildungskraft
12 als eine Regel der Bestimmung unserer Anschauung gemäß einem
13 gewissen allgemeinen Begriffe. Der Begriff vom Hunde bedeutet eine
14 Regel, nach welcher meine Einbildungskraft die Gestalt eines vierfüßigen
15 Thieres allgemein verzeichnen kann, ohne auf irgend eine einzige besondere
16 Gestalt, die mir die Erfahrung darbietet, oder auch ein jedes
17 mögliche Bild, was ich in concreto darstellen kann, eingeschränkt zu sein.
18 Dieser Schematismus unseres Verstandes in Ansehung der Erscheinungen
19 und ihrer bloßen Form ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der [op 181]
20 menschlichen Seele, deren wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals
21 abrathen und sie unverdeckt vor Augen legen werden. So viel
22 können wir nur sagen: das Bild ist ein Product des empirischen Vermögens
23 der productiven Einbildungskraft, das Schema sinnlicher Begriffe
24 (als der Figuren im Raume) ein Product und gleichsam ein Monogramm
25 der reinen Einbildungskraft a priori, wodurch und wornach die
26 Bilder allererst möglich werden, die aber mit dem Begriffe nur immer
27 vermittelst des Schema, welches sie bezeichnen, verknüpft werden müssen
28 und an sich demselben nicht völlig congruiren. Dagegen ist das Schema
29 eines reinen Verstandesbegriffs etwas, was in gar kein Bild gebracht
30 werden kann, sondern ist nur die reine Synthesis gemäß einer Regel der
31 Einheit nach Begriffen überhaupt, die die Kategorie ausdrückt, und ist
32 ein transscendentales Product der Einbildungskraft, welches die Bestimmung
33 des inneren Sinnes überhaupt nach Bedingungen seiner Form (der
34 Zeit) in Ansehung aller Vorstellungen betrifft, so fern diese der Einheit
35 der Apperception gemäß a priori in einem Begriff zusammenhängen sollten.
36 Ohne uns nun bei einer trockenen und langweiligen Zergliederung
37 dessen, was zu transscendentalen Schematen reiner Verstandesbegriffe
[seite 137]
03 Das reine Bild aller Größen ( quantorum ) vor dem äußern Sinne
04 ist der Raum, aller Gegenstände der Sinne aber überhaupt die Zeit. Das
05 reine Schema der Größe aber ( quantitatis ) als eines Begriffs des
06 Verstandes ist die Zahl, welche eine Vorstellung ist, die die successive
07 Addition von Einem zu Einem (gleichartigen) zusammenbefaßt. Also ist
08 die Zahl nichts anders als die Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen
09 einer gleichartigen Anschauung überhaupt, dadurch daß ich die Zeit selbst
10 in der Apprehension der Anschauung erzeuge.
11 Realität ist im reinen Verstandesbegriffe das, was einer Empfindung
12 überhaupt correspondirt, dasjenige also, dessen Begriff an sich selbst ein
13 Sein (in der Zeit) anzeigt; Negation, dessen Begriff ein Nichtsein (in der
14 Zeit) vorstellt. Die Entgegensetzung beider geschieht also in dem Unterschiede
15 derselben Zeit, als einer erfüllten oder leeren Zeit. Da die Zeit
16 nur die Form der Anschauung, mithin der Gegenstände als Erscheinungen
17 ist, so ist das, was an diesen der Empfindung entspricht, die transscendentale
18 Materie aller Gegenstände als Dinge an sich (die Sachheit, Realität).
19 Nun hat jede Empfindung einen Grad oder Größe, wodurch sie dieselbe
20 Zeit, d. i. den innern Sinn, in Ansehung derselben Vorstellung eines
21 Gegenstandes mehr oder weniger erfüllen kann, bis sie in Nichts (= 0
22 = negatio ) aufhört. Daher ist ein Verhältniß und Zusammenhang, oder [op 183]
23 vielmehr ein Übergang von Realität zur Negation, welcher jede Realität
24 als ein Quantum vorstellig macht; und das Schema einer Realität als
25 der Quantität von Etwas, so fern es die Zeit erfüllt, ist eben diese continuirliche
26 und gleichförmige Erzeugung derselben in der Zeit, indem man
27 von der Empfindung, die einen gewissen Grad hat, in der Zeit bis zum
28 Verschwinden derselben hinabgeht, oder von der Negation zu der Größe
29 derselben allmählig aufsteigt.
30 Das Schema der Substanz ist die Beharrlichkeit des Realen in der
31 Zeit, d. i. die Vorstellung desselben als eines Substratum der empirischen
32 Zeitbestimmung überhaupt, welches also bleibt, indem alles andre wechselt.
33 (Die Zeit verläuft sich nicht, sondern in ihr verläuft sich das Dasein des
34 Wandelbaren. Der Zeit also, die selbst unwandelbar und bleibend ist,
35 correspondirt in der Erscheinung das Unwandelbare im Dasein, d. i. die
36 Substanz, und bloß an ihr kann die Folge und das Zugleichsein der Erscheinungen
37 der Zeit nach bestimmt werden.)
[seite 138]
01 Das Schema der Ursache und der Causalität eines Dinges überhaupt
02 ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben gesetzt wird, jederzeit etwas
03 anderes folgt. Es besteht also in der Succession des Mannigfaltigen, in
04 so fern sie einer Regel unterworfen ist.
05 Das Schema der Gemeinschaft (Wechselwirkung) oder der wechselseitigen
06 Causalität der Substanzen in Ansehung ihrer Accidenzen ist das [op 184]
07 Zugleichsein der Bestimmungen der Einen mit denen der Anderen nach
08 einer allgemeinen Regel.
09 Das Schema der Möglichkeit ist die Zusammenstimmung der Synthesis
10 verschiedener Vorstellungen mit den Bedingungen der Zeit überhaupt
11 (z. B. da das Entgegengesetzte in einem Dinge nicht zugleich, sondern
12 nur nach einander sein kann), also die Bestimmung der Vorstellung
13 eines Dinges zu irgend einer Zeit.
14 Das Schema der Wirklichkeit ist das Dasein in einer bestimmten Zeit.
15 Das Schema der Nothwendigkeit ist das Dasein eines Gegenstandes
16 zu aller Zeit.
17 Man sieht nun aus allem diesem, daß das Schema einer jeden Kategorie,
18 als das der Größe die Erzeugung((Synthesis) der Zeit selbst
19 in der successiven Apprehension eines Gegenstandes, das Schema der
20 Qualität die Synthesis der Empfindung (Wahrnehmung) mit der Vorstellung
21 der Zeit oder die Erfüllung der Zeit, das der Relation das Verhältni
22 der Wahrnehmungen unter einander zu aller Zeit (d. i. nach einer
23 Regel der Zeitbestimmung), endlich das Schema der Modalität und ihrer
24 Kategorien die Zeit selbst als das Correlatum der Bestimmung eines
25 Gegenstandes, ob und wie er zur Zeit gehöre, enthalte und vorstellig
26 mache. Die Schemate sind daher nichts als Zeitbestimmungen
27 a priori nach Regeln, und diese gehen nach der Ordnung der Kategorien [op 185]
28 auf die Zeitreihe, den Zeitinhalt, die Zeitordnung, endlich den
29 Zeitinbegriff in Ansehung aller möglichen Gegenstände.
30 Hieraus erhellt nun, daß der Schematismus des Verstandes durch
31 die transscendentale Synthesis der Einbildungskraft auf nichts anders,
32 als die Einheit alles Mannigfaltigen der Anschauung in dem inneren
33 Sinne und so indirect auf die Einheit der Apperception als Function,
34 welche dem innern Sinn (einer Receptivität) correspondirt, hinauslaufe.
35 Also sind die Schemate der reinen Verstandesbegriffe die wahren und
36 einzigen Bedingungen, diesen eine Beziehung auf Objecte, mithin Bedeutung
37 zu verschaffen, und die Kategorien sind daher am Ende von
[seite 139]
07 In dem Ganzen aller möglichen Erfahrung liegen aber alle unsere
08 Erkenntnisse, und in der allgemeinen Beziehung auf dieselbe besteht die
09 transscendentale Wahrheit, die vor aller empirischen vorhergeht und sie
10 möglich macht.
11 Es fällt aber doch auch in die Augen: daß, obgleich die Schemate [op 186]
12 der Sinnlichkeit die Kategorien allererst realisiren, sie doch selbige gleichwohl
13 auch restringiren, d. i. auf Bedingungen einschränken, die außer dem
14 Verstande liegen (nämlich in der Sinnlichkeit). Daher ist das Schema
15 eigentlich nur das Phänomenon oder der sinnliche Begriff eines Gegenstandes
16 in Übereinstimmung mit der Kategorie ( numerus est quantitas
17 phaenomenon, sensatio realitas phaenomenon, constans et perdurabile
18 rerum substantia phaenomenon - - aeternitas necessitas phaenomenon
19 etc.). Wenn wir nun eine restringirende Bedingung weglassen:
20 so amplificiren wir, wie es scheint, den vorher eingeschränkten Begriff; so
21 sollten die Kategorien in ihrer reinen Bedeutung ohne alle Bedingungen
22 der Sinnlichkeit von Dingen überhaupt gelten, wie sie sind, anstatt da
23 ihre Schemate sie nur vorstellen, wie sie erscheinen, jene also eine von
24 allen Schematen unabhängige und viel weiter erstreckte Bedeutung haben.
25 In der That bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings auch nach
26 Absonderung aller sinnlichen Bedingung eine, aber nur logische Bedeutung
27 der bloßen Einheit der Vorstellungen, denen aber kein Gegenstand, mithin
28 auch keine Bedeutung gegeben wird, die einen Begriff vom Object abgeben
29 könnte. So würde z. B. Substanz, wenn man die sinnliche Bestimmung
30 der Beharrlichkeit wegließe, nichts weiter als ein Etwas bedeuten,
31 das als Subject (ohne ein Prädicat von etwas anderm zu sein)
32 gedacht werden kann. Aus dieser Vorstellung kann ich nun nichts machen, [op 187]
33 indem sie mir gar nicht anzeigt, welche Bestimmungen das Ding hat,
34 welches als ein solches erstes Subject gelten soll. Also sind die Kategorien
35 ohne Schemate nur Functionen des Verstandes zu Begriffen, stellen aber
36 keinen Gegenstand vor. Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlichkeit,
37 die den Verstand realisirt, indem sie ihn zugleich restringirt.
[seite 140]
06 Wir haben in dem vorigen Hauptstücke die transscendentale Urtheilskraft
07 nur nach den allgemeinen Bedingungen erwogen, unter denen sie
08 allein die reinen Verstandesbegriffe zu synthetischen Urtheilen zu brauchen
09 befugt ist. Jetzt ist unser Geschäfte: die Urtheile, die der Verstand unter
10 dieser kritischen Vorsicht wirklich a priori zu Stande bringt, in systematischer
11 Verbindung darzustellen, wozu uns ohne Zweifel unsere Tafel der
12 Kategorien die natürliche und sichere Leitung geben muß. Denn diese
13 sind es eben, deren Beziehung auf mögliche Erfahrung alle reine Verstandeserkenntni
14 a priori ausmachen muß, und deren Verhältniß zur [op 188]
15 Sinnlichkeit überhaupt um deswillen alle transscendentale Grundsätze
16 des Verstandesgebrauchs vollständig und in einem System darlegen wird.
17 Grundsätze a priori führen diesen Namen nicht bloß deswegen, weil
18 sie die Gründe anderer Urtheile in sich enthalten, sondern auch weil sie
19 selbst nicht in höhern und allgemeinern Erkenntnissen gegründet sind.
20 Diese Eigenschaft überhebt sie doch nicht allemal eines Beweises. Denn
21 obgleich dieser nicht weiter objectiv geführt werden könnte, sondern vielmehr
22 aller Erkenntniß seines Objects zum Grunde liegt, so hindert dies
23 doch nicht, daß nicht ein Beweis aus den subjectiven Quellen der Möglichkeit
24 einer Erkenntniß des Gegenstandes überhaupt zu schaffen möglich,
25 ja auch nöthig wäre, weil der Satz sonst gleichwohl den größten Verdacht
26 einer bloß erschlichenen Behauptung auf sich haben würde.
27 Zweitens werden wir uns bloß auf diejenigen Grundsätze, die sich
28 auf die Kategorien beziehen, einschränken. Die Principien der transscendentalen
29 Ästhetik, nach welchen Raum und Zeit die Bedingungen der
30 Möglichkeit aller Dinge als Erscheinungen sind, imgleichen die Restriction
31 dieser Grundsätze, daß sie nämlich nicht auf Dinge an sich selbst bezogen
32 werden können, gehören also nicht in unser abgestochenes Feld der Untersuchung.
33 Eben so machen die mathematischen Grundsätze keinen Theil
34 dieses Systems aus, weil sie nur aus der Anschauung, aber nicht aus dem
[seite 141]
07 Wir werden aber auch von dem Grundsatze analytischer Urtheile reden
08 müssen und dieses zwar im Gegensatz mit dem der synthetischen, als mit
09 welchen wir uns eigentlich beschäftigen, weil eben diese Gegenstellung die
10 Theorie der letzteren von allem Mißverstande befreiet und sie in ihrer
11 eigenthümlichen Natur deutlich vor Augen legt.
16 Von welchem Inhalt auch unsere Erkenntniß sei, und wie sie sich auf
17 das Object beziehen mag, so ist doch die allgemeine, obzwar nur negative
18 Bedingung aller unserer Urtheile überhaupt, daß sie sich nicht selbst widersprechen,
19 widrigenfalls diese Urtheile an sich selbst (auch ohne Rücksicht [op 190]
20 aufs Object) nichts sind. Wenn aber auch gleich in unserm Urtheile kein
21 Widerspruch ist, so kann es demungeachtet doch Begriffe so verbinden, wie
22 es der Gegenstand nicht mit sich bringt, oder auch, ohne daß uns irgend
23 ein Grund weder a priori noch a posteriori gegeben ist, welcher ein solches
24 Urtheil berechtigte; und so kann ein Urtheil bei allem dem, daß es von
25 allem innern Widerspruche frei ist, doch entweder falsch oder grundlos sein.
26 Der Satz nun: Keinem Dinge kommt ein Prädicat zu, welches ihm
27 widerspricht, heißt der Satz des Widerspruchs und ist ein allgemeines, obzwar
28 bloß negatives Kriterium aller Wahrheit, gehört aber auch darum
29 bloß in die Logik, weil er von Erkenntnissen bloß als Erkenntnissen überhaupt
30 unangesehen ihres Inhalts gilt und sagt: daß der Widerspruch sie
31 gänzlich vernichte und aufhebe.
32 Man kann aber doch von demselben auch einen positiven Gebrauch
33 machen, d. i. nicht bloß um Falschheit und Irrthum (so fern er auf dem
34 Widerspruch beruht) zu verbannen, sondern auch Wahrheit zu erkennen.
[seite 142]
08 Daher müssen wir auch den Satz des Widerspruchs als das allgemeine
09 und völlig hinreichende Principium aller analytischen Erkenntni
10 gelten lassen; aber weiter geht auch sein Ansehen und Brauchbarkeit
11 nicht, als eines hinreichenden Kriterium der Wahrheit. Denn da
12 ihm gar keine Erkenntniß zuwider sein könne, ohne sich selbst zu vernichten,
13 das macht diesen Satz wohl zur conditio sine qua non , aber nicht zum
14 Bestimmungsgrunde der Wahrheit unserer Erkenntniß. Da wir es nun
15 eigentlich nur mit dem synthetischen Theile unserer Erkenntniß zu thun
16 haben, so werden wir zwar jederzeit bedacht sein, diesem unverletzlichen
17 Grundsatz niemals zuwider zu handeln, von ihm aber in Ansehung der
18 Wahrheit von dergleichen Art der Erkenntniß niemals einigen Aufschlu
19 gewärtigen können.
20 Es ist aber doch eine Formel dieses berühmten, obzwar von allem
21 Inhalt entblößten und bloß formalen Grundsatzes, die eine Synthesis
22 enthält, welche aus Unvorsichtigkeit und ganz unnöthiger Weise in ihr
23 gemischt worden. Sie heißt: Es ist unmöglich, daß etwas zugleich sei
24 und nicht sei. Außer dem, daß hier die apodiktische Gewißheit (durch das
25 Wort unmöglich) überflüssiger Weise angehängt worden, die sich doch
26 von selbst aus dem Satz muß verstehen lassen, so ist der Satz durch die [op 192]
27 Bedingung der Zeit afficirt und sagt gleichsam: Ein Ding = A, welches
28 etwas = B ist, kann nicht zu gleicher Zeit non B sein; aber es kann gar
29 wohl beides (B sowohl, als non B) nach einander sein. Z. B. ein Mensch,
30 der jung ist, kann nicht zugleich alt sein, eben derselbe kann aber sehr wohl
31 zu einer Zeit jung, zur andern nicht jung, d. i. alt, sein. Nun muß der
32 Satz des Widerspruchs, als ein bloß logischer Grundsatz, seine Aussprüche
33 gar nicht auf die Zeitverhältnisse einschränken, daher ist eine solche Formel
34 der Absicht desselben ganz zuwider. Der Mißverstand kommt bloß daher:
35 daß man ein Prädicat eines Dinges zuvörderst von dem Begriff desselben
36 absondert und nachher sein Gegentheil mit diesem Prädicate verknüpft,
37 welches niemals einen Widerspruch mit dem Subjecte, sondern nur mit
[seite 143]
17 Die Erklärung der Möglichkeit synthetischer Urtheile ist eine Aufgabe,
18 mit der die allgemeine Logik gar nichts zu schaffen hat, die auch sogar
19 ihren Namen nicht einmal kennen darf. Sie ist aber in einer transscendentalen
20 Logik das wichtigste Geschäfte unter allen und sogar das
21 einzige, wenn von der Möglichkeit synthetischer Urtheile a priori die Rede
22 ist, imgleichen den Bedingungen und dem Umfange ihrer Gültigkeit.
23 Denn nach Vollendung desselben kann sie ihrem Zwecke, nämlich den Umfang
24 und die Grenzen des reinen Verstandes zu bestimmen, vollkommen ein
25 Gnüge thun.
26 Im analytischen Urtheile bleibe ich bei dem gegebenen Begriffe, um
27 etwas von ihm auszumachen. Soll es bejahend sein, so lege ich diesem
28 Begriffe nur dasjenige bei, was in ihm schon gedacht war; soll es verneinend
29 sein, so schließe ich nur das Gegentheil desselben von ihm aus.
30 In synthetischen Urtheilen aber soll ich aus dem gegebenen Begriff hinausgehen,
31 um etwas ganz anderes, als in ihm gedacht war, mit demselben [op 194]
32 in Verhältniß zu betrachten, welches daher niemals weder Verhältni
33 der Identität, noch des Widerspruchs ist, und wobei dem Urtheile an ihm
34 selbst weder die Wahrheit, noch der Irrthum angesehen werden kann.
[seite 144]
01 Also zugegeben, daß man aus einem gegebenen Begriffe hinausgehen
02 müsse, um ihn mit einem andern synthetisch zu vergleichen: so ist ein
03 Drittes nöthig, worin allein die Synthesis zweier Begriffe entstehen kann.
04 Was ist nun aber dieses Dritte, als das Medium aller synthetischen Urtheile?
05 Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsre Vorstellungen enthalten
06 sind, nämlich der innre Sinn und die Form desselben a priori, die Zeit.
07 Die Synthesis der Vorstellungen beruht auf der Einbildungskraft, die
08 synthetische Einheit derselben aber (die zum Urtheile erforderlich ist) auf
09 der Einheit der Apperception. Hierin wird also die Möglichkeit synthetischer
10 Urtheile und, da alle drei die Quellen zu Vorstellungen a priori
11 enthalten, auch die Möglichkeit reiner synthetischer Urtheile zu suchen sein;
12 ja sie werden sogar aus diesen Gründen nothwendig sein, wenn eine Erkenntni
13 von Gegenständen zu Stande kommen soll, die lediglich auf der
14 Synthesis der Vorstellungen beruht.
15 Wenn eine Erkenntniß objective Realität haben, d. i. sich auf einen
16 Gegenstand beziehen und in demselben Bedeutung und Sinn haben soll,
17 so muß der Gegenstand auf irgend eine Art gegeben werden können. [op 195]
18 Ohne das sind die Begriffe leer, und man hat dadurch zwar gedacht, in
19 der That aber durch dieses Denken nichts erkannt, sondern bloß mit Vorstellungen
20 gespielt. Einen Gegenstand geben, wenn dieses nicht wiederum
21 nur mittelbar gemeint sein soll, sondern unmittelbar in der Anschauung
22 darstellen, ist nichts anders, als dessen Vorstellung auf Erfahrung (es sei
23 wirkliche oder doch mögliche) beziehen. Selbst der Raum und die Zeit,
24 so rein diese Begriffe auch von allem Empirischen sind, und so gewiß es
25 auch ist, daß sie völlig a priori im Gemüthe vorgestellt werden, würden
26 doch ohne objective Gültigkeit und ohne Sinn und Bedeutung sein, wenn
27 ihr nothwendiger Gebrauch an den Gegenständen der Erfahrung nicht
28 gezeigt würde; ja ihre Vorstellung ist ein bloßes Schema, das sich immer
29 auf die reproductive Einbildungskraft bezieht, welche die Gegenstände der
30 Erfahrung herbei ruft, ohne die sie keine Bedeutung haben würden; und
31 so ist es mit allen Begriffen ohne Unterschied.
32 Die Möglichkeit der Erfahrung ist also das, was allen unsern
33 Erkenntnissen a priori objective Realität giebt. Nun beruht Erfahrung
34 auf der synthetischen Einheit der Erscheinungen, d. i. auf einer Synthesis
35 nach Begriffen vom Gegenstande der Erscheinungen überhaupt, ohne welche
36 sie nicht einmal Erkenntniß, sondern eine Rhapsodie von Wahrnehmungen
37 sein würde, die sich in keinen Context nach Regeln eines durchgängig verknüpften
[seite 145]
11 Ob wir daher gleich vom Raume überhaupt, oder den Gestalten,
12 welche die productive Einbildungskraft in ihm verzeichnet, so vieles
13 a priori in synthetischen Urtheilen erkennen, so daß wir wirklich hiezu gar
14 keiner Erfahrung bedürfen: so würde doch dieses Erkenntniß gar nichts,
15 sondern die Beschäftigung mit einem bloßen Hirngespinst sein, wäre der
16 Raum nicht als Bedingung der Erscheinungen, welche den Stoff zur
17 äußeren Erfahrung ausmachen, anzusehen; daher sich jene reine synthetische
18 Urtheile, obzwar nur mittelbar, auf mögliche Erfahrung, oder vielmehr
19 auf dieser ihre Möglichkeit selbst beziehen und darauf allein die objective
20 Gültigkeit ihrer Synthesis gründen.
21 Da also Erfahrung als empirische Synthesis in ihrer Möglichkeit
22 die einzige Erkenntnißart ist, welche aller andern Synthesis Realität giebt,
23 so hat diese als Erkenntniß a priori auch nur dadurch Wahrheit (Einstimmung [op 197]
24 mit dem Object), daß sie nichts weiter enthält, als was zur
25 synthetischen Einheit der Erfahrung überhaupt nothwendig ist.
26 Das oberste Principium aller synthetischen Urtheile ist also: ein jeder
27 Gegenstand steht unter den nothwendigen Bedingungen der synthetischen
28 Einheit des Mannigfaltigen der Anschauung in einer möglichen Erfahrung.
30 Auf solche Weise sind synthetische Urtheile a priori möglich, wenn wir
31 die formalen Bedingungen der Anschauung a priori, die Synthesis der
32 Einbildungskraft und die nothwendige Einheit derselben in einer transscendentalen
33 Apperception, auf ein mögliches Erfahrungserkenntniß überhaupt
34 beziehen und sagen: die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung
35 überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der
36 Gegenstände der Erfahrung und haben darum objective Gültigkeit
37 in einem synthetischen Urtheile a priori.
[seite 146]
06 Daß überhaupt irgendwo Grundsätze stattfinden, das ist lediglich
07 dem reinen Verstande zuzuschreiben, der nicht allein das Vermögen der [op 198]
08 Regeln ist in Ansehung dessen, was geschieht, sondern selbst der Quell der
09 Grundsätze, nach welchem alles (was uns nur als Gegenstand vorkommen
10 kann) nothwendig unter Regeln steht, weil ohne solche den Erscheinungen
11 niemals Erkenntniß eines ihnen correspondirenden Gegenstandes zukommen
12 könnte. Selbst Naturgesetze, wenn sie als Grundsätze des empirischen
13 Verstandesgebrauchs betrachtet werden, führen zugleich einen Ausdruck
14 der Nothwendigkeit, mithin wenigstens die Vermuthung einer Bestimmung
15 aus Gründen, die a priori und vor aller Erfahrung gültig sind,
16 bei sich. Aber ohne Unterschied stehen alle Gesetze der Natur unter höheren
17 Grundsätzen des Verstandes, indem sie diese nur auf besondere Fälle der
18 Erscheinung anwenden. Diese allein geben also den Begriff, der die Bedingung
19 und gleichsam den Exponenten zu einer Regel überhaupt enthält,
20 Erfahrung aber giebt den Fall, der unter der Regel steht.
21 Daß man bloß empirische Grundsätze für Grundsätze des reinen Verstandes
22 oder auch umgekehrt ansehe, deshalb kann wohl eigentlich keine
23 Gefahr sein; denn die Nothwendigkeit nach Begriffen, welche die letztere
24 auszeichnet, und deren Mangel in jedem empirischen Satze, so allgemein
25 er auch gelten mag, leicht wahrgenommen wird, kann diese Verwechselung
26 leicht verhüten. Es giebt aber reine Grundsätze a priori, die ich gleichwohl
27 doch nicht dem reinen Verstande eigenthümlich beimessen möchte, darum [op 199]
28 weil sie nicht aus reinen Begriffen, sondern aus reinen Anschauungen
29 (obgleich vermittelst des Verstandes) gezogen sind; Verstand ist aber das
30 Vermögen der Begriffe. Die Mathematik hat dergleichen, aber ihre Anwendung
31 auf Erfahrung, mithin ihre objective Gültigkeit, ja die Möglichkeit
32 solcher synthetischen Erkenntniß a priori (die Deduction derselben) beruht
33 doch immer auf dem reinen Verstande.
34 Daher werde ich unter meine Grundsätze die der Mathematik nicht
35 mitzählen, aber wohl diejenigen, worauf sich dieser ihre Möglichkeit und
[seite 147]
04 In der Anwendung der reinen Verstandesbegriffe auf mögliche Erfahrung
05 ist der Gebrauch ihrer Synthesis entweder mathematisch oder
06 dynamisch: denn sie geht theils bloß auf die Anschauung, theils auf
07 das Dasein einer Erscheinung überhaupt. Die Bedingungen a priori
08 der Anschauung sind aber in Ansehung einer möglichen Erfahrung durchaus
09 nothwendig, die des Daseins der Objecte einer möglichen empirischen
10 Anschauung an sich nur zufällig. Daher werden die Grundsätze des mathematischen
11 Gebrauchs unbedingt nothwendig, d. i. apodiktisch, lauten, die
12 aber des dynamischen Gebrauchs werden zwar auch den Charakter einer
13 Nothwendigkeit a priori, aber nur unter der Bedingung des empirischen [op 200]
14 Denkens in einer Erfahrung, mithin nur mittelbar und indirect bei sich
15 führen, folglich diejenige unmittelbare Evidenz nicht enthalten (obzwar
16 ihrer auf Erfahrung allgemein bezogenen Gewißheit unbeschadet), die
17 jenen eigen ist. Doch dies wird sich beim Schlusse dieses Systems von
18 Grundsätzen besser beurtheilen lassen.
19 Die Tafel der Kategorien giebt uns die ganz natürliche Anweisung
20 zur Tafel der Grundsätze, weil diese doch nichts anders, als Regeln des
21 objectiven Gebrauchs der ersteren sind. Alle Grundsätze des reinen Verstandes
22 sind demnach
|
|
||
|
|
|
|
|
|
36 Diese Benennungen habe ich mit Vorsicht gewählt, um die Unterschiede
37 in Ansehung der Evidenz und der Ausübung dieser Grundsätze
[seite 148]
22 Alle Erscheinungen enthalten der Form nach eine Anschauung im
23 Raum und Zeit, welche ihnen insgesammt a priori zum Grunde liegt.
24 Sie können also nicht anders apprehendirt, d. i. ins empirische Bewußtsein
25 *) Alle Verbindung ( conjunctio ) ist entweder Zusammensetzung ( compositio )
26 oder Verknüpfung ( nexus ). Die erstere ist die Synthesis des Mannigfaltigen,
27 was nicht nothwendig zu einander gehört, wie z. B. die zwei Triangel,
28 darin ein Quadrat durch die Diagonale getheilt wird, für sich nicht nothwendig zu
29 einander gehören; und dergleichen ist die Synthesis des Gleichartigen in allem,
30 was mathematisch erwogen werden kann (welche Synthesis wiederum in die der'
28 Aggregation und Coalition eingetheilt werden kann, davon die erstere auf
29 extensive, die andere auf intensive Größen gerichtet ist). Die zweite Verbindung
30 ( nexus ) ist die Synthesis des Mannigfaltigen, so fern es nothwendig zu
31 einander gehört, wie z. B. das Accidens zu irgend einer Substanz, oder die
32 Wirkung zu der Ursache -, mithin auch als ungleichartig, doch a priori verbunden
33 vorgestellt wird; welche Verbindung, weil sie nicht willkürlich ist, ich darum
34 dynamisch nenne, weil sie die Verbindung des Daseins des Mannigfaltigen betrifft
35 (die wiederum in die physische, der Erscheinungen unter einander, und metaphysische,
36 ihre Verbindung im Erkenntnißvermögen a priori, eingetheilt werden
37 kann.)'
[seite 149]
15 Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung
16 der Theile die Vorstellung des Ganzen möglich macht (und also nothwendig
17 vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein sie auch sei,
18 vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d. i. von einem Punkte alle
19 Theile nach und nach zu erzeugen und dadurch allererst diese Anschauung
20 zu verzeichnen. Eben so ist es auch mit jeder, auch der kleinsten Zeit bewandt.
21 Ich denke mir darin nur den successiven Fortgang von einem
22 Augenblick zum andern, wo durch alle Zeittheile und deren Hinzuthun
23 endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt wird. Da die bloße Anschauung [op 204]
24 an allen Erscheinungen entweder der Raum oder die Zeit ist, so ist jede
25 Erscheinung als Anschauung eine extensive Größe, indem sie nur durch
26 successive Synthesis (von Theil zu Theil) in der Apprehension erkannt
27 werden kann. Alle Erscheinungen werden demnach schon als Aggregate
[seite 150]
04 Auf diese successive Synthesis der productiven Einbildungskraft in
05 der Erzeugung der Gestalten gründet sich die Mathematik der Ausdehnung
06 (Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der sinnlichen
07 Anschauung a priori ausdrücken, unter denen allein das Schema
08 eines reinen Begriffs der äußeren Erscheinung zu Stande kommen kann:
09 z. E. zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich; zwei gerade
10 Linien schließen keinen Raum ein etc.. Dies sind die Axiomen, welche
11 eigentlich nur Größen ( quanta ) als solche betreffen.
12 Was aber die Größe ( quantitas ) d. i. die Antwort auf die Frage:
13 wie groß etwas sei, betrifft, so giebt es in Ansehung derselben, obgleich
14 verschiedene dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß ( indemonstrabilia )
15 sind, dennoch im eigentlichen Verstande keine Axiomen. Denn da
16 Gleiches, zu Gleichem hinzugethan oder von diesem abgezogen, ein Gleiches
17 gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir der Identität der einen [op 205]
18 Größenerzeugung mit der andern unmittelbar bewußt bin; Axiomen aber
19 sollen synthetische Sätze a priori sein. Dagegen sind die evidenten Sätze
20 des Zahlenverhältnisses zwar allerdings synthetisch, aber nicht allgemein,
21 wie die der Geometrie und eben um deswillen auch nicht Axiomen, sondern
22 können Zahlformeln genannt werden. Daß 7+5 = 12 sei, ist kein
23 analytischer Satz. Denn ich denke weder in der Vorstellung von 7, noch
24 von 5, noch in der Vorstellung von der Zusammensetzung beider die Zahl
25 12 (daß ich diese in der Addition beider denken solle, davon ist hier nicht
26 die Rede; denn bei dem analytischen Satze ist nur die Frage, ob ich das
27 Prädicat wirklich in der Vorstellung des Subjects denke). Ob er aber
28 gleich synthetisch ist, so ist er doch nur ein einzelner Satz. So fern hier
29 bloß auf die Synthesis des Gleichartigen (der Einheiten) gesehen wird,
30 so kann die Synthesis hier nur auf eine einzige Art geschehen, wiewohl
31 der Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist. Wenn ich sage: durch
32 drei Linien, deren zwei zusammengenommen größer sind als die dritte,
33 läßt sich ein Triangel zeichnen: so habe ich hier die bloße Function der
34 productiven Einbildungskraft, welche die Linien größer und kleiner ziehen,
35 imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann zusammenstoßen lassen.
36 Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art möglich und auch die
37 Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren mit 5 erzeugt wird. Dergleichen
[seite 151]
03 Dieser transscendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen
04 giebt unserem Erkenntniß a priori große Erweiterung. Denn er ist es
05 allein, welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präcision auf Gegenstände
06 der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz
07 nicht so von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt
08 hat. Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische
09 Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich;
10 was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von
11 jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den Regeln
12 der Construction im Raume (z. E. der unendlichen Theilbarkeit der
13 Linien oder Winkel) gemäß sein dürfen, müssen wegfallen. Denn dadurch
14 spricht man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objective
15 Gültigkeit ab und weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf Erscheinungen
16 anzuwenden sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten als der
17 wesentlichen Form aller Anschauung ist das, was zugleich die Apprehension
18 der Erscheinung, mithin jede äußere Erfahrung, folglich auch alle
19 Erkenntniß der Gegenstände derselben möglich macht, und was die Mathematik
20 im reinen Gebrauch von jener beweiset, das gilt auch nothwendig [op 207]
21 von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur Chicanen einer falsch belehrten
22 Vernunft, die irriger Weise die Gegenstände der Sinne von der formalen
23 Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt und sie, obgleich
24 sie bloß Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich selbst, dem
25 Verstande gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich von ihnen a priori
26 gar nichts, mithin auch nicht durch reine Begriffe vom Raume synthetisch
27 erkannt werden könnte, und die Wissenschaft, die diese bestimmt, nämlich
28 die Geometrie, selbst nicht möglich sein würde.
31 Das Princip derselben ist: In allen Erscheinungen hat das
32 Reale, was ein Gegenstand der Empfindung ist, intensive
33 Größe, d. i. einen Grad.
[seite 152]
02 Wahrnehmung ist das empirische Bewußtsein, d. i. ein solches, in
03 welchem zugleich Empfindung ist. Erscheinungen, als Gegenstände der
04 Wahrnehmung, sind nicht reine (bloß formale) Anschauungen, wie Raum
05 und Zeit (denn die können an sich gar nicht wahrgenommen werden). Sie
06 enthalten also über die Anschauung noch die Materien zu irgend einem
07 Objecte überhaupt (wodurch etwas Existirendes im Raume oder der Zeit
08 vorgestellt wird), d. i. das Reale der Empfindung als bloß subjective Vorstellung,
09 von der man sich nur bewußt werden kann, daß das Subject [op 208]
10 afficirt sei, und die man auf ein Object überhaupt bezieht, in sich. Nun
11 ist vom empirischen Bewußtsein zum reinen eine stufenartige Veränderung
12 möglich, da das Reale desselben ganz verschwindet, und ein bloß formales
13 Bewußtsein (a priori) des Mannigfaltigen im Raum und Zeit übrig
14 bleibt: also auch eine Synthesis der Größenerzeugung einer Empfindung
15 von ihrem Anfange, der reinen Anschauung = 0, an bis zu einer beliebigen
16 Größe derselben. Da nun Empfindung an sich gar keine objective
17 Vorstellung ist, und in ihr weder die Anschauung vom Raum, noch von
18 der Zeit angetroffen wird, so wird ihr zwar keine extensive, aber doch eine
19 Größe (und zwar durch die Apprehension derselben, in welcher das empirische
20 Bewußtsein in einer gewissen Zeit von nichts = 0 bis zu ihrem
21 gegebenen Maße erwachsen kann), also eine intensive Größe zukommen,
22 welcher correspondirend allen Objecten der Wahrnehmung, so fern diese
23 Empfindung enthält, intensive Größe, d. i. ein Grad des Einflusses
24 auf den Sinn, beigelegt werden muß.
25 Man kann alle Erkenntniß, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen
26 Erkenntniß gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine
27 Anticipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in welcher
28 EpikurPI seinen Ausdruck prolηψis brauchte. Da aber an den Erscheinungen
29 etwas ist, was niemals a priori erkannt wird, und welches daher auch den
30 eigentlichen Unterschied des Empirischen von dem Erkenntniß a priori ausmacht, [op 209]
31 nämlich die Empfindung (als Materie der Wahrnehmung), so
32 folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht anticipirt werden kann.
[seite 153]
11 Die Apprehension bloß vermittelst der Empfindung erfüllt nur einen
12 Augenblick (wenn ich nämlich nicht die Succession vieler Empfindungen
13 in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension
14 keine successive Synthesis ist, die von Theilen zur ganzen Vorstellung fortgeht,
15 hat sie also keine extensive Größe: der Mangel der Empfindung in
16 demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen, mithin = 0. Was
17 nun in der empirischen Anschauung der Empfindung correspondirt, ist
18 Realität ( realitas phaenomenon ), was dem Mangel derselben entspricht, [op 210]
19 Negation = 0. Nun ist aber jede Empfindung einer Verringerung fähig,
20 so daß sie abnehmen und so allmählig verschwinden kann. Daher ist
21 zwischen Realität in der Erscheinung und Negation ein continuirlicher
22 Zusammenhang vieler möglichen Zwischenempfindungen, deren Unterschied
23 von einander immer kleiner ist, als der Unterschied zwischen der gegebenen
24 und dem Zero oder der gänzlichen Negation. Das ist: das Reale
25 in der Erscheinung hat jederzeit eine Größe, welche aber nicht in der
26 Apprehension angetroffen wird, indem diese vermittelst der bloßen Empfindung
27 in einem Augenblicke und nicht durch successive Synthesis vieler
28 Empfindungen geschieht und also nicht von den Theilen zum Ganzen geht;
29 es hat also zwar eine Größe, aber keine extensive.
30 Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendirt
31 wird, und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = 0
32 vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität in
33 der Erscheinung intensive Größe, d. i. einen Grad. Wenn man diese Realität
34 als Ursache (es sei der Empfindung, oder anderer Realität in der
35 Erscheinung, z. B. einer Veränderung) betrachtet: so nennt man den Grad
36 der Realität als Ursache ein Moment, z. B. das Moment der Schwere,
37 und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren Apprehension
[seite 154]
04 So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der
05 Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d. i. eine intensive
06 Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen Realität
07 und Negation ist ein continuirlicher Zusammenhang möglicher Realitäten
08 und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z. E. die rothe,
09 hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals der kleinste ist,
10 und so ist es mit der Wärme, dem Moment der Schwere etc. überall bewandt.
12 Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Theil der
13 kleinstmögliche (kein Theil einfach) ist, heißt die Continuität derselben.
14 Raum und Zeit sind quanta continua , weil kein Theil derselben gegeben
15 werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und Augenblicken) einzuschließen,
16 mithin nur so, daß dieser Theil selbst wiederum ein Raum
17 oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus Räumen, die Zeit aus
18 Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen, d. i. bloße Stellen
19 ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit jene Anschauungen, die
20 sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus, und aus bloßen Stellen als
21 aus Bestandtheilen, die noch vor dem Raume oder der Zeit gegeben werden
22 könnten, kann weder Raum noch Zeit zusammengesetzt werden. Dergleichen
23 Größen kann man auch fließende nennen, weil die Synthesis
24 (der productiven Einbildungskraft) in ihrer Erzeugung ein Fortgang in [op 212]
25 der Zeit ist, deren Continuität man besonders durch den Ausdruck des
26 Fließens (Verfließens) zu bezeichnen pflegt.
27 Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach continuirliche Größen
28 sowohl ihrer Anschauung nach als extensive, oder der bloßen Wahrnehmung
29 (Empfindung und mithin Realität) nach als intensive Größen.
30 Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung unterbrochen
31 ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen (und nicht eigentlich
32 Erscheinung als ein Quantum), welches nicht durch die bloße Fortsetzung
33 der productiven Synthesis einer gewissen Art, sondern durch Wiederholung
34 einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt wird. Wenn ich
35 13 Thaler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es so fern richtig, als
36 ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber verstehe, welche aber
37 allerdings eine continuirliche Größe ist, in welcher kein Theil der kleinste
[seite 155]
09 Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv als intensiv betrachtet, [op 213]
10 continuirliche Größen sind: so würde der Satz, daß auch alle Veränderung
11 (Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den andern) continuirlich
12 sei, leicht und mit mathematischer Evidenz hier bewiesen werden
13 können, wenn nicht die Causalität einer Veränderung überhaupt ganz
14 außerhalb den Grenzen einer Transscendental=Philosophie läge und empirische
15 Principien voraussetzte. Denn daß eine Ursache möglich sei, welche
16 den Zustand der Dinge verändere, d. i. sie zum Gegentheil eines gewissen
17 gegebenen Zustandes bestimme, davon giebt uns der Verstand a priori
18 gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil er die Möglichkeit davon
19 gar nicht einsieht (denn diese Einsicht fehlt uns in mehreren Erkenntnissen
20 a priori), sondern weil die Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der
21 Erscheinungen trifft, welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen
22 daß ihre Ursache in dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber
23 hier nichts vor uns haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen
24 Grundbegriffe aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts
25 Empirisches sein muß: so können wir, ohne die Einheit des Systems zu
26 verletzen, der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen
27 gebauet ist, nicht vorgreifen.
28 Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweisthümern des großen Einflusses,
29 den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu anticipiren,
30 und sogar deren Mangel so fern zu ergänzen, daß er allen falschen Schlüssen,
31 die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt.
32 Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen
33 dem und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade
34 stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der Receptivität
35 der Empfindungen haben muß: so ist keine Wahrnehmung, mithin
36 auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles
37 Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar (durch welchen
[seite 156]
15 Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da
16 sie einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener
17 Art unter gleichem Volumen (theils durch das Moment der Schwere oder
18 des Gewichts, theils durch das Moment des Widerstandes gegen andere
19 bewegte Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses Volumen
20 (extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien, obzwar
21 in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen größtentheils
22 mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl jemals einfallen
23 lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf eine metaphysische
24 Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden vorgeben, gründeten,
25 indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich mag es hier nicht
26 Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil dieses empirische Begriffe
27 sind) allerwärts einerlei sei und sich nur der extensiven Größe, d. i. der
28 Menge, nach unterscheiden könne. Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen
29 Grund in der Erfahrung haben konnten, und die also bloß metaphysisch
30 ist, setze ich einen transscendentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied
31 in der Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte
32 Nothwendigkeit jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht
33 anders als durch anzunehmende leere Räume erklären zu können, völlig
34 aufhebt und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu [op 216]
35 versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken, wenn
36 die Naturerklärung hiezu irgend eine Hypothese nothwendig machen sollte.
37 Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von verschiedenen Materien
[seite 157]
19 Es hat gleichwohl diese Anticipation der Wahrnehmung für einen
20 der transscendentalen Überlegung gewohnten und dadurch behutsam gewordenen
21 Nachforscher immer etwas Auffallendes an sich und erregt darüber
22 einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen
23 Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist, und
24 mithin der Möglichkeit des innern Unterschiedes der Empfindung selbst,
25 wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahirt, anticipiren könne;
26 und es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der
27 Verstand hierin synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen und
28 diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist, nämlich
29 die Empfindung angeht, anticipiren könne.
30 Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann
31 a priori gar nicht vorgestellt werden (z. B. Farben, Geschmack etc.). Aber
32 das Reale, was den Empfindungen überhaupt correspondirt im Gegensatz
33 mit der Negation = 0, stellt nur etwas vor, dessen Begriff an sich ein
34 Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in einem empirischen
35 Bewußtsein überhaupt. In dem innern Sinn nämlich kann das empirische
36 Bewußtsein von 0 bis zu jedem größern Grade erhöht werden, so daß eben
37 dieselbe extensive Größe der Anschauung (z. B. erleuchtete Fläche) so große
[seite 158]
15 Das Princip derselben ist: Erfahrung ist nur durch die Vorstellung
16 einer nothwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen
17 möglich.
19 Erfahrung ist ein empirisches Erkenntniß, d. i. ein Erkenntniß, das
20 durch Wahrnehmungen ein Object bestimmt. Sie ist also eine Synthesis
21 der Wahrnehmungen, die selbst nicht in der Wahrnehmung enthalten ist,
22 sondern die synthetische Einheit des Mannigfaltigen derselben in einem
23 Bewußtsein enthält, welche das Wesentliche einer Erkenntniß der Objecte [op 219]
24 der Sinne, d. i. der Erfahrung (nicht bloß der Anschauung oder Empfindung
25 der Sinne), ausmacht. Nun kommen zwar in der Erfahrung die
26 Wahrnehmungen nur zufälliger Weise zu einander, so daß keine Nothwendigkeit
27 ihrer Verknüpfung aus den Wahrnehmungen selbst erhellt,
28 noch erhellen kann; weil Apprehension nur eine Zusammenstellung des
29 Mannigfaltigen der empirischen Anschauung, aber keine Vorstellung von
[seite 159]
12 Die drei modi der Zeit sind Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein.
13 Daher werden drei Regeln aller Zeitverhältnisse der Erscheinungen,
14 wornach jeder ihr Dasein in Ansehung der Einheit aller Zeit bestimmt
15 werden kann, vor aller Erfahrung vorangehen und diese allererst
16 möglich machen.
17 Der allgemeine Grundsatz aller drei Analogien beruht auf der nothwendigen
18 Einheit der Apperception in Ansehung alles möglichen empirischen
19 Bewußtseins (der Wahrnehmung) zu jeder Zeit, folglich, da jene
20 a priori zum Grunde liegt, auf der synthetischen Einheit aller Erscheinungen
21 nach ihrem Verhältnisse in der Zeit. Denn die ursprüngliche Apperception
22 bezieht sich auf den innern Sinn (den Inbegriff aller Vorstellungen)
23 und zwar a priori auf die Form desselben, d. i. das Verhältniß des
24 mannigfaltigen empirischen Bewußtseins in der Zeit. In der ursprünglichen
25 Apperception soll nun alle dieses Mannigfaltige seinen Zeitverhältnissen
26 nach vereinigt werden; denn dieses sagt die transscendentale Einheit
27 derselben a priori, unter welcher alles steht, was zu meinem (d. i.
28 meinem einigen) Erkenntnisse gehören soll, mithin ein Gegenstand für
29 mich werden kann. Diese synthetische Einheit in dem Zeitverhältnisse
30 aller Wahrnehmungen, welche a priori bestimmt ist, ist also das Gesetz:
31 daß alle empirische Zeitbestimmungen unter Regeln der allgemeinen
32 Zeitbestimmung stehen müssen; und die Analogien der Erfahrung, von
33 denen wir jetzt handeln wollen, müssen dergleichen Regeln sein.
34 Diese Grundsätze haben das Besondere an sich, daß sie nicht die Erscheinungen
35 und die Synthesis ihrer empirischen Anschauung, sondern
36 bloß das Dasein und ihr Verhältniß unter einander in Ansehung dieses [op 221]
37 ihres Daseins erwägen. Nun kann die Art, wie etwas in der Erscheinung
[seite 160]
09 Die vorigen zwei Grundsätze, welche ich die mathematische nannte, in
10 Betracht dessen, daß sie die Mathematik auf Erscheinungen anzuwenden
11 berechtigten, gingen auf Erscheinungen ihrer bloßen Möglichkeit nach und
12 lehrten, wie sie sowohl ihrer Anschauung als dem Realen ihrer Wahrnehmung
13 nach nach Regeln einer mathematischen Synthesis erzeugt werden
14 könnten; daher sowohl bei der einen, als bei der andern die Zahlgrößen
15 und mit ihnen die Bestimmung der Erscheinung als Größe gebraucht
16 werden können. So werde ich z. B. den Grad der Empfindungen
17 des Sonnenlichts aus etwa 200000 Erleuchtungen durch den Mond zusammensetzen
18 und a priori bestimmt geben, d. i. construiren können. Daher
19 können wir die ersteren Grundsätze constitutive nennen.
20 Ganz anders muß es mit denen bewandt sein, die das Dasein der
21 Erscheinungen a priori unter Regeln bringen sollen. Denn da dieses sich [op 222]
22 nicht construiren läßt, so werden sie nur auf das Verhältniß des Daseins
23 gehen und keine andre als bloß regulative Principien abgeben können.
24 Da ist also weder an Axiomen, noch an Anticipationen zu denken; sondern
25 wenn uns eine Wahrnehmung in einem Zeitverhältnisse gegen andere
26 (obzwar unbestimmte) gegeben ist, so wird a priori nicht gesagt werden
27 können: welche andere und wie große Wahrnehmung, sondern wie
28 sie dem Dasein nach in diesem modo der Zeit mit jener nothwendig verbunden
29 sei. In der Philosophie bedeuten Analogien etwas sehr Verschiedenes
30 von demjenigen, was sie in der Mathematik vorstellen. In dieser
31 sind es Formeln, welche die Gleichheit zweier Größenverhältnisse aussagen,
32 und jederzeit constitutiv, so daß, wenn drei Glieder der Proportion
33 gegeben sind, auch das vierte dadurch gegeben wird, d. i. construirt
34 werden kann. In der Philosophie aber ist die Analogie nicht die Gleichheit
35 zweier quantitativen, sondern qualitativen Verhältnisse, wo ich
36 aus drei gegebenen Gliedern nur das Verhältniß zu einem vierten, nicht
37 aber dieses vierte Glied selbst erkennen und a priori geben kann, wohl
[seite 161]
15 Was aber bei allen synthetischen Grundsätzen erinnert ward und hier
16 vorzüglich angemerkt werden muß, ist dieses: daß diese Analogien nicht
17 als Grundsätze des transscendentalen, sondern bloß des empirischen Verstandesgebrauchs
18 ihre alleinige Bedeutung und Gültigkeit haben, mithin
19 auch nur als solche bewiesen werden können, daß folglich die Erscheinungen
20 nicht unter die Kategorien schlechthin, sondern nur unter ihre Schemate
21 subsumirt werden müssen. Denn wären die Gegenstände, auf welche
22 diese Grundsätze bezogen werden sollen, Dinge an sich selbst, so wäre es
23 ganz unmöglich, etwas von ihnen a priori synthetisch zu erkennen. Nun
24 sind es nichts als Erscheinungen, deren vollständige Erkenntniß, auf die
25 alle Grundsätze a priori zuletzt doch immer auslaufen müssen, lediglich die
26 mögliche Erfahrung ist; folglich können jene nichts als bloß die Bedingungen [op 224]
27 der Einheit des empirischen Erkenntnisses in der Synthesis der
28 Erscheinungen zum Ziele haben; diese aber wird nur allein in dem Schema
29 des reinen Verstandesbegriffs gedacht, von deren Einheit, als einer Synthesis
30 überhaupt, die Kategorie die durch keine sinnliche Bedingung restringirte
31 Function enthält. Wir werden also durch diese Grundsätze die
32 Erscheinungen nur nach einer Analogie mit der logischen und allgemeinen
33 Einheit der Begriffe zusammenzusetzen berechtigt werden und daher uns in
34 dem Grundsatze selbst zwar der Kategorie bedienen, in der Ausführung aber
35 (der Anwendung auf Erscheinungen) das Schema derselben als den Schlüssel
36 ihres Gebrauchs an dessen Stelle, oder jener vielmehr als restringirende
37 Bedingung unter dem Namen einer Formel des ersteren zur Seite setzen.
[seite 162]
04 Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz,
05 und das Quantum derselben wird in der Natur weder
06 vermehrt noch vermindert.
08 Alle Erscheinungen sind in der Zeit, in welcher als Substrat (als
09 beharrlicher Form der inneren Anschauung) das Zugleichsein sowohl
10 als die Folge allein vorgestellt werden kann. Die Zeit also, in der aller [op 225]
11 Wechsel der Erscheinungen gedacht werden soll, bleibt und wechselt nicht,
12 weil sie dasjenige ist, in welchem das Nacheinander= oder Zugleichsein nur
13 als Bestimmungen derselben vorgestellt werden können. Nun kann die
14 Zeit für sich nicht wahrgenommen werden. Folglich muß in den Gegenständen
15 der Wahrnehmung, d. i. den Erscheinungen, das Substrat anzutreffen
16 sein, welches die Zeit überhaupt vorstellt, und an dem aller Wechsel
17 oder Zugleichsein durch das Verhältniß der Erscheinungen zu demselben
18 in der Apprehension wahrgenommen werden kann. Es ist aber das Substrat
19 alles Realen, d. i. zur Existenz der Dinge Gehörigen, die Substanz,
20 an welcher alles, was zum Dasein gehört, nur als Bestimmung
21 kann gedacht werden. Folglich ist das Beharrliche, womit in Verhältni
22 alle Zeitverhältnisse der Erscheinungen allein bestimmt werden können,
23 die Substanz in der Erscheinung, d. i. das Reale derselben, was als Substrat
24 alles Wechsels immer dasselbe bleibt. Da diese also im Dasein nicht
25 wechseln kann, so kann ihr Quantum in der Natur auch weder vermehrt
26 noch vermindert werden.
[seite 163]
01 Unsere Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
02 successiv und ist also immer wechselnd. Wir können also dadurch
03 allein niemals bestimmen, ob dieses Mannigfaltige als Gegenstand der
04 Erfahrung zugleich sei oder nach einander folge, wo an ihr nicht etwas
05 zum Grunde liegt, was jederzeit ist, d. i. etwas Bleibendes und [op 226]
06 Beharrliches, von welchem aller Wechsel und Zugleichsein nichts, als
07 so viel Arten ( modi der Zeit) sind, wie das Beharrliche existirt. Nur in
08 dem Beharrlichen sind also Zeitverhältnisse möglich (denn Simultaneität
09 und Succession sind die einzigen Verhältnisse in der Zeit), d. i. das Beharrliche
10 ist das Substratum der empirischen Vorstellung der Zeit selbst,
11 an welchem alle Zeitbestimmung allein möglich ist. Die Beharrlichkeit
12 drückt überhaupt die Zeit als das beständige Correlatum alles Daseins
13 der Erscheinungen, alles Wechsels und aller Begleitung aus. Denn der
14 Wechsel trifft die Zeit selbst nicht, sondern nur die Erscheinungen in der
15 Zeit (so wie das Zugleichsein nicht ein modus der Zeit selbst ist, als in
16 welcher gar keine Theile zugleich, sondern alle nach einander sind). Wollte
17 man der Zeit selbst eine Folge nach einander beilegen, so müßte man noch
18 eine andere Zeit denken, in welcher diese Folge möglich wäre. Durch das
19 Beharrliche allein bekommt das Dasein in verschiedenen Theilen der
20 Zeitreihe nach einander eine Größe, die man Dauer nennt. Denn in
21 der bloßen Folge allein ist das Dasein immer verschwindend und anhebend
22 und hat niemals die mindeste Größe. Ohne dieses Beharrliche ist
23 also kein Zeitverhältniß. Nun kann die Zeit an sich selbst nicht wahrgenommen
24 werden; mithin ist dieses Beharrliche an den Erscheinungen das
25 Substratum aller Zeitbestimmung, folglich auch die Bedingung der Möglichkeit
26 aller synthetischen Einheit der Wahrnehmungen, d. i. der Erfahrung, [op 227]
27 und an diesem Beharrlichen kann alles Dasein und aller Wechsel
28 in der Zeit nur als ein modus der Existenz dessen, was bleibt und beharrt,
29 angesehen werden. Also ist in allen Erscheinungen das Beharrliche
30 der Gegenstand selbst, d. i. die Substanz (phaenomenon), alles aber, was
31 wechselt oder wechseln kann, gehört nur zu der Art, wie diese Substanz
32 oder Substanzen existiren, mithin zu ihren Bestimmungen.
33 Ich finde, daß zu allen Zeiten nicht bloß der Philosoph, sondern
34 selbst der gemeine Verstand diese Beharrlichkeit als ein Substratum alles
35 Wechsels der Erscheinungen vorausgesetzt haben und auch jederzeit als
36 ungezweifelt annehmen werden, nur daß der Philosoph sich hierüber etwas
37 bestimmter ausdrückt, indem er sagt: bei allen Veränderungen in der
[seite 164]
17 Ein Philosoph wurde gefragt: wie viel wiegt der Rauch? Er antwortete:
18 ziehe von dem Gewichte des verbrannten Holzes das Gewicht
19 der übrigbleibenden Asche ab, so hast du das Gewicht des Rauchs. Er
20 setzte also als unwidersprechlich voraus: daß selbst im Feuer die Materie
21 (Substanz) nicht vergehe, sondern nur die Form derselben eine Abänderung
22 erleide. Eben so war der Satz: aus nichts wird nichts, nur ein anderer
23 Folgesatz aus dem Grundsatze der Beharrlichkeit, oder vielmehr des
24 immerwährenden Daseins des eigentlichen Subjects an den Erscheinungen.
25 Denn wenn dasjenige an der Erscheinung, was man Substanz
26 nennen will, das eigentliche Substratum aller Zeitbestimmung sein soll, so
27 muß sowohl alles Dasein in der vergangenen, als das der künftigen Zeit
28 daran einzig und allein bestimmt werden können. Daher können wir einer
29 Erscheinung nur darum den Namen Substanz geben, weil wir ihr Dasein [op 229]
30 zu aller Zeit voraussetzen, welches durch das Wort Beharrlichkeit nicht
31 einmal wohl ausgedrückt wird, indem dieses mehr auf künftige Zeit geht.
32 Indessen ist die innre Nothwendigkeit zu beharren doch unzertrennlich mit
33 der Nothwendigkeit, immer gewesen zu sein, verbunden, und der Ausdruck
34 mag also bleiben. Gigni de nihilo nihil, in nihilum nil posse reverti ,
35 waren zwei Sätze, welche die Alten unzertrennt verknüpften, und die man
36 aus Mißverstand jetzt bisweilen trennt, weil man sich vorstellt, daß sie
37 Dinge an sich selbst angehen, und der erstere der Abhängigkeit der Welt
[seite 165]
10 Die Bestimmungen einer Substanz, die nichts andres sind, als besondere
11 Arten derselben zu existiren, heißen Accidenzen. Sie sind jederzeit
12 real, weil sie das Dasein der Substanz betreffen (Negationen sind
13 nur Bestimmungen, die das Nichtsein von etwas an der Substanz ausdrücken). [op 230]
14 Wenn man nun diesem Realen an der Substanz ein besonderes
15 Dasein beilegt (z. E. der Bewegung als einem Accidens der Materie),
16 so nennt man dieses Dasein die Inhärenz zum Unterschiede vom Dasein
17 der Substanz, das man Subsistenz nennt. Allein hieraus entspringen viel
18 Mißdeutungen, und es ist genauer und richtiger geredet, wenn man das
19 Accidens nur durch die Art, wie das Dasein einer Substanz positiv bestimmt
20 ist, bezeichnet. Indessen ist es doch vermöge der Bedingungen des
21 logischen Gebrauchs unsers Verstandes unvermeidlich, dasjenige, was im
22 Dasein einer Substanz wechseln kann, indessen daß die Substanz bleibt,
23 gleichsam abzusondern und in Verhältniß auf das eigentliche Beharrliche
24 und Radicale zu betrachten; daher denn auch diese Kategorie unter dem
25 Titel der Verhältnisse steht, mehr als die Bedingung derselben, als da
26 sie selbst ein Verhältniß enthielte.
27 Auf dieser Beharrlichkeit gründet sich nun auch die Berichtigung des
28 Begriffs von Veränderung. Entstehen und Vergehen sind nicht Veränderungen
29 desjenigen, was entsteht oder vergeht. Veränderung ist eine
30 Art zu existiren, welche auf eine andere Art zu existiren eben desselben
31 Gegenstandes erfolgt. Daher ist alles, was sich verändert, bleibend, und
32 nur sein Zustand wechselt. Da dieser Wechsel also nur die Bestimmungen
33 trifft, die aufhören oder auch anheben können: so können wir in
34 einem etwas paradox scheinenden Ausdruck sagen: nur das Beharrliche [op 231]
35 (die Substanz) wird verändert, das Wandelbare erleidet keine Veränderung,
36 sondern einen Wechsel, da einige Bestimmungen aufhören, und
37 andre anheben.
[seite 166]
01 Veränderung kann daher nur an Substanzen wahrgenommen werden,
02 und das Entstehen oder Vergehen schlechthin, ohne daß es bloß eine
03 Bestimmung des Beharrlichen betreffe, kann gar keine mögliche Wahrnehmung
04 sein, weil eben dieses Beharrliche die Vorstellung von dem Übergange
05 aus einem Zustande in den andern und vom Nichtsein zum Sein
06 möglich macht, die also nur als wechselnde Bestimmungen dessen, was
07 bleibt, empirisch erkannt werden können. Nehmet an, daß etwas schlechthin
08 Anfange zu sein, so müßt ihr einen Zeitpunkt haben, in dem es nicht
09 war. Woran wollt ihr aber diesen heften, wenn nicht an demjenigen, was
10 schon da ist? Denn eine leere Zeit, die vorherginge, ist kein Gegenstand
11 der Wahrnehmung; knüpft ihr dieses Entstehen aber an Dinge, die vorher
12 waren und bis zu dem, was entsteht, fortdauren, so war das letztere
13 nur eine Bestimmung des ersteren als des Beharrlichen. Eben so ist es
14 auch mit dem Vergehen: denn dieses setzt die empirische Vorstellung einer
15 Zeit voraus, da eine Erscheinung nicht mehr ist.
16 Substanzen (in der Erscheinung) sind die Substrate aller Zeitbestimmungen.
17 Das Entstehen einiger und das Vergehen anderer derselben
18 würde selbst die einzige Bedingung der empirischen Einheit der Zeit aufheben, [op 232]
19 und die Erscheinungen würden sich alsdann auf zweierlei Zeiten
20 beziehen, in denen neben einander das Dasein verflösse, welches ungereimt
21 ist. Denn es ist nur Eine Zeit, in welcher alle verschiedene Zeiten nicht
22 zugleich, sondern nach einander gesetzt werden müssen.
23 So ist demnach die Beharrlichkeit eine nothwendige Bedingung, unter
24 welcher allein Erscheinungen als Dinge oder Gegenstände in einer möglichen
25 Erfahrung bestimmbar sind. Was aber das empirische Kriterium
26 dieser nothwendigen Beharrlichkeit und mit ihr der Substantialität der
27 Erscheinungen sei, davon wird uns die Folge Gelegenheit geben das Nöthige
28 anzumerken.
32 Alle Veränderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung
33 der Ursache und Wirkung.
[seite 167]
02 (Daß) alle Erscheinungen der Zeitfolge insgesammt nur Veränderungen,
03 d. i. ein successives Sein und Nichtsein der Bestimmungen
04 der Substanz, seien, die da beharrt, folglich das Sein der Substanz selbst,
05 welches aufs Nichtsein derselben folgt, oder das Nichtsein derselben, welches [op 233]
06 aufs Dasein folgt, mit anderen Worten, daß das Entstehen oder Vergehen
07 der Substanz selbst nicht stattfinde, hat der vorige Grundsatz dargethan.
08 Dieser hätte auch so ausgedrückt werden können: Aller Wechsel
09 (Succession) der Erscheinungen ist nur Veränderung; denn Entstehen
10 oder Vergehen der Substanz sind keine Veränderungen derselben,
11 weil der Begriff der Veränderung eben dasselbe Subject mit zwei entgegengesetzten
12 Bestimmungen als existirend, mithin als beharrend voraussetzt.
13 -Nach dieser Vorerinnerung folgt der Beweis).
14 Ich nehme wahr, daß Erscheinungen auf einander folgen, d. i. da
15 ein Zustand der Dinge zu einer Zeit ist, dessen Gegentheil im vorigen Zustande
16 war. Ich verknüpfe also eigentlich zwei Wahrnehmungen in der
17 Zeit. Nun ist Verknüpfung kein Werk des bloßen Sinnes und der Anschauung,
18 sondern hier das Product eines synthetischen Vermögens der
19 Einbildungskraft, die den inneren Sinn in Ansehung des Zeitverhältnisses
20 bestimmt. Diese kann aber gedachte zwei Zustände auf zweierlei Art verbinden,
21 so daß der eine oder der andere in der Zeit vorausgehe; denn die
22 Zeit kann an sich selbst nicht wahrgenommen und in Beziehung auf sie
23 gleichsam empirisch, was vorhergehe und was folge, am Objecte bestimmt
24 werden. Ich bin mir also nur bewußt, daß meine Imagination eines vorher,
25 das andere nachher setze, nicht daß im Objecte der eine Zustand vor [op 234]
26 dem anderen vorhergehe, oder, mit anderen Worten, es bleibt durch die
27 bloße Wahrnehmung das objective Verhältniß der einander folgenden
28 Erscheinungen unbestimmt. Damit dieses nun als bestimmt erkannt
29 werde, muß das Verhältniß zwischen den beiden Zuständen so gedacht
30 werden, daß dadurch als nothwendig bestimmt wird, welcher derselben
31 vorher, welcher nachher und nicht umgekehrt müsse gesetzt werden. Der
32 Begriff aber, der eine Nothwendigkeit der synthetischen Einheit bei sich
33 führt, kann nur ein reiner Verstandesbegriff sein, der nicht in der Wahrnehmung
34 liegt; und das ist hier der Begriff des Verhältnisses der
[seite 168]
08 Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist jederzeit
09 successiv. Die Vorstellungen der Theile folgen auf einander. Ob sie sich
10 auch im Gegenstande folgen, ist ein zweiter Punkt der Reflexion, der in
11 dem ersteren nicht enthalten ist. Nun kann man zwar alles und sogar
12 jede Vorstellung, so fern man sich ihrer bewußt ist, Object nennen; allein [op 235]
13 was dieses Wort bei Erscheinungen zu bedeuten habe, nicht in so fern sie
14 (als Vorstellungen) Objecte sind, sondern nur ein Object bezeichnen, ist
15 von tieferer Untersuchung. So fern sie, nur als Vorstellungen, zugleich
16 Gegenstände des Bewußtseins sind, so sind sie von der Apprehension, d. i.
17 der Aufnahme in die Synthesis der Einbildungskraft, gar nicht unterschieden,
18 und man muß also sagen: das Mannigfaltige der Erscheinungen
19 wird im Gemüth jederzeit successiv erzeugt. Wären Erscheinungen Dinge
20 an sich selbst, so würde kein Mensch aus der Succession der Vorstellungen
21 von ihrem Mannigfaltigen ermessen können, wie dieses in dem Object
22 verbunden sei. Denn wir haben es doch nur mit unsern Vorstellungen zu
23 thun; wie Dinge an sich selbst (ohne Rücksicht auf Vorstellungen, dadurch
24 sie uns afficiren) sein mögen, ist gänzlich außer unsrer Erkenntnißsphäre.
25 Ob nun gleich die Erscheinungen nicht Dinge an sich selbst und gleichwohl
26 doch das einzige sind, was uns zur Erkenntniß gegeben werden kann, so
27 soll ich anzeigen, was dem Mannigfaltigen an den Erscheinungen selbst
28 für eine Verbindung in der Zeit zukomme, indessen daß die Vorstellung
29 desselben in der Apprehension jederzeit successiv ist. So ist z. E. die Apprehension
30 des Mannigfaltigen in der Erscheinung eines Hauses, das vor
31 mir steht, successiv. Nun ist die Frage, ob das Mannigfaltige dieses Hauses
32 selbst auch in sich successiv sei, welches freilich niemand zugeben wird. [op 236]
33 Nun ist aber, so bald ich meine Begriffe von einem Gegenstande bis zur
34 transscendentalen Bedeutung steigere, das Haus gar kein Ding an sich
35 selbst, sondern nur eine Erscheinung, d. i. Vorstellung, deren transscendentaler
[seite 169]
17 Nun laßt uns zu unsrer Aufgabe fortgehen. Daß etwas geschehe,
18 d. i. etwas oder ein Zustand werde, der vorher nicht war, kann nicht empirisch [op 237]
19 wahrgenommen werden, wo nicht eine Erscheinung vorhergeht,
20 welche diesen Zustand nicht in sich enthält; denn eine Wirklichkeit, die auf
21 eine leere Zeit folge, mithin ein Entstehen, vor dem kein Zustand der
22 Dinge vorhergeht, kann eben so wenig, als die leere Zeit selbst apprehendirt
23 werden. Jede Apprehension einer Begebenheit ist also eine Wahrnehmung,
24 welche auf eine andere folgt. Weil dieses aber bei aller Synthesis
25 der Apprehension so beschaffen ist, wie ich oben an der Erscheinung
26 eines Hauses gezeigt habe, so unterscheidet sie sich dadurch noch nicht von
27 andern. Allein ich bemerke auch: daß, wenn ich an einer Erscheinung,
28 welche ein Geschehen enthält, den vorhergehenden Zustand der Wahrnehmung
29 A, den folgenden aber B nenne, daß B auf A in der Apprehension
30 nur folgen, die Wahrnehmung A aber auf B nicht folgen, sondern nur vorhergehen
31 kann. Ich sehe z. B. ein Schiff den Strom hinab treiben. Meine
32 Wahrnehmung seiner Stelle unterhalb folgt auf die Wahrnehmung der
33 Stelle desselben oberhalb dem Laufe des Flusses, und es ist unmöglich,
34 daß in der Apprehension dieser Erscheinung das Schiff zuerst unterhalb,
35 nachher aber oberhalb des Stromes wahrgenommen werden sollte. Die
36 Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der Apprehension ist hier
37 also bestimmt, und an dieselbe ist die letztere gebunden. In dem vorigen
[seite 170]
11 Ich werde also in unserm Fall die subjective Folge der Apprehension
12 von der objectiven Folge der Erscheinungen ableiten müssen,
13 weil jene sonst gänzlich unbestimmt ist und keine Erscheinung von der andern
14 unterscheidet. Jene allein beweiset nichts von der Verknüpfung des
15 Mannigfaltigen am Object, weil sie ganz beliebig ist. Diese also wird in
16 der Ordnung des Mannigfaltigen der Erscheinung bestehen, nach welcher
17 die Apprehension des einen (was geschieht) auf die des andern (das vorhergeht)
18 nach einer Regel folgt. Nur dadurch kann ich von der Erscheinung
19 selbst und nicht bloß von meiner Apprehension berechtigt sein zu
20 sagen: daß in jener eine Folge anzutreffen sei, welches so viel bedeutet,
21 als daß ich die Apprehension nicht anders anstellen könne, als gerade in
22 dieser Folge.
23 Nach einer solchen Regel also muß in dem, was überhaupt vor einer [op 239]
24 Begebenheit vorhergeht, die Bedingung zu einer Regel liegen, nach welcher
25 jederzeit und nothwendiger Weise diese Begebenheit folgt; umgekehrt
26 aber kann ich nicht von der Begebenheit zurückgehen und dasjenige bestimmen
27 (durch Apprehension), was vorhergeht. Denn von dem folgenden
28 Zeitpunkt geht keine Erscheinung zu dem vorigen zurück, aber bezieht
29 sich doch auf irgend einen vorigen; von einer gegebenen Zeit ist dagegen
30 der Fortgang auf die bestimmte folgende nothwendig. Daher weil
31 es doch etwas ist, was folgt, so muß ich es nothwendig auf etwas anderes
32 überhaupt beziehen, was vorhergeht, und worauf es nach einer Regel, d. i.
33 nothwendiger Weise, folgt, so daß die Begebenheit als das Bedingte auf
34 irgend eine Bedingung sichere Anweisung giebt, diese aber die Begebenheit
35 bestimmt.
36 Man setze, es gehe vor einer Begebenheit nichts vorher, worauf dieselbe
37 nach einer Regel folgen müßte, so wäre alle Folge der Wahrnehmung
[seite 171]
14 Wenn wir also erfahren, daß etwas geschieht, so setzen wir dabei jederzeit
15 voraus, daß irgend etwas vorausgehe, worauf es nach einer Regel
16 folgt. Denn ohne dieses würde ich nicht von dem Object sagen, daß es
17 folge, weil die bloße Folge in meiner Apprehension, wenn sie nicht durch
18 eine Regel in Beziehung auf ein Vorhergehendes bestimmt ist, keine Folge
19 im Objecte berechtigt. Also geschieht es immer in Rücksicht auf eine Regel,
20 nach welcher die Erscheinungen in ihrer Folge, d. i. so wie sie geschehen,
21 durch den vorigen Zustand bestimmt sind, daß ich meine subjective Synthesis
22 (der Apprehension) objectiv mache, und nur lediglich unter dieser
23 Voraussetzung allein ist selbst die Erfahrung von etwas, was geschieht,
24 möglich.
25 Zwar scheint es, als widerspreche dieses allen Bemerkungen, die man
26 jederzeit über den Gang unseres Verstandesgebrauchs gemacht hat, nach
27 welchen wir nur allererst durch die wahrgenommenen und verglichenen
28 übereinstimmenden Folgen vieler Begebenheiten auf vorhergehende Erscheinungen, [op 241]
29 eine Regel zu entdecken, geleitet worden, der gemäß gewisse
30 Begebenheiten auf gewisse Erscheinungen jederzeit folgen und dadurch zuerst
31 veranlaßt worden, uns den Begriff von Ursache zu machen. Auf solchen
32 Fuß würde dieser Begriff bloß empirisch sein, und die Regel, die er
33 verschafft, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, würde eben so zufällig
34 sein, als die Erfahrung selbst: seine Allgemeinheit und Nothwendigkeit
35 wären alsdann nur angedichtet und hätten keine wahre allgemeine
36 Gültigkeit, weil sie nicht a priori, sondern nur auf Induction gegründet
37 wären. Es geht aber hiemit so, wie mit andern reinen Vorstellungen
[seite 172]
10 Es kommt also darauf an, im Beispiele zu zeigen, daß wir niemals,
11 selbst in der Erfahrung, die Folge (einer Begebenheit, da etwas geschieht,
12 was vorher nicht war) dem Object beilegen und sie von der subjectiven [op 242]
13 unserer Apprehension unterscheiden, als wenn eine Regel zum Grunde
14 liegt, die uns nöthigt, diese Ordnung der Wahrnehmungen vielmehr als
15 eine andere zu beobachten, ja daß diese Nöthigung es eigentlich sei, was
16 die Vorstellung einer Succession im Object allererst möglich macht.
17 Wir haben Vorstellungen in uns, deren wir uns auch bewußt werden
18 können. Dieses Bewußtsein aber mag so weit erstreckt und so genau oder
19 pünktlich sein, als man wolle, so bleiben es doch nur immer Vorstellungen,
20 d. i. innre Bestimmungen unseres Gemüths in diesem oder jenem Zeitverhältnisse.
21 Wie kommen wir nun dazu, daß wir diesen Vorstellungen
22 ein Object setzen, oder über ihre subjective Realität als Modificationen
23 ihnen noch, ich weiß nicht, was für eine objective beilegen? Objective
24 Bedeutung kann nicht in der Beziehung auf eine andre Vorstellung (von
25 dem, was man vom Gegenstande nennen wollte) bestehen, denn sonst erneuret
26 sich die Frage: wie geht diese Vorstellung wiederum aus sich selbst
27 heraus und bekommt objective Bedeutung noch über die subjective, welche
28 ihr als Bestimmung des Gemüthszustandes eigen ist? Wenn wir untersuchen,
29 was denn die Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen
30 für eine neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität
31 sei, die sie dadurch erhalten: so finden wir, daß sie nichts weiter thue, als
32 die Verbindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art nothwendig zu [op 243]
33 machen und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur dadurch,
34 daß eine gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer Vorstellungen
35 nothwendig ist, ihnen objective Bedeutung ertheilt wird.
36 In der Synthesis der Erscheinungen folgt das Mannigfaltige der
37 Vorstellungen jederzeit nach einander. Hierdurch wird nun gar kein Object
[seite 173]
24 Wenn es nun ein nothwendiges Gesetz unserer Sinnlichkeit, mithin
25 eine formale Bedingung aller Wahrnehmungen ist, daß die vorige
26 Zeit die folgende nothwendig bestimmt (indem ich zur folgenden nicht anders
27 gelangen kann, als durch die vorhergehende): so ist es auch ein unentbehrliches
28 Gesetz der empirischen Vorstellung der Zeitreihe, da
29 die Erscheinungen der vergangenen Zeit jedes Dasein in der folgenden
30 bestimmen, und daß diese als Begebenheiten nicht stattfinden, als so fern
31 jene ihnen ihr Dasein in der Zeit bestimmen, d. i. nach einer Regel festsetzen.
32 Denn nur an den Erscheinungen können wir diese Continuität
33 im Zusammenhange der Zeiten empirisch erkennen.
34 Zu aller Erfahrung und deren Möglichkeit gehört Verstand, und
35 das erste, was er dazu thut, ist nicht, daß er die Vorstellung der Gegenstände
36 deutlich macht, sondern daß er die Vorstellung eines Gegenstandes [op 245]
37 überhaupt möglich macht. Dieses geschieht nun dadurch, daß er die Zeitordnung
[seite 174]
17 Daß also etwas geschieht, ist eine Wahrnehmung, die zu einer möglichen
18 Erfahrung gehört, die dadurch wirklich wird, wenn ich die Erscheinung
19 ihrer Stelle nach in der Zeit als bestimmt, mithin als ein Object
20 ansehe, welches nach einer Regel im Zusammenhange der Wahrnehmungen [op 246]
21 jederzeit gefunden werden kann. Diese Regel aber, etwas der Zeitfolge
22 nach zu bestimmen, ist: daß in dem, was vorhergeht, die Bedingung
23 anzutreffen sei, unter welcher die Begebenheit jederzeit (d. i. nothwendiger
24 Weise) folgt. Also ist der Satz vom zureichenden Grunde der Grund möglicher
25 Erfahrung, nämlich der objectiven Erkenntniß der Erscheinungen
26 in Ansehung des Verhältnisses derselben in Reihenfolge der Zeit.
27 Der Beweisgrund dieses Satzes aber beruht lediglich auf folgenden
28 Momenten. Zu aller empirischen Erkenntniß gehört die Synthesis des
29 Mannigfaltigen durch die Einbildungskraft, die jederzeit successiv ist; d. i.
30 die Vorstellungen folgen in ihr jederzeit auf einander. Die Folge aber ist
31 in der Einbildungskraft der Ordnung nach (was vorgehen und was folgen
32 müsse) gar nicht bestimmt, und die Reihe der einander folgenden Vorstellungen
33 kann eben sowohl rückwärts als vorwärts genommen werden.
34 Ist aber diese Synthesis eine Synthesis der Apprehension (des Mannigfaltigen
35 einer gegebenen Erscheinung), so ist die Ordnung im Object bestimmt,
36 oder, genauer zu reden, es ist darin eine Ordnung der successiven
37 Synthesis, die ein Object bestimmt, nach welcher etwas nothwendig vorausgehen,
[seite 175]
21 Hier äußert sich aber noch eine Bedenklichkeit, die gehoben werden
22 muß. Der Satz der Causalverknüpfung unter den Erscheinungen ist in
23 unsrer Formel auf die Reihenfolge derselben eingeschränkt, da es sich doch
24 bei dem Gebrauch desselben findet, daß er auch auf ihre Begleitung passe
25 und Ursache und Wirkung zugleich sein könne. Es ist z. B. Wärme im [op 248]
26 Zimmer, die nicht in freier Luft angetroffen wird. Ich sehe mich nach der
27 Ursache um und finde einen geheizten Ofen. Nun ist dieser als Ursache
28 mit seiner Wirkung, der Stubenwärme, zugleich; also ist hier keine Reihenfolge
29 der Zeit nach zwischen Ursache und Wirkung, sondern sie sind zugleich,
30 und das Gesetz gilt doch. Der größte Theil der wirkenden Ursachen
31 in der Natur ist mit ihren Wirkungen zugleich, und die Zeitfolge der letzteren
32 wird nur dadurch veranlaßt, daß die Ursache ihre ganze Wirkung
33 nicht in einem Augenblick verrichten kann. Aber in dem Augenblicke, da
34 sie zuerst entsteht, ist sie mit der Causalität ihrer Ursache jederzeit zugleich,
35 weil, wenn jene einen Augenblick vorher aufgehört hätte zu sein,
36 diese gar nicht entstanden wäre. Hier muß man wohl bemerken, daß es
37 auf die Ordnung der Zeit und nicht den Ablauf derselben angesehen
[seite 176]
12 Demnach ist die Zeitfolge allerdings das einzig empirische Kriterium
13 der Wirkung in Beziehung auf die Causalität der Ursache, die vorhergeht.
14 Das Glas ist die Ursache von dem Steigen des Wassers über seine Horizontalfläche,
15 obgleich beide Erscheinungen zugleich sind. Denn so bald ich
16 dieses aus einem größeren Gefäß mit dem Glase schöpfe, so erfolgt etwas,
17 nämlich die Veränderung des Horizontalstandes, den es dort hatte, in
18 einen concaven, den es im Glase annimmt.
19 Diese Causalität führt auf den Begriff der Handlung, diese auf den
20 Begriff der Kraft und dadurch auf den Begriff der Substanz. Da ich
21 mein kritisches Vorhaben, welches lediglich auf die Quellen der synthetischen
22 Erkenntniß a priori geht, nicht mit Zergliederungen bemengen will,
23 die bloß die Erläuterung (nicht Erweiterung) der Begriffe angehen, so
24 überlasse ich die umständliche Erörterung derselben einem künftigen System
25 der reinen Vernunft: wiewohl man eine solche Analysis im reichen Maße
26 auch schon in den bisher bekannten Lehrbüchern dieser Art antrifft. Allein
27 das empirische Kriterium einer Substanz, so fern sie sich nicht durch die
28 Beharrlichkeit der Erscheinung, sondern besser und leichter durch Handlung
29 zu offenbaren scheint, kann ich nicht unberührt lassen.
30 Wo Handlung, mithin Thätigkeit und Kraft ist, da ist auch Substanz,
31 und in dieser allein muß der Sitz jener fruchtbaren Quelle der Erscheinungen
32 gesucht werden. Das ist ganz gut gesagt: aber wenn man sich darüber
33 erklären soll, was man unter Substanz verstehe, und dabei den fehlerhaften
34 Cirkel vermeiden will, so ist es nicht so leicht verantwortet. Wie
35 will man aus der Handlung sogleich auf die Beharrlichkeit des Handelnden
36 schließen, welches doch ein so wesentliches und eigenthümliches
[seite 177]
23 Wenn etwas geschieht, so ist das bloße Entstehen ohne Rücksicht auf
24 das, was da entsteht, schon an sich selbst ein Gegenstand der Untersuchung.
25 Der Übergang aus dem Nichtsein eines Zustandes in diesen Zustand, gesetzt
26 daß dieser auch keine Qualität in der Erscheinung enthielte, ist schon
27 allein nöthig zu untersuchen. Dieses Entstehen trifft, wie in der Nummer
28 A gezeigt worden, nicht die Substanz (denn die entsteht nicht), sondern
29 ihren Zustand. Es ist also bloß Veränderung und nicht Ursprung aus
30 Nichts. Wenn dieser Ursprung als Wirkung von einer fremden Ursache
31 angesehen wird, so heißt er Schöpfung, welche als Begebenheit unter den
32 Erscheinungen nicht zugelassen werden kann, indem ihre Möglichkeit allein
33 schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde; obzwar, wenn ich alle
34 Dinge nicht als Phänomene, sondern als Dinge an sich betrachte und als [op 252]
35 Gegenstände des bloßen Verstandes, sie, obschon sie Substanzen sind,
36 dennoch wie abhängig ihrem Dasein nach von fremder Ursache angesehen
37 werden können; welches aber alsdann ganz andere Wortbedeutungen nach
[seite 178]
03 Wie nun überhaupt etwas verändert werden könne; wie es möglich
04 sei, daß auf einen Zustand in einem Zeitpunkte ein entgegengesetzter im
05 andern folgen könne; davon haben wir a priori nicht den mindesten Begriff.
06 Hierzu wird die Kenntniß wirklicher Kräfte erfordert, welche nur
07 empirisch gegeben werden kann, z. B. der bewegenden Kräfte oder, welches
08 einerlei ist, gewisser successiven Erscheinungen (als Bewegungen), welche
09 solche Kräfte anzeigen. Aber die Form einer jeden Veränderung, die Bedingung,
10 unter welcher sie als ein Entstehen eines andern Zustandes allein
11 vorgehen kann (der Inhalt derselben, d. i. der Zustand, der verändert
12 wird, mag sein, welcher er wolle), mithin die Succession der Zustände
13 selbst (das Geschehene) kann doch nach dem Gesetze der Causalität und
14 den Bedingungen der Zeit a priori erwogen werden. *)
15 Wenn eine Substanz aus einem Zustande a in einen andern b übergeht,
16 so ist der Zeitpunkt des zweiten vom Zeitpunkte des ersteren Zustandes
17 unterschieden und folgt demselben. Eben so ist auch der zweite Zustand
18 als Realität (in der Erscheinung) vom ersteren, darin diese nicht
19 war, wie b vom Zero unterschieden; d. i. wenn der Zustand b sich auch
20 von dem Zustande a nur der Größe nach Unterschiede, so ist die Veränderung
21 ein Entstehen von b - a, welches im vorigen Zustande nicht war,
22 und in Ansehung dessen er = 0 ist.
23 Es frägt sich also: wie ein Ding aus einem Zustande = a in einen
24 andern = b übergehe. Zwischen zwei Augenblicken ist immer eine Zeit
25 und zwischen zwei Zuständen in denselben immer ein Unterschied, der eine
26 Größe hat (denn alle Theile der Erscheinungen sind immer wiederum
27 Größen). Also geschieht jeder Übergang aus einem Zustande in den andern
28 in einer Zeit, die zwischen zwei Augenblicken enthalten ist, deren der
29 erste den Zustand bestimmt, aus welchem das Ding herausgeht, der zweite
30 den, in welchen es gelangt. Beide also sind Grenzen der Zeit einer Veränderung,
31 mithin des Zwischenzustandes zwischen beiden Zuständen und
32 *) Man merke wohl: daß ich nicht von der Veränderung gewisser Relationen
33 überhaupt, sondern von Veränderung des Zustandes rede. Daher wenn ein Körper
34 sich gleichförmig bewegt, so verändert er seinen Zustand (der Bewegung) gar
35 nicht; aber wohl, wenn seine Bewegung zu= oder abnimmt.
[seite 179]
12 Das ist nun das Gesetz der Continuität aller Veränderung, dessen
13 Grund dieser ist: daß weder die Zeit, noch auch die Erscheinung in der
14 Zeit aus Theilen besteht, die die kleinsten sind, und daß doch der Zustand
15 des Dinges bei seiner Veränderung durch alle diese Theile als Elemente
16 zu seinem zweiten Zustande übergehe. Es ist kein Unterschied des Realen
17 in der Erscheinung, so wie kein Unterschied in der Größe der Zeiten
18 der kleinste; und so erwächst der neue Zustand der Realität von dem
19 ersten an, darin diese nicht war, durch alle unendliche Grade derselben,
20 deren Unterschiede von einander insgesammt kleiner sind, als der zwischen
21 0 und a.
22 Welchen Nutzen dieser Satz in der Naturforschung haben möge, das
23 geht uns hier nichts an. Aber wie ein solcher Satz, der unsre Erkenntni
24 der Natur so zu erweitern scheint, völlig a priori möglich sei, das erfordert
25 gar sehr unsere Prüfung, wenn gleich der Augenschein beweiset, daß er [op 255]
26 wirklich und richtig sei, und man also der Frage, wie er möglich gewesen,
27 überhoben zu sein glauben möchte. Denn es giebt so mancherlei ungegründete
28 Anmaßungen der Erweiterung unserer Erkenntniß durch reine
29 Vernunft: daß es zum allgemeinen Grundsatz angenommen werden muß,
30 deshalb durchaus mißtrauisch zu sein und ohne Documente, die eine gründliche
31 Deduction verschaffen können, selbst auf den klärsten dogmatischen
32 Beweis nichts dergleichen zu glauben und anzunehmen.
33 Aller Zuwachs des empirischen Erkenntnisses und jeder Fortschritt
34 der Wahrnehmung ist nichts als eine Erweiterung der Bestimmung des
35 innern Sinnes, d. i. ein Fortgang in der Zeit, die Gegenstände mögen
36 sein, welche sie wollen, Erscheinungen oder reine Anschauungen, dieser
37 Fortgang in der Zeit bestimmt alles und ist an sich selbst durch nichts
[seite 180]
12 So ist demnach, eben so wie die Zeit die sinnliche Bedingung a priori
13 von der Möglichkeit eines continuirlichen Fortganges des Existirenden
14 zu dem folgenden enthält, der Verstand vermittelst der Einheit der Apperception
15 die Bedingung a priori der Möglichkeit einer continuirlichen Bestimmung
16 aller stellen für die Erscheinungen in dieser Zeit durch die
17 Reihe von Ursachen und Wirkungen, deren die erstere der letzteren ihr
18 Dasein unausbleiblich nach sich ziehen und dadurch die empirische Erkenntni
19 der Zeitverhältnisse für jede Zeit (allgemein), mithin objectiv
20 gültig machen.
25 Alle Substanzen, so fern sie im Raume als zugleich wahrgenommen
26 werden können, sind in durchgängiger Wechselwirkung.
29 Zugleich sind Dinge, wenn in der empirischen Anschauung die [op 257]
30 Wahrnehmung des einen auf die Wahrnehmung des anderen wechselseitig
[seite 181]
28 Dinge sind zugleich, so fern sie in einer und derselben Zeit existiren.
29 Woran erkennt man aber: daß sie in einer und derselben Zeit sind? Wenn
30 die Ordnung in der Synthesis der Apprehension dieses Mannigfaltigen
31 gleichgültig ist, d. i. von A durch B, C, D auf E oder auch umgekehrt von
32 E zu A gehen kann. Denn wäre sie in der Zeit nach einander (in der Ordnung,
33 die von A anhebt und in E endigt), so ist es unmöglich, die Apprehension
34 in der Wahrnehmung von E anzuheben und rückwärts zu A
35 fortzugehen, weil A zur vergangenen Zeit gehört und also kein Gegenstand
36 der Apprehension mehr sein kann.
37 Nehmet nun an: in einer Mannigfaltigkeit von Substanzen als Erscheinungen
[seite 182]
11 Es muß also noch außer dem bloßen Dasein etwas sein, wodurch A
12 dem B seine Stelle in der Zeit bestimmt und umgekehrt auch wiederum
13 B dem A, weil nur unter dieser Bedingung gedachte Substanzen als zugleich
14 existirend empirisch vorgestellt werden können. Nun bestimmt
15 nur dasjenige dem andern seine Stelle in der Zeit, was die Ursache von
16 ihm oder seinen Bestimmungen ist. Also muß jede Substanz (da sie nur
17 in Ansehung ihrer Bestimmungen folge sein kann) die Causalität gewisser
18 Bestimmungen in der andern und zugleich die Wirkungen von der Causalität
19 der andern in sich enthalten, d. i. sie müssen in dynamischer Gemeinschaft
20 (unmittelbar oder mittelbar) stehen, wenn das Zugleichsein in irgend
21 einer möglichen Erfahrung erkannt werden soll. Nun ist aber alles dasjenige
22 in Ansehung der Gegenstände der Erfahrung nothwendig, ohne welches [op 260]
23 die Erfahrung von diesen Gegenständen selbst unmöglich sein würde.
24 Also ist es allen Substanzen in der Erscheinung, so fern sie zugleich sind,
25 nothwendig, in durchgängiger Gemeinschaft der Wechselwirkung unter einander
26 zu stehen.
27 Das Wort Gemeinschaft ist in unserer Sprache zweideutig und kann
28 so viel als communio , aber auch als commercium bedeuten. Wir bedienen
29 uns hier desselben im letztern Sinn, als einer dynamischen Gemeinschaft,
30 ohne welche selbst die locale ( communio spatii ) niemals empirisch erkannt
31 werden könnte. Unseren Erfahrungen ist es leicht anzumerken, daß nur
32 die continuirlichen Einflüsse in allen Stellen des Raumes unsern Sinn
33 von einem Gegenstande zum andern leiten können, daß das Licht, welches
34 zwischen unserm Auge und den Weltkörpern spielt, eine mittelbare Gemeinschaft
35 zwischen uns und diesen bewirken und dadurch das Zugleichsein
36 der letzteren beweisen, daß wir keinen Ort empirisch verändern (diese Veränderung
37 wahrnehmen) können, ohne daß uns allerwärts Materie die
[seite 183]
13 Zur Erläuterung kann folgendes dienen. In unserm Gemüthe müssen
14 alle Erscheinungen, als in einer möglichen Erfahrung enthalten, in Gemeinschaft
15 ( communio ) der Apperception stehen; und so fern die Gegenstände
16 als zugleich existirend verknüpft vorgestellt werden sollen, so müssen
17 sie ihre Stelle in einer Zeit wechselseitig bestimmen und dadurch ein Ganzes
18 ausmachen. Soll diese subjective Gemeinschaft auf einem objectiven Grunde
19 beruhen, oder auf Erscheinungen als Substanzen bezogen werden, so mu
20 die Wahrnehmung der einen als Grund die Wahrnehmung der andern
21 und so umgekehrt möglich machen, damit die Succession, die jederzeit in
22 den Wahrnehmungen als Apprehensionen ist, nicht den Objecten beigelegt
23 werde, sondern diese als zugleich existirend vorgestellt werden können.
24 Dieses ist aber ein wechselseitiger Einfluß, d. i. eine reale Gemeinschaft [op 262]
25 ( commercium ) der Substanzen, ohne welche also das empirische Verhältni
26 des Zugleichseins nicht in der Erfahrung stattfinden könnte. Durch dieses
27 Commercium machen die Erscheinungen, so fern sie außer einander und
28 doch in Verknüpfung stehen, ein Zusammengesetztes aus ( compositum
29 reale ), und dergleichen Composita werden auf mancherlei Art möglich. Die
30 drei dynamischen Verhältnisse, daraus alle übrige entspringen, sind daher
31 das der Inhärenz, der Consequenz und der Composition.
32 Dies sind denn also die drei Analogien der Erfahrung. Sie sind
33 nichts andres, als Grundsätze der Bestimmung des Daseins der Erscheinungen
34 in der Zeit nach allen drei modis derselben, dem Verhältnisse zu
[seite 184]
12 Unter Natur (im empirischen Verstande) verstehen wir den Zusammenhang
13 der Erscheinungen ihrem Dasein nach nach nothwendigen Regeln,
14 d. i. nach Gesetzen. Es sind also gewisse Gesetze und zwar a priori,
15 welche allererst eine Natur möglich machen; die empirischen können nur
16 vermittelst der Erfahrung und zwar zufolge jener ursprünglichen Gesetze,
17 nach welchen selbst Erfahrung allererst möglich wird, stattfinden und gefunden
18 werden. Unsere Analogien stellen also eigentlich die Natureinheit
19 im Zusammenhange aller Erscheinungen unter gewissen Exponenten dar,
20 welche nichts anders ausdrücken, als das Verhältniß der Zeit (so fern sie
21 alles Dasein in sich begreift) zur Einheit der Apperception, die nur in
22 der Synthesis nach Regeln stattfinden kann. Zusammen sagen sie also:
23 alle Erscheinungen liegen in einer Natur und müssen darin liegen, weil
24 ohne diese Einheit a priori keine Einheit der Erfahrung, mithin auch keine
25 Bestimmung der Gegenstände in derselben möglich wäre.
26 Über die Beweisart aber, deren wir uns bei diesen transscendentalen
27 Naturgesetzen bedient haben, und die Eigenthümlichkeit derselben ist eine
28 Anmerkung zu machen, die zugleich als Vorschrift für jeden andern Versuch,
29 intellectuelle und zugleich synthetische Sätze a priori zu beweisen, sehr [op 264]
30 wichtig sein muß. Hätten wir diese Analogien dogmatisch, d. i. aus Begriffen
31 beweisen wollen: daß nämlich alles, was existirt, nur in dem angetroffen
32 werde, was beharrlich ist, daß jede Begebenheit etwas im vorigen
33 Zustande voraussetze, worauf sie nach einer Regel folgt, endlich in dem
34 Mannigfaltigen, das zugleich ist, die Zustände in Beziehung auf einander
35 nach einer Regel zugleich seien (in Gemeinschaft stehen), so wäre alle Bemühung
36 gänzlich vergeblich gewesen. Denn man kann von einem Gegenstande
37 und dessen Dasein auf das Dasein des andern oder seine Art zu
[seite 185]
22 1. Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung
23 und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.
24 2. Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung)
25 zusammenhängt, ist wirklich.
26 *) Die Einheit des Weltganzen, in welchem alle Erscheinungen verknüpft sein
27 sollen, ist offenbar eine bloße Folgerung des ingeheim angenommenen Grundsatzes
28 der Gemeinschaft aller Substanzen, die zugleich sind: denn wären sie isolirt,
29 so würden sie nicht als Theile ein Ganzes ausmachen und wäre ihre Verknüpfung
30 (Wechselwirkung des Mannigfaltigen) nicht schon um des Zugleichseins Willen nothwendig,
31 so könnte man aus diesem als einem bloß idealen Verhältniß auf jene als
32 ein reales nicht schließen. Wiewohl wir an seinem Ort gezeigt haben: daß die Gemeinschaft
33 eigentlich der Grund der Möglichkeit einer empirischen Erkenntniß der
34 Coexistenz sei, und daß man also eigentlich nur aus dieser auf jene als ihre Bedingung
35 zurück schließe.
[seite 186]
01 3. Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen
02 der Erfahrung bestimmt ist, ist (existirt) nothwendig.
04 Die Kategorien der Modalität haben das Besondere an sich: daß sie
05 den Begriff, dem sie als Prädicate beigefügt werden, als Bestimmung des
06 Objects nicht im mindesten vermehren, sondern nur das Verhältniß zum
07 Erkenntnißvermögen ausdrücken. Wenn der Begriff eines Dinges schon
08 ganz vollständig ist, so kann ich doch noch von diesem Gegenstande fragen,
09 ob er bloß möglich oder auch wirklich, oder, wenn er das letztere ist, ob er
10 gar auch nothwendig sei? Hiedurch werden keine Bestimmungen mehr im
11 Objecte selbst gedacht, sondern es frägt sich nur, wie es sich (sammt allen
12 seinen Bestimmungen) zum Verstande und dessen empirischen Gebrauche,
13 zur empirischen Urtheilskraft und zur Vernunft (in ihrer Anwendung auf
14 Erfahrung) verhalte.
15 Eben um deswillen sind auch die Grundsätze der Modalität nichts
16 weiter, als Erklärungen der Begriffe der Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit
17 in ihrem empirischen Gebrauche und hiemit zugleich Restrictionen
18 aller Kategorien auf den bloß empirischen Gebrauch, ohne den transscendentalen [op 267]
19 zuzulassen und zu erlauben. Denn wenn diese nicht eine
20 bloß logische Bedeutung haben und die Form des Denkens analytisch
21 ausdrücken sollen, sondern Dinge und deren Möglichkeit, Wirklichkeit
22 oder Nothwendigkeit betreffen sollen, so müssen sie auf die mögliche Erfahrung
23 und deren synthetische Einheit gehen, in welcher allein Gegenstände
24 der Erkenntniß gegeben werden.
25 Das Postulat der Möglichkeit der Dinge fordert also, daß der Begriff
26 derselben mit den formalen Bedingungen einer Erfahrung überhaupt
27 zusammenstimme. Diese, nämlich die objective Form der Erfahrung überhaupt,
28 enthält aber alle Synthesis, welche zur Erkenntniß der Objecte erfordert
29 wird. Ein Begriff, der eine Synthesis in sich faßt, ist für leer zu
30 halten und bezieht sich auf keinen Gegenstand, wenn diese Synthesis nicht
31 zur Erfahrung gehört, entweder als von ihr erborgt, und dann heißt er
32 ein empirischer Begriff, oder als eine solche, auf der als Bedingung
33 a priori Erfahrung überhaupt (die Form derselben) beruht, und dann ist
34 es ein reiner Begriff, der dennoch zur Erfahrung gehört, weil sein Object
35 nur in dieser angetroffen werden kann. Denn wo will man den Charakter
[seite 187]
16 Und nun wollen wir den ausgebreiteten Nutzen und Einfluß dieses
17 Postulats der Möglichkeit vor Augen legen. Wenn ich mir ein Ding vorstelle,
18 das beharrlich ist, so daß alles, was da wechselt, bloß zu seinem Zustande
19 gehört, so kann ich niemals aus einem solchen Begriffe allein erkennen,
20 daß ein dergleichen Ding möglich sei. Oder ich stelle mir etwas
21 vor, welches so beschaffen sein soll, daß, wenn es gesetzt wird, jederzeit und
22 unausbleiblich etwas anderes darauf erfolgt, so mag dieses allerdings ohne
23 Widerspruch so gedacht werden können; ob aber dergleichen Eigenschaft
24 (als Causalität) an irgend einem möglichen Dinge angetroffen werde,
25 kann dadurch nicht geurtheilt werden. Endlich kann ich mir verschiedene [op 269]
26 Dinge (Substanzen) vorstellen, die so beschaffen sind, daß der Zustand des
27 einen eine Folge im Zustande des andern nach sich zieht und so wechselsweise;
28 aber ob dergleichen Verhältniß irgend Dingen zukommen könne,
29 kann aus diesen Begriffen, welche eine bloß willkürliche Synthesis enthalten,
30 gar nicht abgenommen werden. Nur daran also, daß diese Begriffe
31 die Verhältnisse der Wahrnehmungen in jeder Erfahrung a priori ausdrücken,
32 erkennt man ihre objective Realität, d. i. ihre transscendentale
33 Wahrheit, und zwar freilich unabhängig von der Erfahrung, aber doch
34 nicht unabhängig von aller Beziehung auf die Form einer Erfahrung überhaupt
35 und die synthetische Einheit, in der allein Gegenstände empirisch
36 können erkannt werden.
37 Wenn man sich aber gar neue Begriffe von Substanzen, von Kräften,
[seite 188]
28 Aber ich lasse alles vorbei, dessen Möglichkeit nur aus der Wirklichkeit
29 in der Erfahrung kann abgenommen werden, und erwäge hier nur die
30 Möglichkeit der Dinge durch Begriffe a priori, von denen ich fortfahre zu [op 271]
31 behaupten, daß sie niemals aus solchen Begriffen für sich allein, sondern
32 jederzeit nur als formale und objective Bedingungen einer Erfahrung
33 überhaupt stattfinden können.
34 Es hat zwar den Anschein, als wenn die Möglichkeit eines Triangels
35 aus seinem Begriffe an sich selbst könne erkannt werden (von der Erfahrung
36 ist er gewiß unabhängig); denn in der That können wir ihm gänzlich
37 a priori einen Gegenstand geben, d. i. ihn construiren. Weil dieses
[seite 189]
23 Das Postulat, die Wirklichkeit der Dinge zu erkennen, fordert
24 Wahrnehmung, mithin Empfindung, deren man sich bewußt ist; zwar
25 nicht eben unmittelbar von dem Gegenstande selbst, dessen Dasein erkannt
26 werden soll, aber doch Zusammenhang desselben mit irgend einer wirklichen
27 Wahrnehmung nach den Analogien der Erfahrung, welche alle reale
28 Verknüpfung in einer Erfahrung überhaupt darlegen.
29 In dem bloßen Begriffe eines Dinges kann gar kein Charakter
30 seines Daseins angetroffen werden. Denn ob derselbe gleich noch so vollständig
31 sei, daß nicht das mindeste ermangele, um ein Ding mit allen
32 seinen innern Bestimmungen zu denken, so hat das Dasein mit allem
33 diesem doch gar nichts zu thun, sondern nur mit der Frage: ob ein solches
34 Ding uns gegeben sei, so daß die Wahrnehmung desselben vor dem Begriffe [op 273]
35 allenfalls vorhergehen könne. Denn daß der Begriff vor der Wahrnehmung
36 vorhergeht, bedeutet dessen bloße Möglichkeit; die Wahrnehmung
37 aber, die den Stoff zum Begriff hergiebt, ist der einzige Charakter der
[seite 190]
25 Der Idealism (ich verstehe den materialen) ist die Theorie, welche
26 das Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für
27 zweifelhaft und unerweislich, oder für falsch und unmöglich erklärt;
28 der erstere ist der problematische des Cartesius, der nur Eine empirische
29 Behauptung ( assertio ), nämlich: Ich bin, für ungezweifelt erklärt;
30 der zweite ist der dogmatische des Berkeley, der den Raum
[seite 191]
18 Das bloße, aber empirisch bestimmte Bewußtsein meines
19 eigenen Daseins beweiset das Dasein der Gegenstände im
20 Raum außer mir.
22 Ich bin mir meines Daseins als in der Zeit bestimmt bewußt. Alle
23 Zeitbestimmung setzt etwas Beharrliches in der Wahrnehmung voraus.
24 Dieses Beharrliche aber kann nicht etwas in mir sein, weil eben mein
25 Dasein in der Zeit durch dieses Beharrliche allererst bestimmt werden kann.
26 Also ist die Wahrnehmung dieses Beharrlichen nur durch ein Ding außer
27 mir und nicht durch die bloße Vorstellung eines Dinges außer mir
28 möglich. Folglich ist die Bestimmung meines Daseins in der Zeit nur [op 276]
29 durch die Existenz wirklicher Dinge, die ich außer mir wahrnehme, möglich.
30 Nun ist das Bewußtsein in der Zeit mit dem Bewußtsein der Möglichkeit
31 dieser Zeitbestimmung nothwendig verbunden: also ist es auch mit
32 der Existenz der Dinge außer mir, als Bedingung der Zeitbestimmung,
33 nothwendig verbunden; d. i. das Bewußtsein meines eigenen Daseins
[seite 192]
03 Anmerkung 1. Man wird in dem vorhergehenden Beweise gewahr,
04 daß das Spiel, welches der Idealism trieb, ihm mit mehrerem Rechte
05 umgekehrt vergolten wird. Dieser nahm an, daß die einzige unmittelbare
06 Erfahrung die innere sei, und daraus auf äußere Dinge nur geschlossen
07 werde, aber, wie allemal, wenn man aus gegebenen Wirkungen auf bestimmte
08 Ursachen schließt, nur unzuverlässig, weil auch in uns selbst die
09 Ursache der Vorstellungen liegen kann, die wir äußeren Dingen vielleicht
10 fälschlich zuschreiben. Allein hier wird bewiesen, daß äußere Erfahrung [op 277]
11 eigentlich unmittelbar sei,*) daß nur vermittelst ihrer zwar nicht das Bewußtsein
12 unserer eigenen Existenz, aber doch die Bestimmung derselben
13 in der Zeit, d. i. innere Erfahrung, möglich sei. Freilich ist die Vorstellung:
14 ich bin, die das Bewußtsein ausdrückt, welches alles Denken
15 begleiten kann, das, was unmittelbar die Existenz eines Subjects in sich
16 schließt, aber noch keine Erkenntniß desselben, mithin auch nicht empirische,
17 d. i. Erfahrung; denn dazu gehört außer dem Gedanken von etwas
18 Existirendem noch Anschauung und hier innere, in Ansehung deren, d. i.
19 der Zeit, das Subject bestimmt werden muß, wozu durchaus äußere Gegenstände
20 erforderlich sind, so daß folglich innere Erfahrung selbst nur
21 mittelbar und nur durch äußere möglich ist.
22 Anmerkung 2. Hiemit stimmt nun aller Erfahrungsgebrauch unseres
23 Erkenntnißvermögens in Bestimmung der Zeit vollkommen überein.
24 Nicht allein, daß wir alle Zeitbestimmung nur durch den Wechsel in äußeren
25 Verhältnissen (die Bewegung) in Beziehung auf das Beharrliche im [op 278]
26 Raume (z. B. Sonnenbewegung in Ansehung der Gegenstände der Erde)
27 wahrnehmen können, so haben wir sogar nichts Beharrliches, was wir
28 *) Das unmittelbare Bewußtsein des Daseins äußerer Dinge wird in dem
29 vorstehenden Lehrsatze nicht vorausgesetzt, sondern bewiesen, die Möglichkeit dieses
30 Bewußtseins mögen wir einsehen, oder nicht. Die Frage wegen der letzteren würde
31 sein: ob wir nur einen inneren Sinn, aber keinen äußeren, sondern bloß äußere
32 Einbildung hätten. Es ist aber klar, daß, um uns auch nur etwas als äußerlich
33 einzubilden, d. i. dem Sinne in der Anschauung darzustellen, wir schon einen äußeren
34 Sinn haben und dadurch die bloße Receptivität einer äußeren Anschauung von
35 der Spontaneität, die jede Einbildung charakterisirt, unmittelbar unterscheiden müssen.
36 Denn sich auch einen äußeren Sinn bloß einzubilden, würde das Anschauungsvermögen,
37 welches durch die Einbildungskraft bestimmt werden soll, selbst vernichten.
[seite 193]
13 Anmerkung 3. Daraus, daß die Existenz äußerer Gegenstände zur
14 Möglichkeit eines bestimmten Bewußtseins unserer selbst erfordert wird,
15 folgt nicht, daß jede anschauliche Vorstellung äußerer Dinge zugleich die
16 Existenz derselben einschließe, denn jene kann gar wohl die bloße Wirkung
17 der Einbildungskraft (in Träumen sowohl als im Wahnsinn) sein; sie ist
18 es aber bloß durch die Reproduction ehemaliger äußerer Wahrnehmungen,
19 welche, wie gezeigt worden, nur durch die Wirklichkeit äußerer Gegenstände
20 möglich sind. Es hat hier nur bewiesen werden sollen, daß innere [op 279]
21 Erfahrung überhaupt nur durch äußere Erfahrung überhaupt möglich sei.
22 Ob diese oder jene vermeinte Erfahrung nicht bloße Einbildung sei, mu
23 nach den besondern Bestimmungen derselben und durch Zusammenhaltung
24 mit den Kriterien aller wirklichen Erfahrung ausgemittelt werden.
25 Was endlich das dritte Postulat betrifft, so geht es auf die materiale
26 Nothwendigkeit im Dasein und nicht die bloß formale und logische in Verknüpfung
27 der Begriffe. Da nun keine Existenz der Gegenstände der Sinne
28 völlig a priori erkannt werden kann, aber doch comparative a priori, relativisch
29 auf ein anderes, schon gegebenes Dasein, man gleichwohl aber auch
30 alsdann nur auf diejenige Existenz kommen kann, die irgendwo in dem
31 Zusammenhange der Erfahrung, davon die gegebene Wahrnehmung ein
32 Theil ist, enthalten sein muß: so kann die Nothwendigkeit der Existenz
33 niemals aus Begriffen, sondern jederzeit nur aus der Verknüpfung mit
[seite 194]
[seite 195]
24 Ob das Feld der Möglichkeit größer sei als das Feld, was alles
25 Wirkliche enthält, dieses aber wiederum größer als die Menge desjenigen,
26 was nothwendig ist, das sind artige Fragen und zwar von synthetischer
27 Auflösung, die aber auch nur der Gerichtsbarkeit der Vernunft anheim
28 fallen; denn sie wollen ungefähr so viel sagen, als ob alle Dinge als Erscheinungen
29 insgesammt in den Inbegriff und den Context einer einzigen
30 Erfahrung gehören, von der jede gegebene Wahrnehmung ein Theil ist, [op 283]
31 der also mit keinen andern Erscheinungen könne verbunden werden, oder
32 ob meine Wahrnehmungen zu mehr als einer möglichen Erfahrung (in
33 ihrem allgemeinen Zusammenhange) gehören können. Der Verstand giebt
34 a priori der Erfahrung überhaupt nur die Regel nach den subjectiven und
35 formalen Bedingungen sowohl der Sinnlichkeit als der Apperception,
36 welche sie allein möglich machen. Andere Formen der Anschauung (als
37 Raum und Zeit), imgleichen andere Formen des Verstandes (als die discursive
[seite 196]
33 Ich habe dieser Fragen nur Erwähnung gethan, um keine Lücke in [op 285]
34 demjenigen zu lassen, was der gemeinen Meinung nach zu den Verstandesbegriffen
35 gehört. In der That ist aber die absolute Möglichkeit (die in
36 aller Absicht gültig ist) kein bloßer Verstandesbegriff und kann auf keinerlei
37 Weise von empirischem Gebrauche sein, sondern er gehört allein der
[seite 197]
05 Da ich eben diese vierte Nummer und mit ihr zugleich das System
06 aller Grundsätze des reinen Verstandes schließen will, so muß ich noch
07 Grund angeben, warum ich die Principien der Modalität gerade Postulate
08 genannt habe. Ich will diesen Ausdruck hier nicht in der Bedeutung
09 nehmen, welche ihm einige neuere philosophische Verfasser wider den Sinn
10 der Mathematiker, denen er doch eigentlich angehört, gegeben haben, nämlich:
11 daß Postuliren so viel heißen solle, als einen Satz für unmittelbar
12 gewiß ohne Rechtfertigung oder Beweis ausgeben; denn wenn wir das
13 bei synthetischen Sätzen, so evident sie auch sein mögen, einräumen sollten,
14 daß man sie ohne Deduction auf das Ansehen ihres eigenen Ausspruchs
15 dem unbedingten Beifalle aufheften dürfe, so ist alle Kritik des Verstandes
16 verloren und da es an dreusten Anmaßungen nicht fehlt, deren sich [op 286]
17 auch der gemeine Glaube (der aber kein Creditiv ist) nicht weigert: so
18 wird unser Verstand jedem Wahne offen stehen, ohne daß er seinen Beifall
19 den Aussprüchen versagen kann, die, obgleich unrechtmäßig, doch in
20 eben demselben Tone der Zuversicht als wirkliche Axiomen eingelassen zu
21 werden verlangen. Wenn also zu dem Begriffe eines Dinges eine Bestimmung
22 a priori synthetisch hinzukommt, so muß von einem solchen
23 Satze, wo nicht ein Beweis, doch wenigstens eine Deduction der Rechtmäßigkeit
24 seiner Behauptung unnachlaßlich hinzugefügt werden.
25 Die Grundsätze der Modalität sind aber nicht objectiv=synthetisch,
26 weil die Prädicate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Nothwendigkeit den
27 Begriff, von dem sie gesagt werden, nicht im mindesten vermehren, dadurch
28 daß sie der Vorstellung des Gegenstandes noch etwas hinzusetzten. Da sie
29 aber gleichwohl doch immer synthetisch sind, so sind sie es nur subjectiv,
30 d. i. sie fügen zu dem Begriffe eines Dinges (Realen), von dem sie sonst
31 nichts sagen, die Erkenntnißkraft hinzu, worin er entspringt und seinen
32 Sitz hat: so daß, wenn er bloß im Verstande mit den formalen Bedingungen
33 der Erfahrung in Verknüpfung ist, sein Gegenstand möglich heißt;
34 ist er mit der Wahrnehmung (Empfindung als Materie der Sinne) im
35 Zusammenhange und durch dieselbe vermittelst des Verstandes bestimmt,
36 so ist das Object wirklich; ist er durch den Zusammenhang der Wahrnehmungen [op 287]
37 nach Begriffen bestimmt, so heißt der Gegenstand nothwendig.
[seite 198]
14 Es ist etwas sehr Bemerkungswürdiges, daß wir die Möglichkeit
15 keines Dinges nach der bloßen Kategorie einsehen können, sondern immer
16 eine Anschauung bei der Hand haben müssen, um an derselben die objective
17 Realität des reinen Verstandesbegriffs darzulegen. Man nehme z. B.
18 die Kategorien der Relation. Wie 1) etwas nur als Subject, nicht als
19 bloße Bestimmung anderer Dinge existiren, d. i. Substanz sein könne,
20 oder wie 2) darum, weil etwas ist, etwas anderes sein müsse, mithin wie
21 etwas überhaupt Ursache sein könne, oder 3) wie, wenn mehrere Dinge
22 dasind, daraus, daß eines derselben da ist, etwas auf die übrigen und so
23 wechselseitig Folge, und auf diese Art eine Gemeinschaft von Substanzen
24 Statt haben könne, läßt sich gar nicht aus bloßen Begriffen einsehen.
25 Eben dieses gilt auch von den übrigen Kategorien, z. B. wie ein Ding
26 mit vielen zusammen einerlei, d. i. eine Größe, sein könne u. s. w.. So
27 *) Durch die Wirklichkeit eines Dinges setze ich freilich mehr als die Möglichkeit,
28 aber nicht in dem Dinge; denn das kann niemals mehr in der Wirklichkeit
29 enthalten, als was in dessen vollständiger Möglichkeit enthalten war. Sondern
30 da die Möglichkeit bloß eine Position des Dinges in Beziehung auf den Verstand
31 (dessen empirischen Gebrauch) war, so ist die Wirklichkeit zugleich eine Verknüpfung
32 desselben mit der Wahrnehmung.
[seite 199]
34 *) Man kann sich das Nichtsein der Materie leicht denken, aber die Alten folgerten
35 daraus doch nicht ihre Zufälligkeit. Allein selbst der Wechsel des Seins und
36 Nichtseins eines gegebenen Zustandes eines Dinges, darin alle Veränderung besteht,
37 beweiset gar nicht die Zufälligkeit dieses Zustandes gleichsam aus der Wirklichkeit'
31 seines Gegentheils, z. B. die Ruhe eines Körpers, welche auf die Bewegung folgt,
32 noch nicht die Zufälligkeit der Bewegung desselben daraus, weil die erstere das Gegentheil
33 der letzteren ist. Denn dieses Gegentheil ist hier nur logisch, nicht realiter
34 dem anderen entgegengesetzt. Man müßte beweisen, daß anstatt der Bewegung
35 im vorhergehenden Zeitpunkte es möglich gewesen, daß der Körper damals geruht
36 hätte, um die Zufälligkeit seiner Bewegung zu beweisen, nicht daß er hernach ruhe;
37 denn da können beide Gegentheile gar wohl mit einander bestehen.
[seite 200]
06 Noch merkwürdiger aber ist, daß wir, um die Möglichkeit der Dinge
07 zu Folge der Kategorien zu verstehen und also die objective Realität der
08 letzteren darzuthun, nicht bloß Anschauungen, sondern sogar immer äußere
09 Anschauungen bedürfen. Wenn wir z. B. die reinen Begriffe der Relation
10 nehmen, so finden wir, daß 1) um dem Begriffe der Substanz
11 correspondirend etwas Beharrliches in der Anschauung zu geben (und
12 dadurch die objective Realität dieses Begriffs darzuthun), wir eine Anschauung
13 im Raume (der Materie) bedürfen, weil der Raum allein beharrlich
14 bestimmt ist, die Zeit aber, mithin alles, was im inneren Sinne
15 ist, beständig fließt. 2) Um Veränderung, als die dem Begriffe der
16 Causalität correspondirende Anschauung, darzustellen, müssen wir Bewegung
17 als Veränderung im Raume zum Beispiele nehmen, ja sogar dadurch
18 allein können wir uns Veränderungen, deren Möglichkeit kein reiner
19 Verstand begreifen kann, anschaulich machen. Veränderung ist Verbindung
20 contradictorisch einander entgegengesetzter Bestimmungen im Dasein
21 eines und desselben Dinges. Wie es nun möglich sei, daß aus einem gegebenen [op 292]
22 Zustande ein ihm entgegengesetzter desselben Dinges folge, kann
23 nicht allein keine Vernunft sich ohne Beispiele begreiflich, sondern nicht
24 einmal ohne Anschauung verständlich machen; und diese Anschauung ist
25 die der Bewegung eines Punkts im Raume, dessen Dasein in verschiedenen
26 Örtern (als eine Folge entgegengesetzter Bestimmungen) zuerst uns
27 allein Veränderung anschaulich macht; denn um uns nachher selbst innere
28 Veränderungen denkbar zu machen, müssen wir die Zeit als die Form
29 des inneren Sinnes figürlich durch eine Linie und die innere Veränderung
30 durch das Ziehen dieser Linie (Bewegung), mithin die successive
[seite 201]
30 Diese ganze Bemerkung ist von großer Wichtigkeit, nicht allein um
31 unsere vorhergehende Widerlegung des Idealisms zu bestätigen, sondern
32 vielmehr noch, um, wenn vom Selbsterkenntnisse aus dem bloßen inneren [op 294]
33 Bewußtsein und der Bestimmung unserer Natur ohne Beihülfe äußerer
34 empirischen Anschauungen die Rede sein wird, uns die Schranken der
35 Möglichkeit einer solchen Erkenntniß anzuzeigen.
36 Die letzte Folgerung aus diesem ganzen Abschnitte ist also: Alle
37 Grundsätze des reinen Verstandes sind nichts weiter als Principien a priori
[seite 202]
12 Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreiset
13 und jeden Theil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern
14 es auch durchmessen und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt.
15 Dieses Land aber ist eine Insel und durch die Natur selbst in unveränderliche
16 Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender [op 295]
17 Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Oceane, dem eigentlichen
18 Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank und manches bald wegschmelzende
19 Eis neue Länder lügt und, indem es den auf Entdeckungen
20 herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht,
21 ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch
22 auch niemals zu Ende bringen kann. Ehe wir uns aber auf dieses Meer
23 wagen, um es nach allen Breiten zu durchsuchen und gewiß zu werden,
24 ob etwas in ihnen zu hoffen sei, so wird es nützlich sein, zuvor noch einen
25 Blick auf die Karte des Landes zu werfen, das wir eben verlassen wollen,
26 und erstlich zu fragen, ob wir mit dem, was es in sich enthält, nicht allenfalls
27 zufrieden sein könnten, oder auch aus Noth zufrieden sein müssen,
28 wenn es sonst überall keinen Boden giebt, auf dem wir uns anbauen
29 könnten; zweitens unter welchem Titel wir denn selbst dieses Land besitzen
30 und uns wider alle feindselige Ansprüche gesichert halten können. Obschon
31 wir diese Fragen in dem Lauf der Analytik schon hinreichend beantwortet
[seite 203]
04 Wir haben nämlich gesehen: daß alles, was der Verstand aus sich
05 selbst schöpft, ohne es von der Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch
06 zu keinem andern Behuf, als lediglich zum Erfahrungsgebrauch. Die [op 296]
07 Grundsätze des reinen Verstandes, sie mögen nun a priori constitutiv sein
08 (wie die mathematischen), oder bloß regulativ (wie die dynamischen), enthalten
09 nichts als gleichsam nur das reine Schema zur möglichen Erfahrung;
10 denn diese hat ihre Einheit nur von der synthetischen Einheit, welche
11 der Verstand der Synthesis der Einbildungskraft in Beziehung auf die
12 Apperception ursprünglich und von selbst ertheilt, und auf welche die Erscheinungen,
13 als data zu einem möglichen Erkenntnisse, schon a priori in
14 Beziehung und Einstimmung stehen müssen. Ob nun aber gleich diese
15 Verstandesregeln nicht allein a priori wahr sind, sondern sogar der Quell
16 aller Wahrheit, d. i. der Übereinstimmung unserer Erkenntniß mit Objecten,
17 dadurch daß sie den Grund der Möglichkeit der Erfahrung als des
18 Inbegriffes aller Erkenntniß, darin uns Objecte gegeben werden mögen,
19 in sich enthalten, so scheint es uns doch nicht genug, sich bloß dasjenige
20 vortragen zu lassen, was wahr ist, sondern was man zu wissen begehrt.
21 Wenn wir also durch diese kritische Untersuchung nichts mehreres lernen,
22 als was wir im bloß empirischen Gebrauche des Verstandes auch ohne so
23 subtile Nachforschung von selbst wohl würden ausgeübt haben, so scheint
24 es, sei der Vortheil, den man aus ihr zieht, den Aufwand und die Zurüstung
25 nicht werth. Nun kann man zwar hierauf antworten: daß kein
26 Vorwitz der Erweiterung unserer Erkenntniß nachtheiliger sei als der, so [op 297]
27 den Nutzen jederzeit zum voraus wissen will, ehe man sich auf Nachforschungen
28 einläßt, und ehe man noch sich den mindesten Begriff von
29 diesem Nutzen machen könnte, wenn derselbe auch vor Augen gestellt würde.
30 Allein es giebt doch einen Vortheil, der auch dem schwierigsten und unlustigsten
31 Lehrlinge solcher transscendentalen Nachforschung begreiflich
32 und zugleich angelegen gemacht werden kann, nämlich dieser: daß der blo
33 mit seinem empirischen Gebrauche beschäftigte Verstand, der über die
34 Quellen seiner eigenen Erkenntniß nicht nachsinnt, zwar sehr gut fortkommen,
35 eines aber gar nicht leisten könne, nämlich sich selbst die Grenzen
36 seines Gebrauchs zu bestimmen und zu wissen, was innerhalb oder außerhalb
37 seiner ganzen Sphäre liegen mag; denn dazu werden eben die tiefen
[seite 204]
07 Daß also der Verstand von allen seinen Grundsätzen a priori, ja von
08 allen seinen Begriffen keinen andern als empirischen, niemals aber einen
09 transscendentalen Gebrauch machen könne, ist ein Satz, der, wenn er mit [op 298]
10 Überzeugung erkannt werden kann, in wichtige Folgen hinaussieht. Der
11 transscendentale Gebrauch eines Begriffs in irgend einem Grundsatze ist
12 dieser: daß er auf Dinge überhaupt und an sich selbst, der empirische
13 aber, wenn er bloß auf Erscheinungen, d. i. Gegenstände einer möglichen
14 Erfahrung, bezogen wird. Daß aber überall nur der letztere stattfinden
15 könne, ersieht man daraus. Zu jedem Begriff wird erstlich die logische
16 Form eines Begriffs (des Denkens) überhaupt und dann zweitens
17 auch die Möglichkeit, ihm einen Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe,
18 erfordert. Ohne diesen letztern hat er keinen Sinn und ist völlig
19 leer an Inhalt, ob er gleich noch immer die logische Function enthalten
20 mag, aus etwanigen datis einen Begriff zu machen. Nun kann der Gegenstand
21 einem Begriffe nicht anders gegeben werden, als in der Anschauung,
22 und wenn eine reine Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich
23 ist, so kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die objective
24 Gültigkeit nur durch die empirische Anschauung bekommen, wovon
25 sie die bloße Form ist. Also beziehen sich alle Begriffe und mit ihnen alle
26 Grundsätze, so sehr sie auch a priori möglich sein mögen, dennoch auf empirische
27 Anschauungen, d. i. auf data zur möglichen Erfahrung. Ohne
28 dieses haben sie gar keine objective Gültigkeit, sondern sind ein bloßes
29 Spiel, es sei der Einbildungskraft oder des Verstandes, respective mit
30 ihren Vorstellungen. Man nehme nur die Begriffe der Mathematik zum [op 299]
31 Beispiele und zwar erstlich in ihren reinen Anschauungen. Der Raum
32 hat drei Abmessungen, zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade Linie
33 sein etc. Obgleich alle diese Grundsätze und die Vorstellung des Gegenstandes,
34 womit sich jene Wissenschaft beschäftigt, völlig a priori im Gemüth
35 erzeugt werden, so würden sie doch gar nichts bedeuten, könnten wir
36 nicht immer an Erscheinungen (empirischen Gegenständen) ihre Bedeutung
37 darlegen. Daher erfordert man auch, einen abgesonderten Begriff
[seite 205]
14 Daß dieses aber auch der Fall mit allen Kategorien und den daraus
15 gesponnenen Grundsätzen sei, erhellt auch daraus: daß wir sogar keine
16 einzige derselben real definiren, d. i. die Möglichkeit ihres Objects verständlich
17 machen können, ohne uns sofort zu Bedingungen der Sinnlichkeit,
18 mithin der Form der Erscheinungen herabzulassen, als auf welche
19 als ihre einzige Gegenstände sie folglich eingeschränkt sein müssen: weil,
20 wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, d. i. Beziehung
21 aufs Object, wegfällt, und man durch kein Beispiel sich selbst faßlich
22 machen kann, was unter dergleichen Begriffe denn eigentlich für ein Ding
23 gemeint sei.
24 Den Begriff der Größe überhaupt kann niemand erklären, als etwa
25 so: daß sie die Bestimmung eines Dinges sei, dadurch, wie vielmal Eines
26 in ihm gesetzt ist, gedacht werden kann. Allein dieses Wievielmal gründet
27 sich auf die successive Wiederholung, mithin auf die Zeit und die Synthesis
28 (des Gleichartigen) in derselben. Realität kann man im Gegensatze
29 mit der Negation nur alsdann erklären, wenn man sich eine Zeit (als den
30 Inbegriff von allem Sein) gedenkt, die entweder womit erfüllt, oder leer
[seite 206]
[seite 207]
05 Hieraus fließt nun unwidersprechlich: daß die reinen Verstandesbegriffe
06 niemals von transscendentalem, sondern jederzeit nur von
07 empirischem Gebrauche sein können, und daß die Grundsätze des reinen
08 Verstandes nur in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer
09 möglichen Erfahrung auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge
10 überhaupt (ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie anschauen
11 mögen) bezogen werden können.
12 Die transscendentale Analytik hat demnach dieses wichtige Resultat:
13 daß der Verstand a priori niemals mehr leisten könne, als die Form einer
14 möglichen Erfahrung überhaupt zu anticipiren, und da dasjenige, was
15 nicht Erscheinung ist, kein Gegenstand der Erfahrung sein kann, daß er
16 die Schranken der Sinnlichkeit, innerhalb denen uns allein Gegenstände
17 gegeben werden, niemals überschreiten könne. Seine Grundsätze sind blo
18 Principien der Exposition der Erscheinungen, und der stolze Name einer
19 Ontologie, welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische Erkenntnisse
20 a priori in einer systematischen Doctrin zu geben (z. E. den
21 Grundsatz der Causalität), muß dem bescheidenen einer bloßen Analytik
22 des reinen Verstandes Platz machen.
23 Das Denken ist die Handlung, gegebene Anschauung auf einen Gegenstand
24 zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf keinerlei Weise
25 gegeben, so ist der Gegenstand bloß transscendental, und der Verstandesbegriff
26 hat keinen andern als transscendentalen Gebrauch, nämlich die
27 Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen überhaupt. Durch eine reine
28 Kategorie nun, in welcher von aller Bedingung der sinnlichen Anschauung
29 *) Mit einem Worte, alle diese Begriffe lassen sich durch nichts belegen und
30 dadurch ihre reale Möglichkeit darthun, wenn alle sinnliche Anschauung (die einzige,
31 die wir haben) weggenommen wird, und es bleibt dann nur noch die logische
32 Möglichkeit übrig, d. i. daß der Begriff (Gedanke) möglich sei, wovon aber nicht die
33 Rede ist, sondern ob er sich auf ein Object beziehe und also irgend was bedeute.
[seite 208]
16 Es kann daher rathsam sein, sich also auszudrücken: die reinen Kategorien
17 ohne formale Bedingungen der Sinnlichkeit haben bloß transscendentale
18 Bedeutung, sind aber von keinem transscendentalen Gebrauch,
19 weil dieser an sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle Bedingungen irgend
20 eines Gebrauchs (in Urtheilen) abgehen, nämlich die formalen Bedingungen
21 der Subsumtion irgend eines angeblichen Gegenstandes unter
22 diese Begriffe. Da sie also (als bloß reine Kategorien) nicht von empirischem
23 Gebrauche sein sollen und von transscendentalem nicht sein können,
24 so sind sie von gar keinem Gebrauche, wenn man sie von aller Sinnlichkeit
25 absondert, d. i. sie können auf gar keinen angeblichen Gegenstand angewandt
26 werden; vielmehr sind sie bloß die reine Form des Verstandesgebrauchs
27 in Ansehung der Gegenstände überhaupt und des Denkens,
28 ohne doch durch sie allein irgend ein Object denken oder bestimmen zu
29 können.
30 Es liegt indessen hier eine schwer zu vermeidende Täuschung zum
31 Grunde. Die Kategorien gründen sich ihrem Ursprunge nach nicht auf
32 Sinnlichkeit wie die Anschauungsformen, Raum und Zeit, scheinen
33 also eine über alle Gegenstände der Sinne erweiterte Anwendung zu verstatten.
[seite 209]
20 Gleich anfangs aber zeigt sich hier eine Zweideutigkeit, welche großen
21 Mißverstand veranlassen kann: daß, da der Verstand, wenn er einen Gegenstand
22 in einer Beziehung bloß Phänomen nennt, er sich zugleich außer
23 dieser Beziehung noch eine Vorstellung von einem Gegenstande an sich [op 307]
24 selbst macht und sich daher vorstellt, er könne sich auch von dergleichen
25 Gegenstande Begriffe machen, und, da der Verstand keine andere als
26 die Kategorien liefert, der Gegenstand in der letzteren Bedeutung wenigstens
27 durch diese reine Verstandesbegriffe müsse gedacht werden können,
28 dadurch aber verleitet wird, den ganz unbestimmten Begriff von einem
29 Verstandeswesen als einem Etwas überhaupt außer unserer Sinnlichkeit
30 für einen bestimmten Begriff von einem Wesen, welches wir durch den
31 Verstand auf einige Art erkennen könnten, zu halten.
32 Wenn wir unter Noumenon ein Ding verstehen, so fern es nicht
33 Object unserer sinnlichen Anschauung ist, indem wir von unserer
34 Anschauungsart desselben abstrahiren, so ist dieses ein Noumenon im negativen
35 Verstande. Verstehen wir aber darunter ein Object einer
36 nichtsinnlichen Anschauung, so nehmen wir eine besondere Anschauungsart
37 an, nämlich die intellectuelle, die aber nicht die unsrige ist, von
[seite 210]
03 Die Lehre von der Sinnlichkeit ist nun zugleich die Lehre von den
04 Noumenen im negativen Verstande, d. i. von Dingen, die der Verstand
05 sich ohne diese Beziehung auf unsere Anschauungsart, mithin nicht blo
06 als Erscheinungen, sondern als Dinge an sich selbst denken muß, von
07 denen er aber in dieser Absonderung zugleich begreift, daß er von seinen [op 308]
08 Kategorien in dieser Art sie zu erwägen keinen Gebrauch machen könne:
09 weil, da diese nur in Beziehung auf die Einheit der Anschauungen in
10 Raum und Zeit Bedeutung haben, sie eben diese Einheit auch nur wegen
11 der bloßen Idealität des Raums und der Zeit durch allgemeine Verbindungsbegriffe
12 a priori bestimmen können. Wo diese Zeiteinheit nicht angetroffen
13 werden kann, mithin beim Noumenon, da hört der ganze Gebrauch,
14 ja selbst alle Bedeutung der Kategorien völlig auf; denn selbst die
15 Möglichkeit der Dinge, die den Kategorien entsprechen sollen, läßt sich
16 gar nicht einsehen, weshalb ich mich nur auf das berufen darf, was ich in
17 der allgemeinen Anmerkung zum vorigen Hauptstücke gleich zu Anfang
18 anführte. Nun kann aber die Möglichkeit eines Dinges niemals bloß aus
19 dem Nichtwidersprechen eines Begriffs desselben, sondern nur dadurch,
20 daß man diesen durch eine ihm correspondirende Anschauung belegt, bewiesen
21 werden. Wenn wir also die Kategorien auf Gegenstände, die nicht
22 als Erscheinungen betrachtet werden, anwenden wollten, so müßten wir
23 eine andere Anschauung als die sinnliche zum Grunde legen, und alsdann
24 wäre der Gegenstand ein Noumenon in positiver Bedeutung. Da nun
25 eine solche, nämlich die intellectuelle Anschauung, schlechterdings außer
26 unserem Erkenntnißvermögen liegt, so kann auch der Gebrauch der Kategorien
27 keinesweges über die Grenze der Gegenstände der Erfahrung hinausreichen;
28 und den Sinnenwesen correspondiren zwar freilich Verstandeswesen, [op 309]
29 auch mag es Verstandeswesen geben, auf welche unser sinnliches
30 Anschauungsvermögen gar keine Beziehung hat, aber unsere Verstandesbegriffe,
31 als bloße Gedankenformen für unsere sinnliche Anschauung, reichen
32 nicht im mindesten auf diese hinaus; was also von uns Noumenon genannt
33 wird, muß als ein solches nur in negativer Bedeutung verstanden
34 werden.
35 Wenn ich alles Denken (durch Kategorien) aus einer empirischen Erkenntni
[seite 211]
15 Ich nenne einen Begriff problematisch, der keinen Widerspruch enthält,
16 der auch als eine Begrenzung gegebener Begriffe mit andern Erkenntnissen
17 zusammenhängt, dessen objective Realität aber auf keine Weise
18 erkannt werden kann. Der Begriff eines Noumenon, d. i. eines Dinges,
19 welches gar nicht als Gegenstand der Sinne, sondern als ein Ding an sich
20 selbst (lediglich durch einen reinen Verstand) gedacht werden soll, ist gar
21 nicht widersprechend; denn man kann von der Sinnlichkeit doch nicht behaupten,
22 daß sie die einzige mögliche Art der Anschauung sei. Ferner ist
23 dieser Begriff nothwendig, um die sinnliche Anschauung nicht bis über die
24 Dinge an sich selbst auszudehnen und also um die objective Gültigkeit der
25 sinnlichen Erkenntniß einzuschränken (denn die übrigen, worauf jene nicht
26 reicht, heißen eben darum Noumena, damit man dadurch anzeige, jene Erkenntnisse
27 können ihr Gebiet nicht über alles, was der Verstand denkt, erstrecken).
28 am Ende aber ist doch die Möglichkeit solcher Noumenorum gar
29 nicht einzusehen, und der Umfang außer der Sphäre der Erscheinungen ist
30 (für uns) leer, d. i. wir haben einen Verstand, der sich problematisch
31 weiter erstreckt als jene, aber keine Anschauung, ja auch nicht einmal den
32 Begriff von einer möglichen Anschauung, wodurch uns außer dem Felde
33 der Sinnlichkeit Gegenstände gegeben und der Verstand über dieselbe hinaus
34 assertorisch gebraucht werden könne. Der Begriff eines Noumenon [op 311]
35 ist also bloß ein Grenzbegriff, um die Anmaßung der Sinnlichkeit einzuschränken,
36 und also nur von negativem Gebrauche. Er ist aber gleichwohl
37 nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der Einschränkung der
[seite 212]
03 Die Eintheilung der Gegenstände in Phaenomena und Noumena und
04 der Welt in eine Sinnen= und Verstandeswelt kann daher in positiver
05 Bedeutung gar nicht zugelassen werden, obgleich Begriffe allerdings
06 die Eintheilung in sinnliche und intellectuelle zulassen; denn man kann den
07 letzteren keinen Gegenstand bestimmen und sie also auch nicht für objectiv
08 gültig ausgeben. Wenn man von den Sinnen abgeht, wie will man begreiflich
09 machen, daß unsere Kategorien (welche die einzigen übrig bleibenden
10 Begriffe für Noumena sein würden) noch überall etwas bedeuten, da
11 zu ihrer Beziehung auf irgend einen Gegenstand noch etwas mehr als blo
12 die Einheit des Denkens, nämlich überdem eine mögliche Anschauung, gegeben
13 sein muß, darauf jene angewandt werden können? Der Begriff eines
14 Noumeni , bloß problematisch genommen, bleibt demungeachtet nicht allein
15 zulässig, sondern auch, als ein die Sinnlichkeit in Schranken setzender Begriff,
16 unvermeidlich. Aber alsdann ist das nicht ein besonderer intelligibeler
17 Gegenstand für unsern Verstand, sondern ein Verstand, für den
18 es gehörte, ist selbst ein Problema, nämlich nicht discursiv, durch Kategorien, [op 312]
19 sondern intuitiv, in einer nichtsinnlichen Anschauung, seinen Gegenstand
20 zu erkennen, als von welchem wir uns nicht die geringste Vorstellung
21 seiner Möglichkeit machen können. Unser Verstand bekommt nun auf diese
22 Weise eine negative Erweiterung, d. i. er wird nicht durch die Sinnlichkeit
23 eingeschränkt, sondern schränkt vielmehr dieselbe ein, dadurch daß er Dinge
24 an sich selbst (nicht als Erscheinungen betrachtet) Noumena nennt. Aber
25 er setzt sich auch sofort selbst Grenzen, sie durch keine Kategorien zu erkennen,
26 mithin sie nur unter dem Namen eines unbekannten Etwas zu
27 denken.
28 Ich finde indessen in den Schriften der Neueren einen ganz andern
29 Gebrauch der Ausdrücke eines mundi sensibilis und intelligibilis ,*) der
30 *) Man muß nicht statt dieses Ausdrucks den einer intellectuellen Welt,
31 wie man im deutschen Vortrage gemeinhin zu thun pflegt, brauchen; denn intellectuell
32 oder sensitiv sind nur die Erkenntnisse. Was aber nur ein Gegenstand
33 der einen oder der anderen Anschauungsart sein kann, die Objecte also, müssen (unerachtet
34 der Härte des Lauts) intelligibel oder sensibel heißen.
[seite 213]
22 Wenn wir denn also sagen: die Sinne stellen uns die Gegenstände
23 vor, wie sie erscheinen, der Verstand aber, wie sie sind, so ist das
24 letztere nicht in transscendentaler, sondern bloß empirischer Bedeutung zu
25 nehmen, nämlich wie sie als Gegenstände der Erfahrung im durchgängigen [op 314]
26 Zusammenhange der Erscheinungen müssen vorgestellt werden und nicht
27 nach dem, was sie außer der Beziehung auf mögliche Erfahrung und folglich
28 auf Sinne überhaupt, mithin als Gegenstände des reinen Verstandes
29 sein mögen. Denn dieses wird uns immer unbekannt bleiben, so gar, da
30 es auch unbekannt bleibt, ob eine solche transscendentale (außerordentliche)
31 Erkenntniß überall möglich sei, zum wenigsten als eine solche, die unter
32 unseren gewöhnlichen Kategorien steht. Verstand und Sinnlichkeit
33 können bei uns nur in Verbindung Gegenstände bestimmen. Wenn
34 wir sie trennen, so haben wir Anschauungen ohne Begriffe, oder Begriffe
35 ohne Anschauungen, in beiden Fällen aber Vorstellungen, die wir auf
36 keinen bestimmten Gegenstand beziehen können.
37 Wenn jemand noch Bedenken trägt, auf alle diese Erörterungen dem
[seite 214]
33 Die Überlegung ( reflexio ) hat es nicht mit den Gegenständen selbst
34 zu thun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der Zustand
[seite 215]
32 Vor allen objectiven Urtheilen vergleichen wir die Begriffe, um auf
33 die Einerleiheit (vieler Vorstellungen unter einem Begriffe) zum Behuf
34 der allgemeinen Urtheile, oder die Verschiedenheit derselben zu Erzeugung [op 318]
35 besonderer, auf die Einstimmung, daraus bejahende, und
[seite 216]
29 1. Einerleiheit und Verschiedenheit.Wenn uns ein Gegenstand
30 mehrmals, jedesmal aber mit eben denselben innern Bestimmungen
31 ( qualitas et quantitas ) dargestellt wird, so ist derselbe, wenn er als Gegenstand
32 des reinen Verstandes gilt, immer eben derselbe und nicht viel, sondern
33 nur Ein Ding ( numerica identitas ); ist er aber Erscheinung, so
34 kommt es auf die Vergleichung der Begriffe gar nicht an, sondern so sehr
35 auch in Ansehung derselben alles einerlei sein mag, ist doch die Verschiedenheit
36 der Örter dieser Erscheinung zu gleicher Zeit ein genugsamer
37 Grund der numerischen Verschiedenheit des Gegenstandes (der Sinne)
[seite 217]
19 2. Einstimmung und Widerstreit.Wenn Realität nur durch den
20 reinen Verstand vorgestellt wird ( realitas noumenon ), so läßt sich zwischen
21 den Realitäten kein Widerstreit denken, d. i. ein solches Verhältniß, da
22 sie, in einem Subject verbunden, einander ihre Folgen aufheben, und
23 3-3 = 0 sei. Dagegen kann das Reale in der Erscheinung ( realitas [op 321]
24 phaenomenon ) unter einander allerdings im Widerstreit sein und, vereint
25 in demselben Subject, eines die Folge des andern ganz oder zum Theil
26 vernichten, wie zwei bewegende Kräfte in derselben geraden Linie, sofern
27 sie einen Punkt in entgegengesetzter Richtung entweder ziehen oder drücken,
28 oder auch ein Vergnügen, was dem Schmerze die Wage hält.
29 3. Das Innere und Äußere.An einem Gegenstande des reinen
30 Verstandes ist nur dasjenige innerlich, welches gar keine Beziehung (dem
31 Dasein nach) auf irgend etwas von ihm Verschiedenes hat. Dagegen sind
32 die innern Bestimmungen einer substantia phaenomenon im Raume
33 nichts als Verhältnisse und sie selbst ganz und gar ein Inbegriff von lauter
34 Relationen. Die Substanz im Raume kennen wir nur durch Kräfte,
35 die in demselben wirksam sind, entweder andere dahin zu treiben (Anziehung),
36 oder vom Eindringen in ihn abzuhalten (Zurückstoßung und
37 Undurchdringlichkeit); andere Eigenschaften kennen wir nicht, die den Begriff
[seite 218]
12 4. Materie und Form.Dieses sind zwei Begriffe, welche aller
13 andern Reflexion zum Grunde gelegt werden, so sehr sind sie mit jedem
14 Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden. Der erstere bedeutet
15 das Bestimmbare überhaupt, der zweite dessen Bestimmung (beides in
16 transscendentalem Verstande, da man von allem Unterschiede dessen, was
17 gegeben wird, und der Art, wie es bestimmt wird, abstrahirt). Die Logiker
18 nannten ehedem das Allgemeine die Materie, den specifischen Unterschied
19 aber die Form. In jedem Urtheile kann man die gegebenen Begriffe logische
20 Materie (zum Urtheile), das Verhältniß derselben (vermittelst der
21 Copula) die Form des Urtheils nennen. In jedem Wesen sind die Bestandstücke
22 desselben ( essentialia ) die Materie, die Art, wie sie in einem
23 Dinge verknüpft sind, die wesentliche Form. Auch wurde in Ansehung
24 der Dinge überhaupt unbegrenzte Realität als die Materie aller Möglichkeit,
25 Einschränkung derselben aber (Negation) als diejenige Form angesehen,
26 wodurch sich ein Ding vom andern nach transscendentalen Begriffen
27 unterscheidet. Der Verstand nämlich verlangt zuerst, daß etwas gegeben [op 323]
28 sei (wenigstens im Begriffe), um es auf gewisse Art bestimmen zu können.
29 Daher geht im Begriffe des reinen Verstandes die Materie der Form
30 vor, und LeibnizPI nahm um deswillen zuerst Dinge an (Monaden) und
31 innerlich eine Vorstellungskraft derselben, um darnach das äußere Verhältni
32 derselben und die Gemeinschaft ihrer Zustände (nämlich der Vorstellungen)
33 darauf zu gründen. Daher waren Raum und Zeit, jener nur
34 durch das Verhältniß der Substanzen, diese durch die Verknüpfung der
35 Bestimmungen derselben unter einander als Gründe und Folgen möglich.
36 So würde es auch in der That sein müssen, wenn der reine Verstand unmittelbar
37 auf Gegenstände bezogen werden könnte, und wenn Raum und
[seite 219]
20 Man erlaube mir, die Stelle, welche wir einem Begriffe entweder in
21 der Sinnlichkeit, oder im reinen Verstande ertheilen, den transscendentalen
22 Ort zu nennen. Auf solche Weise wäre die Beurtheilung dieser
23 Stelle, die jedem Begriffe nach Verschiedenheit seines Gebrauchs zukommt,
24 und die Anweisung nach Regeln, diesen Ort allen Begriffen zu bestimmen,
25 die transscendentale Topik; eine Lehre, die vor Erschleichungen des
26 reinen Verstandes und daraus entspringenden Blendwerken gründlich bewahren
27 würde, indem sie jederzeit unterschiede, welcher Erkenntnißkraft
28 die Begriffe eigentlich angehören. Man kann einen jeden Begriff, einen
29 jeden Titel, darunter viele Erkenntnisse gehören, einen logischen Ort
30 nennen. Hierauf gründet sich die logische Topik des AristotelesPI, deren
31 sich Schullehrer und Redner bedienen konnten, um unter gewissen Titeln [op 325]
32 des Denkens nachzusehen, was sich am besten für eine vorliegende Materie
33 schickte, und darüber mit einem Schein von Gründlichkeit zu vernünfteln,
34 oder wortreich zu schwatzen.
[seite 220]
11 Die Begriffe können logisch verglichen werden, ohne sich darum zu
12 bekümmern, wohin ihre Objecte gehören, ob als Noumena vor den Verstand,
13 oder als Phänomena vor die Sinnlichkeit. Wenn wir aber mit diesen
14 Begriffen zu den Gegenständen gehen wollen, so ist zuvörderst transscendentale
15 Überlegung nöthig, für welche Erkenntnißkraft sie Gegenstände
16 sein sollen, ob für den reinen Verstand, oder die Sinnlichkeit. Ohne diese
17 Überlegung mache ich einen sehr unsicheren Gebrauch von diesen Begriffen, [op 326]
18 und es entspringen vermeinte synthetische Grundsätze, welche die kritische
19 Vernunft nicht anerkennen kann, und die sich lediglich auf einer transscendentalen
20 Amphibolie, d. i. einer Verwechselung des reinen Verstandesobjects
21 mit der Erscheinung, gründen.
22 In Ermangelung einer solchen transscendentalen Topik und mithin
23 durch die Amphibolie der Reflexionsbegriffe hintergangen, errichtete der
24 berühmte LeibnizPI ein intellectuelles System der Welt, oder glaubte
25 vielmehr der Dinge innere Beschaffenheit zu erkennen, indem er alle Gegenstände
26 nur mit dem Verstande und den abgesonderten formalen Begriffen
27 seines Denkens verglich. Unsere Tafel der Reflexionsbegriffe schafft
28 uns den unerwarteten Vortheil, das Unterscheidende seines Lehrbegriffs in
29 allen seinen Theilen und zugleich den leitenden Grund dieser eigenthümlichen
30 Denkungsart vor Augen zu legen, der auf nichts als einem Mißverstande
31 beruhte. Er verglich alle Dinge bloß durch Begriffe mit einander
32 und fand, wie natürlich, keine andere Verschiedenheiten als die,
33 durch welche der Verstand seine reinen Begriffe von einander unterscheidet.
34 Die Bedingungen der sinnlichen Anschauung, die ihre eigene Unterschiede
35 bei sich führen, sah er nicht für ursprünglich an; denn die Sinnlichkeit
36 war ihm nur eine verworrene Vorstellungsart und kein besonderer Quell
37 der Vorstellungen; Erscheinung war ihm die Vorstellung des Dinges
[seite 221]
16 LeibnizPI verglich demnach die Gegenstände der Sinne als Dinge
17 überhaupt bloß im Verstande unter einander. Erstlich, so fern sie von
18 diesem als einerlei oder verschieden geurtheilt werden sollen. Da er also
19 lediglich ihre Begriffe und nicht ihre Stelle in der Anschauung, darin die
20 Gegenstände allein gegeben werden können, vor Augen hatte und den
21 transscendentalen Ort dieser Begriffe (ob das Object unter Erscheinungen,
22 oder unter Dinge an sich selbst zu zählen sei) gänzlich aus der Acht ließ, [op 328]
23 so konnte es nicht anders ausfallen, als daß er seinen Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden,
24 der bloß von Begriffen der Dinge überhaupt gilt, auch
25 auf die Gegenstände der Sinne ( mundus phaenomenon ) ausdehnte und
26 der Naturerkenntniß dadurch keine geringe Erweiterung verschafft zu haben
27 glaubte. Freilich, wenn ich einen Tropfen Wasser als ein Ding an
28 sich selbst nach allen seinen innern Bestimmungen kenne, so kann ich keinen
29 derselben von dem andern für verschieden gelten lassen, wenn der ganze
30 Begriff desselben mit ihm einerlei ist. Ist er aber Erscheinung im Raume,
31 so hat er seinen Ort nicht bloß im Verstande (unter Begriffen), sondern
32 in der sinnlichen äußeren Anschauung (im Raume); und da sind die physischen
33 Örter in Ansehung der inneren Bestimmungen der Dinge ganz
34 gleichgültig, und ein Ort = b kann ein Ding, welches einem andern in
35 dem Orte = a völlig ähnlich und gleich ist, eben sowohl aufnehmen, als
36 wenn es von diesem noch so sehr innerlich verschieden wäre. Die Verschiedenheit
37 der Örter macht die Vielheit und Unterscheidung der Gegenstände
[seite 222]
05 Zweitens, der Grundsatz: daß Realitäten (als bloße Bejahungen)
06 einander niemals logisch widerstreiten, ist ein ganz wahrer Satz von dem [op 329]
07 Verhältnisse der Begriffe, bedeutet aber weder in Ansehung der Natur,
08 noch überall in Ansehung irgend eines Dinges an sich selbst (von diesem
09 haben wir keinen Begriff) das mindeste. Denn der reale Widerstreit
10 findet allerwärts statt, wo A-B = 0 ist, d. i. wo eine Realität, mit der
11 andern in einem Subject verbunden, eine die Wirkung der andern aufhebt,
12 welches alle Hindernisse und Gegenwirkungen in der Natur unaufhörlich
13 vor Augen legen, die gleichwohl, da sie auf Kräften beruhen, realitates
14 phaenomena genannt werden müssen. Die allgemeine Mechanik
15 kann sogar die empirische Bedingung dieses Widerstreits in einer Regel
16 a priori angeben, indem sie auf die Entgegensetzung der Richtungen sieht:
17 eine Bedingung, von welcher der transscendentale Begriff der Realität
18 gar nichts weiß. Obzwar Herr von LeibnizPI diesen Satz nicht eben mit
19 dem Pomp eines neuen Grundsatzes ankündigte, so bediente er sich doch
20 desselben zu neuen Behauptungen, und seine Nachfolger trugen ihn ausdrücklich
21 in ihre LeibnizPI=Wolffianische Lehrgebäude ein. Nach diesem
22 Grundsatze sind z. E. alle Übel nichts als Folgen von den Schranken der
23 Geschöpfe, d. i. Negationen, weil diese das einzige Widerstreitende der
24 Realität sind (in dem bloßen Begriffe eines Dinges überhaupt ist es auch
25 wirklich so, aber nicht in den Dingen als Erscheinungen). Imgleichen
26 finden die Anhänger desselben es nicht allein möglich, sondern auch natürlich, [op 330]
27 alle Realität ohne irgend einen besorglichen Widerstreit in einem
28 Wesen zu vereinigen, weil sie keinen andern als den des Widerspruchs
29 (durch den der Begriff eines Dinges selbst aufgehoben wird), nicht aber
30 den des wechselseitigen Abbruchs kennen, da ein Realgrund die Wirkung
31 des andern aufhebt, und dazu wir nur in der Sinnlichkeit die Bedingungen
32 antreffen, uns einen solchen vorzustellen.
33 Drittens, die LeibnizischePI Monadologie hat gar keinen andern
34 Grund, als daß dieser Philosoph den Unterschied des Inneren und Äußeren
35 bloß im Verhältniß auf den Verstand vorstellte. Die Substanzen
[seite 223]
12 Eben darum mußte aber auch sein Principium der möglichen Gemeinschaft [op 331]
13 der Substanzen unter einander eine vorherbestimmte
14 Harmonie und konnte kein physischer Einfluß sein. Denn weil alles nur
15 innerlich, d. i. mit seinen Vorstellungen beschäftigt ist, so konnte der Zustand
16 der Vorstellungen der einen mit dem der andern Substanz in ganz
17 und gar keiner wirksamen Verbindung stehen, sondern es mußte irgend
18 eine dritte und in alle insgesammt einfließende Ursache ihre Zustände
19 einander correspondirend machen, zwar nicht eben durch gelegentlichen
20 und in jedem einzelnen Falle besonders angebrachten Beistand ( Systema
21 assistentiae ), sondern durch die Einheit der Idee einer für alle gültigen
22 Ursache, in welcher sie insgesammt ihr Dasein und Beharrlichkeit, mithin
23 auch wechselseitige Correspondenz unter einander nach allgemeinen Gesetzen
24 bekommen müssen.
25 Viertens, der berühmte Lehrbegriff desselben von Zeit und
26 Raum, darin er diese Formen der Sinnlichkeit intellectuirte, war lediglich
27 aus eben derselben Täuschung der transscendentalen Reflexion entsprungen.
28 Wenn ich mir durch den bloßen Verstand äußere Verhältnisse
29 der Dinge vorstellen will, so kann dieses nur vermittelst eines Begriffs
30 ihrer wechselseitigen Wirkung geschehen, und soll ich einen Zustand eben
31 desselben Dinges mit einem andern Zustande verknüpfen, so kann dieses
32 nur in der Ordnung der Gründe und Folgen geschehen. So dachte sich
33 also LeibnizPI den Raum als eine gewisse Ordnung in der Gemeinschaft
34 der Substanzen und die Zeit als die dynamische Folge ihrer Zustände. [op 332]
35 Das Eigenthümliche aber und von Dingen Unabhängige, was beide an
36 sich zu haben scheinen, schrieb er der Verworrenheit dieser Begriffe zu,
37 welche machte, daß dasjenige, was eine bloße Form dynamischer Verhältnisse
[seite 224]
11 Wenn wir aber auch von Dingen an sich selbst etwas durch den
12 reinen Verstand synthetisch sagen könnten (welches gleichwohl unmöglich
13 ist), so würde dieses doch gar nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge
14 an sich selbst vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem
15 letzteren Falle in der transscendentalen Überlegung meine Begriffe jederzeit
16 nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit vergleichen müssen, und
17 so werden Raum und Zeit nicht Bestimmungen der Dinge an sich, sondern
18 der Erscheinungen sein: was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich [op 333]
19 nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein
20 Ding anders als in der Erscheinung vorkommen kann.
21 So verfahre ich auch mit den übrigen Reflexionsbegriffen. Die Materie
22 ist substantia phaenomenon . Was ihr innerlich zukomme, suche ich
23 in allen Theilen des Raumes, den sie einnimmt, und in allen Wirkungen,
24 die sie ausübt, und die freilich nur immer Erscheinungen äußerer Sinne
25 sein können. Ich habe also zwar nichts Schlechthin=, sondern lauter Comparativ
26 Innerliches,das selber wiederum aus äußeren Verhältnissen besteht.
27 Allein das schlechthin, dem reinen Verstande nach, Innerliche der
28 Materie ist auch eine bloße Grille; denn diese ist überall kein Gegenstand
29 für den reinen Verstand; das transscendentale Object aber, welches der
30 Grund dieser Erscheinung sein mag, die wir Materie nennen, ist ein bloßes
31 Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn
32 es uns auch jemand sagen könnte. Denn wir können nichts verstehen,
33 als was ein unsern Worten Correspondirendes in der Anschauung mit sich
34 führt. Wenn die Klagen: Wir sehen das Innere der Dinge gar
35 nicht ein, so viel bedeuten sollen als: wir begreifen nicht durch den reinen
36 Verstand, was die Dinge, die uns erscheinen, an sich sein mögen: so sind
37 sie ganz unbillig und unvernünftig; denn sie wollen, daß man ohne
[seite 225]
20 Was diese Kritik der Schlüsse aus den bloßen Handlungen der Reflexion
21 überaus nützlich macht, ist: daß sie die Nichtigkeit aller Schlüsse
22 über Gegenstände, die man lediglich im Verstande mit einander vergleicht, [op 335]
23 deutlich darthut und dasjenige zugleich bestätigt, was wir hauptsächlich
24 eingeschärft haben: daß, obgleich Erscheinungen nicht als Dinge an sich
25 selbst unter den Objecten des reinen Verstandes mit Begriffen sind, sie
26 doch die einzigen sind, an denen unsere Erkenntniß objective Realität haben
27 kann, nämlich wo den Begriffen Anschauung entspricht.
28 Wenn wir bloß logisch reflectiren, so vergleichen wir lediglich unsere
29 Begriffe unter einander im Verstande, ob beide eben dasselbe enthalten,
30 ob sie sich widersprechen oder nicht, ob etwas in dem Begriffe innerlich enthalten
31 sei, oder zu ihm hinzukomme, und welcher von beiden gegeben, welcher
32 aber nur als eine Art, den gegebenen zu denken, gelten soll. Wende
33 ich aber diese Begriffe auf einen Gegenstand überhaupt (im transscendentalen
34 Verstande) an, ohne diesen weiter zu bestimmen, ob er ein Gegenstand
35 der sinnlichen oder intellectuellen Anschauung sei, so zeigen sich sofort
[seite 226]
20 Die Begriffe der Reflexion haben, wie wir gezeigt haben, durch eine
21 gewisse Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandesgebrauch,
22 daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter allen Philosophen zu einem
23 vermeinten System intellectueller Erkenntniß, welches seine Gegenstände
24 ohne Dazukunft der Sinne zu bestimmen unternimmt, zu verleiten im
25 Stande gewesen. Eben um deswillen ist die Entwickelung der täuschenden
26 Ursache der Amphibolie dieser Begriffe in Veranlassung falscher Grundsätze
27 von großem Nutzen, die Grenzen des Verstandes zuverlässig zu bestimmen
28 und zu sichern.
29 Man muß zwar sagen: was einem Begriff allgemein zukommt oder
30 widerspricht, das kommt auch zu oder widerspricht allem Besondern, was
31 unter jenem Begriff enthalten ist ( dictum de Omni et Nullo ); es wäre
32 aber ungereimt, diesen logischen Grundsatz dahin zu verändern, daß er so
33 lautete: was in einem allgemeinen Begriffe nicht enthalten ist, das ist
34 auch in den besonderen nicht enthalten, die unter demselben stehen; denn
[seite 227]
06 Der Satz des Nichtzuunterscheidenden gründete sich eigentlich auf der
07 Voraussetzung: daß, wenn in dem Begriffe von einem Dinge überhaupt
08 eine gewisse Unterscheidung nicht angetroffen wird, so sei sie auch nicht in
09 den Dingen selbst anzutreffen; folglich seien alle Dinge völlig einerlei
10 ( numero eadem ), die sich nicht schon in ihrem Begriffe (der Qualität oder
11 Quantität nach) von einander unterscheiden. Weil aber bei dem bloßen
12 Begriffe von irgend einem Dinge von manchen nothwendigen Bedingungen
13 einer Anschauung abstrahirt worden, so wird durch eine sonderbare
14 Übereilung das, wovon abstrahirt wird, dafür genommen, daß es überall [op 338]
15 nicht anzutreffen sei, und dem Dinge nichts eingeräumt, als was in seinem
16 Begriffe enthalten ist.
17 Der Begriff von einem Kubikfuße Raum, ich mag mir diesen denken,
18 wo und wie oft ich wolle, ist an sich völlig einerlei. Allein zwei Kubikfüße
19 sind im Raume dennoch bloß durch ihre Örter unterschieden ( numero
20 diversa ); diese sind Bedingungen der Anschauung, worin das Object dieses
21 Begriffs gegeben wird, die nicht zum Begriffe, aber doch zur ganzen Sinnlichkeit
22 gehören. Gleichergestalt ist in dem Begriffe von einem Dinge
23 gar kein Widerstreit, wenn nichts Verneinendes mit einem bejahenden
24 verbunden worden, und bloß bejahende Begriffe können in Verbindung
25 gar keine Aufhebung bewirken. Allein in der sinnlichen Anschauung, darin
26 Realität (z. B. Bewegung) gegeben wird, finden sich Bedingungen
27 (entgegengesetzte Richtungen), von denen im Begriffe der Bewegung überhaupt
28 abstrahirt war, die einen Widerstreit, der freilich nicht logisch ist,
29 nämlich aus lauter Positivem ein Zero = 0, möglich machen; und man
30 konnte nicht sagen: daß darum alle Realität unter einander in Einstimmung
31 sei, weil unter ihren Begriffen kein Widerstreit angetroffen wird.*)
32 *) Wollte man sich hier der gewöhnlichen Ausflucht bedienen, daß wenigstens
33 realitates noumena einander nicht entgegen wirken können: so müßte man doch
34 ein Beispiel von dergleichen reiner und sinnenfreier Realität anführen, damit man
35 verstände, ob eine solche überhaupt etwas oder gar nichts vorstelle. Aber es kann
36 kein Beispiel woher anders, als aus der Erfahrung genommen werden, die niemals'
34 mehr als Phaenomena darbietet, und so bedeutet dieser Satz nichts weiter, als da
35 der Begriff, der lauter Bejahungen enthält, nichts verneinendes enthalte; ein Satz,
36 an dem wir niemals gezweifelt haben.
[seite 228]
[seite 229]
30 Wenn wir unter bloß intelligibelen Gegenständen diejenigen Dinge
31 verstehen, die durch reine Kategorien ohne alles Schema der Sinnlichkeit
32 gedacht werden, so sind dergleichen unmöglich. Denn die Bedingung des
33 objectiven Gebrauchs aller unserer Verstandesbegriffe ist bloß die Art unserer
34 sinnlichen Anschauung, wodurch uns Gegenstände gegeben werden,
35 und wenn wir von der letzteren abstrahiren, so haben die erstern gar keine
36 Beziehung auf irgend ein Object. Ja wenn man auch eine andere Art der
37 Anschauung, als diese unsere sinnliche ist, annehmen wollte, so würden
[seite 230]
[seite 231]
03 Der Verstand begrenzt demnach die Sinnlichkeit, ohne darum sein
04 eigenes Feld zu erweitern, und indem er jene warnt, daß sie sich nicht anmaße,
05 auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Erscheinungen,
06 so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als
07 transscendentales Object, das die Ursache der Erscheinung (mithin selbst
08 nicht Erscheinung) ist und weder als Größe, noch als Realität, noch als
09 Substanz etc. gedacht werden kann (weil diese Begriffe immer sinnliche
10 Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen); wovon also
11 völlig unbekannt ist, ob es in uns oder auch außer uns anzutreffen sei, ob [op 345]
12 es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden oder, wenn wir jene
13 wegnehmen, noch übrig bleiben würde. Wollen wir dieses Object Noumenon
14 nennen, darum weil die Vorstellung von ihm nicht sinnlich ist, so
15 steht dieses uns frei. Da wir aber keine von unseren Verstandesbegriffen
16 darauf anwenden können, so bleibt diese Vorstellung doch für uns leer und
17 dient zu nichts, als die Grenzen unserer sinnlichen Erkenntniß zu bezeichnen
18 und einen Raum übrig zu lassen, den wir weder durch mögliche Erfahrung,
19 noch durch den reinen Verstand ausfüllen können.
20 Die Kritik dieses reinen Verstandes erlaubt es also nicht, sich ein
21 neues Feld von Gegenständen außer denen, die ihm als Erscheinungen
22 vorkommen können, zu schaffen und in intelligibele Welten, sogar nicht
23 einmal in ihren Begriff auszuschweifen. Der Fehler, welcher hiezu auf
24 die allerscheinbarste Art verleitet und allerdings entschuldigt, obgleich nicht
25 gerechtfertigt werden kann, liegt darin: daß der Gebrauch des Verstandes
26 wider seine Bestimmung transscendental gemacht, und die Gegenstände,
27 d. i. mögliche Anschauungen, sich nach Begriffen, nicht aber Begriffe sich
28 nach möglichen Anschauungen (als auf denen allein ihre objective Gültigkeit
29 beruht) richten müssen. Die Ursache hievon aber ist wiederum: da
30 die Apperception und mit ihr das Denken vor aller möglichen bestimmten
31 Anordnung der Vorstellungen vorhergeht. Wir denken also Etwas überhaupt [op 346]
32 und bestimmen es einerseits sinnlich, allein unterscheiden doch den
33 allgemeinen und in abstracto vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn
34 anzuschauen; da bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu bestimmen,
35 übrig, welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist, uns
36 aber dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Object an sich existire
[seite 232]
03 Ehe wir die transscendentale Analytik verlassen, müssen wir noch
04 etwas hinzufügen, was, obgleich an sich von nicht sonderlicher Erheblichkeit,
05 dennoch zur Vollständigkeit des Systems erforderlich scheinen dürfte.
06 Der höchste Begriff, von dem man eine Transscendentalphilosophie anzufangen
07 pflegt, ist gemeiniglich die Eintheilung in das Mögliche und Unmögliche.
08 Da aber alle Eintheilung einen eingetheilten Begriff voraussetzt,
09 so muß noch ein höherer angegeben werden, und dieser ist der Begriff
10 von einem Gegenstande überhaupt (problematisch genommen und unausgemacht,
11 ob er Etwas oder Nichts sei). Weil die Kategorien die einzigen
12 Begriffe sind, die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen, so wird die
13 Unterscheidung eines Gegenstandes, ob er Etwas oder Nichts sei, nach der
14 Ordnung und Anweisung der Kategorien fortgehen.
15 1) Den Begriffen von Allem, Vielem und Einem ist der, so alles
16 aufhebt, d. i. Keines, entgegengesetzt, und so ist der Gegenstand
17 eines Begriffs, dem gar keine anzugebende Anschauung correspondirt,
18 = Nichts, d. i. ein Begriff ohne Gegenstand, wie die Noumena,
19 die nicht unter die Möglichkeiten gezählt werden können,
20 obgleich auch darum nicht für unmöglich ausgegeben werden
21 müssen ( ens rationis ), oder wie etwa gewisse neue Grundkräfte,
22 die man sich denkt, zwar ohne Widerspruch, aber auch ohne Beispiel
23 aus der Erfahrung gedacht werden und also nicht unter die
24 Möglichkeiten gezählt werden müssen.
25 2) Realität ist Etwas, Negation ist Nichts, nämlich ein Begriff
26 von dem Mangel eines Gegenstandes, wie der Schatten, die Kälte
27 ( nihil privativum ).
28 3) Die bloße Form der Anschauung ohne Substanz ist an sich kein
29 Gegenstand, sondern die bloß formale Bedingung desselben (als
30 Erscheinung), wie der reine Raum und die reine Zeit, die zwar
31 Etwas sind als Formen anzuschauen, aber selbst keine Gegenstände
32 sind, die angeschauet werden ( ens imaginarium ).
33 4) Der Gegenstand eines Begriffs, der sich selbst widerspricht, ist
34 Nichts, weil der Begriff nichts ist, das Unmögliche, wie etwa die
35 gradlinige Figur von zwei Seiten ( nihil negativum ).
[seite 233]
01 Die Tafel dieser Eintheilung des Begriffs von Nichts (denn die
02 dieser gleichlaufende Eintheilung des Etwas folgt von selber) würde daher
03 so angelegt werden müssen:
|
|
||
|
|
|
|
|
|
16 Man sieht, daß das Gedankending (n. 1. ) von dem Undinge (n. 4. )
17 dadurch unterschieden werde, daß jenes nicht unter die Möglichkeiten gezählt
18 werden darf, weil es bloß Erdichtung (obzwar nicht widersprechende)
19 ist, dieses aber der Möglichkeit entgegengesetzt ist, indem der Begriff sogar [op 349]
20 sich selbst aufhebt. Beide sind aber leere Begriffe. Dagegen sind das
21 nihil privativum (n. 2. ) und ens imaginarium (n. 3. ) leere Data zu Begriffen.
22 wenn das Licht nicht den Sinnen gegeben worden, so kann man
23 sich auch keine Finsterniß, und wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen
24 worden, keinen Raum vorstellen. Die Negation sowohl, als die
25 bloße Form der Anschauung sind ohne ein Reales keine Objecte.
[seite 234]
09 Wir haben oben die Dialektik überhaupt eine Logik des Scheins
10 genannt. Das bedeutet nicht, sie sei eine Lehre der Wahrscheinlichkeit;
11 denn diese ist Wahrheit, aber durch unzureichende Gründe erkannt, deren
12 Erkenntniß also zwar mangelhaft, aber darum doch nicht trüglich ist und
13 mithin von dem analytischen Theile der Logik nicht getrennt werden muß. [op 350]
14 Noch weniger dürfen Erscheinung und Schein für einerlei gehalten
15 werden. Denn Wahrheit oder Schein sind nicht im Gegenstande, so fern
16 er angeschaut wird, sondern im Urtheile über denselben, so fern er gedacht
17 wird. Man kann also zwar richtig sagen, daß die Sinne nicht irren, aber
18 nicht darum, weil sie jederzeit richtig urtheilen, sondern weil sie gar nicht
19 urtheilen. Daher sind Wahrheit sowohl als Irrthum, mithin auch der
20 Schein als die Verleitung zum letzteren nur im Urtheile, d. i. nur in dem
21 Verhältnisse des Gegenstandes zu unserm Verstande anzutreffen. In
22 einem Erkenntniß, das mit den Verstandesgesetzen durchgängig zusammenstimmt,
23 ist kein Irrthum. In einer Vorstellung der Sinne ist (weil sie
24 gar kein Urtheil enthält) auch kein Irrthum. Keine Kraft der Natur kann
25 aber von selbst von ihren eigenen Gesetzen abweichen. Daher würden
26 weder der Verstand für sich allein (ohne Einfluß einer andern Ursache),
27 noch die Sinne für sich irren; der erstere darum nicht, weil, wenn er blo
28 nach seinen Gesetzen handelt, die Wirkung (das Urtheil) mit diesen Gesetzen
29 nothwendig übereinstimmen muß. In der Übereinstimmung mit den Gesetzen
30 des Verstandes besteht aber das Formale aller Wahrheit. In den
31 Sinnen ist gar kein Urtheil, weder ein wahres, noch falsches. Weil wir
32 nun außer diesen beiden Erkenntnißquellen keine andere haben, so folgt:
[seite 235]
18 Unser Geschäfte ist hier nicht, vom empirischen Scheine (z. B. dem [op 352]
19 optischen) zu handeln, der sich bei dem empirischen Gebrauche sonst richtiger
20 Verstandesregeln vorfindet, und durch welchen die Urtheilskraft durch
21 den Einfluß der Einbildung verleitet wird; sondern wir haben es mit dem
22 transscendentalen Scheine allein zu thun, der auf Grundsätze einfließt,
23 deren Gebrauch nicht einmal auf Erfahrung angelegt ist, als in
24 welchem Falle wir doch wenigstens einen Probirstein ihrer Richtigkeit
25 haben würden, sondern der uns selbst wider alle Warnungen der Kritik
26 gänzlich über den empirischen Gebrauch der Kategorien wegführt, und uns
27 mit dem Blendwerke einer Erweiterung des reinen Verstandes hinhält.
28 Wir wollen die Grundsätze, deren Anwendung sich ganz und gar in den
29 Schranken möglicher Erfahrung hält, immanente, diejenigen aber,
30 welche diese Grenzen überfliegen sollen, transscendente Grundsätze
31 nennen. Ich verstehe aber unter diesen nicht den transscendentalen
32 *) Die Sinnlichkeit, dem Verstande untergelegt, als das Object, worauf dieser seine
33 Function anwendet, ist der Quell realer Erkenntnisse. Eben dieselbe aber, so fern sie
34 auf die Verstandeshandlung selbst einfließt und ihn zum Urtheilen bestimmt, ist der
35 Grund des Irrthums.
[seite 236]
16 Der logische Schein, der in der bloßen Nachahmung der Vernunftform
17 besteht, (der Schein der Trugschlüsse) entspringt lediglich aus einem
18 Mangel der Achtsamkeit auf die logische Regel. So bald daher diese auf
19 den vorliegenden Fall geschärft wird, so verschwindet er gänzlich. Der
20 transscendentale Schein dagegen hört gleichwohl nicht auf, ob man ihn
21 schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die transscendentale Kritik
22 deutlich eingesehen hat (z. B. der Schein in dem Satze: die Welt muß der
23 Zeit nach einen Anfang haben). Die Ursache hievon ist diese: daß in unserer
24 Vernunft (subjectiv als ein menschliches Erkenntnißvermögen betrachtet)
25 Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs liegen, welche gänzlich
26 das Ansehen objectiver Grundsätze haben, und wodurch es geschieht,
27 daß die subjective Nothwendigkeit einer gewissen Verknüpfung unserer
28 Begriffe zu Gunsten des Verstandes für eine objective Nothwendigkeit
29 der Bestimmung der Dinge an sich selbst gehalten wird. Eine Illusion, [op 354]
30 die gar nicht zu vermeiden ist, so wenig als wir es vermeiden können, da
31 uns das Meer in der Mitte nicht höher scheine, wie an dem Ufer, weil
32 wir jene durch höhere Lichtstrahlen als dieses sehen, oder noch mehr, so
33 wenig selbst der Astronom verhindern kann, daß ihm der Mond im Aufgange
34 nicht größer Scheine, ob er gleich durch diesen Schein nicht betrogen
35 wird.
36 Die transscendentale Dialektik wird also sich damit begnügen, den
37 Schein transscendenter Urtheile aufzudecken und zugleich zu verhüten, da
[seite 237]
21 Alle unsere Erkenntniß hebt von den Sinnen an, geht von da zum
22 Verstande und endigt bei der Vernunft, über welche nichts Höheres in uns
23 angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die
24 höchste Einheit des Denkens zu bringen. Da ich jetzt von dieser obersten
25 Erkenntnißkraft eine Erklärung geben soll, so finde ich mich in einiger Verlegenheit.
26 Es giebt von ihr wie von dem Verstande einen bloß formalen,
27 d. i. logischen Gebrauch, da die Vernunft von allem Inhalte der Erkenntni
28 abstrahirt, aber auch einen realen, da sie selbst den Ursprung gewisser
29 Begriffe und Grundsätze enthält, die sie weder von den Sinnen, noch vom
30 Verstande entlehnt. Das erstere Vermögen ist nun freilich vorlängst von
31 den Logikern durch das Vermögen mittelbar zu schließen (zum Unterschiede
32 von den unmittelbaren Schlüssen, consequentiis immediatis ) erklärt worden;
33 das zweite aber, welches selbst Begriffe erzeugt, wird dadurch noch
[seite 238]
08 Wir erklärten im erstern Theile unserer transscendentalen Logik den
09 Verstand durch das Vermögen der Regeln; hier unterscheiden wir die Vernunft
10 von demselben dadurch, daß wir sie das Vermögen der Principien
11 nennen wollen.
12 Der Ausdruck eines Princips ist zweideutig und bedeutet gemeiniglich
13 nur ein Erkenntniß, das als Princip gebraucht werden kann, ob es
14 zwar an sich selbst und seinem eigenen Ursprunge nach kein Principium
15 ist. Ein jeder allgemeine Satz, er mag auch sogar aus Erfahrung (durch
16 Induction) hergenommen sein, kann zum Obersatz in einem Vernunftschlusse
17 dienen; er ist darum aber nicht selbst ein Principium. Die mathematischen
18 Axiomen (z. B. zwischen zwei Punkten kann nur eine gerade
19 Linie sein) sind sogar allgemeine Erkenntnisse a priori und werden daher
20 mit Recht relativisch auf die Fälle, die unter ihnen subsumirt werden
21 können, Principien genannt . Aber ich kann darum doch nicht sagen, da [op 357]
22 ich diese Eigenschaft der geraden Linien überhaupt und an sich aus Principien
23 erkenne, sondern nur in der reinen Anschauung.
24 Ich würde daher Erkenntniß aus Principien diejenige nennen, da
25 ich das Besondre im Allgemeinen durch Begriffe erkenne. So ist denn
26 ein jeder Vernunftschluß eine Form der Ableitung einer Erkenntniß aus
27 einem Princip. Denn der Obersatz giebt jederzeit einen Begriff, der da
28 macht, daß alles, was unter der Bedingung desselben subsumirt wird, aus
29 ihm nach einem Princip erkannt wird. Da nun jede allgemeine Erkenntni
30 zum Obersatze in einem Vernunftschlusse dienen kann, und der Verstand
31 dergleichen allgemeine Sätze a priori darbietet, so können diese denn
32 auch in Ansehung ihres möglichen Gebrauchs Principien genannt werden.
33 Betrachten wir aber diese Grundsätze des reinen Verstandes an sich
34 selbst ihrem Ursprunge nach, so sind sie nichts weniger als Erkenntnisse
35 aus Begriffen. Denn sie würden auch nicht einmal a priori möglich sein,
36 wenn wir nicht die reine Anschauung (in der Mathematik), oder Bedingungen
37 einer möglichen Erfahrung überhaupt herbei zögen. Daß alles,
[seite 239]
05 Synthetische Erkenntnisse aus Begriffen kann der Verstand also gar [op 358]
06 nicht verschaffen, und diese sind es eigentlich, welche ich schlechthin Principien
07 nenne: indessen daß alle allgemeine Sätze überhaupt comparative
08 Principien heißen können.
09 Es ist ein alter Wunsch, der, wer weiß wie spät, vielleicht einmal in
10 Erfüllung gehen wird: daß man doch einmal statt der endlosen Mannigfaltigkeit
11 bürgerlicher Gesetze ihre Principien aufsuchen möge; denn darin
12 kann allein das Geheimniß bestehen, die Gesetzgebung, wie man sagt, zu
13 simplificiren. Aber die Gesetze sind hier auch nur Einschränkungen unsrer
14 Freiheit auf Bedingungen, unter denen sie durchgängig mit sich selbst zusammenstimmt;
15 mithin gehen sie auf etwas, was gänzlich unser eigen
16 Werk ist, und wovon wir durch jene Begriffe selbst die Ursache sein können.
17 Wie aber Gegenstände an sich selbst, wie die Natur der Dinge unter Principien
18 stehe und nach bloßen Begriffen bestimmt werden solle, ist, wo nicht
19 etwas Unmögliches, wenigstens doch sehr Widersinnisches in seiner Forderung.
20 Es mag aber hiemit bewandt sein, wie es wolle (denn darüber
21 haben wir die Untersuchung noch vor uns), so erhellt wenigstens daraus:
22 daß Erkenntniß aus Principien (an sich selbst) ganz etwas andres sei, als
23 bloße Verstandeserkenntniß, die zwar auch andern Erkenntnissen in der
24 Form eines Princips vorgehen kann, an sich selbst aber (so fern sie synthetisch
25 ist) nicht auf bloßem Denken beruht, noch ein Allgemeines nach
26 Begriffen in sich enthält.
27 Der Verstand mag ein Vermögen der Einheit der Erscheinungen
28 vermittelst der Regeln sein, so ist die Vernunft das Vermögen der Einheit
29 der Verstandesregeln unter Principien. Sie geht also niemals zunächst
30 auf Erfahrung oder auf irgend einen Gegenstand, sondern auf den Verstand,
31 um den mannigfaltigen Erkenntnissen desselben Einheit a priori
32 durch Begriffe zu geben, welche Vernunfteinheit heißen mag und von ganz
33 anderer Art ist, als sie von dem Verstande geleistet werden kann.
34 Das ist der allgemeine Begriff von dem Vernunftvermögen, so weit
35 er bei gänzlichem Mangel an Beispielen (als die erst in der Folge gegeben
36 werden sollen) hat begreiflich gemacht werden können.
[seite 240]
03 Man macht einen Unterschied zwischen dem, was unmittelbar erkannt,
04 und dem, was nur geschlossen wird. Daß in einer Figur, die durch
05 drei gerade Linien begrenzt ist, drei Winkel sind, wird unmittelbar erkannt;
06 daß diese Winkel aber zusammen zwei rechten gleich sind, ist nur geschlossen.
07 Weil wir des Schließens beständig bedürfen, und es dadurch
08 endlich ganz gewohnt werden, so bemerken wir zuletzt diesen Unterschied
09 nicht mehr und halten oft, wie bei dem sogenannten Betruge der Sinne,
10 etwas für unmittelbar wahrgenommen, was wir doch nur geschlossen haben. [op 360]
11 Bei jedem Schlusse ist ein Satz, der zum Grunde liegt, und ein
12 anderer, nämlich die Folgerung, die aus jenem gezogen wird, und endlich
13 die Schlußfolge (Consequenz), nach welcher die Wahrheit des letzteren
14 unausbleiblich mit der Wahrheit des ersteren verknüpft ist. Liegt das
15 geschlossene Urtheil schon so in dem ersten, daß es ohne Vermittelung einer
16 dritten Vorstellung daraus abgeleitet werden kann, so heißt der Schlu
17 unmittelbar ( consequentia immediata ); ich möchte ihn lieber den Verstandesschlu
18 nennen. Ist aber außer der zum Grunde gelegten Erkenntni
19 noch ein anderes Urtheil nöthig, um die Folge zu bewirken, so heißt
20 der Schluß ein Vernunftschluß. In dem Satze: alle Menschen sind
21 sterblich, liegen schon die Sätze: einige Menschen sind sterblich, einige
22 Sterbliche sind Menschen, nichts, was unsterblich ist, ist ein Mensch, und
23 diese sind also unmittelbare Folgerungen aus dem ersteren. Dagegen
24 liegt der Satz: alle Gelehrte sind sterblich, nicht in dem untergelegten Urtheile
25 (denn der Begriff der Gelehrten kommt in ihm gar nicht vor), und
26 er kann nur vermittelst eines Zwischenurtheils aus diesem gefolgert werden.
27 In jedem Vernunftschlusse denke ich zuerst eine Regel ( major ) durch
28 den Verstand. Zweitens subsumire ich ein Erkenntniß unter die Bedingung
29 der Regel ( minor ) vermittelst der Urtheilskraft. Endlich bestimme [op 361]
30 ich mein Erkenntniß durch das Prädicat der Regel ( conclusio ),
31 mithin a priori durch die Vernunft. Das Verhältniß also, welches der
32 Obersatz als die Regel zwischen einer Erkenntniß und ihrer Bedingung
33 vorstellt, macht die verschiedenen Arten der Vernunftschlüsse aus. Sie
[seite 241]
05 Wenn, wie mehrentheils geschieht, die Conclusion als ein Urtheil aufgegeben
06 worden, um zu sehen, ob es nicht aus schon gegebenen Urtheilen,
07 durch die nämlich ein ganz anderer Gegenstand gedacht wird, fließe: so
08 suche ich im Verstande die Assertion dieses Schlußsatzes auf, ob sie sich
09 nicht in demselben unter gewissen Bedingungen nach einer allgemeinen
10 Regel vorfinde. Finde ich nun eine solche Bedingung, und läßt sich das
11 Object des Schlußsatzes unter der gegebenen Bedingung subsumiren, so
12 ist dieser aus der Regel, die auch für andere Gegenstände der Erkenntni
13 gilt, gefolgert. Man sieht daraus: daß die Vernunft im
14 Schließen die große Mannigfaltigkeit der Erkenntniß des Verstandes auf
15 die kleinste Zahl der Principien (allgemeiner Bedingungen) zu bringen
16 und dadurch die höchste Einheit derselben zu bewirken suche.
19 Kann man die Vernunft isoliren, und ist sie alsdann noch ein eigener
20 Quell von Begriffen und Urtheilen, die lediglich aus ihr entspringen, und
21 dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß subalternes
22 Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu geben, welche
23 logisch heißt, und wodurch die Verstandeserkenntnisse nur einander und
24 niedrige Regeln andern, höhern (deren Bedingung die Bedingung der
25 ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden, so viel sich durch
26 die Vergleichung derselben will bewerkstelligen lassen? Dies ist die Frage,
27 mit der wir uns jetzt nur vorläufig beschäftigen. In der That ist Mannigfaltigkeit
28 der Regeln und Einheit der Principien eine Forderung der
29 Vernunft, um den Verstand mit sich selbst in durchgängigen Zusammenhang
30 zu bringen, so wie der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung
31 unter Begriffe und dadurch jene in Verknüpfung bringt. Aber ein solcher
32 Grundsatz schreibt den Objecten kein Gesetz vor und enthält nicht den
33 Grund der Möglichkeit, sie als solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen;
34 sondern ist bloß ein subjectives Gesetz der Haushaltung mit dem
35 Vorrathe unseres Verstandes, durch Vergleichung seiner Begriffe den allgemeinen
[seite 242]
08 Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen
09 giebt uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das
10 transscendentale Principium derselben in der synthetischen Erkenntni
11 durch reine Vernunft beruhen werde.
12 Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen, um dieselbe
13 unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien),
14 sondern auf Begriffe und Urtheile. Wenn also reine Vernunft auch auf
15 Gegenstände geht, so hat sie doch auf diese und deren Anschauung keine
16 unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen Urtheile,
17 welche sich zunächst an die Sinne und deren Anschauung wenden,
18 um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist also nicht
19 Einheit einer möglichen Erfahrung,sondern von dieser als der Verstandeseinheit
20 wesentlich unterschieden. Daß alles, was geschieht, eine Ursache
21 habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter und vorgeschriebener Grundsatz.
22 Er macht die Einheit der Erfahrung möglich und entlehnt nichts [op 364]
23 von der Vernunft, welche ohne diese Beziehung auf mögliche Erfahrung,
24 aus bloßen Begriffen, keine solche synthetische Einheit hätte gebieten
25 können.
26 Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die allgemeine
27 Bedingung ihres Urtheils (des Schlußsatzes), und der Vernunftschlu
28 ist selbst nichts andres als ein Urtheil vermittelst der Subsumtion
29 seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel (Obersatz). Da nun diese
30 Regel wiederum eben demselben Versuche der Vernunft ausgesetzt ist, und
31 dadurch die Bedingung der Bedingung (vermittelst eines Prosyllogismus)
32 gesucht werden muß, so lange es angeht, so sieht man wohl, der eigenthümliche
33 Grundsatz der Vernunft überhaupt (im logischen Gebrauche) sei:
34 zu dem bedingten Erkenntnisse des Verstandes das Unbedingte zu finden,
35 womit die Einheit desselben vollendet wird.
[seite 243]
01 Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Principium der
02 reinen Vernunft werden, als dadurch daß man annimmt: wenn das
03 Bedingte gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter
04 Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben (d. i. in dem Gegenstande
05 und seiner Verknüpfung enthalten).
06 Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar synthetisch;
07 denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf irgend eine
08 Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus demselben auch [op 365]
09 verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon der reine Verstand nichts
10 weiß, als der nur mit Gegenständen einer möglichen Erfahrung zu thun
11 hat, deren Erkenntniß und Synthesis jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte
12 aber, wenn es wirklich statt hat, kann besonders erwogen werden
13 nach allen den Bestimmungen, die es von jedem Bedingten unterscheiden,
14 und muß dadurch Stoff zu manchen synthetischen Sätzen a priori geben.
15 Die aus diesem obersten Princip der reinen Vernunft entspringende
16 Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transscendent
17 sein, d. i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von demselben
18 jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen Grundsätzen
19 des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem sie nur die
20 Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben) gänzlich unterscheiden.
21 Ob nun jener Grundsatz, daß sich die Reihe der Bedingungen (in der
22 Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens der Dinge überhaupt)
23 bis zum Unbedingten erstrecke, seine objective Richtigkeit habe oder
24 nicht; welche Folgerungen daraus auf den empirischen Verstandesgebrauch
25 fließen, oder ob es vielmehr überall keinen dergleichen objectivgültigen
26 Vernunftsatz gebe, sondern eine bloß logische Vorschrift, sich im Aufsteigen
27 zu immer höhern Bedingungen der Vollständigkeit derselben zu nähern
28 und dadurch die höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntni
29 zu bringen; ob, sage ich, dieses Bedürfniß der Vernunft durch einen [op 366]
30 Mißverstand für einen transscendentalen Grundsatz der reinen Vernunft
31 gehalten worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilter
32 Weise von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postulirt;
33 was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und Verblendungen
34 in die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen
35 worden (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist), und
36 die von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen, einschleichen
37 mögen: das wird unser Geschäfte in der transscendentalen Dialektik
[seite 244]
10 Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft
11 für eine Bewandtniß haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflectirte,
12 sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori, [op 367]
13 vor der Erfahrung und zum Behuf derselben, gedacht; aber sie enthalten
14 nichts weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, in
15 so fern sie nothwendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein gehören
16 sollen. Durch sie allein wird Erkenntniß und Bestimmung eines Gegenstandes
17 möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und vor
18 ihnen gehen keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher, aus denen
19 sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich ihre objective Realität
20 doch lediglich darauf: daß, weil sie die intellectuelle Form aller Erfahrung
21 ausmachen, ihre Anwendung jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt
22 werden können.
23 Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig:
24 daß er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil
25 er eine Erkenntniß betrifft, von der jede empirische nur ein Theil ist (vielleicht
26 das Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen Synthesis),
27 bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig zureicht,
28 aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe dienen zum Begreifen,
29 wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der Wahrnehmungen).
30 Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen sie etwas, worunter alle
31 Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals ein Gegenstand der Erfahrung
32 ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren Schlüssen aus der Erfahrung
33 führt, und wornach sie den Grad ihres empirischen Gebrauchs schätzt und
[seite 245]
16 Bei dem großen Reichthum unserer Sprachen findet sich doch oft der
17 denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau
18 anpaßt, und in dessen Ermangelung er weder andern, noch sogar sich [op 369]
19 selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist eine
20 Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe man
21 zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es rathsam, sich in einer todten
22 und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht dieser Begriff
23 sammt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde; und wenn der alte Gebrauch
24 desselben durch Unbehutsamkeit seiner Urheber auch etwas schwankend
25 geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung, die ihm vorzüglich
26 eigen war, zu befestigen (sollte es auch zweifelhaft bleiben, ob man
27 damals genau eben dieselbe im Sinne gehabt habe), als sein Geschäfte
28 nur dadurch zu verderben, daß man sich unverständlich machte.
29 Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein
30 einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem Begriffe
31 genau anpaßt, dessen Unterscheidung von andern verwandten Begriffen
32 von großer Wichtigkeit ist, so ist es rathsam, damit nicht verschwenderisch
33 umzugehen, oder es bloß zur Abwechselung synonymisch statt
34 anderer zu gebrauchen, sondern ihm seine eigenthümliche Bedeutung sorgfältig
[seite 246]
05 PlatoPI bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß man wohl sieht, er
06 habe darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen
07 entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit
08 denen sich AristotelesPI beschäftigte, weit übersteigt, indem in der Erfahrung
09 niemals etwas damit Congruirendes angetroffen wird. Die Ideen
10 sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst und nicht bloß Schlüssel zu möglichen
11 Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung flossen sie
12 aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der menschlichen zu Theil geworden,
13 die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustande
14 befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt sehr verdunkelten Ideen durch
15 Erinnerung (die Philosophie heißt) zurückrufen muß. Ich will mich hier
16 in keine litterarische Untersuchung einlassen, um den Sinn auszumachen,
17 den der erhabene PhilosophPI mit seinem Ausdrucke verband. Ich merke
18 nur an, daß es gar nichts Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche
19 als in Schriften durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein
20 Verfasser über seinen Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als
21 er sich selbst verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte
22 und dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete oder auch
23 dachte.
24 PlatoPI bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntnißkraft ein weit höheres
25 Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit [op 371]
26 buchstabiren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere Vernunft
27 natürlicher Weise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel weiter
28 gehen, als daß irgend ein Gegenstand, den Erfahrung geben kann, jemals
29 mit ihnen congruiren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre Realität
30 haben und keinesweges bloße Hirngespinste sind.
31 PlatoPI fand seine Ideen vorzüglich in allem, was praktisch ist,*) d. i.
32 auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die ein
33 *) ErPI dehnte seinen Begriff freilich auch auf speculative Erkenntnisse aus,
34 wenn sie nur rein und völlig a priori gegeben waren, sogar über die Mathematik,
35 ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders, als in der möglichen Erfahrung
36 hat. Hierin kann ich ihm nun nicht folgen, so wenig als in der mystischen Deduction
37 dieser Ideen oder den Übertreibungen, dadurch er sie gleichsam hypostasirte, wiewohl'
34 die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer milderen und der
35 Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl fähig ist.
[seite 247]
21 Die Platonische Republik ist als ein vermeintlich auffallendes
22 Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen
23 Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker
24 findet es lächerlich, daß der PhilosophPI behauptete, niemals würde ein
25 Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen theilhaftig wäre. Allein
26 man würde besser thun, diesem Gedanken mehr nachzugehen und ihn (wo
27 der vortreffliche MannPI uns ohne Hülfe läßt) durch neue Bemühungen in [op 373]
28 Licht zu stellen, als ihn unter dem sehr elenden und schädlichen Vorwande
29 der Unthunlichkeit als unnütz bei Seite zu setzen. Eine Verfassung von
30 der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche machen, da
31 jedes Freiheit mit der andern ihrer zusammen bestehen kann,
32 (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon von selbst folgen)
33 ist doch wenigstens eine nothwendige Idee, die man nicht bloß im
[seite 248]
24 Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft wahrhafte
25 Causalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der Handlungen
26 und ihrer Gegenstände) werden, nämlich im Sittlichen, sondern auch in
27 Ansehung der Natur selbst sieht PlatoPI mit Recht deutliche Beweise ihres
28 Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Thier, die regelmäßige Anordnung
29 des Weltbaues (vermuthlich also auch die ganze Naturordnung)
30 zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich sind; daß zwar kein einzelnes
31 Geschöpf unter den einzelnen Bedingungen seines Daseins mit der
32 Idee des Vollkommensten seiner Art congruire (so wenig wie der Mensch
33 mit der Idee der Menschheit, die er sogar selbst als das Urbild seiner
34 Handlungen in seiner Seele trägt), daß gleichwohl jene Ideen im höchsten
35 Verstande einzeln, unveränderlich, durchgängig bestimmt und die ursprünglichen
36 Ursachen der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer Verbindung [op 375]
37 im Weltall einzig und allein jener Idee völlig adäquat sei. Wenn
[seite 249]
17 Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der
18 That die eigenthümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen
19 wir uns jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht verdienstlosen [op 376]
20 Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen sittlichen Gebäuden
21 eben und baufest zu machen, in welchem sich allerlei Maulwurfsgänge
22 einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht auf Schätze grabenden
23 Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk unsicher machen. Der transscendentale
24 Gebrauch der reinen Vernunft, ihre Principien und Ideen
25 sind es also, welche genau zu kennen uns jetzt obliegt, um den Einfluß der
26 reinen Vernunft und den Werth derselben gehörig bestimmen und schätzen
27 zu können. Doch, ehe ich diese vorläufige Einleitung bei Seite lege, ersuche
28 ich diejenige, denen Philosophie am Herzen liegt (welches mehr gesagt
29 ist, als man gemeiniglich antrifft), wenn sie sich durch dieses und
30 das Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner ursprünglichen
31 Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht fernerhin
32 unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei Vorstellungsarten
33 in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerathe, und die Wissenschaft
34 dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an Benennungen, die jeder
35 Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne daß wir nöthig haben, in
36 das Eigenthum einer anderen einzugreifen. Hier ist eine Stufenleiter
37 derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt ( repraesentatio ).
[seite 250]
19 Die transscendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße
20 logische Form unserer Erkenntniß den Ursprung von reinen Begriffen
21 a priori enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände vorstellen, [op 378]
22 oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche allein eine
23 empirische Erkenntniß von Gegenständen möglich macht. Die Form der
24 Urtheile (in einen Begriff von der Synthesis der Anschauungen verwandelt)
25 brachte Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch in der
26 Erfahrung leiten. Eben so können wir erwarten, daß die Form der Vernunftschlüsse,
27 wenn man sie auf die synthetische Einheit der Anschauungen
28 nach Maßgebung der Kategorien anwendet, den Ursprung besonderer
29 Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine Vernunftbegriffe
30 oder transscendentale Ideen nennen können, und die den Verstandesgebrauch
31 im Ganzen der gesammten Erfahrung nach Principien bestimmen
32 werden.
33 Die Function der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der Allgemeinheit
34 der Erkenntniß nach Begriffen, und der Vernunftschluß selbst
[seite 251]
10 Demnach restringiren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses [op 379]
11 ein Prädicat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in
12 dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung
13 gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges in Beziehung auf
14 eine solche Bedingung heißt die Allgemeinheit ( Universalitas ). Dieser
15 entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit ( Universitas )
16 oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transscendentale Vernunftbegriff
17 kein anderer, als der von der Totalität der Bedingungen
18 zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte allein die
19 Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die Totalität
20 der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist: so kann ein reiner Vernunftbegriff
21 überhaupt durch den Begriff des Unbedingten, sofern er einen
22 Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt werden.
23 So viel Arten des Verhältnisses es nun giebt, die der Verstand vermittelst
24 der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine Vernunftbegriffe
25 wird es auch geben; und es wird also erstlich ein Unbedingtes der
26 kategorischen Synthesis in einem Subject, zweitens der hypothetischen
27 Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der disjunctiven
28 Synthesis der Theile in einem System zu suchen sein.
29 Es giebt nämlich eben so viel Arten von Vernunftschlüssen, deren
30 jede durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet: die eine zum
31 Subject, welches selbst nicht mehr Prädicat ist, die andre zur Voraussetzung, [op 380]
32 die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu einem Aggregat
33 der Glieder der Eintheilung, zu welchen nichts weiter erforderlich ist, um
34 die Eintheilung eines Begriffs zu vollenden. Daher sind die reinen Vernunftbegriffe
35 von der Totalität in der Synthesis der Bedingungen wenigstens
36 als Aufgaben, um die Einheit des Verstandes wo möglich bis zum
37 Unbedingten fortzusetzen, nothwendig und in der Natur der menschlichen
[seite 252]
06 Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem
07 Unbedingten als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe reden,
08 so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht entbehren, und
09 gleichwohl nach einer ihm durch langen Mißbrauch anhängenden Zweideutigkeit
10 nicht sicher brauchen können. Das Wort absolut ist eines von
11 den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen Bedeutung einem Begriffe
12 angemessen worden, welchem nach der Hand gar kein anderes Wort
13 eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen Verlust, oder welches [op 381]
14 eben so viel ist, sein schwankender Gebrauch daher auch den Verlust des
15 Begriffs selbst nach sich ziehen muß und zwar eines Begriffs, der, weil er
16 die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne großen Nachtheil aller transscendentalen
17 Beurtheilungen nicht entbehrt werden kann. Das Wort absolut
18 wird jetzt öfters gebraucht, um bloß anzuzeigen, daß etwas von einer
19 Sache an sich selbst betrachtet und also innerlich gelte. In dieser Bedeutung
20 würde absolut=möglich das bedeuten, was an sich selbst ( interne )
21 möglich ist, welches in der That das wenigste ist, was man von
22 einem Gegenstande sagen kann. Dagegen wird es auch bisweilen gebraucht,
23 um anzuzeigen, daß etwas in aller Beziehung (uneingeschränkt)
24 gültig ist (z. B. die absolute Herrschaft), und absolut=möglich würde in
25 dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, was in aller Absicht, in aller Beziehung
26 möglich ist, welches wiederum das meiste ist, was ich über
27 die Möglichkeit eines Dinges sagen kann. Nun treffen zwar diese Bedeutungen
28 mannigmal zusammen. So ist z. E., was innerlich unmöglich
29 ist, auch in aller Beziehung, mithin absolut unmöglich. Aber in den
30 meisten Fällen sind sie unendlich weit auseinander, und ich kann auf keine
31 Weise schließen, daß, weil etwas an sich selbst möglich ist, es darum auch
32 in aller Beziehung, mithin absolut möglich sei. Ja von der absoluten
33 Nothwendigkeit werde ich in der Folge zeigen, daß sie keinesweges in allen
34 Fällen von der innern abhänge und also mit dieser nicht als gleichbedeutend [op 382]
35 angesehen werden müsse. Dessen Gegentheil innerlich unmöglich ist,
36 dessen Gegentheil ist freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es
37 selbst absolut nothwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was
[seite 253]
11 In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich denn des Worts
12 absolut bedienen und es dem bloß comparativ oder in besonderer Rücksicht
13 Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf Bedingungen
14 restringirt, jenes aber gilt ohne Restriction.
15 Nun geht der transscendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die
16 absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen und endigt niemals
17 als bei dem schlechthin, d. i. in jeder Beziehung Unbedingten. Denn die [op 383]
18 reine Vernunft überläßt alles dem Verstande, der sich zunächst auf die
19 Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren Synthesis in der Einbildungskraft
20 bezieht. Jene behält sich allein die absolute Totalität im
21 Gebrauche der Verstandesbegriffe vor und sucht die synthetische Einheit,
22 welche in der Kategorie gedacht wird, bis zum Schlechthin=Unbedingten
23 hinauszuführen. Man kann daher diese die Vernunfteinheit der Erscheinungen,
24 so wie jene, welche die Kategorie ausdrückt, Verstandeseinheit
25 nennen. So bezieht sich demnach die Vernunft nur auf den
26 Verstandesgebrauch und zwar nicht, so fern dieser den Grund möglicher
27 Erfahrung enthält (denn die absolute Totalität der Bedingungen ist kein
28 in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil keine Erfahrung unbedingt
29 ist), sondern um ihm die Richtung auf eine gewisse Einheit vorzuschreiben,
30 von der der Verstand keinen Begriff hat, und die darauf hinaus geht, alle
31 Verstandeshandlungen in Ansehung eines jeden Gegenstandes in ein absolutes
32 Ganzes zusammen zu fassen. Daher ist der objective Gebrauch
33 der reinen Vernunftbegriffe jederzeit transscendent, indessen daß der
34 von den reinen Verstandesbegriffen seiner Natur nach jederzeit immanent
35 sein muß, indem er sich bloß auf mögliche Erfahrung einschränkt.
[seite 254]
01 Ich verstehe unter der Idee einen nothwendigen Vernunftbegriff,
02 dem kein congruirender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann.
03 also sind unsere jetzt erwogene reine Vernunftbegriffe transscendentale [op 384]
04 Ideen. Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie betrachten alles
05 Erfahrungserkenntniß als bestimmt durch eine absolute Totalität der Bedingungen.
06 Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch die Natur
07 der Vernunft selbst aufgegeben und beziehen sich daher nothwendiger Weise
08 auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich transscendent und
09 übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher also niemals ein Gegenstand
10 vorkommen kann, der der transscendentalen Idee adäquat wäre.
11 Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Object nach (als von einem
12 Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel, dem Subjecte nach aber
13 (d. i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter empirischer Bedingung) eben
14 darum sehr wenig, weil sie, als der Begriff eines Maximum, in concreto
15 niemals congruent kann gegeben werden. Weil nun das letztere im blo
16 speculativen Gebrauch der Vernunft eigentlich die ganze Absicht ist, und
17 die Annäherung zu einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals
18 erreicht wird, eben so viel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt
19 würde, so heißt es von einem dergleichen Begriffe: er ist nur eine
20 Idee. So würde man sagen können: das absolute Ganze aller Erscheinungen
21 ist nur eine Idee, denn da wir dergleichen niemals im Bilde
22 entwerfen können, so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung. Dagegen
23 weil es im praktischen Gebrauch des Verstandes ganz allein um die [op 385]
24 Ausübung nach Regeln zu thun ist, so kann die Idee der praktischen Vernunft
25 jederzeit wirklich, ob zwar nur zum Theil, in concreto gegeben werden,
26 ja sie ist die unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs
27 der Vernunft. Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft,
28 aber unter nicht bestimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflusse
29 des Begriffs einer absoluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische
30 Idee jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen
31 unumgänglich nothwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar
32 Causalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält; daher
33 kann man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen: sie ist
34 nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der nothwendigen
35 Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem Praktischen
36 als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende Bedingung zur Regel
37 dienen.
[seite 255]
01 Ob wir nun gleich von den transscendentalen Vernunftbegriffen sagen
02 müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keinesweges für überflüssig
03 und nichtig anzusehen haben. Denn wenn schon dadurch kein Object
04 bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde und unbemerkt
05 dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und einhelligen Gebrauchs
06 dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr erkennt, als er
07 nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in dieser Erkenntni [op 386]
08 besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen, daß sie vielleicht von
09 den Naturbegriffen zu den praktischen einen Übergang möglich machen
10 und den moralischen Ideen selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang
11 mit den speculativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen
12 können. Über alles dieses muß man den Aufschluß in dem Verfolg erwarten.
14 Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen bei
15 Seite und betrachten daher die Vernunft nur im speculativen und in diesem
16 noch enger, nämlich nur im transscendentalen Gebrauch. Hier müssen
17 wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der Deduction
18 der Kategorien nahmen: nämlich die logische Form der Vernunfterkenntni
19 erwägen und sehen, ob nicht etwa die Vernunft dadurch auch ein
20 Quell von Begriffen werde, Objecte an sich selbst als synthetisch a priori
21 bestimmt in Ansehung einer oder der andern Function der Vernunft anzusehen.
23 Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntni
24 betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d. i. mittelbar (durch die
25 Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urtheils unter die Bedingung
26 eines gegebenen) zu urtheilen. Das gegebene Urtheil ist die allgemeine
27 Regel (Obersatz, Major ). Die Subsumtion der Bedingung eines
28 andern möglichen Urtheils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz
29 ( Minor ). Das wirkliche Urtheil, welches die Assertion der Regel [op 387]
30 in dem subsumirten Falle aussagt, ist der Schlußsatz ( Conclusio ).
31 Die Regel nämlich sagt etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung.
32 Nun findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt.
33 Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, auch in dem
34 vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt) als gültig angesehen.
35 Man sieht leicht, daß die Vernunft durch Verstandeshandlungen,
36 welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu einem Erkenntnisse
37 gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind veränderlich, nur dadurch
[seite 256]
15 Man wird aber bald inne, daß die Kette oder Reihe der Prosyllogismen,
16 d. i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe oder
17 der Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntniß, mit andern Worten, die
18 aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das Vernunftvermögen
19 doch anders verhalten müsse, als die absteigende Reihe, d. i. der
20 Fortgang der Vernunft auf der Seite des Bedingten durch Episyllogismen.
21 Denn da im ersteren Falle das Erkenntniß ( conclusio ) nur als bedingt
22 gegeben ist: so kann man zu demselben vermittelst der Vernunft nicht anders
23 gelangen, als wenigstens unter der Voraussetzung, daß alle Glieder
24 der Reihe auf der Seite der Bedingungen gegeben sind (Totalität in der
25 Reihe der Prämissen), weil nur unter deren Voraussetzung das vorliegende
26 Urtheil a priori möglich ist; dagegen auf der Seite des Bedingten oder der
27 Folgerungen nur eine werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte
28 oder gegebene Reihe, mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird.
29 Daher wenn eine Erkenntniß als bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft
30 genöthigt, die Reihe der Bedingungen in aufsteigender Linie als
31 vollendet und ihrer Totalität nach gegeben anzusehen. Wenn aber eben [op 389]
32 dieselbe Erkenntniß zugleich als Bedingung anderer Erkenntnisse angesehen
33 wird, die unter einander eine Reihe von Folgerungen in absteigender
34 Linie ausmachen, so kann die Vernunft ganz gleichgültig sein, wie weit
35 dieser Fortgang sich a parte posteriori erstrecke, und ob gar überall Totalität
36 dieser Reihe möglich sei; weil sie einer dergleichen Reihe zu der vor
37 ihr liegenden Conclusion nicht bedarf, indem diese durch ihre Gründe
[seite 257]
16 Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu thun, welche
17 von allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt und lediglich den falschen
18 Schein in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit einer transscendentalen,
19 welche völlig a priori den Ursprung gewisser Erkenntnisse
20 aus reiner Vernunft und geschlossener Begriffe, deren Gegenstand empirisch
21 gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich außer dem Vermögen
22 des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir haben aus der
23 natürlichen Beziehung, die der transscendentale Gebrauch unserer Erkenntni
24 sowohl in Schlüssen, als Urtheilen auf den logischen haben muß,
25 abgenommen: daß es nur drei Arten von dialektischen Schlüssen geben
26 werde, die sich auf die dreierlei Schlußarten beziehen, durch welche Vernunft
27 aus Principien zu Erkenntnissen gelangen kann, und daß in allen
28 ihr Geschäfte sei, von der bedingten Synthesis, an die der Verstand jederzeit
29 gebunden bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er niemals erreichen
30 kann.
31 Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen [op 391]
32 haben können: 1) die Beziehung aufs Subject, 2) die Beziehung auf
33 Objecte und zwar entweder als Erscheinungen, oder als Gegenstände
[seite 258]
06 Nun haben es alle reine Begriffe überhaupt mit der synthetischen
07 Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft (transscendentale
08 Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen Einheit aller Bedingungen
09 überhaupt zu thun. Folglich werden alle transscendentale Ideen sich
10 unter drei Classen bringen lassen, davon die erste die absolute (unbedingte)
11 Einheit des denkenden Subjects, die zweite die absolute
12 Einheit der Reihe der Bedingungen der Erscheinung, die dritte
13 die absolute Einheit der Bedingung aller Gegenstände des Denkens
14 überhaupt enthält.
15 Das denkende Subject ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff
16 aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie,
17 und das Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem,
18 was gedacht werden kann, enthält (das Wesen aller Wesen), der Gegenstand
19 der Theologie. Also giebt die reine Vernunft die Idee zu einer
20 transscendentalen Seelenlehre ( psychologia rationalis ), zu einer transscendentalen [op 392]
21 Weltwissenschaft ( cosmologia rationalis ), endlich auch zu
22 einer transscendentalen Gotteserkenntniß ( theologia transscendentalis )
23 an die Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl als der andern
24 dieser Wissenschaften schreibt sich gar nicht von dem Verstande her, selbst
25 wenn er gleich mit dem höchsten logischen Gebrauche der Vernunft, d. i.
26 allen erdenklichen Schlüssen verbunden wäre, um von einem Gegenstande
27 desselben (Erscheinung) zu allen anderen bis in die entlegensten Glieder
28 der empirischen Synthesis fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines
29 und ächtes Product oder Problem der reinen Vernunft.
30 Was unter diesen drei Titeln aller transscendentalen Ideen für modi
31 der reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke
32 vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort.
33 Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände,
34 sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Eben so wird sich auch
35 nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die Vernunft
36 lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben Function, deren
37 sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient, nothwendiger Weise
[seite 259]
08 Von diesen transscendentalen Ideen ist eigentlich keine objective
09 Deduction möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten.
10 Denn in der That haben sie keine Beziehung auf irgend ein Object, was
11 ihnen congruent gegeben werden könnte, eben darum weil sie nur Ideen
12 sind. Aber eine subjective Ableitung derselben aus der Natur unserer
13 Vernunft konnten wir unternehmen; und die ist im gegenwärtigen Hauptstücke
14 auch geleistet worden.
15 Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anders zur Absicht
16 habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der Bedingungen
17 (es sei der Inhärenz oder der Dependenz oder der Concurrenz),
18 und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von Seiten des
19 Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf sie,
20 um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen und sie dadurch dem
21 Verstande a priori zu geben. Ist aber eine vollständig (und unbedingt)
22 gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr eines Vernunftbegriffs
23 in Ansehung der Fortsetzung der Reihe; denn der Verstand thut [op 394]
24 jeden Schritt abwärts von der Bedingung zum Bedingten von selber. Auf
25 solche Weise dienen die transscendentalen Ideen nur zum Aufsteigen in
26 der Reihe der Bedingungen bis zum Unbedingten, d. i. zu den Principien.
27 In Ansehung des Hinabgehens zum Bedingten aber giebt es zwar
28 einen weit erstreckten logischen Gebrauch, den unsere Vernunft von den
29 Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen transscendentalen; und wenn
30 wir uns von der absoluten Totalität einer solchen Synthesis (des progressus )
31 eine Idee machen, z. B. von der ganzen Reihe aller künftigen
32 Weltveränderungen, so ist dieses ein Gedankending ( ens rationis ), welches
33 nur willkürlich gedacht und nicht durch die Vernunft nothwendig vorausgesetzt
34 wird. Denn zur Möglichkeit des Bedingten wird zwar die Totalität
35 seiner Bedingungen, aber nicht seiner Folgen vorausgesetzt. Folglich
36 ist ein solcher Begriff keine transscendentale Idee, mit der wir es doch
37 hier lediglich zu thun haben.
[seite 260]
01 Zuletzt wird man auch gewahr: daß unter den transscendentalen
02 Ideen selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und
03 daß die reine Vernunft vermittelst ihrer alle ihre Erkenntnisse in ein
04 System bringe. Von der Erkenntniß seiner selbst (der Seele) zur Welterkenntni
05 und vermittelst dieser zum Urwesen fortzugehen, ist ein so natürlicher
06 Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der Vernunft von [op 395]
07 den Prämissen zum Schlußsatze ähnlich scheint*). Ob nun hier wirklich eine
08 Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem logischen und transscendentalen
09 Verfahren, ingeheim zum Grunde liege, ist auch eine von den Fragen,
10 deren Beantwortung man in dem Verfolg dieser Untersuchungen
11 allererst erwarten muß. Wir haben vorläufig unsern Zweck schon erreicht, [op 396]
12 da wir die transscendentalen Begriffe der Vernunft, die sich sonst gewöhnlich
13 in der Theorie der Philosophen unter andere mischen, ohne daß diese
14 sie einmal von Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen
15 Lage haben herausziehen, ihren Ursprung und dadurch zugleich
16 ihre bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und
17 sie in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können, wodurch
18 ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und eingeschränkt
19 wird.
20 *) Die Metaphysik hat zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschung nur drei
21 Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, so daß der zweite Begriff, mit dem
22 ersten verbunden, auf den dritten als einen nothwendigen Schlußsatz führen soll.
23 Alles, womit sich diese Wissenschaft sonst beschäftigt, dient ihr bloß zum Mittel,
24 um zu diesen Ideen und ihrer Realität zu gelangen. Sie bedarf sie nicht zum
25 Behuf der Naturwissenschaft, sondern um über die Natur hinaus zu kommen. Die
26 Einsicht in dieselben würde Theologie, Moral und durch beider Verbindung
27 Religion, mithin die höchsten Zwecke unseres Daseins bloß vom speculativen Vernunftvermögen
28 und sonst von nichts anderem abhängig machen. In einer systematischen
29 Vorstellung jener Ideen würde die angeführte Ordnung, als die synthetische,
30 die schicklichste sein; aber in der Bearbeitung, die vor ihr nothwendig vorhergehen
31 muß, wird die analytische, welche diese Ordnung umkehrt, dem Zwecke
32 angemessener sein, um, indem wir von demjenigen, was uns Erfahrung unmittelbar
33 an die Hand giebt, der Seelenlehre, zur Weltlehre und von da bis zur
34 Erkenntniß Gottes fortgehen, unseren großen Entwurf zu vollziehen.
[seite 261]
05 Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transscendentalen
06 Idee sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz
07 nothwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt
08 worden. Denn in der That ist auch von einem Gegenstande, der der
09 Forderung der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff möglich,
10 d. i. ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung gezeigt und anschaulich
11 gemacht werden kann. Besser würde man sich doch und mit weniger [op 397]
12 Gefahr des Mißverständnisses ausdrücken, wenn man sagte: da
13 wir vom Object, welches einer Idee correspondirt, keine Kenntniß, obzwar
14 einen problematischen Begriff haben können.
15 Nun beruht wenigstens die transscendentale (subjective) Realität der
16 reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen nothwendigen Vernunftschlu
17 auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es Vernunftschlüsse
18 geben, die keine empirische Prämissen enthalten und vermittelst
19 deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes schließen, wovon
20 wir doch keinen Begriff haben, und dem wir gleichwohl durch einen unvermeidlichen
21 Schein objective Realität geben. Dergleichen Schlüsse sind in
22 Ansehung ihres Resultats also eher vernünftelnde als Vernunftschlüsse
23 zu nennen: wiewohl sie ihrer Veranlassung wegen wohl den letzteren Namen
24 führen können, weil sie doch nicht erdichtet oder zufällig entstanden,
25 sondern aus der Natur der Vernunft entsprungen sind. Es sind Sophisticationen
26 nicht der Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen
27 selbst der Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen und vielleicht
28 zwar nach vieler Bemühung den Irrthum verhüten, den Schein aber, der
29 ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig los werden kann.
30 Dieser dialektischen Vernunftschlüsse giebt es also nur dreierlei Arten,
31 so vielfach als die Ideen sind, auf die ihre Schlußsätze auslaufen. In dem
32 Vernunftschlusse der ersten Classe schließe ich von dem transscendentalen [op 398]
33 Begriffe des Subjects, der nichts Mannigfaltiges enthält, auf die absolute
34 Einheit dieses Subjects selber, von welchem ich auf diese Weise gar keinen
[seite 262]
23 Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines Vernunftschlusses
24 der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein, welcher er wolle.
25 Ein transscendentaler Paralogismus aber hat einen transscendentalen
26 Grund, der Form nach falsch zu schließen. Auf solche Weise wird ein dergleichen
27 Fehlschluß in der Natur der Menschenvernunft seinen Grund haben
28 und eine unvermeidliche, obzwar nicht unauflösliche Illusion bei sich
29 führen.
30 Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben in der allgemeinen Liste
31 der transscendentalen Begriffe nicht verzeichnet worden und dennoch dazu
32 gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu verändern
33 und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff oder, wenn man
[seite 263]
16 Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser
17 Art; denn wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgend eine
18 besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die Erkenntnißgründe
19 dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht mehr
20 rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon eine
21 angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze: Ich
22 denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz
23 schicklich und der Natur einer Transscendentalphilosophie gemäß untersuchen
24 können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an diesem
25 Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere Erfahrung [op 401]
26 habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche darauf erbauet
27 wird, niemals rein, sondern zum Theil auf ein empirisches Principium gegründet
28 sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts weiter, als die bloße
29 Apperception: Ich denke, welche sogar alle transscendentale Begriffe
30 möglich macht, in welchen es heißt: Ich denke die Substanz, die Ursache etc..
31 Denn innere Erfahrung überhaupt und deren Möglichkeit, oder Wahrnehmung
32 überhaupt und deren Verhältniß zu anderer Wahrnehmung,
33 ohne daß irgend ein besonderer Unterschied derselben und Bestimmung
34 empirisch gegeben ist, kann nicht als empirische Erkenntniß, sondern mu
35 als Erkenntniß des Empirischen überhaupt angesehen werden und gehört
36 zur Untersuchung der Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings
37 transscendental ist. Das mindeste Object der Wahrnehmung (z. B. nur
[seite 264]
04 Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie,
05 aus welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht,
06 daß dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen
07 werden soll, nichts anders als transscendentale Prädicate desselben enthalten
08 könne: weil das mindeste empirische Prädicat die rationale Reinigkeit
09 und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung verderben
10 würde.
11 Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen
12 haben; nur da hier zuerst ein Ding, Ich, als denkend Wesen gegeben worden,
13 so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien unter einander,
14 wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht verändern, aber doch hier
15 von der Kategorie der Substanz anfangen, dadurch ein Ding an sich selbst
16 vorgestellt wird, und so ihrer Reihe rückwärts nachgehen. Die Topik der
17 rationalen Seelenlehre, woraus alles übrige, was sie nur enthalten mag,
18 abgeleitet werden muß, ist demnach folgende:
|
|
||
|
|
|
|
|
|
30 *) Der Leser, der aus diesen Ausdrücken in ihrer transscendentalen Abgezogenheit
31 nicht so leicht den psychologischen Sinn derselben, und warum das letztere
32 Attribut der Seele zur Kategorie der Existenz gehöre, errathen wird, wird sie in
33 dem Folgenden hinreichend erklärt und gerechtfertigt finden. Übrigens habe ich wegen
34 der lateinischen Ausdrücke, die statt der gleichbedeutenden deutschen wider den Geschmack
35 der guten Schreibart eingeflossen sind, sowohl bei diesem Abschnitte, als auch'
34 in Ansehung des ganzen Werks zur Entschuldigung anzuführen: daß ich lieber etwas
35 der Zierlichkeit der Sprache habe entziehen, als den Schulgebrauch durch die
36 mindeste Unverständlichkeit erschweren wollen.
[seite 265]
01 Aus diesen Elementen entspringen alle Begriffe der reinen Seelenlehre
02 lediglich durch die Zusammensetzung, ohne im mindesten ein anderes
03 Principium zu erkennen. Diese Substanz bloß als Gegenstand des inneren
04 Sinnes giebt den Begriff der Immaterialität, als einfache Substanz
05 der Incorruptibilität, die Identität derselben als intellectueller Substanz
06 giebt die Personalität, alle diese drei Stücke zusammen die
07 Spiritualität; das Verhältniß zu den Gegenständen im Raume giebt
08 das Commercium mit Körpern; mithin stellt sie die denkende Substanz
09 als das Principium des Lebens in der Materie, d. i. sie als Seele ( anima )
10 und als den Grund der Animalität, vor, diese, durch die Spiritualität
11 eingeschränkt, Immortalität.
12 Hierauf beziehen sich nun vier Paralogismen einer transscendentalen
13 Seelenlehre, welche fälschlich für eine Wissenschaft der reinen Vernunft
14 von der Natur unseres denkenden Wesens gehalten wird. Zum Grunde [op 404]
15 derselben können wir aber nichts anderes legen, als die einfache und für
16 sich selbst an Inhalt gänzlich leere Vorstellung: Ich, von der man nicht
17 einmal sagen kann, daß sie ein Begriff sei, sondern ein bloßes Bewußtsein,
18 das alle Begriffe begleitet. Durch dieses Ich oder Er oder Es (das Ding),
19 welches denkt, wird nun nichts weiter als ein transscendentales Subject
20 der Gedanken vorgestellt = X, welches nur durch die Gedanken, die seine
21 Prädicate sind, erkannt wird, und wovon wir abgesondert niemals den
22 mindesten Begriff haben können, um welches wir uns daher in einem beständigen
23 Cirkel herumdrehen, indem wir uns seiner Vorstellung jederzeit
24 schon bedienen müssen, um irgend etwas von ihm zu urtheilen; eine Unbequemlichkeit,
25 die davon nicht zu trennen ist, weil das Bewußtsein an
26 sich nicht sowohl eine Vorstellung ist, die ein besonderes Object unterscheidet,
27 sondern eine Form derselben überhaupt, so fern sie Erkenntni
28 genannt werden soll; denn von der allein kann ich sagen, daß ich dadurch
29 irgend etwas denke.
30 Es muß aber gleich anfangs befremdlich scheinen, daß die Bedingung,
31 unter der ich überhaupt denke, und die mithin bloß eine Beschaffenheit
32 meines Subjects ist, zugleich für alles, was denkt, gültig sein solle, und
33 daß wir auf einen empirisch scheinenden Satz ein apodiktisches und allgemeines
[seite 266]
16 Läge unserer reinen Vernunfterkenntniß von denkenden Wesen überhaupt
17 mehr als das cogito zum Grunde; würden wir die Beobachtungen
18 über das Spiel unserer Gedanken und die daraus zu schöpfende Naturgesetze
19 des denkenden Selbst auch zu Hülfe nehmen: so würde eine empirische
20 Psychologie entspringen, welche eine Art der Physiologie des inneren
21 Sinnes sein würde und vielleicht die Erscheinungen desselben zu erklären,
22 niemals aber dazu dienen könnte, solche Eigenschaften, die gar nicht zur [op 406]
23 möglichen Erfahrung gehören (als die des Einfachen) zu eröffnen, noch
24 von denkenden Wesen überhaupt etwas, das ihre Natur betrifft, apodiktisch
25 zu lehren; sie wäre also keine rationale Psychologie.
26 Da nun der Satz: Ich denke, (problematisch genommen) die Form
27 eines jeden Verstandesurtheils überhaupt enthält und alle Kategorien als
28 ihr Vehikel begleitet: so ist klar, daß die Schlüsse aus demselben einen blo
29 transscendentalen Gebrauch des Verstandes enthalten können, welcher alle
30 Beimischung der Erfahrung ausschlägt, und von dessen Fortgang wir nach
31 dem, was wir oben gezeigt haben, uns schon zum voraus keinen vortheilhaften
32 Begriff machen können. Wir wollen ihn also durch alle Prädicamente
33 der reinen Seelenlehre mit einem kritischen Auge verfolgen, doch
[seite 267]
03 Zuvörderst kann folgende allgemeine Bemerkung unsere Achtsamkeit
04 auf diese Schlußart schärfen. Nicht dadurch, daß ich bloß denke, erkenne
05 ich irgend ein Object, sondern nur dadurch, daß ich eine gegebene Anschauung
06 in Absicht auf die Einheit des Bewußtseins, darin alles Denken
07 besteht, bestimme, kann ich irgend einen Gegenstand erkennen. Also erkenne
08 ich mich nicht selbst dadurch, daß ich mich meiner als denkend bewußt
09 bin, sondern wenn ich mir die Anschauung meiner selbst, als in Ansehung
10 der Function des Denkens bestimmt, bewußt bin. Alle modi [op 407]
11 des Selbstbewußtseins im Denken an sich sind daher noch keine Verstandesbegriffe
12 von Objecten (Kategorien), sondern bloße logische Functionen,
13 die dem Denken gar keinen Gegenstand, mithin mich selbst auch nicht als
14 Gegenstand zu erkennen geben. Nicht das Bewußtsein des bestimmenden,
15 sondern nur das des bestimmbaren Selbst, d. i. meiner inneren
16 Anschauung (so fern ihr Mannigfaltiges der allgemeinen Bedingung der
17 Einheit der Apperception im Denken gemäß verbunden werden kann), ist
18 das Object.
19 1) In allen Urtheilen bin ich nun immer das bestimmende Subject
20 desjenigen Verhältnisses, welches das Urtheil ausmacht. Daß aber Ich,
21 der ich denke, im Denken immer als Subject und als etwas, was nicht
22 bloß wie Prädicat dem Denken anhängend betrachtet werden kann, gelten
23 müsse, ist ein apodiktischer und selbst identischer Satz; aber er bedeutet
24 nicht, daß ich als Object ein für mich selbst bestehendes Wesen oder
25 Substanz sei. Das letztere geht sehr weit, erfordert daher auch Data,
26 die im Denken gar nicht angetroffen werden, vielleicht (so fern ich bloß das
27 denkende als ein solches betrachte) mehr, als ich überall (in ihm) jemals
28 antreffen werde.
29 2) Daß das Ich der Apperception folglich in jedem Denken ein
30 Singular sei, der nicht in eine Vielheit der Subjecte aufgelöset werden
31 kann, mithin ein logisch einfaches Subject bezeichne, liegt schon im Begriffe [op 408]
32 des Denkens, ist folglich ein analytischer Satz; aber das bedeutet
33 nicht, daß das denkende Ich eine einfache Substanz sei, welches ein synthetischer
34 Satz sein würde. Der Begriff der Substanz bezieht sich immer
35 auf Anschauungen, die bei mir nicht anders als sinnlich sein können, mithin
36 ganz außer dem Felde des Verstandes und seinem Denken liegen, von
37 welchem doch eigentlich hier nur geredet wird, wenn gesagt wird, daß das
[seite 268]
07 3) Der Satz der Identität meiner selbst bei allem Mannigfaltigen,
08 dessen ich mir bewußt bin, ist ein eben so wohl in den Begriffen selbst
09 liegender, mithin analytischer Satz; aber diese Identität des Subjects,
10 deren ich mir in allen seinen Vorstellungen bewußt werden kann, betrifft
11 nicht die Anschauung desselben, dadurch es als Object gegeben ist, kann
12 also auch nicht die Identität der Person bedeuten, wodurch das Bewußtsein
13 der Identität seiner eigenen Substanz als denkenden Wesens in allem
14 Wechsel der Zustände verstanden wird, wozu, um sie zu beweisen, es mit
15 der bloßen Analysis des Satzes: Ich denke, nicht ausgerichtet sein, sondern [op 409]
16 verschiedene synthetische Urtheile, welche sich auf die gegebene Anschauung
17 gründen, würden erfordert werden.
18 4) Ich unterscheide meine eigene Existenz, als eines denkenden Wesens,
19 von anderen Dingen außer mir (wozu auch mein Körper gehört), ist
20 eben so wohl ein analytischer Satz; denn andere Dinge sind solche, die
21 ich als von mir unterschieden denke. Aber ob dieses Bewußtsein meiner
22 selbst ohne Dinge außer mir, dadurch mir Vorstellungen gegeben
23 werden, gar möglich sei, und ich also bloß als denkend Wesen (ohne Mensch
24 zu sein) existiren könne, weiß ich dadurch gar nicht.
25 Also ist durch die Analysis des Bewußtseins meiner selbst im Denken
26 überhaupt in Ansehung der Erkenntniß meiner selbst als Objects nicht
27 das mindeste gewonnen. Die logische Erörterung des Denkens überhaupt
28 wird fälschlich für eine metaphysische Bestimmung des Objects gehalten.
29 Ein großer, ja sogar der einzige Stein des Anstoßes wider unsere
30 ganze Kritik würde es sein, wenn es eine Möglichkeit gäbe, a priori zu
31 beweisen, daß alle denkende Wesen an sich einfache Substanzen sind, als
32 solche also (welches eine Folge aus dem nämlichen Beweisgrunde ist) Persönlichkeit
33 unzertrennlich bei sich führen und sich ihrer von aller Materie
34 abgesonderten Existenz bewußt sind. Denn auf diese Art hätten wir doch
35 einen Schritt über die Sinnenwelt hinaus gethan, wir wären in das Feld [op 410]
36 der Noumenen getreten, und nun spreche uns niemand die Befugniß ab,
37 in diesem uns weiter auszubreiten, anzubauen und, nachdem einen jeden
[seite 269]
14 In dem Verfahren der rationalen Psychologie herrscht ein Paralogism,
15 der durch folgenden Vernunftschluß dargestellt wird.
16 Was nicht anders als Subject gedacht werden kann, existirt
17 auch nicht anders als Subject und ist also Substanz. [op 411]
18 Nun kann ein denkendes Wesen, bloß als ein solches betrachtet,
19 nicht anders als Subject gedacht werden.
20 Also existirt es auch nur als ein solches , d. i. als Substanz.
21 Im Obersatze wird von einem Wesen geredet, das überhaupt, in jeder
22 Absicht, folglich auch so, wie es in der Anschauung gegeben werden mag,
23 gedacht werden kann. Im Untersatze aber ist nur von demselben die Rede,
24 so fern es sich selbst als Subject nur relativ auf das Denken und die Einheit
25 des Bewußtseins, nicht aber zugleich in Beziehung auf die Anschauung,
26 wodurch es als Object zum Denken gegeben wird, betrachtet. Also
27 wird per sophisma figurae dictionis , mithin durch einen Trugschluß die
28 Conclusion gefolgert.*)
29 *) Das Denken wird in beiden Prämissen in ganz verschiedener Bedeutung
30 genommen: im Obersatze, wie es auf ein Object überhaupt (mithin wie es in der
31 Anschauung gegeben werden mag) geht; im Untersatze aber nur, wie es in der Beziehung
32 aufs Selbstbewußtsein besteht, wobei also an gar kein Object gedacht wird,
33 sondern nur die Beziehung auf sich als Subject (als die Form des Denkens)
34 vorgestellt wird. Im ersteren wird von Dingen geredet, die nicht anders als Subjecte
35 gedacht werden können; im zweiten aber nicht von Dingen, sondern vom'
31 Denken (indem man von allem Objecte abstrahirt), in welchem das Ich immer
32 zum Subject des Bewußtseins dient; daher im Schlußsatze nicht folgen kann: ich
33 kann nicht anders als Subject existiren, sondern nur: ich kann im Denken meiner
34 Existenz mich nur zum Subject des Urtheils brauchen, welches ein identischer Satz
35 ist, der schlechterdings nichts über die Art meines Daseins eröffnet.
[seite 270]
01 Daß diese Auflösung des berühmten Arguments in einem Paralogism
02 so ganz richtig sei, erhellt deutlich, wenn man die allgemeine Anmerkung
03 zur systematischen Vorstellung der Grundsätze und den Abschnitt
04 von den Noumenen hiebei nachsehen will, da bewiesen worden: daß der
05 Begriff eines Dinges, was für sich selbst als Subject, nicht aber als bloßes
06 Prädicat existiren kann, noch gar keine objective Realität bei sich führe,
07 d. i. daß man nicht wissen könne, ob ihm überall ein Gegenstand zukommen
08 könne, indem man die Möglichkeit einer solchen Art zu existiren
09 nicht einsieht, folglich daß er schlechterdings keine Erkenntniß abgebe.
10 Soll er also unter der Benennung einer Substanz ein Object, das gegeben
11 werden kann, anzeigen; soll er ein Erkenntniß werden: so muß eine beharrliche
12 Anschauung, als die unentbehrliche Bedingung der objectiven
13 Realität eines Begriffs, nämlich das, wodurch allein der Gegenstand gegeben
14 wird, zum Grunde gelegt werden. Nun haben wir aber in der [op 413]
15 inneren Anschauung gar nichts Beharrliches, denn das Ich ist nur das
16 Bewußtsein meines Denkens; also fehlt es uns auch, wenn wir bloß beim
17 Denken stehen bleiben, an der nothwendigen Bedingung, den Begriff der
18 Substanz, d. i. eines für sich bestehenden Subjects, auf sich selbst als denkend
19 Wesen anzuwenden; und die damit verbundene Einfachheit der Substanz
20 fällt mit der objectiven Realität dieses Begriffs gänzlich weg und
21 wird in eine bloße logische, qualitative Einheit des Selbstbewußtseins
22 im Denken überhaupt, das Subject mag zusammengesetzt sein oder nicht,
23 verwandelt.
26 Dieser scharfsinnige Philosoph merkte bald in dem gewöhnlichen Argumente,
27 dadurch bewiesen werden soll, daß die Seele (wenn man einräumt,
28 sie sei ein einfaches Wesen) nicht durch Zertheilung zu sein aufhören
29 könne, einen Mangel der Zulänglichkeit zu der Absicht, ihr die nothwendige
30 Fortdauer zu sichern, indem man noch ein Aufhören ihres Daseins
[seite 271]
27 *) Klarheit ist nicht, wie die Logiker sagen, das Bewußtsein einer Vorstellung;
28 denn ein gewisser Grad des Bewußtseins, der aber zur Erinnerung nicht zureicht,
29 muß selbst in manchen dunkelen Vorstellungen anzutreffen sein, weil ohne alles Bewußtsein
30 wir in der Verbindung dunkeler Vorstellungen keinen Unterschied machen
31 würden, welches wir doch bei den Merkmalen mancher Begriffe (wie der von Recht
32 und Billigkeit und des Tonkünstlers, wenn er viele Noten im Phantasiren zugleich
33 greift) zu thun vermögen. Sondern eine Vorstellung ist klar, in der das Bewußtsein
34 zum Bewußtsein des Unterschiedes derselben von andern zureicht. Reicht
35 dieses zwar zur Unterscheidung, aber nicht zum Bewußtsein des Unterschiedes zu,
36 so müßte die Vorstellung noch dunkel genannt werden. Also giebt es unendlich
37 viele Grade des Bewußtseins bis zum Verschwinden.
[seite 272]
03 Nehmen wir nun unsere obige Sätze, wie sie auch als für alle denkende
04 Wesen gültig in der rationalen Psychologie als System genommen
05 werden müssen, in synthetischem Zusammenhange und gehen von der
06 *)Diejenige, welche, um eine neue Möglichkeit auf die Bahn zu bringen, schon
07 genug gethan zu haben glauben, wenn sie darauf trotzen, daß man ihnen keinen Widerspruch
08 in ihren Voraussetzungen zeigen könne (wie diejenige insgesammt sind, die die
09 Möglichkeit des Denkens, wovon sie nur bei den empirischen Anschauungen im
10 menschlichen Leben ein Beispiel haben, auch nach dessen Aufhörung einzusehen glauben),
11 können durch andere Möglichkeiten, die nicht im mindesten kühner sind, in große
12 Verlegenheit gebracht werden. Dergleichen ist die Möglichkeit der Theilung einer
13 einfachen Substanz in mehrere Substanzen und umgekehrt das Zusammenfließen
14 (Coalition) mehrerer in eine einfache. Denn obzwar die Theilbarkeit ein Zusammengesetztes
15 voraussetzt, so erfordert sie doch nicht nothwendig ein Zusammengesetztes
16 von Substanzen, sondern bloß von Graden (der mancherlei Vermögen) einer und
17 derselben Substanz. Gleichwie man sich nun alle Kräfte und Vermögen der Seele,
18 selbst das des Bewußtseins, als auf die Hälfte geschwunden denken kann, so doch,
19 daß immer noch Substanz übrig bliebe: so kann man sich auch diese erloschene
20 Hälfte als aufbehalten, aber nicht in ihr, sondern außer ihr, ohne Widerspruch vorstellen
21 und daß, da hier alles, was in ihr nur immer real ist, folglich einen Grad
22 hat, mithin die ganze Existenz derselben, so daß nichts mangelt, halbirt worden,
23 außer ihr alsdann eine besondere Substanz entspringen würde. Denn die Vielheit,
24 welche getheilt worden, war schon vorher, aber nicht als Vielheit der Substanzen,
25 sondern jeder Realität als Quantum der Existenz in ihr; und die Einheit der Substanz
26 war nur eine Art zu existiren, die durch diese Theilung allein in eine Mehrheit
27 der Subsistenz verwandelt worden. So könnten aber auch mehrere einfache
28 Substanzen in eine wiederum zusammenfließen, dabei nichts verloren ginge, als
29 bloß die Mehrheit der Subsistenz, indem die eine den Grad der Realität aller
30 vorigen zusammen in sich enthielte; und vielleicht möchten die einfachen Substanzen,
31 welche uns die Erscheinung einer Materie geben (freilich zwar nicht durch einen
32 mechanischen oder chemischen Einfluß auf einander, aber doch durch einen uns unbekannten,
33 davon jener nur die Erscheinung wäre), durch dergleichen dynamische
34 Theilung der Elternseelen als intensiver Größen Kinderseelen hervorbringen,
35 indessen daß jene ihren Abgang wiederum durch Coalition mit neuem Stoffe von
36 derselben Art ergänzten. Ich bin weit entfernt, dergleichen Hirngespinsten den
37 mindesten Werth oder Gültigkeit einzuräumen, auch haben die obigen Principien
38 der Analytik hinreichend eingeschärft, von den Kategorien (als der der Substanz)
39 keinen anderen als Erfahrungsgebrauch zu machen. Wenn aber der Rationalist
40 aus dem bloßen Denkungsvermögen ohne irgend eine beharrliche Anschauung, dadurch
41 ein Gegenstand gegeben würde, ein für sich bestehendes Wesen zu machen'
29 kühn genug ist, bloß weil die Einheit der Apperception im Denken ihm keine Erklärung
30 aus dem Zusammengesetzten erlaubt, statt daß er besser thun würde, zu
31 gestehen, er wisse die Möglichkeit einer denkenden Natur nicht zu erklären, warum
32 soll der Materialist, ob er gleich eben so wenig zum Behuf seiner Möglichkeiten
33 Erfahrung anführen kann, nicht zu gleicher Kühnheit berechtigt sein, sich seines
34 Grundsatzes mit Beibehaltung der formalen Einheit des ersteren zum entgegengesetzten
35 Gebrauche zu bedienen?'
[seite 273]
12 Befolgen wir dagegen das analytische Verfahren, da das: Ich
13 denke, als ein Satz, der schon ein Dasein in sich schließt, als gegeben,
14 mithin die Modalität zum Grunde liegt, und zergliedern ihn, um seinen
15 Inhalt, ob und wie nämlich dieses Ich im Raum oder der Zeit bloß dadurch
16 sein Dasein bestimmt, zu erkennen, so würden die Sätze der rationalen
17 Seelenlehre nicht vom Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt,
18 sondern von einer Wirklichkeit anfangen, und aus der Art, wie diese gedacht [op 419]
19 wird, nachdem alles, was dabei empirisch ist, abgesondert worden,
20 das, was einem denkenden Wesen überhaupt zukommt, gefolgert werden,
21 wie folgende Tafel zeigt.
|
|
||
|
|
|
|
|
|
[seite 274]
01 Weil hier nun im zweiten Satze nicht bestimmt wird, ob ich nur als
02 Subject und nicht auch als Prädicat eines andern existiren und gedacht
03 werden könne, so ist der Begriff eines Subjects hier bloß logisch genommen,
04 und es bleibt unbestimmt, ob darunter Substanz verstanden werden solle
05 oder nicht. Allein in dem dritten Satze wird die absolute Einheit der Apperception,
06 das einfache Ich, in der Vorstellung, darauf sich alle Verbindung
07 oder Trennung, welche das Denken ausmacht, bezieht, auch für sich
08 wichtig, wenn ich gleich noch nichts über des Subjects Beschaffenheit oder
09 Subsistenz ausgemacht habe. Die Apperception ist etwas Reales, und
10 die Einfachheit derselben liegt schon in ihrer Möglichkeit. Nun ist im
11 Raum nichts Reales, was einfach wäre; denn Punkte (die das einzige
12 Einfache im Raum ausmachen) sind bloß Grenzen, nicht selbst aber etwas, [op 420]
13 was den Raum als Theil auszumachen dient. Also folgt daraus die Unmöglichkeit
14 einer Erklärung meiner, als bloß denkenden Subjects, Beschaffenheit
15 aus Gründen des Materialisms. Weil aber mein Dasein
16 in dem ersten Satze als gegeben betrachtet wird, indem es nicht heißt: ein
17 jedes denkende Wesen existirt (welches zugleich absolute Nothwendigkeit
18 und also zu viel von ihnen sagen würde), sondern nur: ich existire denkend,
19 so ist er empirisch und enthält die Bestimmbarkeit meines Daseins blo
20 in Ansehung meiner Vorstellungen in der Zeit. Da ich aber wiederum
21 hiezu zuerst etwas Beharrliches bedarf, dergleichen mir, so fern ich mich
22 denke, gar nicht in der inneren Anschauung gegeben ist: so ist die Art, wie
23 ich existire, ob als Substanz oder als Accidenz, durch dieses einfache
24 Selbstbewußtsein gar nicht zu bestimmen möglich. Also wenn der Materialism
25 zur Erklärungsart meines Daseins untauglich ist, so ist der
26 Spiritualism zu derselben eben sowohl unzureichend; und die Schlußfolge
27 ist, daß wir auf keine Art, welche es auch sei, von der Beschaffenheit
28 unserer Seele, die die Möglichkeit ihrer abgesonderten Existenz überhaupt
29 betrifft, irgend etwas erkennen können.
30 Und wie sollte es auch möglich sein, durch die Einheit des Bewußtseins,
31 die wir selbst nur dadurch kennen, daß wir sie zur Möglichkeit der
32 Erfahrung unentbehrlich brauchen, über Erfahrung (unser Dasein im
33 Leben) hinaus zu kommen und sogar unsere Erkenntniß auf die Natur [op 421]
34 aller denkenden Wesen überhaupt durch den empirischen, aber in Ansehung
35 aller Art der Anschauung unbestimmten Satz: Ich denke, zu erweitern?
36 Es giebt also keine rationale Psychologie als Doctrin, die uns
37 einen Zusatz zu unserer Selbsterkenntniß verschaffte, sondern nur als
[seite 275]
13 Man sieht aus allem diesem, daß ein bloßer Mißverstand der rationalen
14 Psychologie ihren Ursprung gebe. Die Einheit des Bewußtseins,
15 welche den Kategorien zum Grunde liegt, wird hier für Anschauung des [op 422]
16 Subjects als Objects genommen und darauf die Kategorie der Substanz
17 angewandt. Sie ist aber nur die Einheit im Denken, wodurch allein
18 kein Object gegeben wird, worauf also die Kategorie der Substanz, als
19 die jederzeit gegebene Anschauung voraussetzt, nicht angewandt, mithin
20 dieses Subject gar nicht erkannt werden kann. Das Subject der Kategorien
21 kann also dadurch, daß es diese denkt, nicht von sich selbst als einem
22 Objecte der Kategorien einen Begriff bekommen; denn um diese zu denken,
23 muß es sein reines Selbstbewußtsein, welches doch hat erklärt werden
24 sollen, zum Grunde legen. Eben so kann das Subject, in welchem die
25 Vorstellung der Zeit ursprünglich ihren Grund hat, sein eigen Dasein in
26 der Zeit dadurch nicht bestimmen, und wenn das letztere nicht sein kann,
27 so kann auch das erstere als Bestimmung seiner selbst (als denkenden Wesens
28 überhaupt) durch Kategorien nicht stattfinden.*)
29 So verschwindet denn ein über die Grenzen möglicher Erfahrung
30 hinaus versuchtes und doch zum höchsten Interesse der Menschheit gehöriges
31 Erkenntniß, so weit es der speculativen Philosophie verdankt werden
32 *) Das: Ich denke, ist, wie schon gesagt, ein empirischer Satz und hält den Satz:
33 Ich existire, in sich. Ich kann aber nicht sagen: alles, was denkt, existirt; denn da'
18 würde die Eigenschaft des Denkens alle Wesen, die sie besitzen, zu nothwendigen Wesen
19 machen. Daher kann meine Existenz auch nicht aus dem Satze: Ich denke, als
20 gefolgert angesehen werden, wie Cartesius dafür hielt, (weil sonst der Obersatz:
21 alles, was denkt, existirt, vorausgehen müßte) sondern ist mit ihm identisch. Er drückt
22 eine unbestimmte empirische Anschauung, d. i. Wahrnehmung, aus, (mithin beweiset
23 er doch, daß schon Empfindung, die folglich zur Sinnlichkeit gehört, diesem Existentialsatz
24 zum Grunde liege) geht aber vor der Erfahrung vorher, die das Object der
25 Wahrnehmung durch die Kategorie in Ansehung der Zeit bestimmen soll; und die
26 Existenz ist hier noch keine Kategorie, als welche nicht auf ein unbestimmt gegebenes
27 Object, sondern nur ein solches, davon man einen Begriff hat, und wovon man
28 wissen will, ob es auch außer diesem Begriffe gesetzt sei, oder nicht, Beziehung hat.
29 Eine unbestimmte Wahrnehmung bedeutet hier nur etwas Reales, das gegeben worden
30 und zwar nur zum Denken überhaupt, also nicht als Erscheinung, auch nicht als
31 Sache an sich selbst (Noumenon), sondern als Etwas, was in der That existirt und
32 in dem Satze: Ich denke, als ein solches bezeichnet wird. Denn es ist zu merken,
33 daß, wenn ich den Satz: Ich denke, einen empirischen Satz genannt habe, Ich dadurch
34 nicht sagen will, das Ich in diesem Satze sei empirische Vorstellung; vielmehr ist sie
35 rein intellectuell, weil sie zum Denken überhaupt gehört. Allein ohne irgend eine
36 empirische Vorstellung, die den Stoff zum Denken abgiebt, würde der Actus: Ich
37 denke, doch nicht stattfinden, und das Empirische ist nur die Bedingung der Anwendung
38 oder des Gebrauchs des reinen intellectuellen Vermögens.
[seite 276]
12 Gleichwohl wird hiedurch für die Befugniß, ja gar die Nothwendigkeit
13 der Annehmung eines künftigen Lebens nach Grundsätzen des mit
14 dem speculativen verbundenen praktischen Vernunftgebrauchs hiebei nicht
15 das mindeste verloren; denn der bloß speculative Beweis hat auf die gemeine
16 Menschenvernunft ohnedem niemals einigen Einfluß haben können.
17 Er ist so auf einer Haaresspitze gestellt, daß selbst die Schule ihn auf derselben
[seite 277]
[seite 278]
02 Der dialektische Schein in der rationalen Psychologie beruht auf der
03 Verwechselung einer Idee der Vernunft (einer reinen Intelligenz) mit dem
04 in allen Stücken unbestimmten Begriffe eines denkenden Wesens überhaupt.
05 Ich denke mich selbst zum Behuf einer möglichen Erfahrung, indem
06 ich noch von aller wirklichen Erfahrung abstrahire, und schließe daraus,
07 daß ich mich meiner Existenz auch außer der Erfahrung und den [op 427]
08 empirischen Bedingungen derselben bewußt werden könne. Folglich verwechsele
09 ich die mögliche Abstraction von meiner empirisch bestimmten
10 Existenz mit dem vermeinten Bewußtsein einer abgesondert möglichen
11 Existenz meines denkenden Selbst und glaube das Substantiale in mir
12 als das transscendentale Subject zu erkennen, indem ich bloß die Einheit
13 des Bewußtseins, welche allem Bestimmen als der bloßen Form der Erkenntni
14 zum Grunde liegt, in Gedanken habe.
15 Die Aufgabe, die Gemeinschaft der Seele mit dem Körper zu erklären,
16 gehört nicht eigentlich zu derjenigen Psychologie, wovon hier die Rede
17 ist, weil sie die Persönlichkeit der Seele auch außer dieser Gemeinschaft
18 (nach dem Tode) zu beweisen die Absicht hat und also im eigentlichen
19 Verstande transscendent ist, ob sie sich gleich mit einem Objecte der
20 Erfahrung beschäftigt, aber nur so fern es aufhört ein Gegenstand der Erfahrung
21 zu sein. Indessen kann auch hierauf nach unserem Lehrbegriffe
22 hinreichende Antwort gegeben werden. Die Schwierigkeit, welche diese
23 Aufgabe veranlaßt hat, besteht, wie bekannt, in der vorausgesetzten Ungleichartigkeit
24 des Gegenstandes des inneren Sinnes (der Seele) mit den
25 Gegenständen äußerer Sinne, da jenem nur die Zeit, diesen auch der Raum
26 zur formalen Bedingung ihrer Anschauung anhängt. Bedenkt man aber,
27 daß beiderlei Art von Gegenständen hierin sich nicht innerlich, sondern [op 428]
28 nur, so fern einer dem andern äußerlich erscheint, von einander unterscheiden,
29 mithin das, was der Erscheinung der Materie als Ding an sich
30 selbst zum Grunde liegt, vielleicht so ungleichartig nicht sein dürfte, so
31 verschwindet diese Schwierigkeit, und es bleibt keine andere übrig, als die,
32 wie überhaupt eine Gemeinschaft von Substanzen möglich sei, welche zu
33 lösen ganz außer dem Felde der Psychologie und, wie der Leser nach dem,
34 was in der Analytik von Grundkräften und Vermögen gesagt worden,
35 leicht urtheilen wird, ohne allen Zweifel auch außer dem Felde aller menschlichen
36 Erkenntniß liegt.
[seite 279]
04 Der Satz: Ich denke, oder: Ich existire denkend, ist ein empirischer
05 Satz. Einem solchen aber liegt empirische Anschauung, folglich auch das
06 gedachte Object als Erscheinung zum Grunde, und so scheint es, als wenn
07 nach unserer Theorie die Seele ganz und gar, selbst im Denken, in Erscheinung
08 verwandelt würde, und auf solche Weise unser Bewußtsein selbst,
09 als bloßer Schein, in der That auf nichts gehen müßte.
10 Das Denken, für sich genommen, ist bloß die logische Function,
11 mithin lauter Spontaneität der Verbindung des Mannigfaltigen einer
12 bloß möglichen Anschauung und stellt das Subject des Bewußtseins keinesweges [op 429]
13 als Erscheinung dar, bloß darum weil es gar keine Rücksicht
14 auf die Art der Anschauung nimmt, ob sie sinnlich oder intellectuell sei.
15 Dadurch stelle ich mich mir selbst weder wie ich bin, noch wie ich mir er/scheine,
16 vor, sondern ich denke mich nur wie ein jedes Object überhaupt,
17 von dessen Art der Anschauung ich abstrahire. Wenn ich mich hier als
18 Subject der Gedanken oder auch als Grund des Denkens vorstelle, so
19 bedeuten diese Vorstellungsarten nicht die Kategorien der Substanz oder
20 der Ursache, denn diese sind jene Functionen des Denkens (Urtheilens),
21 schon auf unsere sinnliche Anschauung angewandt, welche freilich erfordert
22 werden würde, wenn ich mich erkennen wollte. Nun will ich mich meiner
23 aber nur als denkend bewußt werden; wie mein eigenes Selbst in der
24 Anschauung gegeben sei, das setze ich bei Seite, und da könnte es mir, der
25 ich denke, aber nicht so fern ich denke, bloß Erscheinung sein; im Bewußtsein
26 meiner selbst beim bloßen Denken bin ich das Wesen selbst, von
27 dem mir aber freilich dadurch noch nichts zum Denken gegeben ist.
28 Der Satz aber: Ich denke, so fern er so viel sagt, als: Ich existire
29 denkend, ist nicht bloße logische Function, sondern bestimmt das Subject
30 (welches dann zugleich Object ist) in Ansehung der Existenz und kann ohne
31 den inneren Sinn nicht stattfinden, dessen Anschauung jederzeit das Object
32 nicht als Ding an sich selbst, sondern bloß als Erscheinung an die [op 430]
33 Hand giebt. In ihm ist also schon nicht mehr bloße Spontaneität des
34 Denkens, sondern auch Receptivität der Anschauung, d. i. das Denken
35 meiner selbst auf die empirische Anschauung eben desselben Subjects angewandt.
[seite 280]
10 Gesetzt aber, es fände sich in der Folge nicht in der Erfahrung, sondern
11 in gewissen (nicht bloß logischen Regeln, sondern) a priori feststehenden,
12 unsere Existenz betreffenden Gesetzen des reinen Vernunftgebrauchs
13 Veranlassung, uns völlig a priori in Ansehung unseres eigenen Daseins
14 als gesetzgebend und diese Existenz auch selbst bestimmend vorauszusetzen:
15 so würde sich dadurch eine Spontaneität entdecken, wodurch unsere
16 Wirklichkeit bestimmbar wäre, ohne dazu der Bedingungen der empirischen
17 Anschauung zu bedürfen; und hier würden wir inne werden, daß im Bewußtsein
18 unseres Daseins a priori etwas enthalten sei, was unsere nur
19 sinnlich durchgängig bestimmbare Existenz doch in Ansehung eines gewissen [op 431]
20 inneren Vermögens in Beziehung auf eine intelligibele (freilich nur
21 gedachte) Welt zu bestimmen dienen kann.
22 Aber dieses würde nichts desto weniger alle Versuche in der rationalen
23 Psychologie nicht im mindesten weiter bringen. Denn ich würde durch jenes
24 bewundernswürdige Vermögen, welches mir das Bewußtsein des moralischen
25 Gesetzes allererst offenbart, zwar ein Princip der Bestimmung
26 meiner Existenz, welches rein intellectuell ist, haben, aber durch welche
27 Prädicate? Durch keine andere, als die mir in der sinnlichen Anschauung
28 gegeben werden müssen; und so würde ich da wiederum hingerathen, wo
29 ich in der rationalen Psychologie war, nämlich in das Bedürfniß sinnlicher
30 Anschauungen, um meinen Verstandesbegriffen, Substanz, Ursache
31 u. s. w., wodurch ich allein Erkenntniß von mir haben kann, Bedeutung zu
32 verschaffen; jene Anschauungen können mich aber über das Feld der Erfahrung
33 niemals hinaus helfen. Indessen würde ich doch diese Begriffe in
34 Ansehung des praktischen Gebrauchs, welcher doch immer auf Gegenstände
35 der Erfahrung gerichtet ist, der im theoretischen Gebrauche analogischen
36 Bedeutung gemäß auf die Freiheit und das Subject derselben anzuwenden
37 befugt sein, indem ich bloß die logischen Functionen des Subjects
[seite 281]
13 Wir haben in der Einleitung zu diesem Theile unseres Werks gezeigt,
14 daß aller transscendentale Schein der reinen Vernunft auf dialektischen
15 Schlüssen beruhe, deren Schema die Logik in den drei formalen Arten der
16 Vernunftschlüsse überhaupt an die Hand giebt, so wie etwa die Kategorien
17 ihr logisches Schema in den vier Functionen aller Urtheile antreffen. Die
18 erste Art dieser vernünftelnden Schlüsse ging auf die unbedingte Einheit
19 der subjectiven Bedingungen aller Vorstellungen überhaupt (des Subjects
20 oder der Seele) in Correspondenz mit den kategorischen Vernunftschlüssen,
21 deren Obersatz als Princip die Beziehung eines Prädicats auf [op 433]
22 ein Subject aussagt. Die zweite Art des dialektischen Arguments wird
23 also nach der Analogie mit hypothetischen Vernunftschlüssen die unbedingte
24 Einheit der objectiven Bedingungen in der Erscheinung zu ihrem
25 Inhalte machen, so wie die dritte Art, die im folgenden Hauptstücke
26 vorkommen wird, die unbedingte Einheit der objectiven Bedingungen der
27 Möglichkeit der Gegenstände überhaupt zum Thema hat.
28 Es ist aber merkwürdig, daß der transscendentale Paralogism einen
29 bloß einseitigen Schein in Ansehung der Idee von dem Subjecte unseres
30 Denkens bewirkte, und zur Behauptung des Gegentheils sich nicht der
31 mindeste Schein aus Vernunftbegriffen vorfinden will. Der Vortheil ist
[seite 282]
04 Ganz anders fällt es aus, wenn wir die Vernunft auf die objective
05 Synthesis der Erscheinungen anwenden, wo sie ihr Principium der unbedingten
06 Einheit zwar mit vielem Scheine geltend zu machen denkt, sich
07 aber bald in solche Widersprüche verwickelt, daß sie genöthigt wird, in
08 kosmologischer Absicht von ihrer Forderung abzustehen.
09 Hier zeigt sich nämlich ein neues Phänomen der menschlichen Vernunft,
10 nämlich: eine ganz natürliche Antithetik, auf die keiner zu grübeln [op 434]
11 und künstlich Schlingen zu legen braucht, sondern in welche die Vernunft
12 von selbst und zwar unvermeidlich geräth und dadurch zwar vor dem
13 Schlummer einer eingebildeten Überzeugung, den ein bloß einseitiger
14 Schein hervorbringt, verwahrt, aber zugleich in Versuchung gebracht wird,
15 sich entweder einer sceptischen Hoffnungslosigkeit zu überlassen, oder einen
16 dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf steif auf gewisse Behauptungen
17 zu setzen, ohne den Gründen des Gegentheils Gehör und Gerechtigkeit
18 widerfahren zu lassen. Beides ist der Tod einer gesunden Philosophie,
19 wiewohl jener allenfalls noch die Euthanasie der reinen Vernunft
20 genannt werden könnte.
21 Ehe wir die Auftritte des Zwiespalts und der Zerrüttungen sehen
22 lassen, welche dieser Widerstreit der Gesetze (Antinomie) der reinen Vernunft
23 veranlaßt, wollen wir gewisse Erörterungen geben, welche die Methode
24 erläutern und rechtfertigen können, deren wir uns in Behandlung
25 unseres Gegenstandes bedienen. Ich nenne alle transscendentale Ideen,
26 so fern sie die absolute Totalität in der Synthesis der Erscheinungen betreffen,
27 Weltbegriffe, theils wegen eben dieser unbedingten Totalität,
28 worauf auch der Begriff des Weltganzen beruht, der selbst nur eine Idee
29 ist, theils weil sie lediglich auf die Synthesis der Erscheinungen, mithin die
30 empirische gehen, da hingegen die absolute Totalität in der Synthesis der [op 435]
31 Bedingungen aller möglichen Dinge überhaupt ein Ideal der reinen Vernunft
32 veranlassen wird, welches von dem Weltbegriffe gänzlich unterschieden
33 ist, ob es gleich darauf in Beziehung steht. Daher so wie die Paralogismen
34 der reinen Vernunft den Grund zu einer dialektischen Psychologie
35 legten, so wird die Antinomie der reinen Vernunft die transscendentalen
36 Grundsätze einer vermeinten reinen (rationalen) Kosmologie vor Augen
37 stellen, nicht um sie gültig zu finden und sich zuzueignen, sondern, wie es
[seite 283]
08 Um nun diese Ideen nach einem Princip mit systematischer Präcision
09 aufzählen zu können, müssen wir Erstlich bemerken, daß nur der Verstand
10 es sei, aus welchem reine und transscendentale Begriffe entspringen
11 können, daß die Vernunft eigentlich gar keinen Begriff erzeuge, sondern
12 allenfalls nur den Verstandesbegriff von den unvermeidlichen Einschränkungen
13 einer möglichen Erfahrung frei mache und ihn also über [op 436]
14 die Grenzen des Empirischen, doch aber in Verknüpfung mit demselben
15 zu erweitern suche. Dieses geschieht dadurch, daß sie zu einem gegebenen
16 Bedingten auf der Seite der Bedingungen (unter denen der Verstand alle
17 Erscheinungen der synthetischen Einheit unterwirft) absolute Totalität
18 fordert und dadurch die Kategorie zur transscendentalen Idee macht, um
19 der empirischen Synthesis durch die Fortsetzung derselben bis zum Unbedingten
20 (welches niemals in der Erfahrung, sondern nur in der Idee angetroffen
21 wird) absolute Vollständigkeit zu geben. Die Vernunft fordert
22 dieses nach dem Grundsatze: wenn das Bedingte gegeben ist, so ist
23 auch die ganze Summe der Bedingungen, mithin das schlechthin
24 Unbedingte gegeben, wodurch jenes allein möglich war. Also
25 werden erstlich die transscendentalen Ideen eigentlich nichts, als bis zum
26 Unbedingten erweiterte Kategorien sein, und jene werden sich in eine Tafel
27 bringen lassen, die nach den Titeln der letzteren angeordnet ist. Zweitens
28 aber werden doch auch nicht alle Kategorien dazu taugen, sondern
29 nur diejenige, in welchen die Synthesis eine Reihe ausmacht und zwar
30 der einander untergeordneten (nicht beigeordneten) Bedingungen zu einem
31 Bedingten. Die absolute Totalität wird von der Vernunft nur so fern
32 gefordert, als sie die aufsteigende Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen
33 Bedingten angeht, mithin nicht, wenn von der absteigenden Linie
34 der Folgen, noch auch von dem Aggregat coordinirter Bedingungen zu
[seite 284]
22 Ich will die Synthesis einer Reihe auf der Seite der Bedingungen,
23 also von derjenigen an, welche die nächste zur gegebenen Erscheinung ist,
24 und so zu den entfernteren Bedingungen, die regressive, diejenige aber,
25 die auf der Seite des Bedingten von der nächsten Folge zu den entfernteren
26 fortgeht, die progressive Synthesis nennen. Die erstere geht in
27 antecedentia , die zweite in consequentia . Die kosmologischen Ideen also
28 beschäftigen sich mit der Totalität der regressiven Synthesis und gehen in
29 antecedentia , nicht in consequentia . Wenn dieses letztere geschieht, so ist
30 es ein willkürliches und nicht nothwendiges Problem der reinen Vernunft,
31 weil wir zur vollständigen Begreiflichkeit dessen, was in der Erscheinung
32 gegeben ist, wohl der Gründe, nicht aber der Folgen bedürfen.
33 Um nun nach der Tafel der Kategorien die Tafel der Ideen einzurichten,
34 so nehmen wir zuerst die zwei ursprünglichen Quanta aller unserer
35 Anschauung, Zeit und Raum. Die Zeit ist an sich selbst eine Reihe (und
36 die formale Bedingung aller Reihen), und daher sind in ihr in Ansehung
37 einer gegebenen Gegenwart die antecedentia als Bedingungen (das Vergangene)
[seite 285]
35 Zweitens, so ist die Realität im Raume, d. i. die Materie, ein Bedingtes,
36 dessen innere Bedingungen seine Theile und die Theile der Theile
37 die entfernten Bedingungen sind, so daß hier eine regressive Synthesis
[seite 286]
06 Drittens, was die Kategorien des realen Verhältnisses unter den Erscheinungen
07 anlangt, so schickt sich die Kategorie der Substanz mit ihren
08 Accidenzen nicht zu einer transscendentalen Idee; d. i. die Vernunft hat
09 keinen Grund, in Ansehung ihrer regressiv auf Bedingungen zu gehen.
10 Denn Accidenzen sind (so fern sie einer einigen Substanz inhäriren) einander
11 coordinirt und machen keine Reihe aus. In Ansehung der Substanz
12 aber sind sie derselben eigentlich nicht subordinirt, sondern die Art
13 zu existiren der Substanz selber. Was hiebei noch scheinen könnte eine
14 Idee der transscendentalen Vernunft zu sein, wäre der Begriff vom Substantiale.
15 Allein da dieses nichts Anderes bedeutet als den Begriff vom
16 Gegenstande überhaupt, welcher subsistirt, so fern man an ihm bloß das
17 transscendentale Subject ohne alle Prädicate denkt, hier aber nur die Rede
18 vom Unbedingten in der Reihe der Erscheinungen ist: so ist klar, daß das
19 Substantiale kein Glied in derselben ausmachen könne. Eben dasselbe
20 gilt auch von Substanzen in Gemeinschaft, welche bloße Aggregate sind
21 und keinen Exponenten einer Reihe haben, indem sie nicht einander als
22 Bedingungen ihrer Möglichkeit subordinirt sind, welches man wohl von
23 den Räumen sagen konnte, deren Grenze niemals an sich, sondern immer
24 durch einen andern Raum bestimmt war. Es bleibt also nur die Kategorie
25 der Causalität übrig, welche eine Reihe der Ursachen zu einer gegebenen
26 Wirkung darbietet, in welcher man von der letzteren als dem Bedingten [op 442]
27 zu jenen als Bedingungen aufsteigen und der Vernunftfrage antworten
28 kann.
29 Viertens, die Begriffe des Möglichen, Wirklichen und Nothwendigen
30 führen auf keine Reihe, außer nur so fern das Zufällige im Dasein jederzeit
31 als bedingt angesehen werden muß und nach der Regel des Verstandes
32 auf eine Bedingung weiset, darunter es nothwendig ist, diese auf eine
33 höhere Bedingung zu weisen, bis die Vernunft nur in der Totalität dieser
34 Reihe die unbedingte Nothwendigkeit antrifft.
35 Es sind demnach nicht mehr als vier kosmologische Ideen nach den
36 vier Titeln der Kategorien, wenn man diejenigen aushebt, welche eine
37 Reihe in der Synthesis des Mannigfaltigen nothwendig bei sich führen.
[seite 287]
|
|
||
|
|
|
|
|
|
15 Zuerst ist hiebei anzumerken: daß die Idee der absoluten Totalität
16 nichts andres als die Exposition der Erscheinungen betreffe, mithin
17 nicht den reinen Verstandesbegriff von einem Ganzen der Dinge überhaupt.
18 Es werden hier also Erscheinungen als gegeben betrachtet, und
19 die Vernunft fordert die absolute Vollständigkeit der Bedingungen ihrer
20 Möglichkeit, so fern diese eine Reihe ausmachen, mithin eine schlechthin
21 (d. i. in aller Absicht) vollständige Synthesis, wodurch die Erscheinung nach
22 Verstandesgesetzen exponirt werden könne.
23 Zweitens ist es eigentlich nur das Unbedingte, was die Vernunft in [op 444]
24 dieser reihenweise und zwar regressiv fortgesetzten Synthesis der Bedingungen
25 sucht, gleichsam die Vollständigkeit in der Reihe der Prämissen,
26 die zusammen weiter keine andere voraussetzen. Dieses Unbedingte ist
27 nun jederzeit in der absoluten Totalität der Reihe, wenn man sie
28 sich in der Einbildung vorstellt, enthalten. Allein diese schlechthin vollendete
29 Synthesis ist wiederum nur eine Idee; denn man kann, wenigstens
30 zum voraus, nicht wissen, ob eine solche bei Erscheinungen auch möglich
31 sei. Wenn man sich alles durch bloße reine Verstandesbegriffe, ohne Bedingungen
32 der sinnlichen Anschauung, vorstellt, so kann man geradezu sagen:
33 daß zu einem gegebenen Bedingten auch die ganze Reihe einander
34 subordinirter Bedingungen gegeben sei; denn jenes ist allein durch diese
[seite 288]
15 Dieses Unbedingte kann man sich nun gedenken: entweder als blo
16 in der ganzen Reihe bestehend, in der also alle Glieder ohne Ausnahme
17 bedingt und nur das Ganze derselben schlechthin unbedingt wäre, und
18 dann heißt der Regressus unendlich; oder das absolut Unbedingte ist nur
19 ein Theil der Reihe, dem die übrigen Glieder derselben untergeordnet sind,
20 der selbst aber unter keiner anderen Bedingung steht.*) In dem ersteren
21 Falle ist die Reihe a parte priori ohne Grenzen (ohne Anfang) d. i. unendlich,
22 und gleichwohl ganz gegeben, der Regressus in ihr aber ist niemals
23 vollendet und kann nur potentialiter unendlich genannt werden. Im [op 446]
24 zweiten Falle giebt es ein Erstes der Reihe, welches in Ansehung der verflossenen
25 Zeit der Weltanfang, in Ansehung des Raums die Weltgrenze,
26 in Ansehung der Theile eines in seinen Grenzen gegebenen
27 Ganzen das Einfache, in Ansehung der Ursachen die absolute Selbstthätigkeit
28 (Freiheit), in Ansehung des Daseins veränderlicher Dinge die
29 absolute Naturnothwendigkeit heißt.
30 Wir haben zwei Ausdrücke: Welt und Natur, welche bisweilen in
31 einander laufen. Der erste bedeutet das mathematische Ganze aller Erscheinungen
32 *) Das absolute Ganze der Reihe von Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten
33 ist jederzeit unbedingt, weil außer ihr keine Bedingungen mehr sind, in Ansehung
34 deren es bedingt sein könnte. Allein dieses absolute Ganze einer solchen Reihe
35 ist nur eine Idee, oder vielmehr ein problematischer Begriff, dessen Möglichkeit untersucht
36 werden muß und zwar in Beziehung auf die Art, wie das Unbedingte als die
37 eigentliche transscendentale Idee, worauf es ankommt, darin enthalten sein mag.
[seite 289]
13 Die Ideen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen, habe ich oben kosmologische
14 Ideen genannt, theils darum, weil unter Welt der Inbegriff aller
15 Erscheinungen verstanden wird, und unsere Ideen auch nur auf das Unbedingte
16 unter den Erscheinungen gerichtet sind, theils auch, weil das Wort
17 Welt im transscendentalen Verstande die absolute Totalität des Inbegriffs
18 existirender Dinge bedeutet, und wir auf die Vollständigkeit der Synthesis
19 (wiewohl nur eigentlich im Regressus zu den Bedingungen) allein unser
20 Augenmerk richten. In Betracht dessen, daß überdem diese Ideen insgesammt
21 transscendent sind und, ob sie zwar das Object, nämlich Erscheinungen,
22 der Art nach nicht überschreiten, sondern es lediglich mit der
23 Sinnenwelt (nicht mit Noumenis ) zu thun haben, dennoch die Synthesis
24 bis auf einen Grad, der alle mögliche Erfahrung übersteigt, treiben, so
25 kann man sie insgesammt meiner Meinung nach ganz schicklich Weltbegriffe [op 448]
26 nennen. In Ansehung des Unterschiedes des Mathematisch= und
27 des Dynamisch=Unbedingten, worauf der Regressus abzielt, würde ich doch
28 die zwei ersteren in engerer Bedeutung Weltbegriffe (der Welt im Großen
29 und Kleinen), die zwei übrigen aber transscendente Naturbegriffe
30 *) Natur, adjective (formaliter) genommen, bedeutet den Zusammenhang der
31 Bestimmungen eines Dinges nach einem innern Princip der Causalität. Dagegen
32 versteht man unter Natur substantive (materialiter) den Inbegriff der Erscheinungen,
33 so fern diese vermöge eines innern Princips der Causalität durchgängig zusammenhängen.
34 Im ersteren Verstande spricht man von der Natur der flüssigen Materie,
35 des Feuers etc. und bedient sich dieses Worts nur adjective ; dagegen wenn man von
36 den Dingen der Natur redet, so hat man ein bestehendes Ganzes in Gedanken.
[seite 290]
07 Wenn Thetik ein jeder Inbegriff dogmatischer Lehren ist, so verstehe
08 ich unter Antithetik nicht dogmatische Behauptungen des Gegentheils,
09 sondern den Widerstreit der dem Scheine nach dogmatischen Erkenntnisse
10 ( thesin cum antithesi ), ohne daß man einer vor der andern einen vorzüglichen
11 Anspruch auf Beifall beilegt. Die Antithetik beschäftigt sich also
12 gar nicht mit einseitigen Behauptungen, sondern betrachtet allgemeine Erkenntnisse
13 der Vernunft nur nach dem Widerstreite derselben unter einander
14 und den Ursachen desselben. Die transscendentale Antithetik ist eine
15 Untersuchung über die Antinomie der reinen Vernunft, die Ursachen und
16 das Resultat derselben. Wenn wir unsere Vernunft nicht bloß zum Gebrauch [op 449]
17 der Verstandesgrundsätze auf Gegenstände der Erfahrung verwenden,
18 sondern jene über die Grenze der letzteren hinaus auszudehnen wagen,
19 so entspringen vernünftelnde Lehrsätze, die in der Erfahrung weder
20 Bestätigung hoffen, noch Widerlegung fürchten dürfen, und deren jeder
21 nicht allein an sich selbst ohne Widerspruch ist, sondern sogar in der Natur
22 der Vernunft Bedingungen seiner Nothwendigkeit antrifft, nur daß unglücklicher
23 Weise der Gegensatz eben so gültige und nothwendige Gründe
24 der Behauptung auf seiner Seite hat.
25 Die Fragen, welche bei einer solchen Dialektik der reinen Vernunft
26 sich natürlich darbieten, sind also: 1. Bei welchen Sätzen denn eigentlich
27 die reine Vernunft einer Antinomie unausbleiblich unterworfen sei. 2. Auf
28 welchen Ursachen diese Antinomie beruhe. 3. Ob und auf welche Art
29 dennoch der Vernunft unter diesem Widerspruch ein Weg zur Gewißheit
30 offen bleibe.
31 Ein dialektischer Lehrsatz der reinen Vernunft muß demnach dieses
32 ihn von allen sophistischen Sätzen Unterscheidende an sich haben, daß er
33 nicht eine willkürliche Frage betrifft, die man nur in gewisser beliebiger
[seite 291]
08 Eine solche dialektische Lehre wird sich nicht auf die Verstandeseinheit
09 in Erfahrungsbegriffen, sondern auf die Vernunfteinheit in bloßen Ideen
10 beziehen, deren Bedingungen, da sie erstlich als Synthesis nach Regeln
11 dem Verstande und doch zugleich als absolute Einheit derselben der Vernunft
12 congruiren soll, wenn sie der Vernunfteinheit adäquat ist, für den
13 Verstand zu groß und, wenn sie dem Verstande angemessen, für die Vernunft
14 zu klein sein werden; woraus denn ein Widerstreit entspringen
15 muß, der nicht vermieden werden kann, man mag es anfangen, wie
16 man will.
17 Diese vernünftelnde Behauptungen eröffnen also einen dialektischen
18 Kampfplatz, wo jeder Theil die Oberhand behält, der die Erlaubniß hat,
19 den Angriff zu thun, und derjenige gewiß unterliegt, der bloß vertheidigungsweise
20 zu verfahren genöthigt ist. Daher auch rüstige Ritter, sie
21 mögen sich für die gute oder schlimme Sache verbürgen, sicher sind, den
22 Siegeskranz davon zu tragen, wenn sie nur dafür sorgen, daß sie den letzten
23 Angriff zu thun das Vorrecht haben und nicht verbunden sind, einen
24 neuen Anfall des Gegners auszuhalten. Man kann sich leicht vorstellen,
25 daß dieser Tummelplatz von jeher oft genug betreten worden, daß viel [op 451]
26 Siege von beiden Seiten erfochten, für den letzten aber, der die Sache entschied,
27 jederzeit so gesorgt worden sei, daß der Verfechter der guten Sache
28 den Platz allein behielte, dadurch daß seinem Gegner verboten wurde, fernerhin
29 Waffen in die Hände zu nehmen. Als unparteiische Kampfrichter
30 müssen wir es ganz bei Seite setzen, ob es die gute oder die schlimme Sache
31 sei, um welche die Streitende fechten, und sie ihre Sache erst unter sich
32 ausmachen lassen. Vielleicht daß, nachdem sie einander mehr ermüdet als
33 geschadet haben, sie die Nichtigkeit ihres Streithandels von selbst einsehen
34 und als gute Freunde auseinander gehen.
35 Diese Methode, einem Streite der Behauptungen zuzusehen, oder
[seite 292]
21 Diese sceptische Methode ist aber nur der Transscendentalphilosophie
22 allein wesentlich eigen und kann allenfalls in jedem anderen Felde der
23 Untersuchungen, nur in diesem nicht entbehrt werden. In der Mathematik
24 würde ihr Gebrauch ungereimt sein, weil sich in ihr keine falsche Behauptungen
25 verbergen und unsichtbar machen können, indem die Beweise jederzeit
26 an dem Faden der reinen Anschauung und zwar durch jederzeit evidente
27 Synthesis fortgehen müssen. In der Experimentalphilosophie kann
28 wohl ein Zweifel des Aufschubs nützlich sein, allein es ist doch wenigstens
29 kein Mißverstand möglich, der nicht leicht gehoben werden könnte, und in
30 der Erfahrung müssen doch endlich die letzten Mittel der Entscheidung des
31 Zwistes liegen, sie mögen nun früh oder spät aufgefunden werden. Die [op 453]
32 Moral kann ihre Grundsätze insgesammt auch in concreto zusammt den
33 praktischen Folgen wenigstens in möglichen Erfahrungen geben und dadurch
34 den Mißverstand der Abstraction vermeiden. Dagegen sind die
35 transscendentalen Behauptungen, welche selbst über das Feld aller möglichen
36 Erfahrungen hinaus sich erweiternde Einsichten anmaßen, weder
37 in dem Falle, daß ihre abstracte Synthesis in irgend einer Anschauung
[seite 293]
07 *) Die Antinomien folgen einander nach der Ordnung der obenangeführten
08 transscendentalen Ideen.
[seite 294]
04 Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raume nach
05 auch in Grenzen eingeschlossen.
07 Denn man nehme an, die Welt habe der Zeit nach keinen Anfang:
08 so ist bis zu jedem gegebenen Zeitpunkte eine Ewigkeit abgelaufen und
09 mithin eine unendliche Reihe auf einander folgender Zustände der Dinge
10 in der Welt verflossen. Nun besteht aber eben darin die Unendlichkeit einer
11 Reihe, daß sie durch successive Synthesis niemals vollendet sein kann. Also
12 ist eine unendliche verflossene Weltreihe unmöglich, mithin ein Anfang der
13 Welt eine nothwendige Bedingung ihres Daseins; welches zuerst zu beweisen
14 war.
15 In Ansehung des zweiten nehme man wiederum das Gegentheil
16 an: so wird die Welt ein unendliches gegebenes Ganzes von zugleich
17 existirenden Dingen sein. Nun können wir die Größe eines Quanti ,
18 welches nicht innerhalb gewisser Grenzen jeder Anschauung gegeben wird,*) [op 456]
19 auf keine andere Art, als nur durch die Synthesis der Theile und die Totalität
20 eines solchen Quanti nur durch die vollendete Synthesis, oder durch
21 wiederholte Hinzusetzung der Einheit zu sich selbst gedenken.**) Demnach,
22 um sich die Welt, die alle Räume erfüllt, als ein Ganzes zu denken, müßte
23 *) Wir können ein unbestimmtes Quantum als ein Ganzes anschauen, wenn
24 es in Grenzen eingeschlossen ist, ohne die Totalität desselben durch Messung, d. i. die
25 successive Synthesis seiner Theile, construiren zu dürfen. Denn die Grenzen bestimmen
26 schon die Vollständigkeit, indem sie alles Mehrere abschneiden.
27 **) Der Begriff der Totalität ist in diesem Falle nichts anderes, als die Vorstellung
28 der vollendeten Synthesis seiner Theile, weil, da wir nicht von der Anschauung
29 des Ganzen (als welche in diesem Falle unmöglich ist) den Begriff abziehen
30 können, wir diesen nur durch die Synthesis der Theile bis zur Vollendung des Unendlichen
31 wenigstens in der Idee fassen können.
[seite 295]
04 Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenzen im Raume, sondern
05 ist sowohl in Ansehung der Zeit als des Raums unendlich.
07 Denn man setze: sie habe einen Anfang. Da der Anfang ein Dasein
08 ist, wovor eine Zeit vorhergeht, darin das Ding nicht ist, so muß eine Zeit
09 vorhergegangen sein, darin die Welt nicht war, d. i. eine leere Zeit. Nun
10 ist aber in einer leeren Zeit kein Entstehen irgend eines Dinges möglich:
11 weil kein Theil einer solchen Zeit vor einem anderen irgend eine unterscheidende
12 Bedingung des Daseins vor die des Nichtseins an sich hat (man
13 mag annehmen, daß sie von sich selbst, oder durch eine andere Ursache entstehe).
14 Also kann zwar in der Welt manche Reihe der Dinge anfangen,
15 die Welt selber aber kann keinen Anfang haben, und ist also in Ansehung
16 der vergangenen Zeit unendlich.
17 Was das zweite betrifft, so nehme man zuvörderst das Gegentheil an,
18 daß nämlich die Welt dem Raume nach endlich und begrenzt ist: so befindet
19 sie sich in einem leeren Raum, der nicht begrenzt ist. Es würde
20 also nicht allein ein Verhältniß der Dinge im Raum, sondern auch der
21 Dinge zum Raume angetroffen werden. Da nun die Welt ein absolutes [op 457]
22 Ganzes ist, außer welchem kein Gegenstand der Anschauung und mithin
23 kein Correlatum der Welt angetroffen wird, womit dieselbe im Verhältni
[seite 296]
10 Ich habe bei diesen einander widerstreitenden Argumenten nicht
11 Blendwerke gesucht, um etwa (wie man sagt) einen Advocatenbeweis zu
12 führen, welcher sich der Unbehutsamkeit des Gegners zu seinem Vortheile
13 bedient und seine Berufung auf ein mißverstandnes Gesetz gerne gelten
14 läßt, um seine eigene, unrechtmäßige Ansprüche auf die Widerlegung desselben
15 zu bauen. Jeder dieser Beweise ist aus der Sache Natur gezogen und
16 der Vortheil bei Seite gesetzt worden, den uns die Fehlschlüsse der Dogmatiker
17 von beiden Theilen geben könnten.
18 Ich hätte die Thesis auch dadurch dem Scheine nach beweisen können,
19 daß ich von der Unendlichkeit einer gegebenen Größe nach der Gewohnheit
20 der Dogmatiker einen fehlerhaften Begriff vorangeschickt hätte. Unendlich
21 ist eine Größe, über die keine größere (d. i. über die darin enthaltene
22 Menge einer gegebenen Einheit) möglich ist. Nun ist keine Menge die
23 größte, weil noch immer eine oder mehrere Einheiten hinzugethan werden
24 können. Also ist eine unendliche gegebene Größe, mithin auch eine (der
25 verflossenen Reihe sowohl, als der Ausdehnung nach) unendliche Welt unmöglich:
[seite 297]
08 Der Beweis für die Unendlichkeit der gegebenen Weltreihe und des
09 Weltinbegriffs beruht darauf: daß im entgegengesetzten Falle eine leere
10 Zeit, imgleichen ein leerer Raum die Weltgrenze ausmachen müßte. Nun
11 ist mir nicht unbekannt, daß wider diese Consequenz Ausflüchte gesucht
12 werden, indem man vorgiebt: es sei eine Grenze der Welt der Zeit und
13 dem Raume nach ganz wohl möglich, ohne daß man eben eine absolute
14 Zeit vor der Welt Anfang oder einen absoluten, außer der wirklichen Welt
15 ausgebreiteten Raum annehmen dürfe; welches unmöglich ist. Ich bin
16 mit dem letzteren Theile dieser Meinung der Philosophen aus der LeibnizischenPI
17 *) Der Raum ist bloß die Form der äußeren Anschauung (formale Anschauung),
18 aber kein wirklicher Gegenstand, der äußerlich angeschauet werden kann. Der
19 Raum vor allen Dingen, die ihn bestimmen (erfüllen oder begrenzen), oder die vielmehr
20 eine seiner Form gemäße empirische Anschauung geben, ist unter dem
21 Namen des absoluten Raumes nichts anderes, als die bloße Möglichkeit äußerer Erscheinungen,
22 so fern sie entweder an sich existiren, oder zu gegebenen Erscheinungen
23 noch hinzu kommen können. Die empirische Anschauung ist also nicht zusammengesetzt
24 aus Erscheinungen und dem Raume (der Wahrnehmung und der leeren Anschauung).
25 Eines ist nicht des andern Correlatum der Synthesis, sondern nur in
26 einer und derselben empirischen Anschauung verbunden, als Materie und Form derselben.
27 Will man eines dieser zwei Stücke außer dem anderen setzen (Raum außerhalb
28 allen Erscheinungen), so entstehen daraus allerlei leere Bestimmungen der äußeren
29 Anschauung, die doch nicht mögliche Wahrnehmungen sind: z. B. Bewegung oder
30 Ruhe der Welt im unendlichen leeren Raum, eine Bestimmung des Verhältnisses beider
31 untereinander, welche niemals wahrgenommen werden kann und also auch das
32 Prädicat eines bloßen Gedankendinges ist.
[seite 298]
12 Der wahre (transscendentale) Begriff der Unendlichkeit ist: daß die
13 successive Synthesis der Einheit in Durchmessung eines Quantum niemals
14 vollendet sein kann.*) Hieraus folgt ganz sicher, daß eine Ewigkeit
15 wirklicher auf einander folgenden Zustände bis zu einem gegebenen (dem
16 gegenwärtigen) Zeitpunkte nicht verflossen sein kann, die Welt also einen
17 Anfang haben müsse.
18 In Ansehung des zweiten Theils der Thesis fällt die Schwierigkeit
19 von einer unendlichen und doch abgelaufenen Reihe zwar weg; denn das
20 Mannigfaltige einer der Ausdehnung nach unendlichen Welt ist zugleich
21 gegeben. Allein um die Totalität einer solchen Menge zu denken, da wir
22 uns nicht auf Grenzen berufen können, welche diese Totalität von selbst in
23 der Anschauung ausmachen, müssen wir von unserem Begriffe Rechenschaft
24 *) Dieses enthält dadurch eine Menge (von gegebener Einheit), die größer ist
25 als alle Zahl, welches der mathematische Begriff des Unendlichen ist.
[seite 299]
19 Denn was den Ausweg betrifft, durch den man der Consequenz auszuweichen
20 sucht, nach welcher wir sagen, daß, wenn die Welt (der Zeit und
21 dem Raum nach) Grenzen hat, das unendliche Leere das Dasein wirklicher
22 Dinge ihrer Größe nach bestimmen müsse, so besteht er ingeheim nur darin:
23 daß man statt einer Sinnenwelt sich wer weiß welche intelligibele
24 Welt gedenkt und statt des ersten Anfanges (ein Dasein, vor welchem eine
25 Zeit des Nichtseins vorhergeht) sich überhaupt ein Dasein denkt, welches
26 keine andere Bedingung in der Welt voraussetzt, statt der Grenze
27 der Ausdehnung Schranken des Weltganzen denkt und dadurch der Zeit
28 und dem Raume aus dem Wege geht. Es ist hier aber nur von dem
29 mundus phaenomenon die Rede und von dessen Größe, bei dem man von
30 gedachten Bedingungen der Sinnlichkeit keinesweges abstrahiren kann,
31 ohne das Wesen desselben aufzuheben. Die Sinnenwelt, wenn sie begrenzt
32 *) Man bemerkt leicht, daß hiedurch gesagt werden wolle: der leere Raum,
33 so fern er durch Erscheinungen begrenzt wird, mithin derjenige innerhalb
34 der Welt widerspreche wenigstens nicht den transscendentalen Principien und könne
35 also in Ansehung dieser eingeräumt (obgleich darum seine Möglichkeit nicht sofort
36 behauptet) werden.
[seite 300]
12 Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus einfachen
13 Theilen, und es existirt überall nichts als das Einfache, oder das,
14 was aus diesem zusammengesetzt ist.
16 Denn nehmet an, die zusammengesetzte Substanzen beständen nicht
17 aus einfachen Theilen: so würde, wenn alle Zusammensetzung in Gedanken
18 aufgehoben würde, kein zusammengesetzter Theil und (da es keine einfache
19 Theile giebt) auch kein einfacher, mithin gar nichts übrig bleiben, folglich
20 keine Substanz sein gegeben worden. Entweder also läßt sich unmöglich
21 alle Zusammensetzung in Gedanken aufheben, oder es muß nach deren Aufhebung
22 etwas ohne alle Zusammensetzung Bestehendes, d. i. das Einfache,
[seite 301]
12 Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus einfachen Theilen,
13 und es existirt überall nichts Einfaches in derselben.
15 Setzet: ein zusammengesetztes Ding (als Substanz) bestehe aus einfachen
16 Theilen. Weil alles äußere Verhältniß, mithin auch alle Zusammensetzung
17 aus Substanzen nur im Raume möglich ist: so muß, aus so
18 viel Theilen das Zusammengesetzte besteht, aus eben so viel Theilen auch
19 der Raum bestehen, den es einnimmt. Nun besteht der Raum nicht aus
20 einfachen Theilen, sondern aus Räumen. Also muß jeder Theil des Zusammengesetzten
21 einen Raum einnehmen. Die schlechthin ersten Theile
22 aber alles Zusammengesetzten sind einfach. Also nimmt das Einfache einen
23 Raum ein. Da nun alles Reale, was einen Raum einnimmt, ein
24 außerhalb einander befindliches Mannigfaltiges in sich faßt, mithin zusammengesetzt
25 ist und zwar als ein reales Zusammengesetztes nicht aus
26 Accidenzen (denn die können nicht ohne Substanz außer einander sein),
[seite 302]
07 Hieraus folgt unmittelbar, daß die Dinge der Welt insgesammt einfache
08 Wesen seien, daß die Zusammensetzung nur ein äußerer Zustand derselben
09 sei, und daß, wenn wir die Elementarsubstanzen gleich niemals
10 völlig aus diesem Zustande der Verbindung setzen und isoliren können,
11 doch die Vernunft sie als die ersten Subjecte aller Composition und mithin
12 vor derselben als einfache Wesen denken müsse.
[seite 303]
03 Der zweite Satz der Antithesis, daß in der Welt gar nichts Einfaches [op 465]
04 existire, soll hier nur so viel bedeuten, als: Es könne das Dasein des
05 schlechthin Einfachen aus keiner Erfahrung oder Wahrnehmung, weder
06 äußeren noch inneren, dargethan werden, und das schlechthin Einfache sei
07 also eine bloße Idee, deren objective Realität niemals in irgend einer
08 möglichen Erfahrung kann dargethan werden, mithin in der Exposition
09 der Erscheinungen ohne alle Anwendung und Gegenstand. Denn wir
10 wollen annehmen, es ließe sich für diese transscendentale Idee ein Gegenstand
11 der Erfahrung finden: so müßte die empirische Anschauung irgend
12 eines Gegenstandes als eine solche erkannt werden, welche schlechthin kein
13 Mannigfaltiges außerhalb einander und zur Einheit verbunden enthält.
14 Da nun von dem Nichtbewußtsein eines solchen Mannigfaltigen auf die
15 gänzliche Unmöglichkeit desselben in irgend einer Anschauung eines Objects
16 kein Schluß gilt, dieses letztere aber zur absoluten Simplicität
17 durchaus nöthig ist: so folgt, daß diese aus keiner Wahrnehmung, welche
18 sie auch sei, könne geschlossen werden. Da also etwas als ein schlechthin
19 einfaches Object niemals in irgend einer möglichen Erfahrung kann gegeben
20 werden, die Sinnenwelt aber als der Inbegriff aller möglichen Erfahrungen
21 angesehen werden muß: so ist überall in ihr nichts Einfaches
22 gegeben.
23 Dieser zweite Satz der Antithesis geht viel weiter als der erste,
24 der das Einfache nur von der Anschauung des Zusammengesetzten verbannt,
25 da hingegen dieser es aus der ganzen Natur wegschafft; daher er
26 auch nicht aus dem Begriffe eines gegebenen Gegenstandes der äußeren
27 Anschauung (des Zusammengesetzten), sondern aus dem Verhältniß desselben
28 zu einer möglichen Erfahrung überhaupt hat bewiesen werden können.
[seite 304]
03 Wenn ich von einem Ganzen rede, welches nothwendig aus einfachen
04 Theilen besteht, so verstehe ich darunter nur ein substantielles
05 Ganzes, als das eigentliche Compositum, d. i. die zufällige Einheit des
06 Mannigfaltigen, welches abgesondert (wenigstens in Gedanken) gegeben,
07 in eine wechselseitige Verbindung gesetzt wird und dadurch Eines
08 ausmacht. Den Raum sollte man eigentlich nicht Compositum, sondern
09 Totum nennen, weil die Theile desselben nur im Ganzen und nicht das
10 Ganze durch die Theile möglich ist. Er würde allenfalls ein Compositum
11 ideale , aber nicht reale heißen können. Doch dieses ist nur Subtilität.
12 Da der Raum kein Zusammengesetztes aus Substanzen (nicht einmal aus
13 realen Accidenzen) ist, so muß, wenn ich alle Zusammensetzung in ihm
14 aufhebe, nichts, auch nicht einmal der Punkt übrig bleiben; denn dieser
15 ist nur als die Grenze eines Raumes (mithin eines Zusammengesetzten) [op 468]
16 möglich. Raum und Zeit bestehen also nicht aus einfachen Theilen. Was
17 nur zum Zustande einer Substanz gehört, ob es gleich eine Größe hat
18 z. B. die Veränderung), besteht auch nicht aus dem Einfachen; d. i. ein
19 gewisser Grad der Veränderung entsteht nicht durch einen Anwachs vieler
20 einfachen Veränderungen. Unser Schluß vom Zusammengesetzten auf das
21 Einfache gilt nur von für sich selbst bestehenden Dingen. Accidenzen aber
22 des Zustandes bestehen nicht für sich selbst. Man kann also den Beweis
[seite 305]
03 Wider diesen Satz einer unendlichen Theilung der Materie, dessen
04 Beweisgrund bloß mathematisch ist, werden von den Monadisten Einwürfe
05 vorgebracht, welche sich dadurch schon verdächtig machen, daß sie die
06 klärsten mathematischen Beweise nicht für Einsichten in die Beschaffenheit
07 des Raumes, so fern er in der That die formale Bedingung der Möglichkeit
08 aller Materie ist, wollen gelten lassen, sondern sie nur als Schlüsse
09 aus abstracten, aber willkürlichen Begriffen ansehen, die auf wirkliche
10 Dinge nicht bezogen werden könnten. Gleich als wenn es auch nur möglich
11 wäre, eine andere Art der Anschauung zu erdenken, als die in der ursprünglichen
12 Anschauung des Raumes gegeben wird, und die Bestimmungen
13 desselben a priori nicht zugleich alles dasjenige beträfen, was dadurch
14 allein möglich ist, daß es diesen Raum erfüllt. Wenn man ihnen Gehör
15 giebt, so müßte man außer dem mathematischen Punkte, der einfach, aber
16 kein Theil, sondern bloß die Grenze eines Raums ist, sich noch physische
17 Punkte denken, die zwar auch einfach sind, aber den Vorzug haben, als
18 Theile des Raums durch ihre bloße Aggregation denselben zu erfüllen.
19 Ohne nun hier die gemeinen und klaren Widerlegungen dieser Ungereimtheit,
20 die man in Menge antrifft, zu wiederholen, wie es denn gänzlich
21 umsonst ist, durch bloß discursive Begriffe die Evidenz der Mathematik
22 weg vernünfteln zu wollen, so bemerke ich nur, daß, wenn die Philosophie [op 469]
23 hier mit der Mathematik chicanirt, es darum geschehe, weil sie vergißt,
24 daß es in dieser Frage nur um Erscheinungen und deren Bedingung
25 zu thun sei. Hier ist es aber nicht genug, zum reinen Verstandesbegriffe
26 des Zusammengesetzten den Begriff des Einfachen, sondern zur
27 Anschauung des Zusammengesetzten (der Materie) die Anschauung des
28 Einfachen zu finden; und dieses ist nach Gesetzen der Sinnlichkeit, mithin
29 auch bei Gegenständen der Sinne gänzlich unmöglich. Es mag also von
30 einem Ganzen aus Substanzen, welches bloß durch den reinen Verstand
31 gedacht wird, immer gelten, daß wir vor aller Zusammensetzung desselben
32 das Einfache haben müssen; so gilt dieses doch nicht vom totum substantiale
33 phaenomenon , welches als empirische Anschauung im Raume die
34 nothwendige Eigenschaft bei sich führt, daß kein Theil desselben einfach ist,
[seite 306]
06 Ich rede übrigens hier nur von dem Einfachen, sofern es nothwendig
07 im Zusammengesetzten gegeben ist, indem dieses darin als in seine Bestandtheile
08 aufgelöset werden kann. Die eigentliche Bedeutung des Wortes [op 470]
09 Monas (nach LeibnizensPI Gebrauch) sollte wohl nur auf das Einfache
10 gehen, welches unmittelbar als einfache Substanz gegeben ist (z. B. im
11 Selbstbewußtsein) und nicht als Element des Zusammengesetzten, welches
12 man besser den Atomus nennen könnte. Und da ich nur in Ansehung des
13 Zusammengesetzten die einfachen Substanzen als deren Elemente beweisen
14 will, so könnte ich die These der zweiten Antinomie die transscendentale
15 Atomistik nennen. Weil aber dieses Wort schon vorlängst zur Bezeichnung
16 einer besondern Erklärungsart körperlicher Erscheinungen ( molecularum )
17 gebraucht worden und also empirische Begriffe voraussetzt, so mag
18 er der dialektische Grundsatz der Monadologie heißen.
[seite 307]
13 Die zweite dialektische Behauptung hat das Besondere an sich, da
14 sie eine dogmatische Behauptung wider sich hat, die unter allen vernünftelnden
15 die einzige ist, welche sich unternimmt, an einem Gegenstande
16 der Erfahrung die Wirklichkeit dessen, was wir oben bloß zu transscendentalen
17 Ideen rechneten, nämlich die absolute Simplicität der Substanz,
18 augenscheinlich zu beweisen: nämlich daß der Gegenstand des inneren
19 Sinnes, das Ich, was da denkt, eine schlechthin einfache Substanz sei.
20 Ohne mich hierauf jetzt einzulassen (da es oben ausführlicher erwogen ist),
21 so bemerke ich nur: daß, wenn etwas bloß als Gegenstand gedacht wird,
22 ohne irgend eine synthetische Bestimmung seiner Anschauung hinzu zu
23 setzen (wie denn dieses durch die ganz nackte Vorstellung: Ich, geschieht),
24 so könne freilich nichts Mannigfaltiges und keine Zusammensetzung in einer
25 solchen Vorstellung wahrgenommen werden. Da überdem die Prädicate,
26 wodurch ich diesen Gegenstand denke, bloß Anschauungen des inneren
27 Sinnes sind, so kann darin auch nichts vorkommen, welches ein Mannigfaltiges
28 außerhalb einander, mithin reale Zusammensetzung bewiese. Es
29 bringt also nur das Selbstbewußtsein es so mit sich, daß, weil das Subject,
30 welches denkt, zugleich sein eigenes Object ist, es sich selber nicht theilen
31 kann (obgleich die ihm inhärirende Bestimmungen); denn in Ansehung
32 seiner selbst ist jeder Gegenstand absolute Einheit. Nichts destoweniger,
33 wenn dieses Subject äußerlich, als ein Gegenstand der Anschauung, betrachtet
34 wird, so würde es doch wohl Zusammensetzung in der Erscheinung
35 an sich zeigen. So muß es aber jederzeit betrachtet werden, wenn man
36 wissen will, ob in ihm ein Mannigfaltiges außerhalb einander sei, oder
37 nicht.
[seite 308]
04 Die Causalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus welcher
05 die Erscheinungen der Welt insgesammt abgeleitet werden können.
06 Es ist noch eine Causalität durch Freiheit zu Erklärung derselben anzunehmen
07 nothwendig.
09 Man nehme an, es gebe keine andere Causalität, als nach Gesetzen
10 der Natur; so setzt alles, was geschieht, einen vorigen Zustand voraus,
11 auf den es unausbleiblich nach einer Regel folgt. Nun muß aber der
12 vorige Zustand selbst etwas sein, was geschehen ist (in der Zeit geworden,
13 da es vorher nicht war), weil, wenn es jederzeit gewesen wäre, seine Folge
14 auch nicht allererst entstanden, sondern immer gewesen sein würde. Also
15 ist die Causalität der Ursache, durch welche etwas geschieht, selbst etwas
16 Geschehenes, welches nach dem Gesetze der Natur wiederum einen vorigen
17 Zustand und dessen Causalität, dieser aber eben so einen noch älteren
18 voraussetzt u. s. w.. Wenn also alles nach bloßen Gesetzen der Natur geschieht, [op 474]
19 so giebt es jederzeit nur einen subalternen, niemals aber einen
20 ersten Anfang und also überhaupt keine Vollständigkeit der Reihe auf der
21 Seite der von einander abstammenden Ursachen. Nun besteht aber eben
22 darin das Gesetz der Natur: daß ohne hinreichend a priori bestimmte Ursache
23 nichts geschehe. Also widerspricht der Satz, als wenn alle Causalität
24 nur nach Naturgesetzen möglich sei, sich selbst in seiner unbeschränkten
25 Allgemeinheit, und diese kann also nicht als die einzige angenommen
26 werden.
[seite 309]
04 Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht lediglich
05 nach Gesetzen der Natur.
07 Setzet: es gebe eine Freiheit im transscendentalen Verstande als
08 eine besondere Art von Causalität, nach welcher die Begebenheiten der
09 Welt erfolgen könnten, nämlich ein Vermögen, einen Zustand, mithin
10 auch eine Reihe von Folgen desselben schlechthin anzufangen; so wird
11 nicht allein eine Reihe durch diese Spontaneität, sondern die Bestimmung
12 dieser Spontaneität selbst zur Hervorbringung der Reihe, d. i. die Causalität,
13 wird schlechthin anfangen, so daß nichts vorhergeht, wodurch diese
14 geschehende Handlung nach beständigen Gesetzen bestimmt sei. Es setzt
15 aber ein jeder Anfang zu handeln einen Zustand der noch nicht handelnden
16 Ursache voraus und ein dynamisch erster Anfang der Handlung einen
17 Zustand, der mit dem vorhergehenden eben derselben Ursache gar keinen
18 Zusammenhang der Causalität hat, d. i. auf keine Weise daraus erfolgt.
19 Also ist die transscendentale Freiheit dem Causalgesetze entgegen und eine [op 475]
20 solche Verbindung der successiven Zustände wirkender Ursachen, nach welcher
21 keine Einheit der Erfahrung möglich ist, die also auch in keiner Erfahrung
22 angetroffen wird, mithin ein leeres Gedankending.
23 Wir haben also nichts als Natur, in welcher wir den Zusammenhang
24 und Ordnung der Weltbegebenheiten suchen müssen. Die Freiheit
25 (Unabhängigkeit) von den Gesetzen der Natur ist zwar eine Befreiung
26 vom Zwange, aber auch vom Leitfaden aller Regeln. Denn man kann
27 nicht sagen, daß anstatt der Gesetze der Natur Gesetze der Freiheit in die
28 Causalität des Weltlaufs eintreten, weil, wenn diese nach Gesetzen bestimmt
29 wäre, sie nicht Freiheit, sondern selbst nichts anders als Natur
30 wäre. Natur also und transscendentale Freiheit unterscheiden sich wie
31 Gesetzmäßigkeit und Gesetzlosigkeit, davon jene zwar den Verstand mit der
[seite 310]
01 Diesemnach muß eine Causalität angenommen werden, durch welche
02 etwas geschieht, ohne daß die Ursache davon noch weiter durch eine andere
03 vorhergehende Ursache nach nothwendigen Gesetzen bestimmt sei, d. i. eine
04 absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen,
05 die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen, mithin transscendentale
06 Freiheit, ohne welche selbst im Laufe der Natur die Reihenfolge
07 der Erscheinungen auf der Seite der Ursachen niemals vollständig ist.
10 Die transscendentale Idee der Freiheit macht zwar bei weitem nicht
11 den ganzen Inhalt des psychologischen Begriffs dieses Namens aus, welcher
12 großen Theils empirisch ist, sondern nur den der absoluten Spontaneität
13 der Handlung als den eigentlichen Grund der Imputabilität derselben,
14 ist aber dennoch der eigentliche Stein des Anstoßes für die Philosophie,
15 welche unüberwindliche Schwierigkeiten findet, dergleichen Art von
16 unbedingter Causalität einzuräumen. Dasjenige also in der Frage über
17 die Freiheit des Willens, was die speculative Vernunft von jeher in so
18 große Verlegenheit gesetzt hat, ist eigentlich nur transscendental und
19 geht lediglich darauf, ob ein Vermögen angenommen werden müsse, eine
20 Reihe von successiven Dingen oder Zuständen von selbst anzufangen.
21 Wie ein solches möglich sei, ist nicht eben so nothwendig beantworten zu
22 können, da wir uns eben sowohl bei der Causalität nach Naturgesetzen damit
23 begnügen müssen, a priori zu erkennen, daß eine solche vorausgesetzt
24 werden müsse, ob wir gleich die Möglichkeit, wie durch ein gewisses Dasein
25 das Dasein eines andern gesetzt werde, auf keine Weise begreifen und uns
26 desfalls lediglich an die Erfahrung halten müssen. Nun haben wir diese
27 Nothwendigkeit eines ersten Anfangs einer Reihe von Erscheinungen aus
28 Freiheit zwar nur eigentlich in so fern dargethan, als zur Begreiflichkeit
29 eines Ursprungs der Welt erforderlich ist, indessen daß man alle nachfolgende [op 478]
30 Zustände für eine Abfolge nach bloßen Naturgesetzen nehmen kann.
31 Weil aber dadurch doch einmal das Vermögen, eine Reihe in der Zeit
[seite 311]
12 Der Vertheidiger der Allvermögenheit der Natur (transscendentale
13 Physiokratie) im Widerspiel mit der Lehre von der Freiheit würde seinen
14 Satz gegen die vernünftelnden Schlüsse der letzteren auf folgende Art
15 behaupten. Wenn ihr kein mathematisch Erstes der Zeit nach in
16 der Welt annehmt, so habt ihr auch nicht nöthig, ein dynamisch
17 Erstes der Causalität nach zu suchen. Wer hat euch geheißen, einen
18 schlechthin ersten Zustand der Welt und mithin einen absoluten Anfang
19 der nach und nach ablaufenden Reihe der Erscheinungen zu erdenken und
20 damit ihr eurer Einbildung einen Ruhepunkt verschaffen möget, der unumschränkten
21 Natur Grenzen zu setzen? Da die Substanzen in der Welt
22 jederzeit gewesen sind, wenigstens die Einheit der Erfahrung eine solche
23 Voraussetzung nothwendig macht, so hat es keine Schwierigkeit, auch anzunehmen,
24 daß der Wechsel ihrer Zustände, d. i. eine Reihe ihrer Veränderungen,
25 jederzeit gewesen sei, und mithin kein erster Anfang, weder
26 mathematisch, noch dynamisch gesucht werden dürfe. Die Möglichkeit einer
27 solchen unendlichen Abstammung ohne ein erstes Glied, in Ansehung dessen
28 alles übrige bloß nachfolgend ist, läßt sich seiner Möglichkeit nach nicht
29 begreiflich machen. Aber wenn ihr diese Naturräthsel darum wegwerfen
30 wollt, so werdet ihr euch genöthigt sehen, viel synthetische Grundbeschaffenheiten
[seite 312]
22 Die Bestätigung von dem Bedürfniß der Vernunft, in der Reihe
23 der Naturursachen sich auf einen ersten Anfang aus Freiheit zu berufen,
24 leuchtet daran sehr klar in die Augen: daß (die EpikurischePI Schule ausgenommen)
25 alle Philosophen des Alterthums sich gedrungen sahen, zur Erklärung
26 der Weltbewegungen einen ersten Beweger anzunehmen, d. i.
27 eine freihandelnde Ursache, welche diese Reihe von Zuständen zuerst und
28 von selbst anfing. Denn aus bloßer Natur unterfingen sie sich nicht, einen
29 ersten Anfang begreiflich zu machen.
[seite 313]
06 Wenn auch indessen allenfalls ein transscendentales Vermögen der
07 Freiheit nachgegeben wird, um die Weltveränderungen anzufangen, so
08 würde dieses Vermögen doch wenigstens nur außerhalb der Welt sein
09 müssen (wiewohl es immer eine kühne Anmaßung bleibt, außerhalb dem
10 Inbegriffe aller möglichen Anschauungen noch einen Gegenstand anzunehmen,
11 der in keiner möglichen Wahrnehmung gegeben werden kann).
12 Allein in der Welt selbst den Substanzen ein solches Vermögen beizumessen,
13 kann nimmermehr erlaubt sein, weil alsdann der Zusammenhang
14 nach allgemeinen Gesetzen sich einander nothwendig bestimmender Erscheinungen,
15 den man Natur nennt, und mit ihm das Merkmal empirischer
16 Wahrheit, welches Erfahrung vom Traum unterscheidet, größtentheils verschwinden
17 würde. Denn es läßt sich neben einem solchen gesetzlosen Vermögen
18 der Freiheit kaum mehr Natur denken, weil die Gesetze der letzteren
19 durch die Einflüsse der ersteren unaufhörlich abgeändert und das Spiel
20 der Erscheinungen, welches nach der bloßen Natur regelmäßig und gleichförmig
21 sein würde, dadurch verwirrt und unzusammenhängend gemacht
22 wird.
[seite 314]
04 Zu der Welt gehört etwas, das entweder als ihr Theil, oder ihre Ursache
05 ein schlechthin nothwendiges Wesen ist.
07 Die Sinnenwelt, als das Ganze aller Erscheinungen, enthält zugleich
08 eine Reihe von Veränderungen. Denn ohne diese würde selbst die Vorstellung
09 der Zeitreihe als einer Bedingung der Möglichkeit der Sinnenwelt
10 uns nicht gegeben sein.*) Eine jede Veränderung aber steht unter ihrer
11 Bedingung, die der Zeit nach vorhergeht, und unter welcher sie nothwendig
12 ist. Nun setzt ein jedes Bedingte, das gegeben ist, in Ansehung seiner
13 Existenz eine vollständige Reihe von Bedingungen bis zum Schlechthin
14 Unbedingten voraus, welches allein absolut nothwendig ist. Also mu
15 etwas Absolut=Nothwendiges existiren, wenn eine Veränderung als seine
16 Folge existirt. Dieses Nothwendige aber gehört selber zur Sinnenwelt.
17 Denn setzet, es sei außer derselben, so würde von ihm die Reihe der Weltveränderungen [op 482]
18 ihren Anfang ableiten, ohne daß doch diese nothwendige
19 Ursache selbst zur Sinnenwelt gehörte. Nun ist dieses unmöglich. Denn
20 da der Anfang einer Zeitreihe nur durch dasjenige, was der Zeit nach
21 vorhergeht, bestimmt werden kann: so muß die oberste Bedingung des
22 Anfangs einer Reihe von Veränderungen in der Zeit existiren, da diese
23 noch nicht war (denn der Anfang ist ein Dasein, vor welchem eine Zeit
24 vorhergeht, darin das Ding, welches anfängt, noch nicht war). Also gehört
25 die Causalität der nothwendigen Ursache der Veränderungen, mithin
26 auch die Ursache selbst zu der Zeit, mithin zur Erscheinung (an welcher
27 die Zeit allein als deren Form möglich ist); folglich kann sie von der
28 *) Die Zeit geht zwar als formale Bedingung der Möglichkeit der Veränderungen
29 vor diesen objectiv vorher; allein subjectiv und in der Wirklichkeit des Bewußtseins
30 ist diese Vorstellung doch nur, so wie jede andere durch Veranlassung der Wahrnehmungen
31 gegeben.
[seite 315]
04 Es existirt überall kein schlechthin nothwendiges Wesen weder in der
05 Welt, noch außer der Welt als ihre Ursache.
07 Setzet: die Welt selber oder in ihr sei ein nothwendiges Wesen, so
08 würde in der Reihe ihrer Veränderungen entweder ein Anfang sein, der
09 unbedingt nothwendig, mithin ohne Ursache wäre, welches dem dynamischen
10 Gesetze der Bestimmung aller Erscheinungen in der Zeit widerstreitet;
11 oder die Reihe selbst wäre ohne allen Anfang und, obgleich in allen ihren
12 Theilen zufällig und bedingt, im Ganzen dennoch schlechthin nothwendig
13 und unbedingt; welches sich selbst widerspricht, weil das Dasein einer
14 Menge nicht nothwendig sein kann, wenn kein einziger Theil derselben ein
15 an sich nothwendiges Dasein besitzt.
16 Setzet dagegen: es gebe eine schlechthin nothwendige Weltursache [op 483]
17 außer der Welt, so würde dieselbe als das oberste Glied in der Reihe
18 der Ursachen der Weltveränderungen das Dasein der letzteren und ihre
19 Reihe zuerst anfangen.*) Nun müßte sie aber alsdann auch anfangen zu
20 handeln, und ihre Causalität würde in die Zeit, eben darum aber in den
21 Inbegriff der Erscheinungen, d. i. in die Welt, gehören, folglich sie selbst,
22 *) Das Wort: Anfangen, wird in zwiefacher Bedeutung genommen. Die erste
23 ist activ, da die Ursache eine Reihe von Zuständen als ihre Wirkung anfängt ( infit );
24 die zweite passiv, da die Causalität in der Ursache selbst anhebt ( fit ). Ich schließe
25 hier aus der ersteren auf die letzte.
[seite 316]
07 Um das Dasein eines nothwendigen Wesens zu beweisen, liegt mir
08 hier ob, kein anderes als kosmologisches Argument zu brauchen, welches
09 nämlich von dem Bedingten in der Erscheinung zum Unbedingten im
10 Begriffe aufsteigt, indem man dieses als die nothwendige Bedingung der
11 absoluten Totalität der Reihe ansieht. Den Beweis aus der bloßen Idee
12 eines obersten aller Wesen überhaupt zu versuchen, gehört zu einem andern
13 Princip der Vernunft, und ein solcher wird daher besonders vorkommen
14 müssen.
15 Der reine kosmologische Beweis kann nun das Dasein eines nothwendigen
16 Wesens nicht anders darthun, als daß er es zugleich unausgemacht
17 lasse, ob dasselbe die Welt selbst, oder ein von ihr unterschiedenes
18 Ding sei. Denn um das letztere auszumitteln, dazu werden Grundsätze
19 erfordert, die nicht mehr kosmologisch sind und nicht in der Reihe der Erscheinungen
20 fortgehen, sondern Begriffe von zufälligen Wesen überhaupt
21 (so fern sie bloß als Gegenstände des Verstandes erwogen werden) und ein
22 Princip, solche mit einem nothwendigen Wesen durch bloße Begriffe zu
23 verknüpfen, welches alles für eine transscendente Philosophie gehört,
24 für welche hier noch nicht der Platz ist.
25 Wenn man aber einmal den Beweis kosmologisch anfängt, indem
26 man die Reihe von Erscheinungen und den Regressus in derselben nach
27 empirischen Gesetzen der Causalität zum Grunde legt: so kann man nachher
28 davon nicht abspringen und auf etwas übergehen, was gar nicht in [op 486]
29 die Reihe als ein Glied gehört. Denn in eben derselben Bedeutung mu
[seite 317]
06 Wenn man beim Aufsteigen in der Reihe der Erscheinungen wider
07 das Dasein einer schlechthin nothwendigen obersten Ursache Schwierigkeiten
08 anzutreffen vermeint, so müssen sich diese auch nicht auf bloße Begriffe
09 vom nothwendigen Dasein eines Dinges überhaupt gründen und
10 mithin nicht ontologisch sein, sondern sich aus der Causalverbindung mit
11 einer Reihe von Erscheinungen, um zu derselben eine Bedingung anzunehmen,
12 die selbst unbedingt ist, hervor finden, folglich kosmologisch und
13 nach empirischen Gesetzen gefolgert sein. Es muß sich nämlich zeigen, da
14 das Aufsteigen in der Reihe der Ursachen (in der Sinnenwelt) niemals
15 bei einer empirisch unbedingten Bedingung endigen könne, und daß das
16 kosmologische Argument aus der Zufälligkeit der Weltzustände laut ihrer
17 Veränderungen wider die Annehmung einer ersten und die Reihe schlechthin
18 zuerst anhebenden Ursache ausfalle.
19 Es zeigt sich aber in dieser Antinomie ein seltsamer Contrast: da
20 nämlich aus eben demselben Beweisgrunde, woraus in der Thesis das Dasein
[seite 318]
09 Gleichwohl hat man sich die Freiheit genommen, einen solchen Absprung
10 ( metabasis eis allo genos ) zu thun. Man schloß nämlich aus den
11 Veränderungen in der Welt auf die empirische Zufälligkeit, d. i. die Abhängigkeit
12 derselben von empirisch bestimmenden Ursachen, und bekam eine
13 aufsteigende Reihe empirischer Bedingungen, welches auch ganz recht war.
14 Da man aber hierin keinen ersten Anfang und kein oberstes Glied finden
15 konnte, so ging man plötzlich vom empirischen Begriff der Zufälligkeit ab
16 und nahm die reine Kategorie, welche alsdann eine bloß intelligibele Reihe
17 veranlaßte, deren Vollständigkeit auf dem Dasein einer schlechthin nothwendigen
18 Ursache beruhte, die nunmehr, da sie an keine sinnliche Bedingungen
19 gebunden war, auch von der Zeitbedingung, ihre Causalität selbst
20 anzufangen, befreiet wurde. Dieses Verfahren ist aber ganz widerrechtlich,
21 wie man aus folgendem schließen kann.
22 Zufällig im reinen Sinne der Kategorie ist das, dessen contradictorisches
23 Gegentheil möglich ist. Nun kann man aus der empirischen Zufälligkeit
24 auf jene intelligibele gar nicht schließen. Was verändert wird, [op 488]
25 dessen Gegentheil (seines Zustandes) ist zu einer andern Zeit wirklich,
26 mithin auch möglich; mithin ist dieses nicht das contradictorische Gegentheil
27 des vorigen Zustandes, wozu erfordert wird, daß in derselben Zeit,
28 da der vorige Zustand war, an der Stelle desselben sein Gegentheil hätte
29 sein können, welches aus der Veränderung gar nicht geschlossen werden
30 kann. Ein Körper, der in Bewegung war = A, kommt in Ruhe = non A.
31 Daraus nun, daß ein entgegengesetzter Zustand vom Zustande A auf diesen
[seite 319]
[seite 320]
[seite 321]
[seite 322]
06 Da haben wir nun das ganze dialektische Spiel der kosmologischen
07 Ideen, die es gar nicht verstatten, daß ihnen ein congruirender Gegenstand
08 in irgend einer möglichen Erfahrung gegeben werde, ja nicht einmal,
09 daß die Vernunft sie einstimmig mit allgemeinen Erfahrungsgesetzen
10 denke, die gleichwohl doch nicht willkürlich erdacht sind, sondern auf
11 welche die Vernunft im continuirlichen Fortgange der empirischen Synthesis
12 nothwendig geführt wird, wenn sie das, was nach Regeln der Erfahrung
13 jederzeit nur bedingt bestimmt werden kann, von aller Bedingung
14 befreien und in seiner unbedingten Totalität fassen will. Diese vernünftelnde
15 Behauptungen sind so viel Versuche, vier natürliche und unvermeidliche
16 Problemen der Vernunft aufzulösen, deren es also nur gerade so
17 viel, nicht mehr, auch nicht weniger, geben kann, weil es nicht mehr Reihen
18 synthetischer Voraussetzungen giebt, welche die empirische Synthesis a priori
19 begrenzen.
20 Wir haben die glänzenden Anmaßungen der ihr Gebiet über alle
21 Grenzen der Erfahrung erweiternden Vernunft nur in trockenen Formeln, [op 491]
22 welche bloß den Grund ihrer rechtlichen Ansprüche enthalten, vorgestellt
23 und, wie es einer Transscendentalphilosophie geziemt, diese von allem
24 Empirischen entkleidet, obgleich die ganze Pracht der Vernunftbehauptungen
25 nur in Verbindung mit demselben hervorleuchten kann. In dieser
26 Anwendung aber und der fortschreitenden Erweiterung des Vernunftgebrauchs,
27 indem sie von dem Felde der Erfahrungen anhebt und sich bis
28 zu diesen erhabenen Ideen allmählig hinaufschwingt, zeigt die Philosophie
29 eine Würde, welche, wenn sie ihre Anmaßungen nur behaupten könnte,
30 den Werth aller anderen menschlichen Wissenschaft weit unter sich lassen
31 würde, indem sie die Grundlage zu unseren größten Erwartungen und
32 Aussichten auf die letzten Zwecke, in welchen alle Vernunftbemühungen
33 sich endlich vereinigen müssen, verheißt. Die Fragen: ob die Welt einen
34 Anfang und irgend eine Grenze ihrer Ausdehnung im Raum habe; ob
35 es irgendwo und vielleicht in meinem denkenden Selbst eine untheilbare
[seite 323]
20 Unglücklicher Weise für die Speculation (vielleicht aber zum Glück
21 für die praktische Bestimmung des Menschen) sieht sich die Vernunft mitten
22 unter ihren größten Erwartungen in einem Gedränge von Gründen und
23 Gegengründen so befangen, daß, da es sowohl ihrer Ehre, als auch sogar
24 ihrer Sicherheit wegen nicht thunlich ist, sich zurück zu ziehen und diesem
25 Zwist als einem bloßen Spielgefechte gleichgültig zuzusehen, noch weniger
26 schlechthin Friede zu gebieten, weil der Gegenstand des Streits sehr interessirt,
27 ihr nichts weiter übrig bleibt, als über den Ursprung dieser Veruneinigung
28 der Vernunft mit sich selbst nachzusinnen: ob nicht etwa ein [op 493]
29 bloßer Mißverstand daran Schuld sei, nach dessen Erörterung zwar beiderseits
30 stolze Ansprüche vielleicht wegfallen, aber dafür ein dauerhaft
31 ruhiges Regiment der Vernunft über Verstand und Sinne seinen Anfang
32 nehmen würde.
33 Wir wollen für jetzt diese gründliche Erörterung noch etwas aussetzen
34 und zuvor in Erwägung ziehen: auf welche Seite wir uns wohl am liebsten
35 schlagen möchten, wenn wir etwa genöthigt würden, Partei zu nehmen.
36 Da wir in diesem Falle nicht den logischen Probirstein der Wahrheit, sondern
37 bloß unser Interesse befragen, so wird eine solche Untersuchung, ob sie
[seite 324]
09 Es ist aber etwas, das bei dieser vorläufigen Beurtheilung den Gesichtspunkt
10 bestimmt, aus dem sie allein mit gehöriger Gründlichkeit angestellt
11 werden kann, und dieses ist die Vergleichung der Principien, von
12 denen beide Theile ausgehen. Man bemerkt unter den Behauptungen der
13 Antithesis eine vollkommene Gleichförmigkeit der Denkungsart und völlige [op 494]
14 Einheit der Maxime, nämlich ein Principium des reinen Empirismus,
15 nicht allein in Erklärung der Erscheinungen in der Welt, sondern auch in
16 Auflösung der transscendentalen Ideen vom Weltall selbst. Dagegen legen
17 die Behauptungen der Thesis außer der empirischen Erklärungsart
18 innerhalb der Reihe der Erscheinungen noch intellectuelle Anfänge zum
19 Grunde, und die Maxime ist so fern nicht einfach. Ich will sie aber von
20 ihrem wesentlichen Unterscheidungsmerkmal den Dogmatism der reinen
21 Vernunft nennen.
22 Auf der Seite also des Dogmatismus in Bestimmung der kosmologischen
23 Vernunftideen oder der Thesis zeigt sich
24 Zuerst ein gewisses praktisches Interesse, woran jeder Wohlgesinnte,
25 wenn er sich auf seinen wahren Vortheil versteht, herzlich Theil
26 nimmt. Daß die Welt einen Anfang habe, daß mein denkendes Selbst einfacher
27 und daher unverweslicher Natur, daß dieses zugleich in seinen willkürlichen
28 Handlungen frei und über den Naturzwang erhoben sei, und da
29 endlich die ganze Ordnung der Dinge, welche die Welt ausmachen, von
30 einem Urwesen abstamme, von welchem alles seine Einheit und zweckmäßige
31 Verknüpfung entlehnt: das sind so viel Grundsteine der Moral und
32 Religion. Die Antithesis raubt uns alle diese Stützen, oder scheint wenigstens
33 sie uns zu rauben.
34 Zweitens äußert sich auch ein speculatives Interesse der Vernunft
35 auf dieser Seite. Denn wenn man die transscendentale Ideen auf [op 495]
36 solche Art annimmt und gebraucht, so kann man völlig a priori die ganze
37 Kette der Bedingungen fassen und die Ableitung des Bedingten begreifen,
[seite 325]
11 Drittens hat diese Seite auch den Vorzug der Popularität, der
12 gewiß nicht den kleinsten Theil ihrer Empfehlung ausmacht. Der gemeine
13 Verstand findet in den Ideen des unbedingten Anfangs aller Synthesis
14 nicht die mindeste Schwierigkeit, da er ohnedem mehr gewohnt ist, zu den
15 Folgen abwärts zu gehen, als zu den Gründen hinaufzusteigen, und hat
16 in den Begriffen des absolut Ersten (über dessen Möglichkeit er nicht grübelt)
17 eine Gemächlichkeit und zugleich einen festen Punkt, um die Leitschnur
18 seiner Schritte daran zu knüpfen, da er hingegen an dem rastlosen
19 Aufsteigen vom Bedingten zur Bedingung, jederzeit mit einem Fuße in [op 496]
20 der Luft, gar kein Wohlgefallen finden kann.
21 Auf der Seite des Empirismus in Bestimmung der kosmologischen
22 Ideen oder der Antithesis findet sich
23 Erstlich kein solches praktisches Interesse aus reinen Principien der
24 Vernunft, als Moral und Religion bei sich führen. Vielmehr scheint der
25 bloße Empirism beiden alle Kraft und Einfluß zu benehmen. Wenn es
26 kein von der Welt unterschiedenes Urwesen giebt, wenn die Welt ohne Anfang
27 und also auch ohne Urheber, unser Wille nicht frei und die Seele
28 von gleicher Theilbarkeit und Verweslichkeit mit der Materie ist: so verlieren
29 auch die moralischen Ideen und Grundsätze alle Gültigkeit und
30 fallen mit den transscendentalen Ideen, welche ihre theoretische Stütze
31 ausmachten.
32 Dagegen bietet aber der Empirism dem speculativen Interesse der
33 Vernunft Vortheile an, die sehr anlockend sind und diejenigen weit übertreffen,
34 die der dogmatische Lehrer der Vernunftideen versprechen mag.
35 Nach jenem ist der Verstand jederzeit auf seinem eigenthümlichen Boden,
36 nämlich dem Felde von lauter möglichen Erfahrungen, deren Gesetzen er
37 nachspüren und vermittelst derselben er seine sichere und faßliche Erkenntni
[seite 326]
16 Der Empirist wird es daher niemals erlauben, irgend eine Epoche
17 der Natur für die schlechthin erste anzunehmen, oder irgend eine Grenze
18 seiner Aussicht in den Umfang derselben als die äußerste anzusehen, oder
19 von den Gegenständen der Natur, die er durch Beobachtung und Mathematik
20 auflösen und in der Anschauung synthetisch bestimmen kann, (dem
21 Ausgedehnten) zu denen überzugehen, die weder Sinn, noch Einbildungskraft
22 jemals in concreto darstellen kann (dem Einfachen); noch einräumen,
23 daß man selbst in der Natur ein Vermögen, unabhängig von Gesetzen
24 der Natur zu wirken, (Freiheit) zum Grunde lege und dadurch dem
25 Verstande sein Geschäfte schmälere, an dem Leitfaden nothwendiger Regeln [op 498]
26 dem Entstehen der Erscheinungen nachzuspüren; noch endlich zugeben,
27 daß man irgend wozu die Ursache außerhalb der Natur suche (Urwesen),
28 weil wir nichts weiter als diese kennen, indem sie es allein ist, welche uns
29 Gegenstände darbietet und von ihren Gesetzen unterrichten kann.
30 Zwar wenn der empirische Philosoph mit seiner Antithese keine andere
31 Absicht hat, als den Vorwitz und die Vermessenheit der ihre wahre
32 Bestimmung verkennenden Vernunft niederzuschlagen, welche mit Einsicht
33 und Wissen groß thut, da wo eigentlich Einsicht und Wissen aufhören,
34 und das, was man in Ansehung des praktischen Interesse gelten
35 läßt, für eine Beförderung des speculativen Interesse ausgeben will, um,
[seite 327]
17 So aber, wenn der Empirismus in Ansehung der Ideen (wie es mehrentheils
18 geschieht) selbst dogmatisch wird und dasjenige dreist verneint,
19 was über der Sphäre seiner anschauenden Erkenntnisse ist, so fällt er selbst
20 in den Fehler der Unbescheidenheit, der hier um desto tadelbarer ist, weil
21 dadurch dem praktischen Interesse der Vernunft ein unersetzlicher Nachtheil
22 verursacht wird.
23 Dies ist der Gegensatz des Epikureisms*) gegen den Platonism.
24 *) Es ist indessen noch die Frage, ob EpikurPI diese Grundsätze als objective
25 Behauptungen jemals vorgetragen habe. Wenn sie etwa weiter nichts als Maximen
26 des speculativen Gebrauchs der Vernunft waren, so zeigte er daran einen ächteren
27 philosophischen Geist, als irgend einer der Weltweisen des Alterthums. Daß man
28 in Erklärung der Erscheinungen so zu Werke gehen müsse, als ob das Feld der Untersuchung
29 durch keine Grenze oder Anfang der Welt abgeschnitten sei; den Stoff der
30 Welt so annehmen, wie er sein muß, wenn wir von ihm durch Erfahrung belehrt
31 werden wollen; daß keine andere Erzeugung der Begebenheiten, als wie sie durch
32 unveränderliche Naturgesetze bestimmt werden, und endlich keine von der Welt unterschiedene
33 Ursache müsse gebraucht werden: sind noch jetzt sehr richtige, aber wenig
34 beobachtete Grundsätze, die speculative Philosophie zu erweitern, so wie auch die
35 Principien der Moral unabhängig von fremden Hülfsquellen auszufinden, ohne da
36 darum derjenige, welcher verlangt, jene dogmatische Sätze, so lange als wir mit der
37 bloßen Speculation beschäftigt sind, zu ignoriren, darum beschuldigt werden darf,
38 er wolle sie leugnen.
[seite 328]
01 Ein jeder von beiden sagt mehr, als er weiß, doch so, daß der erstere
02 das Wissen, obzwar zum Nachtheile des Praktischen, aufmuntert und befördert,
03 der zweite zwar zum Praktischen vortreffliche Principien an die
04 Hand giebt, aber eben dadurch in Ansehung alles dessen, worin uns allein
05 ein speculatives Wissen vergönnt ist, der Vernunft erlaubt, idealischen
06 Erklärungen der Naturerscheinungen nachzuhängen und darüber die physische
07 Nachforschung zu verabsäumen.
08 Was endlich das dritte Moment, worauf bei der vorläufigen Wahl
09 zwischen beiden streitigen Theilen gesehen werden kann, anlangt: so ist
10 es überaus befremdlich, daß der Empirismus aller Popularität gänzlich
11 zuwider ist, ob man gleich glauben sollte, der gemeine Verstand werde
12 einen Entwurf begierig aufnehmen, der ihn durch nichts als Erfahrungserkenntnisse
13 und deren vernunftmäßigen Zusammenhang zu befriedigen
14 verspricht, an statt daß die transscendentale Dogmatik ihn nöthigt, zu Begriffen
15 hinaufzusteigen, welche die Einsicht und das Vernunftvermögen der [op 501]
16 im Denken geübtesten Köpfe weit übersteigen. Aber eben dieses ist sein
17 Bewegungsgrund. Denn er befindet sich alsdann in einem Zustande, in
18 welchem sich auch der Gelehrteste über ihn nichts herausnehmen kann.
19 Wenn er wenig oder nichts davon versteht, so kann sich doch auch niemand
20 rühmen, viel mehr davon zu verstehen, und ob er gleich hierüber nicht so
21 schulgerecht als andere sprechen kann, so kann er doch darüber unendlich
22 mehr vernünfteln, weil er unter lauter Ideen herumwandelt, über die man
23 eben darum am beredtsten ist, weil man davon nichts weiß; anstatt
24 daß er über der Nachforschung der Natur ganz verstummen und seine Unwissenheit
25 gestehen müßte. Gemächlichkeit und Eitelkeit also sind schon eine
26 starke Empfehlung dieser Grundsätze. Überdem, ob es gleich einem Philosophen
27 sehr schwer wird, etwas als Grundsatz anzunehmen, ohne deshalb
28 sich selbst Rechenschaft geben zu können, oder gar Begriffe, deren objective
29 Realität nicht eingesehen werden kann, einzuführen: so ist doch dem gemeinen
30 Verstande nichts gewöhnlicher. Er will etwas haben, womit er zuversichtlich
31 anfangen könne. Die Schwierigkeit, eine solche Voraussetzung
32 selbst zu begreifen, beunruhigt ihn nicht, weil sie ihm (der nicht weiß, was
33 Begreifen heißt) niemals in den Sinn kommt, und er hält das für bekannt,
34 was ihm durch öfteren Gebrauch geläufig ist. Zuletzt aber verschwindet
35 alles speculative Interesse bei ihm vor dem praktischen, und er
[seite 329]
09 Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch, d. i. sie
10 betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System und
11 verstattet daher auch nur solche Principien, die eine vorhabende Erkenntni
12 wenigstens nicht unfähig machen, in irgend einem System mit anderen
13 zusammen zu stehen. Die Sätze der Antithesis sind aber von der Art,
14 daß sie die Vollendung eines Gebäudes von Erkenntnissen gänzlich unmöglich
15 machen. Nach ihnen giebt es über einen Zustand der Welt immer
16 einen noch älteren, in jedem Theile immer noch andere, wiederum theilbare,
17 vor jeder Begebenheit eine andere, die wiederum eben so wohl anderweitig
18 erzeugt war, und im Dasein überhaupt alles immer nur bedingt,
19 ohne irgend ein unbedingtes und erstes Dasein anzuerkennen. Da also
20 die Antithesis nirgend ein Erstes einräumt und keinen Anfang, der schlechthin
21 zum Grunde des Baues dienen könnte, so ist ein vollständiges Gebäude
22 der Erkenntniß bei dergleichen Voraussetzungen gänzlich unmöglich. [op 503]
23 Daher führt das architektonische Interesse der Vernunft (welches nicht empirische,
24 sondern reine Vernunfteinheit a priori fordert) eine natürliche
25 Empfehlung für die Behauptungen der Thesis bei sich.
26 Könnte sich aber ein Mensch von allem Interesse lossagen und die
27 Behauptungen der Vernunft, gleichgültig gegen alle Folgen, bloß nach
28 dem Gehalte ihrer Gründe in Betrachtung ziehen: so würde ein solcher,
29 gesetzt daß er keinen Ausweg wüßte, anders aus dem Gedränge zu kommen,
30 als daß er sich zu einer oder andern der streitigen Lehren bekennte, in
31 einem unaufhörlich schwankenden Zustande sein. Heute würde es ihm
32 überzeugend vorkommen, der menschliche Wille sei frei; morgen, wenn er
33 die unauflösliche Naturkette in Betrachtung zöge, würde er dafür halten,
34 die Freiheit sei nichts als Selbsttäuschung, und alles sei bloß Natur.
35 Wenn es nun aber zum Thun und Handeln käme, so würde dieses Spiel
36 der bloß speculativen Vernunft wie Schattenbilder eines Traums verschwinden,
37 und er würde seine Principien bloß nach dem praktischen Interesse
[seite 330]
15 Alle Aufgaben auflösen und alle Fragen beantworten zu wollen,
16 würde eine unverschämte Großsprecherei und ein so ausschweifender Eigendünkel
17 sein, daß man dadurch sich sofort um alles Zutrauen bringen müßte.
18 Gleichwohl giebt es Wissenschaften, deren Natur es so mit sich bringt, da
19 eine jede darin vorkommende Frage aus dem, was man weiß, schlechthin
20 beantwortlich sein muß, weil die Antwort aus denselben Quellen entspringen
21 muß, daraus die Frage entspringt, und wo es keinesweges erlaubt ist,
22 unvermeidliche Unwissenheit vorzuschützen, sondern die Auflösung gefordert
23 werden kann. Was in allen möglichen Fällen Recht oder Unrecht sei,
24 muß man der Regel nach wissen können, weil es unsere Verbindlichkeit
25 betrifft, und wir zu dem, was wir nicht wissen können, auch keine [op 505]
26 Verbindlichkeit haben. In der Erklärung der Erscheinungen der Natur
27 muß uns indessen vieles ungewiß und manche Frage unauflöslich bleiben,
28 weil das, was wir von der Natur wissen, zu dem, was wir erklären sollen,
29 bei weitem nicht in allen Fällen zureichend ist. Es frägt sich nun: ob in
30 der Transscendentalphilosophie irgend eine Frage, die ein der Vernunft
31 vorgelegtes Object betrifft, durch eben diese reine Vernunft unbeantwortlich
32 sei, und ob man sich ihrer entscheidenden Beantwortung dadurch mit
33 Recht entziehen könne, daß man es als schlechthin ungewiß (aus allem dem,
[seite 331]
04 Ich behaupte nun, daß die Transscendentalphilosophie unter allem
05 speculativen Erkenntniß dieses Eigenthümliche habe: daß gar keine Frage,
06 welche einen der reinen Vernunft gegebenen Gegenstand betrifft, für eben
07 dieselbe menschliche Vernunft unauflöslich sei, und daß kein Vorschützen
08 einer unvermeidlichen Unwissenheit und unergründlichen Tiefe der Aufgabe
09 von der Verbindlichkeit frei sprechen könne, sie gründlich und vollständig
10 zu beantworten, weil eben derselbe Begriff, der uns in den Stand setzt zu
11 fragen, durchaus uns auch tüchtig machen muß, auf diese Frage zu antworten,
12 indem der Gegenstand außer dem Begriffe gar nicht angetroffen
13 wird (wie bei Recht und Unrecht).
14 Es sind aber in der Transscendentalphilosophie keine andere als nur [op 506]
15 die kosmologischen Fragen, in Ansehung deren man mit Recht eine genugthuende
16 Antwort, die die Beschaffenheit des Gegenstandes betrifft, fordern
17 kann, ohne daß dem Philosophen erlaubt ist, sich derselben dadurch zu entziehen,
18 daß er undurchdringliche Dunkelheit vorschützt; und diese Fragen
19 können nur kosmologische Ideen betreffen. Denn der Gegenstand mu
20 empirisch gegeben sein, und die Frage geht nur auf die Angemessenheit
21 desselben mit einer Idee. Ist der Gegenstand transscendental und also
22 selbst unbekannt, z. B. ob das Etwas, dessen Erscheinung (in uns selbst)
23 das Denken ist, (Seele) ein an sich einfaches Wesen sei, ob es eine Ursache
24 aller Dinge insgesammt gebe, die schlechthin nothwendig ist, u. s. w.: so
25 sollen wir zu unserer Idee einen Gegenstand suchen, von welchem wir gestehen
26 können, daß er uns unbekannt, aber deswegen doch nicht unmöglich [op 507]
27 sei.*) Die kosmologischen Ideen haben allein das Eigenthümliche an sich,
28 *) Man kann zwar auf die Frage, was ein transscendentaler Gegenstand für
29 eine Beschaffenheit habe, keine Antwort geben, nämlich was er sei, aber wohl, da
30 die Frage selbst nichts sei, darum weil kein Gegenstand derselben gegeben worden.
31 Daher sind alle Fragen der transscendentalen Seelenlehre auch beantwortlich und
32 wirklich beantwortet: denn sie betreffen das transscendentale Subject aller inneren Erscheinungen,
33 welches selbst nicht Erscheinung ist und also nicht als Gegenstand gegeben
34 ist, und worauf keine der Kategorien (auf welche doch eigentlich die Frage
35 gestellt ist) Bedingungen ihrer Anwendung antreffen. Also ist hier der Fall, da der
36 gemeine Ausdruck gilt, daß keine Antwort auch eine Antwort sei, nämlich daß eine
37 Frage nach der Beschaffenheit desjenigen Etwas, was durch kein bestimmtes Prädicat'
34 gedacht werden kann, weil es gänzlich außer der Sphäre der Gegenstände gesetzt
35 wird, die uns gegeben werden können, gänzlich nichtig und leer sei.
[seite 332]
[seite 333]
09 Wir werden also der Verbindlichkeit einer wenigstens kritischen Auflösung
10 der vorgelegten Vernunftfragen dadurch nicht ausweichen können,
11 daß wir über die engen Schranken unserer Vernunft Klagen erheben und
12 mit dem Scheine einer demuthsvollen Selbsterkenntniß bekennen, es sei
13 über unsere Vernunft, auszumachen, ob die Welt von Ewigkeit her sei,
14 oder einen Anfang habe; ob der Weltraum ins Unendliche mit Wesen erfüllt,
15 oder innerhalb gewisser Grenzen eingeschlossen sei; ob irgend in der
16 Welt etwas einfach sei, oder ob alles ins Unendliche getheilt werden müsse;
17 ob es eine Erzeugung und Hervorbringung aus Freiheit gebe, oder ob alles
18 an der Kette der Naturordnung hänge; endlich ob es irgend ein gänzlich
19 unbedingt und an sich nothwendiges Wesen gebe, oder ob alles seinem
20 Dasein nach bedingt und mithin äußerlich abhängend und an sich zufällig
21 sei. Denn alle diese Fragen betreffen einen Gegenstand, der nirgend anders
22 als in unseren Gedanken gegeben werden kann, nämlich die schlechthin
23 unbedingte Totalität der Synthesis der Erscheinungen. Wenn wir [op 510]
24 darüber aus unseren eigenen Begriffen nichts Gewisses sagen und ausmachen
25 können, so dürfen wir nicht die Schuld auf die Sache schieben, die
26 sich uns verbirgt; denn es kann uns dergleichen Sache (weil sie außer
27 unserer Idee nirgends angetroffen wird) gar nicht gegeben werden, sondern
28 wir müssen die Ursache in unserer Idee selbst suchen, welche ein Problem
29 ist, das keine Auflösung verstattet, und wovon wir doch hartnäckig annehmen,
30 als entspreche ihr ein wirklicher Gegenstand. Eine deutliche Darlegung
31 der Dialektik, die in unserem Begriffe selbst liegt, würde uns bald
32 zur völligen Gewißheit bringen von dem, was wir in Ansehung einer
33 solchen Frage zu urtheilen haben.
34 Man kann eurem Vorwande der Ungewißheit in Ansehung dieser
35 Probleme zuerst diese Frage entgegensetzen, die ihr wenigstens deutlich
36 beantworten müsset: Woher kommen euch die Ideen, deren Auflösung euch
37 hier in solche Schwierigkeit verwickelt? Sind es etwa Erscheinungen,
[seite 334]
32 Da also selbst die Auflösung dieser Aufgaben niemals in der Erfahrung
33 vorkommen kann, so könnet ihr nicht sagen, daß es ungewiß sei, was
34 hierüber dem Gegenstande beizulegen sei. Denn euer Gegenstand ist blo
35 in eurem Gehirne und kann außer demselben gar nicht gegeben werden;
36 daher ihr nur dafür zu sorgen habt, mit euch selbst einig zu werden und
37 die Amphibolie zu verhüten, die eure Idee zu einer vermeintlichen Vorstellung
[seite 335]
11 Wir würden von der Forderung gern abstehen, unsere Fragen dogmatisch
12 beantwortet zu sehen, wenn wir schon zum voraus begriffen: die
13 Antwort möchte ausfallen, wie sie wollte, so würde sie unsere Unwissenheit
14 nur noch vermehren und uns aus einer Unbegreiflichkeit in eine
15 andere, aus einer Dunkelheit in eine noch größere und vielleicht gar in
16 Widersprüche stürzen. Wenn unsere Frage bloß auf Bejahung oder Verneinung
17 gestellt ist, so ist es klüglich gehandelt, die vermuthlichen Gründe
18 der Beantwortung vor der Hand dahingestellt sein zu lassen und zuvörderst
19 in Erwägung zu ziehen, was man denn gewinnen würde, wenn die Antwort
20 auf die eine, und was, wenn sie auf die Gegenseite ausfiele. Trifft
21 es sich nun, daß in beiden Fällen lauter Sinnleeres ( Nonsens ) herauskommt,
22 so haben wir eine gegründete Aufforderung, unsere Frage selbst
23 kritisch zu untersuchen und zu sehen: ob sie nicht selbst auf einer grundlosen
24 Voraussetzung beruhe und mit jener Idee spiele, die ihre Falschheit
25 besser in der Anwendung und durch ihre Folgen, als in der abgesonderten [op 514]
26 Vorstellung verräth. Das ist der große Nutzen, den die sceptische Art hat,
27 die Fragen zu behandeln, welche reine Vernunft an reine Vernunft thut,
28 und wodurch man eines großen dogmatischen Wustes mit wenig Aufwand
29 überhoben sein kann, um an dessen Statt eine nüchterne Kritik zu setzen,
30 die als ein wahres Kathartikon den Wahn zusammt seinem Gefolge, der
31 Vielwisserei, glücklich abführen wird.
32 Wenn ich demnach von einer kosmologischen Idee zum voraus einsehen
33 könnte, daß, auf welche Seite des Unbedingten der regressiven Synthesis
[seite 336]
10 Erstlich an, die Welt habe keinen Anfang, so ist sie für euren
11 Begriff zu groß; denn dieser, welcher in einem successiven Regressus besteht,
12 kann die ganze verflossene Ewigkeit niemals erreichen. Setzet, sie
13 habe einen Anfang, so ist sie wiederum für euren Verstandesbegriff in [op 515]
14 dem nothwendigen empirischen Regressus zu klein. Denn weil der Anfang
15 noch immer eine Zeit, die vorhergeht, voraussetzt, so ist er noch nicht unbedingt,
16 und das Gesetz des empirischen Gebrauchs des Verstandes legt
17 es euch auf, noch nach einer höheren Zeitbedingung zu fragen, und die
18 Welt ist also offenbar für dieses Gesetz zu klein.
19 Eben so ist es mit der doppelten Beantwortung der Frage wegen der
20 Weltgröße dem Raum nach bewandt. Denn ist sie unendlich und unbegrenzt,
21 so ist sie für allen möglichen empirischen Begriff zu groß. Ist
22 sie endlich und begrenzt, so fragt ihr mit Recht noch: was bestimmt diese
23 Grenze? Der leere Raum ist nicht ein für sich bestehendes Correlatum
24 der Dinge und kann keine Bedingung sein, bei der ihr stehen bleiben
25 könnet, noch viel weniger eine empirische Bedingung, die einen Theil einer
26 möglichen Erfahrung ausmachte. (Denn wer kann eine Erfahrung vom
27 Schlechthin=Leeren haben?). Zur absoluten Totalität aber der empirischen
28 Synthesis wird jederzeit erfordert, daß das Unbedingte ein Erfahrungsbegriff
29 sei. Also ist eine begrenzte Welt für euren Begriff zu klein.
30 Zweitens, besteht jede Erscheinung im Raume (Materie) aus unendlich
31 viel Theilen, so ist der Regressus der Theilung für euren Begriff
32 jederzeit zu groß; und soll die Theilung des Raumes irgend bei
33 einem Gliede derselben (dem Einfachen) aufhören, so ist er für die Idee [op 516]
34 des Unbedingten zu klein. Denn dieses Glied läßt noch immer einen
35 Regressus zu mehreren in ihm enthaltenen Theilen übrig.
36 Drittens, nehmet ihr an, in allem, was in der Welt geschieht, sei
37 nichts als Erfolg nach Gesetzen der Natur, so ist die Causalität der Ursache
[seite 337]
06 Wählt ihr hin und wieder von selbst gewirkte Begebenheiten, mithin
07 Erzeugung aus Freiheit: so verfolgt euch das Warum nach einem
08 unvermeidlichen Naturgesetze und nöthigt euch, über diesen Punkt nach dem
09 Causalgesetze der Erfahrung hinaus zu gehen, und ihr findet, daß dergleichen
10 Totalität der Verknüpfung für euren nothwendigen empirischen
11 Begriff zu klein ist.
12 Viertens. Wenn ihr ein schlechthin nothwendiges Wesen (es
13 sei die Welt selbst, oder etwas in der Welt, oder die Weltursache) annehmt:
14 so setzt ihr es in eine von jedem gegebenen Zeitpunkt unendlich entfernte
15 Zeit, weil es sonst von einem anderen und älteren Dasein abhängend sein
16 würde. Alsdann ist aber diese Existenz für euren empirischen Begriff
17 unzugänglich und zu groß, als daß ihr jemals durch irgend einen fortgesetzten
18 Regressus dazu gelangen könntet.
19 Ist aber eurer Meinung nach alles, was zur Welt (es sei als bedingt
20 oder als Bedingung) gehört, zufällig: so ist jede euch gegebene Existenz
21 für euren Begriff zu klein. Denn sie nöthigt euch, euch noch immer nach
22 einer andern Existenz umzusehen, von der sie abhängig ist.
23 Wir haben in allen diesen Fällen gesagt, daß die Weltidee für den
24 empirischen Regressus, mithin jeden möglichen Verstandesbegriff entweder
25 zu groß, oder auch für denselben zu klein sei. Warum haben wir uns
26 nicht umgekehrt ausgedrückt und gesagt: daß im ersteren Falle der empirische
27 Begriff für die Idee jederzeit zu klein, im zweiten aber zu groß sei,
28 und mithin gleichsam die Schuld auf dem empirischen Regressus hafte; anstatt
29 daß wir die kosmologische Idee anklagten, daß sie im Zuviel oder
30 Zuwenig von ihrem Zwecke, nämlich der möglichen Erfahrung, abwiche?
31 Der Grund war dieser. Mögliche Erfahrung ist das, was unseren Begriffen
32 allein Realität geben kann; ohne das ist aller Begriff nur Idee,
33 ohne Wahrheit und Beziehung auf einen Gegenstand. Daher war der
34 mögliche empirische Begriff das Richtmaß, wornach die Idee beurtheilt
35 werden mußte, ob sie bloße Idee und Gedankending sei, oder in der Welt
36 ihren Gegenstand antreffe. Denn man sagt nur von demjenigen, daß es
37 verhältnißweise auf etwas anderes zu groß oder zu klein sei, was nur um
[seite 338]
09 Wir sind also wenigstens auf den gegründeten Verdacht gebracht:
10 daß die kosmologischen Ideen und mit ihnen alle unter einander in Streit
11 gesetzte vernünftelnde Behauptungen vielleicht einen leeren und bloß eingebildeten
12 Begriff von der Art, wie uns der Gegenstand dieser Ideen gegeben
13 wird, zum Grunde liegen haben; und dieser Verdacht kann uns
14 schon auf die rechte Spur führen, das Blendwerk zu entdecken, was uns
15 so lange irre geführt hat.
21 Wir haben in der transscendentalen Ästehtik hinreichend bewiesen:
22 daß alles, was im Raume oder der Zeit angeschauet wird, mithin alle
23 Gegenstände einer uns möglichen Erfahrung nichts als Erscheinungen, [op 519]
24 d. i. bloße Vorstellungen, sind, die so, wie sie vorgestellt werden, als ausgedehnte
25 Wesen oder Reihen von Veränderungen, außer unseren Gedanken
26 keine an sich gegründete Existenz haben. Diesen Lehrbegriff nenne ich den
27 transscendentalen Idealism*). Der Realist in transscendentaler
28 *) Ich habe ihn auch sonst bisweilen den formalen Idealism genannt, um
29 ihn von dem materialen, d. i. dem gemeinen, der die Existenz äußerer Dinge
30 selbst bezweifelt oder leugnet, zu unterscheiden. In manchen Fällen scheint es
31 rathsam zu sein, sich lieber dieser als der obgenannten Ausdrücke zu bedienen, um
32 alle Mißdeutung zu verhüten.
[seite 339]
04 Man würde uns Unrecht thun, wenn man uns den schon längst so
05 verschrieenen empirischen Idealismus zumuthen wollte, der, indem er die
06 eigene Wirklichkeit des Raumes annimmt, das Dasein der ausgedehnten
07 Wesen in demselben leugnet, wenigstens zweifelhaft findet und zwischen
08 Traum und Wahrheit in diesem Stücke keinen genugsam erweislichen Unterschied
09 einräumt. Was die Erscheinungen des innern Sinnes in der
10 Zeit betrifft: an denen als wirklichen Dingen findet er keine Schwierigkeit;
11 ja er behauptet sogar, daß diese innere Erfahrung das wirkliche Dasein
12 ihres Objects (an sich selbst mit aller dieser Zeitbestimmung) einzig
13 und allein hinreichend beweise.
14 Unser transscendentaler Idealism erlaubt es dagegen: daß die Gegenstände
15 äußerer Anschauung, eben so wie sie im Raume angeschauet
16 werden, auch wirklich sind und in der Zeit alle Veränderungen, so wie sie
17 der innere Sinn vorstellt. Denn da der Raum schon eine Form derjenigen
18 Anschauung ist, die wir die äußere nennen, und ohne Gegenstände in
19 demselben es gar keine empirische Vorstellung geben würde: so können und
20 müssen wir darin ausgedehnte Wesen als wirklich annehmen; und eben so
21 ist es auch mit der Zeit. Jener Raum selber aber sammt dieser Zeit und
22 zugleich mit beiden alle Erscheinungen sind doch an sich selbst keine Dinge,
23 sondern nichts als Vorstellungen und können gar nicht außer unserem Gemüth
24 existiren; und selbst ist die innere und sinnliche Anschauung unseres
25 Gemüths (als Gegenstandes des Bewußtseins), dessen Bestimmung durch
26 die Succession verschiedener Zustände in der Zeit vorgestellt wird, auch
27 nicht das eigentliche Selbst, so wie es an sich existirt, oder das transscendentale
28 Subject, sondern nur eine Erscheinung, die der Sinnlichkeit dieses
29 uns unbekannten Wesens gegeben worden. Das Dasein dieser inneren
30 Erscheinung als eines so an sich existirenden Dinges kann nicht eingeräumt
31 werden, weil ihre Bedingung die Zeit ist, welche keine Bestimmung
32 irgend eines Dinges an sich selbst sein kann. In dem Raume aber und
33 der Zeit ist die empirische Wahrheit der Erscheinungen genugsam gesichert [op 521]
34 und von der Verwandtschaft mit dem Traume hinreichend unterschieden,
35 wenn beide nach empirischen Gesetzen in einer Erfahrung richtig und
36 durchgängig zusammenhängen.
37 Es sind demnach die Gegenstände der Erfahrung niemals an sich
[seite 340]
11 Uns ist wirklich nichts gegeben, als die Wahrnehmung und der empirische
12 Fortschritt von dieser zu andern möglichen Wahrnehmungen.
13 Denn an sich selbst sind die Erscheinungen als bloße Vorstellungen nur
14 in der Wahrnehmung wirklich, die in der That nichts andres ist, als die
15 Wirklichkeit einer empirischen Vorstellung, d. i. Erscheinung. Vor der
16 Wahrnehmung eine Erscheinung ein wirkliches Ding nennen, bedeutet
17 entweder, daß wir im Fortgange der Erfahrung auf eine solche Wahrnehmung
18 treffen müssen, oder es hat gar keine Bedeutung. Denn daß sie
19 an sich selbst, ohne Beziehung auf unsere Sinne und mögliche Erfahrung [op 522]
20 existire, könnte allerdings gesagt werden, wenn von einem Dinge an sich
21 selbst die Rede wäre. Es ist aber bloß von einer Erscheinung im Raume
22 und der Zeit, die beides keine Bestimmungen der Dinge an sich selbst, sondern
23 nur unserer Sinnlichkeit sind, die Rede; daher das, was in ihnen ist
24 (Erscheinungen), nicht an sich Etwas, sondern bloße Vorstellungen sind,
25 die, wenn sie nicht in uns (in der Wahrnehmung) gegeben sind, überall
26 nirgend angetroffen werden.
27 Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine Receptivität,
28 auf gewisse Weise mit Vorstellungen afficirt zu werden, deren Verhältni
29 zu einander eine reine Anschauung des Raumes und der Zeit ist
30 (lauter Formen unserer Sinnlichkeit), und welche, so fern sie in diesem
31 Verhältnisse (dem Raume und der Zeit) nach Gesetzen der Einheit der Erfahrung
32 verknüpft und bestimmbar sind, Gegenstände heißen. Die
33 nichtsinnliche Ursache dieser Vorstellungen ist uns gänzlich unbekannt, und
34 diese können wir daher nicht als Object anschauen; denn dergleichen Gegenstand
35 würde weder im Raume, noch der Zeit (als bloßen Bedingungen der
36 sinnlichen Vorstellung) vorgestellt werden müssen, ohne welche Bedingungen
37 wir uns gar keine Anschauung denken können. Indessen können wir die
[seite 341]
24 Wenn ich mir demnach alle existirende Gegenstände der Sinne in aller
25 Zeit und allen Räumen insgesammt vorstelle: so setze ich solche nicht vor [op 524]
26 der Erfahrung in beide hinein, sondern diese Vorstellung ist nichts andres,
27 als der Gedanke von einer möglichen Erfahrung in ihrer absoluten Vollständigkeit.
28 In ihr allein sind jene Gegenstände (welche nichts als bloße
29 Vorstellungen sind) gegeben. Daß man aber sagt, sie existiren vor aller
30 meiner Erfahrung, bedeutet nur, daß sie in dem Theile der Erfahrung,
31 zu welchem ich, von der Wahrnehmung anhebend, allererst fortschreiten
32 muß, anzutreffen sind. Die Ursache der empirischen Bedingungen dieses
33 Fortschritts, mithin auf welche Glieder oder auch, wie weit ich auf dergleichen
34 im Regressus treffen könne, ist transscendental und mir daher nothwendig
35 unbekannt. Aber um diese ist es auch nicht zu thun, sondern nur
36 um die Regel des Fortschritts der Erfahrung, in der mir die Gegenstände,
37 nämlich Erscheinungen, gegeben werden. Es ist auch im Ausgange ganz
[seite 342]
21 Die ganze Antinomie der reinen Vernunft beruht auf dem dialektischen
22 Argumente: Wenn das Bedingte gegeben ist, so ist auch die ganze
23 Reihe aller Bedingungen desselben gegeben; nun sind uns Gegenstände
24 der Sinne als bedingt gegeben; folglich etc. Durch diesen Vernunftschluß,
25 dessen Obersatz so natürlich und einleuchtend scheint, werden nun nach
26 Verschiedenheit der Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen), so
27 fern sie eine Reihe ausmachen, eben so viel kosmologische Ideen eingeführt,
28 welche die absolute Totalität dieser Reihen postuliren und eben dadurch
29 die Vernunft unvermeidlich in Widerstreit mit sich selbst versetzen.
30 Ehe wir aber das Trügliche dieses vernünftelnden Arguments aufdecken, [op 526]
31 müssen wir uns durch Berichtigung und Bestimmung gewisser darin vorkommenden
32 Begriffe dazu in Stand setzen.
33 Zuerst ist folgender Satz klar und ungezweifelt gewiß: daß, wenn
34 das Bedingte gegeben ist, uns eben dadurch ein Regressus in der Reihe
[seite 343]
10 Ferner: wenn das Bedingte so wohl, als seine Bedingung, Dinge
11 an sich selbst sind, so ist, wenn das Erstere gegeben worden, nicht bloß der
12 Regressus zu dem Zweiten aufgegeben, sondern dieses ist dadurch wirklich
13 schon mit gegeben, und, weil dieses von allen Gliedern der Reihe
14 gilt, so ist die vollständige Reihe der Bedingungen, mithin auch das Unbedingte
15 dadurch zugleich gegeben, oder vielmehr vorausgesetzt, daß das
16 Bedingte, welches nur durch jene Reihe möglich war, gegeben ist. Hier
17 ist die Synthesis des Bedingten mit seiner Bedingung eine Synthesis
18 des bloßen Verstandes, welcher die Dinge vorstellt, wie sie sind, ohne [op 527]
19 darauf zu achten, ob und wie wir zur Kenntniß derselben gelangen können.
20 Dagegen wenn ich es mit Erscheinungen zu thun habe, die als bloße Vorstellungen
21 gar nicht gegeben sind, wenn ich nicht zu ihrer Kenntniß (d. i.
22 zu ihnen selbst, denn sie sind nichts als empirische Kenntnisse) gelange,
23 so kann ich nicht in eben der Bedeutung sagen: wenn das Bedingte gegeben
24 ist, so sind auch alle Bedingungen (als Erscheinungen) zu demselben
25 gegeben, und kann mithin auf die absolute Totalität der Reihe derselben
26 keinesweges schließen. Denn die Erscheinungen sind in der Apprehension
27 selber nichts anders als eine empirische Synthesis (im Raume und
28 der Zeit) und sind also nur in dieser gegeben. Nun folgt es gar nicht,
29 daß, wenn das Bedingte (in der Erscheinung) gegeben ist, auch die Synthesis,
30 die seine empirische Bedingung ausmacht, dadurch mitgegeben und
31 vorausgesetzt sei, sondern diese findet allererst im Regressus und niemals
32 ohne denselben statt. Aber das kann man wohl in einem solchen Falle
33 sagen, daß ein Regressus zu den Bedingungen, d. i. eine fortgesetzte
34 empirische Synthesis, auf dieser Seite geboten oder aufgegeben sei, und
35 daß es nicht an Bedingungen fehlen könne, die durch diesen Regressus gegeben
36 werden.
37 Hieraus erhellt, daß der Obersatz des kosmologischen Vernunftschlusses
[seite 344]
29 Nach der Überweisung eines solchen Fehltritts des gemeinschaftlich
30 zum Grunde (der kosmologischen Behauptungen) gelegten Arguments
31 können beide streitende Theile mit Recht als solche, die ihre Forderung
32 auf keinen gründlichen Titel gründen, abgewiesen werden. Dadurch aber
33 ist ihr Zwist noch nicht in so fern geendigt, daß sie überführt worden
34 wären, sie oder einer von beiden hätte in der Sache selbst, die er behauptet,
35 (im Schlußsatze) Unrecht, wenn er sie gleich nicht auf tüchtige Beweisgründe
36 zu bauen wußte. Es scheint doch nichts klärer, als daß von zweien,
37 deren der eine behauptet: die Welt hat einen Anfang, der andere: die
[seite 345]
12 Der eleatische Zeno, ein subtiler Dialektiker, ist schon vom PlatoPI
13 als ein muthwilliger Sophist darüber sehr getadelt worden, daß er, um
14 seine Kunst zu zeigen, einerlei Satz durch scheinbare Argumente zu beweisen
15 und bald darauf durch andere, ebenso starke, wieder umzustürzen suchte.
16 Er behauptete, Gott (vermuthlich war es bei ihm nichts als die Welt) sei
17 weder endlich noch unendlich, er sei weder in Bewegung noch in Ruhe, sei
18 keinem andern Dinge weder ähnlich noch unähnlich. Es schien denen, die
19 ihn hierüber beurtheilten, er habe zwei einander widersprechende Sätze
20 gänzlich ableugnen wollen, welches ungereimt ist. Allein ich finde nicht,
21 daß ihm dieses mit Recht zur Last gelegt werden könne. Den ersteren
22 dieser Sätze werde ich bald näher beleuchten. Was die übrigen betrifft,
23 wenn er unter dem Worte: Gott das Universum verstand, so mußte er
24 allerdings sagen: daß dieses weder in seinem Orte beharrlich gegenwärtig
25 (in Ruhe) sei, noch denselben verändere (sich bewege), weil alle Örter nur
26 im Univers, dieses selbst also in keinem Orte ist. Wenn das Weltall
27 alles, was existirt, in sich faßt, so ist es auch so fern keinem andern
28 Dinge weder ähnlich noch unähnlich, weil es außer ihm kein anderes [op 531]
29 Ding giebt, mit dem es könnte verglichen werden. Wenn zwei einander
30 entgegengesetzte Urtheile eine unstatthafte Bedingung voraussetzen, so
31 fallen sie unerachtet ihres Widerstreits (der gleichwohl kein eigentlicher
32 Widerspruch ist) alle beide weg, weil die Bedingung wegfällt, unter der
33 allein jeder dieser Sätze gelten sollte.
[seite 346]
01 Wenn jemand sagte, ein jeder Körper riecht entweder gut, oder er
02 riecht nicht gut, so findet ein Drittes statt, nämlich daß er gar nicht rieche
03 (ausdufte), und so können beide widerstreitende Sätze falsch sein. Sage
04 ich, er ist entweder wohlriechend, oder er ist nicht wohlriechend ( vel suaveolens
05 vel non suaveolens ): so sind beide Urtheile einander contradictorisch
06 entgegengesetzt, und nur der erste ist falsch, sein contradictorisches Gegentheil
07 aber, nämlich einige Körper sind nicht wohlriechend, befaßt auch die
08 Körper in sich, die gar nicht riechen. In der vorigen Entgegenstellung
09 ( per disparata ) blieb die zufällige Bedingung des Begriffs der Körper
10 (der Geruch) noch bei dem widerstreitenden Urtheile und wurde durch
11 dieses also nicht mit aufgehoben, daher war das letztere nicht das contradictorische
12 Gegentheil des ersteren.
13 Sage ich demnach: die Welt ist dem Raume nach entweder unendlich,
14 oder sie ist nicht unendlich ( non est infinitus ), so muß, wenn der erstere
15 Satz falsch ist, sein contradictorisches Gegentheil: die Welt ist nicht unendlich,
16 wahr sein. Dadurch würde ich nur eine unendliche Welt aufheben, [op 532]
17 ohne eine andere, nämlich die endliche, zu setzen. Hieße es aber: die Welt
18 ist entweder unendlich, oder endlich (nichtunendlich), so könnten beide
19 falsch sein. Denn ich sehe alsdann die Welt als an sich selbst ihrer Größe
20 nach bestimmt an, indem ich in dem Gegensatz nicht bloß die Unendlichkeit
21 aufhebe und mit ihr vielleicht ihre ganze abgesonderte Existenz, sondern
22 eine Bestimmung zur Welt als einem an sich selbst wirklichen Dinge hinzusetze,
23 welches eben so wohl falsch sein kann, wenn nämlich die Welt gar
24 nicht als ein Ding an sich, mithin auch nicht ihrer Größe nach weder
25 als unendlich, noch als endlich gegeben sein sollte. Man erlaube mir, da
26 ich dergleichen Entgegensetzung die dialektische, die des Widerspruchs
27 aber die analytische Opposition nennen darf. Also können von zwei
28 dialektisch einander entgegengesetzten Urtheilen alle beide falsch sein, darum
29 weil eines dem andern nicht bloß widerspricht, sondern etwas mehr sagt,
30 als zum Widerspruche erforderlich ist.
31 Wenn man die zwei Sätze: die Welt ist der Größe nach unendlich,
32 die Welt ist ihrer Größe nach endlich, als einander contradictorisch entgegengesetzte
33 ansieht, so nimmt man an, daß die Welt (die ganze Reihe
34 der Erscheinungen) ein Ding an sich selbst sei. Denn sie bleibt, ich mag
35 den unendlichen oder endlichen Regressus in der Reihe ihrer Erscheinungen
36 aufheben. Nehme ich aber diese Voraussetzung oder diesen transscendentalen
37 Schein weg und leugne, daß sie ein Ding an sich selbst sei, so verwandelt
[seite 347]
10 Was hier von der ersten kosmologischen Idee, nämlich der absoluten
11 Totalität der Größe in der Erscheinung, gesagt worden, gilt auch von
12 allen übrigen. Die Reihe der Bedingungen ist nur in der regressiven
13 Synthesis selbst, nicht aber an sich in der Erscheinung als einem eigenen,
14 vor allem Regressus gegebenen Dinge anzutreffen. Daher werde ich auch
15 sagen müssen: die Menge der Theile in einer gegebenen Erscheinung ist
16 an sich weder endlich, noch unendlich, weil Erscheinung nichts an sich selbst
17 Existirendes ist, und die Theile allererst durch den Regressus der decomponirenden
18 Synthesis und in demselben gegeben werden, welcher Regressus
19 niemals schlechthin ganz, weder als endlich, noch als unendlich, gegeben
20 ist. Eben das gilt von der Reihe der über einander geordneten Ursachen, [op 534]
21 oder der bedingten bis zur unbedingt nothwendigen Existenz, welche niemals
22 weder an sich ihrer Totalität nach als endlich, noch als unendlich
23 angesehen werden kann, weil sie als Reihe subordinirter Vorstellungen
24 nur im dynamischen Regressus besteht, vor demselben aber und als für
25 sich bestehende Reihe von Dingen an sich selbst gar nicht existiren kann.
26 So wird demnach die Antinomie der reinen Vernunft bei ihren kosmologischen
27 Ideen gehoben, dadurch daß gezeigt wird, sie sei bloß dialektisch
28 und ein Widerstreit eines Scheins, der daher entspringt, daß man die
29 Idee der absoluten Totalität, welche nur als eine Bedingung der Dinge
30 an sich selbst gilt, auf Erscheinungen angewandt hat, die nur in der Vorstellung
31 und, wenn sie eine Reihe ausmachen, im successiven Regressus,
32 sonst aber gar nicht existiren. Man kann aber auch umgekehrt aus dieser
33 Antinomie einen wahren, zwar nicht dogmatischen, aber doch kritischen
34 und doctrinalen Nutzen ziehen: nämlich die transscendentale Idealität
35 der Erscheinungen dadurch indirect zu beweisen, wenn jemand etwa an
[seite 348]
10 Diese Anmerkung ist von Wichtigkeit. Man sieht daraus, daß die
11 obigen Beweise der vierfachen Antinomie nicht Blendwerke, sondern gründlich
12 waren, unter der Voraussetzung nämlich, daß Erscheinungen oder eine
13 Sinnenwelt, die sie insgesammt in sich begreift, Dinge an sich selbst wären.
14 Der Widerstreit der daraus gezogenen Sätze entdeckt aber, daß in der
15 Voraussetzung eine Falschheit liege, und bringt uns dadurch zu einer
16 Entdeckung der wahren Beschaffenheit der Dinge als Gegenstände der
17 Sinne. Die transscendentale Dialektik thut also keinesweges dem Scepticism
18 einigen Vorschub, wohl aber der sceptischen Methode, welche an ihr
19 ein Beispiel ihres großen Nutzens aufweisen kann, wenn man die Argumente
20 der Vernunft in ihrer größten Freiheit gegen einander auftreten
21 läßt, die, ob sie gleich zuletzt nicht dasjenige, was man suchte, dennoch
22 jederzeit etwas Nützliches und zur Berichtigung unserer Urtheile Dienliches
23 liefern werden.
29 Da durch den kosmologischen Grundsatz der Totalität kein Maximum
30 der Reihe von Bedingungen in einer Sinnenwelt als einem Dinge an
31 sich selbst gegeben wird, sondern bloß im Regressus derselben aufgegeben
32 werden kann: so behält der gedachte Grundsatz der reinen Vernunft
33 in seiner dergestalt berichtigten Bedeutung annoch seine gute Gültigkeit,
34 zwar nicht als Axiom, die Totalität im Object als wirklich zu denken,
[seite 349]
31 Um nun den Sinn dieser Regel der reinen Vernunft gehörig zu bestimmen, [op 538]
32 so ist zuvörderst zu bemerken, daß sie nicht sagen könne, was
33 das Object sei, sondern wie der empirische Regressus anzustellen
34 sei, um zu dem vollständigen Begriffe des Objects zu gelangen.
35 Denn fände das erstere statt, so würde sie ein constitutives Principium
36 sein, dergleichen aus reiner Vernunft niemals möglich ist. Man kann
37 also damit keinesweges die Absicht haben zu sagen, die Reihe der Bedingungen
[seite 350]
11 Zu diesem Ende ist nun erstlich die Synthesis einer Reihe, so fern
12 sie niemals vollständig ist, genau zu bestimmen. Man bedient sich in dieser
13 Absicht gewöhnlich zweier Ausdrücke, die darin etwas unterscheiden sollen,
14 ohne daß man doch den Grund dieser Unterscheidung recht anzugeben weiß.
15 Die Mathematiker sprechen lediglich von einem progressus in infinitum . [op 539]
16 Die Forscher der Begriffe (Philosophen) wollen an dessen statt nur den
17 Ausdruck von einem progressus in indefinitum gelten lassen. Ohne mich
18 bei der Prüfung der Bedenklichkeit, die diesen eine solche Unterscheidung
19 angerathen hat, und dem guten oder fruchtlosen Gebrauch derselben aufzuhalten,
20 will ich diese Begriffe in Beziehung auf meine Absicht genau
21 zu bestimmen suchen.
22 Von einer geraden Linie kann man mit Recht sagen, sie könne ins
23 Unendliche verlängert werden, und hier würde die Unterscheidung des unendlichen
24 und des unbestimmbar weiten Fortgangs ( progressus in indefinitum )
25 eine leere Subtilität sein. Denn obgleich, wenn es heißt: ziehet
26 eine Linie fort, es freilich richtiger lautet, wenn man hinzu setzt in indefinitum ,
27 als wenn es heißt in infinitum , weil das erstere nicht mehr bedeutet
28 als: verlängert sie, so weit ihr wollet, das zweite aber: ihr sollt niemals
29 aufhören sie zu verlängern (welches hiebei eben nicht die Absicht ist):
30 so ist doch, wenn nur vom Können die Rede ist, der erstere Ausdruck ganz
31 richtig; denn ihr könnt sie ins Unendliche immer größer machen. Und so
32 verhält es sich auch in allen Fällen, wo man nur vom Progressus, d. i.
33 dem Fortgange von der Bedingung zum Bedingten, spricht; dieser mögliche
34 Fortgang geht in der Reihe der Erscheinungen ins Unendliche. Von
35 einem Elternpaar könnt ihr in absteigender Linie der Zeugung ohne Ende [op 540]
36 fortgehen und euch auch ganz wohl denken, daß sie wirklich in der Welt
37 so fortgehe. Denn hier Bedarf die Vernunft niemals absolute Totalität
[seite 351]
04 Ganz anders ist es mit der Aufgabe bewandt: wie weit sich der Regressus,
05 der von dem gegebenen Bedingten zu den Bedingungen in einer
06 Reihe aufsteigt, erstrecke; ob ich sagen könne: er sei ein Rückgang ins Unendliche,
07 oder nur ein unbestimmbar weit ( in indefinitum ) sich erstreckender
08 Rückgang; und ob ich also von den jetztlebenden Menschen in
09 der Reihe ihrer Voreltern ins Unendliche aufwärts steigen könne, oder ob
10 nur gesagt werden könne: daß, so weit ich auch zurückgegangen bin, niemals
11 ein empirischer Grund angetroffen werde, die Reihe irgendwo für
12 begrenzt zu halten, so daß ich berechtigt und zugleich verbunden bin, zu
13 jedem der Urväter noch fernerhin seinen Vorfahren aufzusuchen, obgleich
14 eben nicht vorauszusetzen.
15 Ich sage demnach: wenn das Ganze in der empirischen Anschauung
16 gegeben worden, so geht der Regressus in der Reihe seiner inneren Bedingungen
17 ins Unendliche. Ist aber nur ein Glied der Reihe gegeben, von
18 welchem der Regressus zur absoluten Totalität allererst fortgehen soll: so [op 541]
19 findet nur ein Rückgang in unbestimmte Weite ( in indefinitum ) statt. So
20 muß von der Theilung einer zwischen ihren Grenzen gegebenen Materie
21 (eines Körpers) gesagt werden: sie gehe ins Unendliche. Denn diese
22 Materie ist ganz, folglich mit allen ihren möglichen Theilen in der empirischen
23 Anschauung gegeben. Da nun die Bedingung dieses Ganzen sein
24 Theil und die Bedingung dieses Theils der Theil vom Theile u. s. w. ist,
25 und in diesem Regressus der Decomposition niemals ein unbedingtes
26 (untheilbares) Glied dieser Reihe von Bedingungen angetroffen wird, so
27 ist nicht allein nirgend ein empirischer Grund, in der Theilung aufzuhören,
28 sondern die ferneren Glieder der fortzusetzenden Theilung sind selbst
29 vor dieser weitergehenden Theilung empirisch gegeben, d. i. die Theilung
30 geht ins Unendliche. Dagegen ist die Reihe der Voreltern zu einem gegebenen
31 Menschen in keiner möglichen Erfahrung in ihrer absoluten Totalität
32 gegeben; der Regressus aber geht doch von jedem Gliede dieser Zeugung
33 zu einem höheren, so daß keine empirische Grenze anzutreffen ist,
34 die ein Glied als schlechthin unbedingt darstellte. Da aber gleichwohl
35 auch die Glieder, die hiezu die Bedingung abgeben könnten, nicht in der
36 empirischen Anschauung des ganzen schon vor dem Regressus liegen: so
37 geht dieser nicht ins Unendliche (der Theilung des Gegebenen), sondern in
[seite 352]
03 In keinem von beiden Fällen, sowohl dem regressus in infinitum ,
04 als dem in indefinitum , wird die Reihe der Bedingungen als unendlich im
05 Object gegeben angesehen. Es sind nicht Dinge, die an sich selbst, sondern
06 nur Erscheinungen, die als Bedingungen von einander nur im Regressus
07 selbst gegeben werden. Also ist die Frage nicht mehr: wie groß diese Reihe
08 der Bedingungen an sich selbst sei, ob endlich oder unendlich, denn sie ist
09 nichts an sich selbst, sondern: wie wir den empirischen Regressus anstellen,
10 und wie weit wir ihn fortsetzen sollen. Und da ist denn ein namhafter
11 Unterschied in Ansehung der Regel dieses Fortschritts. Wenn das Ganze
12 empirisch gegeben worden, so ist es möglich, ins Unendliche in der
13 Reihe seiner inneren Bedingungen zurück zu gehen. Ist jenes aber nicht
14 gegeben, sondern soll durch empirischen Regressus allererst gegeben werden,
15 so kann ich nur sagen: es ist ins Unendliche möglich, zu noch höheren
16 Bedingungen der Reihe fortzugehen. Im ersteren Falle konnte ich sagen:
17 es sind immer mehr Glieder da und empirisch gegeben, als ich durch den
18 Regressus (der Decomposition) erreiche; im zweiten aber: ich kann im Regressus
19 noch immer weiter gehen, weil kein Glied als schlechthin unbedingt
20 empirisch gegeben ist und also noch immer ein höheres Glied als möglich
21 und mithin die Nachfrage nach demselben als nothwendig zuläßt. Dort
22 war es nothwendig, mehr Glieder der Reihe anzutreffen, hier aber ist
23 es immer nothwendig, nach mehreren zu fragen, weil keine Erfahrung [op 543]
24 absolut begrenzt. Denn ihr habt entweder keine Wahrnehmung, die euren
25 empirischen Regressus schlechthin begrenzt, und dann müßt ihr euren Regressus
26 nicht für vollendet halten, oder habt eine solche eure Reihe begrenzende
27 Wahrnehmung, so kann diese nicht ein Theil eurer zurückgelegten
28 Reihe sein (weil das, was begrenzt, von dem, was dadurch begrenzt
29 wird, unterschieden sein muß), und ihr müßt also euren Regressus auch
30 zu dieser Bedingung weiter fortsetzen und so fortan.
31 Der folgende Abschnitt wird diese Bemerkungen durch ihre Anwendung
32 in ihr gehöriges Licht setzen.
[seite 353]
06 Da es, wie wir mehrmals gezeigt haben, keinen transscendentalen
07 Gebrauch, so wenig von reinen Verstandes= als Vernunftbegriffen, giebt;
08 da die absolute Totalität der Reihen der Bedingungen in der Sinnenwelt
09 sich lediglich auf einen transscendentalen Gebrauch der Vernunft fußt,
10 welche diese unbedingte Vollständigkeit von demjenigen fordert, was sie [op 544]
11 als Ding an sich selbst voraussetzt, da die Sinnenwelt aber dergleichen
12 nicht enthält: so kann die Rede niemals mehr von der absoluten Größe
13 der Reihen in derselben sein, ob sie begrenzt, oder an sich unbegrenzt sein
14 mögen, sondern nur, wie weit wir im empirischen Regressus bei Zurückführung
15 der Erfahrung auf ihre Bedingungen zurückgehen sollen, um nach
16 der Regel der Vernunft bei keiner andern, als dem Gegenstande angemessenen
17 Beantwortung der Fragen derselben stehen zu bleiben.
18 Es ist also nur die Gültigkeit des Vernunftprincips, als einer
19 Regel der Fortsetzung und Größe einer möglichen Erfahrung, die uns
20 allein übrig bleibt, nachdem seine Ungültigkeit als eines constitutiven
21 Grundsatzes der Erscheinungen an sich selbst hinlänglich dargethan worden.
22 Auch wird, wenn wir jene ungezweifelt vor Augen legen können, der
23 Streit der Vernunft mit sich selbst völlig geendigt, indem nicht allein
24 durch kritische Auflösung der Schein, der sie mit sich entzweiete, aufgehoben
25 worden, sondern an dessen Statt der Sinn, in welchem sie mit sich selbst
26 zusammenstimmt und dessen Mißdeutung allein den Streit veranlaßte,
27 aufgeschlossen und ein sonst dialektischer Grundsatz in einen doctrinalen
28 verwandelt wird. In der That wenn dieser seiner subjectiven Bedeutung
29 nach, den größtmöglichen Verstandesgebrauch in der Erfahrung
30 den Gegenständen derselben angemessen zu bestimmen, bewährt werden [op 545]
31 kann: so ist es gerade eben so viel, als ob er wie ein Axiom (welches aus
32 reiner Vernunft unmöglich ist) die Gegenstände an sich selbst a priori bestimmte;
33 denn auch dieses könnte in Ansehung der Objecte der Erfahrung
34 keinen größeren Einfluß auf die Erweiterung und Berichtigung unserer
[seite 354]
08 Sowohl hier, als bei den übrigen kosmologischen Fragen ist der
09 Grund des regulativen Princips der Vernunft der Satz: daß im empirischen
10 Regressus keine Erfahrung von einer absoluten Gränze,
11 mithin von keiner Bedingung als einer solchen, die empirisch schlechthin
12 unbedingt sei, angetroffen werden könne. Der Grund davon aber
13 ist: daß eine dergleichen Erfahrung eine Begränzung der Erscheinungen
14 durch Nichts oder das Leere, darauf der fortgeführte Regressus vermittelst
15 einer Wahrnehmung stoßen könnte, in sich enthalten müßte, welches unmöglich
16 ist.
17 Dieser Satz nun, der eben so viel sagt, als daß ich im empirischen Regressus [op 546]
18 jederzeit nur zu einer Bedingung gelange, die selbst wiederum als
19 empirisch bedingt angesehen werden muß, enthält die Regel in terminis :
20 daß, so weit ich auch damit in der aufsteigenden Reihe gekommen sein
21 möge, ich jederzeit nach einem höheren Gliede der Reihe fragen müsse, es
22 mag mir dieses nun durch Erfahrung bekannt werden, oder nicht.
23 Nun ist zur Auflösung der ersten kosmologischen Aufgabe nichts
24 weiter nöthig, als noch auszumachen: ob in dem Regressus zu der unbedingten
25 Größe des Weltganzen (der Zeit und dem Raume nach) dieses
26 niemals begränzte Aufsteigen ein Rückgang ins Unendliche heißen
27 könne, oder nur ein unbestimmbar fortgesetzter Regressus ( in indefinitum ),
29 Die bloße allgemeine Vorstellung der Reihe aller vergangenen Weltzustände,
30 imgleichen der Dinge, welche im Weltraume zugleich sind, ist
31 selbst nichts anders als ein möglicher empirischer Regressus, den ich mir,
32 obzwar noch unbestimmt denke, und wodurch der Begriff einer solchen
33 Reihe von Bedingungen zu der gegebenen Wahrnehmung allein entstehen
[seite 355]
27 Ich kann demnach nicht sagen: die Welt ist der vergangenen Zeit,
28 oder dem Raume nach unendlich. Denn dergleichen Begriff von Größe
29 als einer gegebenen Unendlichkeit ist empirisch, mithin auch in Ansehung
30 der Welt als eines Gegenstandes der Sinne schlechterdings unmöglich.
31 Ich werde auch nicht sagen: der Regressus von einer gegebenen Wahrnehmung
32 *) Diese Weltreihe kann also auch weder größer, noch kleiner sein, als der
33 mögliche empirische Regressus, auf dem allein ihr Begriff beruht. Und da dieser kein
34 bestimmtes Unendliches, eben so wenig aber auch ein bestimmt Endliches (schlechthin
35 Begränztes) geben kann: so ist daraus klar, daß wir die Weltgröße weder als endlich,
36 noch unendlich annehmen können, weil der Regressus (dadurch jene vorgestellt wird)
37 keines von beiden zuläßt.
[seite 356]
08 Auf die kosmologische Frage also wegen der Weltgröße ist die erste
09 und negative Antwort: die Welt hat keinen ersten Anfang der Zeit und
10 keine äußerste Gränze dem Raume nach.
11 Denn im entgegengesetzten Falle würde sie durch die leere Zeit einer [op 549]
12 und durch den leeren Raum andererseits begränzt sein. Da sie nun als
13 Erscheinung keines von beiden an sich selbst sein kann, denn Erscheinung
14 ist kein Ding an sich selbst, so müßte eine Wahrnehmung der Begränzung
15 durch schlechthin leere Zeit oder leeren Raum möglich sein, durch
16 welche diese Weltenden in einer möglichen Erfahrung gegeben wären.
17 Eine solche Erfahrung aber, als völlig leer an Inhalt, ist unmöglich.
18 Also ist eine absolute Weltgränze empirisch, mithin auch schlechterdings
19 unmöglich*).
20 Hieraus folgt denn zugleich die bejahende Antwort: der Regressus
21 in der Reihe der Welterscheinungen, als eine Bestimmung der Weltgröße,
22 geht in indefinitum , welches eben so viel sagt, als: die Sinnenwelt hat
23 keine absolute Größe, sondern der empirische Regressus (wodurch sie auf
24 der Seite ihrer Bedingungen allein gegeben werden kann) hat seine Regel,
25 nämlich von einem jeden Gliede der Reihe als einem Bedingten jederzeit [op 550]
26 zu einem noch entferntern (es sei durch eigene Erfahrung, oder den Leitfaden
27 der Geschichte, oder die Kette der Wirkungen und ihrer Ursachen)
28 fortzuschreiten und sich der Erweiterung des möglichen empirischen Gebrauchs
29 *) Man wird bemerken: daß der Beweis hier auf ganz andere Art geführt
30 worden, als der dogmatische oben in der Antithesis der ersten Antinomie. Daselbst
31 hatten wir die Sinnenwelt nach der gemeinen und dogmatischen Vorstellungsart
32 für ein Ding, was an sich selbst vor allem Regressus seiner Totalität nach gegeben
33 war, gelten lassen und hatten ihr, wenn sie nicht alle Zeit und alle Räume einnähme,
34 überhaupt irgend eine bestimmte Stelle in beiden abgesprochen. Daher
35 war die Folgerung auch anders als hier, nämlich es wurde auf die wirkliche Unendlichkeit
36 derselben geschlossen.
[seite 357]
03 Ein bestimmter empirischer Regressus, der in einer gewissen Art von
04 Erscheinungen ohne Aufhören fortginge, wird hiedurch nicht vorgeschrieben,
05 z. B. daß man von einem lebenden Menschen immer in einer Reihe
06 von Voreltern aufwärts steigen müsse, ohne ein erstes Paar zu erwarten,
07 oder in der Reihe der Weltkörper, ohne eine äußerste Sonne zuzulassen;
08 sondern es wird nur der Fortschritt von Erscheinungen zu Erscheinungen
09 geboten, sollten diese auch keine wirkliche Wahrnehmung (wenn sie dem
10 Grade nach für unser Bewußtsein zu schwach ist, um Erfahrung zu werden)
11 abgeben, weil sie dem ungeachtet doch zur möglichen Erfahrung gehören.
12 Aller Anfang ist in der Zeit und alle Gränze des Ausgedehnten im
13 Raume. Raum und Zeit aber sind nur in der Sinnenwelt. Mithin sind
14 nur Erscheinungen in der Welt bedingterweise, die Welt aber selbst
15 weder bedingt, noch auf unbedingte Art begränzt.
16 Eben um deswillen und da die Welt niemals ganz und selbst die
17 Reihe der Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten nicht als Weltreihe
18 ganz gegeben werden kann, ist der Begriff von der Weltgröße [op 551]
19 nur durch den Regressus und nicht vor demselben in einer collectiven Anschauung
20 gegeben. Jener besteht aber immer nur im Bestimmen der
21 Größe und giebt also keinen bestimmten Begriff, also auch keinen Begriff
22 von einer Größe, die in Ansehung eines gewissen Maßes unendlich
23 wäre, geht also nicht ins Unendliche (gleichsam gegebene), sondern in unbestimmte
24 Weite, um eine Größe (der Erfahrung) zu geben, die allererst
25 durch diesen Regressus wirklich wird.
31 Wenn ich ein Ganzes, das in der Anschauung gegeben ist, theile, so
32 gehe ich von einem Bedingten zu den Bedingungen seiner Möglichkeit.
33 Die Theilung der Theile ( subdivisio oder decompositio ) ist ein Regressus
34 in der Reihe dieser Bedingungen. Die absolute Totalität dieser Reihe
[seite 358]
23 Die allgemeine Erinnerung läßt sich zuerst sehr leicht auf den Raum
24 anwenden. Ein jeder in seinen Gränzen angeschaute Raum ist ein solches
25 Ganzes, dessen Theile bei aller Decomposition immer wiederum Räume
26 sind, und ist daher ins Unendliche theilbar.
27 Hieraus folgt auch ganz natürlich die zweite Anwendung, auf eine
28 in ihren Gränzen eingeschlossene äußere Erscheinung (Körper). Die Theilbarkeit
29 desselben gründet sich auf die Theilbarkeit des Raumes, der die
30 Möglichkeit des Körpers als eines ausgedehnten Ganzen ausmacht. Dieser
31 ist also ins Unendliche theilbar, ohne doch darum aus unendlich viel Theilen
32 zu bestehen.
33 Es scheint zwar: daß, da ein Körper als Substanz im Raume vorgestellt
34 werden muß, er, was das Gesetz der Theilbarkeit des Raumes betrifft,
35 hierin von diesem unterschieden sein werde; denn man kann es
36 allenfalls wohl zugeben: daß die Decomposition im letzteren niemals alle
37 Zusammensetzung wegschaffen könne, indem alsdann sogar aller Raum,
[seite 359]
13 Ob nun aber gleich diese Regel des Fortschritts ins Unendliche bei
14 der Subdivision einer Erscheinung als einer bloßen Erfüllung des Raumes
15 ohne allen Zweifel stattfindet: so kann sie doch nicht gelten, wenn wir sie
16 auch auf die Menge der auf gewisse Weise in dem gegebenen Ganzen schon
17 abgesonderten Theile, dadurch diese ein quantum discretum ausmachen,
18 erstrecken wollen. Annehmen, daß in jedem gegliederten (organisirten)
19 Ganzen ein jeder Theil wiederum gegliedert sei, und daß man auf solche
20 Art bei Zerlegung der Theile ins Unendliche immer neue Kunsttheile antreffe,
21 mit einem Worte, daß das Ganze ins Unendliche gegliedert sei, will
22 sich gar nicht denken lassen, obzwar wohl, daß die Theile der Materie
23 bei ihrer Decomposition ins Unendliche gegliedert werden könnten. Denn
24 die Unendlichkeit der Theilung einer gegebenen Erscheinung im Raume
25 gründet sich allein darauf, daß durch diese bloß die Theilbarkeit, d. i. eine
26 an sich schlechthin unbestimmte Menge von Theilen, gegeben ist, die Theile
27 selbst aber nur durch die Subdivision gegeben und bestimmt werden, kurz
28 daß das Ganze nicht an sich selbst schon eingetheilt ist. Daher die Theilung
29 eine Menge in demselben bestimmen kann, die so weit geht, als man
30 im Regressus der Theilung fortschreiten will. Dagegen wird bei einem [op 555]
31 ins Unendliche gegliederten organischen Körper das Ganze eben durch diesen
32 Begriff schon als eingetheilt vorgestellt und eine an sich bestimmte, aber
33 unendliche Menge der Theile vor allem Regressus der Theilung in ihm angetroffen;
34 wodurch man sich selbst widerspricht, indem diese unendliche Einwickelung
35 als eine niemals zu vollendende Reihe (unendlich) und gleichwohl
36 doch in einer Zusammennehmung als vollendet angesehen wird. Die
37 unendliche Theilung bezeichnet nur die Erscheinung als quantum continuum
[seite 360]
18 Als wir die Antinomie der reinen Vernunft durch alle transscendentale
19 Ideen in einer Tafel vorstellten, da wir den Grund dieses Widerstreits
20 und das einzige Mittel, ihn zu heben, anzeigten, welches darin bestand,
21 daß beide entgegengesetzte behauptungen für falsch erklärt wurden: so
22 haben wir allenthalben die bedingungen als zu ihrem Bedingten nach
23 Verhältnissen des Raumes und der Zeit gehörig vorgestellt, welches die
24 gewöhnliche Voraussetzung des gemeinen Menschenverstandes ist, worauf
25 denn auch jener Widerstreit gänzlich beruhte. In dieser Rücksicht waren
26 auch alle dialektische Vorstellungen der Totalität in der Reihe der Bedingungen
27 zu einem gegebenen Bedingten durch und durch von gleicher Art.
28 Es war immer eine Reihe, in welcher die Bedingung mit dem Bedingten
29 als Glieder derselben verknüpft und dadurch gleichartig waren, da denn
30 der Regressus niemals vollendet gedacht, oder, wenn dieses geschehen sollte,
31 ein an sich bedingtes Glied fälschlich als ein erstes, mithin als unbedingt,
32 angenommen werden müßte. Es wurde also zwar nicht allerwärts das [op 557]
33 Object, d. i. das Bedingte, aber doch die Reihe der Bedingungen zu demselben
[seite 361]
06 Wir haben aber hiebei einen wesentlichen Unterschied übersehen, der
07 unter den Objecten, d. i. den Verstandesbegriffen, herrscht, welche die Vernunft
08 zu Ideen zu erheben trachtet, da nämlich nach unserer obigen Tafel
09 der Kategorien zwei derselben mathematische, die zwei übrigen aber
10 eine dynamische Synthesis der Erscheinungen bedeuten. Bis hieher
11 konnte dieses auch gar wohl geschehen, indem wir, so wie wir in der allgemeinen
12 Vorstellung aller transscendentalen Ideen immer nur unter Bedingungen
13 in der Erscheinung blieben, eben so auch in den zwei mathematisch
14 transscendentalen keinen andern Gegenstand, als den in der
15 Erscheinung hatten. Jetzt aber, da wir zu dynamischen Begriffen des
16 Verstandes, so fern sie der Vernunftidee anpassen sollen, fortgehen, wird
17 jene Unterscheidung wichtig und eröffnet uns eine ganz neue Aussicht in
18 Ansehung des Streithandels, darin die Vernunft verflochten ist; und welcher,
19 da er vorher als auf beiderseitige falsche Voraussetzungen gebauet [op 558]
20 abgewiesen worden, jetzt, da vielleicht in der dynamischen Antinomie
21 eine solche Voraussetzung stattfindet, die mit der Prätension der Vernunft
22 zusammen bestehen kann, aus diesem Gesichtspunkte und, da der Richter
23 den Mangel der Rechtsgründe, die man beiderseits verkannt hatte, ergänzt,
24 zu beider Theile Genugthuung verglichen werden kann, welches sich bei
25 dem Streite in der mathematischen Antinomie nicht thun ließ.
26 Die Reihen der Bedingungen sind freilich in so fern alle gleichartig,
27 als man lediglich auf die Erstreckung derselben sieht: ob sie der Idee
28 angemessen sind, oder ob diese für jene zu groß oder zu klein sind. Allein
29 der Verstandesbegriff, der diesen Ideen zum Grunde liegt, enthält entweder
30 lediglich eine Synthesis des Gleichartigen (welches bei jeder Größe in
31 der Zusammensetzung sowohl als Theilung derselben vorausgesetzt wird),
32 oder auch des Ungleichartigen, welches in der dynamischen Synthesis
33 der Causalverbindung sowohl, als der des nothwendigen mit dem Zufälligen
34 wenigstens zugelassen werden kann.
35 Daher kommt es, daß in der mathematischen Verknüpfung der Reihen
36 der Erscheinungen keine andere als sinnliche Bedingung hinein kommen
37 kann, d. i. eine solche, die selbst ein Theil der Reihe ist; da hingegen die
[seite 362]
07 Dadurch nun, daß die dynamischen Ideen eine Bedingung der Erscheinungen
08 außer der Reihe derselben, d. i. eine solche, die selbst nicht
09 Erscheinung ist, zulassen, geschieht etwas, was von dem Erfolg der mathematischen
10 Antinomie gänzlich unterschieden ist. Diese nämlich verursachte,
11 daß beide dialektische Gegenbehauptungen für falsch erklärt werden mußten.
12 Dagegen das durchgängig Bedingte der dynamischen Reihen, welches von
13 ihnen als Erscheinungen unzertrennlich ist, mit der zwar empirisch unbedingten,
14 aber auch nichtsinnlichen Bedingung verknüpft, dem Verstande
15 einerseits und der Vernunft andererseits*) Genüge leisten, und,
16 indem die dialektischen Argumente, welche unbedingte Totalität in bloßen
17 Erscheinungen auf eine oder andere Art suchten, wegfallen, dagegen die [op 560]
18 Vernunftsätze in der auf solche Weise berichtigten Bedeutung alle beide
19 wahr sein können; welches bei den kosmologischen Ideen, die blos mathematisch
20 unbedingte Einheit betreffen, niemals stattfinden kann, weil bei
21 ihnen keine Bedingung der Reihe der Erscheinungen angetroffen wird,
22 als die auch selbst Erscheinung ist und als solche mit ein Glied der Reihe
23 ausmacht.
29 Man kann sich nur zweierlei Causalität in Ansehung dessen, was
30 geschieht, denken, entweder nach der Natur, oder aus Freiheit. Die
31 *) Denn der Verstand erlaubt unter Erscheinungen keine Bedingung, die
32 selbst empirisch unbedingt wäre. Ließe sich aber eine intelligibele Bedingung, die
33 also nicht in die Reihe der Erscheinungen als ein Glied mit gehörte, zu einem Bedingten
34 (in der Erscheinung) gedenken, ohne doch dadurch die Reihe empirischer
35 Bedingungen im mindesten zu unterbrechen: so könnte eine solche als empirisch'
35 unbedingt zugelassen werden, so daß dadurch dem empirischen continuirlichen Regressus
36 nirgend Abbruch geschähe.
[seite 363]
08 Dagegen verstehe ich unter Freiheit im kosmologischen Verstande das
09 Vermögen, einen Zustand von selbst anzufangen, deren Causalität also
10 nicht nach dem Naturgesetze wiederum unter einer anderen Ursache steht,
11 welche sie der Zeit nach bestimmte. Die Freiheit ist in dieser Bedeutung
12 eine reine transscendentale Idee, die erstlich nichts von der Erfahrung
13 Entlehntes enthält, zweitens deren Gegenstand auch in keiner Erfahrung
14 bestimmt gegeben werden kann, weil es ein allgemeines Gesetz selbst der
15 Möglichkeit aller Erfahrung ist, daß alles, was geschieht, eine Ursache,
16 mithin auch die Causalität der Ursache, die selbst geschehen oder entstanden,
17 wiederum eine Ursache haben müsse; wodurch denn das ganze
18 Feld der Erfahrung, so weit es sich erstrecken mag, in einem Inbegriff
19 bloßer Natur verwandelt wird. Da aber auf solche Weise keine absolute
20 Totalität der Bedingungen im Causalverhältnisse heraus zu bekommen ist,
21 so schafft sich die Vernunft die Idee von einer Spontaneität, die von selbst
22 anheben könne zu handeln, ohne daß eine andere Ursache vorangeschickt
23 werden dürfe, sie wiederum nach dem Gesetze der Causalverknüpfung zur
24 Handlung zu bestimmen.
25 Es ist überaus merkwürdig, daß auf diese transscendentale Idee
26 der Freiheit sich der praktische Begriff derselben gründe, und jene in
27 dieser das eigentliche Moment der Schwierigkeiten ausmache, welche die [op 562]
28 Frage über ihre Möglichkeit von jeher umgeben haben. Die Freiheit
29 im praktischen Verstande ist die Unabhängigkeit der Willkür von der
30 Nöthigung durch Antriebe der Sinnlichkeit. Denn eine Willkür ist
31 sinnlich, so fern sie pathologisch (durch Bewegursachen der Sinnlichkeit)
32 afficirt ist; sie heißt thierisch ( arbitrium brutum ), wenn sie pathologisch
33 necessitirt werden kann. Die menschliche Willkür ist zwar ein
34 arbitrium sensitivum , aber nicht brutum , sondern liberum , weil Sinnlichkeit
[seite 364]
04 Man sieht leicht, daß, wenn alle Causalität in der Sinnenwelt blo
05 Natur wäre, so würde jede Begebenheit durch eine andere in der Zeit nach
06 nothwendigen Gesetzen bestimmt sein; und mithin, da die Erscheinungen,
07 so fern sie die Willkür bestimmen, jede Handlung als ihren natürlichen
08 Erfolg nothwendig machen müßten, so würde die Aufhebung der transscendentalen
09 Freiheit zugleich alle praktische Freiheit vertilgen. Denn
10 diese setzt voraus, daß, obgleich etwas nicht geschehen ist, es doch habe geschehen
11 sollen, und seine Ursache in der Erscheinung also nicht so bestimmend
12 war, daß nicht in unserer Willkür eine Causalität liege, unabhängig
13 von jenen Naturursachen und selbst wider ihre Gewalt und Einfluß etwas
14 hervorzubringen, was in der Zeitordnung nach empirischen Gesetzen bestimmt
15 ist, mithin eine Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen.
17 Es geschieht also hier, was überhaupt in dem Widerstreit einer sich
18 über die Grenzen möglicher Erfahrung hinauswagenden Vernunft angetroffen
19 wird, daß die Aufgabe eigentlich nicht physiologisch, sondern
20 transscendental ist. Daher die Frage von der Möglichkeit der Freiheit
21 die Psychologie zwar anficht, aber, da sie auf dialektischen Argumenten
22 der bloß reinen Vernunft beruht, sammt ihrer Auflösung lediglich die
23 Transscendentalphilosophie beschäftigen muß. Um nun diese, welche eine
24 befriedigende Antwort hierüber nicht ablehnen kann, dazu in Stand zu
25 setzen, muß ich zuvörderst ihr Verfahren bei dieser Aufgabe durch eine Bemerkung
26 näher zu bestimmen suchen.
27 Wenn Erscheinungen Dinge an sich selbst wären, mithin Raum und
28 Zeit Formen des Daseins der Dinge an sich selbst: so würden die Bedingungen
29 mit dem Bedingten jederzeit als Glieder zu einer und derselben
30 Reihe gehören und daraus auch in gegenwärtigem Falle die Antinomie
31 entspringen, die allen transscendentalen Ideen gemein ist, daß diese Reihe
32 unvermeidlich für den Verstand zu groß oder zu klein ausfallen müßte.
33 Die dynamischen Vernunftbegriffe aber, mit denen wir uns in dieser und
34 der folgenden Nummer beschäftigen, haben dieses Besondere: daß, da sie
35 es nicht mit einem Gegenstande, als Größe betrachtet, sondern nur mit
36 seinem Dasein zu thun haben, man auch von der Größe der Reihe der [op 564]
37 Bedingungen abstrahiren kann, und es bei ihnen bloß auf das dynamische
[seite 365]
[seite 366]
08 Ich nenne dasjenige an einem Gegenstande der Sinne, was selbst
09 nicht Erscheinung ist, intelligibel. Wenn demnach dasjenige, was in
10 der Sinnenwelt als Erscheinung angesehen werden muß, an sich selbst auch
11 ein Vermögen hat, welches kein Gegenstand der sinnlichen Anschauung ist,
12 wodurch es aber doch die Ursache von Erscheinungen sein kann: so kann
13 man die Causalität dieses Wesens auf zwei Seiten betrachten, als intelligibel
14 nach ihrer Handlung als eines Dinges an sich selbst, und als
15 sensibel nach den Wirkungen derselben als einer Erscheinung in der
16 Sinnenwelt. Wir würden uns demnach von dem Vermögen eines solchen
17 Subjects einen empirischen, imgleichen auch einen intellectuellen Begriff
18 seiner Causalität machen, welche bei einer und derselben Wirkung zusammen
19 stattfinden. Eine solche doppelte Seite, das Vermögen eines Gegenstandes
20 der Sinne sich zu denken, widerspricht keinem von den Begriffen,
21 die wir uns von Erscheinungen und von einer möglichen Erfahrung zu
22 machen haben. Denn da diesen, weil sie an sich keine Dinge sind, ein
23 transscendentaler Gegenstand zum Grunde liegen muß, der sie als bloße
24 Vorstellungen bestimmt, so hindert nichts, daß wir diesem transscendentalen [op 567]
25 Gegenstande außer der Eigenschaft, dadurch er erscheint, nicht auch
26 eine Causalität beilegen sollten, die nicht Erscheinung ist, obgleich ihre
27 Wirkung dennoch in der Erscheinung angetroffen wird. Es muß aber
28 eine jede wirkende Ursache einen Charakter haben, d. i. ein Gesetz ihrer
29 Causalität, ohne welches sie gar nicht Ursache sein würde. Und da würden
30 wir an einem Subjecte der Sinnenwelt erstlich einen empirischen Charakter
31 haben, wodurch seine Handlungen als Erscheinungen durch und
32 durch mit anderen Erscheinungen nach beständigen Naturgesetzen im Zusammenhange
33 ständen und von ihnen als ihren Bedingungen abgeleitet
34 werden könnten und also mit diesen in Verbindung Glieder einer einzigen
35 Reihe der Naturordnung ausmachten. Zweitens würde man ihm noch
[seite 367]
06 Dieses handelnde Subject würde nun nach seinem intelligibelen Charakter
07 unter keinen Zeitbedingungen stehen, denn die Zeit ist nur die Bedingung
08 der Erscheinungen, nicht aber der Dinge an sich selbst. In ihm [op 568]
09 würde keine Handlung entstehen, oder vergehen, mithin würde es
10 auch nicht dem Gesetze aller Zeitbestimmung, alles Veränderlichen unterworfen
11 sein: daß alles, was geschieht, in den Erscheinungen (des
12 vorigen Zustandes) seine Ursache antreffe. Mit einem Worte, die Causalität
13 desselben, so fern sie intellectuell ist, stände gar nicht in der Reihe
14 empirischer Bedingungen, welche die Begebenheit in der Sinnenwelt nothwendig
15 machen. Dieser intelligibele Charakter könnte zwar niemals unmittelbar
16 gekannt werden, weil wir nichts wahrnehmen können, als so fern
17 es erscheint; aber er würde doch dem empirischen Charakter gemäß gedacht
18 werden müssen, so wie wir überhaupt einen transscendentalen Gegenstand
19 den Erscheinungen in Gedanken zum Grunde legen müssen, ob wir zwar
20 von ihm, was er an sich selbst sei, nichts wissen.
21 Nach seinem empirischen Charakter würde also dieses Subject als Erscheinung
22 allen Gesetzen der Bestimmung nach der Causalverbindung unterworfen
23 sein; und es wäre so fern nichts, als ein Theil der Sinnenwelt,
24 dessen Wirkungen, so wie jede andere Erscheinung aus der Natur unausbleiblich
25 abflössen. So wie äußere Erscheinungen in dasselbe einflössen,
26 wie sein empirischer Charakter, d. i. das Gesetz seiner Causalität, durch
27 Erfahrung erkannt wäre, müßten sich alle seine Handlungen nach Naturgesetzen
28 erklären lassen, und alle Requisite zu einer vollkommenen und nothwendigen
29 Bestimmung derselben müßten in einer möglichen Erfahrung
30 angetroffen werden.
31 Nach dem intelligibelen Charakter desselben aber (ob wir zwar davon
32 nichts als bloß den allgemeinen Begriff desselben haben können) würde
33 dasselbe Subject dennoch von allem Einflusse der Sinnlichkeit und Bestimmung
34 durch Erscheinungen freigesprochen werden müssen; und da in ihm,
35 so fern es Noumenon ist, nichts geschieht, keine Veränderung, welche
36 dynamische Zeitbestimmung erheischt, mithin keine Verknüpfung mit Erscheinungen
37 als Ursachen angetroffen wird, so würde dieses thätige Wesen
[seite 368]
17 Ich habe gut gefunden, zuerst den Schattenriß der Auflösung unseres
18 transscendentalen Problems zu entwerfen, damit man den Gang der Vernunft
19 in Auflösung desselben dadurch besser übersehen möge. Jetzt wollen
20 wir die Momente ihrer Entscheidung, auf die es eigentlich ankommt, auseinander
21 setzen und jedes besonders in Erwägung ziehen.
22 Das Naturgesetz, daß alles, was geschieht, eine Ursache habe, da
23 die Causalität dieser Ursache, d. i. die Handlung, da sie in der Zeit
24 vorhergeht und in Betracht einer Wirkung, die da entstanden, selbst
25 nicht immer gewesen sein kann, sondern geschehen sein muß, auch ihre
26 Ursache unter den Erscheinungen habe, dadurch sie bestimmt wird, und
27 daß folglich alle Begebenheiten in einer Naturordnung empirisch bestimmt
28 sind: dieses Gesetz, durch welches Erscheinungen allererst eine Natur ausmachen
29 und Gegenstände einer Erfahrung abgeben können, ist ein Verstandesgesetz,
30 von welchem es unter keinem Vorwande erlaubt ist abzugehen
31 oder irgend eine Erscheinung davon auszunehmen; weil man sie sonst
32 außerhalb aller möglichen Erfahrung setzen, dadurch aber von allen Gegenständen [op 571]
33 möglicher Erfahrung unterscheiden, und sie zum bloßen Gedankendinge
34 und einem Hirngespinst machen würde.
[seite 369]
01 Ob es aber gleich hiebei lediglich nach einer Kette von Ursachen aussieht,
02 die im Regressus zu ihren Bedingungen gar keine absolute Totalität
03 verstattet, so hält uns diese Bedenklichkeit doch gar nicht auf; denn
04 sie ist schon in der allgemeinen Beurtheilung der Antinomie der Vernunft,
05 wenn sie in der Reihe der Erscheinungen aufs Unbedingte ausgeht, gehoben
06 worden. Wenn wir der Täuschung des transscendentalen Realismus
07 nachgeben wollen, so bleibt weder Natur, noch Freiheit übrig. Hier ist
08 nur die Frage: ob, wenn man in der ganzen Reihe aller Begebenheiten
09 lauter Naturnothwendigkeit anerkennt, es doch möglich sei, eben dieselbe,
10 die einerseits bloße Naturwirkung ist, doch andererseits als Wirkung aus
11 Freiheit anzusehen, oder ob zwischen diesen zwei Arten von Causalität ein
12 gerader Widerspruch angetroffen werde.
13 Unter den Ursachen in der Erscheinung kann sicherlich nichts sein,
14 welches eine Reihe schlechthin und von selbst anfangen könnte. Jede Handlung
15 als Erscheinung, so fern sie eine Begebenheit hervorbringt, ist selbst
16 Begebenheit oder Eräugniß, welche einen andern Zustand voraussetzt,
17 darin die Ursache angetroffen werde; und so ist alles, was geschieht, nur
18 eine Fortsetzung der Reihe, und kein Anfang, der sich von selbst zutrüge, [op 572]
19 in derselben möglich. Also sind alle Handlungen der Naturursachen in
20 der Zeitfolge selbst wiederum Wirkungen, die ihre Ursachen eben so wohl
21 in der Zeitreihe voraussetzen. Eine ursprüngliche Handlung, wodurch
22 etwas geschieht, was vorher nicht war, ist von der Causalverknüpfung der
23 Erscheinungen nicht zu erwarten.
24 Ist es denn aber auch nothwendig, daß, wenn die Wirkungen Erscheinungen
25 sind, die Causalität ihrer Ursache, die (nämlich Ursache) selbst
26 auch Erscheinung ist, lediglich empirisch sein müsse? Und ist es nicht vielmehr
27 möglich, daß, obgleich zu jeder Wirkung in der Erscheinung eine
28 Verknüpfung mit ihrer Ursache nach Gesetzen der empirischen Causalität
29 allerdings erfordert wird, dennoch diese empirische Causalität selbst, ohne
30 ihren Zusammenhang mit den Naturursachen im mindesten zu unterbrechen,
31 doch eine Wirkung einer nichtempirischen, sondern intelligibelen Causalität
32 sein könne? D. i. einer in Ansehung der Erscheinungen ursprünglichen
33 Handlung einer Ursache, die also in so fern nicht Erscheinung, sondern
34 diesem Vermögen nach intelligibel ist, ob sie gleich übrigens gänzlich als
35 ein Glied der Naturkette mit zu der Sinnenwelt gezählt werden muß.
36 Wir bedürfen des Satzes der Causalität der Erscheinungen unter einander,
37 um von Naturbegebenheiten Naturbedingungen, d. i. Ursachen in
[seite 370]
[seite 371]
15 Daß diese Vernunft nun Causalität habe, wenigstens wir uns eine
16 dergleichen an ihr vorstellen, ist aus den Imperativen klar, welche wir
17 in allem Praktischen den ausübenden Kräften als Regeln aufgeben. Das
18 Sollen drückt eine Art von Nothwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen
19 aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Verstand
20 kann von dieser nur erkennen, was da ist oder gewesen ist oder sein wird.
21 Es ist unmöglich, daß etwas darin anders sein soll, als es in allen diesen
22 Zeitverhältnissen in der That ist; ja das Sollen, wenn man bloß den Lauf
23 der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung. Wir können
24 gar nicht fragen, was in der Natur geschehen soll; eben so wenig als, was
25 für Eigenschaften ein Cirkel haben soll; sondern was darin geschieht, oder
26 welche Eigenschaften der letztere hat.
27 Dieses Sollen nun drückt eine mögliche Handlung aus, davon der
28 Grund nichts anders als ein bloßer Begriff ist, da hingegen von einer [op 576]
29 bloßen Naturhandlung der Grund jederzeit eine Erscheinung sein muß.
30 Nun muß die Handlung allerdings unter Naturbedingungen möglich sein,
31 wenn auf sie das Sollen gerichtet ist; aber diese Naturbedingungen betreffen
32 nicht die Bestimmung der Willkür selbst, sondern nur die Wirkung
33 und den Erfolg derselben in der Erscheinung. Es mögen noch so viel Naturgründe
34 sein, die mich zum Wollen antreiben, noch so viel sinnliche
35 Anreize, so können sie nicht das Sollen hervorbringen, sondern nur ein
36 noch lange nicht nothwendiges, sondern jederzeit bedingtes Wollen, dem
37 dagegen das Sollen, das die Vernunft ausspricht, Maß und Ziel, ja Verbot
[seite 372]
12 Nun laßt uns hiebei stehen bleiben und es wenigstens als möglich [op 577]
13 annehmen: die Vernunft habe wirklich Causalität in Ansehung der Erscheinungen;
14 so muß sie, so sehr sie auch Vernunft ist, dennoch einen empirischen
15 Charakter von sich zeigen, weil jede Ursache eine Regel voraussetzt,
16 darnach gewisse Erscheinungen als Wirkungen folgen, und jede Regel
17 eine Gleichförmigkeit der Wirkungen erfordert, die den Begriff der Ursache
18 (als eines Vermögens) gründet, welchen wir, so fern er aus bloßen Erscheinungen
19 erhellen muß, seinen empirischen Charakter heißen können,
20 der beständig ist, indessen die Wirkungen nach Verschiedenheit der begleitenden
21 und zum Theil einschränkenden Bedingungen in veränderlichen
22 Gestalten erscheinen.
23 So hat denn jeder Mensch einen empirischen Charakter seiner Willkür,
24 welcher nichts anders ist, als eine gewisse Causalität seiner Vernunft,
25 so fern diese an ihren Wirkungen in der Erscheinung eine Regel zeigt, darnach
26 man die Vernunftgründe und die Handlungen derselben nach ihrer
27 Art und ihren Graden abnehmen und die subjectiven Principien seiner
28 Willkür beurtheilen kann. Weil dieser empirische Charakter selbst aus den
29 Erscheinungen als Wirkung und aus der Regel derselben, welche Erfahrung
30 an die Hand giebt, gezogen werden muß: so sind alle Handlungen
31 des Menschen in der Erscheinung aus seinem empirischen Charakter und [op 578]
32 den mitwirkenden anderen Ursachen nach der Ordnung der Natur bestimmt;
33 und wenn wir alle Erscheinungen seiner Willkür bis auf den Grund erforschen
34 könnten, so würde es keine einzige menschliche Handlung geben,
35 die wir nicht mit Gewißheit vorhersagen und aus ihren vorhergehenden
36 Bedingungen als nothwendig erkennen könnten. In Ansehung dieses
37 empirischen Charakters giebt es also keine Freiheit, und nach diesem
[seite 373]
04 Wenn wir aber eben dieselben Handlungen in Beziehung auf die
05 Vernunft erwägen und zwar nicht die speculative, um jene ihrem Ursprunge
06 nach zu erklären, sondern ganz allein, so fern Vernunft die Ursache ist,
07 sie selbst zu erzeugen; mit einem Worte, vergleichen wir sie mit dieser
08 in praktischer Absicht, so finden wir eine ganz andere Regel und Ordnung,
09 als die Naturordnung ist. Denn da sollte vielleicht alles das
10 nicht geschehen sein, was doch nach dem Naturlaufe geschehen ist und
11 nach seinen empirischen Gründen unausbleiblich geschehen mußte. Bisweilen
12 aber finden wir, oder glauben wenigstens zu finden, daß die Ideen
13 der Vernunft wirklich Causalität in Ansehung der Handlungen des Menschen
14 als Erscheinungen bewiesen haben, und daß sie darum geschehen sind,
15 nicht weil sie durch empirische Ursachen, nein, sondern weil sie durch
16 Gründe der Vernunft bestimmt waren.
17 Gesetzt nun, man könnte sagen, die Vernunft habe Causalität in Ansehung
18 der Erscheinung; könnte da wohl die Handlung derselben frei
19 heißen, da sie im empirischen Charakter derselben (der Sinnesart) ganz
20 genau bestimmt und nothwendig ist? Dieser ist wiederum im intelligibelen
21 Charakter (der Denkungsart) bestimmt. Die letztere kennen wir aber
22 nicht, sondern bezeichnen sie durch Erscheinungen, welche eigentlich nur die
23 Sinnesart (empirischen Charakter) unmittelbar zu erkennen geben*). Die
24 Handlung nun, so fern sie der Denkungsart als ihrer Ursache beizumessen
25 ist, erfolgt dennoch daraus gar nicht nach empirischen Gesetzen, d. i. so, da
26 die Bedingungen der reinen Vernunft, sondern nur so, daß deren Wirkungen
27 in der Erscheinung des inneren Sinnes vorhergehen. Die reine
28 Vernunft, als ein bloß intelligibeles Vermögen, ist der Zeitform und
29 mithin auch den Bedingungen der Zeitfolge nicht unterworfen. Die Causalität
30 der Vernunft im intelligibelen Charakter entsteht nicht, oder
31 *) Die eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld) bleibt
32 uns daher, selbst die unseres eigenen Verhaltens, gänzlich verborgen. Unsere Zurechnungen
33 können nur auf den empirischen Charakter bezogen werden. Wie viel
34 aber davon reine Wirkung der Freiheit, wie viel der bloßen Natur und dem unverschuldeten
35 Fehler des Temperaments oder dessen glücklicher Beschaffenheit
36 ( merito fortunae ) zuzuschreiben sei, kann niemand ergründen und daher auch nicht
37 nach völliger Gerechtigkeit richten.
[seite 374]
15 Gleichwohl gehört doch eben dieselbe Ursache in einer andern Beziehung
16 auch zur Reihe der Erscheinungen. Der Mensch ist selbst Erscheinung.
17 Seine Willkür hat einen empirischen Charakter, der die (empirische) Ursache
18 aller seiner Handlungen ist. Es ist keine der Bedingungen, die den
19 Menschen diesem Charakter gemäß bestimmen, welche nicht in der Reihe
20 der Naturwirkungen enthalten wäre und dem Gesetze derselben gehorchte,
21 nach welchem gar keine empirisch unbedingte Causalität von dem, was in
22 der Zeit geschieht, angetroffen wird. Daher kann keine gegebene Handlung [op 581]
23 (weil sie nur als Erscheinung wahrgenommen werden kann) schlechthin
24 von selbst anfangen. Aber von der Vernunft kann man nicht sagen,
25 daß vor demjenigen Zustande, daran sie die Willkür bestimmt, ein anderer
26 vorhergehe, darin dieser Zustand selbst bestimmt wird. Denn da Vernunft
27 selbst keine Erscheinung und gar keinen Bedingungen der Sinnlichkeit
28 unterworfen ist, so findet in ihr selbst in Betreff ihrer Causalität keine
29 Zeitfolge statt, und auf sie kann also das dynamische Gesetz der Natur,
30 was die Zeitfolge nach Regeln bestimmt, nicht angewandt werden.
31 Die Vernunft ist also die beharrliche Bedingung aller willkürlichen
32 Handlungen, unter denen der Mensch erscheint. Jede derselben ist im empirischen
33 Charakter des Menschen vorher bestimmt, ehe noch als sie geschieht.
34 In Ansehung des intelligibelen Charakters, wovon jener nur das sinnliche
35 Schema ist, gilt kein Vorher oder Nachher; und jede Handlung unangesehen
36 des Zeitverhältnisses, darin sie mit anderen Erscheinungen steht,
37 ist die unmittelbare Wirkung des intelligibelen Charakters der reinen Vernunft,
[seite 375]
13 Um das regulative Princip der Vernunft durch ein Beispiel aus dem
14 empirischen Gebrauch desselben zu erläutern, nicht um es zu bestätigen
15 (denn dergleichen Beweise sind zu transscendentalen Behauptungen untauglich),
16 so nehme man eine willkürliche Handlung, z. E. eine boshafte
17 Lüge, durch die ein Mensch eine gewisse Verwirrung in die Gesellschaft
18 gebracht hat, und die man zuerst ihren Bewegursachen nach, woraus sie
19 entstanden, untersucht und darauf beurtheilt, wie sie sammt ihren Folgen
20 ihm zugerechnet werden könne. In der ersten Absicht geht man seinen
21 empirischen Charakter bis zu den Quellen desselben durch, die man in der
22 schlechten Erziehung, übler Gesellschaft, zum Theil auch in der Bösartigkeit
23 eines für Beschämung unempfindlichen Naturells aufsucht, zum Theil
24 auf den Leichtsinn und Unbesonnenheit schiebt; wobei man denn die veranlassenden
25 Gelegenheitsursachen nicht aus der Acht läßt. In allem diesem
26 verfährt man, wie überhaupt in Untersuchung der Reihe bestimmender [op 583]
27 Ursachen zu einer gegebenen Naturwirkung. Ob man nun gleich die Handlung
28 dadurch bestimmt zu sein glaubt: so tadelt man nichts destoweniger
29 den Thäter und zwar nicht wegen seines unglücklichen Naturells, nicht
30 wegen der auf ihn einfließenden Umstände, ja sogar nicht wegen seines
31 vorhergeführten Lebenswandels; denn man setzt voraus, man könne es
32 gänzlich bei Seite setzen, wie dieser beschaffen gewesen, und die verflossene
33 Reihe von Bedingungen als ungeschehen, diese That aber als gänzlich unbedingt
34 in Ansehung des vorigen Zustandes ansehen, als ob der Thäter
35 damit eine Reihe von Folgen ganz von selbst anhebe. Dieser Tadel gründet
36 sich auf ein Gesetz der Vernunft, wobei man diese als eine Ursache ansieht,
37 welche das Verhalten des Menschen unangesehen aller genannten empirischen
[seite 376]
09 Man sieht diesem zurechnenden Urtheile es leicht an, daß man dabei
10 in Gedanken habe, die Vernunft werde durch alle jene Sinnlichkeit gar
11 nicht afficirt; sie verändere sich nicht (wenn gleich ihre Erscheinungen, [op 584]
12 nämlich die Art, wie sie sich in ihren Wirkungen zeigt, sich verändern); in
13 ihr gehe kein Zustand vorher, der den folgenden bestimme; mithin gehöre
14 sie gar nicht in die Reihe der sinnlichen Bedingungen, welche die Erscheinungen
15 nach Naturgesetzen nothwendig machen. Sie, die Vernunft, ist
16 allen Handlungen des Menschen in allen Zeitumständen gegenwärtig und
17 einerlei, selbst aber ist sie nicht in der Zeit und geräth etwa in einen neuen
18 Zustand, darin sie vorher nicht war; sie ist bestimmend, aber nicht bestimmbar
19 in Ansehung desselben. Daher kann man nicht fragen: warum
20 hat sich nicht die Vernunft anders bestimmt? sondern nur: warum hat
21 sie die Erscheinungen durch ihre Causalität nicht anders bestimmt?
22 Darauf aber ist keine Antwort möglich. Denn ein anderer intelligibeler
23 Charakter würde einen andern empirischen gegeben haben; und wenn wir
24 sagen, daß unerachtet seines ganzen bis dahin geführten Lebenswandels
25 der Thäter die Lüge doch hätte unterlassen können, so bedeutet dieses nur,
26 daß sie unmittelbar unter der Macht der Vernunft stehe, und die Vernunft
27 in ihrer Causalität keinen Bedingungen der Erscheinung und des Zeitlaufs
28 unterworfen ist, der Unterschied der Zeit auch zwar einen Hauptunterschied
29 der Erscheinungen respective gegen einander, da diese aber
30 keine Sachen, mithin auch nicht Ursachen an sich selbst sind, keinen Unterschied
31 der Handlung in Beziehung auf die Vernunft machen könne.
32 Wir können also mit der Beurtheilung freier Handlungen in Ansehung
33 ihrer Causalität nur bis an die intelligibele Ursache, aber nicht über
34 dieselbe hinaus kommen; wir können erkennen, daß sie frei, d. i. von der
35 Sinnlichkeit unabhängig bestimmt, und auf solche Art die sinnlich unbedingte
36 Bedingung der Erscheinungen sein könne. Warum aber der intelligibele
37 Charakter gerade diese Erscheinungen und diesen empirischen Charakter
[seite 377]
13 Man muß wohl bemerken: daß wir hiedurch nicht die Wirklichkeit [op 586]
14 der Freiheit als eines der Vermögen, welche die Ursache von den Erscheinungen
15 unserer Sinnenwelt enthalten, haben darthun wollen. Denn
16 außer daß dieses gar keine transscendentale Betrachtung, die bloß mit
17 Begriffen zu thun hat, gewesen sein würde, so könnte es auch nicht gelingen,
18 indem wir aus der Erfahrung niemals auf etwas, was gar nicht nach
19 Erfahrungsgesetzen gedacht werden muß, schließen können. Ferner haben
20 wir auch gar nicht einmal die Möglichkeit der Freiheit beweisen wollen;
21 denn dieses wäre auch nicht gelungen, weil wir überhaupt von keinem Realgrunde
22 und keiner Causalität aus bloßen Begriffen a priori die Möglichkeit
23 erkennen können. Die Freiheit wird hier nur als transscendentale
24 Idee behandelt, wodurch die Vernunft die Reihe der Bedingungen in der
25 Erscheinung durch das Sinnlichunbedingte schlechthin anzuheben denkt,
26 dabei sich aber in eine Antinomie mit ihren eigenen Gesetzen, welche sie
27 dem empirischen Gebrauche des Verstandes vorschreibt, verwickelt. Da
28 nun diese Antinomie auf einem bloßen Scheine beruhe, und daß Natur der
29 Causalität aus Freiheit wenigstens nicht widerstreite, das war das
30 einzige, was wir leisten konnten, und woran es uns auch einzig und
31 allein gelegen war.
[seite 378]
06 In der vorigen Nummer betrachteten wir die Veränderungen der Sinnenwelt
07 in ihrer dynamischen Reihe, da eine jede unter einer andern als
08 ihrer Ursache steht. Jetzt dient uns diese Reihe der Zustände nur zur
09 Leitung, um zu einem Dasein zu gelangen, das die höchste Bedingung
10 alles Veränderlichen sein könne, nämlich dem nothwendigen Wesen.
11 Es ist hier nicht um die unbedingte Causalität, sondern die unbedingte
12 Existenz der Substanz selbst zu thun. Also ist die Reihe, welche wir vor
13 uns haben, eigentlich nur die von Begriffen und nicht von Anschauungen,
14 in so fern die eine die Bedingung der andern ist.
15 Man sieht aber leicht: daß, da alles in dem Inbegriffe der Erscheinungen
16 veränderlich, mithin im Dasein bedingt ist, es überall in der Reihe
17 des abhängigen Daseins kein unbedingtes Glied geben könne, dessen Existenz
18 schlechthin nothwendig wäre, und daß also, wenn Erscheinungen
19 Dinge an sich selbst wären, eben darum aber ihre Bedingung mit dem
20 Bedingten jederzeit zu einer und derselben Reihe der Anschauungen gehörte, [op 588]
21 ein nothwendiges Wesen als Bedingung des Daseins der Erscheinungen
22 der Sinnenwelt niemals stattfinden könnte.
23 Es hat aber der dynamische Regressus dieses Eigenthümliche und Unterscheidende
24 von dem mathematischen an sich: daß, da dieser es eigentlich
25 nur mit der Zusammensetzung der Theile zu einem Ganzen, oder der Zerfällung
26 eines Ganzen in seine Theile zu thun hat, die Bedingungen dieser
27 Reihe immer als Theile derselben, mithin als gleichartig, folglich als Erscheinungen
28 angesehen werden müssen; anstatt daß in jenem Regressus,
29 da es nicht um die Möglichkeit eines unbedingten Ganzen aus gegebenen
30 Theilen, oder eines unbedingten Theils zu einem gegebenen Ganzen, sondern
31 um die Ableitung eines Zustandes von seiner Ursache, oder des zufälligen
32 Daseins der Substanz selbst von der nothwendigen zu thun ist,
33 die Bedingung nicht eben nothwendig mit dem Bedingten eine empirische
34 Reihe ausmachen dürfe.
[seite 379]
01 Also bleibt uns bei der vor uns liegenden scheinbaren Antinomie noch
02 ein Ausweg offen, da nämlich alle beide einander widerstreitende Sätze in
03 verschiedener Beziehung zugleich wahr sein können, so daß alle Dinge der
04 Sinnenwelt durchaus zufällig sind, mithin auch immer nur empirisch
05 bedingte Existenz haben, gleichwohl von der ganzen Reihe auch eine nichtempirische
06 Bedingung, d. i. ein unbedingt nothwendiges Wesen, stattfinde.
07 Denn dieses würde, als intelligibele Bedingung, gar nicht zur Reihe als [op 589]
08 ein Glied derselben (nicht einmal als das oberste Glied) gehören und auch
09 kein Glied der Reihe empirisch unbedingt machen, sondern die ganze Sinnenwelt
10 in ihrem durch alle Glieder gehenden empirisch bedingten Dasein
11 lassen. Darin würde sich also diese Art, ein unbedingtes Dasein den Erscheinungen
12 zum Grunde zu legen, von der empirisch unbedingten Causalität
13 (der Freiheit) im vorigen Artikel unterscheiden, daß bei der Freiheit
14 das Ding selbst als Ursache ( substantia phaenomenon ) dennoch in die
15 Reihe der Bedingungen gehörte, und nur seine Causalität als intelligibel
16 gedacht wurde, hier aber das nothwendige Wesen ganz außer der
17 Reihe der Sinnenwelt (als ens extramundanum ) und bloß intelligibel
18 gedacht werden müßte, wodurch allein es verhütet werden kann, daß es
19 nicht selbst dem Gesetze der Zufälligkeit und Abhängigkeit aller Erscheinungen
20 unterworfen werde.
21 Das regulative Princip der Vernunft ist also in Ansehung dieser
22 unserer Aufgabe: daß alles in der Sinnenwelt empirisch bedingte Existenz
23 habe, und daß es überall in ihr in Ansehung keiner Eigenschaft eine unbedingte
24 Nothwendigkeit gebe; daß kein Glied der Reihe von Bedingungen
25 sei, davon man nicht immer die empirische Bedingung in einer möglichen
26 Erfahrung erwarten und, so weit man kann, suchen müsse, und nichts uns
27 berechtige, irgend ein Dasein von einer Bedingung außerhalb der empirischen
28 Reihe abzuleiten, oder auch es als in der Reihe selbst für schlechterdings
29 unabhängig und selbstständig zu halten, gleichwohl aber dadurch [op 590]
30 gar nicht in Abrede zu ziehen, daß nicht die ganze Reihe in irgend einem
31 intelligibelen Wesen (welches darum von aller empirischen Bedingung frei
32 ist und vielmehr den Grund der Möglichkeit aller dieser Erscheinungen
33 enthält) gegründet sein könne.
34 Es ist aber hiebei gar nicht die Meinung, das unbedingt nothwendige
35 Dasein eines Wesens zu beweisen, oder auch nur die Möglichkeit einer
36 bloß intelligibelen Bedingung der Existenz der Erscheinungen der Sinnenwelt
37 hierauf zu gründen; sondern nur eben so, wie wir die Vernunft einschränken,
[seite 380]
20 Die Sinnenwelt enthält nichts als Erscheinungen, diese aber sind
21 bloße Vorstellungen, die immer wiederum sinnlich bedingt sind; und da
22 wir hier niemals Dinge an sich selbst zu unseren Gegenständen haben, so
23 ist nicht zu verwundern, daß wir niemals berechtigt sind, von einem Gliede
24 der empirischen Reihen, welches es auch sei, einen Sprung außer dem Zusammenhange
25 der Sinnlichkeit zu thun, gleich als wenn es Dinge an sich
26 selbst wären, die außer ihrem transscendentalen Grunde existirten, und
27 die man verlassen könnte, um die Ursache ihres Daseins außer ihnen zu
28 suchen; welches bei zufälligen Dingen allerdings endlich Geschehen müßte,
29 aber nicht bei bloßen Vorstellungen von Dingen, deren Zufälligkeit
30 selbst nur Phänomen ist und auf keinen andern Regressus als denjenigen,
31 der die Phänomena bestimmt, d. i. der empirisch ist, führen kann. Sich
32 aber einen intelligibelen Grund der Erscheinungen, d. i. der Sinnenwelt,
33 und denselben befreit von der Zufälligkeit der letzteren denken, ist weder
34 dem uneingeschränkten empirischen Regressus in der Reihe der Erscheinungen, [op 592]
35 noch der durchgängigen Zufälligkeit derselben entgegen. Das ist
36 aber auch das Einzige, was wir zu Hebung der scheinbaren Antinomie zu
37 leisten hatten, und was sich nur auf diese Weise thun ließ. Denn ist die
[seite 381]
08 Der empirische Gebrauch der Vernunft (in Ansehung der Bedingungen
09 des Daseins in der Sinnenwelt) wird durch die Einräumung eines
10 bloß intelligibelen Wesens nicht afficirt, sondern geht nach dem Princip
11 der durchgängigen Zufälligkeit von empirischen Bedingungen zu höheren,
12 die immer eben sowohl empirisch sind. Eben so wenig schließt aber auch
13 dieser regulative Grundsatz die Annehmung einer intelligibelen Ursache,
14 die nicht in der Reihe ist, aus, wenn es um den reinen Gebrauch der Vernunft
15 (in Ansehung der Zwecke) zu thun ist. Denn da bedeutet jene nur
16 den für uns bloß transscendentalen und unbekannten Grund der Möglichkeit
17 der sinnlichen Reihe überhaupt, dessen von allen Bedingungen der
18 letzteren unabhängiges und in Ansehung dieser unbedingt nothwendiges
19 Dasein der unbegrenzten Zufälligkeit der ersteren und darum auch dem [op 593]
20 nirgend geendigten Regressus in der Reihe empirischer Bedingungen gar
21 nicht entgegen ist.
24 So lange wir mit unseren Vernunftbegriffen bloß die Totalität der
25 Bedingungen in der Sinnenwelt, und was in Ansehung ihrer der Vernunft
26 zu Diensten geschehen kann, zum Gegenstande haben: so sind unsere
27 Ideen zwar transscendental, aber doch kosmologisch. So bald wir aber
28 das Unbedingte (um das es doch eigentlich zu thun ist) in demjenigen
29 setzen, was ganz außerhalb der Sinnenwelt, mithin außer aller möglichen
30 Erfahrung ist, so werden die Ideen transscendent: sie dienen nicht
31 bloß zur Vollendung des empirischen Vernunftgebrauchs (die immer eine
32 nie auszuführende, aber dennoch zu befolgende Idee bleibt), sondern sie
33 trennen sich davon gänzlich und machen sich selbst Gegenstände, deren Stoff
34 nicht aus Erfahrung genommen, deren objective Realität auch nicht auf
35 der Vollendung der empirischen Reihe, sondern auf reinen Begriffen a priori
[seite 382]
[seite 383]
07 Wir haben oben gesehen, daß durch reine Verstandesbegriffe
08 ohne alle Bedingungen der Sinnlichkeit gar keine Gegenstände können
09 vorgestellt werden, weil die Bedingungen der objectiven Realität derselben
10 fehlen, und nichts als die bloße Form des Denkens in ihnen angetroffen
11 wird. Gleichwohl können sie in concreto dargestellt werden, wenn man
12 sie auf Erscheinungen anwendet; denn an ihnen haben sie eigentlich den
13 Stoff zum Erfahrungsbegriffe, der nichts als ein Verstandesbegriff in
14 concreto ist. Ideen aber sind noch weiter von der objectiven Realität
15 entfernt als Kategorien; denn es kann keine Erscheinung gefunden
16 werden, an der sie sich in concreto vorstellen ließen. Sie enthalten eine [op 596]
17 gewisse Vollständigkeit, zu welcher keine mögliche empirische Erkenntni
18 zulangt, und die Vernunft hat dabei nur eine systematische Einheit im
19 Sinne, welcher sie die empirisch mögliche Einheit zu nähern sucht, ohne sie
20 jemals völlig zu erreichen.
21 Aber noch weiter als die Idee scheint dasjenige von der objectiven
22 Realität entfernt zu sein, was ich das Ideal nenne, und worunter ich die
23 Idee nicht bloß in concreto , sondern in individuo , d. i. als ein einzelnes,
24 durch die Idee allein bestimmbares oder gar bestimmtes Ding, verstehe.
25 Die Menschheit in ihrer ganzen Vollkommenheit enthält nicht allein
26 die Erweiterung aller zu dieser Natur gehörigen wesentlichen Eigenschaften,
27 welche unseren Begriff von derselben ausmachen, bis zur vollständigen
28 Congruenz mit ihren Zwecken, welches unsere Idee der vollkommenen
29 Menschheit sein würde, sondern auch alles, was außer diesem Begriffe zu
30 der durchgängigen Bestimmung der Idee gehört; denn von allen entgegengesetzten
31 Prädicaten kann sich doch nur ein einziges zu der Idee des vollkommensten
32 Menschen schicken. Was uns ein Ideal ist, war dem PlatoPI
33 eine Idee des göttlichen Verstandes, ein einzelner Gegenstand in der
[seite 384]
03 Ohne uns aber so weit zu versteigen, müssen wir gestehen, daß die
04 menschliche Vernunft nicht allein Ideen, sondern auch Ideale enthalte, die
05 zwar nicht wie die Platonischen schöpferische, aber doch praktische Kraft
06 (als regulative Principien) haben und der Möglichkeit der Vollkommenheit
07 gewisser Handlungen zum Grunde liegen. Moralische Begriffe sind
08 nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas Empirisches (Lust
09 oder Unlust) zum Grunde liegt. Gleichwohl können sie in Ansehung des
10 Princips, wodurch die Vernunft der an sich gesetzlosen Freiheit Schranken
11 setzt, (also wenn man bloß auf ihre Form Acht hat) gar wohl zum Beispiele
12 reiner Vernunftbegriffe dienen. Tugend und mit ihr menschliche
13 Weisheit in ihrer ganzen Reinigkeit sind Ideen. Aber der Weise (des
14 Stoikers) ist ein Ideal, d. i. ein Mensch, der bloß in Gedanken existirt,
15 der aber mit der Idee der Weisheit völlig congruirt. So wie die Idee die
16 Regel giebt, so dient das Ideal in solchem Falle zum Urbilde der durchgängigen
17 Bestimmung des Nachbildes; und wir haben kein anderes Richtma
18 unserer Handlungen, als das Verhalten dieses göttlichen Menschen
19 in uns, womit wir uns vergleichen, beurtheilen und dadurch uns bessern,
20 obgleich es niemals erreichen können. Diese Ideale, ob man ihnen gleich
21 nicht objective Realität (Existenz) zugestehen möchte, sind doch um deswillen
22 nicht für Hirngespinnste anzusehen, sondern geben ein unentbehrliches [op 598]
23 Richtmaß der Vernunft ab, die des Begriffs von dem, was in seiner
24 Art ganz vollständig ist, bedarf, um darnach den Grad und die Mängel
25 des Unvollständigen zu schätzen und abzumessen. Das Ideal aber in einem
26 Beispiele, d. i. in der Erscheinung, realisiren wollen, wie etwa den Weisen
27 in einem Roman, ist unthunlich und hat überdem etwas Widersinnisches
28 und wenig Erbauliches an sich, indem die natürlichen Schranken, welche
29 der Vollständigkeit in der Idee continuirlich Abbruch thun, alle Illusion
30 in solchem Versuche unmöglich und dadurch das Gute, das in der Idee
31 liegt, selbst verdächtig und einer bloßen Erdichtung ähnlich machen.
32 So ist es mit dem Ideale der Vernunft bewandt, welches jederzeit
33 auf bestimmten Begriffen beruhen und zur Regel und Urbilde, es sei der
34 Befolgung oder Beurtheilung, dienen muß. Ganz anders verhält es sich
35 mit den Geschöpfen der Einbildungskraft, darüber sich niemand erklären
36 und einen verständlichen Begriff geben kann, gleichsam Monogrammen,
37 die nur einzelne, obzwar nach keiner angeblichen Regel bestimmte Züge
[seite 385]
09 Die Absicht der Vernunft mit ihrem Ideale ist dagegen die durchgängige
10 Bestimmung nach Regeln a priori; daher sie sich einen Gegenstand
11 denkt, der nach Principien durchgängig bestimmbar sein soll, obgleich
12 dazu die hinreichenden Bedingungen in der Erfahrung mangeln
13 und der Begriff selbst also transscendent ist.
17 ( Prototypon transscendentale ).
18 Ein jeder Begriff ist in Ansehung dessen, was in ihm selbst nicht
19 enthalten ist, unbestimmt und steht unter dem Grundsatze der Bestimmbarkeit:
20 daß nur eines von jeden zwei einander contradictorisch entgegengesetzten
21 Prädicaten ihm zukommen könne, welcher auf dem Satze des
22 Widerspruchs beruht und daher ein bloß logisches Princip ist, das von
23 allem Inhalte der Erkenntniß abstrahirt und nichts als die logische Form
24 derselben vor Augen hat.
25 Ein jedes Ding aber seiner Möglichkeit nach steht noch unter dem
26 Grundsatze der durchgängigen Bestimmung, nach welchem ihm von [op 600]
27 allen möglichen Prädicaten der Dinge, so fern sie mit ihren Gegentheilen
28 verglichen werden, eines zukommen muß. Dieses beruht nicht blo
29 auf dem Satze des Widerspruchs; denn es betrachtet außer dem Verhältni
30 zweier einander widerstreitenden Prädicate jedes Ding noch im Verhältni
31 auf die gesammte Möglichkeit, als den Inbegriff aller Prädicate
32 der Dinge überhaupt, und indem es solche als Bedingung a priori
33 voraussetzt, so stellt es ein jedes Ding so vor, wie es von dem Antheil, den
[seite 386]
09 Der Satz: alles Existirende ist durchgängig bestimmt, bedeutet
10 nicht allein, daß von jedem Paare einander entgegengesetzter gegebenen,
11 sondern auch von allen möglichen Prädicaten ihm immer eines
12 zukomme; es werden durch diesen Satz nicht bloß Prädicate unter einander
13 logisch, sondern das Ding selbst mit dem Inbegriffe aller möglichen Prädicate
14 transscendental verglichen. Er will so viel sagen als: um ein Ding
15 vollständig zu erkennen, muß man alles Mögliche erkennen und es dadurch,
16 es sei bejahend oder verneinend, bestimmen. Die durchgängige Bestimmung
17 ist folglich ein Begriff, den wir niemals in concreto seiner Totalität
18 nach darstellen können, und gründet sich also auf einer Idee, welche
19 lediglich in der Vernunft ihren Sitz hat, die dem Verstande die Regel seines
20 vollständigen Gebrauchs vorschreibt.
21 Ob nun zwar diese Idee von dem Inbegriffe aller Möglichkeit,
22 so fern er als Bedingung der durchgängigen Bestimmung eines jeden Dinges
23 zum Grunde liegt, in Ansehung der Prädicate, die denselben ausmachen
24 mögen, selbst noch unbestimmt ist, und wir dadurch nichts weiter als einen
25 Inbegriff aller möglichen Prädicate überhaupt denken, so finden wir doch
26 bei näherer Untersuchung, daß diese Idee als Urbegriff eine Menge von [op 602]
27 Prädicaten ausstoße, die als abgeleitet durch andere schon gegeben sind,
28 oder neben einander nicht stehen können, und daß sie sich bis zu einem
29 *) Es wird also durch diesen Grundsatz jedes Ding auf ein gemeinschaftliches
30 Correlatum, nämlich die gesammte Möglichkeit, bezogen, welche, wenn sie (d. i. der Stoff
31 zu allen möglichen Prädicaten) in der Idee eines einzigen Dinges angetroffen würde,
32 eine Affinität alles Möglichen durch die Identität des Grundes der durchgängigen Bestimmungen
33 desselben beweisen würde. Die Bestimmbarkeit eines jeden Begriffs
34 ist der Allgemeinheit ( Universalitas ) des Grundsatzes der Ausschließung eines Mittleren
35 zwischen zwei entgegengesetzten Prädicaten, die Bestimmung aber eines Dinges
36 der Allheit ( Universitas ) oder dem Inbegriffe aller möglichen Prädicate untergeordnet.
[seite 387]
05 Wenn wir alle mögliche Prädicate nicht bloß logisch, sondern transscendental,
06 d. i. nach ihrem Inhalte, der an ihnen a priori gedacht werden
07 kann, erwägen, so finden wir, daß durch einige derselben ein Sein, durch
08 andere ein bloßes Nichtsein vorgestellt wird. Die logische Verneinung, die
09 lediglich durch das Wörtchen Nicht angezeigt wird, hängt eigentlich niemals
10 einem Begriffe, sondern nur dem Verhältnisse desselben zu einem
11 andern im Urtheile an und kann also dazu bei weitem nicht hinreichend
12 sein, einen Begriff in Ansehung seines Inhalts zu bezeichnen. Der Ausdruck
13 Nichtsterblich kann gar nicht zu erkennen geben, daß dadurch ein
14 bloßes Nichtsein am Gegenstande vorgestellt werde, sondern läßt allen
15 Inhalt unberührt. Eine transscendentale Verneinung bedeutet dagegen
16 das Nichtsein an sich selbst, dem die transscendentale Bejahung entgegengesetzt
17 wird, welche ein Etwas ist, dessen Begriff an sich selbst schon ein
18 Sein ausdrückt und daher Realität (Sachheit) genannt wird, weil durch
19 sie allein, und so weit sie reicht, Gegenstände Etwas (Dinge) sind, die [op 603]
20 entgegenstehende Negation hingegen einen bloßen Mangel bedeutet und,
21 wo diese allein gedacht wird, die Aufhebung alles Dinges vorgestellt wird.
22 Nun kann sich niemand eine Verneinung bestimmt denken, ohne da
23 er die entgegengesetzte Bejahung zum Grunde liegen habe. Der Blindgeborne
24 kann sich nicht die mindeste Vorstellung von Finsterniß machen,
25 weil er keine vom Lichte hat; der Wilde nicht von Armuth, weil er den
26 Wohlstand nicht kennt.*) Der Unwissende hat keinen Begriff von seiner
27 Unwissenheit, weil er keinen von der Wissenschaft hat, u. s. w.. Es sind also
28 auch alle Begriffe der Negationen abgeleitet, und die Realitäten enthalten
29 die Data und so zu sagen die Materie oder den transscendentalen Inhalt
30 zu der Möglichkeit und durchgängigen Bestimmung aller Dinge.
31 Wenn also der durchgängigen Bestimmung in unserer Vernunft ein
32 *) Die Beobachtungen und Berechnungen der Sternkundigen haben uns viel
33 Bewundernswürdiges gelehrt, aber das Wichtigste ist wohl, daß sie uns den Abgrund
34 der Unwissenheit aufgedeckt haben, den die menschliche Vernunft ohne diese Kenntnisse
35 sich niemals so groß hätte vorstellen können, und worüber das Nachdenken eine
36 große Veränderung in der Bestimmung der Endabsichten unseres Vernunftgebrauchs
37 hervorbringen muß.
[seite 388]
07 Es ist aber auch durch diesen allbesitz der Realität der Begriff eines
08 Dinges an sich selbst als durchgängig bestimmt vorgestellt, und der
09 Begriff eines entis realissimi ist der Begriff eines einzelnen Wesens, weil
10 von allen möglichen entgegengesetzten Prädicaten eines, nämlich das, was
11 zum Sein schlechthin gehört, in seiner Bestimmung angetroffen wird. Also
12 ist es ein transscendentales Ideal, welches der durchgängigen Bestimmung,
13 die nothwendig bei allem, was existirt, angetroffen wird, zum Grunde
14 liegt und die oberste und vollständige materiale Bedingung seiner Möglichkeit
15 ausmacht, auf welcher alles Denken der Gegenstände überhaupt
16 ihrem Inhalte nach zurückgeführt werden muß. Es ist aber auch das einzige
17 eigentliche Ideal, dessen die menschliche Vernunft fähig ist, weil nur
18 in diesem einzigen Falle ein an sich allgemeiner Begriff von einem Dinge
19 durch sich selbst durchgängig bestimmt und als die Vorstellung von einem
20 Individuum erkannt wird.
21 Die logische Bestimmung eines Begriffs durch die Vernunft beruht
22 auf einem disjunctiven Vernunftschlusse, in welchem der Obersatz eine
23 logische Eintheilung (die Theilung der Sphäre eines allgemeinen Begriffs) [op 605]
24 enthält, der Untersatz diese Sphäre bis auf einen Theil einschränkt und der
25 Schlußsatz den Begriff durch diesen bestimmt. Der allgemeine Begriff
26 einer Realität überhaupt kann a priori nicht eingetheilt werden, weil man
27 ohne Erfahrung keine bestimmte Arten von Realität kennt, die unter jener
28 Gattung enthalten wären. Also ist der transscendentale Obersatz der durchgängigen
29 Bestimmung aller Dinge nichts anders, als die Vorstellung des
30 Inbegriffs aller Realität, nicht bloß ein Begriff, der alle Prädicate ihrem
31 transscendentalen Inhalte nach unter sich, sondern der sie in sich begreift;
32 und die durchgängige Bestimmung eines jeden Dinges beruht
33 auf der Einschränkung dieses All der Realität, indem einiges derselben
34 dem Dinge beigelegt, das übrige aber ausgeschlossen wird, welches mit
35 dem Entweder und Oder des disjunctiven Obersatzes und der Bestimmung
[seite 389]
09 Es versteht sich von selbst, daß die Vernunft zu dieser ihrer Absicht,
10 nämlich sich lediglich die nothwendige durchgängige Bestimmung der Dinge [op 606]
11 vorzustellen, nicht die Existenz eines solchen Wesens, das dem ideale gemä
12 ist, sondern nur die Idee desselben voraussetze, um von einer unbedingten
13 Totalität der durchgängigen Bestimmung die bedingte, d. i. die
14 des Eingeschränkten, abzuleiten. Das Ideal ist ihr also das Urbild ( Prototypon )
15 aller Dinge, welche insgesammt als mangelhafte Copeien ( ectypa )
16 den Stoff zu ihrer Möglichkeit daher nehmen und, indem sie demselben
17 mehr oder weniger nahe kommen, dennoch jederzeit unendlich weit daran
18 fehlen, es zu erreichen.
19 So wird denn alle Möglichkeit der Dinge (der Synthesis des Mannigfaltigen
20 ihrem Inhalte nach) als abgeleitet und nur allein die desjenigen,
21 was alle Realität in sich schließt, als ursprünglich angesehen.
22 Denn alle Verneinungen (welche doch die einzigen Prädicate sind, wodurch
23 sich alles andere vom realsten Wesen unterscheiden läßt) sind bloße Einschränkungen
24 einer größeren und endlich der höchsten Realität, mithin setzen
25 sie diese voraus und sind dem Inhalte nach von ihr bloß abgeleitet. Alle
26 Mannigfaltigkeit der Dinge ist nur eine eben so vielfältige Art, den Begriff
27 der höchsten Realität, der ihr gemeinschaftliches Substratum ist, einzuschränken,
28 so wie alle Figuren nur als verschiedene Arten, den unendlichen
29 Raum einzuschränken, möglich sind. Daher wird der bloß in der Vernunft
30 befindliche Gegenstand ihres Ideals auch das Urwesen ( ens originarium ),
31 so fern es keines über sich hat, das höchste Wesen ( ens summum ), und [op 607]
32 so fern alles als bedingt unter ihm steht, das Wesen aller Wesen ( ens
33 entium ) genannt. Alles dieses aber bedeutet nicht das objective Verhältni
34 eines wirklichen Gegenstandes zu andern Dingen, sondern der Idee
35 zu Begriffen und läßt uns wegen der Existenz eines Wesens von so ausnehmendem
36 Vorzuge in völliger Unwissenheit.
37 Weil man auch nicht sagen kann, daß ein Urwesen aus viel abgeleiteten
[seite 390]
04 Die Ableitung aller anderen Möglichkeit von diesem Urwesen wird
05 daher, genau zu reden, auch nicht als eine Einschränkung seiner höchsten
06 Realität und gleichsam als eine Theilung derselben angesehen werden
07 können; denn alsdann würde das Urwesen als ein bloßes Aggregat
08 von abgeleiteten Wesen angesehen werden, welches nach dem vorigen unmöglich
09 ist, ob wir es gleich anfänglich, im ersten rohen Schattenrisse, so
10 vorstellten. Vielmehr würde der Möglichkeit aller Dinge die höchste Realität
11 als ein Grund und nicht als Inbegriff zum Grunde liegen und
12 die Mannigfaltigkeit der ersteren nicht auf der Einschränkung des Urwesens
13 selbst, sondern seiner vollständigen Folge beruhen, zu welcher denn auch
14 unsere ganze Sinnlichkeit sammt aller Realität in der Erscheinung gehören
15 würde, die zu der Idee des höchsten Wesens als ein Ingredienz nicht gehören
16 kann.
17 Wenn wir nun dieser unserer Idee, indem wir sie hypostasiren, so
18 ferner nachgehen, so werden wir das Urwesen durch den bloßen Begriff
19 der höchsten Realität als ein einiges, einfaches, allgenugsames, ewiges etc.,
20 mit einem Worte, es in seiner unbedingten Vollständigkeit durch alle Prädicamente
21 bestimmen können. Der Begriff eines solchen Wesens ist der
22 von Gott, in transscendentalem Verstande gedacht; und so ist das Ideal
23 der reinen Vernunft der Gegenstand einer transscendentalen Theologie,
24 so wie ich es auch oben angeführt habe.
25 Indessen würde dieser Gebrauch der transscendentalen Idee doch schon
26 die Grenzen ihrer Bestimmung und Zulässigkeit überschreiten. Denn die
27 Vernunft legte sie nur als den Begriff von aller Realität der durchgängigen
28 Bestimmung der Dinge überhaupt zum Grunde, ohne zu verlangen,
29 daß alle diese Realität objectiv gegeben sei und selbst ein Ding ausmache.
30 Dieses letztere ist eine bloße Erdichtung, durch welche wir das Mannigfaltige
31 unserer Idee in einem Ideale als einem besonderen Wesen zusammenfassen
32 und realisiren, wozu wir keine Befugniß haben, sogar nicht einmal,
33 die Möglichkeit einer solchen Hypothese geradezu anzunehmen; wie denn
34 auch alle Folgerungen, die aus einem solchen Ideale abfließen, die durchgängige
35 Bestimmung der Dinge überhaupt, als zu deren Behuf die Idee
36 allein nöthig war, nichts angehen und darauf nicht den mindesten Einflu
37 haben.
[seite 391]
01 Es ist nicht genug, das Verfahren unserer Vernunft und ihre Dialektik
02 zu beschreiben, man muß auch die Quellen derselben zu entdecken suchen,
03 um diesen Schein selbst wie ein Phänomen des Verstandes erklären zu
04 können; denn das Ideal, wovon wir reden, ist auf einer natürlichen und
05 nicht bloß willkürlichen Idee gegründet. Daher frage ich: wie kommt die
06 Vernunft dazu, alle Möglichkeit der Dinge als abgeleitet von einer einzigen,
07 die zum Grunde liegt, nämlich der der höchsten Realität, anzusehen
08 und diese sodann als in einem besondern Urwesen enthalten vorauszusetzen?
10 Die Antwort bietet sich aus den Verhandlungen der transscendentalen
11 Analytik von selbst dar. Die Möglichkeit der Gegenstände der Sinne
12 ist ein Verhältniß derselben zu unserm Denken, worin etwas (nämlich die
13 empirische Form) a priori gedacht werden kann, dasjenige aber, was die
14 Materie ausmacht, die Realität in der Erscheinung (was der Empfindung
15 entspricht), gegeben sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht und
16 mithin seine Möglichkeit nicht vorgestellt werden könnte. Nun kann ein
17 Gegenstand der Sinne nur durchgängig bestimmt werden, wenn er mit
18 allen Prädicaten der Erscheinung verglichen und durch dieselbe bejahend
19 oder verneinend vorgestellt wird. Weil aber darin dasjenige, was das
20 Ding selbst (in der Erscheinung) ausmacht, nämlich das Reale, gegeben
21 sein muß, ohne welches es auch gar nicht gedacht werden könnte; dasjenige [op 610]
22 aber, worin das Reale aller Erscheinungen gegeben ist, die einige allbefassende
23 Erfahrung ist: so muß die Materie zur Möglichkeit aller Gegenstände
24 der Sinne als in einem Inbegriffe gegeben vorausgesetzt werden,
25 auf dessen Einschränkung allein alle Möglichkeit empirischer Gegenstände,
26 ihr Unterschied von einander und ihre durchgängige Bestimmung beruhen
27 kann. Nun können uns in der That keine andere Gegenstände als die der
28 Sinne und nirgend als in dem Context einer möglichen Erfahrung gegeben
29 werden, folglich ist nichts für uns ein Gegenstand, wenn es nicht
30 den Inbegriff aller empirischen Realität als Bedingung seiner Möglichkeit
31 voraussetzt. Nach einer natürlichen Illusion sehen wir nun das für
32 einen Grundsatz an, der von allen Dingen überhaupt gelten müsse, welcher
33 eigentlich nur von denen gilt, die als Gegenstände unserer Sinne gegeben
34 werden. Folglich werden wir das empirische Princip unserer Begriffe der
35 Möglichkeit der Dinge als Erscheinungen durch Weglassung dieser Einschränkung
36 für ein transscendentales Princip der Möglichkeit der Dinge
37 überhaupt halten.
[seite 392]
14 Ungeachtet dieses dringenden Bedürfnisses der Vernunft, etwas vorauszusetzen,
15 was dem Verstande zu der durchgängigen Bestimmung seiner
16 Begriffe vollständig zum Grunde liegen könne, so bemerkt sie doch das
17 Idealische und bloß Gedichtete einer solchen Voraussetzung viel zu leicht, [op 612]
18 als daß sie dadurch allein überredet werden sollte, ein bloßes Selbstgeschöpf
19 ihres Denkens sofort für ein wirkliches Wesen anzunehmen, wenn
20 sie nicht wodurch anders gedrungen würde, irgendwo ihren Ruhestand in
21 dem Regressus vom Bedingten, das gegeben ist, zum Unbedingten zu suchen,
22 das zwar an sich und seinem bloßen Begriff nach nicht als wirklich gegeben
23 ist, welches aber allein die Reihe der zu ihren Gründen hinausgeführten
24 Bedingungen vollenden kann. Dieses ist nun der natürliche Gang, den
25 jede menschliche Vernunft, selbst die gemeinste, nimmt, obgleich nicht eine
26 *) Dieses Ideal des allerrealsten Wesens wird also, ob es zwar eine bloße
27 Vorstellung ist, zuerst realisirt, d. i. zum Object gemacht, darauf hypostasirt,
28 endlich durch einen natürlichen Fortschritt der Vernunft zur Vollendung der Einheit
29 sogar personificirt, wie wir bald anführen werden; weil die regulative Einheit
30 der Erfahrung nicht auf den Erscheinungen selbst (der Sinnlichkeit allein), sondern
31 auf der Verknüpfung ihres Mannigfaltigen durch den Verstand (in einer Apperception)
32 beruht, mithin die Einheit der höchsten Realität und die durchgängige Bestimmbarkeit
33 (Möglichkeit) aller Dinge in einem höchsten Verstande, mithin in einer
34 Intelligenz zu liegen scheint.
[seite 393]
08 Wenn etwas, was es auch sei, existirt, so muß auch eingeräumt werden,
09 daß irgend etwas nothwendigerweise existire. Denn das Zufällige
10 existirt nur unter der Bedingung eines anderen als seiner Ursache,
11 und von dieser gilt der Schluß fernerhin bis zu einer Ursache, die nicht
12 zufällig und eben darum ohne Bedingung nothwendigerweise da ist. Das
13 ist das Argument, worauf die Vernunft ihren Fortschritt zum Urwesen
14 gründet.
15 Nun sieht sich die Vernunft nach dem Begriffe eines Wesens um, das
16 sich zu einem solchen Vorzuge der Existenz als die unbedingte Nothwendigkeit
17 schicke, nicht sowohl um alsdann von dem Begriffe desselben a priori
18 auf sein Dasein zu schließen (denn getrauete sie sich dieses, so dürfte sie
19 überhaupt nur unter bloßen Begriffen forschen und hätte nicht nöthig, ein
20 gegebenes Dasein zum Grunde zu legen), sondern nur um unter allen
21 Begriffen möglicher Dinge denjenigen zu finden, der nichts der absoluten
22 Nothwendigkeit Widerstreitendes in sich hat. Denn daß doch irgend etwas
23 schlechthin nothwendig existiren müsse, hält sie nach dem ersteren Schlusse
24 schon für ausgemacht. Wenn sie nun alles wegschaffen kann, was sich mit
25 dieser Nothwendigkeit nicht verträgt, außer einem: so ist dieses das schlechthin
26 nothwendige Wesen, man mag nun die Nothwendigkeit desselben begreifen,
27 d. i. aus seinem Begriffe allein ableiten können, oder nicht.
28 Nun scheint dasjenige, dessen Begriff zu allem Warum das Darum
29 in sich enthält, das in keinem Stücke und in keiner Absicht defect ist, welches
30 allerwärts als Bedingung hinreicht, eben darum das zur absoluten
31 Nothwendigkeit schickliche Wesen zu sein, weil es bei dem Selbstbesitz aller
32 Bedingungen zu allem Möglichen selbst keiner Bedingung bedarf, ja derselben
33 nicht einmal fähig ist, folglich wenigstens in einem Stücke dem Begriffe
34 der unbedingten Nothwendigkeit ein Genüge thut, darin es kein [op 614]
35 anderer Begriff ihm gleichthun kann, der, weil er mangelhaft und der Ergänzung
36 bedürftig ist, kein solches Merkmal der Unabhängigkeit von allen
37 ferneren Bedingungen an sich zeigt. Es ist wahr, daß hieraus noch nicht
[seite 394]
07 Der Begriff eines Wesens von der höchsten Realität würde sich also
08 unter allen Begriffen möglicher Dinge zu dem Begriffe eines unbedingt
09 nothwendigen Wesens am besten schicken, und wenn er diesem auch nicht
10 völlig genugthut, so haben wir doch keine Wahl, sondern sehen uns genöthigt,
11 uns an ihn zu halten; weil wir die Existenz eines nothwendigen
12 Wesens nicht in den Wind schlagen dürfen, geben wir sie aber zu, doch in
13 dem ganzen Felde der Möglichkeit nichts finden können, was auf einen
14 solchen Vorzug im Dasein einen gegründetern Anspruch machen könnte.
15 So ist also der natürliche Gang der menschlichen Vernunft beschaffen.
16 Zuerst überzeugt sie sich vom Dasein irgend eines nothwendigen Wesens.
17 In diesem erkennt sie eine unbedingte Existenz. Nun sucht sie den Begriff [op 615]
18 des Unabhängigen von aller Bedingung und findet ihn in dem, was selbst
19 die zureichende Bedingung zu allem andern ist, d. i. in demjenigen, was
20 alle Realität enthält. Das All aber ohne Schranken ist absolute Einheit
21 und führt den Begriff eines einigen, nämlich des höchsten Wesens bei sich;
22 und so schließt sie, daß das höchste Wesen als Urgrund aller Dinge schlechthin
23 nothwendiger Weise da sei.
24 Diesem Begriffe kann eine gewisse Gründlichkeit nicht gestritten werden,
25 wenn von Entschließungen die Rede ist, nämlich wenn einmal das
26 Dasein irgend eines nothwendigen Wesens zugegeben wird, und man darin
27 übereinkommt, daß man seine Partei ergreifen müsse, worin man dasselbe
28 setzen wolle; denn alsdann kann man nicht schicklicher wählen, oder
29 man hat vielmehr keine Wahl, sondern ist genöthigt, der absoluten Einheit
30 der vollständigen Realität als dem Urquelle der Möglichkeit seine Stimme
31 zu geben. Wenn uns aber nichts treibt, uns zu entschließen, und wir lieber
32 diese ganze Sache dahin gestellt sein ließen, bis wir durch das volle Gewicht
33 der Beweisgründe zum Beifalle gezwungen würden, d. i. wenn es
34 bloß um Beurtheilung zu thun ist, wie viel wir von dieser Aufgabe
35 wissen, und was wir uns nur zu wissen schmeicheln: dann erscheint obiger
36 Schluß bei weitem nicht in so vortheilhafter Gestalt und bedarf Gunst, um
37 den Mangel seiner Rechtsansprüche zu ersetzen.
[seite 395]
01 Denn wenn wir alles so gut sein lassen, wie es hier vor uns liegt: [op 616]
02 daß nämlich erstlich von irgend einer gegebenen Existenz (allenfalls auch
03 bloß meiner eigenen) ein richtiger Schluß auf die Existenz eines unbedingt
04 nothwendigen Wesens stattfinde; zweitens daß ich ein Wesen, welches
05 alle Realität, mithin auch alle Bedingung enthält, als schlechthin
06 unbedingt Ansehen müsse, folglich der Begriff des Dinges, welches sich zur
07 absoluten Nothwendigkeit schickt, hiedurch gefunden sei: so kann daraus
08 doch gar nicht geschlossen werden, daß der Begriff eines eingeschränkten
09 Wesens, das nicht die höchste Realität hat, darum der absoluten Nothwendigkeit
10 widerspreche. Denn ob ich gleich in seinem Begriffe nicht das Unbedingte
11 antreffe, was das All der Bedingungen schon bei sich führt, so
12 kann daraus doch gar nicht gefolgert werden, daß sein Dasein eben darum
13 bedingt sein müsse; so wie ich in einem hypothetischen Vernunftschlusse nicht
14 sagen kann: wo eine gewisse Bedingung (nämlich hier der Vollständigkeit
15 nach Begriffen) nicht ist, da ist auch das Bedingte nicht. Es wird uns
16 vielmehr unbenommen bleiben, alle übrige eingeschränkte Wesen eben so
17 wohl für unbedingt nothwendig gelten zu lassen, ob wir gleich ihre Nothwendigkeit
18 aus dem allgemeinen Begriffe, den wir von ihnen haben, nicht
19 schließen können. Auf diese Weise aber hätte dieses Argument uns nicht
20 den mindesten Begriff von Eigenschaften eines nothwendigen Wesens verschafft
21 und überall gar nichts geleistet.
22 Gleichwohl bleibt diesem Argumente eine gewisse Wichtigkeit und ein [op 617]
23 Ansehen, das ihm wegen dieser objectiven Unzulänglichkeit noch nicht sofort
24 genommen werden kann. Denn setzet, es gebe Verbindlichkeiten, die
25 in der Idee der Vernunft ganz richtig, aber ohne alle Realität der Anwendung
26 auf uns selbst, d. i. ohne Triebfedern, sein würden, wo nicht ein
27 höchstes Wesen vorausgesetzt würde, das den praktischen Gesetzen Wirkung
28 und Nachdruck geben könnte: so würden wir auch eine Verbindlichkeit
29 haben, den Begriffen zu folgen, die, wenn sie gleich nicht objectiv zulänglich
30 sein möchten, doch nach dem Maße unserer Vernunft überwiegend
31 sind, und in Vergleichung mit denen wir doch nichts Besseres und Überführenderes
32 erkennen. Die Pflicht zu wählen würde hier die Unschlüssigkeit
33 der Speculation durch einen praktischen Zusatz aus dem Gleichgewichte
34 bringen, ja die Vernunft würde bei ihr selbst, als dem nachsehendsten
35 Richter, keine Rechtfertigung finden, wenn sie unter dringenden Bewegursachen,
36 obzwar nur mangelhafter Einsicht, diesen Gründen ihres Urtheils,
37 über die wir doch wenigstens keine bessere kennen, nicht gefolgt wäre.
[seite 396]
01 Dieses Argument, ob es gleich in der That transscendental ist, indem
02 es auf der inneren Unzulänglichkeit des Zufälligen beruht, ist doch so einfältig
03 und natürlich, daß es dem gemeinsten Menschensinne angemessen ist,
04 so bald dieser nur einmal darauf geführt wird. Man sieht Dinge sich verändern,
05 entstehen und vergehen; sie müssen also, oder wenigstens ihr Zustand,
06 eine Ursache haben. Von jeder Ursache aber, die jemals in der Erfahrung [op 618]
07 gegeben werden mag, läßt sich eben dieses wiederum fragen.
08 Wohin sollen wir nun die oberste Causalität billiger verlegen als dahin,
09 wo auch die höchste Causalität ist, d. i. in dasjenige Wesen, was zu jeder
10 möglichen Wirkung die Zulänglichkeit in sich selbst ursprünglich enthält,
11 dessen Begriff auch durch den einzigen Zug einer allbefassenden Vollkommenheit
12 sehr leicht zu Stande kommt. Diese höchste Ursache halten wir
13 denn für schlechthin nothwendig, weil wir es schlechterdings nothwendig
14 finden, bis zu ihr hinaufzusteigen, und keinen Grund, über sie noch weiter
15 hinaus zu gehen. Daher sehen wir bei allen Völkern durch ihre blindeste
16 Vielgötterei doch einige Funken des Monotheismus durchschimmern, wozu
17 nicht Nachdenken und tiefe Speculation, sondern nur ein nach und nach
18 verständlich gewordener natürlicher Gang des gemeinen Verstandes geführt
19 hat.
22 Alle Wege, die man in dieser Absicht einschlagen mag, fangen entweder
23 von der bestimmten Erfahrung und der dadurch erkannten besonderen
24 Beschaffenheit unserer Sinnenwelt an und steigen von ihr nach
25 Gesetzen der Causalität bis zur höchsten Ursache außer der Welt hinauf;
26 oder sie legen nur unbestimmte Erfahrung, d. i. irgend ein Dasein, empirisch
27 zum Grunde; oder sie abstrahiren endlich von aller Erfahrung und
28 schließen gänzlich a priori aus bloßen Begriffen auf das Dasein einer [op 619]
29 höchsten Ursache. Der erste Beweis ist der physikotheologische, der
30 zweite der kosmologische, der dritte der ontologische Beweis. Mehr
31 giebt es ihrer nicht, und mehr kann es auch nicht geben.
32 Ich werde darthun: daß die Vernunft auf dem einen Wege (dem empirischen)
33 so wenig, als auf dem anderen (dem transscendentalen) etwas
34 ausrichte, und daß sie vergeblich ihre Flügel ausspanne, um über die
35 Sinnenwelt durch die bloße Macht der Speculation hinaus zu kommen.
36 Was aber die Ordnung betrifft, in welcher diese Beweisarten der Prüfung
37 vorgelegt werden müssen, so wird sie gerade die umgekehrte von derjenigen
[seite 397]
13 Man sieht aus dem bisherigen leicht: daß der Begriff eines absolut
14 nothwendigen Wesens ein reiner Vernunftbegriff, d. i. eine bloße Idee, sei,
15 deren objective Realität dadurch, daß die Vernunft ihrer bedarf, noch lange
16 nicht bewiesen ist, welche auch nur auf eine gewisse, obzwar unerreichbare
17 Vollständigkeit Anweisung giebt und eigentlich mehr dazu dient, den Verstand
18 zu begrenzen, als ihn auf neue Gegenstände zu erweitern. Es findet
19 sich hier nun das Befremdliche und Widersinnische, daß der Schluß von
20 einem gegebenen Dasein überhaupt auf irgend ein schlechthin nothwendiges
21 Dasein dringend und richtig zu sein scheint, und wir gleichwohl alle
22 Bedingungen des Verstandes, sich einen Begriff von einer solchen Nothwendigkeit
23 zu machen, gänzlich wider uns haben.
24 Man hat zu aller Zeit von dem absolut nothwendigen Wesen geredet
25 und sich nicht sowohl Mühe gegeben, zu verstehen, ob und wie man sich
26 ein Ding von dieser Art auch nur denken könne, als vielmehr dessen Dasein
27 zu beweisen. Nun ist zwar eine Namenerklärung von diesem Begriffe ganz
28 leicht, daß es nämlich so etwas sei, dessen Nichtsein unmöglich ist; aber [op 621]
29 man wird hiedurch um nichts klüger in Ansehung der Bedingungen, die
30 es unmöglich machen, das Nichtsein eines Dinges als schlechterdings undenklich
31 anzusehen, und die eigentlich dasjenige sind, was man wissen will,
32 nämlich ob wir uns durch diesen Begriff überall etwas denken, oder nicht.
33 Denn alle Bedingungen, die der Verstand jederzeit bedarf, um etwas als
[seite 398]
05 Noch mehr: diesen auf das bloße Gerathewohl gewagten und endlich
06 ganz geläufig gewordenen Begriff hat man noch dazu durch eine Menge
07 Beispiele zu erklären geglaubt, so daß alle weitere Nachfrage wegen seiner
08 Verständlichkeit ganz unnöthig geschienen. Ein jeder Satz der Geometrie,
09 z. B. daß ein Triangel drei Winkel habe, ist schlechthin nothwendig; und
10 so redete man von einem Gegenstande, der ganz außerhalb der Sphäre
11 unseres Verstandes liegt, als ob man ganz wohl Verstände, was man mit
12 dem Begriffe von ihm sagen wolle.
13 Alle vorgegebene Beispiele sind ohne Ausnahme nur von Urtheilen,
14 aber nicht von Dingen und deren Dasein hergenommen. Die unbedingte
15 Nothwendigkeit der Urtheile aber ist nicht eine absolute Nothwendigkeit
16 der Sachen. Denn die absolute Nothwendigkeit des Urtheils ist nur eine [op 622]
17 bedingte Nothwendigkeit der Sache, oder des Prädicats im Urtheile. Der
18 vorige Satz sagte nicht, daß drei Winkel schlechterdings nothwendig sind,
19 sondern, unter der Bedingung, daß ein Triangel da ist (gegeben ist), sind
20 auch drei Winkel (in ihm) nothwendiger Weise da. Gleichwohl hat diese
21 logische Nothwendigkeit eine so große Macht ihrer Illusion bewiesen, daß,
22 indem man sich einen Begriff a priori von einem Dinge gemacht hatte,
23 der so gestellt war, daß man seiner Meinung nach das Dasein mit in seinen
24 Umfang begriff, man daraus glaubte sicher schließen zu können, daß, weil
25 dem Object dieses Begriffs das Dasein nothwendig zukommt, d. i. unter
26 der Bedingung, daß ich dieses Ding als gegeben (existirend) setze, auch
27 sein Dasein nothwendig (nach der Regel der Identität) gesetzt werde, und
28 dieses Wesen daher selbst schlechterdings nothwendig sei, weil sein Dasein
29 in einem nach Belieben angenommenen Begriffe und unter der Bedingung,
30 daß ich den Gegenstand desselben setze, mit gedacht wird.
31 Wenn ich das Prädicat in einem identischen Urtheile aufhebe und
32 behalte das Subject, so entspringt ein Widerspruch, und daher sage ich:
33 jenes kommt diesem nothwendiger Weise zu. Hebe ich aber das Subject
34 zusammt dem Prädicate auf, so entspringt kein Widerspruch; denn es ist
35 nichts mehr, welchem widersprochen werden könnte. Einen Triangel
36 setzen und doch die drei Winkel desselben aufheben, ist widersprechend, aber
37 den Triangel sammt seinen drei Winkeln aufheben, ist kein Widerspruch.
[seite 399]
13 Ihr habt also gesehen, daß, wenn ich das Prädicat eines Urtheils
14 zusammt dem Subjecte aufhebe, niemals ein innerer Widerspruch entspringen
15 könne, das Prädicat mag auch sein, welches es wolle. Nun bleibt
16 euch keine Ausflucht übrig als, ihr müßt sagen: es giebt Subjecte, die gar
17 nicht aufgehoben werden können, die also bleiben müssen. Das würde
18 aber eben so viel sagen als: es giebt schlechterdings nothwendige Subjecte;
19 eine Voraussetzung, an deren Richtigkeit ich eben gezweifelt habe, und
20 deren Möglichkeit ihr mir zeigen wolltet. Denn ich kann mir nicht den
21 geringsten Begriff von einem Dinge machen, welches, wenn es mit allen [op 624]
22 seinen Prädicaten aufgehoben würde, einen Widerspruch zurück ließe; und
23 ohne den Widerspruch habe ich durch bloße reine Begriffe a priori kein
24 Merkmal der Unmöglichkeit.
25 Wider alle diese allgemeine Schlüsse (deren sich kein Mensch weigern
26 kann) fordert ihr mich durch einen Fall auf, den ihr als einen Beweis
27 durch die That aufstellet: daß es doch einen und zwar nur diesen Einen
28 Begriff gebe, da das Nichtsein oder das Aufheben seines Gegenstandes in
29 sich selbst widersprechend sei; und dieses ist der Begriff des allerrealsten
30 Wesens. Es hat, sagt ihr, alle Realität, und ihr seid berechtigt, ein solches
31 Wesen als möglich anzunehmen (welches ich für jetzt einwillige, obgleich der
32 sich nicht widersprechende Begriff noch lange nicht die Möglichkeit des Gegenstandes
33 beweiset)*). Nun ist unter aller Realität auch das Dasein mit
34 *) Der Begriff ist allemal möglich, wenn er sich nicht widerspricht. Das
35 ist das logische Merkmal der Möglichkeit, und dadurch wird sein Gegenstand vom
36 nihil negativum unterschieden. Allein er kann nichts destoweniger ein leerer Begriff'
32 sein, wenn die objective Realität der Synthesis, dadurch der Begriff erzeugt wird,
33 nicht besonders dargethan wird; welches aber jederzeit, wie oben gezeigt worden,
34 auf Principien möglicher Erfahrung und nicht auf dem Grundsatze der Analysis
35 (dem Satze des Widerspruchs) beruht. Das ist eine Warnung, von der Möglichkeit
36 der Begriffe (logische) nicht sofort auf die Möglichkeit der Dinge (reale) zu
37 schließen.
[seite 400]
04 Ich antworte: Ihr habt schon einen Widerspruch begangen, wenn ihr
05 in den Begriff eines Dinges, welches ihr lediglich seiner Möglichkeit nach
06 denken wolltet, es sei unter welchem versteckten Namen, schon den Begriff
07 seiner Existenz hinein brachtet. Räumt man euch dieses ein, so habt ihr
08 dem Scheine nach gewonnen Spiel, in der That aber nichts gesagt; denn
09 ihr habt eine bloße Tautologie begangen. Ich frage euch, ist der Satz:
10 dieses oder jenes Ding (welches ich euch als möglich einräume, es
11 mag sein, welches es wolle) existirt; ist, sage ich, dieser Satz ein analytischer
12 oder synthetischer Satz? Wenn er das erstere ist, so thut ihr durch
13 das Dasein des Dinges zu eurem Gedanken von dem Dinge nichts hinzu;
14 aber alsdann müßte entweder der Gedanke, der in euch ist, das Ding
15 selber sein, oder ihr habt ein Dasein als zur Möglichkeit gehörig vorausgesetzt
16 und alsdann das Dasein dem Vorgeben nach aus der inneren Möglichkeit
17 geschlossen, welches nichts als eine elende Tautologie ist. Das
18 Wort: Realität, welches im Begriffe des Dinges anders klingt, als Existenz
19 im Begriffe des Prädicats, macht es nicht aus. Denn wenn ihr
20 auch alles Setzen (unbestimmt, was ihr setzt) Realität nennt, so habt ihr
21 das Ding schon mit allen seinen prädicaten im Begriffe des Subjects [op 626]
22 gesetzt und als wirklich angenommen, und im Prädicate wiederholt ihr es
23 nur. Gesteht ihr dagegen, wie es billigermaßen jeder Vernünftige gestehen
24 muß, daß ein jeder Existenzialsatz synthetisch sei: wie wollet ihr denn behaupten,
25 daß das Prädicat der Existenz sich ohne Widerspruch nicht aufheben
26 lasse? Da dieser Vorzug nur den analytischen, als deren Charakter
27 eben darauf beruht, eigenthümlich zukommt.
28 Ich würde zwar hoffen, diese grüblerische Argutation ohne allen Umschweif
29 durch eine genaue Bestimmung des Begriffs der Existenz zu nichte
30 zu machen, wenn ich nicht gefunden hätte, daß die Illusion in Verwechselung
31 eines logischen Prädicats mit einem realen (d. i. der Bestimmung
[seite 401]
07 Sein ist offenbar kein reales Prädicat, d. i. ein Begriff von irgend
08 etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist
09 bloß die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst.
10 Im logischen Gebrauche ist es lediglich die Copula eines Urtheils. Der
11 Satz: Gott ist allmächtig, enthält zwei Begriffe, die ihre Objecte
12 haben: Gott und Allmacht; das Wörtchen: ist, ist noch nicht ein Prädicat [op 627]
13 obenein, sondern nur das, was das Prädicat beziehungsweise aufs
14 Subject setzt. Nehme ich nun das Subject (Gott) mit allen seinen Prädicaten
15 (worunter auch die Allmacht gehört) zusammen und sage: Gott ist,
16 oder es ist ein Gott, so setze ich kein neues Prädicat zum Begriffe von
17 Gott, sondern nur das Subject an sich selbst mit allen seinen Prädicaten
18 und zwar den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff. Beide
19 müssen genau einerlei enthalten, und es kann daher zu dem Begriffe, der
20 bloß die Möglichkeit ausdrückt, darum daß ich dessen Gegenstand als
21 schlechthin gegeben (durch den Ausdruck: er ist) denke, nichts weiter hinzukommen.
22 Und so enthält das Wirkliche nichts mehr als das bloß Mögliche.
23 Hundert wirkliche Thaler enthalten nicht das Mindeste mehr, als
24 hundert mögliche. Denn da diese den Begriff, jene aber den Gegenstand
25 und dessen Position an sich selbst bedeuten, so würde, im Fall dieser mehr
26 enthielte als jener, mein Begriff nicht den ganzen Gegenstand ausdrücken
27 und also auch nicht der angemessene Begriff von ihm sein. Aber in meinem
28 Vermögenszustande ist mehr bei hundert wirklichen Thalern, als bei
29 dem bloßen Begriffe derselben (d. i. ihrer Möglichkeit). Denn der Gegenstand
30 ist bei der Wirklichkeit nicht bloß in meinem Begriffe analytisch enthalten,
31 sondern kommt zu meinem Begriffe (der eine Bestimmung meines
32 Zustandes ist) synthetisch hinzu, ohne daß durch dieses Sein außerhalb
33 meinem Begriffe diese gedachte hundert Thaler selbst im mindesten vermehrt
34 werden.
35 Wenn ich also ein Ding, durch welche und wie viel Prädicate ich will,
36 (selbst in der durchgängigen Bestimmung) denke, so kommt dadurch, da
37 ich noch hinzusetze: dieses Ding ist, nicht das mindeste zu dem Dinge
[seite 402]
26 Unser Begriff von einem Gegenstande mag also enthalten, was und
27 wie viel er wolle, so müssen wir doch aus ihm herausgehen, um diesem die
28 Existenz zu ertheilen. Bei Gegenständen der Sinne geschieht dieses durch
29 den Zusammenhang mit irgend einer meiner Wahrnehmungen nach empirischen
30 Gesetzen; aber für Objecte des reinen Denkens ist ganz und gar
31 kein Mittel, ihr Dasein zu erkennen, weil es gänzlich a priori erkannt
32 werden müßte; unser Bewußtsein aller Existenz aber (es sei durch Wahrnehmung
33 unmittelbar, oder durch Schlüsse, die etwas mit der Wahrnehmung
34 verknüpfen) gehört ganz und gar zur Einheit der Erfahrung; und
35 eine Existenz außer diesem Felde kann zwar nicht schlechterdings für unmöglich
36 erklärt werden, sie ist aber eine Voraussetzung, die wir durch
37 nichts rechtfertigen können.
[seite 403]
01 Der Begriff eines höchsten Wesens ist eine in mancher Absicht sehr
02 nützliche Idee; sie ist aber eben darum, weil sie bloß Idee ist, ganz unfähig,
03 um vermittelst ihrer allein unsere Erkenntniß in Ansehung dessen, [op 630]
04 was existirt, zu erweitern. Sie vermag nicht einmal so viel, daß sie uns
05 in Ansehung der Möglichkeit eines mehreren belehrte. Das analytische
06 Merkmal der Möglichkeit, das darin besteht, daß bloße Positionen (Realitäten)
07 keinen Widerspruch erzeugen, kann ihm zwar nicht gestritten werden;
08 da aber die Verknüpfung aller realen Eigenschaften in einem Dinge
09 eine Synthesis ist, über deren Möglichkeit wir a priori nicht urtheilen
10 können, weil uns die Realitäten specifisch nicht gegeben sind, und, wenn
11 dieses auch geschähe, überall gar kein Urtheil darin stattfindet, weil das
12 Merkmal der Möglichkeit synthetischer Erkenntnisse immer nur in der Erfahrung
13 gesucht werden muß, zu welcher aber der Gegenstand einer Idee
14 nicht gehören kann: so hat der berühmte LeibnizPI bei weitem das nicht
15 geleistet, wessen er sich schmeichelte, nämlich eines so erhabenen idealischen
16 Wesens Möglichkeit a priori einsehen zu wollen.
17 Es ist also an dem so berühmten ontologischen (cartesianischen) Beweise
18 vom Dasein eines höchsten Wesens aus Begriffen alle Mühe und
19 Arbeit verloren, und ein Mensch möchte wohl eben so wenig aus bloßen
20 Ideen an Einsichten reicher werden, als ein Kaufmann an Vermögen,
21 wenn er, um seinen Zustand zu verbessern, seinem Cassenbestande einige
22 Nullen anhängen wollte.
27 Es war etwas ganz Unnatürliches und eine bloße Neuerung des
28 Schulwitzes, aus einer ganz willkürlich entworfenen Idee das Dasein des
29 ihr entsprechenden Gegenstandes selbst ausklauben zu wollen. In der
30 That würde man es nie auf diesem Wege versucht haben, wäre nicht das
31 Bedürfniß unserer Vernunft, zur Existenz überhaupt irgend etwas Nothwendiges
32 (bei dem man im Aufsteigen stehen bleiben könne) anzunehmen,
[seite 404]
15 Der kosmologische Beweis, den wir jetzt untersuchen wollen, behält
16 die Verknüpfung der absoluten Nothwendigkeit mit der höchsten Realität
17 bei; aber anstatt wie der vorige von der höchsten Realität auf die Nothwendigkeit
18 im Dasein zu schließen, schließt er vielmehr von der zum voraus
19 gegebenen unbedingten Nothwendigkeit irgend eines Wesens auf dessen
20 unbegränzte Realität und bringt so fern alles wenigstens in das Geleis
21 einer, ich weiß nicht ob vernünftigen oder vernünftelnden, wenigstens natürlichen
22 Schlußart, welche nicht allein für den gemeinen, sondern auch
23 den speculativen Verstand die meiste Überredung bei sich führt; wie sie
24 denn auch sichtbarlich zu allen Beweisen der natürlichen Theologie die
25 ersten Grundlinien zieht, denen man jederzeit nachgegangen ist und ferner
26 nachgehen wird, man mag sie nun durch noch so viel Laubwerk und
27 Schnörkel verzieren und verstecken, als man immer will. Diesen Beweis,
28 den LeibnizPI auch den a contingentia mundi nannte, wollen wir jetzt vor
29 Augen stellen und der Prüfung unterwerfen.
30 Er lautet also: Wenn etwas existirt, so muß auch ein schlechterdings
31 nothwendiges Wesen existiren. Nun existire zum mindesten ich selbst:
32 also existirt ein absolut nothwendiges Wesen. Der Untersatz enthält eine [op 633]
33 Erfahrung, der Obersatz die Schlußfolge aus einer Erfahrung überhaupt
34 auf das Dasein des Nothwendigen*). Also hebt der Beweis eigentlich
35 *) Diese Schlußfolge ist zu bekannt, als daß es nöthig wäre, sie hier weitläuftig
36 vorzutragen. Sie beruht auf dem vermeintlich transscendentalen Naturgesetz'
33 der Causalität: daß alles Zufällige seine Ursache habe, die, wenn sie
34 wiederum zufällig ist, eben sowohl eine Ursache haben muß, bis die Reihe der
35 einander untergeordneten Ursachen sich bei einer schlechthin nothwendigen Ursache
36 endigen muß, ohne welche sie keine Vollständigkeit haben würde.
[seite 405]
09 Nun schließt der Beweis weiter: das nothwendige Wesen kann nur auf
10 eine einzige Art, d. i. in Ansehung aller möglichen entgegengesetzten Prädicate
11 nur durch eines derselben, bestimmt werden, folglich muß es durch
12 seinen Begriff durchgängig bestimmt sein. Nun ist nur ein einziger Begriff
13 von einem Dinge möglich, der dasselbe a priori durchgängig bestimmt,
14 nämlich der des entis realissimi . Also ist der Begriff des allerrealsten [op 634]
15 Wesens der einzige, dadurch ein nothwendiges Wesen gedacht werden kann,
16 d. i. es existirt ein höchstes Wesen nothwendiger Weise.
17 In diesem kosmologischen Argumente kommen so viel vernünftelnde
18 Grundsätze zusammen, daß die speculative Vernunft hier alle ihre dialektische
19 Kunst aufgeboten zu haben scheint, um den größtmöglichen transscendentalen
20 Schein zu Stande zu bringen. Wir wollen ihre Prüfung indessen
21 eine Weile bei Seite setzen, um nur eine List derselben offenbar zu
22 machen, mit welcher sie ein altes Argument in verkleideter Gestalt für ein
23 neues aufstellt und sich auf zweier Zeugen Einstimmung beruft, nämlich
24 einen reinen Vernunftzeugen und einen anderen von empirischer Beglaubigung,
25 da es doch nur der erstere allein ist, welcher bloß seinen Anzug
26 und Stimme verändert, um für einen zweiten gehalten zu werden. Um
27 seinen Grund recht sicher zu legen, fußt sich dieser Beweis auf Erfahrung
28 und giebt sich dadurch das Ansehen, als sei er vom ontologischen Beweise
29 unterschieden, der auf lauter reine Begriffe a priori sein ganzes Vertrauen
30 setzt. Dieser Erfahrung aber bedient sich der kosmologische Beweis nur,
31 um einen einzigen Schritt zu thun, nämlich zum Dasein eines nothwendigen
32 Wesens überhaupt. Was dieses für Eigenschaften habe, kann der
[seite 406]
30 Alle Blendwerke im Schließen entdecken sich am leichtesten, wenn
31 man sie auf schulgerechte Art vor Augen stellt. Hier ist eine solche Darstellung.
33 Wenn der Satz richtig ist: ein jedes schlechthin nothwendige Wesen
34 ist zugleich das allerrealste Wesen (als welches der nervus probandi des
35 kosmologischen Beweises ist), so muß er sich wie alle bejahende Urtheile
36 wenigstens per accidens umkehren lassen; also: einige allerrealste Wesen
37 sind zugleich schlechthin nothwendige Wesen. Nun ist aber ein ens realissimum
[seite 407]
10 So ist denn der zweite Weg, den die speculative Vernunft nimmt,
11 um das Dasein des höchsten Wesens zu beweisen, nicht allein mit dem
12 ersten gleich trüglich, sondern hat noch dieses Tadelhafte an sich, daß er
13 eine ignoratio elenchi begeht, indem er uns verheißt, einen neuen Fußsteig
14 zu führen, aber nach einem kleinen Umschweif uns wiederum auf den
15 alten zurückbringt, den wir seinetwegen verlassen hatten.
16 Ich habe kurz vorher gesagt, daß in diesem kosmologischen Argumente
17 sich ein ganzes Nest von dialektischen Anmaßungen verborgen halte,
18 welches die transscendentale Kritik leicht entdecken und zerstören kann.
19 Ich will sie jetzt nur anführen und es dem schon geübten Leser überlassen,
20 den trüglichen Grundsätzen weiter nachzuforschen und sie aufzuheben.
21 Da befindet sich denn z. B. 1) der transscendentale Grundsatz, vom
22 Zufälligen auf eine Ursache zu schließen, welcher nur in der Sinnenwelt
23 von Bedeutung ist, außerhalb derselben aber auch nicht einmal einen Sinn
24 hat. Denn der bloß intellectuelle Begriff des Zufälligen kann gar keinen
25 synthetischen Satz, wie den der Causalität hervorbringen, und der Grundsatz
26 der letzteren hat gar keine Bedeutung und kein Merkmal seines Gebrauchs,
27 als nur in der Sinnenwelt; hier aber sollte er gerade dazu dienen, [op 638]
28 um über die Sinnenwelt hinaus zu kommen. 2) Der Grundsatz, von der
29 Unmöglichkeit einer unendlichen Reihe über einander gegebener Ursachen
30 in der Sinnenwelt auf eine erste Ursache zu schließen, wozu uns die Principien
31 des Vernunftgebrauchs selbst in der Erfahrung nicht berechtigen,
32 viel weniger diesen Grundsatz über dieselbe (wohin diese Kette gar nicht
33 verlängert werden kann) ausdehnen können. 3) Die falsche Selbstbefriedigung
34 der Vernunft in Ansehung der Vollendung dieser Reihe, dadurch da
35 man endlich alle Bedingung, ohne welche doch kein Begriff einer Nothwendigkeit
36 statt finden kann, wegschafft und, da man alsdann nichts weiter begreifen
37 kann, dieses für eine Vollendung seines Begriffs annimmt. 4) Die
[seite 408]
05 Das Kunststück des kosmologischen Beweises zielt bloß darauf ab,
06 um dem Beweise des Daseins eines nothwendigen Wesens a priori durch
07 bloße Begriffe auszuweichen, der ontologisch geführt werden müßte, wozu
08 wir uns aber gänzlich unvermögend fühlen. In dieser Absicht schließen wir
09 aus einem zum Grunde gelegten wirklichen Dasein (einer Erfahrung überhaupt),
10 so gut es sich will thun lassen, auf irgend eine schlechterdings nothwendige
11 Bedingung desselben. Wir haben alsdann dieser ihre Möglichkeit [op 639]
12 nicht nöthig zu erklären. Denn wenn bewiesen ist, daß sie dasei, so ist die
13 Frage wegen ihrer Möglichkeit ganz unnöthig. Wollen wir nun dieses
14 nothwendige Wesen nach seiner Beschaffenheit näher bestimmen, so suchen
15 wir nicht dasjenige, was hinreichend ist, aus seinem Begriffe die Nothwendigkeit
16 des Daseins zu begreifen; denn könnten wir dieses, so hätten
17 wir keine empirische Voraussetzung nöthig; nein, wir suchen nur die negative
18 Bedingung ( conditio sine qua non ), ohne welche ein Wesen nicht absolut
19 nothwendig sein würde. Nun würde das in aller andern Art von
20 Schlüssen aus einer gegebenen Folge auf ihren Grund wohl angehen; es
21 trifft sich aber hier unglücklicher Weise, daß die Bedingung, die man zur
22 absoluten Nothwendigkeit fordert, nur in einem einzigen Wesen angetroffen
23 werden kann, welches daher in seinem Begriffe alles, was zur absoluten
24 Nothwendigkeit erforderlich ist, enthalten müßte und also einen Schlu
25 a priori auf dieselbe möglich macht; d. i. ich müßte auch umgekehrt schließen
26 können: welchem Dinge dieser Begriff (der höchsten Realität) zukommt,
27 das ist schlechterdings nothwendig; und kann ich so nicht schließen (wie
28 ich denn dieses gestehen muß, wenn ich den ontologischen Beweis vermeiden
29 will), so bin ich auch auf meinem neuen Wege verunglückt und befinde
30 mich wiederum da, von wo ich ausging. Der Begriff des höchsten Wesens
31 thut wohl allen Fragen a priori ein Genüge, die wegen der inneren Bestimmungen
32 eines Dinges können aufgeworfen werden, und ist darum [op 640]
33 auch ein Ideal ohne Gleichen, weil der allgemeine Begriff dasselbe zugleich
34 als ein Individuum unter allen möglichen Dingen auszeichnet. Er thut
35 aber der Frage wegen seines eigenen Daseins gar kein Genüge, als warum
36 es doch eigentlich nur zu thun war, und man konnte auf die Erkundigung
37 dessen, der das Dasein eines nothwendigen Wesens annahm und wissen
[seite 409]
03 Es mag wohl erlaubt sein, das Dasein eines Wesens von der höchsten
04 Zulänglichkeit als Ursache zu allen möglichen Wirkungen anzunehmen,
05 um der Vernunft die Einheit der Erklärungsgründe, welche sie sucht, zu
06 erleichtern. Allein sich so viel herauszunehmen, daß man sogar sage: ein
07 solches Wesen existirt nothwendig, ist nicht mehr die bescheidene
08 Äußerung einer erlaubten Hypothese, sondern die dreiste Anmaßung einer
09 apodiktischen Gewißheit; denn was man als schlechterdings nothwendig zu
10 erkennen vorgiebt, davon muß auch die Erkenntniß absolute Nothwendigkeit
11 bei sich führen.
12 Die ganze Aufgabe des transscendentalen Ideals kommt darauf an:
13 entweder zu der absoluten Nothwendigkeit einen Begriff, oder zu dem Begriffe
14 von irgend einem Dinge die absolute Nothwendigkeit desselben zu
15 finden. Kann man das eine, so muß man auch das andere können; denn
16 als schlechthin nothwendig erkennt die Vernunft nur dasjenige, was aus [op 641]
17 seinem Begriffe nothwendig ist. Aber beides übersteigt gänzlich alle äußerste
18 Bestrebungen, unseren Verstand über diesen Punkt zu befriedigen, aber
19 auch alle Versuche, ihn wegen dieses seines Unvermögens zu beruhigen.
20 Die unbedingte Nothwendigkeit, die wir als den letzten Träger aller
21 Dinge so unentbehrlich bedürfen, ist der wahre Abgrund für die menschliche
22 Vernunft. Selbst die Ewigkeit, so schauderhaft erhaben sie auch ein
23 Haller schildern mag, macht lange den schwindelichten Eindruck nicht auf
24 das Gemüth; denn sie mißt nur die Dauer der Dinge, aber trägt sie
25 nicht. Man kann sich des Gedanken nicht erwehren, man kann ihn aber
26 auch nicht ertragen, daß ein Wesen, welches wir uns auch als das höchste
27 unter allen möglichen vorstellen, gleichsam zu sich selbst sage: Ich bin von
28 Ewigkeit zu Ewigkeit, außer mir ist nichts ohne das, was bloß durch
29 meinen Willen etwas ist; aber woher bin ich denn? Hier sinkt alles
30 unter uns, und die größte Vollkommenheit, wie die kleinste schwebt ohne
31 Haltung bloß vor der speculativen Vernunft, der es nichts kostet, die eine
32 so wie die andere ohne die mindeste Hinderniß verschwinden zu lassen.
33 Viele Kräfte der Natur, die ihr Dasein durch gewisse Wirkungen
34 äußern, bleiben für uns unerforschlich; denn wir können ihnen durch Beobachtung
35 nicht weit genug nachspüren. Das den Erscheinungen zum
36 Grunde liegende transscendentale Object und mit demselben der Grund, [op 642]
37 warum unsere Sinnlichkeit diese vielmehr als andere oberste Bedingungen
[seite 410]
16 Beide bisher geführte Beweise waren transscendental, d. i. unabhängig
17 von empirischen Principien, versucht. Denn obgleich der kosmologische
18 eine Erfahrung überhaupt zum Grunde legt, so ist er doch nicht aus
19 irgend einer besonderen Beschaffenheit derselben, sondern aus reinen Vernunftprincipien
20 in Beziehung auf eine durchs empirische Bewußtsein [op 643]
21 überhaupt gegebene Existenz geführt und verläßt sogar diese Anleitung,
22 um sich auf lauter reine Begriffe zu stützen. Was ist nun in diesen transscendentalen
23 Beweisen die Ursache des dialektischen, aber natürlichen
24 Scheins, welcher die Begriffe der Nothwendigkeit und höchsten Realität
25 verknüpft und dasjenige, was doch nur Idee sein kann, realisirt und
26 hypostasirt? Was ist die Ursache der Unvermeidlichkeit, etwas als an sich
27 nothwendig unter den existirenden Dingen anzunehmen und doch zugleich
28 vor dem Dasein eines solchen Wesens als einem Abgrunde zurückzubeben;
29 und wie fängt man es an, daß sich die Vernunft hierüber selbst verstehe
30 und aus dem schwankenden Zustande eines schüchternen und immer
31 wiederum zurückgenommenen Beifalls zur ruhigen Einsicht gelange?
32 Es ist etwas überaus Merkwürdiges, daß, wenn man voraussetzt,
33 etwas existire, man der Folgerung nicht Umgang haben kann, daß auch
34 irgend etwas nothwendigerweise existire. Auf diesem ganz natürlichen
35 (obzwar darum noch nicht sicheren) Schlusse beruhte das kosmologische Argument.
[seite 411]
10 Wenn ich zu existirenden Dingen überhaupt etwas Nothwendiges
11 denken muß, kein Ding aber an sich selbst als nothwendig zu denken befugt
12 bin, so folgt daraus unvermeidlich, daß Nothwendigkeit und Zufälligkeit
13 nicht die Dinge selbst angehen und treffen müsse, weil sonst ein Widerspruch
14 vorgehen würde; mithin keiner dieser beiden Grundsätze objectiv
15 sei, sondern sie allenfalls nur subjective Principien der Vernunft sein
16 können, nämlich einerseits zu allem, was als existirend gegeben ist, etwas
17 zu suchen, das nothwendig ist, d. i. niemals anderswo als bei einer a priori
18 vollendeten Erklärung aufzuhören, andererseits aber auch diese Vollendung
19 niemals zu hoffen, d. i. nichts Empirisches als unbedingt anzunehmen,
20 und sich dadurch fernerer Ableitung zu überheben. In solcher Bedeutung
21 können beide Grundsätze als bloß heuristisch und regulativ, die nichts
22 als das formale Interesse der Vernunft besorgen, ganz wohl bei einander
23 bestehen. Denn der eine sagt: ihr sollt so über die Natur philosophiren,
24 als ob es zu allem, was zur Existenz gehört, einen nothwendigen ersten
25 Grund gebe, lediglich um systematische Einheit in eure Erkenntniß zu
26 bringen, indem ihr einer solchen Idee, nämlich einem eingebildeten obersten [op 645]
27 Grunde, nachgeht; der andere aber warnt euch, keine einzige Bestimmung,
28 die die Existenz der Dinge betrifft, für einen solchen obersten Grund,
29 d. i. als absolut nothwendig, anzunehmen, sondern euch noch immer den
30 Weg zur ferneren Ableitung offen zu erhalten und sie daher jederzeit noch
31 als bedingt zu behandeln. Wenn aber von uns alles, was an den Dingen
32 wahrgenommen wird, als bedingt nothwendig betrachtet werden muß: so
33 kann auch kein Ding (das empirisch gegeben sein mag) als absolut nothwendig
34 angesehen werden.
35 Es folgt aber hieraus, daß ihr das Absolutnothwendige außerhalb
36 der Welt annehmen müßt: weil es nur zu einem Princip der größtmöglichen
37 Einheit der Erscheinungen als deren oberster Grund dienen soll
[seite 412]
04 Die Philosophen des Alterthums sahen alle Form der Natur als zufällig,
05 die Materie aber nach dem Urtheile der gemeinen Vernunft als
06 ursprünglich und nothwendig an. Würden sie aber die Materie nicht als
07 Substratum der Erscheinungen respectiv, sondern an sich selbst ihrem
08 Dasein nach betrachtet haben, so wäre die Idee der absoluten Nothwendigkeit
09 sogleich verschwunden. Denn es ist nichts, was die Vernunft an dieses
10 Dasein schlechthin bindet, sondern sie kann solches jederzeit und ohne
11 Widerstreit in Gedanken aufheben; in Gedanken aber lag auch allein die [op 646]
12 absolute Nothwendigkeit. Es mußte also bei dieser Überredung ein gewisses
13 regulatives Princip zum Grunde liegen. In der That ist auch Ausdehnung
14 und Undurchdringlichkeit (die zusammen den Begriff von Materie
15 ausmachen) das oberste empirische Principium der Einheit der Erscheinungen
16 und hat, so fern als es empirisch unbedingt ist, eine Eigenschaft
17 des regulativen Princips an sich. Gleichwohl, da jede Bestimmung der
18 Materie, welche das Reale derselben ausmacht, mithin auch die Undurchdringlichkeit
19 eine Wirkung (Handlung) ist, die ihre Ursache haben mu
20 und daher immer noch abgeleitet ist, so schickt sich die Materie doch nicht
21 zur Idee eines nothwendigen Wesens als eines Princips aller abgeleiteten
22 Einheit: weil jede ihrer realen Eigenschaften, als abgeleitet, nur bedingt
23 nothwendig ist und also an sich aufgehoben werden kann, hiemit aber das
24 ganze Dasein der Materie aufgehoben werden würde, wenn dieses aber
25 nicht geschähe, wir den höchsten Grund der Einheit empirisch erreicht haben
26 würden, welches durch das zweite regulative Princip verboten wird. So
27 folgt, daß die Materie und überhaupt, was zur Welt gehörig ist, zu der
28 Idee eines nothwendigen Urwesens als eines bloßen Princips der größten
29 empirischen Einheit nicht schicklich sei, sondern daß es außerhalb der Welt
30 gesetzt werden müsse; da wir denn die Erscheinungen der Welt und ihr
31 Dasein immer getrost von anderen ableiten können, als ob es kein nothwendiges
32 Wesen gäbe, und dennoch zu der Vollständigkeit der Ableitung [op 647]
33 unaufhörlich streben können, als ob ein solches als ein oberster Grund
34 vorausgesetzt wäre.
35 Das Ideal des höchsten Wesens ist nach diesen Betrachtungen nichts
36 anders, als ein regulatives Princip der Vernunft, alle Verbindung
37 in der Welt so anzusehen, als ob sie aus einer allgenugsamen nothwendigen
[seite 413]
27 Wenn denn weder der Begriff von Dingen überhaupt, noch die Erfahrung
28 von irgend einem Dasein überhaupt das, was gefordert wird,
29 leisten kann, so bleibt noch ein Mittel übrig: zu versuchen, ob nicht eine
30 bestimmte Erfahrung, mithin die der Dinge der gegenwärtigen Welt,
31 ihre Beschaffenheit und Anordnung, einen Beweisgrund abgebe, der uns
32 sicher zur Überzeugung von dem Dasein eines höchsten Wesens verhelfen
33 könne. Einen solchen Beweis würden wir den physikotheologischen
[seite 414]
04 Man wird nach allen obigen Bemerkungen bald einsehen, daß der
05 Bescheid auf diese Nachfrage ganz leicht und bündig erwartet werden
06 könne. Denn wie kann jemals Erfahrung gegeben werden, die einer Idee
07 angemessen sein sollte? Darin besteht eben das Eigenthümliche der
08 letzteren, daß ihr niemals irgend eine Erfahrung congruiren könne. Die
09 transscendentale Idee von einem nothwendigen allgenugsamen Urwesen
10 ist so überschwenglich groß, so hoch über alles Empirische, das jederzeit
11 bedingt ist, erhaben, daß man theils niemals Stoff genug in der Erfahrung
12 auftreiben kann, um einen solchen Begriff zu füllen, theils immer
13 unter dem Bedingten herumtappt und stets vergeblich nach dem Unbedingten,
14 wovon uns kein Gesetz irgend einer empirischen Synthesis ein
15 Beispiel oder dazu die mindeste Leitung giebt, suchen wird.
16 Würde das höchste Wesen in dieser Kette der Bedingungen stehen,
17 so würde es selbst ein Glied der Reihe derselben sein und eben so, wie die
18 niederen Glieder, denen es vorgesetzt ist, noch fernere Untersuchung wegen
19 seines noch höheren Grundes erfordern. Will man es dagegen von dieser
20 Kette trennen und als ein bloß intelligibeles Wesen nicht in der Reihe der
21 Naturursachen mitbegreifen: welche Brücke kann die Vernunft alsdann
22 wohl schlagen, um zu demselben zu gelangen, da alle Gesetze des Überganges
23 von Wirkungen zu Ursachen, ja alle Synthesis und Erweiterung
24 unserer Erkenntniß überhaupt auf nichts anderes als mögliche Erfahrung, [op 650]
25 mithin bloß auf Gegenstände der Sinnenwelt gestellt sind und nur in
26 Ansehung ihrer eine Bedeutung haben können?
27 Die gegenwärtige Welt eröffnet uns einen so unermeßlichen Schauplatz
28 von Mannigfaltigkeit, Ordnung, Zweckmäßigkeit und Schönheit, man
29 mag diese nun in der Unendlichkeit des Raumes, oder in der unbegrenzten
30 Theilung desselben verfolgen, daß selbst nach den Kenntnissen, welche unser
31 schwacher Verstand davon hat erwerben können, alle Sprache über so viele
32 und unabsehlich große Wunder ihren nachdruck, alle Zahlen ihre Kraft
33 zu messen und selbst unsere Gedanken alle Begrenzung vermissen, so da
34 sich unser Urtheil vom Ganzen in ein sprachloses, aber desto beredteres
35 Erstaunen auflösen muß. Allerwärts sehen wir eine Kette von Wirkungen
36 und Ursachen, von Zwecken und den Mitteln, Regelmäßigkeit im Entstehen
37 oder Vergehen; und indem nichts von selbst in den Zustand getreten ist,
[seite 415]
23 Dieser Beweis verdient jederzeit mit Achtung genannt zu werden.
24 Er ist der älteste, klärste und der gemeinen Menschenvernunft am meisten
25 angemessene. Er belebt das Studium der Natur, so wie er selbst von
26 diesem sein Dasein hat und dadurch immer neue Kraft bekommt. Er bringt
27 Zwecke und Absichten dahin, wo sie unsere Beobachtung nicht von selbst
28 entdeckt hätte, und erweitert unsere Naturkenntnisse durch den Leitfaden
29 einer besonderen Einheit, deren Princip außer der Natur ist. Diese [op 652]
30 Kenntnisse wirken aber wieder auf ihre Ursache, nämlich die veranlassende
31 Idee, zurück und vermehren den Glauben an einen höchsten Urheber bis
32 zu einer unwiderstehlichen Überzeugung.
33 Es würde daher nicht allein trostlos, sondern auch ganz umsonst sein,
34 dem Ansehen dieses Beweises etwas entziehen zu wollen. Die Vernunft,
35 die durch so mächtige und unter ihren Händen immer wachsende, obzwar
36 nur empirische Beweisgründe unablässig gehoben wird, kann durch keine
37 Zweifel subtiler, abgezogener Speculation so niedergedrückt werden, da
[seite 416]
06 Ob wir aber gleich wider die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit
07 dieses Verfahrens nichts einzuwenden, sondern es vielmehr zu empfehlen
08 und aufzumuntern haben, so können wir darum doch die Ansprüche nicht
09 billigen, welche diese Beweisart auf apodiktische Gewißheit und auf einen
10 gar keiner Gunst oder fremden Unterstützung bedürftigen Beifall machen
11 möchte; und es kann der guten Sache keinesweges schaden, die dogmatische
12 Sprache eines hohnsprechenden Vernünftlers auf den Ton der Mäßigung
13 und Bescheidenheit eines zur Beruhigung hinreichenden, obgleich [op 653]
14 eben nicht unbedingte Unterwerfung gebietenden Glaubens herabzustimmen.
15 Ich behaupte demnach, daß der physikotheologische Beweis das
16 Dasein eines höchsten Wesens niemals allein darthun könne, sondern es
17 jederzeit dem ontologischen (welchem er nur zur Introduction dient) überlassen
18 müsse, diesen Mangel zu ergänzen, mithin dieser immer noch den
19 einzig möglichen Beweisgrund (wofern überall nur ein speculativer
20 Beweis stattfindet) enthalte, den keine menschliche Vernunft vorbeigehen
21 kann.
22 Die Hauptmomente des gedachten physischtheologischen Beweises sind
23 folgende: 1) In der Welt finden sich allerwärts deutliche Zeichen einer
24 Anordnung nach bestimmter Absicht, mit großer Weisheit ausgeführt
25 und in einem Ganzen von unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit des Inhalts
26 sowohl, als auch unbegrenzter Größe des Umfangs. 2) Den Dingen der
27 Welt ist diese zweckmäßige Anordnung ganz fremd und hängt ihnen nur
28 zufällig an, d. i. die Natur verschiedener Dinge konnte von selbst durch so
29 vielerlei sich vereinigende Mittel zu bestimmten Endabsichten nicht zusammenstimmen,
30 wären sie nicht durch ein anordnendes vernünftiges
31 Princip nach zum Grunde liegenden Ideen dazu ganz eigentlich gewählt
32 und angelegt worden. 3) Es existirt also eine erhabene und weise Ursache
33 (oder mehrere), die nicht bloß als blindwirkende allvermögende Natur
34 durch Fruchtbarkeit, sondern als Intelligenz durch Freiheit die Ursache
35 der Welt sein muß. 4) Die Einheit derselben läßt sich aus der Einheit
36 der wechselseitigen Beziehung der Theile der Welt als Glieder von [op 654]
37 einem künstlichen Bauwerk an demjenigen, wohin unsere Beobachtung
[seite 417]
03 Ohne hier mit der natürlichen Vernunft über ihren Schluß zu chicaniren,
04 da sie aus der Analogie einiger Naturproducte mit demjenigen, was
05 menschliche Kunst hervorbringt, wenn sie der Natur Gewalt thut und sie
06 nöthigt, nicht nach ihren Zwecken zu verfahren, sondern sich in die unsrigen
07 zu schmiegen, (der Ähnlichkeit derselben mit Häusern, Schiffen, Uhren)
08 schließt, es werde eben eine solche Causalität, nämlich Verstand und Wille,
09 bei ihr zum Grunde liegen, wenn sie die innere Möglichkeit der freiwirkenden
10 Natur (die alle Kunst und vielleicht selbst sogar die Vernunft zuerst
11 möglich macht) noch von einer anderen, obgleich übermenschlichen
12 Kunst ableitet, welche Schlußart vielleicht die schärfste transscendentale
13 Kritik nicht aushalten dürfte: muß man doch gestehen, daß, wenn wir einmal
14 eine Ursache nennen sollen, wir hier nicht sicherer als nach der Analogie
15 mit dergleichen zweckmäßigen Erzeugungen, die die einzigen sind, wovon
16 uns die Ursachen und Wirkungsart völlig bekannt sind, verfahren können.
17 Die Vernunft würde es bei sich selbst nicht verantworten können, wenn sie
18 von der Causalität, die sie kennt, zu dunkeln und unerweislichen Erklärungsgründen,
19 die sie nicht kennt, übergehen wollte.
20 Nach diesem Schlusse müßte die Zweckmäßigkeit und Wohlgereimtheit [op 655]
21 so vieler Naturanstalten bloß die Zufälligkeit der Form, aber nicht
22 der Materie, d. i. der Substanz in der Welt, beweisen; denn zu dem letzteren
23 würde noch erfordert werden, daß bewiesen werden könnte, die Dinge
24 der Welt wären an sich selbst zu dergleichen Ordnung und Einstimmung
25 nach allgemeinen Gesetzen untauglich, wenn sie nicht, selbst ihrer Substanz
26 nach, das Product einer höchsten Weisheit wären; wozu aber ganz
27 andere Beweisgründe, als die von der Analogie mit menschlicher Kunst
28 erfordert werden würden. Der Beweis könnte also höchstens einen Weltbaumeister,
29 der durch die Tauglichkeit des Stoffs, den er bearbeitet,
30 immer sehr eingeschränkt wäre, aber nicht einen Weltschöpfer, dessen
31 Idee alles unterworfen ist, darthun, welches zu der großen Absicht, die
32 man vor Augen hat, nämlich ein allgenugsames Urwesen zu beweisen, bei
33 weitem nicht hinreichend ist. Wollten wir die Zufälligkeit der Materie
34 selbst beweisen, so müßten wir zu einem transscendentalen Argumente unsere
35 Zuflucht nehmen, welches aber hier eben hat vermieden werden sollen.
36 Der Schluß geht also von der in der Welt so durchgängig zu beobachtenden
37 Ordnung und Zweckmäßigkeit, als einer durchaus zufälligen Einrichtung,
[seite 418]
16 Nun will ich nicht hoffen, daß sich jemand unterwinden sollte, das
17 Verhältniß der von ihm beobachteten Weltgröße (nach Umfang sowohl als
18 Inhalt) zur Allmacht, der Weltordnung zur höchsten Weisheit, der Welteinheit
19 zur absoluten Einheit des Urhebers etc. einzusehen. Also kann die
20 Physikotheologie keinen bestimmten Begriff von der obersten Weltursache
21 geben und daher zu einem Princip der Theologie, welches wiederum die
22 Grundlage der Religion ausmachen soll, nicht hinreichend sein.
23 Der Schritt zu der absoluten Totalität ist durch den empirischen Weg
24 ganz und gar unmöglich. Nun thut man ihn doch aber im physischtheologischen [op 657]
25 Beweise. Welches Mittels bedient man sich also wohl, über eine
26 so weite Kluft zu kommen?
27 Nachdem man bis zur Bewunderung der Größe der Weisheit, der
28 Macht etc. des Welturhebers gelangt ist und nicht weiter kommen kann, so
29 verläßt man auf einmal dieses durch empirische Beweisgründe geführte
30 Argument und geht zu der gleich anfangs aus der Ordnung und Zweckmäßigkeit
31 der Welt geschlossenen Zufälligkeit derselben. Von dieser Zufälligkeit
32 allein geht man nun lediglich durch transscendentale Begriffe
33 zum Dasein eines Schlechthinnothwendigen und von dem Begriffe der
34 absoluten Nothwendigkeit der ersten Ursache auf den durchgängig bestimmten
35 oder bestimmenden Begriff desselben, nämlich einer allbefassenden Realität.
36 Also blieb der physischtheologische Beweis in seiner Unternehmung
37 stecken, sprang in dieser Verlegenheit plötzlich zu dem kosmologischen Beweise
[seite 419]
05 Die Physikotheologen haben also gar nicht Ursache, gegen die transscendentale
06 Beweisart so spröde zu thun und auf sie mit dem Eigendünkel
07 hellsehender Naturkenner als auf das Spinnengewebe finsterer Grübler
08 herabzusehen. Denn wenn sie sich nur selbst prüfen wollten, so würden
09 sie finden, daß, nachdem sie eine gute Strecke auf dem Boden der Natur [op 658]
10 und Erfahrung fortgegangen sind und sich gleichwohl immer noch eben so
11 weit von dem Gegenstande sehen, der ihrer Vernunft entgegen scheint, sie
12 plötzlich diesen Boden verlassen und ins Reich bloßer Möglichkeiten übergehen,
13 wo sie auf den Flügeln der Ideen demjenigen nahe zu kommen
14 hoffen, was sich aller ihrer empirischen Nachsuchung entzogen hatte. Nachdem
15 sie endlich durch einen so mächtigen Sprung festen Fuß gefaßt zu
16 haben vermeinen, so verbreiten sie den nunmehr bestimmten Begriff (in
17 dessen Besitz sie, ohne zu wissen wie, gekommen sind) über das ganze Feld
18 der Schöpfung und erläutern das Ideal, welches lediglich ein Product der
19 reinen Vernunft war, obzwar kümmerlich genug und weit unter der Würde
20 seines Gegenstandes, durch Erfahrung, ohne doch gestehen zu wollen, da
21 sie zu dieser Kenntniß oder Voraussetzung durch einen andern Fußsteig
22 als den der Erfahrung gelangt sind.
23 So liegt demnach dem physikotheologischen Beweise der kosmologische,
24 diesem aber der ontologische Beweis vom Dasein eines einigen Urwesens
25 als höchsten Wesens zum Grunde, und da außer diesen drei Wegen keiner
26 mehr der speculativen Vernunft offen ist, so ist der ontologische Beweis
27 aus lauter reinen Vernunftbegriffen der einzige mögliche, wenn überall
28 nur ein Beweis von einem so weit über allen empirischen Verstandesgebrauch
29 erhabenen Satze möglich ist.
[seite 420]
05 Wenn ich unter Theologie die Erkenntniß des Urwesens verstehe, so
06 ist sie entweder die aus bloßer Vernunft ( theologia rationalis ) oder aus
07 Offenbarung ( revelata ). Die erstere denkt sich nun ihren Gegenstand
08 entweder bloß durch reine Vernunft vermittelst lauter transscendentaler
09 Begriffe ( ens originarium, realissimum, ens entium ) und heißt die transscendentale
10 Theologie, oder durch einen Begriff, den sie aus der Natur
11 (unserer Seele) entlehnt, als die höchste Intelligenz und müßte die natürliche
12 Theologie heißen. Der, so allein eine transscendentale Theologie
13 einräumt, wird Deist, der, so auch eine natürliche Theologie annimmt,
14 Theist genannt. Der erstere giebt zu, daß wir allenfalls das Dasein
15 eines Urwesens durch bloße Vernunft erkennen können, wovon aber unser
16 Begriff bloß transscendental sei, nämlich nur als von einem Wesen, das
17 alle Realität hat, die man aber nicht näher bestimmen kann. Der zweite
18 behauptet, die Vernunft sei im Stande, den Gegenstand nach der Analogie
19 mit der Natur näher zu bestimmen, nämlich als ein Wesen, das durch
20 Verstand und Freiheit den Urgrund aller anderen Dinge in sich enthalte.
21 Jener stellt sich also unter demselben bloß eine Weltursache (ob durch [op 660]
22 die Nothwendigkeit seiner Natur, oder durch Freiheit, bleibt unentschieden),
23 dieser einen Welturheber vor.
24 Die transscendentale Theologie ist entweder diejenige, welche das
25 Dasein des Urwesens von einer Erfahrung überhaupt (ohne über die Welt,
26 wozu sie gehört, etwas näher zu bestimmen) abzuleiten gedenkt, und heißt
27 Kosmotheologie, oder glaubt durch bloße Begriffe ohne Beihülfe der
28 mindesten Erfahrung sein Dasein zu erkennen und wird Ontotheologie
29 genannt.
30 Die natürliche Theologie schließt auf die Eigenschaften und das
31 Dasein eines Welturhebers aus der Beschaffenheit, der Ordnung und
32 Einheit, die in dieser Welt angetroffen wird, in welcher zweierlei Causalität
33 und deren Regel angenommen werden muß, nämlich Natur und Freiheit.
[seite 421]
05 Da man unter dem Begriffe von Gott nicht etwa bloß eine blindwirkende
06 ewige Natur als die Wurzel der Dinge, sondern ein höchstes [op 661]
07 Wesen, das durch Verstand und Freiheit der Urheber der Dinge sein soll,
08 zu verstehen gewohnt ist, und auch dieser Begriff allein uns interessirt, so
09 könnte man nach der Strenge dem Deisten allen Glauben an Gott absprechen
10 und ihm lediglich die Behauptung eines Urwesens oder obersten
11 Ursache übrig lassen. Indessen da niemand darum, weil er etwas sich
12 nicht zu behaupten getrauet, beschuldigt werden darf, er wolle es gar
13 leugnen, so ist es gelinder und billiger, zu sagen: der Deist glaube einen
14 Gott, der Theist aber einen lebendigen Gott ( summam intelligentiam ).
15 Jetzt wollen wir die möglichen Quellen aller dieser Versuche der
16 Vernunft aufsuchen.
17 Ich begnüge mich hier, die theoretische Erkenntniß durch eine solche
18 zu erklären, wodurch ich erkenne, was da ist, die praktische aber, dadurch
19 ich mir vorstelle, was dasein soll. Diesemnach ist der theoretische Gebrauch
20 der Vernunft derjenige, durch den ich a priori (als nothwendig)
21 erkenne, daß etwas sei; der praktische aber, durch den a priori erkannt
22 wird, was geschehen solle. Wenn nun entweder, daß etwas sei oder ge/schehen
23 solle, ungezweifelt gewiß, aber doch nur bedingt ist: so kann doch
24 entweder eine gewisse bestimmte Bedingung dazu schlechthin nothwendig
25 sein, oder sie kann nur als beliebig und zufällig vorausgesetzt werden. Im
26 ersteren Falle wird die Bedingung postulirt ( per thesin ), im zweiten supponirt
27 ( per hypothesin ). Da es praktische Gesetze giebt, die schlechthin [op 662]
28 nothwendig sind (die moralische), so muß, wenn diese irgend ein Dasein
29 als die Bedingung der Möglichkeit ihrer verbindenden Kraft nothwendig
30 voraussetzen, dieses Dasein postulirt werden, darum weil das Bedingte,
31 von welchem der Schluß auf diese bestimmte Bedingung geht, selbst
32 *) Nicht theologische Moral; denn die enthält sittliche Gesetze, welche das
33 Dasein eines höchsten Weltregierers voraussetzen, da hingegen die Moraltheologie
34 eine Überzeugung vom Dasein eines höchsten Wesens ist, welche sich auf sittliche
35 Gesetze gründet.
[seite 422]
06 Da, wenn bloß von dem, was da ist (nicht, was sein soll), die Rede
07 ist, das Bedingte, welches uns in der Erfahrung gegeben wird, jederzeit
08 auch als zufällig gedacht wird, so kann die zu ihm gehörige Bedingung
09 daraus nicht als schlechthin nothwendig erkannt werden, sondern dient nur
10 als eine respectiv nothwendige oder vielmehr nöthige, an sich selbst aber
11 und a priori willkürliche Voraussetzung zum Vernunfterkenntniß des Bedingten.
12 Soll also die absolute Nothwendigkeit eines Dinges im theoretischen
13 Erkenntnisse erkannt werden, so könnte dieses allein aus Begriffen
14 a priori geschehen, niemals aber als einer Ursache in Beziehung auf ein
15 Dasein, das durch Erfahrung gegeben ist.
16 Eine theoretische Erkenntniß ist speculativ, wenn sie auf einen Gegenstand
17 oder solche Begriffe von einem Gegenstande geht, wozu man in [op 663]
18 keiner Erfahrung gelangen kann. Sie wird der Naturerkenntniß entgegengesetzt,
19 welche auf keine andere Gegenstände oder Prädicate derselben
20 geht, als die in einer möglichen Erfahrung gegeben werden können.
21 Der Grundsatz, von dem, was geschieht, (dem empirisch Zufälligen) als
22 Wirkung auf eine Ursache zu schließen, ist ein Princip der Naturerkenntniß,
23 aber nicht der speculativen. Denn wenn man von ihm als einem
24 Grundsatze, der die Bedingung möglicher Erfahrung überhaupt enthält,
25 abstrahirt und, indem man alles Empirische wegläßt, ihn vom Zufälligen
26 überhaupt aussagen will, so bleibt nicht die mindeste Rechtfertigung eines
27 solchen synthetischen Satzes übrig, um daraus zu ersehen, wie ich von
28 etwas, was da ist, zu etwas davon ganz Verschiedenem (genannt Ursache)
29 übergehen könne; ja der Begriff einer Ursache verliert eben so wie des Zufälligen
30 in solchem bloß speculativen Gebrauche alle Bedeutung, deren objective
31 Realität sich in concreto begreiflich machen lasse.
32 Wenn man nun vom Dasein der Dinge in der Welt auf ihre Ursache
33 schließt, so gehört dieses nicht zum natürlichen, sondern zum speculativen
34 Vernunftgebrauch: weil jener nicht die Dinge selbst (Substanzen),
35 sondern nur das, was geschieht, also ihre Zustände, als empirisch
36 zufällig auf irgend eine Ursache bezieht; daß die Substanz selbst (die
37 Materie) dem Dasein nach zufällig sei, würde ein bloß speculatives Vernunfterkenntni
[seite 423]
10 Ich behaupte nun, daß alle Versuche eines bloß speculativen Gebrauchs
11 der Vernunft in Ansehung der Theologie gänzlich fruchtlos und ihrer
12 inneren Beschaffenheit nach null und nichtig sind, daß aber die Principien
13 ihres Naturgebrauchs ganz und gar auf keine Theologie führen; folglich,
14 wenn man nicht moralische Gesetze zum Grunde legt oder zum Leitfaden
15 braucht, es überall keine Theologie der Vernunft geben könne. Denn alle
16 synthetische Grundsätze des Verstandes sind von immanentem Gebrauch;
17 zu der Erkenntniß eines höchsten Wesens aber wird ein transscendenter
18 Gebrauch derselben erfordert, wozu unser Verstand gar nicht ausgerüstet
19 ist. Soll das empirisch gültige Gesetz der Causalität zu dem Urwesen
20 führen, so müßte dieses in die Kette der Gegenstände der Erfahrung mitgehören;
21 alsdann wäre es aber wie alle Erscheinungen selbst wiederum [op 665]
22 bedingt. Erlaubte man aber auch den Sprung über die Grenze der Erfahrung
23 hinaus vermittelst des dynamischen Gesetzes der Beziehung der
24 Wirkungen auf ihre Ursachen: welchen Begriff kann uns dieses Verfahren
25 verschaffen? Bei weitem keinen Begriff von einem höchsten Wesen, weil
26 uns Erfahrung niemals die größte aller möglichen Wirkungen (als welche
27 das Zeugniß von ihrer Ursache ablegen soll) darreicht. Soll es uns erlaubt
28 sein, bloß um in unserer Vernunft nichts Leeres übrig zu lassen, diesen
29 Mangel der völligen Bestimmung durch eine bloße Idee der höchsten Vollkommenheit
30 und ursprünglichen Nothwendigkeit auszufüllen: so kann
31 dieses zwar aus Gunst eingeräumt, aber nicht aus dem Rechte eines unwiderstehlichen
32 Beweises gefordert werden. Der physischtheologische Beweis
33 könnte also vielleicht wohl anderen Beweisen (wenn solche zu haben
34 sind) Nachdruck geben, indem er Speculation mit Anschauung verknüpft:
35 für sich selbst aber bereitet er mehr den Verstand zur theologischen Erkenntni
36 vor und giebt ihm dazu eine gerade und natürliche Richtung, als da
37 er allein das Geschäfte vollenden könnte.
[seite 424]
14 Wollte man aber lieber alle obige Beweise der Analytik in Zweifel
15 ziehen, als sich die Überredung von dem Gewichte der so lange gebrauchten
16 Beweisgründe rauben lassen: so kann man sich doch nicht weigern, der
17 Aufforderung ein Genüge zu thun, wenn ich verlange, man solle sich wenigstens
18 darüber rechtfertigen, wie und vermittelst welcher Erleuchtung
19 man sich denn getraue, alle mögliche Erfahrung durch die Macht bloßer
20 Ideen zu überfliegen. Mit neuen Beweisen oder ausgebesserter Arbeit
21 alter Beweise würde ich bitten mich zu verschonen. Denn ob man zwar
22 hierin eben nicht viel zu wählen hat, indem endlich doch alle bloß speculative
23 Beweise auf einen einzigen, nämlich den ontologischen, hinauslaufen,
24 und ich also eben nicht fürchten darf, sonderlich durch die Fruchtbarkeit der
25 dogmatischen Verfechter jener sinnenfreien Vernunft belästigt zu werden;
26 obgleich ich überdem auch, ohne mich darum sehr streitbar zu dünken, die [op 667]
27 Ausforderung nicht ausschlagen will, in jedem Versuche dieser Art den Fehlschlu
28 aufzudecken und dadurch seine Anmaßung zu vereiteln: so wird daher
29 doch die Hoffnung besseren Glücks bei denen, welche einmal dogmatischer
30 Überredungen gewohnt sind, niemals völlig aufgehoben; und ich halte mich
31 daher an der einzigen billigen Forderung, daß man sich allgemein und
32 aus der Natur des menschlichen Verstandes sammt allen übrigen Erkenntnißquellen
33 darüber rechtfertige, wie man es anfangen wolle, sein Erkenntni
34 ganz und gar a priori zu erweitern und bis dahin zu erstrecken, wo
35 keine mögliche Erfahrung und mithin kein Mittel hinreicht, irgend einem
[seite 425]
10 Ob aber gleich die Vernunft in ihrem bloß speculativen Gebrauche
11 zu dieser so großen Absicht bei weitem nicht zulänglich ist, nämlich zum
12 Dasein eines obersten Wesens zu gelangen: so hat sie doch darin sehr [op 668]
13 großen Nutzen, die Erkenntniß desselben, im Fall sie anders woher geschöpft
14 werden könnte, zu berichtigen, mit sich selbst und jeder intelligibelen
15 Absicht einstimmig zu machen und von allem, was dem Begriffe eines
16 Urwesens zuwider sein möchte, und aller Beimischung empirischer Einschränkungen
17 zu reinigen.
18 Die transscendentale Theologie bleibt demnach aller ihrer Unzulänglichkeit
19 ungeachtet dennoch von wichtigem negativen Gebrauche und ist eine
20 beständige Censur unserer Vernunft, wenn sie bloß mit reinen Ideen zu
21 thun hat, die eben darum kein anderes als transscendentales Richtma
22 zulassen. Denn wenn einmal in anderweitiger, vielleicht praktischer Beziehung
23 die Voraussetzung eines höchsten und allgenugsamen Wesens
24 als oberster Intelligenz ihre Gültigkeit ohne Widerrede behauptete: so
25 wäre es von der größten Wichtigkeit, diesen Begriff auf seiner transscendentalen
26 Seite als den Begriff eines nothwendigen und allerrealsten Wesens
27 genau zu bestimmen und, was der höchsten Realität zuwider ist, was
28 zur bloßen Erscheinung (dem Anthropomorphism im weiteren Verstande)
29 gehört, wegzuschaffen und zugleich alle entgegengesetzte Behauptungen, sie
30 mögen nun atheistisch oder deistisch oder anthropomorphistisch
31 sein, aus dem Wege zu räumen; welches in einer solchen kritischen Behandlung
32 sehr leicht ist, indem dieselben Gründe, durch welche das Unvermögen
33 der menschlichen Vernunft in Ansehung der Behauptung des [op 669]
34 Daseins eines dergleichen Wesens vor Augen gelegt wird, nothwendig auch
35 zureichen, um die Untauglichkeit einer jeden Gegenbehauptung zu beweisen.
36 Denn wo will jemand durch reine Speculation der Vernunft die
37 Einsicht hernehmen, daß es kein höchstes Wesen als Urgrund von Allem
[seite 426]
06 Das höchste Wesen bleibt also für den bloß speculativen Gebrauch
07 der Vernunft ein bloßes, aber doch fehlerfreies Ideal, ein Begriff
08 welcher die ganze menschliche Erkenntniß schließt und krönt, dessen objective
09 Realität auf diesem Wege zwar nicht bewiesen, aber auch nicht widerlegt
10 werden kann; und wenn es eine Moraltheologie geben sollte, die diesen
11 Mangel ergänzen kann, so beweiset alsdann die vorher nur problematische
12 transscendentale Theologie ihre Unentbehrlichkeit durch Bestimmung ihres
13 Begriffs und unaufhörliche Censur einer durch Sinnlichkeit oft genug getäuschten
14 und mit ihren eigenen Ideen nicht immer einstimmigen Vernunft.
15 Die Nothwendigkeit, die Unendlichkeit, die Einheit, das Dasein
16 außer der Welt (nicht als Weltseele), die Ewigkeit ohne Bedingungen der [op 670]
17 Zeit, die Allgegenwart ohne Bedingungen des Raumes, die Allmacht etc.
18 sind lauter transscendentale Prädicate, und daher kann der gereinigte
19 Begriff derselben, den eine jede Theologie so sehr nöthig hat, bloß aus der
20 transscendentalen gezogen werden.
25 Der Ausgang aller dialektischen Versuche der reinen Vernunft bestätigt
26 nicht allein, was wir schon in der transscendentalen Analytik bewiesen,
27 nämlich daß alle unsere Schlüsse, die uns über das Feld möglicher
28 Erfahrung hinausführen wollen, trüglich und grundlos sind; sondern er
29 lehrt uns zugleich dieses Besondere: daß die menschliche Vernunft dabei
30 einen natürlichen Hang habe, diese Grenze zu überschreiten, daß transscendentale
31 Ideen ihr eben so natürlich seien, als dem Verstande die Kategorien,
32 obgleich mit dem Unterschiede, daß, so wie die letztern zur Wahrheit,
33 d. i. der Übereinstimmung unserer Begriffe mit dem Objecte, führen,
[seite 427]
03 Alles, was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist, muß zweckmäßig
04 und mit dem richtigen Gebrauche derselben einstimmig sein, wenn [op 671]
05 wir nur einen gewissen Mißverstand verhüten und die eigentliche Richtung
06 derselben ausfindig machen können. Also werden die transscendentalen
07 Ideen allem Vermuthen nach ihren guten und folglich immanenten
08 Gebrauch haben, obgleich, wenn ihre Bedeutung verkannt und sie für Begriffe
09 von wirklichen Dingen genommen werden, sie transscendent in der
10 Anwendung und eben darum trüglich sein können. Denn nicht die Idee
11 an sich selbst, sondern bloß ihr Gebrauch kann entweder in Ansehung der
12 gesammten möglichen Erfahrung überfliegend (transscendent), oder
13 einheimisch (immanent) sein, nachdem man sie entweder geradezu auf
14 einen ihr vermeintlich entsprechenden Gegenstand, oder nur auf den Verstandesgebrauch
15 überhaupt in Ansehung der Gegenstände, mit welchen er
16 zu thun hat, richtet; und alle Fehler der Subreption sind jederzeit einem
17 Mangel der Urtheilskraft, niemals aber dem Verstande oder der Vernunft
18 zuzuschreiben.
19 Die Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf einen Gegenstand,
20 sondern lediglich auf den Verstand und vermittelst desselben auf ihren
21 eigenen empirischen Gebrauch, schafft also keine Begriffe (von Objecten),
22 sondern ordnet sie nur und giebt ihnen diejenige Einheit, welche sie in
23 ihrer größtmöglichen Ausbreitung haben können, d. i. in Beziehung auf
24 die Totalität der Reihen, als auf welche der Verstand gar nicht sieht, sondern
25 nur auf diejenige Verknüpfung, dadurch allerwärts Reihen der
26 Bedingungen nach Begriffen zu Stande kommen. Die Vernunft hat [op 672]
27 also eigentlich nur den Verstand und dessen zweckmäßige Anstellung zum
28 Gegenstande; und wie dieser das Mannigfaltige im Object durch Begriffe
29 vereinigt, so vereinigt jene ihrerseits das Mannigfaltige der Begriffe durch
30 Ideen, indem sie eine gewisse collective Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen
31 setzt, welche sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt
32 sind.
33 Ich behaupte demnach: die transscendentalen Ideen sind niemals
34 von constitutivem Gebrauche, so daß dadurch Begriffe gewisser Gegenstände
35 gegeben würden, und in dem Falle, daß man sie so versteht, sind es blo
[seite 428]
19 Übersehen wir unsere Verstandeserkenntnisse in ihrem ganzen Umfange,
20 so finden wir, daß dasjenige, was Vernunft ganz eigenthümlich
21 darüber verfügt und zu Stande zu bringen sucht, das Systematische
22 der Erkenntniß sei, d. i. der Zusammenhang derselben aus einem Princip.
23 Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die von
24 der Form eines Ganzen der Erkenntniß, welches vor der bestimmten Erkenntni
25 der Theile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem Theile
26 seine Stelle und Verhältniß zu den übrigen a priori zu bestimmen. Diese
27 Idee postulirt demnach vollständige Einheit der Verstandeserkenntniß,
28 wodurch diese nicht bloß ein zufälliges Aggregat, sondern ein nach nothwendigen
29 Gesetzen zusammenhängendes System wird. Man kann eigentlich
30 nicht sagen, daß diese Idee ein Begriff vom Objecte sei, sondern von
31 der durchgängigen Einheit dieser Begriffe, so fern dieselbe dem Verstande
32 zur Regel dient. Dergleichen Vernunftbegriffe werden nicht aus der
33 Natur geschöpft, vielmehr befragen wir die Natur nach diesen Ideen und [op 674]
34 halten unsere Erkenntniß für mangelhaft, so lange sie denselben nicht adäquat
35 ist. Man gesteht, daß sich schwerlich reine Erde, reines Wasser,
36 reine Luft etc. finde. Gleichwohl hat man die Begriffe davon doch nöthig
37 (die also, was die völlige Reinigkeit betrifft, nur in der Vernunft ihren
[seite 429]
10 Wenn die Vernunft ein Vermögen ist, das Besondere aus dem Allgemeinen
11 abzuleiten, so ist entweder das Allgemeine schon an sich gewi
12 und gegeben, und alsdann erfordert es nur Urtheilskraft zur Subsumtion,
13 und das Besondere wird dadurch nothwendig bestimmt. Dieses will
14 ich den apodiktischen Gebrauch der Vernunft nennen. Oder das Allgemeine
15 wird nur problematisch angenommen und ist eine bloße Idee;
16 das Besondere ist gewiß, aber die Allgemeinheit der Regel zu dieser Folge
17 ist noch ein Problem: so werden mehrere besondere Fälle, die insgesammt
18 gewiß sind, an der Regel versucht, ob sie daraus fließen; und in diesem [op 675]
19 Falle, wenn es den Anschein hat, daß alle anzugebende besondere Fälle
20 daraus abfolgen, wird auf die Allgemeinheit der Regel, aus dieser aber
21 nachher auf alle Fälle, die auch an sich nicht gegeben sind, geschlossen.
22 Diesen will ich den hypothetischen Gebrauch der Vernunft nennen.
23 Der hypothetische Gebrauch der Vernunft aus zum Grunde gelegten
24 Ideen als problematischen Begriffen ist eigentlich nicht constitutiv,
25 nämlich nicht so beschaffen, daß dadurch, wenn man nach aller Strenge
26 urtheilen will, die Wahrheit der allgemeinen Regel, die als Hypothese
27 angenommen worden, folge; denn wie will man alle mögliche Folgen
28 wissen, die, indem sie aus demselben angenommenen Grundsatze folgen,
29 seine Allgemeinheit beweisen? Sondern er ist nur regulativ, um dadurch,
30 so weit als es möglich ist, Einheit in die besonderen Erkenntnisse zu bringen
31 und die Regel dadurch der Allgemeinheit zu nähern.
32 Der hypothetische Vernunftgebrauch geht also auf die systematische
33 Einheit der Verstandeserkenntnisse, diese aber ist der Probirstein der
34 Wahrheit der Regeln. Umgekehrt ist die systematische Einheit (als bloße
35 Idee) lediglich nur projectirte Einheit, die man an sich nicht als gegeben,
36 sondern nur als Problem ansehen muß; welche aber dazu dient, zu
37 dem mannigfaltigen und besonderen Verstandesgebrauche ein Principium
[seite 430]
03 Man sieht aber hieraus nur, daß die systematische oder Vernunfteinheit
04 der mannigfaltigen Verstandeserkenntniß ein logisches Princip
05 sei, um da, wo der Verstand allein nicht zu Regeln hinlangt, ihm durch
06 Ideen fortzuhelfen und zugleich der Verschiedenheit seiner Regeln Einhelligkeit
07 unter einem Princip (systematische) und dadurch Zusammenhang
08 zu verschaffen, so weit als es sich thun läßt. Ob aber die Beschaffenheit
09 der Gegenstände oder die Natur des Verstandes, der sie als solche erkennt,
10 an sich zur systematischen Einheit bestimmt sei, und ob man diese a priori
11 auch ohne Rücksicht auf ein solches Interesse der Vernunft in gewisser
12 Maße postuliren und also sagen könne: alle mögliche Verstandeserkenntnisse
13 (darunter die empirischen) haben Vernunfteinheit und stehen unter
14 gemeinschaftlichen Principien, woraus sie unerachtet ihrer Verschiedenheit
15 abgeleitet werden können: das würde ein transscendentaler Grundsatz
16 der Vernunft sein, welcher die systematische Einheit nicht bloß subjectiv
17 und logisch=, als Methode, sondern objectiv nothwendig machen
18 würde.
19 Wir wollen dieses durch einen Fall des Vernunftgebrauchs erläutern.
20 Unter die verschiedenen Arten von Einheit nach Begriffen des Verstandes
21 gehört auch die der Causalität einer Substanz, welche Kraft genannt wird.
22 Die verschiedenen Erscheinungen eben derselben Substanz zeigen beim
23 ersten Anblicke so viel Ungleichartigkeit, daß man daher anfänglich beinahe
24 so vielerlei Kräfte derselben annehmen muß, als Wirkungen sich hervorthun, [op 677]
25 wie in dem menschlichen Gemüthe die Empfindung, Bewußtsein,
26 Einbildung, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, Lust, Begierde u. s. w.
27 Anfänglich gebietet eine logische Maxime diese anscheinende Verschiedenheit
28 so viel als möglich dadurch zu verringern, daß man durch Vergleichung
29 die versteckte Identität entdecke und nachsehe, ob nicht Einbildung,
30 mit Bewußtsein verbunden, Erinnerung, Witz, Unterscheidungskraft, vielleicht
31 gar Verstand und Vernunft sei. Die Idee einer Grundkraft, von
32 welcher aber die Logik gar nicht ausmittelt, ob es dergleichen gebe, ist
33 wenigstens das Problem einer systematischen Vorstellung der Mannigfaltigkeit
34 von Kräften. Das logische Vernunftprincip erfordert diese Einheit
35 so weit als möglich zu Stande zu bringen, und je mehr die Erscheinungen
36 der einen und anderen Kraft unter sich identisch gefunden werden,
37 desto wahrscheinlicher wird es, daß sie nichts als verschiedene Äußerungen
[seite 431]
03 Die comparativen Grundkräfte müssen wiederum unter einander verglichen
04 werden, um sie dadurch, daß man ihre Einhelligkeit entdeckt, einer
05 einzigen radicalen, d. i. absoluten, Grundkraft nahe zu bringen. Diese
06 Vernunfteinheit aber ist bloß hypothetisch. Man behauptet nicht, daß eine
07 solche in der That angetroffen werden müsse, sondern daß man sie zu
08 Gunsten der Vernunft, nämlich zu Errichtung gewisser Principien, für die [op 678]
09 mancherlei Regeln, die die Erfahrung an die Hand geben mag, suchen
10 und, wo es sich thun läßt, auf solche Weise systematische Einheit ins Erkenntni
11 bringen müsse.
12 Es zeigt sich aber, wenn man auf den transscendentalen Gebrauch
13 des Verstandes Acht hat, daß diese Idee einer Grundkraft überhaupt nicht
14 bloß als Problem zum hypothetischen Gebrauche bestimmt sei, sondern
15 objective Realität vorgebe, dadurch die systematische Einheit der mancherlei
16 Kräfte einer Substanz postulirt und ein apodiktisches Vernunftprincip
17 errichtet wird. Denn ohne daß wir einmal die Einhelligkeit der mancherlei
18 Kräfte versucht haben, ja selbst wenn es uns nach allen Versuchen mißlingt,
19 sie zu entdecken, setzen wir doch voraus: es werde eine solche anzutreffen
20 sein; und dieses nicht allein, wie in dem angeführten Falle wegen
21 der Einheit der Substanz; sondern wo sogar viele, obzwar in gewissem
22 Grade gleichartige, angetroffen werden, wie an der Materie überhaupt,
23 setzt die Vernunft systematische Einheit mannigfaltiger Kräfte voraus, da
24 besondere Naturgesetze unter allgemeineren stehen, und die Ersparung der
25 Principien nicht bloß ein ökonomischer Grundsatz der Vernunft, sondern
26 inneres Gesetz der Natur wird.
27 In der That ist auch nicht abzusehen, wie ein logisches Princip der
28 Vernunfteinheit der Regeln stattfinden könne, wenn nicht ein transscendentales
29 vorausgesetzt würde, durch welches eine solche systematische Einheit, [op 679]
30 als den Objecten selbst anhängend, a priori als nothwendig angenommen
31 wird. Denn mit welcher Befugniß kann die Vernunft im logischen
32 Gebrauche verlangen, die Mannigfaltigkeit der Kräfte, welche uns die
33 Natur zu erkennen giebt, als eine bloß versteckte Einheit zu behandeln und
34 sie aus irgend einer Grundkraft, so viel an ihr ist, abzuleiten, wenn es ihr
35 freistände zuzugeben, daß es eben so wohl möglich sei, alle Kräfte wären
36 ungleichartig, und die systematische Einheit ihrer Ableitung der Natur
37 nicht gemäß? Denn alsdann würde sie gerade wider ihre Bestimmung
[seite 432]
10 Wir finden diese transscendentale Voraussetzung auch auf eine bewundernswürdige
11 Weise in den Grundsätzen der Philosophen versteckt,
12 wiewohl sie solche darin nicht immer erkannt, oder sich selbst gestanden
13 haben. Daß alle Mannigfaltigkeiten einzelner Dinge die Identität der [op 680]
14 Art nicht ausschließen; daß die mancherlei Arten nur als verschiedentliche
15 Bestimmungen von wenigen Gattungen, diese aber von noch höheren
16 Geschlechtern etc. behandelt werden müssen; daß also eine gewisse systematische
17 Einheit aller möglichen empirischen Begriffe, so fern sie von
18 höheren und allgemeineren abgeleitet werden können, gesucht werden
19 müsse: ist eine Schulregel oder logisches Princip, ohne welches kein Gebrauch
20 der Vernunft stattfände, weil wir nur so fern vom Allgemeinen
21 aufs Besondere schließen können, als allgemeine Eigenschaften der Dinge
22 zum Grunde gelegt werden, unter denen die besonderen stehen.
23 Daß aber auch in der Natur eine solche Einhelligkeit angetroffen
24 werde, setzen die Philosophen in der bekannten Schulregel voraus: da
25 man die Anfänge (Principien) nicht ohne Noth vervielfältigen müsse
26 ( entia praeter necessitatem non esse multiplicanda ). Dadurch wird gesagt,
27 daß die Natur der Dinge selbst zur Vernunfteinheit Stoff darbiete,
28 und die anscheinende unendliche Verschiedenheit dürfe uns nicht abhalten,
29 hinter ihr Einheit der Grundeigenschaften zu vermuthen, von welchen die
30 Mannigfaltigkeit nur durch mehrere Bestimmung abgeleitet werden kann.
31 Dieser Einheit, ob sie gleich eine bloße Idee ist, ist man zu allen Zeiten
32 so eifrig nachgegangen, daß man eher Ursache gefunden, die Begierde
33 nach ihr zu mäßigen, als sie aufzumuntern. Es war schon viel, daß die
34 Scheidekünstler alle Salze auf zwei Hauptgattungen, saure und laugenhafte,
35 zurückführen konnten, sie versuchen sogar auch diesen Unterschied [op 681]
36 bloß als eine Varietät oder verschiedene Äußerung eines und desselben
37 Grundstoffs anzusehen. Die mancherlei Arten von Erden (den Stoff der
[seite 433]
14 Wäre unter den Erscheinungen, die sich uns darbieten, eine so große
15 Verschiedenheit, ich will nicht sagen der Form (denn darin mögen sie einander
16 ähnlich sein), sondern dem Inhalte, d. i. der Mannigfaltigkeit existirender
17 Wesen nach, daß auch der allerschärfste menschliche Verstand durch
18 Vergleichung der einen mit der anderen nicht die mindeste Ähnlichkeit
19 ausfindig machen könnte (ein Fall, der sich wohl denken läßt), so würde
20 das logische Gesetz der Gattungen ganz und gar nicht stattfinden; und es [op 682]
21 würde selbst kein Begriff von Gattung oder irgend ein allgemeiner Begriff,
22 ja sogar kein Verstand stattfinden, als der es lediglich mit solchen
23 zu thun hat. Das logische Princip der Gattungen setzt also ein transscendentales
24 voraus, wenn es auf Natur (darunter ich hier nur Gegenstände,
25 die uns gegeben werden, verstehe) angewandt werden soll. Nach
26 demselben wird in dem Mannigfaltigen einer möglichen Erfahrung nothwendig
27 Gleichartigkeit vorausgesetzt (ob wir gleich ihren Grad a priori
28 nicht bestimmen können), weil ohne dieselbe keine empirische Begriffe, mithin
29 keine Erfahrung möglich wäre.
30 Dem logischen Princip der Gattungen, welches Identität postulirt,
31 steht ein anderes, nämlich das der Arten, entgegen, welches Mannigfaltigkeit
32 und Verschiedenheiten der Dinge unerachtet ihrer Übereinstimmung
33 unter derselben Gattung bedarf und es dem Verstande zur Vorschrift
34 macht, auf diese nicht weniger als auf jene aufmerksam zu sein.
35 Dieser Grundsatz (der Scharfsinnigkeit oder des Unterscheidungsvermögens)
36 schränkt den Leichtsinn des ersteren (des Witzes) sehr ein, und die
37 Vernunft zeigt hier ein doppeltes, einander widerstreitendes Interesse,
[seite 434]
12 Dieser letzteren Denkungsart liegt offenbar auch ein logisches Princip
13 zum Grunde, welches die systematische Vollständigkeit aller Erkenntnisse
14 zur Absicht hat, wenn ich, von der Gattung anhebend, zu dem Mannigfaltigen,
15 das darunter enthalten sein mag, herabsteige und auf solche
16 Weise dem System Ausbreitung, wie im ersteren Falle, da ich zur Gattung
17 aufsteige, Einfalt zu verschaffen suche. Denn aus der Sphäre des Begriffs,
18 der eine Gattung bezeichnet, ist eben so wenig wie aus dem Raume, den
19 Materie einnehmen kann, zu ersehen, wie weit die Theilung derselben gehen
20 könne. Daher jede Gattung verschiedene Arten, diese aber verschiedene
21 Unterarten erfordert; und da keine der letzteren stattfindet, die nicht
22 immer wiederum eine Sphäre (Umfang als conceptus communis ) hätte
23 so verlangt die Vernunft in ihrer ganzen Erweiterung, daß keine Art als
24 die unterste an sich selbst angesehen werde, weil, da sie doch immer ein
25 Begriff ist, der nur das, was verschiedenen Dingen gemein ist, in sich enthält, [op 684]
26 dieser nicht durchgängig bestimmt, mithin auch nicht zunächst auf
27 ein Individuum bezogen sein könne, folglich jederzeit andere Begriffe, d. i.
28 Unterarten, unter sich enthalten müsse. Dieses Gesetz der Specification
29 könnte so ausgedrückt werden: entium varietates non temere esse minuendas .
31 Man sieht aber leicht, daß auch dieses logische Gesetz ohne Sinn und
32 Anwendung sein würde, läge nicht ein transscendentales Gesetz der
33 Specification zum Grunde, welches zwar freilich nicht von den Dingen,
34 die unsere Gegenstände werden können, eine wirkliche Unendlichkeit
35 in Ansehung der Verschiedenheiten fordert, denn dazu giebt das logische
36 Princip, als welches lediglich die Unbestimmtheit der logischen Sphäre
37 in Ansehung der möglichen Eintheilung behauptet, keinen Anlaß; aber
[seite 435]
11 Auch kann dieses Gesetz der Specification nicht von der Erfahrung
12 entlehnt sein; denn diese kann keine so weit gehende Eröffnungen geben.
13 Die empirische Specification bleibt in der Unterscheidung des Mannigfaltigen
14 bald stehen, wenn sie nicht durch das schon vorhergehende transscendentale
15 Gesetz der Specification als ein Princip der Vernunft geleitet
16 worden, solche zu suchen und sie noch immer zu vermuthen, wenn sie sich
17 gleich nicht den Sinnen offenbart. Daß absorbirende Erden noch verschiedener
18 Art (Kalk= und muriatische Erden) sind, bedurfte zur Entdeckung
19 eine zuvorkommende Regel der Vernunft, welche dem Verstande es zur
20 Aufgabe machte, die Verschiedenheit zu suchen, indem sie die Natur so
21 reichhaltig voraussetzte, sie zu vermuthen. Denn wir haben eben sowohl
22 nur unter Voraussetzung der Verschiedenheiten in der Natur Verstand,
23 als unter der Bedingung, daß ihre Objecte Gleichartigkeit an sich haben,
24 weil eben die Mannigfaltigkeit desjenigen, was unter einem Begriff zusammengefaßt
25 werden kann, den Gebrauch dieses Begriffs und die Beschäftigung
26 des Verstandes ausmacht.
27 Die Vernunft bereitet also dem Verstande sein Feld: 1. durch ein
28 Princip der Gleichartigkeit des Mannigfaltigen unter höheren Gattungen;
29 2. durch einen Grundsatz der Varietät des Gleichartigen unter
30 niederen Arten; und um die systematische Einheit zu vollenden, fügt sie
31 3. noch ein Gesetz der Affinität aller Begriffe hinzu, welches einen continuirlichen [op 686]
32 Übergang von einer jeden Art zu jeder anderen durch stufenartiges
33 Wachsthum der Verschiedenheit gebietet. Wir können sie die Principien
34 der Homogenität, der Specification und der Continuität
35 der Formen nennen. Das letztere entspringt dadurch, daß man die zwei
36 ersteren vereinigt, nachdem man sowohl im Aufsteigen zu höheren Gattungen,
37 als im Herabsteigen zu niederen Arten den systematischen Zusammenhang
[seite 436]
04 Man kann sich die systematische Einheit unter den drei logischen Principien
05 auf folgende Art sinnlich machen. Man kann einen jeden Begriff
06 als einen Punkt ansehen, der als der Standpunkt eines Zuschauers seinen
07 Horizont hat, d. i. eine Menge von Dingen, die aus demselben können
08 vorgestellt und gleichsam überschauet werden. Innerhalb diesem Horizonte
09 muß eine Menge von Punkten ins Unendliche angegeben werden können,
10 deren jeder wiederum seinen engeren Gesichtskreis hat; d. i. jede Art enthält
11 Unterarten nach dem Princip der Specification, und der logische Horizont
12 besteht nur aus kleineren Horizonten (Unterarten), nicht aber aus
13 Punkten, die keinen Umfang haben (Individuen). Aber zu verschiedenen
14 Horizonten, d. i. Gattungen, die aus eben so viel Begriffen bestimmt werden,
15 läßt sich ein gemeinschaftlicher Horizont, daraus man sie insgesammt [op 687]
16 als aus einem Mittelpunkte überschauet, gezogen denken, welcher die höhere
17 Gattung ist, bis endlich die höchste Gattung der allgemeine und wahre
18 Horizont ist, der aus dem Standpunkte des höchsten Begriffs bestimmt
19 wird und alle Mannigfaltigkeit als Gattungen, Arten und Unterarten
20 unter sich befaßt.
21 Zu diesem höchsten Standpunkte führt mich das Gesetz der Homogenität,
22 zu allen niedrigen und deren größten Varietät das Gesetz der
23 Specification. Da aber auf solche Weise in dem ganzen Umfange aller
24 möglichen Begriffe nichts Leeres ist, und außer demselben nichts angetroffen
25 werden kann, so entspringt aus der Voraussetzung jenes allgemeinen
26 Gesichtskreises und der durchgängigen Eintheilung desselben der
27 Grundsatz: non datur vacuum formarum , d. i. es giebt nicht verschiedene
28 ursprüngliche und erste Gattungen, die gleichsam isolirt und von einander
29 (durch einen leeren Zwischenraum) getrennt wären, sondern alle mannigfaltige
30 Gattungen sind nur Abtheilungen einer einzigen, obersten und
31 allgemeinen Gattung; und aus diesem Grundsatze dessen unmittelbare
32 Folge: datur continuum formarum , d. i. alle Verschiedenheiten der
33 Arten grenzen an einander und erlauben keinen Übergang zu einander
34 durch einen Sprung, sondern nur durch alle kleinere Grade des Unterschiedes,
35 dadurch man von einer zu der anderen gelangen kann; mit einem
36 Worte, es giebt keine Arten oder Unterarten, die einander (im Begriffe der
37 Vernunft) die nächsten wären, sondern es sind noch immer Zwischenarten
[seite 437]
03 Das erste Gesetz also verhütet die Ausschweifung in die Mannigfaltigkeit
04 verschiedener ursprünglichen Gattungen und empfiehlt die Gleichartigkeit;
05 das zweite schränkt dagegen diese Neigung zur Einhelligkeit
06 wiederum ein und gebietet Unterscheidung der Unterarten, bevor man sich
07 mit seinem allgemeinen Begriffe zu den Individuen wende. Das dritte
08 vereinigt jene beide, indem es bei der höchsten Mannigfaltigkeit dennoch
09 die Gleichartigkeit durch den stufenartigen Übergang von einer Species
10 zur anderen vorschreibt, welches eine Art von Verwandtschaft der verschiedenen
11 Zweige anzeigt, in so fern sie insgesammt aus einem Stamme entsprossen
12 sind.
13 Dieses logische Gesetz des continui specierum (formarum logicarum)
14 setzt aber ein transscendentales voraus ( lex continui in natura ), ohne
15 welches der Gebrauch des Verstandes durch jene Vorschrift nur irre geleitet
16 werden würde, indem er vielleicht einen der Natur gerade entgegengesetzten
17 Weg nehmen würde. Es muß also dieses Gesetz auf reinen
18 transscendentalen und nicht empirischen Gründen beruhen. Denn in dem
19 letzteren Falle würde es später kommen als die Systeme; es hat aber
20 eigentlich das Systematische der Naturerkenntniß zuerst hervorgebracht.
21 Es sind hinter diesen Gesetzen auch nicht etwa Absichten auf eine mit
22 ihnen als bloßen Versuchen anzustellende Probe verborgen, obwohl freilich [op 689]
23 dieser Zusammenhang, wo er zutrifft, einen mächtigen Grund abgiebt,
24 die hypothetisch ausgedachte Einheit für gegründet zu halten, und sie also
25 auch in dieser Absicht ihren Nutzen haben; sondern man sieht es ihnen
26 deutlich an, daß sie die Sparsamkeit der Grundursachen, die Mannigfaltigkeit
27 der Wirkungen und eine daher rührende Verwandtschaft der
28 Glieder der Natur an sich selbst für vernunftmäßig und der Natur angemessen
29 urtheilen, und diese Grundsätze also direct und nicht bloß als
30 Handgriffe der Methode ihre Empfehlung bei sich führen.
31 Man sieht aber leicht, daß diese Continuität der Formen eine bloße
32 Idee sei, der ein congruirender Gegenstand in der Erfahrung gar nicht
33 aufgewiesen werden kann: nicht allein um deswillen, weil die Species
34 in der Natur wirklich abgetheilt sind und daher an sich ein quantum discretum
35 ausmachen müssen, und, wenn der stufenartige Fortgang in der
36 Verwandtschaft derselben continuirlich wäre, sie auch eine wahre Unendlichkeit
37 der Zwischenglieder, die innerhalb zweier gegebenen Arten lägen,
[seite 438]
07 Wenn wir die jetzt angeführten Principien ihrer Ordnung nach versetzen,
08 um sie dem Erfahrungsgebrauch gemäß zu stellen, so würden
09 die Principien der systematischen Einheit etwa so stehen: Mannigfaltigkeit,
10 Verwandtschaft und Einheit, jede derselben aber als
11 Idee im höchsten Grade ihrer Vollständigkeit genommen. Die Vernunft
12 setzt die Verstandeserkenntnisse voraus, die zunächst auf Erfahrung angewandt
13 werden, und sucht ihre Einheit nach Ideen, die viel weiter geht,
14 als Erfahrung reichen kann. Die Verwandtschaft des Mannigfaltigen unbeschadet
15 seiner Verschiedenheit unter einem Princip der Einheit betrifft
16 nicht bloß die Dinge, sondern weit mehr noch die bloßen Eigenschaften
17 und Kräfte der Dinge. Daher, wenn uns z. B. durch eine (noch nicht
18 völlig berichtigte) Erfahrung der Lauf der Planeten als kreisförmig gegeben
19 ist, und wir finden Verschiedenheiten: so vermuthen wir sie in demjenigen,
20 was den Cirkel nach einem beständigen Gesetze durch alle unendliche
21 Zwischengrade zu einem dieser abweichenden Umläufe abändern kann, d. i.
22 die Bewegungen der Planeten, die nicht Cirkel sind, werden etwa dessen
23 Eigenschaften mehr oder weniger nahe kommen, und fallen auf die Ellipse.
24 Die Kometen zeigen eine noch größere Verschiedenheit ihrer Bahnen, da
25 sie (soweit Beobachtung reicht) nicht einmal im Kreise zurückkehren, allein
26 wir rathen auf einen parabolischen Lauf, der doch mit der Ellipsis verwandt
27 ist und, wenn die lange Achse der letzteren sehr weit gestreckt ist, in [op 691]
28 allen unseren Beobachtungen von ihr nicht unterschieden werden kann.
29 So kommen wir nach Anleitung jener Principien auf Einheit der Gattungen
30 dieser Bahnen in ihrer Gestalt, dadurch aber weiter auf Einheit
31 der Ursache aller Gesetze ihrer Bewegung (die Gravitation); von da wir
32 nachher unsere Eroberungen ausdehnen und auch alle Varietäten und
33 scheinbare Abweichungen von jenen Regeln aus demselben Princip zu erklären
34 suchen, endlich gar mehr hinzufügen, als Erfahrung jemals bestätigen
35 kann, nämlich uns nach den Regeln der Verwandtschaft selbst hyperbolische
36 Kometenbahnen zu denken, in welchen diese Körper ganz und
37 gar unsere Sonnenwelt verlassen und, indem sie von Sonne zu Sonne
[seite 439]
04 Was bei diesen Principien merkwürdig ist und uns auch allein beschäftigt,
05 ist dieses: daß sie transscendental zu sein scheinen, und, ob sie
06 gleich bloße Ideen zur Befolgung des empirischen Gebrauchs der Vernunft
07 enthalten, denen der letztere nur gleichsam asymptotisch, d. i. bloß annähernd,
08 folgen kann, ohne sie jemals zu erreichen, sie gleichwohl als synthetische
09 Sätze a priori objective, aber unbestimmte Gültigkeit haben und
10 zur Regel möglicher Erfahrung dienen, auch wirklich in Bearbeitung derselben
11 als heuristische Grundsätze mit gutem Glücke gebraucht werden, ohne [op 692]
12 daß man doch eine transscendentale Deduction derselben zu Stande bringen
13 kann, welches, wie oben bewiesen worden, in Ansehung der Ideen
14 jederzeit unmöglich ist.
15 Wir haben in der transscendentalen Analytik unter den Grundsätzen
16 des Verstandes die dynamische, als bloß regulative Principien der Anschauung,
17 von den mathematischen, die in Ansehung der letzteren
18 constitutiv sind, unterschieden. Diesem ungeachtet sind gedachte dynamische
19 Gesetze allerdings constitutiv in Ansehung der Erfahrung, indem
20 sie die Begriffe, ohne welche keine Erfahrung stattfindet, a priori möglich
21 machen. Principien der reinen Vernunft können dagegen nicht einmal
22 in Ansehung der empirischen Begriffe constitutiv sein, weil ihnen
23 kein correspondirendes Schema der Sinnlichkeit gegeben werden kann, und
24 sie also keinen Gegenstand in concreto haben können. Wenn ich nun von
25 einem solchen empirischen Gebrauch derselben als constitutiver Grundsätze
26 abgehe, wie will ich ihnen dennoch einen regulativen Gebrauch und mit
27 demselben einige objective Gültigkeit sichern, und was kann derselbe für
28 Bedeutung haben?
29 Der Verstand macht für die Vernunft eben so einen Gegenstand aus,
30 als die Sinnlichkeit für den Verstand. Die Einheit aller möglichen empirischen
31 Verstandeshandlungen systematisch zu machen, ist ein Geschäfte
32 der Vernunft, so wie der Verstand das Mannigfaltige der Erscheinungen
33 durch Begriffe verknüpft und unter empirische Gesetze bringt. Die Verstandeshandlungen
34 aber ohne Schemate der Sinnlichkeit sind unbestimmt; [op 693]
35 eben so ist die Vernunfteinheit auch in Ansehung der Bedingungen,
36 unter denen, und des Grades, wie weit der Verstand seine Begriffe
37 systematisch verbinden soll, an sich selbst unbestimmt. Allein obgleich
[seite 440]
23 Ich nenne alle subjective Grundsätze, die nicht von der Beschaffenheit
24 des Objects, sondern dem Interesse der Vernunft in Ansehung einer gewissen
25 möglichen Vollkommenheit der Erkenntniß dieses Objects hergenommen
26 sind, Maximen der Vernunft. So giebt es Maximen der speculativen
27 Vernunft, die lediglich auf dem speculativen Interesse derselben
28 beruhen, ob es zwar scheinen mag, sie wären objective Principien.
29 Wenn bloß regulative Grundsätze als constitutiv betrachtet werden,
30 so können sie als objective Principien widerstreitend sein; betrachtet man
31 sie aber bloß als Maximen, so ist kein wahrer Widerstreit, sondern blo
32 ein verschiedenes Interesse der Vernunft, welches die Trennung der Denkungsart
33 verursacht. In der That hat die Vernunft nur ein einiges Interesse,
34 und der Streit ihrer Maximen ist nur eine Verschiedenheit und
35 wechselseitige Einschränkung der Methoden, diesem Interesse ein Genüge
36 zu thun.
37 Auf solche Weise vermag bei diesem Vernünftler mehr das Interesse
[seite 441]
26 Eben so ist es mit der Behauptung oder Anfechtung des so berufenen,
27 von LeibnizPI in Gang gebrachten und durch Bonnet trefflich aufgestutzten
28 Gesetzes der continuirlichen Stufenleiter der Geschöpfe bewandt,
29 welche nichts als eine Befolgung des auf dem Interesse der Vernunft beruhenden
30 Grundsatzes der Affinität ist; denn Beobachtung und Einsicht
31 in die Einrichtung der Natur konnte es gar nicht als objective Behauptung
32 an die Hand geben. Die Sprossen einer solchen Leiter, so wie sie
33 uns Erfahrung angeben kann, stehen viel zu weit aus einander, und unsere
34 vermeintlich kleine Unterschiede sind gemeiniglich in der Natur selbst
35 so weite Klüfte, daß auf solche Beobachtungen (vornehmlich bei einer
36 großen Mannigfaltigkeit von Dingen, da es immer leicht sein muß, gewisse
37 Ähnlichkeiten und Annäherungen zu finden) als Absichten der Natur
[seite 442]
11 Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst
12 dialektisch sein, sondern ihr bloßer Mißbrauch muß es allein machen, da
13 uns von ihnen ein trüglicher Schein entspringt; denn sie sind uns durch
14 die Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste Gerichtshof
15 aller Rechte und Ansprüche unserer Speculation kann unmöglich selbst ursprüngliche
16 Täuschungen und Blendwerke enthalten. Vermuthlich werden
17 sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in der Naturanlage unserer
18 Vernunft haben. Der Pöbel der Vernünftler schreit aber wie gewöhnlich
19 über Ungereimtheit und Widersprüche und schmäht auf die Regierung,
20 in deren innerste Plane er nicht zu dringen vermag, deren wohlthätigen
21 Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar die Cultur verdanken
22 sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu tadeln und zu verurtheilen.
23 Man kann sich eines Begriffes a priori mit keiner Sicherheit bedienen,
24 ohne seine transscendentale Deduction zu Stande gebracht zu
25 haben. Die Ideen der reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduction
26 von der Art, als die Kategorien; sollen sie aber im mindesten einige,
27 wenn auch nur unbestimmte, objective Gültigkeit haben und nicht blo [op 698]
28 leere Gedankendinge ( entia rationis ratiocinantis ) vorstellen, so mu
29 durchaus eine Deduction derselben möglich sein, gesetzt daß sie auch von
30 derjenigen weit abwiche, die man mit den Kategorien vornehmen kann.
31 Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der reinen Vernunft,
32 und dieses wollen wir jetzt übernehmen.
33 Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein
34 Gegenstand schlechthin, oder nur als ein Gegenstand in der Idee
35 gegeben wird. In dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin, den
[seite 443]
[seite 444]
32 Nun ist nicht das Mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als
33 objectiv und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische,
34 wo die Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zu Stande
35 bringen will (die psychologische und theologische enthalten dergleichen gar
36 nicht). Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht; wie sollte uns daher
37 jemand ihre objective Realität streiten können, da er von ihrer Möglichkeit
[seite 445]
18 Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, so erweitern
19 wir eigentlich nicht unsere Erkenntniß über die Objecte möglicher Erfahrung,
20 sondern nur die empirische Einheit der letzteren durch die systematische
21 Einheit, wozu uns die Idee das Schema giebt, welche mithin nicht
22 als constitutives, sondern bloß als regulatives Princip gilt. Denn da
23 wir ein der Idee correspondirendes Ding, ein Etwas oder wirkliches Wesen,
24 setzen, dadurch ist nicht gesagt, wir wollten unsere Erkenntniß der
25 Dinge mit transscendenten Begriffen erweitern; denn dieses Wesen wird
26 nur in der Idee und nicht an sich selbst zum Grunde gelegt, mithin nur [op 703]
27 um die systematische Einheit auszudrücken, die uns zur Richtschnur des
28 empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen soll, ohne doch etwas darüber
29 auszumachen, was der Grund dieser Einheit oder die innere Eigenschaft
30 eines solchen Wesens sei, auf welchem als Ursache sie beruhe.
31 So ist der transscendentale und einzige bestimmte Begriff, den uns
32 die bloß speculative Vernunft von Gott giebt, im genauesten Verstande
33 deistisch: d. i. die Vernunft giebt nicht einmal die objective Gültigkeit
34 eines solchen Begriffs, sondern nur die Idee von Etwas an die Hand,
35 worauf alle empirische Realität ihre höchste und nothwendige Einheit
36 gründet, und welches wir uns nicht anders, als nach der Analogie einer
37 wirklichen Substanz, welche nach Vernunftgesetzen die Ursache aller Dinge
[seite 446]
08 Daher geschiehts nun, daß, wenn ich ein göttliches Wesen annehme,
09 ich zwar weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit,
10 noch der Nothwendigkeit seines Daseins den mindesten Begriff habe, [op 704]
11 aber alsdann doch allen anderen Fragen, die das Zufällige betreffen, ein
12 Genüge thun kann und der Vernunft die vollkommenste Befriedigung in
13 Ansehung der nachzuforschenden größten Einheit in ihrem empirischen
14 Gebrauche, aber nicht in Ansehung dieser Voraussetzung selbst verschaffen
15 kann; welches beweiset, daß ihr speculatives Interesse, und nicht ihre Einsicht
16 sie berechtige, von einem Punkte, der so weit über ihrer Sphäre
17 liegt, auszugehen, um daraus ihre Gegenstände in einem vollständigen
18 Ganzen zu betrachten.
19 Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart bei einer und
20 derselben Voraussetzung, der ziemlich subtil, aber gleichwohl in der Transscendentalphilosophie
21 von großer Wichtigkeit ist. Ich kann genugsamen
22 Grund haben, etwas relativ anzunehmen ( suppositio relativa ), ohne doch
23 befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen ( suppositio absoluta ). Diese
24 Unterscheidung trifft zu, wenn es bloß um ein regulatives Princip zu
25 thun ist, wovon wir zwar die Nothwendigkeit an sich selbst, aber nicht den
26 Quell derselben erkennen, und dazu wir einen obersten Grund bloß in der
27 Absicht annehmen, um desto bestimmter die Allgemeinheit des Princips
28 zu denken, als z. B. wenn ich mir ein Wesen als existirend denke, das
29 einer bloßen und zwar transscendentalen Idee correspondirt. Denn da
30 kann ich das Dasein dieses Dinges niemals an sich selbst annehmen, weil [op 705]
31 keine Begriffe, dadurch ich mir irgend einen Gegenstand bestimmt denken
32 kann, dazu gelangen, und die Bedingungen der objectiven Gültigkeit
33 meiner Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind. Die Begriffe
34 der Realität, der Substanz, der Causalität, selbst die der Nothwendigkeit
35 im Dasein haben außer dem Gebrauche, da sie die empirische Erkenntni
36 eines Gegenstandes möglich machen, gar keine Bedeutung, die irgend ein
37 Object bestimmte. Sie können also zwar zur Erklärung der Möglichkeit
[seite 447]
[seite 448]
07 Werfen wir unseren Blick nun auf den transscendentalen Gegenstand
08 unserer Idee, so sehen wir, daß wir seine Wirklichkeit nach den Begriffen
09 von Realität, Substanz, Causalität etc. an sich selbst nicht voraussetzen
10 können, weil diese Begriffe auf etwas, das von der Sinnenwelt ganz
11 unterschieden ist, nicht die mindeste Anwendung haben. Also ist die
12 Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen als oberster Ursache
13 bloß relativ, zu Behuf der systematischen Einheit der Sinnenwelt gedacht
14 und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir, was es an sich sei, keinen
15 Begriff haben. Hierdurch erklärt sich auch, woher wir zwar in Beziehung
16 auf das, was existirend den Sinnen gegeben ist, der Idee eines an sich
17 nothwendigen Urwesens bedürfen, niemals aber von diesem und seiner
18 absoluten Nothwendigkeit den mindesten Begriff haben können.
19 Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transscendentalen [op 708]
20 Dialektik deutlich vor Augen stellen und die Endabsicht der Ideen der reinen
21 Vernunft, die nur durch Mißverstand und Unbehutsamkeit dialektisch
22 werden, genau bestimmen. Die reine Vernunft ist in der That mit nichts
23 als sich selbst beschäftigt und kann auch kein anderes Geschäfte haben,
24 weil ihr nicht die Gegenstände zur Einheit des Erfahrungsbegriffs, sondern
25 die Verstandeserkenntnisse zur Einheit des Vernunftbegriffs, d. i.
26 des Zusammenhanges in einem Princip, gegeben werden. Die Vernunfteinheit
27 ist die Einheit des Systems, und diese systematische Einheit dient
28 der Vernunft nicht objectiv zu einem Grundsatze, um sie über die Gegenstände,
29 sondern subjectiv als Maxime, um sie über alles mögliche empirische
30 Erkenntniß der Gegenstände zu verbreiten. Gleichwohl befördert
31 der systematische Zusammenhang, den die Vernunft dem empirischen Verstandesgebrauche
32 geben kann, nicht allein dessen Ausbreitung, sondern
33 bewährt auch zugleich die Richtigkeit desselben; und das Principium einer
34 solchen systematischen Einheit ist auch objectiv, aber auf unbestimmte Art
35 ( Principium vagum ): nicht als constitutives Princip, um etwas in Ansehung
36 seines directen Gegenstandes zu bestimmen, sondern um als blo
37 regulativer Grundsatz und Maxime den empirischen Gebrauch der Vernunft
[seite 449]
04 Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders
05 denken, als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand giebt, der aber
06 durch keine Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung giebt niemals
07 ein Beispiel vollkommener systematischer Einheit. Dieses Vernunftwesen
08 ( ens rationis ratiocinatae ) ist nun zwar eine bloße Idee und wird
09 also nicht schlechthin und an sich selbst als etwas Wirkliches angenommen,
10 sondern nur problematisch zum Grunde gelegt (weil wir es durch keine
11 Verstandesbegriffe erreichen können), um alle Verknüpfung der Dinge der
12 Sinnenwelt so anzusehen, als ob sie in diesem Vernunftwesen ihren
13 Grund hätten, lediglich aber in der Absicht, um darauf die systematische
14 Einheit zu gründen, die der Vernunft unentbehrlich, der empirischen Verstandeserkenntni
15 aber auf alle Weise beförderlich und ihr gleichwohl niemals
16 hinderlich sein kann.
17 Man verkennt sogleich die Bedeutung dieser Idee, wenn man sie
18 für die Behauptung oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen
19 Sache hält, welcher man den Grund der systematischen Weltverfassung
20 zuzuschreiben gedächte; vielmehr läßt man es gänzlich unausgemacht, was
21 der unseren Begriffen sich entziehende Grund derselben an sich für Beschaffenheit
22 habe, und setzt sich nur eine Idee zum Gesichtspunkte, aus
23 welchem einzig und allein man jene der Vernunft so wesentliche und dem [op 710]
24 Verstande so heilsame Einheit verbreiten kann; mit einem Worte: dieses
25 transscendentale Ding ist bloß das Schema jenes regulativen Princips,
26 wodurch die Vernunft, so viel an ihr ist, systematische Einheit über alle
27 Erfahrung verbreitet.
28 Das erste Object einer solchen Idee bin ich selbst, bloß als denkende
29 Natur (Seele) betrachtet. Will ich die Eigenschaften, mit denen ein denkend
30 Wesen an sich existirt, aufsuchen, so muß ich die Erfahrung befragen,
31 und selbst von allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand anwenden,
32 als in so fern das Schema derselben in der sinnlichen Anschauung
33 gegeben ist. Hiemit gelange ich aber niemals zu einer systematischen Einheit
34 aller Erscheinungen des inneren Sinnes. Statt des Erfahrungsbegriffs
35 also (von dem, was die Seele wirklich ist), der uns nicht weit
36 führen kann, nimmt die Vernunft den Begriff der empirischen Einheit
37 alles Denkens und macht dadurch, daß sie diese Einheit unbedingt und
[seite 450]
[seite 451]
06 Die zweite regulative Idee der bloß speculativen Vernunft ist der
07 Weltbegriff überhaupt. Denn Natur ist eigentlich nur das einzige gegebene
08 Object, in Ansehung dessen die Vernunft regulative Principien bedarf.
09 Diese Natur ist zwiefach, entweder die denkende, oder die körperliche
10 Natur. Allein zu der letzteren, um sie ihrer inneren Möglichkeit nach
11 zu denken, d. i. die Anwendung der Kategorien auf dieselbe zu bestimmen,
12 bedürfen wir keiner Idee, d. i. einer die Erfahrung übersteigenden
13 Vorstellung; es ist auch keine in Ansehung derselben möglich, weil wir
14 darin bloß durch sinnliche Anschauung geleitet werden, und nicht wie in
15 dem psychologischen Grundbegriffe (Ich), welcher eine gewisse Form des
16 Denkens, nämlich die Einheit desselben a priori, enthält. Also bleibt uns [op 713]
17 für die reine Vernunft nichts übrig, als Natur überhaupt und die Vollständigkeit
18 der Bedingungen in derselben nach irgend einem Princip. Die
19 absolute Totalität der Reihen dieser Bedingungen in der Ableitung ihrer
20 Glieder ist eine Idee, die zwar im empirischen Gebrauche der Vernunft
21 niemals völlig zu Stande kommen kann, aber doch zur Regel dient, wie
22 wir in Ansehung derselben verfahren sollen: nämlich in der Erklärung
23 gegebener Erscheinungen (im Zurückgehen oder Aufsteigen) so, als ob die
24 Reihe an sich unendlich wäre, d. i. in indefinitum ; aber wo die Vernunft
25 selbst als bestimmende Ursache betrachtet wird (in der Freiheit), also bei
26 praktischen Principien, als ob wir nicht ein Object der Sinne, sondern
27 des reinen Verstandes vor uns hätten, wo die Bedingungen nicht mehr
28 in der Reihe der Erscheinungen, sondern außer derselben gesetzt werden
29 können, und die Reihe der Zustände angesehen werden kann, als ob sie
30 schlechthin (durch eine intelligibele Ursache) angefangen würde; welches
31 alles beweiset, daß die kosmologischen Ideen nichts als regulative Principien
32 und weit davon entfernt sind, gleichsam constitutiv eine wirkliche
33 Totalität solcher Reihen zu setzen. Das übrige kann man an seinen Orte
34 unter der Antinomie der reinen Vernunft suchen.
35 Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative Supposition
36 eines Wesens enthält, als der einigen und allgenugsamen Ursache
37 aller kosmologischen Reihen, ist der Vernunftbegriff von Gott. Den Gegenstand
[seite 452]
17 Die höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen beruht,
18 ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das speculative
19 Interesse der Vernunft macht es nothwendig, alle Anordnung in der Welt
20 so anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft entsprossen [op 715]
21 wäre. Ein solches Princip eröffnet nämlich unserer auf das Feld
22 der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz neue Aussichten, nach teleologischen
23 Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen und dadurch zu der
24 größten systematischen Einheit derselben zu gelangen. Die Voraussetzung
25 einer obersten Intelligenz als der alleinigen Ursache des Weltganzen, aber
26 freilich bloß in der Idee kann also jederzeit der Vernunft nutzen und dabei
27 doch niemals schaden. Denn wenn wir in Ansehung der Figur der
28 Erde (der runden, doch etwas abgeplatteten)*), der Gebirge und Meere etc.
29 lauter weise Absichten eines Urhebers zum voraus annehmen, so können
30 *) Der Vortheil, den eine kugelichte Erdgestalt schafft, ist bekannt genug; aber
31 wenige wissen, daß ihre Abplattung als eines Sphäroids es allein verhindert, da
32 nicht die Hervorragungen des festen Landes oder auch kleinerer, vielleicht durch
33 Erdbeben aufgeworfener Berge die Achse der Erde continuirlich und in nicht eben
34 langer Zeit ansehnlich verrücken, wäre nicht die Aufschwellung der Erde unter der
35 Linie ein so gewaltiger Berg, den der Schwung jedes andern Berges niemals merklich
36 aus seiner Lage in Ansehung der Achse bringen kann. Und doch erklärt man diese
37 weise Anstalt ohne Bedenken aus dem Gleichgewicht der ehmals flüssigen Erdmasse.
[seite 453]
27 Gehen wir aber von dieser Restriction der Idee auf den bloß regulativen
28 Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise irre
29 geführt, indem sie alsdann den Boden der Erfahrung, der doch die Merkzeichen
30 ihres Ganges enthalten muß, verläßt und sich über denselben zu
31 dem Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über dessen Höhe sie
32 nothwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem Standpunkte desselben
33 von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch gänzlich abgeschnitten
34 sieht.
35 Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Idee eines
[seite 454]
32 *)So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete: Wenn
33 es dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser Krankheit genesen, so wird
34 es geschehen, du magst einen Arzt brauchen, oder nicht. Cicero sagt, daß diese
35 Art zu schließen ihren Namen daher habe, daß, wenn man ihr folgt, gar kein Gebrauch
36 der Vernunft im Leben übrig bleibe. Dieses ist die Ursache, warum ich
37 das sophistische Argument der reinen Vernunft mit demselben Namen belege.
[seite 455]
18 Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Princips
19 der systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft
20 ( perversa ratio , hysteron proteron rationis ). Die Idee der systematischen
21 Einheit sollte nur dazu dienen, um als regulatives Princip sie in der Verbindung
22 der Dinge nach allgemeinen Naturgesetzen zu suchen und, so weit
23 sich etwas davon auf dem empirischen Wege antreffen läßt, um so viel auch
24 zu glauben, daß man sich der Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert
25 habe, ob man sie freilich niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man
26 die Sache um und fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Princips
27 der zweckmäßigen Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, den
28 Begriff einer solchen höchsten Intelligenz, weil er an sich gänzlich unerforschlich
29 ist, anthropomorphistisch bestimmt und dann der Natur Zwecke
30 gewaltsam und dictatorisch aufdringt, anstatt sie wie billig auf dem Wege
31 der physischen Nachforschung zu suchen: so daß nicht allein Teleologie, die
32 bloß dazu dienen sollte, um die Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu [op 721]
33 ergänzen, nun vielmehr dahin wirkt, sie aufzuheben, sondern die Vernunft
34 sich noch dazu selbst um ihren Zweck bringt, nämlich das Dasein einer solchen
35 intelligenten obersten Ursache nach diesem aus der Natur zu beweisen.
36 Denn wenn man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur a priori,
37 d. i. als zum Wesen derselben gehörig, voraussetzen kann, wie will man
[seite 456]
13 Das regulative Princip der systematischen Einheit der Natur für ein
14 constitutives nehmen und, was nur in der Idee zum Grunde des einhelligen
15 Gebrauchs der Vernunft gelegt wird, als Ursache hypostatisch [op 722]
16 voraussetzen, heißt nur die Vernunft verwirren. Die Naturforschung geht
17 ihren Gang ganz allein an der Kette der Naturursachen nach allgemeinen
18 Gesetzen derselben, zwar nach der Idee eines Urhebers, aber nicht um die
19 Zweckmäßigkeit, der sie allerwärts nachgeht, von demselben abzuleiten,
20 sondern sein Dasein aus dieser Zweckmäßigkeit, die in den Wesen der Naturdinge
21 gesucht wird, wo möglich auch in den Wesen aller Dinge überhaupt,
22 mithin als schlechthin nothwendig zu erkennen. Das letztere mag
23 nun gelingen oder nicht, so bleibt die Idee immer richtig und eben sowohl
24 auch deren Gebrauch, wenn er auf die Bedingungen eines bloß regulativen
25 Princips restringirt worden.
26 Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit (schlechthin betrachtet).
27 Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge, welche den ganzen
28 Gegenstand der Erfahrung, d. i. aller unserer objectivgültigen Erkenntniß,
29 ausmachen, mithin in allgemeinen und nothwendigen Naturgesetzen finden,
30 wie wollen wir daraus gerade auf die Idee einer höchsten und schlechthin
31 nothwendigen Vollkommenheit eines Urwesens schließen, welches der Ursprung
32 aller Causalität ist? Die größte systematische, folglich auch die
33 zweckmäßige Einheit ist die Schule und selbst die Grundlage der Möglichkeit
34 des größten Gebrauchs der Menschenvernunft. Die Idee derselben [op 723]
35 ist also mit dem Wesen unserer Vernunft unzertrennlich verbunden. Eben
36 dieselbe Idee ist also für uns gesetzgebend, und so ist es sehr natürlich, eine
37 ihr correspondirende gesetzgebende Vernunft ( intellectus archetypus )
[seite 457]
03 Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt:
04 daß alle Fragen, welche die reine Vernunft aufwirft, schlechterdings
05 beantwortlich sein müssen, und daß die Entschuldigung mit den Schranken
06 unserer Erkenntniß, die in vielen Naturfragen ebenso unvermeidlich als
07 billig ist, hier nicht gestattet werden könne, weil uns hier nicht von der
08 Natur der Dinge, sondern allein durch die Natur der Vernunft und lediglich
09 über ihre innere Einrichtung die Fragen vorgelegt werden. Jetzt können
10 wir diese dem ersten Anscheine nach kühne Behauptung in Ansehung der
11 zwei Fragen, wobei die reine Vernunft ihr größtes Interesse hat, bestätigen
12 und dadurch unsere Betrachtung über die Dialektik derselben zur gänzlichen
13 Vollendung bringen.
14 Frägt man denn also (in Absicht auf eine transscendentale Theologie)*) [op 724]
15 erstlich: ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe, was den
16 Grund der Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen
17 Gesetzen enthalte, so ist die Antwort: ohne Zweifel. Denn die Welt ist
18 eine Summe von Erscheinungen, es muß also irgend ein transscendentaler,
19 d. i. bloß dem reinen Verstande denkbarer, Grund derselben sein. Ist zweitens
20 die Frage, ob dieses Wesen Substanz, von der größten Realität, nothwendig
21 etc. sei: so antworte ich, daß diese Frage gar keine Bedeutung
22 habe. Denn alle Kategorien, durch welche ich mir einen Begriff
23 von einem solchen Gegenstande zu machen versuche, sind von keinem anderen
24 als empirischen Gebrauche und haben gar keinen Sinn, wenn sie
25 nicht auf Objecte möglicher Erfahrung, d. i. auf die Sinnenwelt, angewandt
26 werden. Außer diesem Felde sind sie bloß Titel zu Begriffen, die
27 man einräumen, dadurch man aber auch nichts verstehen kann. Ist endlich
28 drittens die Frage, ob wir nicht wenigstens dieses von der Welt
29 unterschiedene Wesen nach einer Analogie mit den Gegenständen der Erfahrung
30 denken dürfen: so ist die Antwort: allerdings, aber nur als [op 725]
31 Gegenstand in der Idee und nicht in der Realität, nämlich nur so fern er
32 *) Dasjenige, was ich schon vorher von der psychologischen Idee und deren
33 eigentlichen Bestimmung als Princips zum bloß regulativen Vernunftgebrauch gesagt
34 habe, überhebt mich der Weitläuftigkeit, die transscendentale Illusion, nach
35 der jene systematische Einheit aller Mannigfaltigkeit des inneren Sinnes hypostatisch
36 vorgestellt wird, noch besonders zu erörtern. Das Verfahren hiebei ist demjenigen
37 sehr ähnlich, welches die Kritik in Ansehung des theologischen Ideals beobachtet.
[seite 458]
14 Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren zu
15 fragen) einen einigen, weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen?
16 Ohne allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen
17 solchen voraussetzen. Aber alsdann erweitern wir doch unsere Erkenntni
18 über das Feld möglicher Erfahrung? Keinesweges. Denn wir haben [op 726]
19 nur ein Etwas vorausgesetzt, wovon wir gar keinen Begriff haben, was
20 es an sich selbst sei (einen bloß transscendentalen Gegenstand); aber in
21 Beziehung auf die systematische und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues,
22 welche wir, wenn wir die Natur studiren, voraussetzen müssen, haben wir
23 jenes uns unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer Intelligenz
24 (ein empirischer Begriff) gedacht, d. i. es in Ansehung der Zwecke
25 und der Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade mit den
26 Eigenschaften begabt, die nach den Bedingungen unserer Vernunft den
27 Grund einer solchen systematischen Einheit enthalten können. Diese Idee
28 ist also respectiv auf den Weltgebrauch unserer Vernunft ganz gegründet.
29 Wollten wir ihr aber schlechthin objective Gültigkeit ertheilen,
30 so würden wir vergessen, daß es lediglich ein Wesen in der Idee sei, das
31 wir denken; und indem wir alsdann von einem durch die Weltbetrachtung
32 gar nicht bestimmbaren Grunde anfingen, würden wir dadurch außer
33 Stand gesetzt, dieses Princip dem empirischen Vernunftgebrauch angemessen
34 anzuwenden.
35 Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von
36 dem Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der vernünftigen
37 Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch eigentlich
[seite 459]
29 Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in der Idee
30 nicht allein nach einem subtileren Anthropomorphism (ohne welchen sich
31 gar nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, das
32 Verstand, Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße
33 Begierde und Willen hat etc., zu denken, sondern demselben unendliche Vollkommenheit
34 beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu wir durch
35 empirische Kenntniß der Weltordnung berechtigt sein können. Denn das
36 regulative Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir die Natur so
37 studiren sollen, als ob allenthalben ins Unendliche systematische und zweckmäßige
[seite 460]
20 So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts geringeres
21 als Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung zu versprechen
22 schien, wenn wir sie Recht verstehen, nichts als regulative Principien,
23 die zwar größere Einheit gebieten, als der empirische Verstandesgebrauch
24 erreichen kann, aber eben dadurch, daß sie das Ziel der Annäherung [op 730]
25 desselben so weit hinausrücken, die Zusammenstimmung desselben
26 mit sich selbst durch systematische Einheit zum höchsten Grade bringen,
27 wenn man sie aber mißversteht und sie für constitutive Principien transscendenter
28 Erkenntnisse hält, durch einen zwar glänzenden, aber trüglichen
29 Schein Überredung und eingebildetes Wissen, hiemit aber ewige Widersprüche
30 und Streitigkeiten hervorbringen.
31 So fängt denn alle menschliche Erkenntniß mit Anschauungen an,
32 geht von da zu Begriffen und endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung
33 aller drei Elemente Erkenntnißquellen a priori hat, die beim ersten Anblicke
34 die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen, so überzeugt doch eine
[seite 461]
[seite 463]
[seite 465]
01 Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntniß der reinen und speculativen
02 Vernunft wie ein Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in uns
03 haben, so kann ich sagen: wir haben in der transscendentalen Elementarlehre
04 den Bauzeug überschlagen und bestimmt, zu welchem Gebäude, von
05 welcher Höhe und Festigkeit er zulange. Freilich fand es sich, daß, ob wir
06 zwar einen Thurm im Sinne hatten, der bis an den Himmel reichen sollte,
07 der Vorrath der Materialien doch nur zu einem Wohnhause zureichte, welches
08 zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig
09 und hoch genug war, sie zu übersehen; daß aber jene kühne Unternehmung
10 aus Mangel an Stoff fehlschlagen mußte, ohne einmal auf die Sprachverwirrung
11 zu rechnen, welche die Arbeiter über den Plan unvermeidlich
12 entzweien und sie in alle Welt zerstreuen mußte, um sich, ein jeder nach
13 seinem Entwurfe, besonders anzubauen. Jetzt ist es uns nicht sowohl um
14 die Materialien, als vielmehr um den Plan zu thun und, indem wir gewarnt
15 sind, es nicht auf einen beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht
16 unser ganzes Vermögen übersteigen könnte, zu wagen, gleichwohl doch von
17 der Errichtung eines festen Wohnsitzes nicht wohl abstehen können, den
18 Anschlag zu einem Gebäude in Verhältniß auf den Vorrath, der uns gegeben
19 und zugleich unserem Bedürfniß angemessen ist, zu machen.
20 Ich verstehe also unter der transscendentalen Methodenlehre die Bestimmung [op 736]
21 der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der
22 reinen Vernunft. Wir werden es in dieser Absicht mit einer Disciplin,
23 einem Kanon, einer Architektonik, endlich einer Geschichte der reinen
24 Vernunft zu thun haben und dasjenige in transscendentaler Absicht leisten,
25 was unter dem Namen einer praktischen Logik in Ansehung des Gebrauchs
26 des Verstandes überhaupt in den Schulen gesucht, aber schlecht
[seite 466]
12 Die negativen Urtheile, die es nicht bloß der logischen Form, sondern
13 auch dem Inhalte nach sind, stehen bei der Wißbegierde der Menschen in
14 keiner sonderlichen Achtung; man sieht sie wohl gar als neidische Feinde [op 737]
15 unseres unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnißtriebes an, und
16 es bedarf beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung, und noch mehr,
17 um ihnen Gunst und Hochschätzung zu verschaffen.
18 Man kann zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken,
19 in Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntniß überhaupt, ob sie durch
20 ein Urtheil erweitert oder beschränkt wird, haben die verneinenden das
21 eigenthümliche Geschäfte, lediglich den Irrthum abzuhalten. Daher
22 auch negative Sätze, welche eine falsche Erkenntniß abhalten sollen, wo
23 doch niemals ein Irrthum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer,
24 d. i. ihrem Zwecke gar nicht angemessen, und eben darum oft lächerlich
25 sind; wie der Satz jenes Schulredners, daß Alexander ohne Kriegsheer
26 keine Länder hätte erobern können.
27 Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntniß sehr enge, der
28 Anreiz zum Urtheilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr betrüglich
29 und der Nachtheil aus dem Irrthum erheblich ist, da hat das negative
30 der Unterweisung, welches bloß dazu dient, um uns vor Irrthümern zu
31 verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manche positive Belehrung, dadurch
32 unser Erkenntniß Zuwachs bekommen könnte. Man nennt den Zwang,
33 wodurch der beständige Hang von gewissen Regeln abzuweichen eingeschränkt
[seite 467]
07 Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine
08 freie und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und
09 Witz) in mancher Absicht einer Disciplin bedürfen, wird jedermann leicht
10 zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt, allen anderen
11 Bestrebungen ihre Disciplin vorzuschreiben, selbst noch eine solche nöthig
12 habe, das mag allerdings befremdlich scheinen; und in der That ist sie
13 auch einer solchen Demüthigung eben darum bisher entgangen, weil bei
14 der Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande, womit sie auftritt, niemand
15 auf den Verdacht eines leichtsinnigen Spiels mit Einbildungen
16 statt Begriffen und Worten statt Sachen leichtlich gerathen konnte.
17 Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil [op 739]
18 ihre Grundsätze am Probirstein der Erfahrung einer continuirlichen Prüfung
19 unterworfen werden; imgleichen auch nicht in der Mathematik, wo
20 ihre Begriffe an der reinen Anschauung sofort in concreto dargestellt werden
21 müssen, und jedes Ungegründete und Willkürliche dadurch alsbald
22 offenbar wird. Wo aber weder empirische noch reine Anschauung die Vernunft
23 in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in ihrem transscendentalen
24 Gebrauche nach bloßen Begriffen, da bedarf sie so sehr einer
25 Disciplin, die ihren Hang zur Erweiterung über die engen Grenzen möglicher
26 Erfahrung bändige und sie von Ausschweifung und Irrthum abhalte,
27 daß auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft bloß mit diesem
28 negativen Nutzen zu thun hat. Einzelnen Verirrungen kann durch Censur
29 *) Ich Weiß wohl, daß man in der Schulsprache den Namen der Disciplin
30 mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein es giebt dagegen
31 so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck als Zucht von dem zweiten
32 als Belehrung sorgfältig unterschieden wird, und die Natur der Dinge erheischt
33 es auch selbst, für diesen Unterschied die einzigen schicklichen Ausdrücke aufzubewahren,
34 daß ich wünsche, man möge niemals erlauben, jenes Wort in anderer als
35 negativer Bedeutung zu brauchen.
[seite 468]
11 Es ist aber wohl zu merken: daß ich in diesem zweiten Haupttheile
12 der transscendentalen Kritik die Disciplin der reinen Vernunft nicht auf
13 den Inhalt, sondern bloß auf die Methode der Erkenntniß aus reiner Vernunft
14 richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre geschehen. Es
15 hat aber der Vernunftgebrauch so viel Ähnliches, auf welchen Gegenstand
16 er auch angewandt werden mag, und ist doch, so fern er transscendental
17 sein soll, zugleich von allem anderen so wesentlich unterschieden, daß ohne
18 die warnende Negativlehre einer besonders darauf gestellten Disciplin die
19 Irrthümer nicht zu verhüten sind, die aus einer unschicklichen Befolgung
20 solcher Methoden, die zwar sonst der Vernunft, aber nur nicht hier anpassen,
21 nothwendig entspringen müssen.
26 Die Mathematik giebt das glänzendste Beispiel einer sich ohne Beihülfe
27 der Erfahrung von selbst glücklich erweiternden reinen Vernunft.
28 Beispiele sind ansteckend, vornehmlich für dasselbe Vermögen, welches sich
29 natürlicherweise schmeichelt, eben dasselbe Glück in anderen Fällen zu
30 haben, welches ihm in einem Falle zu Theil worden. Daher hofft reine [op 741]
31 Vernunft im transscendentalen Gebrauche sich eben so glücklich und gründlich
[seite 469]
08 Die philosophische Erkenntniß ist die Vernunfterkenntniß aus
09 Begriffen, die mathematische aus der Construction der Begriffe.
10 Einen Begriff aber construiren, heißt: die ihm correspondirende Anschauung
11 a priori darstellen. Zur Construction eines Begriffs wird also
12 eine nichtempirische Anschauung erfordert, die folglich, als Anschauung,
13 ein einzelnes Object ist, aber nichts destoweniger als die Construction
14 eines Begriffs (einer allgemeinen Vorstellung) Allgemeingültigkeit für alle
15 mögliche Anschauungen, die unter denselben Begriff gehören, in der Vorstellung
16 ausdrücken muß. So construire ich einen Triangel, indem ich
17 den diesem Begriffe entsprechenden Gegenstand entweder durch bloße Einbildung
18 in der reinen, oder nach derselben auch auf dem Papier in der
19 empirischen Anschauung, beidemal aber völlig a priori, ohne das Muster
20 dazu aus irgend einer Erfahrung geborgt zu haben, darstelle. Die einzelne [op 742]
21 hingezeichnete Figur ist empirisch und dient gleichwohl, den Begriff unbeschadet
22 seiner Allgemeinheit auszudrücken, weil bei dieser empirischen Anschauung
23 immer nur auf die Handlung der Construktion des Begriffs,
24 welchem viele Bestimmungen, z. E. der Größe, der Seiten und der Winkel,
25 ganz gleichgültig sind, gesehen und also von diesen Verschiedenheiten, die
26 den Begriff des Triangels nicht verändern, abstrahirt wird.
27 Die philosophische Erkenntniß betrachtet also das Besondere nur im
28 Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
29 Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so daß,
30 wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der Construction
31 bestimmt ist, eben so der Gegenstand des Begriffs, dem dieses
32 Einzelne nur als sein Schema correspondirt, allgemein bestimmt gedacht
33 werden muß.
34 In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden
35 Arten der Vernunfterkenntniß und beruht nicht auf dem Unterschiede ihrer
36 Materie oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von Mathematik
37 dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener sagten, sie
[seite 470]
30 Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels und lasse
31 ihn nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner
32 Winkel zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff
33 von einer Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und an ihr
34 den Begriff von eben so viel Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe nachdenken,
35 so lange er will, er wird nichts Neues herausbringen. Er kann
36 den Begriff der geraden Linie oder eines Winkels oder der Zahl drei zergliedern
37 und deutlich machen, aber nicht auf andere Eigenschaften kommen,
[seite 471]
13 Die Mathematik aber construirt nicht bloß Größen ( quanta ), wie in
14 der Geometrie, sondern auch die bloße Größe ( quantitatem ), wie in der
15 Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes,
16 der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich abstrahirt.
17 Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller Constructionen
18 von Größen überhaupt (Zahlen) als der Addition, Subtraction
19 u. s. w., Ausziehung der Wurzel; und nachdem sie den allgemeinen Begriff
20 der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen derselben auch bezeichnet
21 hat, so stellt sie alle Behandlung, die durch die Größe erzeugt und
22 verändert wird, nach gewissen allgemeinen Regeln in der Anschauung
23 dar; wo eine Größe durch die andere dividirt werden soll, setzt sie beider
24 ihre Charaktere nach der bezeichnenden Form der Division zusammen
25 u. s. w. und gelangt also vermittelst einer symbolischen Construction eben
26 so gut, wie die Geometrie nach einer ostensiven oder geometrischen (der
27 Gegenstände selbst) dahin, wohin die discursive Erkenntniß vermittelst
28 bloßer Begriffe niemals gelangen könnte.
29 Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein, darin sich
30 zwei Vernunftkünstler befinden, deren der eine seinen Weg nach Begriffen,
31 der andere nach Anschauungen nimmt, die er a priori den Begriffen gemä [op 746]
32 darstellt? Nach den oben vorgetragenen transscendentalen Grundlehren
33 ist diese Ursache klar. Es kommt hier nicht auf analytische Sätze
34 an, die durch bloße Zergliederung der Begriffe erzeugt werden können
35 (hierin würde der Philosoph ohne Zweifel den Vortheil über seinen Nebenbuhler
36 haben), sondern auf synthetische und zwar solche, die a priori
37 sollen erkannt werden. Denn ich soll nicht auf dasjenige sehen, was ich
[seite 472]
15 Ich würde also umsonst über den Triangel philosophiren, d. i. discursiv [op 747]
16 nachdenken, ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen, als auf
17 die bloße Definition, von der ich aber billig anfangen müßte. Es giebt
18 zwar eine transscendentale Synthesis aus lauter Begriffen, die wiederum
19 allein dem Philosophen gelingt, die aber niemals mehr als ein Ding überhaupt
20 betrifft, unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung zur möglichen
21 Erfahrung gehören könne. Aber in den mathematischen Aufgaben
22 ist hievon und überhaupt von der Existenz gar nicht die Frage, sondern
23 von den Eigenschaften der Gegenstände an sich selbst, lediglich so fern diese
24 mit dem Begriffe derselben verbunden sind.
25 Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht,
26 welcher große Unterschied zwischen dem discursiven Vernunftgebrauch
27 nach Begriffen und dem intuitiven durch die Construction der Begriffe
28 anzutreffen sei. Nun frägts sich natürlicher Weise, was die Ursache
29 sei, die einen solchen zwiefachen Vernunftgebrauch nothwendig macht, und
30 an welchen Bedingungen man erkennen könne, ob nur der erste, oder auch
31 der zweite stattfinde.
32 Alle unsere Erkenntniß bezieht sich doch zuletzt auf mögliche Anschauungen;
33 denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben. Nun enthält
34 ein Begriff a priori (ein nicht empirischer Begriff) entweder schon
35 eine reine Anschauung in sich, und alsdann kann er construirt werden;
[seite 473]
05 Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben, als die bloße
06 Form der Erscheinungen, Raum und Zeit; und ein Begriff von diesen
07 als quantis läßt sich entweder zugleich mit der Qualität derselben (ihre
08 Gestalt), oder auch bloß ihre Quantität (die bloße Synthesis des gleichartig
09 Mannigfaltigen) durch Zahl a priori in der Anschauung darstellen,
10 d. i. construiren. Die Materie aber der Erscheinungen, wodurch uns
11 Dinge im Raume und der Zeit gegeben werden, kann nur in der Wahrnehmung,
12 mithin a posteriori vorgestellt werden. Der einzige Begriff,
13 der a priori diesen empirischen Gehalt der Erscheinungen vorstellt, ist der
14 Begriff des Dinges überhaupt, und die synthetische Erkenntniß von
15 demselben a priori kann nichts weiter, als die bloße Regel der Synthesis
16 desjenigen, was die Wahrnehmung a posteriori geben mag, niemals aber
17 die Anschauung des realen Gegenstandes a priori liefern, weil diese nothwendig
18 empirisch sein muß.
19 Synthetische Sätze, die auf Dinge überhaupt, deren Anschauung
20 sich a priori gar nicht geben läßt, gehen, sind transscendental. Demnach
21 lassen sich transscendentale Sätze niemals durch Construction der Begriffe,
22 sondern nur nach Begriffen a priori geben. Sie enthalten bloß die Regel,
23 nach der eine gewisse synthetische Einheit desjenigen, was nicht a priori [op 749]
24 anschaulich vorgestellt werden kann (der Wahrnehmungen), empirisch gesucht
25 werden soll. Sie können aber keinen einzigen ihrer Begriffe a priori
26 in irgend einem Falle darstellen, sondern thun dieses nur a posteriori,
27 vermittelst der Erfahrung, die nach jenen synthetischen Grundsätzen allererst
28 möglich wird.
29 Wenn man von einem Begriffe synthetisch urtheilen soll, so muß man
30 aus diesem Begriffe hinausgehen und zwar zur Anschauung, in welcher
31 er gegeben ist. Denn bliebe man bei dem stehen, was im Begriffe enthalten
32 ist, so wäre das Urtheil bloß analytisch und eine Erklärung des
33 Gedanken nach demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist. Ich kann
34 aber von dem Begriffe zu der ihm correspondirenden reinen oder empirischen
35 Anschauung gehen, um ihn in derselben in concreto zu erwägen und,
[seite 474]
26 So giebt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, der unerachtet
27 der Allgemeinheit der Erkenntniß und ihrer Erzeugung a priori, welche
28 sie gemein haben, dennoch im Fortgange sehr verschieden ist, und zwar
29 darum, weil in der Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände gegeben
30 *) Vermittelst des Begriffs der Ursache gehe ich wirklich aus dem empirischen
31 Begriffe von einer Begebenheit (da etwas geschieht) heraus, aber nicht zu der Anschauung,
32 die den Begriff der Ursache in concreto darstellt, sondern zu den Zeitbedingungen
33 überhaupt, die in der Erfahrung dem Begriffe der Ursache gemäß gefunden
34 werden möchten. Ich verfahre also bloß nach Begriffen und kann nicht
35 durch Construction der Begriffe verfahren, weil der Begriff eine Regel der Synthesis
36 der Wahrnehmungen ist, die keine reine Anschauungen sind und sich also a priori
37 nicht geben lassen.
[seite 475]
36 Das große Glück, welches die Vernunft vermittelst der Mathematik
37 macht, bringt ganz natürlicher Weise die Vermuthung zuwege, daß es,
[seite 476]
28 Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben, die Grenzen der reinen
29 Vernunft im transscendentalen Gebrauche genau und mit Gewißheit zu
30 bestimmen, diese Art der Bestrebung aber das Besondere an sich hat, unerachtet
31 der nachdrücklichsten und klärsten Warnungen sich noch immer
32 durch Hoffnung hinhalten zu lassen, ehe man den Anschlag gänzlich aufgiebt,
33 über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die reizenden Gegenden
34 des Intellectuellen zu gelangen: so ist es nothwendig, noch gleichsam den
35 letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung wegzunehmen und zu zeigen,
36 daß die Befolgung der mathematischen Methode in dieser Art Erkenntni
37 nicht den mindesten Vortheil schaffen könne, es müßte denn der sein, die
[seite 477]
05 Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen, Axiomen,
06 Demonstrationen. Ich werde mich damit begnügen, zu zeigen: daß keines
07 dieser Stücke in dem Sinne, darin sie der Mathematiker nimmt, von der [op 755]
08 Philosophie könne geleistet, noch nachgeahmt werden; daß der Meßkünstler
09 nach seiner Methode in der Philosophie nichts als Kartengebäude zu
10 Stande bringe, der Philosoph nach der seinigen in dem Antheil der Mathematik
11 nur ein Geschwätz erregen könne, wiewohl eben darin Philosophie
12 besteht, seine Grenzen zu kennen, und selbst der Mathematiker, wenn
13 das Talent desselben nicht etwa schon von der Natur begrenzt und auf
14 sein Fach eingeschränkt ist, die Warnungen der Philosophie nicht ausschlagen,
15 noch sich über sie wegsetzen kann.
16 1. Von den Definitionen. Definiren soll, wie es der Ausdruck
17 selbst giebt, eigentlich nur so viel bedeuten, als den ausführlichen Begriff
18 eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen*).
19 Nach einer solchen Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht definirt,
20 sondern nur explicirt werden. Denn da wir an ihm nur einige
21 Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der Sinne haben, so ist es
22 niemals sicher, ob man unter dem Worte, das denselben Gegenstand bezeichnet, [op 756]
23 nicht einmal mehr, das anderemal weniger Merkmale desselben
24 denke. So kann der eine im Begriffe vom Golde sich außer dem Gewichte,
25 der Farbe, der Zähigkeit noch die Eigenschaft, daß es nicht rostet,
26 denken, der andere davon vielleicht nichts wissen. Man bedient sich gewisser
27 Merkmale nur so lange, als sie zum Unterscheiden hinreichend sind;
28 neue Bemerkungen dagegen nehmen welche weg und setzen einige hinzu,
29 der Begriff steht also niemals zwischen sicheren Grenzen. Und wozu sollte
30 es auch dienen, einen solchen Begriff zu definiren, da, wenn z. B. von dem
31 Wasser und dessen Eigenschaften die Rede ist, man sich bei dem nicht aufhalten
32 *) Ausführlichkeit bedeutet die Klarheit und Zulänglichkeit der Merkmale;
33 Grenzen die Präcision, daß deren nicht mehr sind, als zum ausführlichen Begriffe
34 gehören; ursprünglich aber, daß diese Grenzbestimmung nicht irgend woher
35 abgeleitet sei und also noch eines Beweises bedürfe, welches die vermeintliche
36 Erklärung unfähig machen würde, an der Spitze aller Urtheile über einen Gegenstand
37 zu stehen.
[seite 478]
[seite 479]
12 a) daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachthun
13 müsse, die Definitionen voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen Versuche.
14 Denn da sie Zergliederungen gegebener Begriffe sind, so gehen
15 diese Begriffe, obzwar nur noch verworren, voran, und die unvollständige
16 Exposition geht vor der vollständigen, so daß wir aus einigen Merkmalen,
17 die wir aus einer noch unvollendeten Zergliederung gezogen haben, manches
18 vorher schließen können, ehe wir zur vollständigen Exposition, d. i. [op 759]
19 zur Definition, gelangt sind; mit einem Worte, daß in der Philosophie
20 die Definition, als abgemessene Deutlichkeit, das Werk eher schließen als
21 anfangen müsse*). Dagegen haben wir in der Mathematik gar keinen
22 Begriff vor der Definition, als durch welche der Begriff allererst gegeben
23 wird, sie muß also und kann auch jederzeit davon anfangen.
24 b) Mathematische Definitionen können niemals irren. Denn weil
25 *) Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen, vornehmlich solchen,
26 die zwar wirklich Elemente zur Definition, aber noch nicht vollständig enthalten.
27 Würde man nun eher gar nichts mit einem Begriffe anfangen können, als bis man
28 ihn definirt hätte, so würde es gar schlecht mit allem Philosophiren stehen. Da
29 aber, so weit die Elemente (der Zergliederung) reichen, immer ein guter und sicherer
30 Gebrauch davon zu machen ist, so können auch mangelhafte Definitionen, d. i.
31 Sätze, die eigentlich noch nicht Definitionen, aber übrigens wahr und also Annäherungen
32 zu ihnen sind, sehr nützlich gebraucht werden. In der Mathematik gehört die Definition
33 ad esse , in der Philosophie ad melius esse . Es ist schön, aber oft sehr
34 schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die Juristen eine Definition zu ihrem Begriffe
35 vom Recht.
[seite 480]
18 2. von den Axiomen.Diese sind synthetische Grundsätze a priori, so
19 fern sie unmittelbar gewiß sind. Nun läßt sich nicht ein Begriff mit dem
20 anderen synthetisch und doch unmittelbar verbinden, weil, damit wir über
21 einen Begriff hinausgehen können, ein drittes, vermittelndes Erkenntni
22 nöthig ist. Da nun Philosophie bloß die Vernunfterkenntniß nach Begriffen
23 ist, so wird in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein, der den Namen eines
24 Axioms verdiene. Die Mathematik dagegen ist der Axiomen fähig, weil
25 sie vermittelst der Construction der Begriffe in der Anschauung des Gegenstandes
26 die Prädicate desselben a priori und unmittelbar verknüpfen kann, [op 761]
27 z. B. daß drei Punkte jederzeit in einer Ebene liegen. Dagegen kann ein
28 synthetischer Grundsatz bloß aus Begriffen niemals unmittelbar gewi
29 sein, z. B. der Satz: alles, was geschieht, hat seine Ursache; da ich mich
30 nach einem Dritten herumsehen muß, nämlich der Bedingung der Zeitbestimmung
31 in einer Erfahrung, und nicht direct, unmittelbar aus den Begriffen
32 allein, einen solchen Grundsatz erkennen konnte. Discursive Grundsätze
33 sind also ganz etwas anderes als intuitive, d. i. Axiomen. Jene erfordern
34 jederzeit noch eine Deduction, deren die letztern ganz und gar
35 entbehren können; und da diese eben um desselben Grundes willen evident
[seite 481]
15 3. Von den Demonstrationen.Nur ein apodiktischer Beweis, so fern
16 er intuitiv ist, kann Demonstration heißen. Erfahrung lehrt uns wohl,
17 was dasei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könne. Daher können
18 empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus
19 Begriffen a priori (im discursiven Erkenntnisse) kann aber niemals anschauende
20 Gewißheit, d. i. Evidenz, entspringen, so sehr auch sonst das
21 Urtheil apodiktisch gewiß sein mag. Nur die Mathematik enthält also
22 Demonstrationen, weil sie nicht aus Begriffen, sondern der Construction
23 derselben, d. i. der Anschauung, die den Begriffen entsprechend a priori
24 gegeben werden kann, ihre Erkenntniß ableitet. Selbst das Verfahren der
25 Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie durch Reduction die Wahrheit
26 zusammt dem Beweise hervorbringt, ist zwar keine geometrische, aber
27 doch charakteristische Construction, in welcher man an den Zeichen die Begriffe,
28 vornehmlich von dem Verhältnisse der Größen, in der Anschauung
29 darlegt und, ohne einmal auf das Heuristische zu sehen, alle Schlüsse vor
30 Fehlern dadurch sichert, daß jeder derselben vor Augen gestellt wird. Da
31 hingegen das philosophische Erkenntniß dieses Vortheils entbehren muß,
32 indem es das Allgemeine jederzeit in abstracto (durch Begriffe) betrachten
33 muß, indessen daß Mathematik das Allgemeine in concreto (in der einzelnen [op 763]
34 Anschauung) und doch durch reine Vorstellung a priori erwägen
35 kann, wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die erstern daher
36 lieber akroamatische (discursive) Beweise nennen, weil sie sich nur
37 durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führen lassen, als Demonstrationen,
[seite 482]
03 Aus allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur der Philosophie
04 gar nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit
05 einem dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern
06 der Mathematik auszuschmücken, in deren Orden sie doch nicht gehört, ob
07 sie zwar auf schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle Ursache
08 hat. Jene sind eitele Anmaßungen, die niemals gelingen können, vielmehr
09 ihre Absicht rückgängig machen müssen, die Blendwerke einer ihre
10 Grenzen verkennenden Vernunft zu entdecken und vermittelst hinreichender
11 Aufklärung unserer Begriffe den Eigendünkel der Speculation auf das
12 bescheidene, aber gründliche Selbsterkenntniß zurückzuführen. Die Vernunft
13 wird also in ihren transscendentalen Versuchen nicht so zuversichtlich
14 vor sich hinsehen können, gleich als wenn der Weg, den sie zurückgelegt
15 hat, so ganz gerade zum Ziele führe, und auf ihre zum Grunde gelegte
16 Prämissen nicht so muthig rechnen können, daß es nicht nöthig wäre,
17 öfters zurück zu sehen und Acht zu haben, ob sich nicht etwa im Fortgange [op 764]
18 der Schlüsse Fehler entdecken, die in den Principien übersehen worden und
19 es nöthig machen, sie entweder mehr zu bestimmen, oder ganz abzüandern.
20 Ich theile alle apodiktische Sätze (sie mögen nun erweislich oder auch
21 unmittelbar gewiß sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein direct
22 synthetischer Satz aus Begriffen ist ein Dogma; hingegen ein dergleichen
23 Satz durch Construction der Begriffe ist ein Mathema. Analytische
24 Urtheile lehren uns eigentlich nichts mehr vom Gegenstande, als was
25 der Begriff, den wir von ihm haben, schon in sich enthält, weil sie die Erkenntni
26 über den Begriff des Subjects nicht erweitern, sondern diesen
27 nur erläutern. Sie können daher nicht füglich Dogmen heißen (welches
28 Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen könnte). Aber unter
29 den gedachten zwei Arten synthetischer Sätze a priori können nach dem
30 gewöhnlichen Redegebrauch nur die zum philosophischen Erkenntnisse gehörige
31 diesen Namen führen, und man würde schwerlich die Sätze der Rechenkunst
32 oder Geometrie Dogmata nennen. Also bestätigt dieser Gebrauch
33 die Erklärung, die wir gaben, daß nur Urtheile aus Begriffen und
34 nicht die aus der Construction der Begriffe dogmatisch heißen können.
35 Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß speculativen
[seite 483]
18 Giebt es nun im speculativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem
19 Inhalte nach gar keine Dogmate, so ist alle dogmatische Methode, sie
20 mag nun dem Mathematiker abgeborgt sein, oder eine eigenthümliche
21 Manier werden sollen, für sich unschicklich. Denn sie verbirgt nur die
22 Fehler und Irrthümer und täuscht die Philosophie, deren eigentliche Absicht
23 ist, alle Schritte der Vernunft in ihrem klärsten Lichte sehen zu lassen.
24 Gleichwohl kann die Methode immer systematisch sein. Denn unsere [op 766]
25 Vernunft (subjectiv) ist selbst ein System, aber in ihrem reinen Gebrauche,
26 vermittelst bloßer Begriffe, nur ein System der Nachforschung nach Grundsätzen
27 der Einheit, zu welcher Erfahrung allein den Stoff hergeben kann.
28 Von der eigenthümlichen Methode einer Transscendentalphilosophie läßt
29 sich aber hier nichts sagen, da wir es nur mit einer Kritik unserer Vermögensumstände
30 zu thun haben, ob wir überall bauen, und wie hoch wir
31 wohl unser Gebäude aus dem Stoffe, den wir haben (den reinen Begriffen
32 a priori), aufführen können.
[seite 484]
05 Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik
06 unterwerfen und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch
07 thun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachtheiligen Verdacht auf
08 sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtig in Ansehung des Nutzens, nichts
09 so heilig, das sich dieser prüfenden und musternden Durchsuchung, die
10 kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte. Auf dieser Freiheit beruht
11 sogar die Existenz der Vernunft, die kein dictatorisches Ansehen hat,
12 sondern deren Ausspruch jederzeit nichts als die Einstimmung freier Bürger [op 767]
13 ist, deren jeglicher seine Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto ohne Zurückhalten
14 muß äußern können.
15 Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern
16 kann, so hat sie doch nicht jederzeit Ursache, sie zu scheuen. Aber die
17 reine Vernunft in ihrem dogmatischen (nicht mathematischen) Gebrauche
18 ist sich nicht so sehr der genauesten Beobachtung ihrer obersten Gesetze bewußt,
19 daß sie nicht mit Blödigkeit, ja mit gänzlicher Ablegung alles angemaßten
20 dogmatischen Ansehens vor dem kritischen Auge einer höheren
21 und richterlichen Vernunft erscheinen müßte.
22 Ganz anders ist es bewandt, wenn sie es nicht mit der Censur des
23 Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu thun hat und sich
24 dagegen bloß vertheidigen soll. Denn da diese eben sowohl dogmatisch sein
25 wollen, obzwar im Verneinen, als jene im Bejahen: so findet eine Rechtfertigung
26 kat' anθrωpon statt, die wider alle Beeinträchtigung sichert und
27 einen titulirten Besitz verschafft, der keine fremde Anmaßungen scheuen
28 darf, ob er gleich selbst kat' alηθeian nicht hinreichend bewiesen werden
29 kann.
30 Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich
31 nun die Vertheidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen
32 derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihre Behauptungen
33 nicht vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur, daß niemand das [op 768]
34 Gegentheil jemals mit apodiktischer Gewißheit (ja auch nur mit größerem
35 Scheine) behaupten könne. Denn wir sind alsdann doch nicht bittweise
[seite 485]
04 Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes, daß es überhaupt
05 eine Antithetik der reinen Vernunft geben und diese, die doch den obersten
06 Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mit sich selbst in Streit gerathen
07 soll. Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare Antithetik derselben
08 vor uns; aber es zeigte sich, daß sie auf einem Mißverstande beruhte,
09 da man nämlich dem gemeinen Vorurtheile gemäß Erscheinungen
10 für Sachen an sich selbst nahm und dann eine absolute Vollständigkeit
11 ihrer Synthesis auf eine oder andere Art (die aber auf beiderlei Art gleich
12 unmöglich war) verlangte, welches aber von Erscheinungen gar nicht erwartet
13 werden kann. Es war also damals kein wirklicher Widerspruch
14 der Vernunft mit ihr selbst bei den Sätzen: die Reihe an sich gegebener
15 Erscheinungen hat einen absolut ersten Anfang, und: diese Reihe
16 ist schlechthin und an sich selbst ohne allen Anfang; denn beide Sätze
17 bestehen gar wohl zusammen, weil Erscheinungen nach ihrem Dasein
18 (als Erscheinungen) an sich selbst gar nichts, d. i. etwas Widersprechendes,
19 sind, und also deren Voraussetzung natürlicher Weise widersprechende
20 Folgerungen nach sich ziehen muß.
21 Ein solcher Mißverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch
22 der Streit der Vernunft beigelegt werden, wenn etwa theistisch behauptet
23 würde: es ist ein höchstes Wesen, und dagegen atheistisch: es ist
24 kein höchstes Wesen; oder in der Psychologie: alles, was denkt, ist
25 von absoluter beharrlicher Einheit und also von aller vergänglichen materiellen
26 Einheit unterschieden, welchem ein anderer entgegensetzte: die Seele
27 ist nicht immaterielle Einheit und kann von der Vergänglichkeit nicht ausgenommen
28 werden. Denn der Gegenstand der Frage ist hier von allem
29 Fremdartigen, das seiner Natur widerspricht, frei, und der Verstand hat
30 es nur mit Sachen an sich selbst und nicht mit Erscheinungen zu thun.
31 Es würde also hier freilich ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein, wenn
32 nur die reine Vernunft auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte,
33 was dem Grunde einer Behauptung nahe käme; denn was die Kritik der
34 Beweisgründe des dogmatisch Bejahenden betrifft, die kann man ihm sehr
35 wohl einräumen, ohne darum diese Sätze aufzugeben, die doch wenigstens
[seite 486]
03 Ich bin zwar nicht der Meinung, welche vortreffliche und nachdenkende
04 Männer (z. B. Sulzer) so oft geäußert haben, da sie die Schwäche
05 der bisherigen Beweise fühlten: daß man hoffen könne, man werde dereinst
06 noch evidente Demonstrationen der zwei Cardinalsätze unserer reinen [op 770]
07 Vernunft: es ist ein Gott, es ist ein künftiges Leben, erfinden. Vielmehr
08 bin ich gewiß, daß dieses niemals geschehen werde. Denn wo will die
09 Vernunft den Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die sich nicht
10 auf Gegenstände der Erfahrung und deren innere Möglichkeit beziehen,
11 hernehmen? Aber es ist auch apodiktisch gewiß, daß niemals irgend ein
12 Mensch auftreten werde, der das Gegentheil mit dem mindesten Scheine,
13 geschweige dogmatisch behaupten könne. Denn weil er dieses doch blo
14 durch reine Vernunft darthun könnte, so müßte er es unternehmen, zu beweisen:
15 daß ein höchstes Wesen, daß das in uns denkende Subject als
16 reine Intelligenz unmöglich sei. Wo will er aber die Kenntnisse hernehmen,
17 die ihn, von Dingen über alle mögliche Erfahrung hinaus so
18 synthetisch zu urtheilen, berechtigen? Wir können also darüber ganz unbekümmert
19 sein, daß uns jemand das Gegentheil einstens beweisen werde,
20 daß wir darum eben nicht nöthig haben, auf schulgerechte Beweise zu
21 Sinnen, sondern immerhin diejenigen Sätze annehmen können, welche mit
22 dem speculativen Interesse unserer Vernunft im empirischen Gebrauch
23 ganz wohl zusammenhängen und überdem es mit dem praktischen Interesse
24 zu vereinigen die einzigen Mittel sind. Für den Gegner (der hier
25 nicht bloß als Kritiker betrachtet werden muß) haben wir unser non liquet
26 in Bereitschaft, welches ihn unfehlbar verwirren muß, indessen daß wir
27 die Retorsion desselben auf uns nicht weigern, indem wir die subjective [op 771]
28 Maxime der Vernunft beständig im Rückhalte haben, die dem Gegner
29 nothwendig fehlt, und unter deren Schutz wir alle seine Luftstreiche mit
30 Ruhe und gleichgültigkeit Ansehen können.
31 Auf solche Weise giebt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen
32 Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der
33 reinen Theologie und Psychologie zu suchen sein; dieser Boden aber trägt
34 keinen Kämpfer in seiner ganzen rüstung und mit Waffen, die zu fürchten
35 wären. Er kann nur mit Spott oder Großsprecherei auftreten, welches
36 als ein Kinderspiel belacht werden kann. Das ist eine tröstende Bemerkung,
37 die der Vernunft wieder Muth giebt; denn worauf wollte sie
[seite 487]
04 Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgend einer Absicht gut.
05 Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren eigenen
06 Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer vollständigen
07 Sammlung von Heilmitteln (Officin) nicht fehlen. Die Einwürfe
08 wider die Überredungen und den Eigendünkel unserer bloß speculativen
09 Vernunft sind selbst durch die Natur dieser Vernunft aufgegeben und
10 müssen also ihre gute Bestimmung und Absicht haben, die man nicht in
11 den Wind schlagen muß. Wozu hat uns die Vorsehung manche Gegenstände,
12 ob sie gleich mit unserem höchsten Interesse zusammenhängen, so [op 772]
13 hoch gestellt, daß uns fast nur vergönnt ist, sie in einer undeutlichen und
14 von uns selbst bezweifelten Wahrnehmung anzutreffen, dadurch ausspähende
15 Blicke mehr gereizt als befriedigt werden? Ob es nützlich sei, in
16 Ansehung solcher Aussichten dreiste Bestimmungen zu wagen, ist wenigstens
17 zweifelhaft, vielleicht gar schädlich. Allemal aber und ohne allen
18 Zweifel ist es nützlich, die forschende sowohl als prüfende Vernunft in
19 völlige Freiheit zu versetzen, damit sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen
20 könne, welches eben so wohl dadurch befördert wird, daß sie ihren
21 Einsichten Schranken setzt, als daß sie solche erweitert, und welches allemal
22 leidet, wenn sich fremde Hände einmengen, um sie wider ihren natürlichen
23 Gang nach erzwungenen Absichten zu lenken.
24 Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft zeigen, und bekämpfet
25 ihn bloß mit Waffen der Vernunft. Übrigens seid wegen der guten Sache
26 (des praktischen Interesse) außer Sorgen, denn die kommt im bloß speculativen
27 Streite niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt alsdann nichts,
28 als eine gewisse Antinomie der Vernunft, die, da sie auf ihrer Natur beruht,
29 nothwendig angehört und geprüft werden muß. Er cultivirt dieselbe
30 durch Betrachtung ihres Gegenstandes auf zwei Seiten und berichtigt ihr
31 Urtheil dadurch, daß er solches einschränkt. Das, was hiebei streitig wird,
32 ist nicht die Sache, sondern der Ton. Denn es bleibt euch noch genug
33 übrig, um die vor der schärfsten Vernunft gerechtfertigte Sprache eines [op 773]
34 festen Glaubens zu sprechen, wenn ihr gleich die des Wissens habt aufgeben
35 müssen.
[seite 488]
01 Wenn man den kaltblütigen, zum Gleichgewichte des Urtheils eigentlich
02 geschaffenen David HumePI fragen sollte: was bewog euch, durch mühsam
03 ergrübelte Bedenklichkeiten die für den Menschen so tröstliche und
04 nützliche Überredung, daß ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und zum
05 bestimmten Begriff eines höchsten Wesens zulange, zu untergraben?, so
06 würde er antworten: nichts als die Absicht, die Vernunft in ihrer Selbsterkenntniß
07 weiter zu bringen und zugleich ein gewisser Unwille über den
08 Zwang, den man der Vernunft anthun will, indem man mit ihr gro
09 thut und sie zugleich hindert, ein freimüthiges Geständniß ihrer Schwächen
10 abzulegen, die ihr bei der Prüfung ihrer selbst offenbar werden. Fragt
11 ihr dagegen den den Grundsätzen des empirischen Vernunftgebrauchs allein
12 ergebenen und aller transscendenten Speculation abgeneigten Priestley,
13 was er für Bewegungsgründe gehabt habe, unserer Seele Freiheit
14 und Unsterblichkeit (die Hoffnung des künftigen Lebens ist bei ihm nur
15 die Erwartung eines Wunders der Wiedererweckung), zwei solche Grundpfeiler
16 aller Religion, niederzureißen, er, der selbst ein frommer und eifriger
17 Lehrer der Religion ist: so würde er nichts andres antworten können
18 als: das Interesse der Vernunft, welche dadurch verliert, daß man gewisse
19 Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur, den einzigen, die [op 774]
20 wir genau kennen und bestimmen können, entziehen will. Es würde unbillig
21 scheinen, den letzteren, der seine paradoxe Behauptung mit der Religionsabsicht
22 zu vereinigen weiß, zu verschreien und einem wohldenkenden
23 Manne wehe zu thun, weil er sich nicht zurechte finden kann, so bald er
24 sich aus dem Felde der Naturlehre verloren hatte. Aber diese Gunst mu
25 dem nicht minder gutgesinnten und seinem sittlichen Charakter nach untadelhaften
26 HumePI eben so wohl zu Statten kommen, der seine abgezogene
27 Speculation darum nicht verlassen kann, weil er mit Recht dafür hält,
28 daß ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der Naturwissenschaft,
29 im Felde reiner Ideen liege.
30 Was ist nun hiebei zu thun, vornehmlich in Ansehung der Gefahr,
31 die daraus dem gemeinen Besten zu drohen scheint? Nichts ist natürlicher,
32 nichts billiger als die Entschließung, die ihr deshalb zu nehmen habt.
33 Laßt diese Leute nur machen; wenn sie Talent, wenn sie Tiefe und neue
34 Nachforschung, mit einem Worte, wenn sie nur Vernunft zeigen, so gewinnt
35 jederzeit die Vernunft. Wenn ihr andere Mittel ergreift, als die
36 einer zwangslosen Vernunft, wenn ihr über Hochverrat schreiet, das gemeine
37 Wesen, das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht versteht,
[seite 489]
18 Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es wäre
19 zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher Erlaubni
20 wäre geführt worden. Denn um desto früher wäre eine reife Kritik zu
21 Stande gekommen, bei deren Erscheinung alle diese Streithändel von selbst
22 wegfallen müssen, indem die Streitenden ihre Verblendung und Vorurtheile,
23 welche sie veruneinigt haben, einsehen lernen.
24 Es giebt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am [op 776]
25 Ende doch wie alles, was von der Natur kommt, eine Anlage zu guten
26 Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung, seine wahre Gesinnungen
27 zu verhehlen und gewisse angenommene, die man für gut und rühmlich
28 hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen
29 Hang, sowohl sich zu verhehlen, als auch einen ihnen vortheilhaften Schein
30 anzunehmen, sich nicht bloß civilisirt, sondern nach und nach in gewisser
31 Maße moralisirt, weil keiner durch die Schminke der Anständigkeit,
32 Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte, also an vermeintlich ächten
33 Beispielen des Guten, die er um sich sah, eine Schule der Besserung
34 für sich selbst fand. Allein diese Anlage, sich besser zu stellen, als man ist,
35 und Gesinnungen zu äußern, die man nicht hat, dient nur gleichsam provisorisch
36 dazu, um den Menschen aus der Rohigkeit zu bringen und ihn
37 zuerst wenigstens die Manier des Guten, das er kennt, annehmen zu
[seite 490]
06 Es thut mir leid, eben dieselbe Unlauterkeit, Verstellung und Heuchelei
07 sogar in den Äußerungen der speculativen Denkungsart wahrzunehmen,
08 worin doch Menschen, das Geständniß ihrer Gedanken billigermaßen
09 offen und unverhohlen zu entdecken, weit weniger Hindernisse und [op 777]
10 gar keinen Vortheil haben. Denn was kann den Einsichten nachtheiliger
11 sein, als sogar bloße Gedanken verfälscht einander mitzutheilen, Zweifel,
12 die wir wider unsere eigene Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder Beweisgründen,
13 die uns selbst nicht genugthun, einen Anstrich von Evidenz
14 zu geben? So lange indessen bloß die Privateitelkeit diese geheimen Ränke
15 anstiftet (welches in speculativen Urtheilen, die kein besonderes Interesse
16 haben und nicht leicht einer apodiktischen Gewißheit fähig sind, gemeiniglich
17 der Fall ist), so widersteht denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher
18 Genehmigung, und die Sachen kommen zuletzt dahin, wo die
19 lauterste Gesinnung und Aufrichtigkeit, obgleich weit früher, sie hingebracht
20 haben würde. Wo aber das gemeine Wesen dafür hält, daß spitzfindige
21 Vernünftler mit nichts minderem umgehen, als die Grundfeste
22 der öffentlichen Wohlfahrt wankend zu machen, da scheint es nicht allein
23 der Klugheit gemäß, sondern auch erlaubt und wohl gar rühmlich, der
24 guten Sache eher durch Scheingründe zu Hülfe zu kommen, als den
25 vermeintlichen Gegnern derselben auch nur den Vortheil zu lassen,
26 unsern Ton zur Mäßigung einer bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen
27 und uns zu nöthigen, den Mangel der speculativen und apodiktischen
28 Gewißheit zu gestehen. Indessen sollte ich denken, daß sich mit der
29 Absicht, eine gute Sache zu behaupten, in der Welt wohl nichts übler als
30 Hinterlist, Verstellung und Betrug vereinigen lasse. Daß es in der Abwiegung [op 778]
31 der Vernunftgründe einer bloßen Speculation alles ehrlich zugehen
32 müsse, ist wohl das Wenigste, was man fordern kann. Könnte man
33 aber auch nur auf dieses Wenige sicher rechnen, so wäre der Streit der
34 speculativen Vernunft über die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit
35 (der Seele) und der Freiheit entweder längst entschieden, oder
[seite 491]
05 Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht
06 vertheidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist es nun entschieden, da
07 nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht auf dasjenige sieht,
08 was geschieht, sondern was billig geschehen sollte, es eigentlich gar keine
09 Polemik der reinen Vernunft geben müsse. Denn wie können zwei Personen
10 einen Streit über eine Sache führen, deren Realität keiner von beiden
11 in einer wirklichen, oder auch nur möglichen Erfahrung darstellen
12 kann, über deren Idee er allein brütet, um aus ihr etwas mehr als Idee,
13 nämlich die Wirklichkeit des Gegenstandes selbst, herauszubringen? Durch
14 welches Mittel wollen sie aus dem Streite herauskommen, da keiner von
15 beiden seine Sache geradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur
16 die seines Gegners angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das [op 779]
17 Schicksal aller Behauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die
18 Bedingungen aller möglichen Erfahrung hinausgehen, außerhalb welchen
19 kein Document der Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich aber gleichwohl
20 der Verstandesgesetze, die bloß zum empirischen Gebrauch bestimmt
21 sind, ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken thun läßt,
22 bedienen müssen, sie dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich gegenseitig
23 die Blöße ihres Gegners zu Nutze machen können.
24 Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof
25 für alle Streitigkeiten derselben ansehen; denn sie ist in die letzteren,
26 als welche auf Objecte unmittelbar gehen, nicht mit verwickelt, sondern
27 ist dazu gesetzt, die Rechtsame der Vernunft überhaupt nach den Grundsätzen
28 ihrer ersten Institution zu bestimmen und zu beurtheilen.
29 Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur und
30 kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen
31 oder sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, welche alle Entscheidungen
32 aus den Grundregeln ihrer eigenen Einsetzung hernimmt, deren
33 Ansehen keiner bezweifeln kann, verschafft uns die Ruhe eines gesetzlichen
34 Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeit nicht anders führen sollen,
35 als durch Proceß. Was die Händel in dem ersten Zustande endigt, ist
36 ein Sieg, dessen sich beide Theile rühmen, auf den mehrentheils ein nur [op 780]
37 unsicherer Friede folgt, den die Obrigkeit stiftet, welche sich ins Mittel
[seite 492]
11 Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine Zweifel,
12 die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur Beurtheilung
13 auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und gefährlichen Bürger
14 verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem ursprünglichen Rechte der
15 menschlichen Vernunft, welche keinen anderen Richter erkennt, als selbst
16 wiederum die allgemeine Menschenvernunft, worin ein jeder seine Stimme
17 hat; und da von dieser alle Besserung, deren unser Zustand fähig ist, herkommen
18 muß, so ist ein solches Recht heilig und darf nicht geschmälert
19 werden. Auch ist es sehr unweise, gewisse gewagte Behauptungen oder
20 vermessene Angriffe auf die, welche schon die Beistimmung des größten
21 und besten Theils des gemeinen Wesens auf ihrer Seite haben, für gefährlich [op 781]
22 auszuschreien; denn das heißt, ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie
23 garnicht haben sollten. Wenn ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopf die
24 Freiheit des menschlichen Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens
25 und das Dasein Gottes wegdemonstrirt haben solle, so bin ich begierig, das
26 Buch zu lesen, denn ich erwarte von seinem Talent, daß er meine Einsichten
27 weiterbringen werde. Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiß,
28 daß er nichts von allem diesem wird geleistet haben; nicht darum weil ich
29 etwa schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze zu sein
30 glaubte, sondern weil mich die transscendentale Kritik, die mir den ganzen
31 Vorrath unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt hat, daß, so
32 wie sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz unzulänglich
33 ist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über diese Fragen etwas
34 verneinend behaupten zu können. Denn wo will der angebliche Freigeist
35 seine Kenntniß hernehmen, daß es z. B. kein höchstes Wesen gebe?
36 Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher Erfahrung und darum
37 auch außer den Grenzen aller menschlichen Einsicht. Den dogmatischen
[seite 493]
09 Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anvertrauet
10 ist, soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt und von der
11 frühen Kenntniß so gefährlicher Sätze abgehalten werden, ehe ihre Urtheilskraft
12 gereift, oder vielmehr die Lehre, welche man in ihnen gründen
13 will, fest gewurzelt ist, um aller Überredung zum Gegentheil, woher sie
14 auch kommen möge, kräftig zu widerstehen?
15 Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen
16 Vernunft bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch,
17 d. i. so beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht einließe und mit Beweisgründen
18 zu entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete, so wäre freilich
19 nichts rathsamer vor der Hand, aber zugleich nichts eiteler und
20 fruchtloser auf die Dauer, als die Vernunft der Jugend eine Zeit lang
21 unter Vormundschaft zu setzen und wenigstens so lange vor Verführung
22 zu bewahren. Wenn aber in der Folge entweder Neugierde, oder der
23 Modeton des Zeitalters ihr dergleichen Schriften in die Hände spielen:
24 wird alsdann jene jugendliche Überredung noch Stich halten? Derjenige,
25 der nichts als dogmatische Waffen mitbringt, um den Angriffen
26 seines Gegners zu widerstehen, und die verborgene Dialektik, die nicht [op 783]
27 minder in seinem eigenen Busen, als in dem des Gegentheils liegt, nicht
28 zu entwickeln weiß, sieht Scheingründe, die den Vorzug der Neuigkeit
29 haben, gegen Scheingründe, welche dergleichen nicht mehr haben, sondern
30 vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten Leichtgläubigkeit der
31 Jugend erregen, auftreten. Er glaubt nicht besser zeigen zu können, da
32 er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sich über jene wohlgemeinte
33 Warnungen wegsetzt; und, dogmatisch gewohnt, trinkt er das Gift, das
34 seine Grundsätze dogmatisch verdirbt, in langen Zügen in sich.
35 Gerade das Gegentheil von dem, was man hier anräth, muß in der
36 akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unter der Voraussetzung
37 eines gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen Vernunft.
[seite 494]
17 So giebts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen
18 Vernunft. Beide Theile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten
19 herumbalgen, denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre dogmatischen
20 Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten ließe.
21 Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen wie die
22 Helden in Walhalla in einem Augenblicke wiederum zusammen, um sich
23 aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können.
24 Es giebt aber auch keinen zulässigen sceptischen Gebrauch der reinen
25 Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren
26 Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft wider sich selbst zu verhetzen,
27 ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichen und alsdann ihrem hitzigsten
28 Gefechte ruhig und spöttisch zuzusehen, sieht aus einem dogmatischen
29 Gesichtspunkte nicht wohl aus, sondern hat das Ansehen einer schadenfrohen
30 und hämischen Gemüthsart an sich. Wenn man indessen die unbezwingliche
31 Verblendung und das Großthun der Vernünftler, die sich
32 durch keine Kritik will mäßigen lassen, ansieht, so ist doch wirklich kein
33 anderer Rath, als der Großsprecherei auf einer Seite eine andere, welche
34 auf eben dieselben Rechte fußt, entgegen zu setzen, damit die Vernunft [op 785]
35 durch den Widerstand eines Feindes wenigstens nur stutzig gemacht werde,
36 um in ihre Anmaßungen einigen Zweifel zu setzen und der Kritik Gehör
37 zu geben. Allein es bei diesen Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen und
[seite 495]
17 Das Bewußtsein meiner Unwissenheit (wenn diese nicht zugleich als
18 nothwendig erkannt wird), statt daß es meine Untersuchungen endigen
19 sollte, ist vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken. Alle Unwissenheit
20 ist entweder die der Sachen, oder der Bestimmung und Grenzen
21 meiner Erkenntniß. Wenn die Unwissenheit nun zufällig ist, so muß sie
22 mich antreiben, im ersteren Falle den Sachen (Gegenständen) dogmatisch,
23 im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntniß kritisch
24 nachzuforschen. Daß aber meine Unwissenheit schlechthin nothwendig sei
25 und mich daher von aller weiteren Nachforschung freispreche, läßt sich nicht
26 empirisch, aus Beobachtung, sondern allein kritisch, durch Ergründung
27 der ersten Quellen unserer Erkenntniß, ausmachen. Also kann die
28 Grenzbestimmung unserer Vernunft nur nach Gründen a priori geschehen;
29 die Einschränkung derselben aber, welche eine, obgleich nur unbestimmte
30 Erkenntniß einer nie völlig zu hebenden Unwissenheit ist, kann auch a posteriori,
31 durch das, was uns bei allem Wissen immer noch zu wissen übrig
32 bleibt, erkannt werden. Jene durch Kritik der Vernunft selbst allein mögliche
33 Erkenntniß seiner Unwissenheit ist also Wissenschaft, diese ist nichts [op 787]
34 als Wahrnehmung, von der man nicht sagen kann, wie weit der Schlu
35 als selbiger reichen möge. Wenn ich mir die Erdfläche (dem sinnlichen
[seite 496]
14 Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntni
15 scheint uns eine ebene Fläche zu sein, die ihren scheinbaren Horizont hat,
16 nämlich das, was den ganzen Umfang derselben befaßt, und ist von uns der
17 Vernunftbegriff der unbedingten Totalität genannt worden. Empirisch
18 denselben zu erreichen, ist unmöglich, und nach einem gewissen Princip ihn [op 788]
19 a priori zu bestimmen, dazu sind alle Versuche vergeblich gewesen. Indessen
20 gehen doch alle Fragen unserer reinen Vernunft auf das, was
21 außerhalb diesem Horizonte, oder allenfalls auch in seiner Grenzlinie liegen
22 möge.
23 Der berühmte David HumePI war einer dieser Geographen der
24 menschlichen Vernunft, welcher jene Fragen insgesammt dadurch hinreichend
25 abgefertigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb dem Horizont
26 derselben verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Er hielt sich vornehmlich
27 bei dem Grundsatze der Causalität auf und bemerkte von ihm
28 ganz richtig, daß man seine Wahrheit (ja nicht einmal die objective Gültigkeit
29 des Begriffs einer wirkenden Ursache überhaupt) auf gar keine
30 Einsicht, d. i. Erkenntniß a priori, fuße, daß daher auch nicht im mindesten
31 die Nothwendigkeit dieses Gesetzes, sondern eine bloße allgemeine
32 Brauchbarkeit desselben in dem Laufe der Erfahrung und eine daher entspringende
33 subjective Nothwendigkeit, die er Gewohnheit nennt, sein ganzes
34 Ansehen ausmache. Aus dem Unvermögen unserer Vernunft nun,
35 von diesem Grundsatze einen über alle Erfahrung hinausgehenden Gebrauch
36 zu machen, schloß er die Nichtigkeit aller Anmaßungen der Vernunft
37 überhaupt, über das Empirische hinauszugehen.
[seite 497]
01 Man kann ein Verfahren dieser Art, die Facta der Vernunft der
02 Prüfung und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, die Censur der
03 Vernunft nennen. Es ist außer Zweifel, daß diese Censur unausbleiblich [op 789]
04 auf Zweifel gegen allen transscendenten Gebrauch der Grundsätze führe.
05 Allein dies ist nur der zweite Schritt, der noch lange nicht das Werk vollendet.
06 Der erste Schritt in Sachen der reinen Vernunft, der das Kindesalter
07 derselben auszeichnet, ist dogmatisch. Der eben genannte zweite
08 Schritt ist sceptisch und zeugt von Vorsichtigkeit der durch Erfahrung
09 gewitzigten Urtheilskraft. Nun ist aber noch ein dritter Schritt nöthig,
10 der nur der gereiften und männlichen Urtheilskraft zukommt, welche feste
11 und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen zum Grunde hat: nämlich
12 nicht die Facta der Vernunft, sondern die Vernunft selbst nach ihrem
13 ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen Erkenntnissen a priori der
14 Schätzung zu unterwerfen; welches nicht die Censur, sondern Kritik der
15 Vernunft ist, wodurch nicht bloß Schranken, sondern die bestimmten
16 Grenzen derselben, nicht bloß Unwissenheit an einem oder anderen Theil,
17 sondern in Ansehung aller möglichen Fragen von einer gewissen Art und
18 zwar nicht etwa nur vermuthet, sondern aus Principien bewiesen wird.
19 So ist der Scepticism ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft, da sie
20 sich über ihre dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der
21 Gegend machen kann, wo sie sich befindet, um ihren Weg fernerhin mit
22 mehrerer Sicherheit wählen zu können, aber nicht ein Wohnplatz zum beständigen
23 Aufenthalte; denn dieser kann nur in einer völligen Gewißheit
24 angetroffen werden, es sei nun der Erkenntniß der Gegenstände selbst, [op 790]
25 oder der Grenzen, innerhalb denen alle unsere Erkenntniß von Gegenständen
26 eingeschlossen ist.
27 Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete
28 Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt erkennt, sondern muß vielmehr
29 mit einer Sphäre verglichen werden, deren Halbmesser sich aus der
30 Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der Natur synthetischer
31 Sätze a priori) finden, daraus aber auch der Inhalt und die Begrenzung
32 derselben mit Sicherheit angeben läßt. Außer dieser Sphäre (Feld der
33 Erfahrung) ist nichts für sie Object; ja selbst Fragen über dergleichen
34 vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjective Principien einer durchgängigen
[seite 498]
03 Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntniß a priori, wie
04 dieses die Verstandesgrundsätze, welche die Erfahrung anticipiren, darthun.
05 Kann jemand nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht begreiflich
06 machen, so mag er zwar anfangs zweifeln, ob sie uns auch wirklich a priori
07 beiwohnen; er kann dieses aber noch nicht für eine Unmöglichkeit derselben
08 durch bloße Kräfte des Verstandes und alle Schritte, die die Vernunft
09 nach der Richtschnur derselben thut, für nichtig ausgeben. Er kann nur
10 sagen: wenn wir ihren Ursprung und Ächtheit einsähen, so würden wir
11 den Umfang und die Grenzen unserer Vernunft bestimmen können; ehe [op 791]
12 aber dieses geschehen ist, sind alle Behauptungen der letzten blindlings
13 gewagt. Und auf solche Weise wäre ein durchgängiger Zweifel an aller
14 dogmatischen Philosophie, die ohne Kritik der Vernunft selbst ihren Gang
15 geht, ganz wohl gegründet; allein darum könnte doch der Vernunft nicht
16 ein solcher Fortgang, wenn er durch bessere Grundlegung vorbereitet und
17 gesichert würde, gänzlich abgesprochen werden. Denn einmal liegen alle
18 Begriffe, ja alle Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, nicht etwa
19 in der Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft und
20 müssen daher können aufgelöset und ihrer Gültigkeit oder Richtigkeit nach
21 begriffen werden. Wir sind auch nicht berechtigt, diese Aufgaben, als läge
22 ihre Auflösung wirklich in der Natur der Dinge, doch unter dem Vorwande
23 unseres Unvermögens abzuweisen und uns ihrer weiteren Nachforschung
24 zu weigern, da die Vernunft in ihrem Schooße allein diese Ideen
25 selbst erzeugt hat, von deren Gültigkeit oder dialektischem Scheine sie also
26 Rechenschaft zu geben gehalten ist.
27 Alles sceptische Polemisiren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker
28 gekehrt, der, ohne ein Mißtrauen auf seine ursprüngliche objective Principien
29 zu setzen, d. i. ohne Kritik, gravitätisch seinen Gang fortsetzt, bloß um
30 ihm das Concept zu verrücken und ihn zur Selbsterkenntniß zu bringen.
31 An sich macht sie in Ansehung dessen, was wir wissen und was wir dagegen
32 nicht wissen können, ganz und gar nichts aus. Alle fehlgeschlagene [op 792]
33 dogmatische Versuche der Vernunft sind Facta , die der Censur zu unterwerfen
34 immer nützlich ist. Dieses aber kann nichts über die Erwartungen
35 der Vernunft entscheiden, einen besseren Erfolg ihrer künftigen Bemühungen
36 zu hoffen und darauf Ansprüche zu machen; die bloße Censur kann
[seite 499]
03 Da HumePI vielleicht der geistreichste unter allen Sceptikern und ohne
04 Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist, den das sceptische
05 Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen Vernunftprüfung
06 haben kann, so verlohnt es sich wohl der Mühe, den Gang seiner Schlüsse
07 und die Verirrungen eines so einsehenden und schätzbaren MannesPI, die
08 doch auf der Spur der Wahrheit angefangen haben, so weit es zu meiner
09 Absicht schicklich ist, vorstellig zu machen.
10 HumePI hatte es vielleicht in Gedanken, wiewohl er es niemals völlig
11 entwickelte, daß wir in Urtheilen von gewisser Art über unsern Begriff
12 vom Gegenstande hinausgehen. Ich habe diese Art von Urtheilen synthetisch
13 genannt. Wie ich aus meinem Begriffe, den ich bis dahin habe,
14 vermittelst der Erfahrung hinausgehen könne, ist keiner Bedenklichkeit
15 unterworfen. Erfahrung ist selbst eine solche Synthesis der Wahrnehmungen,
16 welche meinen Begriff, den ich vermittelst einer Wahrnehmung habe,
17 durch andere, hinzukommende vermehrt. Allein wir glauben auch a priori [op 793]
18 aus unserem Begriffe hinausgehen und unser Erkenntniß erweitern zu
19 können. Dieses versuchen wir entweder durch den reinen Verstand in Ansehung
20 desjenigen, was wenigstens ein Object der Erfahrung sein
21 kann, oder sogar durch reine Vernunft in Ansehung solcher Eigenschaften
22 der Dinge, oder auch wohl des Daseins solcher Gegenstände, die in der
23 Erfahrung niemals vorkommen können. Unser SceptikerPI unterschied diese
24 beiden Arten der Urtheile nicht, wie er es doch hätte thun sollen, und hielt
25 geradezu diese Vermehrung der Begriffe aus sich selbst und so zu sagen
26 die Selbstgebärung unseres Verstandes (samt der Vernunft), ohne
27 durch Erfahrung geschwängert zu sein, für unmöglich, mithin alle vermeintliche
28 Principien derselben a priori für eingebildet und fand, daß sie
29 nichts als eine aus Erfahrung und deren Gesetzen entspringende Gewohnheit,
30 mithin bloß empirische, d. i. an sich zufällige, Regeln seien, denen
31 wir eine vermeinte Nothwendigkeit und Allgemeinheit beimessen. Er bezog
32 sich aber zu Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein
33 anerkannten Grundsatz von dem Verhältniß der Ursache zur Wirkung.
34 Denn da uns kein Verstandesvermögen von dem Begriffe eines
35 Dinges zu dem Dasein von etwas anderem, was dadurch allgemein und
36 nothwendig gegeben sei, führen kann: so glaubte er daraus folgern zu
37 können, daß wir ohne Erfahrung nichts haben, was unsern Begriff vermehren
[seite 500]
26 Die sceptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen
27 MannesPI entsprangen vornehmlich aus einem Mangel, den er doch mit
28 allen Dogmatikern gemein hatte, nämlich daß er nicht alle Arten der
29 Synthesis des Verstandes a priori systematisch übersah. Denn da würde
30 er, ohne der übrigen hier Erwähnung zu thun, z. B. den Grundsatz
31 der Beharrlichkeit als einen solchen gefunden haben, der eben sowohl
32 als der der Causalität die Erfahrung anticipirt. Dadurch würde er auch
33 dem a priori sich erweiternden Verstande und der reinen Vernunft bestimmte
34 Grenzen haben vorzeichnen können. Da er aber unsern Verstand
35 nur einschränkt, ohne ihn zu begrenzen, und zwar ein allgemeines
36 Mißtrauen, aber keine bestimmte Kenntniß der uns unvermeidlichen Unwissenheit
37 zu Stande bringt; da er einige Grundsätze des Verstandes
[seite 501]
10 Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes
11 und den dialektischen Anmaßungen der Vernunft, wider welche doch hauptsächlich
12 seine Angriffe gerichtet sind, keinen Unterschied kennt: so fühlt die
13 Vernunft, deren ganz eigenthümlicher Schwung hiebei nicht im mindesten
14 gestört, sondern nur gehindert worden, den Raum zu ihrer Ausbreitung
15 nicht verschlossen und kann von ihren Versuchen, unerachtet sie hie oder
16 da gezwackt wird, niemals gänzlich abgebracht werden. Denn wider Angriffe
17 rüstet man sich zur Gegenwehr und setzt noch um desto steifer seinen
18 Kopf drauf, um seine Forderungen durchzusetzen. Ein völliger Überschlag
19 aber seines ganzen Vermögens und die daraus entspringende Überzeugung
20 der Gewißheit eines kleinen Besitzes bei der Eitelkeit höherer Ansprüche
21 hebt allen Streit auf und bewegt, sich an einem eingeschränkten, aber unstrittigen
22 Eigenthume friedfertig zu begnügen.
23 Wider den unkritischen Dogmatiker, der die Sphäre seines Verstandes
24 nicht gemessen, mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntniß nicht
25 nach Principien bestimmt hat, der also nicht schon zum voraus weiß, wie
26 viel er kann, sondern es durch bloße Versuche ausfindig zu machen denkt,
27 sind diese sceptische Angriffe nicht allein gefährlich, sondern ihm sogar verderblich. [op 797]
28 Denn wenn er auf einer einzigen Behauptung betroffen wird,
29 die er nicht rechtfertigen, deren Schein er aber auch nicht aus Principien
30 entwickeln kann, so fällt der Verdacht auf alle, so überredend sie auch sonst
31 immer sein mögen.
32 Und so ist der Sceptiker der Zuchtmeister des dogmatischen Vernünftlers
33 auf eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft selbst.
34 Wenn er dahin gelangt ist, so hat er weiter keine Anfechtung zu fürchten;
35 denn er unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem, was gänzlich außerhalb
36 demselben liegt, worauf er keine Ansprüche macht und darüber auch
37 nicht in Streitigkeiten verwickelt werden kann. So ist das sceptische Verfahren
[seite 502]
08 Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich soviel wissen,
09 daß wir in ihrem reinen und speculativen Gebrauche in der That gar
10 nichts wissen können: sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu Hypothesen
11 eröffnen, da es wenigstens vergönnt ist, zu dichten und zu meinen,
12 wenn gleich nicht zu behaupten?
13 Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen, sondern unter der
14 strengen Aufsicht der Vernunft dichten soll, so muß immer vorher etwas
15 völlig gewiß und nicht erdichtet oder bloße Meinung sein, und das ist die
16 Möglichkeit des Gegenstandes selbst. Alsdann ist es wohl erlaubt, wegen
17 der Wirklichkeit desselben zur Meinung seine Zuflucht zu nehmen, die
18 aber, um nicht grundlos zu sein, mit dem, was wirklich gegeben und folglich
19 gewiß ist, als Erklärungsgrund in Verknüpfung gebracht werden
20 muß und alsdann Hypothese heißt.
21 Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung
22 a priori nicht den mindesten Begriff machen können, und die Kategorie
23 des reinen Verstandes nicht dazu dient, dergleichen zu erdenken, sondern
24 nur, wo sie in der Erfahrung angetroffen wird, zu verstehen: so können
25 wir nicht einen einzigen Gegenstand nach einer neuen und empirisch nicht
26 anzugebenden Beschaffenheit diesen Kategorien gemäß ursprünglich aussinnen
27 und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde legen; denn dieses
28 hieße, der Vernunft leere Hirngespinnste statt der Begriffe von Sachen
29 unterzulegen. So ist es nicht erlaubt, sich irgend neue ursprüngliche
30 Kräfte zu erdenken, z. B. einen Verstand, der vermögend sei, seinen Gegenstand
31 ohne Sinne anzuschauen, oder eine Ausdehnungskraft ohne alle
32 Berührung, oder eine neue Art Substanzen, z. B. die ohne Undurchdringlichkeit
33 im Raume gegenwärtig wäre, folglich auch keine Gemeinschaft
[seite 503]
09 Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen und haben freilich
10 keinen Gegenstand in irgend einer Erfahrung, aber bezeichnen darum
11 doch nicht gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände.
12 Sie sind bloß problematisch gedacht, um in Beziehung auf sie
13 (als heuristische Fictionen) regulative Principien des systematischen Verstandesgebrauchs
14 im Felde der Erfahrung zu gründen. Geht man davon
15 ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit nicht erweislich ist,
16 und die daher auch nicht der Erklärung wirklicher Erscheinungen durch
17 eine Hypothese zum Grunde gelegt werden können. Die Seele sich als
18 einfach denken, ist ganz wohl erlaubt, um nach dieser Idee eine vollständige
19 und nothwendige Einheit aller Gemüthskräfte, ob man sie gleich
20 nicht in concreto einsehen kann, zum Princip unserer Beurtheilung ihrer
21 inneren Erscheinungen zu legen. Aber die Seele als einfache Substanz
22 anzunehmen (ein transscendenter Begriff) wäre ein Satz, der nicht allein [op 800]
23 unerweislich (wie es mehrere physische Hypothesen sind), sondern auch
24 ganz willkürlich und blindlings gewagt sein würde, weil das Einfache in
25 ganz und gar keiner Erfahrung vorkommen kann, und, wenn man unter
26 Substanz hier das beharrliche Object der sinnlichen Anschauung versteht,
27 die Möglichkeit einer einfachen Erscheinung gar nicht einzusehen ist.
28 Bloß intelligibele Wesen oder bloß intelligibele Eigenschaften der Dinge
29 der Sinnenwelt lassen sich mit keiner gegründeten Befugniß der Vernunft
30 als Meinung annehmen, obzwar (weil man von ihrer Möglichkeit oder
31 Unmöglichkeit keine Begriffe hat) auch durch keine vermeinte bessere Einsicht
32 dogmatisch ableugnen.
33 Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine andere Dinge
34 und Erklärungsgründe als die, so nach schon bekannten Gesetzen der Erscheinungen
35 mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden, angeführt
36 werden. Eine transscendentale Hypothese, bei der eine bloße Idee
37 der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde daher
[seite 504]
19 Transscendentale Hypothesen des speculativen Gebrauchs der Vernunft
20 und eine Freiheit, zur Ersetzung des Mangels an physischen Erklärungsgründen
21 sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann gar nicht
22 gestattet werden, theils weil die Vernunft dadurch gar nicht weiter gebracht
23 wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres Gebrauchs abschneidet,
24 theils weil diese Licenz sie zuletzt um alle Früchte der Bearbeitung ihres
25 eigenthümlichen Bodens, nämlich der Erfahrung, bringen müßte. Denn
26 wenn uns die Naturerklärung hier oder da schwer wird, so haben wir beständig
27 einen transscendenten Erklärungsgrund bei der Hand, der uns [op 802]
28 jener Untersuchung überhebt, und unsere Nachforschung schließt nicht durch
29 Einsicht, sondern durch gänzliche Unbegreiflichkeit eines Princips, welches
30 so schon zum voraus ausgedacht war, daß es den Begriff des absolut Ersten
31 enthalten mußte.
32 Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer Hypothese
33 ist die Zulänglichkeit derselben, um daraus a priori die Folgen,
34 welche gegeben sind, zu bestimmen. Wenn man zu diesem Zwecke hülfleistende
35 Hypothesen herbeizurufen genöthigt ist, so geben sie den Verdacht
[seite 505]
16 Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen
17 (unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens) nicht
18 als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmate gelten sollen, so ist
19 alsdann von ihnen gar nicht die Rede. In solchem Falle aber sehe man
20 sich ja vor, daß der Beweis die apodiktische Gewißheit einer Demonstration
21 habe. Denn die Wirklichkeit solcher Ideen bloß wahrscheinlich
22 machen zu wollen, ist ein ungereimter Vorsatz, eben so als wenn man einen
23 Satz der Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen gedächte. Die von
24 aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles nur a priori und als
25 nothwendig, oder gar nicht erkennen; daher ist ihr Urtheil niemals Meinung,
26 sondern entweder Enthaltung von allem Urtheile, oder apodiktische
27 Gewißheit. Meinungen und wahrscheinliche Urtheile von dem, was Dingen
28 zukommt, können nur als Erklärungsgründe dessen, was wirklich gegeben
29 ist, oder Folgen nach empirischen Gesetzen von dem, was als wirklich
30 zum Grunde liegt, mithin nur in der Reihe der Gegenstände der Erfahrung
31 vorkommen. Außer diesem Felde ist Meinen so viel, als mit Gedanken
32 Spielen, es müßte denn sein, daß man von einem unsicheren Wege
33 des Urtheils bloß die Meinung hätte, vielleicht auf ihm die Wahrheit zu
34 finden.
35 Ob aber gleich bei bloß speculativen Fragen der reinen Vernunft
36 keine Hypothesen stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie
37 dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu vertheidigen, d. i. zwar
[seite 506]
31 Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen
32 erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, sondern nur es zu
33 vertheidigen. Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst
34 suchen. Denn speculative Vernunft in ihrem transscendentalen Gebrauche
35 ist an sich dialektisch. Die Einwürfe, die zu fürchten sein möchten, liegen
36 in uns selbst. Wir müssen sie gleich alten, aber niemals verjährenden
37 Ansprüchen hervorsuchen, um einen ewigen Frieden auf deren Vernichtigung
[seite 507]
11 Zu eurer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen
12 der reinen Vernunft, welche, obzwar nur bleierne Waffen (weil sie durch
13 kein Erfahrungsgesetz gestählt sind), dennoch immer so viel vermögen als
14 die, deren sich irgend ein Gegner wider euch bedienen mag. Wenn euch
15 also wider die (in irgend einer anderen, nicht speculativen Rücksicht) angenommene
16 immaterielle und keiner körperlichen Umwandlung unterworfene
17 Natur der Seele die Schwierigkeit aufstößt, daß gleichwohl die Erfahrung
18 sowohl die Erhebung, als Zerrüttung unserer Geisteskräfte bloß als verschiedene
19 Modification unserer Organen zu beweisen scheine: so könnt ihr
20 die Kraft dieses Beweises dadurch schwächen, daß ihr annehmt, unser Körper
21 sei nichts als die Fundamentalerscheinung, worauf als Bedingung
22 sich in dem jetzigen Zustande (im Leben) das ganze Vermögen der Sinnlichkeit
23 und hiemit alles Denken bezieht. Die Trennung vom Körper sei
24 das Ende dieses sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntnißkraft und der Anfang [op 807]
25 des intellectuellen. Der Körper wäre also nicht die Ursache des
26 Denkens, sondern eine bloß restringirende Bedingung desselben, mithin
27 zwar als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto mehr
28 auch als Hinderniß des reinen und spirituellen Lebens anzusehen, und die
29 Abhängigkeit des ersteren von der körperlichen Beschaffenheit bewiese nichts
30 für die Abhängigkeit des ganzen Lebens von dem Zustande unserer Organen.
31 Ihr könnt aber noch weiter gehen und wohl gar neue, entweder
32 nicht aufgeworfene, oder nicht weit genug getriebene Zweifel ausfindig
33 machen.
34 Die Zufälligkeit der Zeugungen, die bei Menschen so wie beim vernunftlosen
35 Geschöpfe von der Gelegenheit, überdem aber auch oft vom
36 Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Einfällen, oft sogar
37 vom Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeit wider die Meinung
[seite 508]
20 Ob wir nun gleich von allem diesem, was wir hier wider den Angriff
21 hypothetisch vorschützen, nicht das mindeste Wissen, noch im Ernste
22 behaupten, sondern alles nicht einmal Vernunftidee, sondern bloß zur Gegenwehr
23 ausgedachter Begriff ist, so verfahren wir doch hiebei ganz
24 vernunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alle Möglichkeit erschöpft
25 zu haben meint, indem er den Mangel ihrer empirischen Bedingungen für
26 einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des von uns geglaubten fälschlich
27 ausgiebt, nur zeigen: daß er eben so wenig durch bloße Erfahrungsgesetze
28 das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst umspannen, als wir
29 außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend etwas auf gegründete
30 Art erwerben können. Der solche hypothetische Gegenmittel wider [op 809]
31 die Anmaßungen des dreist verneinenden Gegners vorkehrt, muß nicht dafür
32 gehalten werden, als wolle er sie sich als seine wahre Meinungen eigen
33 machen. Er verläßt sie, sobald er den dogmatischen Eigendünkel des Gegners
34 abgefertigt hat. Denn so bescheiden und gemäßigt es auch anzusehen
35 ist, wenn jemand sich in Ansehung fremder Behauptungen bloß weigernd
36 und verneinend verhält, so ist doch jederzeit, sobald er diese seine Einwürfe
37 als Beweise des Gegentheils geltend machen will, der Anspruch nicht weniger
[seite 509]
03 Man sieht also hieraus, daß im speculativen Gebrauche der Vernunft
04 Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur
05 relativ auf entgegengesetzte transscendente Anmaßungen haben. Denn
06 die Ausdehnung der Principien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit
07 der Dinge überhaupt ist eben sowohl transscendent, als die Behauptung
08 der objectiven Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände nirgend
09 als außerhalb der Grenze aller möglichen Erfahrung finden können. Was
10 reine Vernunft assertorisch urtheilt, muß (wie alles, was Vernunft erkennt)
11 nothwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie in der That
12 gar keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind nur problematische
13 Urtheile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich freilich durch [op 810]
14 nichts bewiesen werden können, und sind also reine Privatmeinungen,
15 können aber doch nicht füglich (selbst zur inneren Beruhigung) gegen sich
16 regende Scrupel entbehrt werden. In dieser Qualität aber muß man sie
17 erhalten und ja sorgfältig verhüten, daß sie nicht als an sich selbst beglaubigt
18 und von einiger absoluten Gültigkeit auftreten und die Vernunft
19 unter Erdichtungen und Blendwerken ersäufen.
24 Die Beweise transscendentaler und synthetischer Sätze haben das
25 Eigenthümliche unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntniß a priori
26 an sich, daß die Vernunft bei jenen vermittelst ihrer Begriffe sich nicht
27 geradezu an den Gegenstand wenden darf, sondern zuvor die objective
28 Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der Synthesis derselben a priori
29 darthun muß. Dieses ist nicht etwa bloß eine nöthige Regel der Behutsamkeit,
30 sondern betrifft das Wesen und die Möglichkeit der Beweise selbst.
31 Wenn ich über den Begriff von einem Gegenstande a priori hinausgehen
32 soll, so ist dieses ohne einen besonderen und außerhalb diesem Begriffe
[seite 510]
26 Ist aber der Satz, über den ein Beweis geführt werden soll, eine Behauptung
27 der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer Ideen
28 über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müßte derselbe noch viel
29 mehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der Synthesis (wenn er
30 anders möglich wäre) als eine nothwendige Bedingung seiner Beweiskraft
31 in sich enthalten. So scheinbar daher auch der vermeintliche Beweis
32 der einfachen Natur unserer denkenden Substanz aus der Einheit der
33 Apperception sein mag, so steht ihm doch die Bedenklichkeit unabweislich
34 entgegen: daß, da die absolute Einfachheit doch kein Begriff ist, der unmittelbar
35 auf eine Wahrnehmung bezogen werden kann, sondern als Idee
36 bloß geschlossen werden muß, gar nicht einzusehen ist, wie mich das bloße
37 Bewußtsein, welches in allem Denken enthalten ist, oder wenigstens sein
[seite 511]
36 Die erste Regel ist also diese: keine transscendentale Beweise zu versuchen,
37 ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu haben, woher
[seite 512]
21 Die zweite Eigenthümlichkeit transscendentaler Beweise ist diese:
22 daß zu jedem transscendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden
23 werden könne. Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung,
24 die einem Begriffe correspondirt, es sei nun eine reine Anschauung, wie
25 in der Mathematik, oder empirische, wie in der Naturwissenschaft, schließen:
26 so giebt mir die zum Grunde gelegte Anschauung mannigfaltigen
27 Stoff zu synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr als eine Art verknüpfen
28 und, indem ich von mehr als einem Punkte ausgehen darf, durch verschiedene
29 Wege zu demselben Satze gelangen kann.
30 Nun geht aber ein jeder transscendentale Satz bloß von Einem Begriffe
31 aus und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des Gegenstandes
32 nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein einziger [op 816]
33 sein, weil außer diesem Begriffe nichts weiter ist, wodurch der Gegenstand
34 bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter als die Bestimmung
35 eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe, der auch nur
36 ein einziger ist, enthalten kann. Wir hatten z. B. in der transscendentalen
37 Analytik den Grundsatz: alles, was geschieht, hat eine Ursache, aus
[seite 513]
20 Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der Vernunftbehauptungen
21 sehr ins Kleine gebracht. Wo Vernunft ihr Geschäfte durch
22 bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis möglich, wenn überall
23 nur irgend einer möglich ist. Daher wenn man schon den Dogmatiker
24 mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man sicher glauben, daß er
25 gar keinen habe. Denn hätte er einen, der (wie es in Sachen der reinen
26 Vernunft sein muß) apodiktisch bewiese, wozu bedürfte er der übrigen?
27 Seine Absicht ist nur wie die von jenem Parlamentsadvocaten: das eine
28 Argument ist für diesen, das andere für jenen, nämlich um sich die
29 Schwäche seiner Richter zu Nutze zu machen, die, ohne sich tief einzulassen
30 und um von dem Geschäfte bald loszukommen, das Erste Beste, was ihnen
31 eben auffällt, ergreifen und darnach entscheiden.
32 Die dritte eigenthümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in
33 Ansehung transscendentaler Beweise einer Disciplin unterworfen wird,
34 ist: daß ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv
35 sein müssen. Der directe oder ostensive Beweis ist in aller Art der Erkenntni
36 derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit zugleich
37 Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische dagegen
[seite 514]
09 Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in verschiedenen
10 Wissenschaften ist wohl diese. Wenn die Gründe, von denen
11 eine gewisse Erkenntniß abgeleitet werden soll, zu mannigfaltig oder zu
12 tief verborgen liegen: so versucht man, ob sie nicht durch die Folgen zu
13 erreichen sei. Nun wäre der modus ponens , auf die Wahrheit einer Erkenntni
14 aus der Wahrheit ihrer Folgen zu schließen, nur alsdann erlaubt,
15 wenn alle möglichen Folgen daraus wahr sind; denn alsdann ist zu diesen
16 nur ein einziger Grund möglich, der also auch der wahre ist. Dieses
17 Verfahren aber ist unthunlich, weil es über unsere Kräfte geht, alle mögliche
18 Folgen von irgend einem angenommenen Satze einzusehen; doch bedient
19 man sich dieser Art zu schließen, obzwar freilich mit einer gewissen
20 Nachsicht, wenn es darum zu thun ist, um etwas bloß als Hypothese zu
21 beweisen, indem man den Schluß nach der Analogie einräumt: daß, wenn
22 so viele Folgen, als man nur immer versucht hat, mit einem angenommenen
23 Grunde wohl zusammenstimmen, alle übrige mögliche auch darauf [op 819]
24 einstimmen werden. Um deswillen kann durch diesen Weg niemals eine
25 Hypothese in demonstrirte Wahrheit verwandelt werden. Der modus tollens
26 der Vernunftschlüsse, die von den Folgen auf die Gründe schließen,
27 beweiset nicht allein ganz strenge, sondern auch überaus leicht. Denn
28 wenn auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden
29 kann, so ist dieser Satz falsch. Anstatt nun die ganze Reihe der Gründe
30 in einem ostensiven Beweise durchzulaufen, die auf die Wahrheit einer Erkenntni
31 vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre Möglichkeit führen
32 kann, darf man nur unter den aus dem Gegentheil derselben fließenden
33 Folgen eine einzige falsch finden, so ist dieses Gegentheil auch falsch, mithin
34 die Erkenntniß, welche man zu beweisen hatte, wahr.
35 Die apagogische Beweisart kann aber nur in den Wissenschaften erlaubt
36 sein, wo es unmöglich ist, das Subjective unserer Vorstellungen dem
37 Objectiven, nämlich der Erkenntniß desjenigen, was am Gegenstande ist,
[seite 515]
08 In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich; daher haben sie
09 daselbst auch ihren eigentlichen Platz. In der Naturwissenschaft, weil sich
10 daselbst alles auf empirische Anschauungen gründet, kann jene Erschleichung
11 durch viel verglichene Beobachtungen zwar mehrentheils verhütet
12 werden; aber diese Beweisart ist daselbst doch mehrentheils unerheblich.
13 Aber die transscendentalen Versuche der reinen Vernunft werden insgesammt
14 innerhalb dem eigentlichen Medium des dialektischen Scheins angestellt,
15 d. i. des Subjectiven, welches sich der Vernunft in ihren Prämissen
16 als objectiv anbietet, oder gar aufdringt. Hier nun kann es, was
17 synthetische Sätze betrifft, gar nicht erlaubt werden, seine Behauptungen
18 dadurch zu rechtfertigen, daß man das Gegentheil widerlegt. Denn entweder
19 diese Widerlegung ist nichts andres als die bloße Vorstellung des
20 Widerstreits der entgegengesetzten Meinung mit den subjectiven Bedingungen
21 der Begreiflichkeit durch unsere Vernunft, welches gar nichts dazu
22 thut, um die Sache selbst darum zu verwerfen (so wie z. B. die unbedingte
23 Nothwendigkeit im Dasein eines Wesens schlechterdings von uns nicht begriffen
24 werden kann und sich daher subjectiv jedem speculativen Beweise
25 eines nothwendigen obersten Wesens mit Recht, der Möglichkeit eines solchen
26 Urwesens aber an sich selbst mit Unrecht widersetzt); oder beide, sowohl
27 der behauptende als der verneinende Theil, legen, durch den transscendentalen
28 Schein betrogen, einen unmöglichen Begriff vom Gegenstande [op 821]
29 zum Grunde, und da gilt die Regel: non entis nulla sunt praedicata ,
30 d. i. sowohl was man bejahend, als was man verneinend von dem Gegenstande
31 behauptete, ist beides unrichtig, und man kann nicht apagogisch
32 durch die Widerlegung des Gegentheils zur Erkenntniß der Wahrheit gelangen.
33 So zum Beispiel, wenn vorausgesetzt wird, daß die Sinnenwelt
34 an sich selbst ihrer Totalität nach gegeben sei, so ist es falsch, daß sie
35 entweder unendlich dem Raume nach, oder endlich und begrenzt sein
36 müsse, darum weil beides falsch ist. Denn Erscheinungen (als bloße Vorstellungen),
37 die doch an sich selbst (als Objecte) gegeben wären, sind
[seite 516]
05 Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk, womit
06 die Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler
07 jederzeit hingehalten worden: sie ist gleichsam der Champion, der die Ehre
08 und das unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch beweisen
09 will, daß er sich mit jedermann zu raufen anheischig macht, der es bezweifeln
10 wollte; obgleich durch solche Großsprecherei nichts in der Sache, sondern
11 nur der respectiven Stärke der Gegner ausgemacht wird und zwar
12 auch nur auf der Seite desjenigen, der sich angreifend verhält. Die Zuschauer, [op 822]
13 indem sie sehen, daß ein jeder in seiner Reihe bald Sieger ist,
14 bald unterliegt, nehmen oftmals daraus Anlaß, das Object des Streits
15 selbst sceptisch zu bezweifeln. Aber sie haben nicht Ursache dazu, und es
16 ist genug, ihnen zuzurufen: non defensoribus istis tempus eget . Ein
17 jeder muß seine Sache vermittelst eines durch transscendentale Deduction
18 der Beweisgründe geführten rechtlichen Beweises, d. i. direct, führen, damit
19 man sehe, was seine Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben.
20 Denn fußt sich sein Gegner auf subjective Gründe, so ist er freilich
21 leicht zu widerlegen, aber ohne Vortheil für den Dogmatiker, der gemeiniglich
22 eben so den subjectiven Ursachen des Urtheils anhängt und gleichergestalt
23 von seinem Gegner in die Enge getrieben werden kann. Verfahren
24 aber beide Theile bloß direct, so werden sie entweder die Schwierigkeit,
25 ja Unmöglichkeit, den Titel ihrer Behauptungen auszufinden, von
26 selbst bemerken und sich zuletzt nur auf Verjährung berufen können, oder
27 die Kritik wird den dogmatischen Schein leicht entdecken und die reine
28 Vernunft nöthigen, ihre zu hoch getriebene Anmaßungen im speculativen
29 Gebrauch aufzugeben und sich innerhalb die Grenzen ihres eigenthümlichen
30 Bodens, nämlich praktischer Grundsätze, zurückzuziehen.
[seite 517]
04 Es ist demüthigend für die menschliche Vernunft, daß sie in ihrem
05 reinen Gebrauche nichts ausrichtet und sogar noch einer Disciplin bedarf,
06 um ihre Ausschweifungen zu bändigen und die Blendwerke, die ihr daherkommen,
07 zu verhüten. Allein andererseits erhebt es sie wiederum und
08 giebt ihr ein Zutrauen zu sich selbst, daß sie diese Disciplin selbst ausüben
09 kann und muß, ohne eine andere Censur über sich zu gestatten, imgleichen
10 daß die Grenzen, die sie ihrem speculativen Gebrauche zu setzen genöthigt
11 ist, zugleich die vernünftelnde Anmaßungen jedes gegners einschränken,
12 und mithin alles, was ihr noch von ihren vorher übertriebenen Forderungen
13 übrig bleiben möchte, gegen alle Angriffe sicher stellen könne. Der
14 größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft
15 ist also wohl nur negativ: da sie nämlich nicht als Organon zur Erweiterung,
16 sondern als Disciplin zur Grenzbestimmung dient und, anstatt
17 Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrthümer zu verhüten.
18 Indessen muß es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen
19 geben, welche ins Gebiet der reinen Vernunft gehören, und die [op 824]
20 vielleicht nur durch Mißverstand zu Irrthümern Anlaß geben, in der That
21 aber das Ziel der Beeiferung der Vernunft ausmachen. Denn welcher
22 Ursache sollte sonst wohl die nicht zu dämpfende Begierde, durchaus über
23 die Grenze der Erfahrung hinaus irgendwo festen Fuß zu fassen, zuzuschreiben
24 sein? Sie ahndet Gegenstände, die ein großes Interesse für sie
25 bei sich führen. Sie tritt den Weg der bloßen Speculation an, um sich
26 ihnen zu nähern; aber diese fliehen vor ihr. Vermuthlich wird auf dem
27 einzigen Wege, der ihr noch übrig ist, nämlich dem des praktischen Gebrauchs,
28 besseres Glück für sie zu hoffen sein.
29 Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori
30 des richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnißvermögen überhaupt. So ist
31 die allgemeine Logik in ihrem analytischen Theile ein Kanon für Verstand
32 und Vernunft überhaupt, aber nur der Form nach, denn sie abstrahirt
33 von allem Inhalte. So war die transscendentale Analytik der Kanon
34 des reinen Verstandes; denn der ist allein wahrer synthetischer Erkenntnisse
35 a priori fähig. Wo aber kein richtiger Gebrauch einer Erkenntnißkraft
[seite 518]
15 Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über
16 den Erfahrungsgebrauch hinaus zu gehen, sich in einem reinen Gebrauche
17 und vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntni
18 hinaus zu wagen und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in
19 einem für sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden. Ist
20 nun diese Bestrebung bloß auf ihr speculatives, oder vielmehr einzig und
21 allein auf ihr praktisches Interesse gegründet?
22 Ich will das Glück, welches die reine Vernunft in speculativer Absicht
23 macht, jetzt bei Seite setzen und frage nur nach den Aufgaben, deren
24 Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht, sie mag diesen nun erreichen oder
25 nicht, und in Ansehung dessen alle andere bloß den Werth der Mittel haben. [op 826]
26 Diese höchste Zwecke werden nach der Natur der Vernunft wiederum
27 Einheit haben müssen, um dasjenige Interesse der Menschheit, welches
28 keinem höheren untergeordnet ist, vereinigt zu befördern.
29 Die Endabsicht, worauf die Speculation der Vernunft im transscendentalen
30 Gebrauche zuletzt hinausläuft, betrifft drei Gegenstände: die
31 Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele und das Dasein Gottes.
32 In Ansehung aller drei ist das bloß speculative Interesse der Vernunft
33 nur sehr gering, und in Absicht auf dasselbe würde wohl schwerlich eine
[seite 519]
34 Wenn demnach diese drei Cardinalsätze uns zum Wissen gar nicht
35 nöthig sind und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen [op 828]
36 werden: so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische angehen
37 müssen.
[seite 520]
17 Die ganze Zurüstung also der Vernunft in der Bearbeitung, die
18 man reine Philosophie nennen kann, ist in der That nur auf die drei gedachten
19 Probleme gerichtet. Diese selber aber haben wiederum ihre entferntere
20 Absicht, nämlich was zu thun sei, wenn der Wille frei, wenn [op 829]
21 ein Gott und eine künftige Welt ist. Da dieses nun unser Verhalten in
22 Beziehung auf den höchsten Zweck betrifft, so ist die letzte Absicht der weislich
23 uns versorgenden Natur bei der Einrichtung unserer Vernunft eigentlich
24 nur aufs Moralische gestellt.
25 Es ist aber Behutsamkeit nöthig, um, da wir unser Augenmerk auf
26 einen Gegenstand werfen, der der transscendentalen Philosophie fremd*)
27 ist, nicht in Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu
28 verletzen, andererseits auch, um, indem man von seinem neuen Stoffe zu
29 wenig sagt, es an Deutlichkeit oder Überzeugung nicht fehlen zu lassen.
30 Ich hoffe beides dadurch zu leisten, daß ich mich so nahe als möglich am
31 *) Alle praktische Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens oder Mißfallens,
32 d. i. der Lust und Unlust, mithin wenigstens indirect auf Gegenstände unseres
33 Gefühls. Da dieses aber keine Vorstellungskraft der Dinge ist, sondern außer
34 der gesammten Erkenntnißkraft liegt, so gehören die Elemente unserer Urtheile, so
35 fern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der praktischen, nicht in den Inbegriff
36 der Transscendentalphilosophie, welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a priori
37 zu thun hat.
[seite 521]
03 Und da ist denn zuerst anzumerken, daß ich mich für jetzt des Begriffs
04 der Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde und den in
05 transscendentaler Bedeutung, welcher nicht als ein Erklärungsgrund der [op 830]
06 Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann, sondern selbst ein Problem
07 für die Vernunft ist, hier als oben abgethan bei Seite setze. Eine
08 Willkür nämlich ist bloß thierisch ( arbitrium brutum ), die nicht anders
09 als durch sinnliche Antriebe, d. i. pathologisch, bestimmt werden kann.
10 Diejenige aber, welche unabhängig von sinnlichen Antrieben, mithin durch
11 Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt werden, bestimmt
12 werden kann, heißt die freie Willkür ( arbitrium liberum ), und alles,
13 was mit dieser, es sei als Grund oder Folge, zusammenhängt, wird praktisch
14 genannt. Die praktische Freiheit kann durch Erfahrung bewiesen
15 werden. Denn nicht bloß das, was reizt, d. i. die Sinne unmittelbar
16 afficirt, bestimmt die menschliche Willkür, sondern wir haben ein Vermögen,
17 durch Vorstellungen von dem, was selbst auf entferntere Art
18 nützlich oder schädlich ist, die Eindrücke auf unser sinnliches Begehrungsvermögen
19 zu überwinden; diese Überlegungen aber von dem, was in Ansehung
20 unseres ganzen Zustandes begehrungswerth, d. i. gut und nützlich,
21 ist, beruhen auf der Vernunft. Diese giebt daher auch Gesetze, welche
22 Imperativen, d. i. objective Gesetze der Freiheit, sind, und welche sagen,
23 was geschehen soll, ob es gleich vielleicht nie geschieht, und sich
24 darin von Naturgesetzen, die nur von dem handeln, was geschieht,
25 unterscheiden, weshalb sie auch praktische Gesetze genannt werden. [op 831]
26 Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen, dadurch sie Gesetze
27 vorschreibt, nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei,
28 und das, was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt, in Ansehung
29 höherer und entfernterer wirkenden Ursachen nicht wiederum Natur
30 sein möge, das geht uns im Praktischen, da wir nur die Vernunft um die
31 Vorschrift des Verhaltens zunächst befragen, nichts an, sondern ist eine
32 bloß speculative Frage, die wir, so lange als unsere Absicht aufs Thun
33 oder Lassen gerichtet ist, bei Seite setzen können. Wir erkennen also die
34 praktische Freiheit durch Erfahrung als eine von den Naturursachen, nämlich
35 eine Causalität der Vernunft in Bestimmung des Willens, indessen
[seite 522]
19 Die Vernunft führte uns in ihrem speculativen Gebrauche durch das
20 Feld der Erfahrungen und, weil daselbst für sie niemals völlige Befriedigung
21 anzutreffen ist, von da zu speculativen Ideen, die uns aber am Ende
22 wiederum auf Erfahrung zurückführten, und also ihre Absicht auf eine
23 zwar nützliche, aber unserer Erwartung gar nicht gemäße Art erfüllten.
24 Nun bleibt uns noch ein Versuch übrig: ob nämlich auch reine Vernunft
25 im praktischen Gebrauche anzutreffen sei, ob sie in demselben zu den Ideen
26 führe, welche die höchsten Zwecke der reinen Vernunft, die wir eben angeführt
27 haben, erreichen, und diese also aus dem Gesichtspunkte ihres praktischen
28 Interesse nicht dasjenige gewähren könne, was sie uns in Ansehung
29 des speculativen ganz und gar abschlägt.
30 Alles Interesse meiner Vernunft (das speculative sowohl, als das
31 praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen:
32 1. Was kann ich wissen?
33 2. Was soll ich thun?
34 3. Was darf ich hoffen?
[seite 523]
01 Die erste Frage ist bloß speculativ. Wir haben (wie ich mir schmeichele)
02 alle mögliche Beantwortungen derselben erschöpft und endlich diejenige
03 gefunden, mit welcher sich die Vernunft zwar befriedigen muß und,
04 wenn sie nicht aufs Praktische sieht, auch Ursache hat zufrieden zu sein,
05 sind aber von den zwei großen Zwecken, worauf diese ganze Bestrebung der
06 reinen Vernunft eigentlich gerichtet war, eben so weit entfernt geblieben,
07 als ob wir uns aus Gemächlichkeit dieser Arbeit gleich anfangs verweigert
08 hätten. Wenn es also um Wissen zu thun ist, so ist wenigstens so viel
09 sicher und ausgemacht, daß uns dieses in Ansehung jener zwei Aufgaben
10 niemals zu Theil werden könne.
11 Die zweite Frage ist bloß praktisch. Sie kann als eine solche zwar
12 der reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann doch nicht transscendental,
13 sondern moralisch, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht
14 beschäftigen.
15 Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun thue, was ich soll, was darf
16 ich alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich, so daß das Praktische
17 nur als ein Leitfaden zu Beantwortung der theoretischen und, wenn
18 diese hoch geht, speculativen Frage führt. Denn alles Hoffen geht auf
19 Glückseligkeit und ist in Absicht auf das Praktische und das Sittengesetz
20 eben dasselbe, was das Wissen und das Naturgesetz in Ansehung der theoretischen [op 834]
21 Erkenntniß der Dinge ist. Jenes läuft zuletzt auf den Schlu
22 hinaus, daß etwas sei (was den letzten möglichen Zweck bestimmt), weil
23 etwas geschehen soll; dieses, daß etwas sei (was als oberste Ursache
24 wirkt), weil etwas geschieht.
25 Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen (sowohl
26 extensive der Mannigfaltigkeit derselben, als intensive dem Grade und
27 auch protensive der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus dem Bewegungsgrunde
28 der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch (Klugheitsregel);
29 dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum Bewegungsgrunde nichts
30 anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu sein, moralisch (Sittengesetz).
31 Das erstere räth, was zu thun sei, wenn wir der Glückseligkeit
32 wollen theilhaftig, das zweite gebietet, wie wir uns verhalten sollen, um
33 nur der Glückseligkeit würdig zu werden. Das erstere gründet sich auf
34 empirische Principien; denn anders als vermittelst der Erfahrung kann
35 ich weder wissen, welche Neigungen dasind, die befriedigt werden wollen,
[seite 524]
08 Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische Gesetze gebe, die völlig
09 a priori (ohne Rücksicht auf empirische Bewegungsgründe, d. i. Glückseligkeit)
10 das Thun und Lassen, d. i. den Gebrauch der Freiheit eines vernünftigen
11 Wesens überhaupt, bestimmen, und daß diese Gesetze schlechterdings
12 (nicht bloß hypothetisch, unter Voraussetzung anderer empirischen
13 Zwecke) gebieten und also in aller Absicht nothwendig seien. Diesen
14 Satz kann ich mit Recht voraussetzen, nicht allein indem ich mich auf die
15 Beweise der aufgeklärtesten Moralisten, sondern auf das sittliche Urtheil
16 eines jeden Menschen berufe, wenn er sich ein dergleichen Gesetz deutlich
17 denken will.
18 Die reine Vernunft enthält also zwar nicht in ihrem speculativen,
19 aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen, Gebrauche
20 Principien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher
21 Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte des
22 Menschen anzutreffen sein könnten. Denn da sie gebietet, daß solche geschehen
23 sollen, so müssen sie auch geschehen können, und es muß also eine
24 besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die moralische, möglich
25 sein, indessen daß die systematische Natureinheit nach speculativen
26 Principien der Vernunft nicht bewiesen werden konnte, weil die Vernunft
27 zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt, aber nicht in Ansehung
28 der gesammten Natur Causalität hat, und moralische Vernunftprincipien
29 zwar freie Handlungen, aber nicht Naturgesetze hervorbringen können. [op 836]
30 Demnach haben die Principien der reinen Vernunft in ihrem praktischen,
31 namentlich aber dem moralischen Gebrauche objective Realität.
32 Ich nenne die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre
33 (wie sie es denn nach der Freiheit der vernünftigen Wesen sein kann
34 und nach den nothwendigen Gesetzen der Sittlichkeit sein soll), eine
35 moralische Welt. Diese wird so fern bloß als intelligibele Welt gedacht,
36 weil darin von allen Bedingungen (Zwecken) und selbst von allen
37 Hindernissen der Moralität in derselben (Schwäche oder Unlauterkeit der
[seite 525]
11 Das war die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen
12 Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Thue das, wodurch [op 837]
13 du würdig wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun:
14 wie, wenn ich mich nun so verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig
15 sei, darf ich auch hoffen, ihrer dadurch theilhaftig werden zu können?
16 Es kommt bei der Beantwortung derselben darauf an, ob die Principien
17 der reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch
18 diese Hoffnung nothwendigerweise damit verknüpfen.
19 Ich sage demnach: daß eben sowohl, als die moralischen Principien
20 nach der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche nothwendig sind,
21 eben so nothwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen
22 Gebrauch anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben
23 Maße zu hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten
24 würdig gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem
25 der Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen Vernunft
26 verbunden sei.
27 Nun läßt sich in einer intelligibelen, d. i. der moralischen, Welt, in
28 deren Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit (der Neigungen)
29 abstrahiren, ein solches System der mit der Moralität verbundenen proportionirten
30 Glückseligkeit auch als nothwendig denken, weil die durch sittliche
31 Gesetze theils bewegte, theils restringirte Freiheit selbst die Ursache
32 der allgemeinen Glückseligkeit, die vernünftigen Wesen also selbst unter
33 der Leitung solcher Principien Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer
34 dauerhaften Wohlfahrt sein würden. Aber dieses System der sich selbst [op 838]
35 lohnenden Moralität ist nur eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung
[seite 526]
15 Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch
16 vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache
17 aller Glückseligkeit in der Welt ist, so fern sie mit der Sittlichkeit (als der
18 Würdigkeit glücklich zu sein) in genauem Verhältnisse steht, das Ideal
19 des höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in dem Ideal
20 des höchsten ursprünglichen Guts den Grund der praktisch nothwendigen [op 839]
21 Verknüpfung beider Elemente des höchsten abgeleiteten Guts, nämlich
22 einer intelligibelen, d. i. moralischen, Welt antreffen. Da wir uns nun
23 nothwendiger Weise durch die Vernunft als zu einer solchen Welt gehörig
24 vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts als eine Welt von Erscheinungen
25 darstellen, so werden wir jene als eine Folge unseres Verhaltens
26 in der Sinnenwelt und, da uns diese eine solche Verknüpfung nicht
27 darbietet, als eine für uns künftige Welt annehmen müssen. Gott also
28 und ein künftiges Leben sind zwei von der Verbindlichkeit, die uns reine
29 Vernunft auferlegt, nach Principien eben derselben Vernunft nicht zu
30 trennende Voraussetzungen.
31 Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die
32 Glückseligkeit, außer sofern sie der Moralität genau angemessen ausgetheilt
33 ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligibelen Welt unter einem
34 weisen Urheber und Regierer. Einem solchen sammt dem Leben in einer
35 solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht sich die Vernunft
36 genöthigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze als leere Hirngespinste
37 anzusehen, weil der nothwendige Erfolg derselben, den dieselbe
[seite 527]
08 LeibnizPI nannte die Welt, so fern man darin nur auf die vernünftigen
09 Wesen und ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen unter der Regierung
10 des höchsten Guts Acht hat, das Reich der Gnaden und Unterschied
11 es vom Reiche der Natur, da sie zwar unter moralischen Gesetzen
12 stehen, aber keine andere Erfolge ihres Verhaltens erwarten, als nach dem
13 Laufe der Natur unserer Sinnenwelt. Sich also im Reiche der Gnaden
14 zu sehen, wo alle Glückseligkeit auf uns wartet, außer so fern wir unsern
15 Antheil an derselben durch die Unwürdigkeit, glücklich zu sein, nicht selbst
16 einschränken, ist eine praktisch nothwendige Idee der Vernunft.
17 Praktische Gesetze, so fern sie zugleich subjective Gründe der Handlungen,
18 d. i. subjective Grundsätze, werden, heißen Maximen. Die Beurtheilung
19 der Sittlichkeit ihrer Reinigkeit und Folgen nach geschieht
20 nach Ideen, die Befolgung ihrer Gesetze nach Maximen.
21 Es ist nothwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen
22 untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses geschehe,
23 wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches eine
24 bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem Verhalten
25 nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau entsprechenden Ausgang, [op 841]
26 es sei in diesem, oder einem anderen Leben, bestimmt. Ohne also
27 einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare, aber gehoffte Welt sind
28 die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar Gegenstände des Beifalls und
29 der Bewunderung, aber nicht Triebfedern des Vorsatzes und der Ausübung,
30 weil sie nicht den ganzen Zweck, der einem jeden vernünftigen
31 Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori bestimmt
32 und nothwendig ist, erfüllen.
33 Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das vollständige
34 Gut. Sie billigt solche nicht (so sehr als auch Neigung dieselbe
35 wünschen mag), wofern sie nicht mit der Würdigkeit, glücklich zu sein, d. i.
36 dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist. Sittlichkeit allein und mit ihr
37 die bloße Würdigkeit, glücklich zu sein, ist aber auch noch lange nicht das
[seite 528]
13 Glückseligkeit also in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der
14 vernünftigen Wesen, dadurch sie derselben würdig sind, macht allein das
15 höchste Gut einer Welt aus, darin wir uns nach den Vorschriften der reinen,
16 aber praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen, und welche freilich
17 nur eine intelligibele Welt ist, da die Sinnenwelt uns von der Natur
18 der Dinge dergleichen systematische Einheit der Zwecke nicht verheißt, deren
19 Realität auch auf nichts andres gegründet werden kann, als auf die
20 Voraussetzung eines höchsten ursprünglichen Guts, da selbstständige Vernunft,
21 mit aller Zulänglichkeit einer obersten Ursache ausgerüstet, nach
22 der vollkommensten Zweckmäßigkeit die allgemeine, obgleich in der Sinnenwelt
23 uns sehr verborgene Ordnung der Dinge gründet, erhält und vollführt.
25 Diese Moraltheologie hat nun den eigenthümlichen Vorzug vor der
26 speculativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen, allervollkommensten
27 und vernünftigen Urwesens führt, worauf uns speculative
28 Theologie nicht einmal aus objectiven Gründen hinweiset, geschweige
29 uns davon überzeugen konnte. Denn wir finden weder in der
30 transscendentalen, noch natürlichen Theologie, so weit uns auch Vernunft
31 darin führen mag, einigen bedeutenden Grund, nur ein einiges Wesen [op 843]
32 anzunehmen, welches wir allen Naturursachen vorsetzen, und von dem wir
33 zugleich diese in allen Stücken abhängend zu machen hinreichende Ursache
34 hätten. Dagegen wenn wir aus dem Gesichtspunkte der sittlichen Einheit
35 als einem nothwendigen Weltgesetze die Ursache erwägen, die diesem allein
36 den angemessenen Effect, mithin auch für uns verbindende Kraft geben
37 kann, so muß es ein einiger oberster Wille sein, der alle diese Gesetze in
[seite 529]
09 Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der Intelligenzen,
10 welche, obzwar als bloße Natur nur Sinnenwelt, als ein System
11 der Freiheit aber intelligibele, d. i. moralische, Welt ( regnum gratiae )
12 genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf die zweckmäßige Einheit
13 aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen, nach allgemeinen
14 Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen und nothwendigen
15 Sittengesetzen und vereinigt die praktische Vernunft mit der speculativen. [op 844]
16 Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen vorgestellt werden, wenn
17 sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne welchen wir uns selbst der
18 Vernunft unwürdig halten würden, nämlich dem moralischen, als welcher
19 durchaus auf der Idee des höchsten Guts beruht, zusammenstimmen soll.
20 Dadurch bekommt alle Naturforschung eine Richtung nach der Form eines
21 Systems der Zwecke und wird in ihrer höchsten Ausbreitung Physikotheologie.
22 Diese aber, da sie doch von sittlicher Ordnung, als einer in dem
23 Wesen der Freiheit gegründeten und nicht durch äußere Gebote zufällig
24 gestifteten Einheit, anhob, bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe,
25 die a priori mit der inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft
26 sein müssen und dadurch auf eine transscendentale Theologie,
27 die sich das Ideal der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem
28 Princip der systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und
29 nothwendigen Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der absoluten
30 Nothwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben.
31 Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande
32 machen selbst in Ansehung der Erfahrung, wenn wir uns nicht Zwecke
33 vorsetzen? Die höchsten Zwecke aber sind die der Moralität, und diese
34 kann uns nur reine Vernunft zu erkennen geben. Mit diesen nun versehen
35 und an dem Leitfaden derselben können wir von der Kenntniß der
36 Natur selbst keinen zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der Erkenntni [op 845]
37 machen, wo die Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat;
[seite 530]
10 Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft:
11 daß, ehe die moralischen Begriffe genugsam gereinigt, bestimmt und die
12 systematische Einheit der Zwecke nach denselben und zwar aus nothwendigen
13 Principien eingesehen waren, die Kenntniß der Natur und selbst ein
14 ansehnlicher Grad der Cultur der Vernunft in manchen anderen Wissenschaften
15 theils nur rohe und umherschweifende Begriffe von der Gottheit
16 hervorbringen konnte, theils eine zu bewundernde Gleichgültigkeit überhaupt
17 in Ansehung dieser Frage übrig ließ. Eine größere Bearbeitung
18 sittlicher Ideen, die durch das äußerst reine Sittengesetz unserer Religion
19 nothwendig gemacht wurde, schärfte die Vernunft auf den Gegenstand
20 durch das Interesse, das sie an demselben zu nehmen nöthigte; und ohne
21 daß weder erweiterte Naturkenntnisse, noch richtige und zuverlässige transscendentale [op 846]
22 Einsichten (dergleichen zu aller Zeit gemangelt haben) dazu
23 beitrugen, brachten sie einen Begriff vom göttlichen Wesen zu Stande, den
24 wir jetzt für den richtigen halten, nicht weil uns speculative Vernunft von
25 dessen Richtigkeit überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Vernunftprincipien
26 vollkommen zusammenstimmt. Und so hat am Ende doch immer
27 nur reine Vernunft, aber nur in ihrem praktischen Gebrauche das
28 Verdienst, ein Erkenntniß, das die bloße Speculation nur wähnen, aber
29 nicht geltend machen kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen und dadurch
30 zwar nicht zu einem demonstrirten Dogma, aber doch zu einer
31 schlechterdings nothwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten
32 Zwecken zu machen.
33 Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat,
34 nämlich den Begriff eines einigen Urwesens als des höchsten Guts, so
35 darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über alle empirische
36 Bedingungen seiner Anwendung erhoben und zur unmittelbaren
37 Kenntniß neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von diesem Begriffe
[seite 531]
27 Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande,
28 die auf objectiven Gründen beruhen mag, aber auch subjective Ursachen
29 im Gemüthe dessen, der da urtheilt, erfordert. Wenn es für jedermann
30 gültig ist, so fern er nur Vernunft hat, so ist der Grund desselben objectiv
31 hinreichend, und das Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung.
[seite 532]
03 Überredung ist ein bloßer Schein, weil der Grund des Urtheils, welcher
04 lediglich im Subjecte liegt, für objectiv gehalten wird. Daher hat ein
05 solches Urtheil auch nur Privatgültigkeit, und das Fürwahrhalten läßt
06 sich nicht mittheilen. Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung mit
07 dem Objecte, in Ansehung dessen folglich die Urtheile eines jeden Verstandes
08 einstimmig sein müssen ( consentientia uni tertio consentiunt inter
09 se ). Der Probirstein des Fürwahrhaltens, ob es Überzeugung oder
10 bloße Überredung sei, ist also äußerlich die Möglichkeit, dasselbe mitzutheilen,
11 und das Fürwahrhalten für jedes Menschen Vernunft gültig zu
12 befinden; denn alsdann ist wenigstens eine Vermuthung, der Grund der [op 849]
13 Einstimmung aller Urtheile ungeachtet der Verschiedenheit der Subjecte
14 unter einander werde auf dem gemeinschaftlichen Grunde, nämlich dem
15 Objecte, beruhen, mit welchem sie daher alle zusammenstimmen und dadurch
16 die Wahrheit des Urtheils beweisen werden.
17 Überredung demnach kann von der Überzeugung subjectiv zwar nicht
18 unterschieden werden, wenn das Subject das Fürwahrhalten bloß als Erscheinung
19 seines eigenen Gemüths vor Augen hat; der Versuch aber, den
20 man mit den Gründen desselben, die für uns gültig sind, an anderer Verstand
21 macht, ob sie auf fremde Vernunft eben dieselbe Wirkung thun, als
22 auf die unsrige, ist doch ein, obzwar nur subjectives Mittel, zwar nicht
23 Überzeugung zu bewirken, aber doch die bloße Privatgültigkeit des Urtheils,
24 d. i. etwas in ihm, was bloße Überredung ist, zu entdecken.
25 Kann man überdem die subjectiven Ursachen des Urtheils, welche
26 wir für objective Gründe desselben nehmen, entwickeln und mithin das
27 trügliche Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüthe erklären,
28 ohne dazu die Beschaffenheit des Objects nöthig zu haben: so entblößen
29 wir den Schein und werden dadurch nicht mehr hintergangen, obgleich
30 immer noch in gewissem Grade versucht, wenn die subjective Ursache des
31 Scheins unserer Natur anhängt.
32 Ich kann nichts behaupten, d. i. als ein für jedermann nothwendig [op 850]
33 gültiges Urtheil aussprechen, als was Überzeugung wirkt. Überredung
34 kann ich für mich behalten, wenn ich mich dabei wohl befinde, kann
35 sie aber und soll sie außer mir nicht geltend machen wollen.
36 Das Fürwahrhalten oder die subjective Gültigkeit des Urtheils in
37 Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objectiv gilt) hat folgende
[seite 533]
09 Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens
10 etwas zu wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urtheil
11 eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht vollständig,
12 doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz einer solchen
13 Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn wenn ich in Ansehung dessen
14 auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel der Einbildung
15 ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit. In Urtheilen aus reiner
16 Vernunft ist es gar nicht erlaubt, zu meinen. Denn weil sie nicht auf [op 851]
17 Erfahrungsgründe gestützt werden, sondern alles a priori erkannt werden
18 soll, wo alles nothwendig ist, so erfordert das Princip der Verknüpfung
19 Allgemeinheit und Nothwendigkeit, mithin völlige Gewißheit, widrigenfalls
20 gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen wird. Daher ist es ungereimt,
21 in der reinen Mathematik zu meinen; man muß wissen, oder sich
22 alles Urtheilens enthalten. Eben so ist es mit den Grundsätzen der Sittlichkeit
23 bewandt, da man nicht auf bloße Meinung, daß etwas erlaubt
24 sei, eine Handlung wagen darf, sondern dieses wissen muß.
25 Im transscendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen
26 freilich zu wenig, aber Wissen auch zu viel. In bloß speculativer Absicht
27 können wir also hier gar nicht urtheilen: weil subjective Gründe des Fürwahrhaltens
28 wie die, so das Glauben bewirken können, bei speculativen
29 Fragen keinen Beifall verdienen, da sie sich frei von aller empirischen
30 Beihülfe nicht halten, noch in gleichem Maße andern mittheilen lassen.
31 Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch
32 unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische
33 Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit, oder der Sittlichkeit,
34 die erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber zu schlechthin
35 nothwendigen Zwecken.
36 Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist, so sind die Bedingungen der
37 Erreichung desselben hypothetisch nothwendig. Diese Nothwendigkeit ist
[seite 534]
14 Der gewöhnliche Probirstein, ob etwas bloße Überredung, oder wenigstens
15 subjective Überzeugung, d. i. festes Glauben, sei, was jemand
16 behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so zuversichtlichem
17 und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis des Irrthums
18 gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn stutzig.
19 Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf einen Dukaten
20 an Werth geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn besitze. Denn [op 853]
21 den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehnen wird er allererst inne, was
22 er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl möglich sei, er habe
23 sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt, man solle worauf das
24 Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet unser triumphirendes
25 Urtheil gar sehr, wir werden überaus schüchtern und entdecken so allererst,
26 daß unser Glaube so weit nicht zulange. So hat der pragmatische Glaube
27 nur einen Grad, der nach Verschiedenheit des Interesse, das dabei im
28 Spiele ist, groß oder auch klein sein kann.
29 Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Object gar nichts
30 unternehmen können, also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist, wir
31 doch in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und uns einbilden
32 können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben vermeinen,
33 wenn es ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache auszumachen, so giebt
34 es in bloß theoretischen Urtheilen ein Analogon von praktischen, auf
35 deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und den wir den doctrinalen
36 Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre durch irgend
37 eine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das Meinige darauf
[seite 535]
05 Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Dasein Gottes zum
06 doctrinalen Glauben gehöre. Denn ob ich gleich in Ansehung der theoretischen
07 Weltkenntniß nichts zu verfügen habe, was diesen Gedanken als
08 Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt nothwendig
09 voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft mich so zu
10 bedienen, als ob alles bloß Natur sei: so ist doch die zweckmäßige Einheit
11 eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft auf Natur, da
12 ich, da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele darbietet, sie
13 gar nicht vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit aber kenne ich keine andere
14 Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der Naturforschung machte, als
15 wenn ich voraussetze, daß eine höchste Intelligenz alles nach den weisesten
16 Zwecken so geordnet habe. Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen,
17 aber doch nicht unerheblichen Absicht, nämlich um eine Leitung
18 in der Nachforschung der Natur zu haben, einen weisen Welturheber vorauszusetzen.
19 Der Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die
20 Brauchbarkeit dieser Voraussetzung, und nichts kann auf entscheidende
21 Art dawider angeführt werden, daß ich viel zu wenig sage, wenn ich mein
22 Fürwahrhalten bloß ein Meinen nennen wollte; sondern es kann selbst in
23 diesem theoretischen Verhältnisse gesagt werden, daß ich festiglich einen
24 Gott glaube; aber alsdann ist dieser Glaube in strenger Bedeutung dennoch
25 nicht praktisch, sondern muß ein doctrinaler Glaube genannt werden, [op 855]
26 den die Theologie der Natur (Physikotheologie) nothwendig allerwärts
27 bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in Rücksicht auf die
28 vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur und die derselben so
29 schlecht angemessene Kürze des Lebens kann eben sowohl genugsamer
30 Grund zu einem doctrinalen Glauben des künftigen Lebens der menschlichen
31 Seele angetroffen werden.
32 Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der
33 Bescheidenheit in objectiver Absicht, aber doch zugleich der Festigkeit des
34 Zutrauens in subjectiver. Wenn ich das bloß theoretische Fürwahrhalten
35 hier auch nur Hypothese nennen wollte, die ich anzunehmen berechtigt
36 wäre, so würde ich mich dadurch schon anheischig machen, mehr von
37 der Beschaffenheit einer Weltursache und einer andern Welt Begriff zu
[seite 536]
08 Aber der bloß doctrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich; man
09 wird oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Speculation vorfinden, aus [op 856]
10 demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum zurück
11 kehrt.
12 Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn
13 da ist es schlechterdings nothwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich
14 daß ich dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist
15 hier unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung nach
16 aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck mit allen gesammten
17 Zwecken zusammenhängt und dadurch praktische Gültigkeit habe,
18 nämlich daß ein Gott und eine künftige Welt sei; ich weiß auch ganz gewiß,
19 daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf dieselbe Einheit
20 der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führen. Da aber also die sittliche
21 Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie denn die Vernunft gebietet,
22 daß sie es sein soll), so werde ich unausbleiblich ein Dasein Gottes und
23 ein künftiges Leben glauben und bin sicher, daß diesen Glauben nichts
24 wankend machen könne, weil dadurch meine sittliche Grundsätze selbst umgestürzt
25 werden würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen
26 eigenen Augen verabscheuungswürdig zu sein.
27 Auf solche Weise bleibt uns nach Vereitelung aller ehrsüchtigen Absichten
28 einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus herumschweifenden
29 Vernunft noch genug übrig, daß wir damit in praktischer Absicht zufrieden
30 zu sein Ursache haben. Zwar wird freilich sich niemand rühmen können: [op 857]
31 er wisse, daß ein Gott und daß ein künftig Leben sei; denn wenn er das
32 weiß, so ist er gerade der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen
33 (wenn es einen Gegenstand der bloßen Vernunft betrifft) kann man mittheilen,
34 und ich würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung
35 mein Wissen in so bewundrungswürdigem Maße ausgedehnt zu sehen.
36 Nein, die Überzeugung ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit,
37 und da sie auf subjectiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht,
[seite 537]
06 Das einzige Bedenkliche, das sich hiebei findet, ist, daß sich dieser
07 Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet.
08 Gehn wir davon ab und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher Gesetze
09 gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die Vernunft aufwirft,
10 bloß eine Aufgabe für die Speculation und kann alsdann zwar
11 noch mit starken Gründen aus der Analogie, aber nicht mit solchen, denen
12 sich die hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte, unterstützt werden*). [op 858]
13 Es ist aber kein Mensch bei diesen Fragen frei von allem Interesse. Denn
14 ob er gleich von dem moralischen durch den Mangel guter Gesinnungen
15 getrennt sein möchte: so bleibt doch auch in diesem Falle genug übrig,
16 um zu machen, daß er ein göttliches Dasein und eine Zukunft fürchte.
17 Denn hiezu wird nichts mehr erfordert, als daß er wenigstens keine
18 Gewißheit vorschützen könne, daß kein solches Wesen und kein künftig
19 Leben anzutreffen sei, wozu, weil es durch bloße Vernunft, mithin apodiktisch
20 bewiesen werden müßte, er die Unmöglichkeit von beiden darzuthun
21 haben würde, welches gewiß kein vernünftiger Mensch übernehmen kann.
22 Das würde ein negativer Glaube sein, der zwar nicht Moralität und
23 gute Gesinnungen, aber doch das Analogon derselben bewirken, nämlich
24 den Ausbruch der bösen mächtig zurückhalten könnte.
25 Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet,
26 indem sie über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet?
27 nichts mehr als zwei Glaubensartikel? So viel hätte auch wohl der gemeine
28 *) Das menschliche Gemüth nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem vernünftigen
29 Wesen nothwendig geschieht) ein natürliches Interesse an der Moralität,
30 ob es gleich nicht ungetheilt und praktisch überwiegend ist. Befestigt und vergrößert
31 dieses Interesse, und ihr werdet die Vernunft sehr gelehrig und selbst aufgeklärter
32 finden, um mit dem praktischen auch das speculative Interesse zu vereinigen. Sorget
33 ihr aber nicht dafür, daß ihr vorher wenigstens auf dem halben Wege gute Menschen
34 macht, so werdet ihr auch niemals aus ihnen aufrichtig gläubige Menschen machen.
[seite 538]
03 Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die
04 mühsame Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe; gesetzt,
05 es sollte auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden; denn
06 davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber
07 verlangt ihr denn, daß ein Erkenntniß, welches alle Menschen angeht, den
08 gemeinen Verstand übersteigen und euch nur von Philosophen entdeckt
09 werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste Bestätigung von der
10 Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es das, was man anfangs
11 nicht vorhersehen konnte, entdeckt, nämlich daß die Natur in dem, was Menschen
12 ohne Unterschied angelegen ist, keiner parteiischen Austheilung ihrer
13 Gaben zu beschuldigen sei, und die höchste Philosophie in Ansehung der
14 wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne,
15 als die Leitung, welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen
16 lassen.
20 Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil
21 die systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntniß allererst
22 zur Wissenschaft, d. i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System,
23 macht, so ist Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer Erkenntni
24 überhaupt, und sie gehört also nothwendig zur Methodenlehre.
25 Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt
26 keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem
27 sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und befördern
28 können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit der mannigfaltigen
29 Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der Vernunftbegriff von
30 der Form eines Ganzen, so fern durch denselben der Umfang des Mannigfaltigen
31 sowohl, als die Stelle der Theile untereinander a priori bestimmt
[seite 539]
12 Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d. i. eine a priori
13 aus dem Princip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und
14 Ordnung der Theile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d. i.
15 aus dem Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich
16 darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kann), entworfen
17 wird, giebt technische, dasjenige aber, was nur zu Folge einer
18 Idee entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgiebt und nicht empirisch
19 erwartet), gründet architektonische Einheit. Nicht technisch wegen
20 der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des zufälligen Gebrauchs
21 der Erkenntniß in concreto zu allerlei beliebigen äußeren Zwecken, sondern
22 architektonisch um der Verwandtschaft willen und der Ableitung von
23 einem einigen obersten und inneren Zwecke, der das ganze allererst möglich
24 macht, kann dasjenige entspringen, was wir Wissenschaft nennen,
25 dessen Schema den Umriß ( monogramma ) und die Eintheilung des Ganzen [op 862]
26 in Glieder der Idee gemäß, d. i. a priori, enthalten und dieses von
27 allen anderen sicher und nach Principien unterscheiden muß.
28 Niemand versucht es, eine Wissenschaft zu Stande zu bringen, ohne
29 daß ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein in der Ausarbeitung derselben
30 entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu Anfange
31 von seiner Wissenschaft giebt, sehr selten seiner Idee; denn diese
32 liegt wie ein Keim in der Vernunft, in welchem alle Theile noch sehr eingewickelt
33 und kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar verborgen
34 liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch alle aus dem
35 Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesse ausgedacht werden,
36 nicht nach der Beschreibung, die der Urheber derselben davon giebt, sondern
37 nach der Idee, welche man aus der natürlichen Einheit der Theile,
[seite 540]
07 Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach Anweisung
08 einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele dahin
09 sich beziehende Erkenntnisse als Bauzeug gesammlet, ja gar lange Zeiten [op 863]
10 hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, es uns dann allererst möglich
11 ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken und ein Ganzes nach den
12 Zwecken der Vernunft architektonisch zu entwerfen. Die Systeme scheinen
13 wie Gewürme durch eine generatio aequivoca aus dem bloßen Zusammenflu
14 von aufgesammleten Begriffen anfangs verstümmelt, mit der Zeit
15 vollständig gebildet worden zu sein, ob sie gleich alle insgesammt ihr
16 Schema als den ursprünglichen Keim in der sich bloß auswickelnden Vernunft
17 hatten und darum nicht allein ein jedes für sich nach einer Idee gegliedert,
18 sondern noch dazu alle unter einander in einem System menschlicher
19 Erkenntniß wiederum als Glieder eines Ganzen zweckmäßig vereinigt
20 sind und eine Architektonik alles menschlichen Wissens erlauben, die
21 jetziger Zeit, da schon so viel Stoff gesammlet ist, oder aus Ruinen eingefallener
22 alter Gebäude genommen werden kann, nicht allein möglich,
23 sondern nicht einmal so gar schwer sein würde. Wir begnügen uns hier
24 mit der Vollendung unseres Geschäftes, nämlich lediglich die Architektonik
25 aller Erkenntniß aus reiner Vernunft zu entwerfen, und fangen
26 nur von dem Punkte an, wo sich die allgemeine Wurzel unserer Erkenntnißkraft
27 theilt und zwei Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich
28 verstehe hier aber unter Vernunft das ganze obere Erkenntnißvermögen
29 und setze also das Rationale dem Empirischen entgegen.
30 Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntniß, objectiv betrachtet abstrahire, [op 864]
31 so ist alles Erkenntniß subjectiv entweder historisch oder rational.
32 Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis , die rationale aber cognitio
33 ex principiis . Eine Erkenntniß mag ursprünglich gegeben sein, woher sie
34 wolle, so ist sie doch bei dem, der sie besitzt, historisch, wenn er nur in dem
35 Grade und so viel erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden; es mag
36 dieses ihm nur durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder auch
37 Belehrung (allgemeiner Erkenntnisse) gegeben sein. Daher hat der, welcher
[seite 541]
18 Alle Vernunfterkenntniß ist nun entweder die aus Begriffen, oder
19 aus der Construction der Begriffe; die erstere heißt philosophisch, die
20 zweite mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich schon
21 im ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkenntniß demnach kann objectiv
22 philosophisch sein und ist doch subjectiv historisch, wie bei den meisten
23 Lehrlingen und bei allen, die über die Schule niemals hinaussehen und
24 zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch sonderbar, daß das mathematische
25 Erkenntniß, so wie man es erlernt hat, doch auch subjectiv für
26 Vernunfterkenntniß gelten kann, und ein solcher Unterschied bei ihm nicht
27 so wie bei dem philosophischen stattfindet. Die Ursache ist, weil die Erkenntnißquellen,
28 aus denen der Lehrer allein schöpfen kann, nirgend anders
29 als in den wesentlichen und ächten Principien der Vernunft liegen
30 und mithin von dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa
31 gestritten werden können; und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der
32 Vernunft hier nur in concreto , obzwar dennoch a priori, nämlich an der
33 reinen und eben deswegen fehlerfreien Anschauung, geschieht und alle
34 Täuschung und Irrthum ausschließt. Man kann also unter allen Vernunftwissenschaften
35 (a priori) nur allein Mathematik, niemals aber Philosophie
[seite 542]
03 Das System aller philosophischen Erkenntniß ist nur Philosophie.
04 Man muß sie objectiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurtheilung
05 aller Versuche zu philosophiren versteht, welche jede subjective
06 Philosophie zu beurtheilen dienen soll, deren Gebäude oft so mannigfaltig
07 und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie eine bloße Idee
08 von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in concreto gegeben ist,
09 welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu nähern sucht, so lange bis
10 der einzige, sehr durch Sinnlichkeit verwachsene Fußsteig entdeckt wird,
11 und das bisher verfehlte Nachbild, so weit als es Menschen vergönnt ist,
12 dem Urbilde gleich zu machen gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie
13 lernen; denn wo ist sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie
14 sich erkennen? Man kann nur philosophiren lernen, d. i. das Talent der
15 Vernunft in der Befolgung ihrer allgemeinen Principien an gewissen vorhandenen
16 Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft,
17 jene selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder
18 zu verwerfen.
19 Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff,
20 nämlich von einem System der Erkenntniß, die nur als Wissenschaft
21 gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses
22 Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntniß zum Zwecke
23 zu haben. Es giebt aber noch einen Weltbegriff ( conceptus cosmicus ),
24 der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich wenn [op 867]
25 man ihn gleichsam personificirte und in dem Ideal des Philosophen sich
26 als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist Philosophie die Wissenschaft
27 von der Beziehung aller Erkenntniß auf die wesentlichen Zwecke der
28 menschlichen Vernunft ( teleologia rationis humanae ), und der Philosoph
29 ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen
30 Vernunft. In solcher Bedeutung wäre es sehr ruhmredig, sich selbst einen
31 Philosophen zu nennen und sich anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der
32 Idee liegt, gleichgekommen zu sein.
33 Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortrefflich
34 die ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse, die zweiten besonders
35 im philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen, doch nur
36 Vernunftkünstler. Es giebt noch einen Lehrer im Ideal, der alle diese ansetzt,
37 sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke der menschlichen
[seite 543]
07 Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bei
08 vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger sein
09 kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne Zwecke, die
10 zu jenem als Mittel nothwendig gehören. Der erstere ist kein anderer,
11 als die ganze Bestimmung des Menschen, und die Philosophie über dieselbe
12 heißt Moral. Um dieses Vorzugs willen, den die Moralphilosophie
13 vor aller anderen Vernunftbewerbung hat, verstand man auch bei den Alten
14 unter dem Namen des Philosophen jederzeit zugleich und vorzüglich
15 den Moralisten; und selbst macht der äußere Schein der Selbstbeherrschung
16 durch Vernunft, daß man jemanden noch jetzt bei seinem eingeschränkten
17 Wissen nach einer gewissen Analogie Philosoph nennt.
18 Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun
19 zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz,
20 als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt
21 aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie der
22 Natur geht auf alles, was da ist, die der Sitten nur auf das, was da
23 sein soll.
24 Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntniß aus reiner Vernunft,
25 oder Vernunfterkenntniß aus empirischen Principien. Die erstere heißt
26 reine, die zweite empirische Philosophie.
27 Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik
28 (Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen
29 Erkenntniß a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das
30 System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl als
31 *) Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann nothwendig
32 interessirt; mithin bestimme ich die Absicht einer Wissenschaft nach Schulbegriffen,
33 wenn sie nur als eine von den Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen
34 Zwecken angesehen wird.
[seite 544]
09 Die Metaphysik theilt sich in die des speculativen und praktischen
10 Gebrauchs der reinen Vernunft und ist also entweder Metaphysik der
11 Natur, oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reine Vernunftprincipien
12 aus bloßen Begriffen (mithin mit Ausschließung der
13 Mathematik) von dem theoretischen Erkenntnisse aller Dinge; diese die
14 Principien, welche das thun und lassen a priori bestimmen und nothwendig
15 machen. Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der
16 Handlungen, die völlig a priori, aus Principien, abgeleitet werden kann.
17 Daher ist die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral, in welcher [op 870]
18 keine Anthropologie (keine empirische Bedingung) zum Grunde gelegt
19 wird. Die Metaphysik der speculativen Vernunft ist nun das, was man
20 im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; so fern aber reine
21 Sittenlehre doch gleichwohl zu dem besonderen Stamme menschlicher und
22 zwar philosophischer Erkenntniß aus reiner Vernunft gehört, so wollen
23 wir ihr jene Benennung erhalten, obgleich wir sie, als zu unserm Zwecke
24 jetzt nicht gehörig, hier bei Seite setzen.
25 Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer Gattung
26 und Ursprunge nach von andern unterschieden sind, zu isoliren und
27 sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit andern, mit welchen sie im Gebrauche
28 gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch zusammenfließen. Was
29 Chemiker beim Scheiden der Materien, was Mathematiker in ihrer reinen
30 Größenlehre thun, das liegt noch weit mehr den Philosophen ob, damit er
31 den Antheil, den eine besondere Art der Erkenntniß am herumschweifenden
32 Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen Werth und Einfluß sicher bestimmen
33 könne. Daher hat die menschliche Vernunft seitdem, daß sie gedacht,
34 oder vielmehr nachgedacht hat, niemals einer Metaphysik entbehren,
35 aber gleichwohl sie nicht genugsam geläutert von allem Fremdartigen darstellen
36 können. Die Idee einer solchen Wissenschaft ist eben so alt, als
37 speculative Menschenvernunft; und welche Vernunft speculirt nicht, es mag
[seite 545]
[seite 546]
08 Alles reine Erkenntniß a priori macht also Vermöge des besonderen
09 Erkenntnißvermögens, darin es allein seinen Sitz haben kann, eine besondere
10 Einheit aus, und Metaphysik ist diejenige Philosophie, welche jene
11 Erkenntniß in dieser systematischen Einheit darstellen soll. Der speculative
12 Theil derselben, der sich diesen Namen vorzüglich zugeeignet hat, nämlich
13 die, welche wir Metaphysik der Natur nennen, und alles, so fern es
14 ist (nicht das, was sein soll), aus Begriffen a priori erwägt, wird nun
15 auf folgende Art eingetheilt.
16 Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der
17 Transscendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft.
18 Die erstere betrachtet nur den Verstand und Vernunft selbst in
19 einem System aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände
20 überhaupt beziehen, ohne Objecte anzunehmen, die gegeben wären
21 ( Ontologia ); die zweite betrachtet Natur, d. i. den Inbegriff gegebener
22 Gegenstände (sie mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer andern
23 Art von Anschauung gegeben sein), und ist also Physiologie (obgleich
24 nur rationalis ). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft in dieser
25 rationalen Naturbetrachtung entweder physisch oder hyperphysisch, oder
26 besser, entweder immanent oder transscendent. Der erstere geht auf
27 die Natur, so weit als ihre Erkenntniß in der Erfahrung ( in concreto )
28 kann angewandt werden, der zweite auf diejenige Verknüpfung der Gegenstände [op 874]
29 der Erfahrung, welche alle Erfahrung übersteigt. Diese transscendente
30 Physiologie hat daher entweder eine innere Verknüpfung
31 oder äußere, die aber beide über mögliche Erfahrung hinausgehen, zu
32 ihrem Gegenstande; jene ist die Physiologie der gesammten Natur, d. i.
33 die transscendentale Welterkenntniß, diese des Zusammenhanges
34 der gesammten Natur mit einem Wesen über der Natur, d. i. die transscendentale
35 Gotteserkenntniß.
36 Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff
37 aller Gegenstände der Sinne, mithin so wie sie uns gegeben ist, aber
[seite 547]
11 Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Haupttheilen:
12 1. Der Ontologie. 2. Der rationalen Physiologie. 3. Der
13 rationalen Kosmologie. 4. Der rationalen Theologie. Der
14 zweite Theil, nämlich die Naturlehre der reinen Vernunft, enthält zwei [op 875]
15 Abtheilungen, die physica rationalis *) und psychologia rationalis .
16 Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt
17 diese Abtheilung selbst vor; sie ist also architektonisch, ihren wesentlichen
18 Zwecken gemäß, und nicht bloß technisch, nach zufällig wahrgenommenen
19 Verwandtschaften und gleichsam auf gut Glück angestellt, eben
20 darum aber auch unwandelbar und legislatorisch. Es finden sich aber hiebei
21 einige Punkte, die Bedenklichkeit erregen und die Überzeugung von
22 der Gesetzmäßigkeit derselben schwächen könnten.
23 Zuerst, wie kann ich eine Erkenntniß a priori, mithin Metaphysik
24 von Gegenständen erwarten, so fern sie unseren Sinnen, mithin a posteriori
25 gegeben sind? und wie ist es möglich, nach Principien a priori die [op 876]
26 Natur der Dinge zu erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu
27 gelangen? Die Antwort ist: wir nehmen aus der Erfahrung nichts weiter,
28 *) Man denke ja nicht, daß ich hierunter dasjenige verstehe, was man gemeiniglich
29 physica generalis nennt und mehr Mathematik, als Philosophie der Natur
30 ist. Denn die Metaphysik der Natur sondert sich gänzlich von der Mathematik ab,
31 hat auch bei weitem nicht so viel erweiternde Einsichten anzubieten als diese, ist
32 aber doch sehr wichtig in Ansehung der Kritik des auf die Natur anzuwendenden
33 reinen Verstandeserkenntnisses überhaupt; in Ermangelung deren selbst Mathematiker,
34 indem sie gewissen gemeinen, in der That doch metaphysischen Begriffen anhängen,
35 die Naturlehre unvermerkt mit Hypothesen belästigt haben, welche bei einer
36 Kritik dieser Principien verschwinden, ohne dadurch doch dem Gebrauche der Mathematik
37 in diesem Felde (der ganz unentbehrlich ist) im mindesten Abbruch zu thun.
[seite 548]
09 Zweitens: wo bleibt denn die empirische Psychologie, welche von
10 jeher ihren Platz in der Metaphysik behauptet hat, und von welcher man
11 in unseren Zeiten so große Dinge zu Aufklärung derselben erwartet
12 hat, nachdem man die Hoffnung aufgab, etwas Taugliches a priori auszurichten?
13 Ich antworte: sie kommt dahin, wo die eigentliche (empirische)
14 Naturlehre hingestellt werden muß, nämlich auf die Seite der angewandten
15 Philosophie, zu welcher die reine Philosophie die Principien
16 a priori enthält, die also mit jener zwar verbunden, aber nicht vermischt
17 werden muß. Also muß empirische Psychologie aus der Metaphysik gänzlich
18 verbannt sein, und ist schon durch die Idee derselben davon gänzlich
19 ausgeschlossen. Gleichwohl wird man ihr nach dem Schulgebrauch doch [op 877]
20 noch immer (obzwar nur als Episode) ein Plätzchen darin verstatten
21 müssen und zwar aus ökonomischen Bewegursachen, weil sie noch nicht so
22 reich ist, daß sie allein ein Studium ausmachen, und doch zu wichtig, als
23 daß man sie ganz ausstoßen, oder anderwärts anheften sollte, wo sie
24 noch weniger Verwandtschaft, als in der Metaphysik antreffen dürfte. Es
25 ist also bloß ein so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige
26 Zeit einen Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie
27 (dem Pendant zu der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung
28 wird beziehen können.
29 Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, welche, da man ihr
30 anfänglich mehr zumuthete, als billigerweise verlangt werden kann, und
31 sich eine zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte, zuletzt in allgemeine
32 Verachtung gefallen ist, da man sich in seiner Hoffnung betrogen
33 fand. Aus dem ganzen Verlauf unserer Kritik wird man sich hinlänglich
34 überzeugt haben: daß, wenn gleich Metaphysik nicht die Grundfeste der
35 Religion sein kann, so müsse sie doch jederzeit als die Schutzwehr derselben
[seite 549]
13 Metaphysik also sowohl der Natur, als der Sitten, vornehmlich die
14 Kritik der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend
15 (propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus, was
16 wir im ächten Verstande Philosophie nennen können. Diese bezieht alles
17 auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen, der,
18 wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwächst und keine Verirrungen
19 verstattet. Mathematik, Naturwissenschaft, selbst die empirische Kenntni
20 des Menschen haben einen hohen Werth als Mittel größtentheils zu zufälligen,
21 am Ende aber doch zu nothwendigen und wesentlichen Zwecken
22 der Menschheit, aber alsdann nur durch Vermittelung einer Vernunfterkenntni
23 aus bloßen Begriffen, die, man mag sie benennen, wie man
24 will, eigentlich nichts als Metaphysik ist.
25 Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Cultur der [op 879]
26 menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren Einflu
27 als Wissenschaft auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite setzt. Denn
28 sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und obersten Maximen,
29 die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften und dem Gebrauche
30 aller zum Grunde liegen müssen. Daß sie als bloße Speculation mehr
31 dazu dient, Irrthümer abzuhalten, als Erkenntniß zu erweitern, thut
32 ihrem Werthe keinen Abbruch, sondern giebt ihr vielmehr Würde und
33 Ansehen durch das Censoramt, welches die allgemeine Ordnung und Eintracht,
34 ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens sichert
35 und dessen muthige und fruchtbare Bearbeitungen abhält, sich nicht von
36 dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu entfernen.
[seite 550]
04 Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im
05 System übrig bleibt und künftig ausgefüllt werden muß. Ich begnüge
06 mich, aus einem bloß transscendentalen Gesichtspunkte, nämlich der Natur
07 der reinen Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der bisherigen
08 Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem Auge
09 zwar Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt.
10 Es ist merkwürdig genug, ob es gleich natürlicherweise nicht anders
11 zugehen konnte, daß die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon
12 anfingen, wo wir jetzt lieber endigen möchten, nämlich zuerst die Erkenntni
13 Gottes und die Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit einer andern
14 Welt zu studiren. Was auch die alten Gebräuche, die noch von dem
15 rohen Zustande der Völker übrig waren, für grobe Religionsbegriffe eingeführt
16 haben mochten, so hinderte dieses doch nicht den aufgeklärtern
17 Theil, sich freien Nachforschungen über diesen Gegenstand zu widmen, und
18 man sah leicht ein, daß es keine gründliche und zuverlässigere Art geben
19 könne, der unsichtbaren Macht, die die Welt regiert, zu gefallen, um wenigstens [op 881]
20 in einer andern Welt glücklich zu sein, als den guten Lebenswandel.
21 Daher waren Theologie und Moral die zwei Triebfedern, oder besser Beziehungspunkte
22 zu allen abgezogenen Vernunftforschungen, denen man
23 sich nachher jederzeit gewidmet hat. Die erstere war indessen eigentlich das,
24 was die bloß speculative Vernunft nach und nach in das Geschäfte zog,
25 welches in der Folge unter dem Namen der Metaphysik so berühmt geworden.
27 Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden, auf welche diese oder jene
28 Veränderung der Metaphysik traf, sondern nur die Verschiedenheit der
29 Idee, welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlaßte, in einem
30 flüchtigen Abrisse darstellen. Und da finde ich eine dreifache Absicht, in
31 welcher die namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne des Streits gestiftet
32 worden.
33 1. In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse
34 waren einige bloß Sensual=, andere bloß Intellectualphilosophen.
[seite 551]
15 2. In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse, ob
16 sie aus der Erfahrung abgeleitet, oder unabhängig von ihr in der Vernunft
17 ihre Quelle haben. AristotelesPI kann als das Haupt der Empiristen,
18 PlatoPI aber der Noologisten angesehen werden. LockePI, der in neueren
19 Zeiten dem ersteren, und LeibnizPI, der dem letzteren (obzwar in einer genugsamen
20 Entfernung von dessen mystischem Systeme) folgte, haben es
21 gleichwohl in diesem Streite noch zu keiner Entscheidung bringen können.
22 Wenigstens verfuhr EpikurPI seinerseits viel consequenter nach seinem Sensualsystem
23 (denn er ging mit seinen Schlüssen niemals über die Grenze
24 der Erfahrung hinaus), als AristotelesPI und LockePI (vornehmlich aber der
25 letztere), der, nachdem er alle Begriffe und Grundsätze von der Erfahrung
26 abgeleitet hatte, so weit im Gebrauch derselben geht, daß er behauptet,
27 man könne das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele (obzwar [op 883]
28 beide Gegenstände ganz außer den Grenzen möglicher Erfahrung liegen)
29 eben so evident beweisen, als irgend einen mathematischen Lehrsatz.
30 3. In Ansehung der Methode. Wenn man etwas Methode
31 nennen soll, so muß es ein Verfahren nach Grundsätzen sein. Nun kann
32 man die jetzt in diesem Fache der Nachforschung herrschende Methode in
33 die naturalistische und scientifische eintheilen. Der Naturalist der
34 reinen Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze: daß durch gemeine Vernunft
35 ohne Wissenschaft (welche er die gesunde Vernunft nennt) sich in
36 Ansehung der erhabensten Fragen, die die Aufgabe der Metaphysik ausmachen,
37 mehr ausrichten lasse, als durch Speculation. Er behauptet also,
[seite 552]
14 Was nun die Beobachter einer scientifischen Methode betrifft, so
15 haben sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder sceptisch, in allen
16 Fällen aber doch die Verbindlichkeit, systematisch zu verfahren. Wenn
17 ich hier in Ansehung der ersteren den berühmten Wolff, bei der zweiten
18 David HumePI nenne, so kann ich die übrigen meiner jetzigen Absicht nach
19 ungenannt lassen. Der kritische Weg ist allein noch offen. Wenn der
20 Leser diesen in meiner Gesellschaft durchzuwandern Gefälligkeit und Geduld
21 gehabt hat, so mag er jetzt urtheilen, ob nicht, wenn es ihm beliebt,
22 das Seinige dazu beizutragen, um diesen Fußsteig zur Heeresstraße zu
23 machen, dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht leisten konnten, noch vor
24 Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden möge: nämlich die menschliche
25 Vernunft in dem, was ihre Wißbegierde jederzeit, bisher aber vergeblich
26 beschäftigt hat, zur völligen Befriedigung zu bringen.