Kant: AA VII, Anthropologie in pragmatischer ... , Seite 318

   
         
 

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  01 So lautet das Lob, welches selbst Engländer den Deutschen in N.=Amerika    
  02 geben.    
         
  03 Da Phlegma (im guten Sinn genommen) das Temperament der    
  04 kalten Überlegung und der Ausdaurung in Verfolgung seines Zwecks, imgleichen    
  05 des Aushaltens der damit verbundenen Beschwerlichkeiten ist: so    
  06 kann man von dem Talente seines richtigen Verstandes und seiner tief    
  07 nachdenkenden Vernunft so viel wie von jedem anderen der größten Cultur    
  08 fähigen Volk erwarten; das Fach des Witzes und des Künstlergeschmacks    
  09 ausgenommen, als worin er es vielleicht den Franzosen, Engländern    
  10 und Italiänern nicht gleich thun möchte. -- Das ist nun seine    
  11 gute Seite in dem, was durch anhaltenden Fleiß auszurichten ist, und    
  12 wozu eben nicht Genie*) erfordert wird; welches letztere auch bei weitem    
  13 nicht von der Nützlichkeit ist, als der mit gesundem Verstandestalent verbundene    
  14 Fleiß des Deutschen. - Dieses sein Charakter im Umgange ist    
  15 Bescheidenheit. Er lernt mehr als jedes andere Volk fremde Sprachen,    
  16 ist (wie Robertson sich ausdrückt) Großhändler in der Gelehrsamkeit    
  17 und kommt im Felde der Wissenschaften zuerst auf manche Spuren, die    
  18 nachher von anderen mit Geräusch benutzt werden; er hat keinen Nationalstolz,    
  19 hängt gleich als Kosmopolit auch nicht an seiner Heimath. In dieser    
  20 aber ist er gastfreier gegen Fremde, als irgend eine andere Nation    
  21 (wie Boswell gesteht); disciplinirt seine Kinder zur Sittsamkeit mit    
  22 Strenge, wie er dann auch seinem Hange zur Ordnung und Regel gemäß    
  23 sich eher despotisiren, als sich auf Neuerungen (zumal eigenmächtige Reformen    
  24 in der Regierung) einlassen wird. -- Das ist seine gute Seite.    
  25 Seine unvortheilhafte Seite ist sein Hang zum Nachahmen und die    
  26 geringe Meinung von sich, original sein zu können (was gerade das Gegentheil    
         
    *)Genie ist das Talent der Erfindung dessen, was nicht gelehrt oder gelernt werden kann. Man kann gar wohl von anderen gelehrt werden, wie man gute Verse, aber nicht wie man ein gutes Gedicht machen soll: denn das muß aus der Natur des Verfassers von selbst hervorgehen. Daher kann man es nicht auf Bestellung und für reichliche Bezahlung als Fabricat, sondern muß es gleich als Eingebung, von der der Dichter selbst nicht sagen kann, wie er dazu gekommen sei, d. i. einer gelegentlichen Disposition, deren Ursache ihm unbekannt ist, erwarten ( scit genius, natale comes qui temperat astrum ). - Das Genie glänzt daher als augenblickliche, mit Intervallen sich zeigende und wieder verschwindende Erscheinung nicht mit einem willkürlich angezündeten und eine beliebige Zeit fortbrennenden Licht, sondern wie sprühende Funken, welche eine glückliche Anwandelung des Geistes aus der productiven Einbildungskraft auslockt.    
         
     

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