Kant: Briefwechsel, Brief 754, Von Iacob Sigismund Beck.

     
           
 

 

 

 

 

 
  Von Iacob Sigismund Beck.      
           
  Halle den 20ten Iuny 1797      
           
  Hochachtungswürdiger Mann,      
           
  Ich kann es mir wohl denken, wie ein Mann, der, indessen er      
  dem Ziel sich nähert, zu seinen Vätern zu gehen, sich bewußt ist, ein      
  großes Gut der Nachwelt zu hinterlassen, wornach alle Vorwelt, als      
  nach der interessantesten Angelegenheit, so lange und doch so vergeblich      
  gerungen hat, bey der Nachricht daß diese Wohlthat in Gefahr      
  gesetzt worden, unmöglich gleichgültig seyn könne. So wie ich Sie,      
  Herrlicher, Weiser Mann kenne, so bin ich versichert, daß Sie Ihres      
  innern großen Werths sich bewußt, über die Nachricht, daß einFremder      
  Ihre Arbeiten und wichtige Entdeckungen sich zugeeignet habe, sich wohl      
  wegsetzen würden; aber daß ein böser Feind Unkraut unter Ihrem      
  Weizen gesäet habe, daß das Gut selbst, das Sie gegründet haben,      
  verdorben, und, wie Herr Hofprediger Schultz sich ausdruckt in der      
  Wurzel angegriffen worden, das kann der tugendhafte Mann unmöglich      
  mit gleichgültigen Augen ansehen. Ich eile Ihnen diese Besorgni      
  zu benehmen, indessen ich mich herzlich freue, diesmahl von der      
  mir interessantesten Sache, unmittelbar und ohne Beystand eines Referenten,      
  mit meinem grossen Lehrer mich unterhalten zu können, wenn      
  es gleich mir allerdings wehe thut, jene unangenehme Empfindungen      
  bey Ihnen veranlast zu haben.      
           
  Sie wissen es wohl aus eigener Erfahrung, daß in den sehr      
  schweren transcendentalphilosophischen Untersuchungen, man nur durch      
  vielfach widerholtes und scharfes Nachdenken endlich dahin kommt, sich      
           
  selbst vollkommen verständlich zu seyn, und daß, bevor man diesen      
  Zustand erreicht hat, es auch nicht gut thunlich ist, andern verständlich      
  zu werden. Wenn nun Herr Hofprediger Schultz in meinen      
  unter dem Titel, die critische Philosophie erläuternden, ihren wahren      
  Standpunct darstellenden Schriften, so viel gerade auf den Umsturz      
  derselben gerichtete Momente erblickt, daß ich gar fast glaube, der      
  würdige, gute, mir sonst sehr liebe Mann möchte mich vieleicht für      
  den tückischen Feind derselben halten, der unter der Maske der Anhänglichkeit      
  auf ihren Ruin ausgeht, wie ich geneigt bin zu glauben,      
  daß er manchen vorgeblichen Freund der christlichen Religion für den      
  boshaftesten Widersacher derselben hält, so dürfte dieses wenigstens      
  wohl ein Beweis a posteriori seyn, daß ich in meinen Schriften, ob      
  ich gleich darin den Boden aller Verständlichkeit ebenen und bearbeiten      
  wollte, ich mich doch selbst noch nicht recht wohl darin verstanden habe.      
  Mit menschlichen Arbeiten geht es aber nun einmahl nicht anders,      
  als daß sie unvollkommen ausfallen und ein Transcendentalphilosoph      
  kommt nur nach und nach dahin, die Principien zu allen objectiv gültigen      
  Begriffen selbst auf Begriffe zu bringen und sie dann, weil er      
  sich dann selbst nicht mehr mißversteht, auch andern so mitzutheilen,      
  daß sie ihn verstehen können. Ich glaube daher gar nicht mich schämen      
  zu dürfen, wenn ich frey bekenne, daß seit den anderthalb Iahren, da      
  ich mit meinem Grundriß fertig wurde, seit welcher Zeit ich jede Gelegenheit      
  ergrif, die meine wissenschaftliche Arbeiten mir anboten, um      
  mein Auge auf das Object der Transcendentalphilosophie fallen und      
  darauf ruhen zu lassen, daß seit dieser Zeit, ich in vielen Stellen die      
  Sache besser als vorhin getroffen habe, und daß noch ehe ich Ihren      
  Brief erhielt, ich mir schon vorgenommen hatte, Retractationen meiner      
  Arbeit abzufassen. Allein ich glaubte dieses Geschäft für eine künftige      
  Ausgabe meines Grundrisses aufbewahren zu können. Ich bemerke      
  aber, daß ich darunter auch nur solche Retractationen meyne, wie ich      
  glaube daß der heil. Augustin meynte. Ich glaube nämlich nicht eben      
  Falschheiten in meinen Büchern gesagt zu haben, als vielmehr Unbestimtheiten,      
  weil ich selbst noch nicht bestimmt genug gegriffen hatte.      
  Denn vortreflicher Mann, ich glaube in ein Paar Worten, den Satz      
  der die Seele der critischen Philosophie ist, Ihnen wenigstens so auseinanderlegen      
  zu können, daß Sie gewiß sagen sollen: "Du hast      
  eigentlich nichts Neues in deinen Schriften gelehrt; aber verstanden      
           
  hast du mich vollkommen." und ich muß mich erinnern, daß ich an      
  Sie schreibe um nicht warm zu werden, daß der gute würdige Schultz      
  ganz unnützerweise Feuer! rufen will. Sie müssen mich selbst vernehmen.      
       
           
  Ich bemerke nämlich an den Categorien erstens, daß in dem      
  Gebrauch derselben als Prädicate der Objecte, der logische Verstandesgebrauch      
  besteht. Hiernach heist es dann ein Ding hat Grösse, hat      
  Sachheit, ihm komt zu Substantialität, Causalität, u.s.w. Diesen      
  logischen Verstandesgebrauch sage ich auch in den synthetischen Urtheilen      
  a priori aus, z. B. Bey allem Wechsel der Erscheinung beharret die      
  Substanz; Was geschieht hat eine Ursache u.s.w. Wie fällt nun die      
  Auflösung dieser Synthesis von Begriffen aus? Ich bemerke das      
  ursprüngliche Verstandesverfahren in der Categorie, wodurch gerade      
  die synthetisch objective Einheit, die das ausmacht, was Sinn und      
  Bedeutung meines Begriffs heißt, erzeugt wird. Was ist es, frage      
  ich, was den Chemiker nöthigt bey seinem Prozeß des Verbrennens      
  des Phosphors in atmosphärischer Luft, zu sagen daß dasjenige, um      
  was die Phosphorblumen schwerer geworden sind, eben das ist, um      
  was die Luft leichter geworden? Ich antworte: sein eigener Verstand,      
  das Erfahrende in ihm, welches ursprüngliche Verstandes=Verfahren      
  ich einem bemerkbar mache, wenn ich ihn bitte, alle Objecte im Raum      
  aufzuheben und nach Ablauf von 50 Iahren eine Welt wieder zu      
  setzen. Er wird gestehen daß beyde Welten zusammenfallen und keine      
  leere Zeit abgelaufen ist, das ist, daß nur am Beharrlichen er sich die      
  Zeit selbst vorstellen könne. Hierher muß der Blick gerichtet seyn, um      
  das Phantom des Berkleyischen Idealisms zu widerlegen. Ebenso      
  wenn ich auf das Erfahrende in mir achte, wodurch ich zu der      
  Aussage, daß etwas geschehen ist, gelange, so bemerke ich, daß das      
  Verursachen, das ich damit verbinde, nichts anders als das Festmachen      
  der Synthesis von Wahrnehmungen als eine successive ist (das ursprüngliche      
  Setzen eines Etwas, wonach, als nach einer Regel die      
  Begebenheit folgt) dadurch also Erfahrung einer Begebenheit erzeugt      
  wird. Überhaupt aller dieser synthetischen Urtheile a priori Auflösung      
  fällt dahin aus, daß das Prädicat das ich in einem solchen Urtheil      
  mit dem Subject verbinde, das ursprüngliche Verstandesverfahren ist,      
  dadurch ich zu dem Begriff von dem Object gelange. Hiernach (in      
  dem Bewußtseyn dieser Principien) verstehe ich mich hoffentlich richtiger      
           
  in dem Urtheil: meine Vorstellung von dem Tisch der vor mir steht,      
  richtet sich nach dem Tisch, und dieses Object afficirt mich, es bringt      
  Empfindung in mir hervor, als jeder andere der dieses ursprünglichen      
  Verstandesverfahrens nur in der Anwendung, aber nicht abgezogen      
  sich bewußt ist, und da bin ich freylich überzeugt, daß die Abtheilung      
  des Erkenntnisvermögens, in Sinnlichkeit, als das Vermögen des      
  Subjectiven (das Vermögen von Gegenständen afficirt zu werden) und      
  in Verstand, das Vermögen Gegenstände zu denken (dieses Subjective      
  auf ein Object zu beziehen) mit erforderlicher Deutlichkeit allererst      
  nach richtiger Ansicht der Categorie als eines ursprünglichen Verstandesverfahrens      
  ausgeht.      
           
  Der Düsseldorfer Iacobi sagt in seinem David Hume betitelten      
  Gespräch: "Ich muß gestehen, daß dieser Umstand (daß nämlich die      
  Gegenstände Eindrücke auf die Sinne machen) mich bey dem Studio      
  der Kantischen Philosophie nicht wenig aufgehalten hat, so daß ich      
  verschiedene Iahre hinter einander, die Critik der reinen Vernunft      
  immer wieder von vorne anfangen mußte, weil ich unaufhörlich darüber      
  irre wurde, daß ich ohne jene Voraussetzung in das System nicht      
  hineinkommen, und mit jener Voraussetzung darin nicht bleiben      
  konnte." Wenn ich nun über diese Bedenklichkeit, welche gewiß sehr      
  vielen wichtig ist, mein Urtheil sagen und auch bestimmen soll, was      
  Ihre Critik eigentlich meyne, wenn sie auf der ersten Seite der Einleitung      
  von Gegenständen spricht, welche die Sinne rühren, ob sie      
  darunter Dinge an sich oder Erscheinungen meyne? so werde ich antworten,      
  daß da Erscheinung das Object meiner Vorstellung ist, in      
  welcher Bestimmungen desselben gedacht werden, die ich durch das ursprüngliche      
  Verstandesverfahren (z. B. durch das ursprüngliche Fixiren      
  meiner Synthesis von Wahrnehmungen, als eine successive, dadurch      
  Erfahrung einer Begebenheit möglich wird) erhalte, so ist der Gegenstand      
  der mich afficirt, eben daher Erscheinung und nicht Ding an      
  sich. Meynt aber jemand von den Categorien einen absoluten Gebrauch      
  machen zu können, sie als Prädicate der Dinge schlechthin ansehen      
  zu können, ohne Hinsicht des ursprünglichen Verstandesverfahrens      
  das in ihnen liegt (nach Ihrem Ausdruck: eine Anwendung von ihnen      
  auf Objecte ohne Bedingung der Anschauung machen zu können) der      
  ist in der Meynung die Dinge an sich zu erkennen und, wenn ich ein      
  klein wenig auf Herrn Schultz böse seyn wollte, so würde ich gewiß      
           
  mit mehrerm Fug ihm den Vorwurf machen, daß er im Besitz einer      
  Verstandesanschauung zu seyn sich dünke, als er Recht hat, ihn mir      
  zu machen. Das einzige was meiner Meynung nach dem Menschen      
  vergönnt ist, ist die Beziehung der Natur überhaupt auf ein Substrat      
  derselben, eine Beziehung, der er sich in seiner Anlage für Moralität,      
  in dem Bewußtseyn der Bestimmbarkeit des Begehrens durch die      
  blosse Vorstellung der Gesetzmässigkeit der Handlungen bewußt ist.      
  Denn in diesem Bewußtseyn, (aus welchem gerade so die synthetischpractischen      
  Grundsätze hervorgehen, wie jene synthetische theoretische      
  Urtheile a priori aus dem ursprünglichen Verstandesverfahren) erhebt      
  er sich über die Natur und setzt sich ausser ihrem Mechanismus, ob er      
  gleich als Mensch doch wieder Naturgegenstand ist, und sonach seine      
  Moralität selbst etwas Angefangenes ist und Naturursachen voraussetzt.      
  Der einer Zweckeinheit entsprechende fortgehende Naturmechanism      
  stimmt ihn zu dieser Beziehung noch mehr und erhebt und stärkt die      
  Seele des sittlich guten Menschen, ob er gleich doch nur immer auf      
  symbolische Weise sich dieses Substrat vorzustellen weiß. Selbst der      
  Lauf menschlicher Begebenheiten, Naturbegebenheiten, wie z. B. die      
  Erscheinung der christlichen Religion, von der als einem Kirchenglauben      
  man sagen kann, daß sie das Princip zu ihrer eigenen Auflösung in      
  sich selbst trägt, Naturbegebenheiten die sichtbarlich hinzielen, den rein      
  moralischen Glauben in unserm Geschlecht hervorzubringen - Alles      
  dieses leitet den Verstand zu einer solchen Beziehung.      
           
  Aber ich schreibe als wollte ich Ihnen etwas Neues lehren! Verehrungswürdiger,      
  grosser Mann, ich kann nicht ohne Entzücken diese      
  Angelegenheiten des Menschen überdenken, und Ihnen verdanke ich es,      
  Sie haben mich darauf geführt Ich befinde mich in meinen besten      
  Iahren, und was meine Seele täglich erheitert, ist, der auf meine      
  jetzige Einsichten in die Principien der critischen Philosophie gegründete      
  Gedanke, einst auch nach dem Abgange des grossen Stifters derselben,      
  diese dem Menschengeschlecht wichtige Angelegenheit kräftiglich besorgen      
  zu können. Ihre metaphysische Principien der Rechtslehre, haben      
  mich seit ihrer Erscheinung beschäftigt, und die Aufklärungen die ich      
  durch diese kleine Schrift erhalten, sind sehr groß. Um so mehr thut      
  es mir wehe, daß der gute Hofpr. Schultz meine Bemühungen in      
  einem so gehässigen Licht hat stellen wollen. Mir war bey meinem      
  Standpunct alles darum zu thun, die wahre Ansicht der Categorien      
           
  als des ursprünglichen Verstandesverfahrens zu eröfnen und den nur      
  unter dieser Bedingung gültigen empirischen Gebrauch meinem Leser      
  unter die Augen zu stellen, und ihm die Nichtigkeit des transcendentalen      
  Gebrauchs derselben zu zeigen. In dieser Hinsicht, da ich sonach      
  Ihre Methode umkehrte und von den Categorien sofort anfing, nannte      
  ich meine Arbeit Transcendentalphilosophie und theilte sie nicht ein      
  in trans. Ästhetik und Logik. In dem ersten Abschnitt meiner Schrift      
  handele ich von den Schwierigkeiten in den Geist der Critik zu dringen      
  und mache darin den Sceptiker; bloß um sehr viele critische Philosophen,      
  die wirklich den dogmatischen Schlaf schlafen, zu wecken, und      
  um Herrn Reinhold und andern sich nennenden Elementarphilosophen      
  zu Gemüth zu führen, daß, indem sie Ihre Critik meistern, weil sie      
  einen Satz aus dem alle Philosophie quellen soll, ihrer Meynung nach      
  anzugeben unterlassen habe, und von denen der eine diesen, ein anderer      
  einen andern Satz als Thatsache des Bewußtseyns aufführt, um diesen      
  Männern zuzurufen, daß sie nicht bemerken, daß dasjenige worauf      
  jeder mögliche Satz, wenn er Sinn haben soll beruht, gerade von      
  Ihnen in dem ursprünglichen Verstandesverfahren der Categorien angegeben      
  worden. Ich zeigte den Nachsprechern Ihrer Critik, die mit      
  Ihren Worten groß thaten, daß in ihrem Munde es mir ganz sinnlos      
  vorkomme, wenn sie von Begriffen a priori reden, die sie doch nicht      
  mit Leibnitz angebohren heissen wollten, lediglich um nachher den      
  grossen Unterschied, der zwischen Ihrer Behauptung, daß die Categorien      
  Begriffe a priori sind und jener von angebohrnen auffallend zu machen      
  und um zu zeigen, daß diese Categorien durchweg eigentlich das Verstandesverfahren      
  sind, wodurch ich zu dem Begriff von einem Object      
  gelange, dazu gelange, daß ich überhaupt sage: hier ist ein von mir      
  verschiedener Gegenstand. Niemand kann von der Richtigkeit seiner      
  Einsichten heller überzeugt seyn, als ich in diesem Augenblick bin.      
  Was mir Herr Schultz Schuld giebt, davon ist mir auch niemals der      
  Gedanke eingefallen. Nicht eingefallen ist es mir, die Sinnlichkeit      
  weg zu exegesiren. Wie gesagt, ich konnte mein Auge nicht dem Lichte      
  verschliessen, das ich erblickte, als ich auf den Einfall kam, von dem      
  Standpuncte der Categorien auszugehen, und das was Sie in Ihrer      
  transc. Aesthetik besonders abhandeln (Raum und Zeit) mit den Categorien      
  zu verbinden. Herr Reinhold hatte Sie corrigirt, wenn Sie      
  sagen: der Raum ist eine Anschauung a priori und dahin gemeistert,      
           
  daß es nach ihm heissen soll, die Vorstellung vom Raum ist Anschauung.      
  Ich zeige ihm, daß der Raum selbst eine reine Anschauung      
  ist, das heißt, die ursprüngliche Verstandessynthesis worauf die objective      
  Verbindung (ein Object hat diese oder jene Grösse) beruht. Nie in      
  den Sinn ist es mir gekommen, zu sagen, daß der Verstand das Ding      
  macht; ein baarer Unsinn! Wie kann Herr Schultz so unfreundlich      
  seyn mir dieses zu Schulden kommen zu lassen. Wie gesagt, ich wollte      
  nicht, im geringsten mehr, als die Leute darauf führen, daß wir nichts      
  objectiv verknüpfen können (urtheilen mit einem Wort, sagen: ein      
  Ding hat diese oder jene Grösse, diese oder jene Realität, Substantialität      
  u.s.w.) was der Verstand nicht vorher selbst verbunden      
  hat und daß hierin die objective Beziehung liegt. Hierauf will ich      
  jeden, wie mit der Nase darauf führen und wie sollte einer bey diesem      
  Licht nicht sehen können! Da heißt nun dieser auf mich wirkende, die      
  Sinne rührende Gegenstand, Erscheinung und nicht Ding an sich,      
  wovon ich lediglich den negativen Begriff aufstellen kann, als von      
  einem Dinge dem Prädicate schlechthin (ganz abgesehen von diesem      
  ursprünglichen Verstandesverfahren) zukommen, - eine Idee und so      
  auch die von einem urbildlichen Verstande, die natürlich durch Entgegensetzung      
  aus jener Eigentheit unsers Verstandes entspringen.      
  Meine Absicht ging dahin, dem Begriff von Ding an sich den Zugang      
  in die theoretische Philosophie zu verschließen, auf dessen ganz eigene      
  Art von Realität ich lediglich in dem moralischen Bewußtseyn geleitet      
  werde. In jenem ersten Abschnitt meiner Schrift, spreche ich etwas      
  laut, nenne auch freylich die Anschauung sinnlos. Ich nenne alle      
  Resultate Ihrer Arbeit so, ich, der indem ich sie so nannte, der größte      
  Bewunderer derselben war und Herr Hofprediger S. sie gewiß nicht      
  mehr verehren konnte als ich. Auch ist er der einzige der mich so mißverstanden      
  hat. Fast kann ich mir dieses Mißverstehen nicht anders als      
  durch die Nachricht erklären, die mir Herr Motherbey, der so gut war,      
  mich zu besuchen, gegeben hat, daß der würdige Mann seine Frau vor      
  einiger Zeit verlohren hat, welches Ereigniß ihm vieleicht einige      
  Grämlichkeit zurückgelassen hat. Auch kann wohl immer etwas frommer,      
  von seiner theologischen Denkart übrig gebliebener Eifer im Hintergrunde      
  seyn, der gewiß wohl von wackerer Denkungsart einen Beweis      
  ablegt, aber andern ehrlichen Leuten doch immer etwas beschwerlich      
  fällt. Niemand hat der Sache nach, von allen Freunden der critischen      
           
  Philosophie auf die Unterscheidung der Sinnlichkeit vom Verstande      
  mehr als ich gedrungen. Ich thue es unter dem Ausdrucke: daß ein      
  Begriff nur sofern Sinn und Bedeutung habe, sofern das ursprüngliche      
  Verstandesverfahren in den Categorien ihm als Basis unterliegt,      
  welches der Sache nach einerley mit Ihrer Behauptung ist, daß die      
  Categorien lediglich auf Anschauungen Anwendung haben, welchen      
  Ausdruck ich aber meines Gesichtpuncts wegen wählte. Eigentlich      
  liegt aber der ganze Grund Ihres Briefes und was auf Sie Eindruck      
  gemacht hat, in der Nachricht die Ihnen Herr Schultz giebt, daß ich      
  auf den Titel meiner Schrift: auf Anrathen K- gesetzt habe und      
  er erregt die Besorgniß, daß das Publicum deswegen glauben werde,      
  daß Sie meine vermeyntlich falsche Vorstellungsart für gültig anerkennen      
  und so Ihre eigene Arbeit durch mich umwerfen lassen.      
  Wirklich deswegen habe ich Ursache gegen ihn unwillig zu seyn. Die      
  Sache verhält sich so. Da ich dem Buchhändler Hartknoch meinen      
  Standpunct antrug, so trug ich sie ihm als eine vor sich bestehende      
  Schrift an, die gar nichts mit dem Auszuge zu thun hatte. Er antwortete      
  mir von Riga aus und bat mich sie mit zwey Titeln (auf      
  der einen Seite: Standpunct etc und auf der andern: Auszug etc)      
  ausgehen zu lassen. Ich sahe nichts Unrechtes darin und that was      
  er wollte, wohl aber mit der Vorsicht, daß ich nicht auf dem Titelblatt      
  des Standpuncts auf Ihr Anrathen und nur auf dem andern      
  es setzte, weil ich dieses (was den Auszug überhaupt betraf) thun      
  konnte. Indessen wenn ich geirrt habe, so habe ich doch nichts verbrochen      
  und ich bin bereit die Sache bey der ersten Gelegenheit gut      
  zu machen, nähmlich zu erklären, daß der Standpunct nicht auf Ihr      
  Anrathen geschrieben worden sey, wiewohl ich auch nicht einsehen kann,      
  daß das Wort: Anrathen überhaupt etwas anderes sagen kann, als      
  daß Sie mich überhaupt für einen Mann halten der eine der Beachtung      
  des Publicums werthe Sache produciren könne. Die Sache kann      
  aber auf mehrere Art gut gemacht werden. Vor allen Dingen wünsche      
  ich es nicht auf eine, denjenigen Leuten, die die critische Philosophie      
  wie den Tod hassen, willkommene Weise zu thun, welches durch eine      
  in die Lit. Zeitung oder in Iakobs Annalen inserirte Nachricht geschehen      
  würde; denn bey aller Vorsicht im Ausdruck würden diese      
  Zänkerey und Uneinigkeit wittern, welches der guten Sache schaden      
  würde. Am beßten geschehe es in der Vorrede zu einer Schrift. Ich      
           
  gehe nämlich mit einer Arbeit um, die aber künftige Ostern erst      
  herauskommen kann. Oder, möchte sich nicht Herr Hofprediger Schultz      
  entschliessen, selbst einen Aufsatz, der bloß die Hauptmomente des critischen      
  Idealisms auseinandersetzte, zu verfertigen und Retractationen      
  meiner Arbeit, von mir, als einen zweyten Theil eben dieser Schrift      
  aufzunehmen (so wie Herr Hindenburg in der verlaufenen Michäelis      
  Messe die Schrift: Der polynomische Lehrsatz, das wichtigste Theorem      
  der ganzen Analysis, neu dargestellt von Klügel, Kramp, Pfaff, Tetens      
  und Hindenburg, herausgegeben hat)? Keiner dürfte die Arbeit des      
  andern vor dem Druck gesehen haben. Ich denke eine solche von zwey      
  Männern, mit Ernst und Wahrheitsliebe abgefaste Schrift, von denen      
  jeder die Sache auf die ihm eigene originale Art ansieht, müßte nützlich      
  werden. Ich will doch nicht hoffen, daß der gute Mann diesen      
  Vorschlag übel aufnehmen werde. Denn vor 10 Iahren war ich freylich      
  sein Schüler, bin aber jetzt selbst ein Mann, habe auch in dem      
  besondern wissenschaftlichen Gebiet, das er betreibt, nach vielen Richtungen      
  hin mich umgesehen und glaube der Achtung meiner Mitmenschen      
  nicht unwerth zu seyn. Wenn Sie in wenig Worten mir Ihre Meynung      
  mittheilen wollten, so würde mir das sehr angenehm seyn.      
           
  So wie ich Ihren Brief erhielt, theilte ich ihn meinem würdigen      
  Freunde dem Prof. Tieftrunk mit. Er hatte den Einfall daß es gut      
  wäre, wenn Sie auch die Art, wie ein Anderer meine Bemühung im      
  Standpunct aufnehme, sich sagen liessen und ich dankte ihm für sein      
  freundschaftliches Anerbieten, dieserwegen an Sie zu schreiben.      
           
  Und nun, mein ewig verehrungswürdiger Lehrer, mir müssen Sie      
  dieser Geschichte wegen, Ihr Wohlwollen nicht entziehen. Wahrlich      
  das würde mich kränken, der ich für die Sache der Philosophie zu      
  leben wünsche. Ich denke daß in diesen Angelegenheiten man ruhig      
  jeden, von dem man sieht, daß er es bieder meynt, seinen Weg gehen      
  lassen müsse. Mit der innigsten Hochachtung bin ich ganz      
           
  der Ihrige      
  Beck.      
           
  Von Herrn Schlettweins Existenz weiß ich gar nichts mehr, als      
  daß mir ahndet, daß ein Iournal unter seinem Namen da sey. Was      
  Sie in der Lit. Z. ihn betreffendes haben einsetzen lassen, habe ich      
  noch nicht gelesen. Daß dieser Rotomontadenmacher Sie veranlassen      
           
  könnte, etwas mich betreffendes, das mich in den Augen des Publicums      
  lädiren könnte, darin zu sagen, darf ich nicht einmahl vermuthen, ohne      
  Ihnen dadurch zu misfallen.      
           
  Ich kann mich nicht überreden daß Herr Prof. Pörschke, meine      
  Darstellung des Geistes der critischen Philosophie, ihrem wahren Geiste      
  so entgegen, wie Herr Hofpr. Schultz halten sollte. Wie wenn dieser      
  brave Mann sein Urtheil Ihnen darüber sagen möchte. Ich habe hier      
  auch meinem Freunde Rath Ihren Brief mitgetheilt. Dieser sehr einsehende      
  Mann, der, ob er gleich nichts geschrieben hat, doch viel Gutes      
  schreiben könnte und der mir immer seine Zufriedenheit mit meiner      
  Darstellung gestanden hat, erstaunte wie es möglich sey, so sonderbar      
  meine Behauptungen auszulegen, wie es Herr Hofprediger S. gethan      
  hat. Auf jeden Fall, Hochachtungswürdiger Mann, können Sie versichert      
  seyn, (auch auf den Fall daß Sie auf diesen Brief nicht antworten      
  sollten,) daß ich bey der ersten Gelegenheit, die ich haben werde      
  von critischer Philosophie zum Publicum zu sprechen, sagen werde,      
  daß Sie gar keinen Antheil weder an meinem Standpunct, noch am      
  Grundriß haben. Ich werde mich so erklären, daß Sie und jedermann      
  vollkommen mit mir zufrieden seyn sollen, und darauf haben Sie meine      
  Hand! Geständnisse aber eines Versehens in der Sache, die kann      
  ich nicht thun, weil niemand von seiner Einsicht überzeugter ist, als ich.      
           
           
           
     

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